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Full text of "Probleme und Charakterköpfe; Studien zur Litteratur unserer Zeit"

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f famtot tmil fnüftrm non ^rottiiiiss 

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Bitrtr pnfUtsf (9.— IB. liotfrnlt) 




j&tnttgflrt 1902 



Xtac^brucf t)ecbot«n. 'Sitd)i ber-Ke&erfe^ung ootbe^atten. 



1 

O 

I 









1^0ritr0rt 




8 ift ja flanj pbfdf) unb ömflfönt, fid^ mit bcn 
i&crrcn SoUcßcn Ü6cr 9laturöli8mu8, 3lcali8^ 
inu8, 3bcali8mu8, ©^niboIi8mu8, 25ri8mu8, unb toic 
bic anbcrcn 38mcn alle lauten, ju untcrl^altcn» 3cä^ 
finbe nur, e8 fommt toenig babct ]5erau8^ 3)ie Ferren 
Sollegen toiffcn c8 bod^ nun einmal alle beffer, unb 
ba8 Sßublifum lieft bie ©ad^en einfad^ nid^t* ^Sßubli* 
fum — pal^, Sunftpöbcl!" — 3d^ meine nun aber 
böd^, e8 ift l^eute ungleid^ toid^tiger, bie tocitcn ge- 
bilbeten ©d^id^ten ber Station für il^re SJid^ter unb 
3)enfer gu a*ti)ärmen, aI8 ftd^ mit biefen tl^eoretifd^ 
über bie SBered^tigunfl ober Slid^lbcred^tigung tl^rer 
fünftlerifd^en Jßrincipien unb ben „38mu8'', mit bem 
man fte tool^I am beften bejeid^nen fönnte, au8einanber« 
gufelen. 3)ie fritifdfje S3e]&anblung ber mobemen Sßro^ 
buftion in litterarifd^cn S^Wf^^ift^n, n)ie in Sudlern 
unb SBrofd^üren, fd^eint mir — n)enn ber SluSbrudf er» 
laubt ift — öiel ju fel^r ^^Sd^riftfteller^ßittera* 
tur"* 3)aran, bafe e8 ben SRidöt=©döriftfteirer Ieine8= 



— IV — 

tocgg interefPert oh biefcr ober jener Serfaffer blefen 
ober jenen neuen SSmuS erfunben unb angetoanbt 
l^at^ tDtrb l^äufig gar nid^t gebadet 2)a totrb j. 93« 
irgenb ein S3uci^ befprod^en, bag angeblid^ ber Slttera^ 
tur gang neue 3«Iwnft2perfpettit)en eröffnet. 3)cr- 
artiger balgnbred^enber ®enieS toerben \a aaiäl^rlid) 
mcl^rere im engeren greunbeSireife entbedtt 3n ber 
Siegel geid^net fid^ befagteS ®enie burd^ irgenbtoeld^e 
gefud^te^ abnorme @eltfamletten auS^ mit benen ber 
gefunbe 9)tenfd^ent)erftanb beS gebtibeten Saien abfolut 
nid^tS angufangen tüti^, unb bie i^m — o^ne bafe er 
eS angefid^tS ber finftcr gefalteten Sritiferftirn gu gc« 
ftel&en toagte — im ®runbe ungel^euer lod^erlid^ bor^' 
lommem ®le bctreffeube cpod^ale ©rfd^einung ber- 
gleid^t ttvoa bie SBoIfen mit ,rfd^mu^ignaffen ^inbe^ 
toinbeln" ober fic äußert ben fulinarifd^en SBunfdö, 
bie (Seliebte ^tole Icrferen ©alat gu fd^liirfen^* glugS 
toirb in einer ungemein geiftreid^en Slb^anblung oom 
©tanbpuntte gufunftiger 2öclt= unb ^unftaufd^au^ 
ungen aug oerlünbet, ber 2)id^ter l^abe einen neuen 
©tiltSmuS erfunbcn, aber natürlid^ toerbe ber ^^Sunft- 
pöbel", b« ^- ba8 beutfd^e Sßublilum, aud^ bicfe pl^äno* 
menale lünftlerifd^e Snbiöibualität toieber einmal nid^t 
begreifen. 2)le SWü^e, fie bem SSerftänbniS be8 Sßubli* 
fum8 naiver gu bringen, überläßt ber Sritifer toürbc» 
öoß anberen. Sei aß' biefem — fagen loir e8 nur 
gcrabe l^eraug — : elngebilbefcgeiftrcidden, öcrmafdöcn- 



- V — 

flcfud^tcn S^W toirb bcm armen ßcfcr ^fö bumm, 
als ging i^nt ein SWül^Irab im Kopfe l^cvum''^ 2)a8= 
fette Sßuölifum, bem man fid^ burd^ öcrsmeifelte 
9larrenft)rfinfle bemcrflid^ 3U mad^cn fnd^t, toirb gletd^^ 
geitig fritifd^ en canaille be^anbclt» Kein SBnnber, 
bafe eS fd^liefelid^ Äritifer unb ©id^tcr il^rcm trau« 
Ild^en tete ä tete öberläßt 

3d^ mSd^te um aUeS nid^t Verallgemeinern unb 
bin tDeit t)on ber S3e^auplung entfernt^ baB tpir nid^t 
über eine ftattitdfje Sleil^e iüd^iiger; Ilarer unb fein* 
finniger Kritifer öerfflgten» 2l6er gerabe bie toerben 
mir barin guftimmen, bafe bie faddfimpeinbe, Irampf'» 
l^aft geiftreid^elnbe äft^etifd^e Äiitil blel bogu beiträgt, 
bag ^ublifum üon ber ^eilna^me am litterarifd^en 
ßeben fernzuhalten» 3dö ftel&e bei biefen S^il^n nod^ 
unter bem frifd^en unb erl^ebenben ©inbrudfe ber grofe* 
mutigen Stiftung, bie baS SSoII ber 2)enfer unb ©id^ter 
einem feiner begabteften mobernen Sßoeten, 2)etlet) 
))on Siliencron, geräufd^Iog jugetDanbt ^at. ^er 
öon angefel^enen 9lamen unter^eid^nete Slufruf toar in 
700 (flebenl&unbert) 3rftungen öeriJffentlidöt toorben 
unb l^otte bei ber erften Sammlung ben S3etrag öon 
ganzen — 200 (stoei^unbert) 3Jlarf beutfdder SReid^S- 
mä^rung ergeben^ 2)a8 ift in ber X\)at ein erfd^öttern- 
beS Slefultot; l^ier l^at bie ßinfe toirflid^ nid^t barum 
toiffen fönnen, bafe bie SRed^te ettoaS gegeben pttel 
©pater tourbe aÜerbingS nod^ ein in ieber ißinfidöt un* 



— VI - 

preid^enbeg @ümtnd^en gufamntengebrad^t DffenBar ift 
biefe befd^eibene S^rüdl^altung nur burd^ ben fd^am^ 
l^aftcn SBunfdö bcS bcutfd&cn SBoIfeS gu erllärcn, unter 
ben SDbfpriid^en über feinen belannten 3beaIiSmu§ nii$t 
oHgufebr enötcn ju muffen^ 2)er ©ered^te erbarmt 
ftdö feines SSiel^S; ber 2)eutfd&e fd^eint feine SJid^ter 
nid^t fo l^od^ einjuf d^ä^en , ha er fie l^ungern lägt* 
Aber teer trogt ble ©d^ulb? 3n erfter Steige ßetoig 
baS beutfd^e SBoII ßanj im aUgemetnen, beffen ,,öer* 
bcmmte 5ßflid&t nnb ©d^ulbißfeit" eS ift> fld^ um feine 
SHd^ter gu lümmern» Slber baS breimalige SBebe 
über bag ^ublilum genügt benn bod^ nid^t* @g liegt 
bod^ auf ber i&anb, bafe bie Sßreffe, b* b* bie Äritif, 
eS eben nid^t berftanben b^ben mug^ iDeitere 
Greife für ben ©id^ter gu intereffieren. 
2Ber öfter ^Itifen lieft, begreift haS m% 3)a 
toirb gumeift nid^t an bai SlUgemein^SKenfd^Iid^e nnb 
ha^ ©d^öne fd^Ied^tbin angefnüpft, toaS ben ©id^ter 
mit feinen B^itg^noffen berbinbet, fonbern eS n)erben 
im ©egenteil feine toifffürlid^en Slbfonberlicbfeiten 
liebeboH bci'öorgeboben, unb bafür bciben nun einmal 
totik Greife feinen ©inn. (Sin ©id^ter ift nid^t 
barum bebeutenb, tvtll er eine beftimmte SWanier 
auSgebllbet fjat, fonbern trcfebem. ®r ift bebeutenb, 
tüeil er ©id^tungen gefd^affcn f^at, bie iebermann 
gefallen muffen, ber überbaupt für ©d^öneS nodf) 
cnipfönglid^ ift* SBirb nun aber baS Slbfi^tlid^e, 



— VII — 

JßroflranttnmoBißc feetont, bcr S^id^tcr für etac ber 
mobcrncn „Mid^tmQtn^ rcclamicrt luib bagu in üBcr«^ 
f (Itpctnglid^en S^önen mmöQli^ t)erfid^ert; ha^ er a&t 
USf^ttxQtn beutfd^cn Jßoetcn tn ©d^attcn ftcHc, fo toit:: 
tcrt bcr fd^on ßetolfeigte ßcfcr toicbcrmn cineS icncr 
befanntcn ,;6a§nbrcdöcnben" realifttfd^tn ®cnie8, öor 
bcncn er nad^gcrabc einen ^eillöfen SReftJieft §ai ®a8 
$nblilum g(anbt eben ni($t an bie fid^ aSjäl^rlid^ üdH- 
Stel^enbe Umtoäljung ber ßitteratur, nnb man tarn 
if)m haS anä) toirfltd^ nxdjt berbenfenl 

Unb nnn bie ©dölufef olflernnß : td^ ßlaufee, bie 
Utterarifd&e Äritif mnfe lieber mt^x Sö^Iung mit 
bem Jßublifum ßetoinnem ©ie mufe haS J^ed^nifd^e 
jnrüdCtveten^ laffen, ba8 SlKßemetn'aWenfd^Iid^e nnb ba8 
©d^öne fd^Ieddtl^in in ben SSorberßrunb [teilen* ©te 
mnfe nnbebinßt anf ölle fiberpfpßen ©d^Iaßtoorte 
unb bie ßetftreid^elnbe ©nd^t nad^ ber go^wuliernnß 
nener Sunftprincipien n» f* ti>. öersid^ten* Unb enblid^ 
barf fte ben Äfinftler niddt anS bem ©rbreid^e, in bem 
er menfd^Iid^ tourselt, l^erauSreifeen, um il^n in baS 
Herbarium irßenbtoeld^er äftl^etif d^ ^ed^nif d^er Jßro- 
gramme jn treffen, fonbern fte mufe il^n im ©eßen« 
teil öom SBurjelboben au8 unterfud^en, feine SBelt« 
anfd^anunß, fein SSerl^ältniS ju ber 3cit unb gn ben 
lefeten ©inßen beleud^ten. ©erabe barauf rid^tet fid^ 
baS ßrö^te Sntereffe ber 3^itßenöffen, bie ßetool^nt 
finb, in bem Sid^ter nid^t nur ben Sänftler, fonbern 



— vni ^ 

aud^ htn $rop]^eten itnb geiftigen pi^rer gu feigen. 
2)ie ^ritil foU f!d^ nid^t auf bte SluSeinanberfe^ung 
mit bcm aScrf affer befdöranfcn, fonbcrn aud^ i^tcr 
Slnfgabe als äSermittlerin gtoifd^en i^m 
unb bem $ubltlum ftetS betougt bleiben, 
awtt jtoel SBorten: [ie mu6 praftlfd^er unb natür- 
l'ld^er toerben* 

2)lefe ®efidötöl)unfte loaren für bie folgenben 
Slätter mafeflebenb. 

Berlin, im Sloöember 1897. 



Mit unti mnt S^talt. 




fit c^ nid^t faft bcn 9lnfd^ctn, ate ob ber ^ragöbic 
unfercr ^^it bereits ba^ Satprfpiet gefolgt fei? 
Sinb benn bie alten Qbeale fainpfenb f d^on untergegangen, 
bafe pd^ ein SBott närrifd^^auögetaffener ©eiftet auf ber 
SBettbü^ne tummeln barf? ^enn gar furios motten ben 
rul^igen SSeobad^ter biefe ©eifter bebünfen. SBieoiete SRe* 
formatoren muffen n)ir nid^t über x\n§f ergel^en taffen! 
S)ie ^armtofeften ftnb oielleid^t nod^ bie „SSerfö^nungS* 
menfd^en", bie ber mol^lmeinenbe, aber unfrud^tbare ^err 
t). ®gibi; für feine ailerroeltöreligion be§ ,,©inigen ßl^riften* 
tumS" erroärmt l^at. 3)iefe 3Kenfdf;en finb bie tppifd^en 
SReprafentanten einer Übergangszeit, ©ie al^nen, bag 
SJleueS ftd^ anbal^nt, fie fpmpatl^ifieren mit bem 3l^mn, 
fie l^atten eS fogar im ® runbe für baS SRid^tige , aber 
fie fönnen pd^ bod^ nid^t fo ol^ne weiteres oon bem 
lieben Sllten trennen. SBenigftenS eine Erinnerung moHen 
fie baoon jurüdtbel^alten , oon bem alten ©ausrat, ber 
nun einmal unmobern gemorben ift unb burd^ einen 
neuen erfefet merben nuife, menigftenS ben traulid^en ®rofe= 
paterftul^l, ber fo liebe, l^eimlid^e Äinbl^eitserinnerungen 
erroedft. @S finb ©emütSmenfd^en, aber — mie baS fo 
in ber 2lrt liegt: — gerabe bie finb oft am el^eften ge« 

0. ®rott^u|, Probleme unb Sl^arafterföpfe. 1 



- 2 — 

neigt, bie falte 3Seriiunft, ben ftrengen Sßerftanb bei anbereu 
ju überfd^dfeen. ©ie ßtauben ol^ne weitere^, bafe bie SBer* 
ftanbedtnenfd^en red^t l^aben muffen, laffen fid^ auf 3Biber* 
legungen gar ntd)t erft ein, benn bad ift nid^t il^re ©ad^e. 
©ie TOagen nur uoni ©entütöftaubpunfte au^, einige 
fanfte ©inroenbungen ju mad^en, bitten fojufagen um 
milbembe Umftdnbe. 2)a^ ift ungefähr bie ©teHung ber 
aSerf öl^nunggmenfd^en jur d^riftlid^en 3]eligion. 3^re größte 
unb jugteid^ d^arafteriftifd^fte SCfiat mar bie ^erau^gabe 
einer ntmn — SSibet, einer in ber „3Serföl^nung" foge* 
nannten „aSoIföbibel, mie fie fein fott unb nuife". ©ie 
fül^rt ben überaus bejeid^nenben 2:itel: „2)ie 33ibel 
in abgefürjter unb t)erbe ff ert er gaffung nad^ 
ajlafegabe be^ geiftigen, fittlidf;en unb natio* 
naten 35emu{3tfeinö unferer ^tiV*. Rann bie 
^atbl^eit nod^ braftifd^er d^arafterifiert merben? 

3)er S)urd^f d^nitt , bie breite SJlaffe, mirb fid^ in 
ben ilampfen extremer geiftiger ©egenfä^e immer für 
bie öalbl^eit erftaren. 2)aö ift gut fo, menn aud^ nod^ 
fo menig fvmpatl^ifd^. S)ie ^albl^eit l^at t)iel 2;ragif(J;e^ 
in ber ©efd^id^te Derfd^ulbet, l^at fid^ mand^er grojsen, 
befreienben S;^at mie 33(eigemid&t angel^ängt. 2l6er mie 
pe bered^tigten gortfdf;ritt gel^emmt, fo l^at fie aud^ Diele 
gefäl^rlid^e ©prünge in^ bunfle Ungemiffe t)erl^ütet unb 
bie Äette ber gefd^id^tlid^en Kontinuität oor bem 3^^' 
reiben bemal^rt. 2)ie 3ctl^t ber unbemufeten, inbifferenten 
aSerföl^nung^menfd^en ift ganj unoergteid^Iid^ größer, alö 
bie ber erflärten „jielbemu^ten" ®gibpaner. 3m ©runbe 
ftel^t bie 3Kel;r}al^t aller „aufgeflarten ©taat^bürger", bie 
pd^ nid^t gerabe für eine Partei in^ ©efd^irr legen, bie 
aKel^rjal^l ber Sefer „unparteiifd^er" 3^to^9^Ji i" 5Re* 
ligionöfragen auf bem ©tanbpunfte ber ©gibp'fcOen „ajer* 



— 3 — 

föfjmuig". ©aö erfläil and; bcn uiiöeljcuren Erfolg bcr 
erfteu ©gibi/fd^cn ©d^riften, bie bod^ nid^t^ anbetet tnU 
hielten, aU bic n)o£)Iit)oIIcnbc SJJal^nung, frtcblid^ unb 
„t)ernünftig" ju fein, bie „SBiffenfd^aft" anjuertcnnen, 
aber bod^ anä) ber alten SReligion ein wenig petät jn 
betüal^ren. $Rnn finb aber bie Sauen aud^ für bie Sau» 
l^eit nid^t bauernb ju begeiftem, unb fo fam e§, bafe 
©err d. ©gibt), ate er feine aSerel^rer ju tl^atfräftigem 
SBirfen jufammenfaffen TOoHte, nur ein gar Heiner ^äuf« 
lein ©emütöntenfd^en um fidj) fal^. HHe bie Sempera» 
nientooHeren , Äonf equenteren , fäfter SBerantagten , bie 
mit bem alitn ©lauben gebrod^en l^atten, moHten auf 
l^albem SEege nidfjt [teilen bleiben, jumal il^nen bereite 
ba^ neue Ufer minfte, menigftenä ein ©treifen bat)on, 
nömtid^ baö „^Rationale". S^genb ein !3beal mufe ber 
©eutfd^e l^aben unb fei eg aud^ nur ba^ — ber SJe=* 
fdmpfung beg ^beali^muj^. ?lid^t mel^r l^anbette eS fid^ 
nur um ©taube ober Unglaube, @ott ober nidljt ®ott, 
— barüber finb l;eute t)iele fdf;on l^inau^. 3efet galt 
e§ nur nod^, bie Äonfequenjen ju jiel^en unb eine neue 
SBeltanfd^auung unb 9Jloral ju grünben. Unb 
fiel^e ba! 3)er red;ten ^dt mirb aud^ immer ber redete 
3Wann geboren. 2Bag fid^ in ber mobernen Sitteratur 
gärenb an^ Sid^t bröngt, ber 5RaturaU^mu§ eine^ 3o^ö, 
ber Snbioibuali^mu^ eine^ Sbfen, bie politifd^e aJlad^t^ 
moral unb ber nationale ßliauDiniömu^ 5Reu'3)eutfd&* 
tanbg fanben il^re pl;ilofopl^ifdOe 2luggeftattung unb SRedf)t* 
fertigung in bem großen 9Mefefd;e^3^^^tl^wftra. 3a, 
bie fo lange irrenb in ber SBüfte uml^ergefdjmeift maren, 
furd^lfam bangenb i()re Sll^nungen von einem neuen, 
l^errlid^en Sleid^e geftammelt l^atten, entbedien il^n, ben 
großen 3Bal;rl;eit^!ünber, eine§ Jtageg in feiner §öl^te 



— 4 - 

Unb afe ftc toieber jun'i(ftcl;rten ju i^ren SBrübcrn, ba 
waren il^nen btc 3i*"9^" flclöft, unb ftc befannteu frei 
unb offen btc neue frol^e S3otfd^aft von ber Äraft unb 
bcr 3Rad^t unb bcr^errlid^feit beg autonomen Sd^nienfd^en. 

SBie f)at fid^ alleg fo rounberbar gefügt, wie greifen 
bic üerfd^tebenen SWäber ber ®ntn)i(f(ung fo glatt unb 
fraftig ineinanber! ©eutfd^Ianb war „realpolitifd^" ge= 
roorben, ber alte traumertfd^e 3>^^^H^w^w^ ote Siarren». 
fteib an ben SRagel gel^ängt. S)a^ SBolf, ba^ fo lange 
für bag „@ute, SBal^re unb ©d^öne" gefd^märnit l^atte, 
war mit einem SWale in ben Sefife ber 3)lad)t gelangt. 
,,5!Ka(^t" tönte eg brol^enb unb gebieterifd^ oon ben ^öl^en 
ber leitenben ^olitif, „9)iad^t" raunten bie gefejfelten 
©eifter be^ Snbioibualiömu^ an^ ben SRetorten ber 
mobernen Sitteratur, unb „3}la^V' üerfünbete ber grofee 
pl^ilofopl^ifd^e ^ropl^et atö bie Offenbarung feiner ein* 
famen ©tunben in ber einfamen ^öf)le. 

®« ift nid^t mel^r ju leugnen: eine neue SBeltan- 
fd^auung mirb in meiten ßreifen 3leu^S)eutfd^lanb^ jur 
l^errfd^enben. ®ine SBeltanfd^auung, bie fid^ in fd^roffen, 
teilg unberou^ten, tei(§ aber aud^ f(ar bemühten ©egen- 
fafe JU ber d^riftüd^en ftellt: bie 3Jtoral beg ©tär« 
f eren. 3liä)t bie ©ocialbemofratie ift ber erllärte geinb 
ber d^riftlid^en Seigre t)om 3Kitleib, oon ber allerbarmen= 
ben Sßad^ftenliebe, im ©egenteil! ®ie fd^ärfften SBaffen 
ber Äritif, bic fie an ben beftel^enben 3"ftä"i^^tt übt, 
entlel^nt fie \a bem ©l^riftentum. 2)ie ©ocialbemofratie 
ift nur glaubenslos, fird^enfeinblid^, aber nid^t d^riften^ 
tumSf einblid^ , aud^ bann nid^t, xdtnn fie e§ felbft be* 
l;aupten foHte. ®er SBiberfprud^ , an bem fie franft, 
ift eben ber, bajg fie bie SBeltanfd^auung, au§ ber l;erau§ 
fie il^re gorberungen praftifd^ geltenb mad^t unb ju be- 



grünbeu 6etnül;t ift, in bcr 2^^corte nid^t ancrfenucn 
Witt unb bei einem platten inbifferenten 3KQteriaHömu», 
ber fog. „ntateriatiftifd^en ©efd^id^töauffaffnug", fielen 
bleibt. 2Baö fic forbert, fann fie nur im 9Zamen t)on 
aied^t unb Unred^t, von ®ut unb SBöfe, im SRamen be^ 
SRed^teg be^ ©d^roäd^eten, ber ©ered^tigfcit, be^ 
3JlitIeib^, ber SRäd^ftenliebe , — mit einem JBort: im 
SRamen ber alten 3KoraI, ber alten ^\)^aU f orbern. 
©ie fielit mit allen i^ren ^^rtnmern unb Slu^müd^fen 
l^eute nod^ auf bem S3oben jener S)emofratie, ju ber 
fid^ big oor furjem bie oberen unb gebilbeten ©d^id^ten 
befannten. ©ie ift — fo feltfam ba^ aud^ flingen mag 
— t)om ©tanbpunfte jener fortgefd^rittenen aSertreter ber 
l^öl^eren Älajfen an^ betrad^tet, politifd^ unb moralifd^ 
eine rüdfftänbige^artei. S)enn mit bem d^riftlid^en 
ift aud^ ber ,,fociale" (Sebanfe „ttberiounben". 

(^S)ie ©ocialbemofratie finbet il^re tieffte fulturge* 
fd^id^tlid^e ©rflärung oieHeid^t nur al^ SWeaftion gegen 
ben antid^rifllid^en, alle Bügel abftreifenben 
Snbioibualiömug ber oberen ©cfellfd^aftS« 
fd^id^ten.) 5Rid^t ber Snbioibuali^muö ift burd^ bie 
©ocialbemofratie — gemifferma^en afe S)amm gegen 
bie anftürmenben, gierigen SBogen ber allgemeinen 3lmU 
lierung — l^eroorgebrad^t morben, fonbern umgefelirt: 
(bie ©ocialbemofratie ift entftanben, meil bie Säume be^ 
roirtfd^aftlid^en, politifd^en, fittlid^en unb religiöfen 3n* 
bioibuali§mu§ fonft in ben ^iinmel geraad^fen mären, 
©ie ift ber ©ärtner, ber biefe 33äume fappt: baö ift 
il^re meltgefd^id^tlid^e 9Jliffion alö au^gleid^enbe 5lraftJ 
33efämpfen mir fie immerl^in, aber lernen mir ju* 
t)or fie t)erftelien. SBer bie geiftigen aKittel liierju 
nid^t aufmenben will ober fann, ift nid^t berufen, an 



— 6 -- 

bicfem Äampfc tciljunel^Tiien. (SScrfud^cn wir bod^ einmal, 
und ein 93ilb bat)on }u mad^en, n)ie ed l^eute ungefäl^r 

/ bei uns ausfälle, xotnn bie Socialbemolratie n i d^ t auf 
ber S3ilbfläd^e erfd^ienen wäre. J SBcld^eS wäre roofil baö 
SoÄ mt^ roefirlofen 2Ctbeiten)olIe^ in ben fianben einer 
aDgeroaltigen ÄapitaliftenKaffe, beren leitenbe ©runbfäfee 
eingeftanbenerma^en ber Profit unb bie Unterbinbung 
ber Äonfurrenj bilben? Unb in roeld^er SEBetfe wäre 

' biefe Älajfe rool^l gegen biejenigen SBertreter ber ßird^e, 
beö ßl^riftentum^ überl^aupt cerfal^ren, bie fid^ i^rem 
rüdffid^t^Iofen 3Jlad^tbegel^ren in ben Sffieg gefteHt ^ttmV 
3Jlan brandet nur an geroiffe aSorfornntniffe ber neuefien 
3eit ju benfen, um ftd^ eine annäl^ernbe SBorfteHung ba« 
von ju mad^en, in roeld^er SBeife bie SKad^tmorat sans 
phrase in S)eutfd^Ianb fd^alten unb walten mürbe, ftünbe 
tfir nid^t jene anbere bro^eub anfd^mellenbe SIKad^t gegen» 
über: — baö organifierte Proletariat. 

S)er gro§e Staatsmann, ber feiner politifd^en ©d^öpf* 
ung aud^ baö ©epräge feinet ©eiftcS aufgebrüdft l^at, 
er, beifen SBorte unjäi^Ugen gebilbeten ^eutfd^en afe 
Drafel gelten, beffen blofee ®rmäl^nung beim f^eftgelage 
genügt, um alte unb Sunge ju jubelnber 33egeifterung 
^injureifeen, — ber „®ro§e ®infiebler im ©ad^fenmalbe" 
l^at fd^on oft @elegenl;eit genommen, fid^ über biefe 
fociale grage !Iar unb unummunben ju äußern. ®r 
erbtidft in i^r nad^ wie tjor — unter gänjKd^em 2luS* 
fd^[u§ aller anberen ©efid^tSpunfte — eine reine 3Kad^t= 
frage. Ob unb inmieroeit babei 9led^t unb Unred^t 
eine SRoIIe fpielen, fommt für il^n überl^aupt nid^t in 
Setrad^t, fielet aujgerl^alb ber ©rörterung. 6^ fianbele 
fid^ lebiglid^ barum, mer l^ier ber ©tärfere ift. 
®a§ ift ber ©tanbpunft, ben jaljilreid^e SBertreter ber 



— 7 — 

l^errf($enbcn Ätaffcn cinnel^men. ®in politifcä^er ©tanb* 
puuft, wirb man einroenbcn, aber roo finb bie ©renjen 
jwifd^en politifd^cr unb prioatcr Übcrjeugurig? 2Ba^ 
beul ^olitifer erlaubt ift, ba§ nimmt aud^ ber ©e- 
fc^äftMann für fid^ in Slnfprud^, benn maä für ben 
©taatMann bie ^olitif, ift für ben Kaufmann baö 
©efd^äft. Unb mag ift ^eute nid^t ©efd^äft? SBer 
ift l^eute nid^t mefir ober weniger ©efc^äft^mann? 2Bo 
ift bie ©renje jmifd^en bem ©efd^äft^mann unb bem 
^ßrioatmann? 

(3u allen Seiten l^aben ©l^riften und^riftlid^ ge^anbelt, 
ftub fie afö fd^mad^e, fünbigc 3Wenfd^en t)on ben Sefiren 
beg ©rlöferg abgeroid^en. 2lber frül^er waren fie fid^ 
beffen al^ einer ©ünbe bewußt, jefet füllten fie 
fid^ t)on feiner ©d^utb befd^wert, wenn fie il^rer „&t- 
fd^aft^moral" folgen. SBill jemanb bie offijielle 
^errfd^aft ber ©efd^äft^moral leugnen ?J Er fann fie äße 
2;age t)on ben angcfel^enften unb refpeftabelften Seuten 
offen befennen l^ören. ©ie gilt aU felbftoerftänbtid^^ 
ebenfo wie für ben ^olitifer bie 3Kad^tmoraI alö felbft* 
oerftänblid^ gilt. Ob „SWed^t beS ©tärferen" ober „SWed^t 
beg Älügeren", ba^ ift ja aud^ im ©runbe ein unb ba^^ 
felbe. Seibe „SRed^te" finb uralt, neu ift nur, bafe fie 
mit bem felbftbewufeten änfprud^ auftreten, als wirt 
lidlje SRed^te, ate neue SIKoral, al^ 2lu§flu§ einer 
neuen SBeltaufd^auung, afö mm Qbeale an= 
erfannt ju werben. SIKan fielet, bie Socialbemofratie 
ift wirflid^ nod^ eine rüdfftänbige Partei, benn wenn fie 
aud^ praftifd^ oon ber 5!Kad^tmoral gewife ebenfo gern 
©ebraud^ mad^t, wie oon ber ©efd^äft^moral, — ju 
bereu grunbfäfelidljer SBerfünbigung ate neue SBeltan- 
fd^auung fiat fie fid^ bi^l^er bod^ nod^ nid^t aufgefd^nnmgen. 



— 8 - 

3l6er \>a^ fommt üicßcid^t nod^. ©iub eiS bod^ immer 
bic oberen ©d^id^ten gemefen, beren ©puren bte unteren 
mit ßel^eimen SBonnefd^auern gefolgt finb. 

Db bic S^Wfl^ttöifen ©oeti^e^ unb ©d^itterg wol^l 
für möglid^ gel^alten l^ätten, baß jemals eine beutfd^e 
Sugenb fid^ für ba^ 3beal einer rüdffid^t^Iofen, oon ben 
^rinjipien be^ SRed^tS, be§ SBaI;ren, ®uten unb ©d^önen 
oößig loSgelöften 5!Kad^tentfaltung begeiftem fönnte? Unb 
bod^ ift uns eine fold^e beutfd^e 3ugenb ermad^fen, unb 
gerabe biefe betont il^r S)eutfd^tum — man fann fagen, 
bis jur 6rf d^taff ung ; n>aS bei ber „Urfraft" biefeö 
„^eutonentumS" immerl^in fd^on etraaS bebeuten miß! 
®S ift nod^ gar nid^t lange l^er, ba ging burd^ bie beutfd^e 
©tubentenfc^aft eine SSemegung, bie baS ^Rationale ebenfo 
in ben SBorbergrunb fteUte, wie baS ©firiftlid^e. an 
biefem einfi fo l^offnungSreid^ emp orfprieöenben d^rifttid^^ 
beutfd^nationalen ©tamme finb bie d^riftlid^en S^riebe 
nun fo jiemtid^ oerborrt, bie nationalen bagegen um fo 
üppiger in bie ^öl^e unb 33reite gef d^off en. ( GJerabe bie 
fül^renben Elemente ber nationalen ©tubentenfd^aft ftel^en 
l^eute bem ©firiftentum oielfad^ in bemühtem ®e^ 
genfafee gegenüber, ©in Organ unb einen 2lnfd^lu6 
finben fie in ber „^eutfd^en 3^iiw"9" ^^^ Öerm Dr. 
griebrid^ Sänge unb in beffeu fogenanntem „2)eutfd^6unb", 
ber fid^ bie ^Pflege einer „2)eutfd^re(igion", eines „S)eutfd5^ 
gemiffenS" unb oerfd^iebener anberer „SDeutfd^ibeale" 
angelegen fein läjgt. aSon biefer SBarte auS erfd^eint 
baS ©l^rifientum als ein fd^Ieid^enbeS, jerfefeenbeS ®ift, 
unter beffen SBirfungen baS beutfd^e SSolf nod^ l^eute 
bal^infied^e, baS beffen l^errlid^e Urfraft gebrod^en l^abe, 
ba§ in jeber ^infid^t bem beutfd^en 3Befen feinblid^ unb 
fd^äblidj fei. ®§ gelte nun, fidt; oon ben ^effeln biefer 



— 9 — 

3fle(iß{on ber ©ntiuannung ju befreien, ntd^t auf ®ott 
ju t)ertrauen, tüol^I aber „fefte um fid^ ju l^auen" unb 
fid^ nid^t burd^ fleinlid^e ©eraiff en^ffrupel , wie etroa 
3fled^töfragen unb bergteid^en, baoon abfialten ju laffen, 
ben anbern Stationen innerl^alb unb aufeerl^atb beg 
SRei(^e§ bie ^errfd^erfauft tüd^tig auf ben SladEen ju 
brüdfen.j 

(2)iefer nationale ^f^bitjibuali^niu^ ifi nur eine ®r= 
Weiterung be§ perf önlid^en : — bie ^errenntorat, auf 
bag aSöHerteben übertragen. 3n ber ^l^at finb bie äu* 
l^anger beS einen jum großen Steile aud^ S3efenner ber 
anberenj S)er 3wfamntenl^ang beiber initeinanber liegt 
ebenfo Har ju 2^age, wie ber jwifd^en ifinen unb ben 
Offenbarungen ber 3^itftimmung in ber ntobemen Sit- 
teratur. @d ifl ber Äampf gegen bag ß^firiftentum, ber 
auf ber gaujcn Sinie gefül^rt wirb, beraufet unb unbe= 
toufet, offen unb oerftedft, burd^ bie ntaterialiftifd^-natura* 
liflifd^e SDarftellung be^ 9Kenfd^en al^ einer bete humaine 
nid^t ntinber, aU burd^ bie Propagierung einer uner* 
l^örten ibealen 6ntn)idEIung auf bem ©runbe be^ freien, 
autonomen ©ubjeft^, mie eä in ben Sbfen'fd^eu 2)ramen 
feine flaffif(^e aSerförperung finbet unb felbft in ber 
^auptmann'fd^en „SSerfunftien ©lodEe" unter allem Ipri* 
fd^en Saubmerf beutlid^ erfennbar l^eroorfd^immert. 

©ollte biefer Äampf be§ autonomen Snbioibuumö 
mit ben befd^ränfenben 3Käd^ten ber SReligion, 2lutorität 
unb ©itte nid^t fd^on auf beutfd^em 33oben bid^terifd^ 
gefämpft, ja, enbgültig auögefämpft morben fein? J Sei 
ber unermefelid^en Sebeutung be^ Problems brängt fid^ 
oon t)omfierein bie 2lnnal^me auf, bafe feine Söfung bod^ 
mol^t fd^on oerfud^t fein müfete. Unb ba^ ift in ber 
2;i^at ber gall. S)a§ Problem ift gelöft, foroeit eö im 



/ 



— 10 - 

9lat)men bcr 2){(i^tun9 flberl^aupt gctöft toerben fonntc, 
— im „f^Quft". 

2Bo ift bcr mobernc bid^tcrifrfjc ßj^araftcr, ber [eine 
Snbioibualität fltünblid^er aufgelebt, über bie ©d^ranfen 
ber l^ergebradjteit a)Joral unb ©itte fflliner fid^ J^inroeg* 
gejcfet, über bie 3Jlittel, alle ^öl^en unb 2;iefeu ju burd^^ 
mejfen, aße ©enüffe unb alle Dualen ber SKenfd^enbruft 
au^jufoften, fouoeräner verfügt l^ätte, afe ber gauft 
©oetl^e^? @rf (feinen biefer SRiefengeftalt gegenüber, bie 
ba^ 3d^ jum 3m erweitern roid unb bag Slingen ber 
ganjen 3Kenfd^]^eit Derförpert, alle bie SnbioibuaUfien ber 
mobernen Sitteratur, bie Sorfman 3ibfen^ wie bie SIKeifter 
^einrid^ ^auptmann^, nid)t gerabeju afö ^ßi^gntäen? 

@ö ift in einer 3^it, voo Äretl^i unb ^Uti)i im 
SRamen i^rer ungemein mid^tigen unb bebeutunggt)oIIen 
fubjeftiüen ®ntn)idE(ung bie ©darauf en ber SIKoral, bie 
Drbnungen taufenbjäljriger gefd^id^tUd^er ©ntmidflung 
nieberjureifeen unternel^men , mal^rlid^ t)onnöten, einmal 
baran ju erinnern, mie ein mal^rl^after Ferren* 
menfd^ ftd^ mit biefen gragen abgefunben l^at, „ju 
fd^auen, wie vox un^ ein meifer 9)tann gebadet, unb mie 
mir'^ bann julefet — fo l^errlid; weit gebrad^t!" Sßiel^ 
lei(^t lernen mir bann, wenn fd^on nid^t^ anbereS, fo 
bod^ ein menig befd^eibene 3wtüdEl^altung mit unferen 
neuen, ein menig ©i^rfurd^t vox unferen alten Sbealen ! 

2)ie größeren bid^terifd^en SWeise entfaltet ja peifellog 
ber erfte 3^eil ber gemaltigen S)ic^tung, ber ©oetl^e'fd^en 
SBei^l^eit legten ©d^lu§ entl^üdt aber erft ber jmeite. 
®§ ift fel^r ju bebauern, ja als innerer SBiberfprud^ an« 
jufel^en, ba§ meite Äreife unfereS gebilbeten ^ublifumS 
mit glül^enber 33egeifterung für ben erften eine gemiffe 
Oeringfd^äfeung, l^äufig fogar UnfenntniS be§ jroeiten 



- 11 — 

t)crbinbcn, bicfen titeifl ate „cerfcl^Iteg Unternel;men etucg 
Tntiftiftjicrenbeu ©id^tcrgreifcS" bcr SBagncrarbeit bcr ©c« 
Ie[;rtcn übertoffen. @ö ift ja Iciber roa^x, bafe er au 
einem überfluffe von allegorifd^ angcbeuteten ©injeljögen 
frcinfelt, ol^ne genaue Äenntnig von ©oetl^e^ 2tUn unb 
umfangreid^eni 33riefn)ed^fel nid^t einmal ganj üerftänblid^ 
ift; aber anbererfeit^ ift e§ bod^ fd^roer ju begreifen, wie 
man pd^ mit bem Slbfd^Iuffe be^ erften Xeile^ befriebigt 
erllären fann, ol;ne i^n inx^ ben jmeiten ju ergänjen. 
®a§ ber 2^eufel mit gauft t)erfd[;n)inbet, bie ^öUe trium= 
pikiert, bag gute ^rinjip, trofe ber aiJerl^eifeungen ©otte^ 
im „^Prolog im ^immel", unterliegt, ber 3Kenfd^ bem 
Söfen verfällt, — ba^ afö bid^terifd^eg unb pl^itofopl^ifd^eg 
©dfjlußergebnij^ ju benfen, ift bod^ einfad^ unmögtid^. 
SDurd^ bicfe Unmöglidfjfeit aber mirb aud^ ber SEBibermillige 
gejmungen, in ben jmeiten 2^eil be^ S)ramaö einjubringen, 
wenn anberiS er auf ben maleren ©enujg aud^ be^ erften 
nid^t t)erjid^ten unb bem S)id^ter um feiner l^errlid^ften 
2)id^tung mitten nid^t jürnen mitt. @in ®eift mie ©oetl^e, 
ein ^reubenfpenber, ber bie 9Kenfd^I)eit mit bem uuDer^ 
fiegbaren ^ungbronnen feiner SBerfe im tiefften ^erjen 
munberbar erlabt unb erquidft l^at, ju atten Seiten er* 
laben unb erquidfen wirb, bilrfte mol^I ©erlangen, ba§ 
man il^m fd[;on um feinetmitten aud^ auf benjenigen 
^faben fofgt, bie nid^t fo lid^t unb fünftlerifd^ abge= 
jirlelt, bie befd^mertid^er finb afe bie gerool^nten. — 

gauft liegt in ber Dämmerung auf blumigen SWafen 
gebettet. S)ie l^eilenben ©inftüffe t)on ^dt unb 3Jatur, 
t)erförpert burd^ 2lriel unb ben ©Ifend^or, baben ilin „int 
Xan von fietfieg glur" unb geben ben ©d^utbbelabenen, 
von 3?eue ©equälten, bem l^eiligen fiid^te jurüdE. 6r* 
ma<i^enb füf)(t er fid^ neu erquidft, burd^brungen üon 



— 12 — 

einem „fräftigen 33efd^lie§eii, jurn Ijöd^ften 2)afcin immer« 
fort ju ftreben". 3^id^t burd^ Derjtoeiflung^ooIIe Un* 
tl^ätigfeit fonn er feine fd^roere ©d^ulb fü^nen, fonbem 
allein burd^ bie Sö^at. 2)e6l^a[b finben mir i^n balb 
am ^ofe beS jungen teid^tfinnigen ßaiferg wieber, bejfen 
SReid^ mannhaft entfd^Ioffener ^itfe mel^r atö bebürftig 
ift. 3Kepl^ifto, ber fid^ afe Hofnarr eingefd^Iid^en \)at, 
tjerfprid^t au^ ben finanjiellen SRöten fd^leunigfte @r- 
löfung burd^ bie jal^Ireid^en ©d^ä|e, bie in friegerifd^en 
3eiten von ben geängftigten 33emo^nern in ber ®rbe 
tjerfd^arrt morben feien. 3Kit greuben miHigt ber Äaifer 
in ben ^lan, um fid^ bann mit feinem ^ofe auf^ neue 
in ben ©trubel ber SBergnügungen ju ftürjen. 35amit 
nid^t jufrieben, mill er aud^ nod^ Helena unb ^ari^ 
l^eraufbefd^moren feigen, gauft üerfprid^t e^ il^m, aber 
bie^mal ift SKepl^ifto au^er fianbe, bem Sßerlangen feinet 
©ebieterö ju genügen. S)ie ungel^euerlid^en, mi^geftaU 
teten 2lu^geburten ber norbifd^en 5ßl^antafie finb i(;m 
untertljänig, — über bie pofitiüe, ibeale ©d^önl^eit^melt 
ber Sllten fiat ber (Seift ber SBemeinung feine 9Wad^t. 
gauft muffe ^etena unb ^ari^ burd^ eigene^ l^ei^e^ 
SJemül^en erringen. 2)ag aber fönne er nur, menn er 
ju ben „3Jlüttern", ben gel^eimni^üollen Gräften ber 
SRatur, l^inabfteige. ^ier erfd^tie^t fic^ un§ ein tiefer 
33lidE in ®oetl^e§ eigene Äünftlematur, in ben l^eiligen 
®rnft feinet bid^terifc^en Strebend. SKit ©dtjaubeun em* 
pfängt gauft von SKepl^ifto ben ©d^Iüffel, ber il^m bie 
Pforten be^ geJ^eimni^üoDen 9laturreid^e^ öffnen foll . . . 
58on ben „3Küttem" jurüdfgefel^rt, befd^mört gauft 
oor bem t)erfammelten ^ofe bie l^errlid^en Sffiol^Igeftalten 
beg 5pari§ unb ber Helena, ^ingeriffen von ber te^teren 
3lnnuit unb ftral^tenben g^ormenpradfjt, vermag er feine 



- 13 - 

mad^tig aufroaffcnbe Setbenfd^aft nld^t ju jügetn iiiib 
breitet in wal^nfinuigem entjücfen bie Slrme aug nai) 
bem „©d^aumbitb fold^er ©d^öne", — „mit ©eroatt fafet 
er fie an!" ®a trübt fid^ il^re ©eftalt, eine furd^tbare 
©Epiofion erfolgt, gauft liegt betäubt am Soben, unb 
— ber 3ctuber ift gefd^rounben. ©o ift baö Übermaß, bie 
fiunlid^e @lut ber Seibenfd^aft ber S^ob aller ©d^önl^eit 
unb ßunft. ®er Äünftter fott aud^ im Jiaufd^e ber 
l^öd^ften SBegeifterung unb ©d^affen^freube bie ^errfd^aft 
über fid^ felbft beroal^ren. Smmer fott er ben ©toff, 
nie ber ©toff ilin l^efierrfd^eu. Über ber gormenfd^ön= 
fieit ber 3^atur unb il^ren äteijen barf er nie ba^ rul^ige 
S3en)ufetfein feinet überlegenen ibealen Äünfttertum^ t)er= 
lieren. SBeld^e^ cernid^tenbe Urteil beö grojsen SWealiften 
©oetl^e über bie fllaoifd^e, roürbeüergeffene, finnentrunlene 
Eingabe moberner Sitteratur unb Äunft an bie äußere 
fiütte ber SRatur! 

gauft aber fann Helena nid^t miffen. "i^tnn roetd^e 
l^ol^e unb l^öc^fte SSilbung^ftufe, meiere roal^re unb tiefe 
Äultur liefee fid^ ofine bie fittigenbe unb erjiefienbe 9)tad^t 
bej^ ©d^önen benfen? gauft mufe bag burd^ eigene 
©d^ulb üertorene ©d^önl^eit^ibeal mieberfinben, er mu§ 
fid^ ju i^m in ein SSerl^ältni^ fteHen, bem bleibenber 
©egen entfpriefel. 3^ ber ©d^önfieit offenbart fid^ unfern 
©innen erft bie tieffte Harmonie ber Sffieltfd^öpfung, bie 
„freiwillige Drbnung", bie befeligte unb befeli* 
genbe, bie entjüdfte unb entjüdfenbe Unterorbnung 
ber einjelnen ^eile unter ba^ emige meife 
©efefe beä ©anjen. 2)iefe^ ©efefe mujgte gauft im 
Qnnerften begreifen, um SBertrauen ju neuen 5tf)aten ju 
gewinnen, ju il^rer ®auer unb ju ifirer Übereinftimmung 
mit bem ©efefe» SDie ©d^önl^eit ber alten Sffielt burfte 



~ 14 — 

ntd^t jugtetd^ mit tt;uer politifd^cn ©röfec untergel^cn, 
fic mufetc aii^ bcn ftütjcnbcn Stempeln ber Hellenen in 
bcn d^riftlid^s^gcmiQiüfd^cn SfJorben flüd^ten, fid^ in feinen 
S)ienft [teilen, von bem gottbegeifterten 3>beali§mii^ be^ 
©ermanentimiö ju neuem, l^errlid^erem Seben ernjedt 
Toerben unb i^rerfcit^ lieber in bie büfteren SBälber bev 
norbifd^en S3arbaren bie ftral^Ienreid^e, l^olb bejiuingenbe 
$ßrad^t l^armonifd^er formen l^ineintragen. 

2lIIe ßommentaloren finb barin einig, ba§ ber ©e* 
flalt ber Helena trofe ii^rer fünftlerifd^en SStnmut unb 
Bä)ö\ü)nt ba^ eigentHd^ Icbenbige unb belebenbe ©(etnent, 
bie eigentlicä^e ©eele, mangele. ©oDte bag eingeigter 
fein? 3ft baö griedjifd^e ©d^önl^eit^ibeal f ür un^ nid^t 
ror allem ein 3beal ber f^orm? ^at nid^t erft ber 
Olaube an ein l^öi^ere^, tJoHfommene^ 3enfeit^ aßer Äunft 
bie waljre ©eele eingel^aud^t? gremb mufe un§ bod^ immer 
ba^ eigentlid^e SBBefen beö ^ellenentum^ bleiben, fein im 
nerer geiftiger Sern, bie grled^ifd^e 5Pft)d^e, — Iein©efinen, 
feine Sieber ju fpät GJeborener rufen fie in bie entgötterte, 
aber t)on einem ®otte begnabete Sffielt jurüdE! SDe^l^alb 
mufe aud^ Helena, nad^bem il^rem SBunbe mit gauft 
©upl^orion, bie l^immelanfd^mebenbe, xomn aud^ nod^ un* 
fidler taftenbe neue romantifd^e Äunft — gleid^jeitig eine 
aSerl^errlic^ung be^ von ®oetl;e l^od^bemunberten , aber 
meife getabelten Spron — entfproffen ift, ben faum gemon* 
neuen Oemaljl auf immer mieber Derlaffen. ?Jur il^re 
äußere ^ülle, (Semanb unb ©d^leier bleiben in feinen 
Rauben jurüdf: — bie fünftlerif (^e gormenfd^önl^eit! 

2lber auS bem Äultug beS ©d^önen allein Dermag 
gauft feine bauernbe S3efriebigung ju fc^öpfcn. ©ein 
©eift bürftct nad^ 2l;aten, burd^ bie er fein Szbtn in 
Übereinflimniung mit bem emigen ©efe^, beffen gel^eimfte^ 



— 15 - 

SBcfcn if)m bic ©d^önl^cit offenbart i)at, nüfelid^ auffüllen 
lann. S)c^l^atb iuu§ i^n allc^ Ungcfcfemäfeige, roiHfürlid^ 
3erftörcnbc in Jlatur unb 3Jlcnfd^enIcbcn im SCicfften 
empören- 3Rit ber 9Keeregmoge roitt er ringen, bie nu^* 
lo^, tprannifd^'freüelnb weife Drbnungen jerbrit^t, felbft 
unfrud^tbar, weite ©trecfen frud^tbaren Sanbe^ bel^auptet: 

2BaS jur Sßerjroeiflunö mici^ bcänQftigen lönnte: — 
3n)C(f(oje ffraft unbönb'öer ©Icmente! 

gauft rettet ben Äaifer au^ feiner 33ebrängnig unb 
empfängt t)on il^m jum Sol^n „bie £efin tjom grenjen* 
lofen ©tranbe". 6r ringt bem SDleere meite Sanbe^* 
ftreden ab, auf benen fid^ eine blttl^enbe Kultur erl^ebt. 
9lur eine ©teile, an beren Sefi|j il^m met gelegen, ift 
Eigentum eineö alten Gl;epaare^, 5ßl^ilemon unb SBaucig, 
meld^eS um feinen ^reiö ju bewegen ift, bie ererbte 
©d^olle JU räumen. (Sim Unmut^äufeerung gauft^ wirb 
von 3Kepl^ifto afe mtllfommener SBorwanb benufet, um 
bie glitte ber alten Seute in Slfd^e ju tegen, bie babei 
t)om ©d^redfen entfeelt werben, gauft bebauert bie rafd^e 
2;^at. SBol^t l^at er bie ®igentum^entäufeerung ber 2Uten 
felbft angeorbnct, aber nur, um größeren ^xotd^n ju 
bienen, benen fid^ ba^ SRed^t beg ©injelnen beugen mu§. 
6r ift l^ier nid^t aU ^nbioibunm aufjufaffen, fonbern 
afe SBertreter beg unaufl^altfam fortfd^reitenben 3Kenfd^en= 
geifteg, unb fann wol^l S3ebauern, aber feine SReue bar* 
über empfinben, bajg bag SBol^l be^ ©anjen t)om ©injelnen 
.Opfer erl^eif(^t. ©e^l^alb mufe aud^ bie „©d^ulb" mit 
ben anberen „grauen SBeibern", bie alöbalb auftreten: 
„SIKangel" unb „3lot", vox feiner ^fitire wieber umfel^ren. 
3l\ix bie ©orge, beren fid^ ja fein ©terblid^er ganj erwefiren 
lann, fdljlttpft burd^ baS ©d^tüffeUod^ jU il^m l^inein. — 



— 16 - 

gaiift ftel;t an^ bcr ^öl^e feines Sebenö, er ifl jefet 
— nadf; ßJoetl^eS aSorftellung — etwa l^unbert Saläre 
alt. STie tmlbfrf;äumenben SBäd^e jugenblid^er ©imiltd^* 
feit l^aben fid) in ben 2;iefen feinet SSBefeng ju Haren 
DucHen ruijiger SebenSroeiSl^eit geglättet; ber S)rang 
ins Unerniefiene, Unenblid^e ift gejügelt. @r l^at einfel^en 
gelernt, bafe ber Slenfd^engeift bie ©itter, bie feinem ginge 
bnrd^ ben 5lerfer beS SeibeS gebogen finb, niemals t)?r« 
rüden, ba§ bie enblid^e 5ßertönlid^!eit baS Unenblid^e 
niemals in fid^ aufnel^men fann. 3m ©tr eben nad^ 
ber 58ollIommenl^eit, nad^ ber ©rmeiterung beS 3^ ium 
2111, liegt jngleid^ and^ feinfiol^n, in feiner Un er m üb* 
l i d^ f e i t — fein @rf olg. gauft l^at erlannt, b a § b a S 
inbiüibnelle ©lud nur in ber arbeit für baS 
SBol^l ber ©efamtl^eit gefunben werben fann. 
2lller felbftfüd^tigen SBünfc^e l^at er fid^ entäußert, bie 
©ruft „gereinigt von erlebtem GJrauS", unb nur mit 
tiefem 33ebauern gebenft er feines SünbuiffeS mit bem 
S^eufel, mit übernatürlid^em S^u^^^^^^f^tt: 

©tünb' ic^, 9^atur, üor bir ein SJiann allein, 
^a wär'g ber SQlü^e wert, ein Wm\6) ju fein! 

aSergeblid^ miH il^n bie Sorge umgarnen. 6r l^at 
bie ^ötjen unb 5Ciefen beS SebenS burd^mefjen, — roaS 
tonnte er nod^ fürd^ten! 

^er ©rbenfreiS ift mir genug befannt, 

^a6) brübcn ift bie ?lu§ftd^t un§ üerrannt; 

Zliox, wer bort^in bie 3Iugen blinjenb rid^tet, 

6ic^ über Sßolfen feine§gleici&cn bici^tet. 

@r ftel^e feft unb fcl^e l^ier fid^ um! 

SDem 2üd)tiöen ift biefe 2öelt n\6)i ftumm. 

2Ba§ brandet er in bie ©migfeit ju fd^meifen! 

9Ba§ er erlennt, lä^t ftc^ ergreifen. 



— 17 — 

®§ roürbe bem ©cifte ber gansen 2)id^tun9 luibcr* 
fprcd^cn, loolltc man au§ bief cn SBorten eine Seugnung 
be§ Überfinnlid^en unb ©öttKd^cn l^erau^tefen. ©^ ijl 
in il^nen lebiglid^ bie ©rfenntnig auiSgebtüdt, bafe ber 
2:ild^ttge aud^ in biefer SEBelt feinen tJoHen SEBitfung^frei^ 
fxnben fann. gauft leugnet bag „2)rüben" nid^t, mel« 
ntel^r erfennt er beffen ©afein au^brüdlid^ an, xotnn 
er fagt, ba§ bie „2lu^fid^t" nad^ if)m „oerrannt" fei. 
5Rur ben, „ber Aber SBoIfen feineiSgleid^en bid^tet", 
fd^ilt er einen 2^l^oren. @r ift in feiner menfd^Iid^en 
©ntroidfetung fo l^od^ geftiegen, l^at ein fo erl^abene^ unb 
reid^e^ &lüd fd^on auf @rben erlangt, ba§ er, bem bie 
l^öl^eren SBonnen be3 Senfeit^ unbefannt finb, gleic^^ 
gültig gegen fie wirb. „SEBa^ brandet er in bie ©loig^ 
feit ju fd^roeifen!" 2)iefe fd^öne ©otteöroelt bietet il^m 
eine fotd^e gülle von @aben, ba§ er weiterer ©naben 
nid^t mel^r bebürftig ju fein glaubt. ®r bleibt aber 
immer nur ein 3Jlenfd^, ein flrebcnber 5!Kenfd^, unb afö 
fold^er bemal^r^eitet er biÄ julefet bie SBorte be^ ^erm 
in bem „^rolog im ißi^«^^!"- 

„@§ irrt ber 3Jienj4 fo tang er ftrcbt!" 

3a, um fo mel^r irrt er, je mel^r er ftrebt ! 3« iiel* 
beroufeter unb energifd^er gauft feinen irbifd^en Aufgaben 
fid^ roibmet, um fo melir mirb er oon bem ©ebanfen 
an ba§ Überirbifd^e abgejogen. ©oetl^e befanb ftd^ jiem* 
lid^ genau in berfelben ©timmung. 2lud^ il^m mar ein 
fo überfd^mänglid^er SReid^tum an irbifd^en ©ütern ju 
teil geworben, bafe er gegen ba^ Senfeit^ faft qUi^^ 
gültig mürbe, ol^ne jebod^ ©otte^Ieugner ju fein. 

2)ie ©paten flirren ju feiner ©rablegung — gaufi 
aber glaubt, bafe fie an feinem menfd^enbeglüdfenben 

V. ©rott^u^, Probleme unb (Sbarafterföpfe. 2 



— 18 — 

SEßcrfc arbeiten, unb mit ©ntjüden füf;lt er ben Slugen^ 
blicf Dorauö, ha c§ t)oIIenbet fein wirb: 

„^a, bicjem ©innc bin ic6 ^ani ergeben, 

3) a S ift ber ^TOciSl^eit legtet Sd^lu^ : 

9lur ber üerbient bie fjreil^eit unb baS ßeben, 

S)er taglid^ fte erobern mufel 

Unb fo üerbrinQt, umrunöcn von ©efal^r, 

©ier ffinbbeit, Tlann unb ©retS fein tüdjitiö 3cil&r. 

Sold^ ein ©eroimmel mjd&t' id& fel&n, 

5luf freiem ®runb mit freiem SBoHc ftel&n, 

3um 2lu(jenbli(fe bürft* ic^ fagen: 

Jßermeilc bod^, bu bift fo fd^ön! 

®§ fann bie 6pur t)on meinen ©rbcntagen 

^\6)t in äonen untcrgel^n. 

3m ^ßorgefül^I üon folc^cm l^ol^en ©lud 

®enie^* id6 jeftt ben pd&ftcn ^Jugenblidf !" 

®er S^itan, ber beni ^intntel geraaltfant feine ©elig* 
feiten abtrofeen wollte, l^at fie burd^ Erfüllung feinet 
i^od^ften ©eboteS gewonnen» Unb biefeS @ebot ift fein 
anbere^, afö ba^jenige, roeld^eS ber Segrünber unferer 
SRetigion mit ben fd^Ud^ten SEBorten juf ammenf ajgte : 
„Siebe betnen Siäd^ften al^ bid^ felbft!" ©o 
füi^rt baS ©nbergebni^ aller menfd^lid^en 3Bei^fieit bod^ 
roieber ju bem l^öljernen Äreuje t)on ©olgatl^a juriidf, 
unb bie madfjtoollfte poetifd^c ©d^öpfung üermag mit 
allem äufmanbe beö reid^ften S)id^tergenieg bod^ nur 
jene^ @(üdE ju beftätigen, bag fic^ au^ ben emig bluten* 
ben Sffiunben be§ SBeltl^eilanb^ in taufenb ßiebe^ftrömen 
über bie 3Kenfd^f)eit ergießt ! ©o fetten aud^ ©oetl^e im 
„gauft" auf baö ©^riftentum alg fold^e^ au^brüdflid^ 
eingeigt, fo fel^r ift bod^ bie gange 2)id^tung — trofe 
allen l^eibnifd^en ©pufe^ — ron d^riftlid^em ©el^alte 
burd^brungen. Dl^ne ©l^riftu^ l^ätte „gauft" nie ge» 



— 19 — 

fd^ricBen werben fönnen. S)ag gel^t fd^on au^ (Soetl^e^ 
erf d^öpfenbcm SBefenntniö l^ert)or : „3Keine ganje fittlid^e 
Silbung t)erban!e id^ ber Sibet." 

®^ ift Kar, bafe 3Kepl^ifio, obrool^l er forme ü, 
juriftif d^ feine SBette mit gauft gewonnen, bem m a 1^ r e n 
©inne nad^ fie bod^ oerloren f)at SBol^l l^at gauft 
ben l^öd^ften 3lugenblidE genoffen, aber biefe^ ®lüdE ifl 
il^nt nid^t burd^ bte §Ufe beg Söfen, fonbem trofe 
il^r geworben. SMe @ngel entreißen fein UnfierblicöeiS 
ber ööHe unb tragen eö jaud^jenb empor: 

(Serettet ift ba§ eble @Iieb 
3)er ©ciftcrroelt vom SSöfcnl 
2Bcr immer ftrebenb fid& bemü^'/ 
S)en fönnen mir crlöfcn; 
Unb l^at an il^m bie ü^iebe gar 
SSon oben teilöcnommen, 
SSegeönet il^m bie fel'öe 64ar 
W\t ]^erjlid[)em SCßiUfommen ! 

©0 l^od^ war gauft im Seben geftiegen, baß er fd^on 
anf @rben in bie l^öl^eren ^immeferegionen geiftig l^in^ 
eingewad^fen ift, afe gläubiger ©ünber bie fd^utbtoiJs 
geredeten „feiigen Änaben" überragt unb alö „frül^ ©e« 
liebter" von bem „®wig=aBeibli(^en" ©retd^en^, bem 
©innbilb ber ewigen Siebe, al^nungöt)oIl l^inangejogen 
wirb — l^öl^er unb l^ö^er . . . 

(Serabe ber Umftanb, baß (Soetl^e vom rein menf d^* 
lid^en ©tanbpunfte au^ ju leiner anberen Söfung beg 
5ßroblem^ von ben 2lufgaben beg Qnbioibuum^ inner* 
l^alb ber ©efeüfd^aft gelangen fonnte, afe ju berjenigen, 
weld^e unö in ber d^riftlid^en Sieligion geoffenbart wirb, 
mad^t bie gauftbid^tung ju einem 3^W9"^^ ^on aUer* 
l^öd&ftem apologetifd^en SBerte. gauft^ Sffieg geleitet von 



- 20 - 

bent fubjcftbcn ©trebcn nad^ bcm Sffial)rcn Aber bie 
©rfenntni^ bcr l^armonifd^en ©cfefetnäfeiflfcit im ©d^önen 
jur SSctl^ätigung be« fclbftlofen ©uteii. SDic ©ätti= 
gung aller (Selüfle beg fd^ranfcnlofcn ^^^ befricbigt 
nid^t. aSon Segterbe taumelt e^ jum ©enufe, unb im 
©enufe Derfd^mad^tet eg nad^ Segierbe. S)le 3Kad^t, ba§ 
eigene 3d^ burd^juf efeen , oerftridEt in ©d^ulb unb aSer* 
jwetftung. S)ie fünftlerifd^e ©d^önl^eit leiert, bafe ^ar* 
monie nur burd^ freimiHige Unterorbnung beg einjelnen 
2;eife unter bie l^ö^ere Qbee beg ©anjen mögtid^ ift. 
3lber ber äft^etifd^e ©enufe fann bag fieben nid^t au^« 
füllen. S)er 3Benfd^ muß bie au^ ben (Sefefeen beiJ 
©(^önen gemonnene ©rfenntnig aud^ betl^ätigen. 2lud^ 
ba§ 3nbit)ibuum ifi nur ein 2^eil eine^ l^ö^eren Äunfi* 
rotxU; nur bann fü^tt eö fid^ l^armonifd^ befriebigt, 
wenn eg fid^ ber l^ö^eren Harmonie unterorbnet, mit il^r 
jufammenfliegt. . S)ag ©ubjeft muB im (Sanjen unter* 
gelten, fid^ ber 3lllgemeinl^eit eingliebern, um gerieben 
unb aSefriebigung ju finben. ©e^l^alb reinigt fid^ gaufi 
oon allen felbfifüd^tigen aSünfd^en unb a3egierben. ®r 
fennt nur nod^ ein ©lud: — 3lnbere ju beglüdfen. 

3n biefer Söfung liegt eine munberuolle aSerfd^mel« 
jung be^ äftl^etifd^s^antifen mit bem etl^ifd^- 
d^ r i ft l i d^ e n 3ibea(. SBie in ber materiellen Slatur fein 
2ltom verloren ge^en fann^ fo finb aud^ alle pofitioen 
aBerte, bie ber ©eift gefd^affen, unfterbtid^; fo mu§ 
fid^ barum aud^ baö griec^ifd^e ^eibentum in ben Slienfi 
beg ßi^riftentumö fteHen. Qm ©c^önen unb ©uten liegt 
für un§ aWenfd^en bie ®rfenntnig be^ aßal^ren befd^toffen 
— bag ift nad^ ©oetl^e ber menfd^lid^en SBei^l^eit 
lefete^ aSort. „aSirfen mir fort/' fd^reibt er in einem 
a3riefe an 3^^^^^/ fM^ ^^^ »or* ober nad&einanber, t)om 



— 21 — 

SEBeltgetft abberufen, in ben 3lt^er jurüdfe^ren ! aWöge 
bann ber ewig iJebenbigc un§ neue %\)ätxQMUn, benen 
analog, in roetd^en wir un§ l^ier fd^on erprobt, nid^t 
oerfagen. gügt er fobann nod^ Erinnerung unb SRad^* 
gefül^l be^ Siedeten unb ®uten, wa^ wir l^ier fd^on ge» 
roollt unb geleiftet, Däterlid^ ^inju, fo werben wir gen)i§ 
nur befto rafd^er in bie Äämme be^ aßeltgetriebe^ ein* 
greifen." 

Über bie ©oetl^e'fd^e aWenfd^enroei^l^eit ift aud^ fein 
SRad^geborener l^inau^gefomnien. S)ie neuen ^heaU beg 
mobernen SubioibnaH^mu^ ftnb nur ein ungefd^id^tlid^er 
StüdEfaH in rol^e Sarbarei, ber fd^on bag gried^ifd^e 
^eibentum unnal^bar überlegen ift. S)er 3Rad^tmoral ber 
oberen ©efeüfd^aft n)irb bie ber unteren balb genug bie 
aSege freujen. ©ie l^errfd^enben Ä(affen finb bi^l^er nod^ 
immer mit i^ren eigenen 2Baffen gefc^fogen, an bem 
Steile gejüd^tigt morben, mit meld^em fte gefünbigt l^aben. 



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ifriebritj ^itiii^t. 




fi^ fönnte unö tool^l ticffxnnigcr an ben frommen 
©lauben ber Sllten erinnern: baß ber SBai^n* 
finnige Don ben ©öttern gejeid^net fei, afö bie Setraij^* 
tung oon Sliefef d^eö f urd^tbar^^mal^nenbem ©d^idf al ? a)ag 
l^arte Urteil, bag mir Dielleic^t foeben no(J^ über ben aSer=» 
megenen ausfpred^en mollten, erftirbt auf unferen Sippen, 
— e§ ift wn^, afö fämen mir t)on einem SKd^tptafee. 
SRod^ burc^jittert un^ ba^ eben gefd^aute Ungel^eure, — 
aller ^oxn ift verflogen, mir feigen in bem ©erid^teten 
nid^t mel^r ben aSerbred^er, fonbem nur nod^ ben aWen« 
fd^en, beffen furd^tbare^ fioö un^ an ben Unmert unb 
bie aSergänglid^feit unfere^ eigenen S)afeinö, mit e^r* 
fürd^tigem ©d^auem an ben großen SWid^ter gemal^nt, 
ber unfid^tbar unb bod^ gegenmärtig über un^ allen maltet. 
3n fold^er ©timmung motten mir an SRiefefd^eg &zUn 
unb SSirfen l^erantreten , nid^t mit — ad^, fo mol^U 
feilen! — moralifd^eu aSerbiften über ben Umftürjler 
zbtn biefer 3Kora(, fonbem mit bem ernften a3emül^en, 
bie g^rüd^te feinet (Seiftet au^ ber SBurjel feinet SBefenö, 
bie 5ßerfönlid^feit au^ il^rer 3^it l^eraug ju begreifen 
unb momöglid^ bie 3lufgabe ju ergrünben, bie i^re ®r* 
fd^einung in biefer 3^it notmenbig gemad^t l^at. SBBürbe 



— 23 ~ 

ber Ungtüdfctige, bcr verurteilt ift, einen langen ßeifügen 
Xoh ju leben, bem Sid^te raiebergefc^enft, er rid^tete geroife 
feine erfle, flamntenbe ©d^rift gegen ben „3liefefd^eQni^* 
tttu^" ; er fegte mit bem eifernen 93efen jomiget ©atpre 
alle bie „SBiet^ju^SBielen", bie pd^ von feinen migoer* 
fianbenen SBerfen }U einer (Sottl^eit auffd^weHen Iaf[en 
TOoHen, in bie fumppg^engen ^l^äler jurüd, ber bie 
pmpeln, gefräßigen Saubfröfd^e be^ aWateriati^mnö fred^ 
entfd^tüpft finb. ©r peitfd^te mit ber fd^tanfen, pfeifen« 
ben ®erte feiner feinen Ironie in bie roimmelnbe ©d^ar 
unreifer Änaben, bie unter Berufung auf feine „Ferren* 
moral" bie ©d^ule fd^roänjen ju bürfen glauben — bie 
l^arte, fd^roere ©d^ule eifemer ©elbftjuc^t unb ©elbft* 
überminbung, bereu 3od^ fid^ niemanb miHiger gebeugt 
l^at, alg 9iiefefd^e felbft. „S3ifi bu ein fold^er, ber einem 
3od^e entrinnen burfte?" fragt Sliefefd^e-Söratl^uftra. 
„®^ giebt mand^en, ber feinen legten SBert meg* 
warf, afö er feine ©ienft barfeit megroarf." „SRid^t 
b a g ift bie ®ef al^r beg ®blen, baß er ein ® u t e r werbe, 
fonbem ein g^red^er, ein ^öl^ neu ber. — ®inft badeten 
pe gelben ju werben, ßüftlinge finb e^ jefet. Slber 
bei meiner Siebe unb Hoffnung bef d^möre id^ bid^ : mirf 
ben gelben in beiner ©eele nid^t meg." — „S)em mirb 
befol^len, ber pd^ nid^t felber gel^ord^en fann!" ©d^on 
biefe Slu^fprüd^e bemeifen, mie wenig gügellopgfeit unb 
grobpnnlid^er 3Kateriali^mu^ pd^ von Sied^t^ wegen auf 
9ttefefd^e berufen bürfen. 

„Unfere aWängel finb bie 2lugen, mit benen wir 
unfere ^ugenben feigen." Qn biefem einen ©afee l^at 
Siiefefd^e felbp un§ bie einfache gormel gegeben, mit ber 
wir un^ fein ganje^ „©tiPem" pf^d^ologifd^ erflären 
fönnen. ©anj profaifd^ au^gebrüdft: er l^at auö ber 



- 24 — 

3lot eine ^ugenb getnad^t, m^ bcr SRot, aWad^t 
über fein etgeneiJ fieiben ju getüinnen, bie Slugenb be« 
„aBillen« jur 3Kad^t" ate oberfleg 5ßriujip. ®in 
armer Äranfer, ber jal^relang oon ben entfefettd^ften ner* 
Döfen Äopffd^mei^en geplagt wirb, fdmpft einen oer« 
jweifeüen Äantpf, einen Äampf, ber l^eroifd^ genannt 
werben mn^, mit ben feinblid^en aWäd^ten geiftiger unb 
förperlid^er 2luflöfung. ®anj natürlid^er SBeife fleHt er 
ba^ienige am l^öd^jien, mag il^m felbft perfagt ift: ®e» 
funbl^eit unb Äraft. S)ag fxnb feine Sbeale, feine 
fel^nli($jien SBünfd^e, unb je femer il^re Erfüllung, um 
fo l^eifeer begel^rt er fie, um fo nid^tiger erfd^eint il^m 
atteg anbere. Unb meil ber Äranfe von $aufe auö ein 
genial veranlagter, p^antafiereic^er, geiftüoHer, fd^öpferi* 
fd^er Äopf ijl, fo entfielet in biefem Äopfe aug bem per* 
i'önlid^en Seiben, kämpfen, Sffiftnfd^en unb Seg^l^ren ein 
pl^ilofopl^ifd^eg ©pftem. S)ie fo l^eife erfel^nte gefunbe 
ftraft in il^rer Unerreid^barfeit mirb i^m jur ©rlöferin 
ber 3Benfd^l^eit , meil fie il^m afö ©rlöferin erfd^eint 
SRur bie ©el^nfud^t beg Äranfen fann fotd^e l^eigen, über«» 
fd^mänglid^en ^öne jum 5ßreife ber ©efunbl^eit finben, 
mie fie bei SRiefefd^e in unerfd^öpflid^em 3Kelobienreid^= 
tum erflingen. aWit biefem Ärafteoangeliiim , bag i^n 
bie eigenen fieiben geiftig überminben lägt, umfpinnt er 
pd^ immer bic^ter unb bid^ter. ©inb nun aber m^ 
müd^fige Rraft unb ©efunbl^eit bie l^öd^ften S^tk, fo 
liegt in bem SEBillen baju, in bem SBiUen jur „3Kad^t", 
meldte beibe in einer prad^tPoHen SBlüte vereinigt, ber 
einjige 3Beg jum ^eile. 3llfo mug aUeö, mag biefen 
SBeg freujt, befeitigt merben, alfo muß aud^ bie d^rift»: 
lid^e Seigre t)om ©ntfagen unb ergebenen Bulben eine 
Srrlel^re fein. S)ie 3)loral ber SRäd^ftenliebe, ber S)emut 



— 25 — 

unb bcg aWitletb^ ift mir eine 3Koral ber ©d^road^eu. 
SBie fommt e^ aber, ba^ eine fold^e elenbe 3Korat bie 
l^errfd^enbe ifi? ^ür ben H(f)n votrotQ genommenen ©d^lu(3 
muß l^interl^er ber SBemeiö gefunben werben. 3lid^tig, 
f ift e^, f mufe eg geroef en fein : S)ie ©d^road^en f onnten 
fid^ ni^t anber^ oor ben ©tarfen retten, afö inbem fte 
il^nen feiger* unb liftigerroeife ben 3^1*^ ^^^^^ 9Koral 
auffd^roafeten, bie il^rem eigenen paffit)en SBefen beften^ 
entfprad^, bie ©tarfen aber auf ©d^ritt unb 2:ritt in ber 
©ntfaltung i^rer ©tärfe unb bamit in ber rüdCfid^t^(ofen 
3luMbung il^rer 3Kad^t über bie ©d^mad^en befd^ränfte. 
S)a^ mar ber „©Haoenaufftanb in ber 3)Zoral", unb 
— leiber! feufjt Jliefefd^e — er mar fiegreid^! . . . 

@r fann mol^( faum einem 3^^if^^ unterliegen, baß 
ber — 35id^ter be^ „garati^uftra" ganj Dorjug^meife eine 
fünft (erifd^e 3latur ift. 9Ud^t nur bie g^reube an ber 
S)arfteIIung , bie oft nod^ größer fein mag, atö bie an 
bem ©ebanfenini^alte, nid;t nur ba^ ©d^melgen in 93il* 
bern, bag ftiliftifd^e aSirtuofentum meifen barauf l^in, 
fonbern aud^ bie 3lrt feiner Setrad^tung unb © d^ ä fe u n g 
ber Singe. SBie er in feiner erften 33eröffentlid^ung : 
„S)ie ©eburt ber 2^ragöbie an^ bem (Seifte 
ber 9Kuf if" eine rein äftl^etifc^e SBeltanfc^auung nieber« 
legte, fo fönnen aud^ bie legten @rgebniffe feiner 2Bei^- 
l^eit nur au^ feiner fünftlerifd^en 3lnf^auung§meife bt- 
griffen merben. ©ein Qbeat ift ber ^errenmenfc^ mit 
ber ^errenmoral, bie urmüd^fige, in fid^ felbft üottenbete, 
abgefc^loffene 5ßerf önßd^f eit , bie nadte ©c^önl^eit unb 
©efunbl^eit be^ SRaturmenfd^en. ®r begeiftert fid^ für 
bie „prad^tt)oIIe blonbe Seftie" beg alten ©ermanen* 
tumg, er beraufd^t fid^ mit fül^ner SSerad^tung ber ge= 
f(^id^tlid^en Überlieferung an ben Xt)pen ber Slenaiffance, 



— 25 — 

unb bc§ SWitlctb^ ift nur eine 3Koral ber ©d^road^en. 
SBie fommt eg aber, bafe eine fotd^e etenbe 3KoraI bie 
l^errfd^enbe ift? gür ben ffll^n oorweg genommenen ©d^Iufe 
mufe l^interl^er ber SBemeid gefunben werben. Slid^tig, 
f ift eg, f mufe e§ gemef en fein : 35ie ©(^road^en fonnten 
fid^ ni^t anberö oor ben ©tarfen retten, afe inbem fie 
il^nen feiger^ unb Hftigermeife ben ^aum einer SIKoral 
auffd^roafeten, bie tl^rem eigenen paffioen SBefen beften^ 
entfprad^, bie ©tarfen aber auf ©d^ritt unb 2:ritt in ber 
©ntfaltung il^rer ©tärfe unb bamit in ber rüdCiid^t^lofen 
Slu^übung il^rer aWad^t über bie ©d^mad^en befc^ränfte. 
S)a^ mar ber „©flaoenaufftanb in ber 3)Zoral", unb 
— leiber! feufjt Jliefefd^e — er mar fiegreid^! . . . 

®r fann mol^I faum einem 3^^^^f^f unterliegen, ba^ 
ber — S)id^ter beö „gciratl^uftra" ganj oorjug^meife eine 
fünftlerifd^e 3latur ift. 9hd^t nur bie g^reube an ber 
©arfteHung , bie oft nod^ größer fein mag, atö bie an 
bem ©ebanfenini^alte, nid;t nur ba^ ©d^metgen in 93iU 
bern, bag ftiliftifd^e Sßirtuofentum meifen barauf l^in, 
fonbem aud^ bie 2lrt feiner Setrad^tung unb ©d^äfeung 
ber Singe. SBie er in feiner erften SBeröffenttid^ung : 
„S)ie ©eburt ber Xragöbie an^ bem ©eifte 
ber 3Buf if" eine rein äftl^etifd^e aSeltanfd^auung nieber* 
legte, fo fönnen aud^ bie lefeten ©rgebniffe feiner aBei^= 
l^eit nur au^ feiner fünftlerifc^en 3lnf(^auung§meife be= 
griffen merben. ©ein Qbeal ift ber ^errenmenf^ mit 
ber ^errenmoral, bie urmüd;fige, in fid^ felbft t)offenbete, 
abgefd^loffene 5ßerf önlid^f eit , bie nadte ©d^önl^eit unb 
©efunbl^eit beg SRaturmenfd^en. ®r begeiftert fid^ für 
bie „prad^tt)oIle blonbe Seftie" be^ alten ©ermanen* 
tum^, er berauf^t fid^ mit fül^ner SBerad^tung ber ge* 
fd^id^tlid^en Überlieferung an ben Xnjpm ber Stenaiffance, 



— 26 - 

bie er ju SBoHbilbcru aUc« ©rofecn, ©tarfcn, ©cfunben, 
freien unb ©d^öneu umgcfialtct, ati bcr 3Kad^t, bcm 
5ßomp unb bcm ftral^lcnben ©lange eincg 3lapoUon, 
beffcn erbcirntlid^ Heine unb l^ä^lid^e ^üqt er gefliffentlid^ 
überfielet, unb er glaubt bamit neue nioralifd^e SBerte 
aufgefleHt ju l^aben. 2lber biefe SBerte finb ja feine 
ntoralifd^en, fonbern Sfil^etifd^e! SRiefefd^e glaubt bie 
alten ntoralifd^en SEBerte burd^ neue ju erfefeen, unb 
er oertaufd^t fie bod^ nur, er fd^muggelt ftatt i^rer 
ä ft 1^ e t i f d^ e ein, bie ja atö f old^e f d^on längft allgemeine 
(Seltung l^aben. SEBer raoHte bie ^ßrad^t, bie äftl^etifd^e 
©d^önl^eit etma beg majeftätifd^en Sömen ober be^ ge* 
f d^meibigen ^ßantl^erö leugnen ? SBeld^eS ©id^terg ^ßl^antafie 
fänbe nid^t il^re fiuft an bem Silbe eineö großen 6r* 
oberer^ unb ©eroaltmenf d^en , unter beffen flirrenben 
©d^ritten ber ©rbbaH erbrö^nt unb Sieid^e jufammen* 
flürjen, beffcn fc^öpfcrifd^cr 3BiIlc ©d^tücrtcr unb Äronen 
fd^micbet, bcr fid^ unb anberen felbft ©efefe ifl? 35er 
dftl^ctifdec 3lnblidE ift fd^ön, wie ber ieber elementaren 
SRaturtraft, wie bcr einer gewaltigen gcuer^brunft ober 
einer fturmgcpcitfd^tcn, fc^aumgefrönten aKccrc^flut. 3l6cr 
n)cr bcnft babci an aJloral? SBcr bringt ba^ blo^e 
©d^aufpicl ate fold^c^ übcrl^aupt in Bufammenl^ang mit 
bcr 3Koral! 5DaB ^Riefefd^c ba^ getrau l^at, ift bag S3e= 
jcid^nenbe für i^n; bag er ben alten pofttiocn SBcrtcn 
bcr aJloral anbere aSerte gegenübcrftcllte, bie jmar an 
fid^ nid^t minber alt, in biefer ©cgcnübcrftellung 
aber neu unb jubem gleid^faüg pofitioe maren, barin 
lag bag SSerf ü^rcrif d^e , ja bag SScrblüffcnbe, ga^cinics 
rcnbc bcr neuen ^l^corie. 2lbcr bie aSerfü^rung oerfagt 
mit bcm 2lugcnblidCc, mo mir erfennen, baß e^ fid; nid^t 
um gcgcnfd^lid^c, fonbern um parallele aBerte l^anbclt, 



— 27 - 

um aBerte, bie immer nebeneinanber ^er gelaufen fiiib 
imb ftd^ aud^ in B^^^^^^f^ niemals burd^freujen muffen. 
„3Kad^t" lel^rt 3liefefd^e. 2lber morin befielt benn ber 
didi ber Tla^t ? 3m Rönnen, im ©d^affen^^f önnen unb 
3erfiören'fönnen. S)er gro&e Äönner ift immer aud^ ber 
große 5lünftler. Äunfi ift Können. S)a§ 3»ad^tgefü^l 
beg gröberer^, über aSölfer unb Sieid^e ju gebieten, ^at 
biefelbe aBurjel mit bem aWad^tgefül^l beg ©id^ters, ®e* 
ftalten unb Stimmungen ju fd^affen. 93eiber a3efriebi* 
gung murjett in bem Semufetfein ber 3Wad^t, bie ©in* 
gebungen il^rer ^ß^antafie in bie SBirflid^feit über= 
tragen, in bem SSeroufetfein, f d^aff en, SBerte fd^affen 
ju f önnen. „2^rad^te id^ benn nad^ ©lüdfe ?" fragt 3^^^* 
t^uftra. „3[d^ trad^te nad^ meinem SBerfe/' ©o fielet 
SRiefefd^e benn aud^ im 5pi^ilofop^en ben fd^öpferifd^en 
®eift. ©effen 3lufgabe fei, „bag er SBerte fd^affe". 
— „S)ie eigentlid^en ^pi^ifofopl^en pnb SBefel^tenbe 
unb ©efefegeber, fie fagen: fo foll eg fein! ©ie 
beftimmen erfl ba^ SBol^in? unb SBoju? beg 3Kenfd^en, 
fie greifen mit fd^öpferif^er ^anb nad^ ber S^^^^^ft. 
3l^r ©rfennen ift ©d^ äffen, il^r ©d^affen ift eine ®e- 
fefegebung, il^r SBiffe jur SBal^rl^eit ift — aSille jur 
3Kad^t." SDie eigenartigen ^Cl^efen SRiefefd^e^ finb fünft:: 
lerifd^e ©ingebungen, bie bann mit bem 3läftjeuge ber 
Sogif unb SBiffenfd^aft ju pl^ilofopl^ifd^en Urteilen ge* 
ftempett werben follen. 

©eine (SrftHnggfd^rift, bie „®eburt ber ^Cragöbie 
au^ bem ®eifte ber 3»ufif", ftettt fid^ afö „eine 
rein äft^etifd^e SBeltau^Iegung unb SBeltred^tfertigung" 
bar. „3lux aU äftl^etifd^e^ ?ßpnomen ift bag 
S)afein, ift bie SBett emig gered^tfertigt." 
©d^opent;auer unb SRid^arb SBagner, bamafö nod^ feine 



— 28 — 

ilbcr aUc^ ocrcljttcn aWetfier, pnb bie geiftigen ?ßatcn 
bcg SBcvfö. S)e^ einen ^ßeffimi^mu^ nnb be« anbeten 
„3ulunft^mufif" Derfd^meljen fid^ ju einer fünftlerifd^en 
aWetap^pf«, in ber fxc^ bie fd^öpferifd^e aWad^t beg att^ 
oon bem ,,Urfd^merj" in feinem ©d^ofee burd^ ©d^affen 
unb aSemid^ten eroig roec^felnber ©rfd^einungen befreit. 
S)ag ift bie ©elbfterlöfung ber SBett burd^ bie Runfi. 
3iiefef(^e fül^tt „fid^ jur metapl^pfifd^en 3lnnal^me gc« 
brfingt, bafe ba^ 2Bal^rl^aft=©eienbe unb Ur:=®ine, afö 
ba^ eroig Seibenbe unb 3Biberfprud^^t)olIe , jugleid^ bie 
entjüdEenbe Sßifion, ben luflooHen ©d^ein ju feiner ®r* 
löfung bebarf". „@ine§ (eibenben unb jerquälten (Sottet 
SBerf fd^ien mir ba bie SBelt. S^raum fd^ien mir bie 
SBelt unb 2)id^tung eineg ©otteg; farbiger Siaud^ t)or 
ben 3lugen eines göttlid^ Unjufriebenen, . . . eine trunfene 
Suft il^rem unDoHfommenen ©(^öpfer." 35er ©d^open= 
l^auer^fd^en Sluffaffung ber „SBett al^ SBiUe unb SBor« 
ftetlung" entfpred^en bei Sliefef d^e jroei Äunftarten : bie 
bionpfifd^e unb bie apoHiuifc^e. Qene ift ba^ unmitteU 
bare 3lbbilb be^ unberougten SBettroillen^ : — bie 3Buf if ; 
biefe nur bä^ ©piegelbilb ber ®rfd^einung: — bie übrige 
Äunft. 3lug ber aSereinigung beiber entftel^t bie Xxa^ 
göbie. S^l^atfac^e ift, ba§ bie 2^ragöbie fic^ au^ ben 
feftfid^en SSeranftaltungen ju ©l^ren beö S)iont)fog ent- 
roidelt l^at. Jlie^fd^e lä^t nun ben bitl^prambifd^en.ßl^or 
in feinem leibenfd^aftlid^ erregten Siebe aSifionen be^ 
©otteS empfangen unb biefe afe ©cenen unb ^anblungen 
befd^reiben. ©o fjahe fid^ bie SIKufif in Silbern ent^ 
laben, fo fei bie 2^ragöbie a\\^ bem ©eifte ber 3Kufif 
geboren. S)emna(^ roäre ba^ SBagneffd^e 3Kufifbrama 
nur eine SBiebergeburt ber älteften griec^ifd^en Äunft. 
^tnn nad^ SRiefef^e roaren aud^ bie ©d^öpfungen ber 



- 29 - 

alten XxaQxhx, t)or allem anä) beg 2tef(^i)(oS, urfprüaö^ 
Ix^ aWuftf branten , von benen nur nod^ ber Xtict er= 
l^alten geblieben, bte SDlufif bagegen im Saufe ber 3^W 
oerfd^oHen ifl. S)ie großen alten SDid^ter mußten aljo 
mtnbeftens ebenfo große mufifalifd^^f^öpf^nf^e ©enieö 
gemefen fein, S)a§ ®anit ift eine geiftreid^e, aber frei 
in ber Suft f^mebenbe ^ß^antafte. 

®iue fpätere funftfeinblid^e ^dt, atö bereu SBerför* 
perung ©ofroJeö oon ber aSillfür be^ Sßerfaffer^ bar* 
gefieüt mirb, l^abe ber 2^ragöbie bie mufifalifd^e ©eele 
auggetrieben. S)er „©ofratiömu^", baö ift ber platte, 
pemünf telnbe , allem ©roßen, Äü^nen, Seibenfd^aftlid^^ 
©d^mungoollcn feinblid^e ®eift, ba^ ift mit einem dou 
SRiefefd^e fetbft geprägten SSBorte: ber „SBilbung^p^itifier". 
®egen il^n rid^tet fid^ bie näd^fte ©d^rift: „2)aDib 
©trauß, ber Sefenner uub ©d^riftfteller", ba§ 
,,erfte©tüdEunjeitgemäßerS3etrad^tungen"(1872). fiäd^elt 
nid^t eine feine Ironie auö ber S^l^atfad^e, baß niemanb 
für ben einfi fo l^od^gefeierten Äritifer be^ pofitioen 
ei^riftentumg fd^ärfere ©eißeln geflod^ten l^at, alö ber 
lünftige Sßerfajfer beg „2lntid^rifi" ? ©trauß ^atte ben 
5ßeffimifimu§ ©d^openl^auer^ in feiner oberfläd^lid^sratio^ 
nalifKfd^eu SBeife angegriffen, bafür wirb er nun pon 
.SRiefefd^e afö ber ftaffifd^e SBertreter eineg feid^ten, p^i= 
lijlerl^aften SBilbunggbflnfefe mit allen SBaffen einer über* 
mutigen, aber nielfad^ treffenben ©atpre ber fiäd^erlid^* 
feit preisgegeben. 

Slud^ aug ben folgenben ©tüdfen ber „Uujeitgemäßen 

SBetrad^tungen" : „aSom SRufeen unb Stadtteil ber 

\Öiftorie für baö fieben", „©d^openl^auer aU 

erjiel^er", Siid^arb Sßagner in SBapreutl^", 

fprid^t nod^ ber überfd^mönglid^ bemunberube, aber feine 



— 30 - 

©inbrüde bod^ eigenartiö oerarbeitenbc ©(ä^fller ber bei* 
ben großen SKeifter. 3m erflen ©tüd e ntad^t fid^ SRiefefd^e 
©d^openl^auerg ©cringfcä^äfcung ber ©efd^ld^te }u eigen, 
aber bie 2lrt, wie er eö tl^iit, »errät fd^on ben fünf* 
tigen Stpofiel ber ^errenntorat. 35a^ überwättigenbe 
l^iftorifd^e Seroufetfcin erbrüde bie freie ^perfönli^feit, 
läl^nie bie bilbnerifd^e Äraft beö eigenen fiebeni^, erjeuge 
ein unfrud^tbare^ ©pigonentum. 3)ai^ Heilmittel ba* 
gegen fei baS „Unl^iftorifd^e", rid^tiger: ha& „Über* 
l^iftorifd^e", „bie Äunfi unb Äraft, »ergeffcn ju fönnen". 
TOd^t an bie „(SntmidElung" eines ,,SBeltprojeffeö" f offen 
mir unfere Hoffnungen fnüpfen — : „bai^ 3^^!^ ^^^ 
aWenfd^l^eit fann nid^t am @nbe liegen, fon* 
bern nur in il^ren l^öd^ften ©jemplaren." 3n 
biefem ©afee ift ber ©runbgebanfe beS „S^xatf)\x^xa^^ 
fd^on beutlid^ ausgefprod^en. 

aber 9iiefefd^e Id^t il^n vorläufig ganj auö ber H^nb 
gleiten* ®^ ift, ali^ märe il^m plöfelid^ eine neue ©onne 
aufgegangen, in bie er geblcnbet l^ineinflarrt : bie flrenge 
SBiffenfd^aft al^ fold^e, ber 5pofitit)i^mu^. S)a^ Goppel* 
geftirn 3Bagner*©d^openl^auer ift untergegangen, mit il^m 
bie alten 3beale. S)ie SDletapl^pfif ift nur nod^ bie 
aßiffenfd^aft, „meldte oon ben ©runbirrtümem beg SKen* 
fd^en l^anbelt, bod^ fo, afe mären e^ ©runbmal^rl^eiten'', 
S)er miffenfd^aftlid^e SDleufd^ ift bie „SBeiterentmidElung 
bcö fünftlerifd^en". SDer Äünftler ift „an fid^ fd^on ein 
jurüdEbleibenbeg SBefen", ber „aSerl^errlid^er ber religiöfen 
unb pl^ilofopl^ifd^en Sertürner ber aJlenfd^l^eit". 3)ie Sffielt 
atö metapl^pfifd^er „SBiffe" l^at fid^ in eitel 3)unjl auf* 
gelöft, übrig geblieben ift nur nod^ bie einjig mirflid^e 
SBelt ber „aSorfteffungen". Keine fd^öpferifd^e , blinb 
maltenbe SDlad^t im 2lff brandet fid^ nun mel;r von bem 



^ 31 - 

„Urfd^merj" biird^ ftinftlerifd^e aSifionen ju crlöfen ; bie 
©rlöfung bcr SBelt burd^ bie Äunft, unb bamtt bic Äunft 
felbft, ift übcrflüffig geworben. „3l\^t bie SBelt atö SDing 
an fid^, bie SBelt atö SSorfteHung ift fo bebeutung^reid^, 
tief, tounberüoll, ©lud unb Unglüd im ©d^ofee tragenb/' 
S)iefe ®ntn)idE(ung^pl^afe fpiegelt fid^ in ben jwei 
33änben „aJlcnf.d^lid^eg, ^llljumenfd^Udje^", unb 
in beren gortfefeung „35er SBanberer unb fein 
©d^atten". 33ejei($nenb ift, ba& ber erfie 33anb oon 
„aKenfd^Iid^eS", „ein 33ud^ für freie ©eifter", bem ^n^ 
beulen Sßoltaireg ju feinem lOOiäl^rigen 2;obe§tage ge* 
roibmet ift. 5Riefefd^e wanbelt l^ier bewußt auf ben 
5pfaben ber äufflärung unb beS 3tationaliömu^. „Sie* 
ber ben Untergang ber 3Renf d^l^eit , al^ ben 3fiüdfgang 
ber ©rfenntni^!" 2lber aud^ bieg ift nur eine anbere 
2lrt, fid^ felbft filnftlerifd^ ju genießen. ®r l^at eine 
neue Stimmung entbedft, in beren 9fieijen er um fo 
moHüftiger f (^melgt, je fonträrer fie feiner eigenen innerften 
5Ratur liegen. „5Rüd^ternl;eit mit ©rajie rerbunben" ift 
je^jt „bag 3lbelgt)orred^t ber 3ltl^ener". TOefefd^e unb — 
SRüd^ternl^eit ! ©ofrateg, t)or furjem nod^ ber Inbegriff 
platten 5pi^iliftertumj^, ift ber „einfad^fte unb unoergdug« 
lid^fte 3Kittler*SBeife" mit einer „frö^lid^en Slrt beö 
©ruftet" unb einer „SBei^l^eit »oller ©d^elmenftreid^e", 
ber 5ßl^ilofopl^ ber „fittlid^^oernünftigen görberung". 5Dag 
„©ionpfifd^e" l^at bem „Sofratifd^en", ba§ £eibenfd^aft= 
lid^e, „Silbermütige", SBogenfd^manfenbe, ©igantifd^- 
SBolfenl^afte bem ®inf ad^-Sd^önen , 3Ra§t)oIIen, gellen, 
— bie SRomantif bem Älaffici^mu^ 5ßtafe gemad^t. 2lber 
alle biefe neuen 3!beale finb nur l^eimlid^e ©egenfäfee ju 
SBagner, oon bem5Riefefd^e foeben „genefen" mar. „3}lm 
gröfeteä ©rlebni^ mar eine ©enefung'', fo !ennjeid^net 



- 32 — 

er feinen Slbfatt von bem 9Jleifter. 9lber ber Abfall 
von einem großen ^err[(ä^er bebeutet Krieg gegen il^n^ 
Krieg gegen atteS, roa^ im eigenen 3d^ an bie frül^ere 
aibl^ängigfeit erinnert, ©o roill Jliefefd^e fid^ uon SBagner 
befreien, inbent er alle gäben, bie jroifd^en il^nen l^er- 
über unb l^inüber fd^iefeen, jerl^aut. Unb rool^er biefer 
®rimm gegen ben einft fo l^ei^ ©eliebten, fo über atte 
3Wafeen Sewunberten? SBeil SBagner „plöfelid^ I^Ufto^ 
unb jerbrod^en vox bem d^riftlid^en Äreuje nieberfanf!" 
SBenn ba§ aud^ gemi^ nid^t au^gereid^t l^at, 5Riefefd^e 
ju einem Sßerbammung^urteil über bie ganje SBagner'fd^e 
aWufif ju tjeranlaffen, fo l^at e§ bod; geroife feinen SlidE 
für beren angreifbare SRomente gefd^arft. 3nbem er fid^ 
aber oon SBagner lo^fagte, trat er jugfeid^ feiner ganjen 
5Ratur gemä^ in ben äufeerften ©egenfafe ju il^m, bamit 
aber aud^ in einen ©egenfafe ju fid^ felbfi. S)er 3loman« 
tifer mirb inm nüd^ternen 9iationaliften. SOIer blinbe 
Snftinft, aHeg „©efül^l" ift il^m jumiber geworben, er 
!(ammert fid^ an bie SSernunft, er bringt e§ fertig, eine 
fociale 5RüfeIid^feit^moral ju prebigen unb bie SRüdffid^t 
auf Staat unb ©efeHfd^aft afe oberfle 5Rorm atter ©itt* 
lid^feit J^inäufieffen. SDa^ ©d^open^auer'fd^e „9Kitteib" 
mirb burd^ bie „SKoralität ber SBemunft" abgelöfi. S)ie 
®infid^t tritt an bie ©teile ber „^anblungömeife nad^ 
moralifd^en ©efül^Ien". „hinter ben ©efül^ten [teilen 
Urteile, meldte in ber gorm von ©efül^Ien un^ »ererbt 
werben. SDie ^nfpiration, bie au^ bem ©efü^te ftammt, 
ift ba^ ©nfelfinb eine§ Urteile — unb oft eineg fal* 
fd^en." „©einem ©efül^le oertrauen — ba§ l^ei§t feinem 
®ro§t)ater unb feiner ©ro^mutter unb beren ©rofeeltern 
mel^r gel^ord^en alö ben ©öttern, bie in un§ finb : unferer 
33ernunft unb unferer ©rfal^rung." ^n biefer 5ßeriobe 



- 33 - 

prebigt Jlie^fcf^e bcn genauen, unoermittelten ©egenfafe 
feiner fpdteren „ttberntoral". „©ic ©ered^tigfeit mufe 
in allen größer werben unb ber gewalttl^ätige Snftinft 
fd^roäd^er." „Sieber ju ©runbe gelten, aU l^affen unb 
fürd^ten, unb jweinial lieber ju®runbe gelten, 
al§ fid^ l^affen unb fürd^ten mad^en . . .!" ©rau^ 
jame, geroalttl^ätige 5Raturen finb „jurüdEgebtiebene 9Ren« 
fd^en, beren ©el^irn nid^t fo jart unb melfeitig fort« 
gebitbet worben ift; fie jeigen un^, wie wir alle waren." 
3n ber SReaJtion gegen SBagner^^Sd^openl^auer, in 
bem unberoufeten 3luffud^en ber ©egenföfee ju il^nen ent* 
bedt SRie^fd^e eine neue, eigenartige, reijooHe Stimmung: 
„3tul^e, @rö6e, ©onnenlid^t, biefe guten S)rei . . /' ^n 
biefer ©timmung fd^eint er einen 2lugenbHdE, ein Slbler 
mit ausgebreiteten ©d^mingen, ftill über 2lbgrünbin ju 
fd^ioeben unb fid^ felbft ju genießen. „^aS freie, furd^t* 
lofe Sd^meben über aj?enfcf;en, (Sitten, ©efefeen unb ben 
l^erfömmlid^en ©d^äfeungen ber S)inge, — bie g^reube an 
biefem münft^enSmerteften S^iftanbe — teilt ber ®r!en»= 
nenbe gerne mit." „S)aö ©lüdE beS ®rfennenben meiert 
bie ©d^ön^eit ber 2BeIt." S)ie ©d^ön^eit ber Sffielt 
— xoa^ gel^t fie ben „®rfennenben" anV. über ber 
fünftterif d^en greube, über bem fd^mebenben ©lüdfSjuftanbe 
beS ®rfennen§ fd^eint er bie ©rfenntnis ju oergeffen. 
S)er Äünftter in ber SKaSf e beä ^ofitioiften : er foll ben 
lernbegierigen ^n^üvtxn bie ftrengen ©efefee ber SEBiffen* 
fd^aft metl^obifd^ entroidfeln, unb er ift in bie ©d^önl^eit 
ber SBelt oerfunfen! Sffiie lange fonnte er fid^ an ber 
trodfenen 9?ü|tid^!eit, an bem 3beal für atte unb feinen 
genügen taffen! „^abe id^ nod^ ein 3i^)[? einen ö^fen, 
nad^ bem mein ©egel läuft?" flagt ber rüdfblidEenbe 
3aratl^uftra au^ ber ©timmung jener 3^it l^erauö. „9Ba§ 

u. (Srott^u^, Probleme unb G^avalterföpfe. 3 



— 84 - 

blieb mir nod^ jurfld? ßin^erj, mübc unb frcd^, ein 
unfteter SBille; glatter^^glflgel; ein öebrodfieneg diMffcat 
— 35eine ©efa^r ift feine Meine, bu freier ®eift unb 
SBanberer! 3)u l^nft baö ^kl verloren, — bamit l^aft 
bu aud^ ben Sfceg tjerlorcn." 3)aö 3^^^ ^^^^ iP i^t^ 
„©onne ber aWenfd^l^eit^'Sitfunft", biei^m in berÄultur 
ber SBemunft untergegangen roat. Sd^on ber junge 
SRiefef($e l^atte erfannt: „®§ l^at fi($ unmöglid^ erliefen, 
eine Äultur auf baö aBijfen ju bauen/' ©ine Äuttur 
auf ber Äunft roax von il^m in ber „Oeburt ber 2;ra= 
göbie" oerfu($t roorben. 3efet fteuert ber „Slrgonaule 
be^ 3beatö", wie er fid^ felbft genannt l;at, einen neuen 
Äur^, JU bem fern geal^nten ©onneneilanbe einer neuen, 
nod^ unentbecften Äultur. S)iefc§ ©ilanb, an beut er 
geftranbet i|i, biefe pl^antafiegefd^affene Äultur, bereu 
aSerfünbigung i^n jum ajlobepl^ilofopl^en feiner 3eit ge^* 
mad^t l^at, l^eifet: — „©rl^öl^ung be^ 2^ppu^ 
aWenfd^". 

„aWorgenröte" unb „^rö^lid^e aSiffenfd^aft" 
(1882) geleiten au^ ber 5ßeriobe beö „®rfennen§" in 
bie beö ©d^affenö, au^ ber rationaliftifd^^^mo- 
ralifd^en in bie „übermoralifd^e" leife l;inüber. 
S)ann, in ben Salären 1883—1885, reift bag Qanptto^tt 
9]ie6f(^e§, fein neue^ ©oangelium: „2llfo fprad^ 3^^^' 
tl^uftra, einSud^ fürSlHe unb Mnen/' ®ä ift, mit einem 
munberfd^önen Silbe an^ x^m felbft ju fpred^en: bie 
„3BoKe", bie fid^ „lange fd^on gefammelt" l^at, immer 
„ftiller unb bunfter" geworben ift, bis fie enblid^ „33lifee 
gebärt", — ad^, bie uerberbenfd^mangere 3Bolfe auä) über 
feinem eigenen Raupte ! ®r felbft nennt bief e§ SBerf fein 
„befteg", er l^abe bamit „ber 3)fenfd^l^eit baö tieffte 33ud^ 
gegeben, bag fie befifet". 2Bie ^Planeten um bie ©onne, 



— 85 - 

ftcßen fid^ bie ferneren ©d^riften: „3ienfeit§ von&ni 
uub 33öfe'' unb „3ur ©enealogie ber 9)ioraP' 
um biefe^ „tieffte SBud^". ©ie enthalten bie Segrüubimg 
unb Slu^geftaltung ber 3öratl^uftra=®eban!en, — - *®(n* 
gebungen ift wol^l ber rid^tige 3lu§bru(J. (Sagt er bod^ 
felbft t)on ben erften teilen, er l^abe faft jeben ©afe n)te 
„jugerufen" empfangen. ®ö folgen bann nod^ 1888 
„35er galt SB agn er", eine enbgültige 3l6red^nung mit 
bem geftüräten Sibol, meifterl;aft nur aU 5ßampf)Iet, unb 
bie „©öfeenbämmerung", bie er feine „5ßiIofopl^ie 
in nuce" unb „rabifal biö jum aSerbret^en" nennt. 
SRod^ ift ifim bie SSoHenbung beö „3tntid^rift" t)ergönnt, 
be§ erften XziU eines in ntel^reren Scinben geplanten 
3Ber!eö: „aSerfud^ einer Ummertung aller SBerte." S)ann 
jüdEt e^ oerjel^renb l^erab an^ ,/ftiIlen, bunfeln SBolfen" 
über feinem Raupte, unb e^ mirb ftill unb bunfel um 
il^n — für immer. SBal^rlid^, eö ift bafür geforgt, ba^ 
bie Säume nid^t in ben ^immel mad^fen! . . . 

3arat^uftra ^at mit bem gefd^id^tlid^en SBeifen nur 
ben Slamen gemein. 3<^^^^^iift^^ ift SRiefefd^e, ber poten* 
jierte SRiefefc^e, Jliefefd^e in ber l^öd^ften 5ßotenj. ®r ift 
bie „Snfarnation beö SBiUen^ jur 3Kenfd^l^eitöerl^öl^ung", 
— al§ fold^e l^at er fid^ felbft betrad^tet. SBol^l feien er 
unb bie Seltenen, bie il^n rerftel^en, bie „©rfennenben". 
2lber nid^t auf bem fteinigen, l^ei^en, l^arten 5|Jfabe be§ 
?ßofitim§mu^ , ber firengen miffenfd^aftlid^en 3Jletl^obe 
finbet er bie @r!enntni^, fonbern auf einfamer SBanberung 
bur($ baö ©ebirge, unb in feiner einfamen ^öl^le mirb er 
von i^r überrafd;t, wie bie burftige @rbe oom fru($tbaren, 
marmen gviil^ling^gemitter überrafd^t mirb. S)enn nie ju= 
t)or ^at ein 3}ienfd^ gefe^en, mag 3<^^^^^"fte^ af^nung^Dott 
t)or fid^ ausgebreitet fd^aut: bie feiigen ©efilbe ber3utunft. 



— 36 - 

bic „l^öd^fte Hoffnung be^ aWenfd^engcfdjled^tö" , baö 
„Äinbcr^^Sanb". „^aufenb 5ßfabe giebt cö, bie nod^ nie 
gegangen finb; taufenb ®efunb|eiten unb verborgene 
®i(anbe beg fieben§. Unerfd^öpft unb unentbecft ijl immer 
nod^ 3Wenfd^ unb 3Wenfd^en'6rbe. — 3u bie ^öl^e n)itt e§ 
fid^ bauen mit 5ßf eilern unb ©tufen, ba^fieben felber; 
in weite fernen luiH e§ blicfen unb l^inau^ nad^ fetigen 
©d^önl^eiten. ©teigen mill baö Seben unb fid^ fteigenb 
übenüinben. — Sd^ wanble unter SRenfd^en atö ben 
33rud^ftüdEen ber B^i^^ii^ft * jener Bwfunft, bie id^ fd^aue. — 
®uer Äinber-Sanb follt il^r lieben, — bag unentbedfte 
im fernften 3Reere! 9iad^ il^m l^eifee id^ eure ©egel fud^en 
unb fu($en! — D! meldte vielen 3JJeere rings um 
mx^, meldte bäminernben 3Jlenfd^en=3u!flnfte! — SJBie 
aSieleS ift nod^ möglid^! — be§ SKenfd^en gemfteö, 
^Tieffte«, ©temen^öö^fteö, — feine ungel^eure Äraft!" 
SBie aber biefes bämmernbe 3^^it^f^^9^ft^^^ ^^' 
reid^en? 2)enn freilid^: moHen mir ber SDlagnetnabel 
unferer bi^l^erigen Äultur unb il^rer 3Roral aud^ fürber^* 
l^in folgen, bann entfernen mir un^ nur immer meiter 
t)om QkU. Unfere Kultur l^at bie 9Renfd^en Heiner, 
ni($t größer, fd^mäd^er, nid^t mäd^tiger gemad^t. Unfere 
SJloral mit il^ren aöfetifd^en Sbealen ift eine 3Woral ber 
5Riebergangömerte, nid^t ber auffteigenben. 5Rid^t im nn^ 
frud^tbaren ©d^ofee ber l^eutigen Äultur unb 3Roral mad^* 
fen bie l^arten @t^e, an^ benen ber ®eniuS ber 9Kenfd^* 
l^eit ba^ ©d^mert jur (Eroberung l^errlid^er 3ufunft§reid^e 
fd^mieben tann, fonbern in ben abgrünbigen S^iefen ber 
SRatur, in jenen natürlid^en ^»nftinften beS 
9)leufd^en, bie aller Kultur jum Xxo^ nocf; un* 
gebänbigt geblieben finb, unb bie eö nidjt 
}u befämpfen, fonbern immer l^öi^er unb 



— 37 — 

Ijöl^er ju ftctgern gilt. Sllfo: l^crauö aM ber 
J^ä\Mid)zn mobcrnen ©cfüJ^I^Dcrroeid^ltd^ung" unb : 
„l^inauf in bie l^ol^c, freie, felbft frud^tbare SRatur unb 
SRatürlid^feit". 5Rid^t auf bie ©d^affung eine§ trägen, 
gefräßigen ^erbengtfufS fommt eg an, nid^t auf bie 3«= 
friebenfteHung ber „2inermeiften" unb „aSietjuoielen", 
fonbem auf bie ©ntraidtung ber „großen @in je Inen" 
ju ber l^ö($ften 5ßrad^t unb aJlä($tigteit. „SBeber ber 
©taat, nod^ ba§ SBolf, nod^ bie SDlen jd^l^eit pnb il^rer felbft 
wegen ba, fonbem in il^ren ©pifeen, ben großen ©in- 
jelnen, liegt bai^ S^^U — biefeg 3^^^ «^^^^ w# 
über bie 3Kenfd^l^eit l^inau^. — SIu^ allebem wirb Kar, 
baß ber ®eniu^ nid^t ber 3Wenfd^l^eit wegen ba ift: 
roäl^renb er allerbing^ berfelben ©pifee unb lefete^ 3^^' 
ift" „S)ie 3Kenfd^l^eit fott fortwä^renb baran arbeiten, 
einzelne große aJlenfd^en ju erzeugen, bie§ unb nid^tö an^ 
bereg fonft ift il^re 3lufgabe." 3)iefe ©ebanfen taud^en 
fd^on in ben ©d^riften be§ jungen Mefefd^e auf unb Der* 
bidjten fid^ fd^ließli(^ ju ben l^errfdtienben ©efid^töpunften 
feiner ganjen Äulturbetrad^tung. „®in 3Solf ift nur ber 
Umfd^roeif ber Statur, um ju fed^g, fieben großen Scannern 
JU fominen, — unb um bann um fie l^erum ju !ommen." 
2lIfo aud^ ber große 3Kenfd^ ift nod^ fein tefete^ 3^^^/ 
biefe§ S^d weift uielmel^r nod^ „über ben aJlenfd^en 
l^inaug" — auf ben „ftbermenf d^en", ben 3cxratl^uftra 
für ben „©inn biefer @rbe" erftärt. 

3n)ifd^en aJlenfd^ unb 3Kenfd^ liegt eine „abgrünb* 
Hd^ tiefe SRangHuft". „SDeö 3)tenfd^en ©efeUfd^aft ift ein 
aSerfud^ — ein langet ©ud^en: fie fud^t aber ben 
33 ef eitlen ben." „3ebe 9teuanfd^affung einer Kultur 
gefd^ie^t burd^ ftarfe Dorbilbtidfie 9?aturen." /,3ebe @r* 

lung beö 5Cppug 3}ienfd^ war bi^lier ba§ Sßerf einer 



— 88 — 

ariftofcatifd^en ©efellfd^af t.." a)a ber arifiofratifd^c SDicnfd^ 
ha^ Qid ber aKcnfd^l^eü ifl, fo ift er nid^t nur ©d^öpfer, 
fonbern aud^ ^rotd unb 3nbe9riff aller Äiiltur. S)a5 
l^öd^fte ©treben mufe bal^er barauf geridjtet fein, bie beft^^ 
möglid^en ßeben^bebingungen jur ©ntroicf lung , ja jur 
Südfitung großer ©injelner ju fd^affen. „S)a liegen nod^ 
Hoffnungen: 3üdt|tung ber bebcutenben aJlenfd^en." aber 
wie? Söirb nid^t ber einzelne an ber ©ntfaftung feinet 
natürlid^en Xxkit unb Gräfte beftänbig oerl^inbert — 
burd^ anbere, burd^ Staat unb ©efettfd^aft, tnel^r oietteid^t 
nod^ burd^ fid^ felbft? 9Birb nid^t bag SBoffen überott 
t)om SDürfen befd^ränft? geige am Soben baJ^infrie« 
(^enbe Sd^linggeroäd^fe uniftridEen aHüberatt ben guß beS 
gelben unb l^emmen feinen flingenben ©d[;ritt. 3Bag iji 
bie SEBurjel biefeö fd^leid^enben ttbefö? Unfere SRoral, 
unfere jämmerUd^e , fd^mäd^Iid^e SDlitleibMoral , unfere 
a^fetifdfien Sbeale, biefe „5Riebergang§ii)erte, bie unter 
ben l^eiligften SRamen bie ^errfdfiaft fül^ren!" 

„aJlan nal^m ben SBert biefer SBerte afe gegeben, aU 
tl^atfäd^lid^, afö jenfeits aller grageftellung. — ^n aller 
bi^^erigen SBiffenf d^aft ber 3Jloral fehlte nod^ ba^ ^Problem 
ber 3Koral felbft: e^ fel^lte ber ^Irgwol^n, baß e^ l^ier 
etwaö ^ßroblentatifd^e^ gebe. SBa^ bie ^p^ilofopl^en SBe* 
grünbung ber Floxal nannten, war, im wahren Sid^te 
gefeiten, nur eine geleierte gorm be§ guten ©lauben^ 
an bie l^errfd^enbe 3Jloral — ja fogar eine 2lrt Seugnung, 
baß bie Floxal alö ^ßroblem gefaßt werben biirfe." — 
„3J?an l^at bi^l^er aud^ nid^t im entfernteften baran ge^ 
jmeifelt unb gefd^manft, ben ,@uten* für I;öl;ern)ertig al^ 
ben ,33öfen* anjufelen, l^öfiermertig im ©inne ber gör= 
berung, Jlüfelid^f eit , ©ebeifilid^feit in ^infid^t auf ben 
9)?enfd^en überl^aupt. 3Bie? xotnn ba^3 Umgefel^rte bie 



- 39 - 

SBal^rl^eit wäre? — ©o bafe gerabc bic SKoral baran 
fd^ulb wäre, wenn eine an fid^ möglid^e l^öd^fte aJläd^tig- 
feit unb ^ßrad^t bc^ Xyipu^ 3Kenf($ niemate errei(^t 
würbe?" 

Unb ju biefem ©d^luffe gelangt SRiefefd^e atterbing^. 
SBir preifen unfer 3Wttletb. — „9ld^, wo in ber 3Bett 
gefd^el^en größere S^l^orl^eiten al§ bei ben SKitleibigen ? 
Unb roa^ in ber SBelt ftiftete mel^r £eib atö bie S^l^or^ 
l^eiten ber 3JJitleibigen? 3Bel^e ben Siebenben, bie ni($t 
nod^ eine ^öl^e l^aben, bie über il^rem SDlitleiben ift ! — 
3JiitIeiben ifi jubringlid^. aitte ©d^affenben finb l^art. 
2lIIe große Siebe ift über il^rem 3Kitleiben." SBir rül^men 
unfere SWäd^ftenliebe. „35er Ärieg unb ber Tlut l^aben 
mel^r große S)inge getl^an ate bie SRäd^ftenliebe. SRid^t 
euer 3Kitleiben, fonbern eure S^apferfeit rettete bi^l^er 
bie SSerunglüdEten. 3Ba§ ifi gut? fragt il^r. S^apfer 
fein ift gut. Saßt bie f leinen SDläbd^en reben : gut fein 
ift, waö l^übfdti jugleid^ unb rül^renb ift." 

$Rid^t baö weidjlid^e, gefüf)lfame SKitleib bringt ben 
2;ppu§ aJlenfd^ in bie ^öfie, fonbern bie l^arte, fanipf* 
geftäl^tte, fd^onungölofe Äraft. „S)a§ SDlitleiben freujt 
im ganjen, großen ba§ ®efefe ber ®ntwidflung, weld^eg 
baö ®efefe ber ©eteftion ift. — ®ö erl^ätt, toa^ jum 
Untergange reif i(i." 35ie ^Religionen „erl^ielten ju oiel 
oon bem, wa^ ju ©runbe gelten fottte." „3ln Unl^eit 
barem foll man nid^t Slrjt fein woBen! — SBa§ fällt, 
baö fott man nod^ ftoßen ! — S)ie ©d^ wad^en unb aKiß=^ 
ratenen fotten ju ®runbe gelten. Unb man fott il;nen 
nod^ baju l^elfen." „^n oiel fd^onenb, ju tjiel nad^= 
gebenb: fo ift euer ®rbreid^. aber baß ein 33aum groß 
werbe, baju witt er um l^arte gelfen l^arte SBurjeln 
fd&lagen." SBa^ l^art mad^t, mix^tn wir auffud^cn. ^art 



— 40 — 

wirb ber ©tal^l im gcuer : int geuer ber ungebänbigten 
ßeibenfd^aften tiiüffcn mx unferen SBittcn l^ärten, fold^c 
geuer ^at aber immer bai^ //35öfe" cntjünbet, bai^ ®rau= 
fame, SBilbe, SJprannifd^e. 35egl^atb mu§ ber SRenfd^ 
immer ^fbeffer unb böfer" werben. „3)a^ 33öfe ijl be§ 
3Renfd^en befte Äraft." „gaft atteg, mai^ mir l^öl^ere 
Äultur nennen, berufit auf ber SBergeiftigung unb SBer= 
tiefung ber ©rauf amfelt!" SlUe bie SCriebe unbSeibem 
fd^aften, bie mir böfe nennen, muffen im „^auSl^alte be^ 
ßebeni^" nid^t nur „grunbfä^Iid^ unb grunbmefentlid^ t)or* 
l^anben" fein, fonbem aud^ no($ gefteigert merbeit, bamit 
baS £eben felbft gefteigert werben fann: „®rft mu^ bie 
©(^lange jum 2)rad^en geworben fein, bamit einer an 
il^r }um ö^fi>cn werben fönne." ^t gröfeer unb mäd^* 
tiger bie einanber jerfleifd^enbcn SRaubtiere, um fo l^err- 
lid^er bie Slu^lefe ber größten unb mäd^tigften, um fo 
prä($tiger ber 2;r)pu$ be§ attergrö&ten unb attermäd^tig^^ 
ften, ber ^err über fie wirb, ©o beraufd^t fid^ SRiefefd^e 
am legten ®nbe an ber äftl^etifd^en ©d^önl^eit unb Äraft 
be^ menfd^lid^en SRaubtierS, be§ SSerbret^er^, „biefer ge= 
fünbeften tropifd^en Untiere unb ©ewäd^fe", — eine per* 
oerfe 2lu^fd^weifung beg ©eifte^, bie nur patl^ologifd^ 
oerftanben werben fann. 

„Sffierbet l^art!" ruft B^^^tl^uftra feinen Jüngern 
ju. „^^t follt es immer fd^limmer unb l^ärter l^aben — 
fo allein wä($ft ber 3Renfd^ in bie ^öl^e." SHfo nid^t 
nur felbft foHen fie l^ärter werben, fie foHen eS au($ 
immer l^ärter unb f($limmer l^abeft. S)em l^at bie SBeiS=^ 
f^eit 3<^^^t^uftrad nie il^r ftrengeS 3lntlife entfd^leiert, ber 
burd^ fie bem Seibe ju entrinnen l^offt. „3^t wollt wo* 
möglid^ bas Seiben ab fd^ äffen; unb wir? e§ fdf;eint, 
wir wollen eS Heber nod^ l^öl^er unb fd^limmer 



- 41 - 

f)aU\\, ate je eg war! SBol^Ibefinben, wie i^r e§ oer* 
fielet, — ba^ ift ja fein 3i^I/ baS fd^cint un§ ein ®nbe. 
— S)ie 3w^t bed Seibens, be§ großen fieibenö — 
wifet il^r ni($t, ba& nur biefe 3ii^t ^He (grl^öl^ungen 
beg 3Kenfd^en bi^l^er gefd^affen ^at." . . . „®^ beftimmt 
beinal^e bie SRangorbnung, mt tief einer leiben fann." 
„S)aö tiefe Seiben mad^t t)orneI;m; eg trennt." 3lid^t§ 
roiberroärtiger , als ber ©ebanfe an finnlid^eö Sel^agen 
unb ©eniefeen: „aWan foH nid^t genießen luoüen." 
$ier erinnern roir un§ an baö ©oetl^eroort: „©enteren 
mad^t gemein." 

©nfi I^Qtte ber junge 5Riefefdtie mit ©d^openljauer 
ba^ Seben verneint unb bie Duelle aller 3Korat im 
SJWtleibe gefunben. 3efet bejal^t er ba^ Seben, unb 
be^l^alb muB aud^ feine 3Jloral ba^ Seben bejal^en» ^a 
aber jum Seben ba§ Seiben ebenfo notmenbig gel^ört, 
mie bag Söfe, fo muffen aud^ biefe beiben t)on ber 
Floxal bejal^t werben, ©ie fann bemnad^ weber eine 
SRoral beä ©lüdfe^, nod^ eine 9Koral be§ 9)litleib§ fein. 
3)ie erfte verneint baö Seiben, bie jmeite oerneint baS 
Seben felbft, inbem fle e^ t)erneinung^n)ürbig mad^t. 
SDenn „3Kitleib ift ebenfo aU 3KuItipUIator beg ©lenbi^ 
mie aU Äonferoator alle^ ©(enben ein ^auptmerfjeug 
jur Steigerung ber S)ecabence." 35ie SKoral mufe au§ 
bem x>oH bejal^ten, öoH ju bejal^enben Seben felbft l^erau^* 
fliegen, Seben aber ift „Snftinft für 9Bad^§tum, für 
S)auer, für Häufung von Gräften, für SKad^t". „Seben 
ift wefentlid^ 2lneignung, SSerlefeung, Überwältigung 
be^ ^emben unb ©d^mäd^eren, Unterbrüdfung , ^ärte, 
äufjroängung eigener formen, ©inoerleibung unb min^ 
beftenS, milbeften^ Slu^beutung. S)ie Slu^beutung gel^ört 
nid^t einer uerberbtcn ober unooDIommenen unb primi- 



- 42 - 

ttocn ©efcHfd^aft an: fte gcl^ört in^ SBefcn be§ ßeben« 
bigcn, ate orgaiüfi^c Onmbfunftion, fie ift eine golge 
bcg eigentlid^cn 2öi((en8 jur aJlad;t, ber eben 
bcr 9Bille bei^ »eben« ift." SDer SBJiUe be^ geben« 
ift alfo ni($t ber ©d^open^auer'fd^e SEBitte jum S)afein, 
fonbern ber SBille }u mel^r Seben, ju gel^auftem, 
gefteigertem fieben, jur aJiad^t. „S)er traf freitid^ 
bie SEBa^rl^eit nid^t, ber baS SBort nad^ il^r fd^ofe t)om 
3SiIIen jum 35afein; nid^t SBitte jum fieben, fonbern, 
fo leiere W^ bid^: SBitte jur aRa^t." 

3)er autonome SBiße jur SKad^t ift ba§ 5princip atte« 
fieben« unb bantit atter SKoraL 33ei Äant erjroang fid^ 
ber autonome SBille ben fategorifd^en ^ntperatio beS 
©ittengef efee§ , bei SRiefefd^e fd^tiefet er i^n au«. S)er 
autonome aSitte fte^t „ienfeit« von ®ut unb Söfe". ®ut 
unb 33öfe finb feine 5ßoftulate einer allgemeinen, „praf* 
tifd^en SSernunft", feine urfprünglid^en SBerturteile, feine 
moralifd^en 5E^atfad^en, fonbern gefd^id^tUd^ geworbene 
^erbenbegriffe. „S)er aber l^at fid^ f eiber entbedft, meld^er 
fprid^t: 2)a« ift mein ®ute« unb 33öfeg. S)amit l^at 
er ben 3JlauIrourf ftumm gemad^t, weld^er fprid^t: 3ltlen 
gut, allen böS/' 2lbgrünblid^ tief ift ja bie SRangfluft 
jmifd^en 3Renfd^ unb SRenfd^, unb eroig foll ba« „5ßatl)o« 
ber SDiftanj" ben ^öl)eren oon bem Jliebrigeren unb 
bie Sluf gaben beiber au^einanberl^alten. gür ben „r)or= 
nel^men 3J?enf d^en" bie ,,t)omel^me SDloral" ; für ben ge* 
ringen — bie Seftimmung, fid^ für ben SSorne^men ju 
opfern. 5ßfli($ten l^at ber 5Bornel^me „nur gegen ©einei^* 
gleid^en"; „gegen bie SBefen niebrigeren SRange^" barf 
man „nad; ©utbünfen ober roie bag ^erj e§ roiH, 
l^anbeln — l^ierl^in mag aJlitleiben ober bergleid^en ge* 
^ören". SDie Slriftofratie, ba^ „SBo^l ber SBenigften", 



— 43 — 

ju bem ba^ „SEBo^l bcr aKeiftcn" ben „entgeigengcfcljtcn 
2Bert«®eTic^töpunft" bilbct, ift bag 3iel bcr Tnenf($liien 
©efcHfd^üft. „S)a^ SBefen einer jeben guten unb gefunben 
Slriftofratie ift, bafe fie ftd^ nid^t al^ gunftion beg 
©emeinraefen^, fonbern aU beffen ©inn unb 
l^öd^fte 5Red^tfertigung fii^tt; bafe fie mit gutem 
©eroiffen ba§ Opfer einer Unjal^l von 3Renf($en f)in- 
nimmt, meldte itm ifiretroillen ju u n t) o l Ift änb igen 
2Renfd;en, ©fXat)en, SBerfjeugen l^erabgebrüdEt 
unb üerminbert werben muffen. " 2)er ariftof ratif d^e 
SRenfd^ jerbrid^t bie atten ©ütertafeln, er fd^afft fid^ ein 
mm^ „®ut" unb „SBöfe". „2Ba^ ift gut? — Me^, 
mag bag ©efü^l ber aJiad^t, ben SBiaen jur mai)t, bie 
3Kad^t felbft im 3«enfd&en erp^t. 2Bag ift fd^led^t? — 
araeg, ma§ aug ber ©d^mäd^e ftammt. SBag ift ©lüdf? 
— S)ag ©efüfil baoon, bafe bie SRod^t mäd^ji, bafe ein 
SBiberftanb übermunben mirb. SR id^t aufrieben* 
l^eit, fonbern mef)r 3Jla(^t; nid^t griebe, fonbern Ärieg; 
uid^t Stugenb, fonbern 5tüd^tigfeit (SCugenb im 3?e= 
naiffanceftile, moralinfreie S^ugenb)." 3)ag ift bie malere, 
bie iöerrenmoral! 3Sa§ bie gro^e SKaffe l^eute unter 
3)ioral oerftel^t, ba^ ift bie „©f Iat)enmoral", bie fie 
jur illegitimen ißerrfd^aft erl^oben "Sfat, bie 3JioraI ber 
©d^mai^en, Steigen, SRiebrigen, Äranfen, bie SDloral beg 
3teffentimentg unb ber 3)ecabence. 

Jlid^t immer mar fie bie l^errfd^enbe. 3Wd^t immer 
nannte man bie ©Uten bö^ unb bie ©d^led^ten gut. !Der 
©egenfafe l^ieg urfprüngtid^ nid^t gut unb böfe, fonbern 
gut unb fd^Ied^t. „©ut" mar einftmal^ bie ©elbfi= 
bejeid;nung, ©elbftbejal^ung, ©elbftoerl^errUd^ung ber SSor- 
nel^men unb ©tarfen, ber Slu^brudf für „ha^ ©efüt)l 
ber güHe, ber 2Kad^t, bie überftrömen mill". ^n biefem 



- 44 - 

jubclnbett, jaud^jenben ©efül^Ic riefen bie (Suten fid^ felbft: 
„2Bir aSornel^men, wir ©uteri, rotr ©d^önen, wir ®lücl^ 
lid^en!" 2)ie ©d^afcuug „gut" rül^rt nid^t von benen 
^tx, Tüeld^en ®üte emiefen wirb, »ielmel^r finb e^ ,bie 
©Uten* fetter geroefen, baiJ l^ei^t bie SBomel^men, SIRäd^* 
tigen, fiöl^ergeftellten unb fiod^gefinnten , wetd^e fid^ 
f e I b ft unb ü^r S:i^un afö gut, näntlid^ afö erjlen 9langeiJ, 
empf anben unb anfefeten, im ©egenfaft §u allem SWebrigen, 
SRiebriggefinnten, ©emeinen, ^pöbelhaften. S)er eigent« 
Kd^e ©egenfafe ium „©uten" ifl ba^ „©d^led^te", b. 1^. 
bai^ ©emöl^nlidtie, SRiebriggeborene, ©emeine, © d^ l i d^ t e, 

— ba§, ma^ bie „©uten" atö „fdfiled^t" empfanben unb 
Derad^teten: „baS nad^geborene Äontraflbilb ju intern 
pofititjen, burd^ unb burd^ mit Seben getränften ©runb* 
begriff." S)iefe „©d^led^ten", bie unter ber ^enfd^aft unb 
aSerad;tung ber „©uten", b. 1^. ber SBornel^men, ©tarlen 
leiben mußten, räd^len fid^, inbem fie für fie ben SBegriff 
„böfe" erfanben. ©ie ^atttn i^nen nid^t^ ?ßofitioe^, 
©elbftbejal^enbeä entgegenjufe|en, be^l^alb mufete fid^ il^r 
ol^nmäd^tigcr SWeib in negatiDen, üerfleinernben, J^ämifd^* 
f(^ielenben Urteilen ©enüge tl^un: Sl^r ©ewalttl^ätigen, 
il^r fierrf d^füd^tigcn, il^r ^od^mütigen, i^r SBöfen ! 3a, 
eg gelang il^nen, bie urfprünglid^en, mal^rl^aftigen SEBert- 
urteile ju fälfd^en, bie „ö^^renmoral" ju »erbrangen unb 
an beren ©teile il^re eigene „©flarenmoral" jur l^err* 
fd^enben ju ntad^en. SDer „©Haüenaufftanb in ber 9Jloral" 

— beffen ^crb ber „burd^ unb burd^ morbibe SBoben" 
3ubäag — beffen gül^rer unb aSorfämpf er ©l^riftug ! SDaö 
©Iriflentum ift nad^ Jliefefd^e nur eine Umfe^rung bei 
alten, urfprünglid^en SBerte in i|r ©egenteil. 

©olange diom t)on ber Qtmnmoxai regiert mürbe, 
mar e§ grofe unb mäd^tig, entfaltete e^ immer größere 



— 45 — 

Sßxac^i unb SRad^tigfcit. SRüdEfid^tglog beugte ber Slömet 
faji bie ganje bekannte 2Belt unter fein 3od^. 3)ann 
empfing er burd^ bie Serül^rung mit bem ^ubentum bie 
tjerJ^ängni'^ooIIe 3!nfeftion mit bem d^rifilid^en GJifte. 2)ic 
ftarfen unb gefunben römifd^en Ferren entarten unb 
merben eine leidste S3eute ber prad^toollen „blonbgetodEten 
germonifd^en Seftie". 2l6er auiS bem ©teingeröll be« jer* 
trümmerten SRomg jifd^t bie ©d^Ionge ber ©Haoenmoral 
empor unb t)€rgiftet aud^ bie blül^enbe ©efunbl^eit beS 
germonifd^en ^errenooH^, bog nun aud^ einem longfamen 
©ied[|tum preisgegeben ift. ^nimerl^in erl^ätt fid^ in ber 
prad^tliebenben unb l^errfd^füd^tigen fatl^ottfd^en Äird^e beS 
3)iiitelatter^ mit il^rer oriftoftotifd^en Drganifotion, il^ren 
t)omel^men, feinen ^rieftern unb Sifd^öfen nod^ ein guter 
Xeit urfprüngtid^er Äraft. ®§ t)oIIjiel^t fid^ eine 9teaftion 
gegen ben d^riftlid^en ©eifi, bie il^ren ^öl^epunft in ber 
91 e n Q i f f a n c e, ber SBiebergeburt ber i^eibnifd^en ^erren= 
moral, erreid^t unb fogor in mel^reren 5päpften jur 
§errfd^aft gelangt. ®a mu^ nun aber ein plumper, bau* 
rlfd^er SWönd^ fommen, ber biefen foftbaren ©piegel alter 
l^eibnifd^er ^errlid^feit mit feinen groben gciuften jer= 
trümmert: — Sutl^er. 2)ie SReformation ift ber 
©flaoenaufftanb in ber Äird^e. 3?un gel^t eg 
mieber abwärts, biö l^inab in bie unterfte gärenbe S^iefe 
ber 5ßöbell^errf d^aft — : bie franjöfif d^e 5Ret)olution. S)ann 
flammt eö nod^ ein lefeteS Tlal mit blutig^rotem ©d^eine 
über bie mübe bal^inbämmernbeSKenfd^l^eit: ber Ferren* 
menfd^ 5Rapoleon mad^t feinen fouoeränen SBiHen jum 
©efefe für bie Sßölfer. 2lber audf; biefer ©emaltige mirb 
oon ben SBieljuoielen erroürgt, unb oon nun ab bietet 
bie ©efd^id^te nur nod^ bas iammeroolle ©d^aufpiel einer 
ftetigen SSerminberung be§ ^ppuö aWenfd^ ins Kleine, 



- 46 - 

^ßöbell^afte, ©cmcine, S)emofratifd^e. 3u grauer 3)ätn= 
meruiiß t)erfd^iDiinmt alleö ©rofec iiub ©cwottige, Ur* 
n)üd^f{gs6d^önc §u troftlofcm 6iuer(ci, unb bcr mobcrne 
©ocittliÄmuÄ fd^idt fid^ an, bic ©Tbc in eine einjige 
gleid^förmige grüne aBeibewflfte ju t)em)anbeln, n)0 bie 
grafenbe, blöfenbe ^erbe o^ne ^irt i^rem gemeinen 
^erbenglüde ftumpffinnig fröl^nt. . . . 

3ft feine SRettung quo biefem unfäglid^en Kammer? 
S)oci^! — SBoju rodre benn fonft 3?iefefd^e=3ötQtl^uftra 
erfd^ienen, bie „Qnfornation be« SBilleng jur a)ien[d^l^eit§= 
erpf;ung" ? ©in neuer 9Kofe^ jeigt er ben ©einigen ben 
SBeg au^ ber SBüfte, wie 9Kofeö fd^Wgt er mit feinem 
3auberftabe an fiarte e^etfen, unb fiel^e! — an^ bem 
l^arten gelSgeftein fprubelt ba§ frif d[;e aBaf[er be^Seben^. 
S)arum: „®clo6t fei, mag l^art mad^t!" gort mit ber 
roei6lirf;en ©mpfinbfamfeit, ber läl;menben unb entneroen* 
ben 3)ioral beg 9)iitleibeg, ber ©ntfagung, ®ered[|tigfeit, 
Sanftmut, $fläd^ftenliebe, jurüdE jur eisernen autonomen 
SBiUen^moral beö ^errenmen[d^en, ber fid^ im (Sefül^l 
feinet eigenen überlegenen SBerteö rüdEfid^tölo^ burd^ju- 
feßen roei^, über all bag niebrige ©eftrüpp, bie Kleinen, 
©rf;mad;en, Äranfen ju feinen gü^en mit mud^tigen 
©d;ritten jermalmenb bal^infd^reitet, leine 5pfUd^ten lennt 
unb feine ®I)rfurd^t, afö nur gegen fid^ unb ©eineg- 
gleid^en, in meldten er fid^ felbft empfinbet unb el^rt. 
©0 allein mäd^ft ber 9Kenfd^ in bie igöl^e! 

Sllfo fprid^t 3^^ötl^uftra. 

Unb leud^tenben Slugeg fd^aut er in bie ferne ^n- 
fünft, mo bie 9Korgenfonne bampfenb bem 3)kere entfteigt. 
2l6er ba legt eö fid^ plöfelid^ mie ein ©d^atten über fein 
burdjtjeiftigteä Slntliß, mie tiefer ©d^mei^, mie ®fel unb 
®ntfe^en gräbt eS fid^ in feine leibenburd^furd^ten 3üge. 



— 47 - 

Gin alter, begrabener ©ebanfe ifl il^m gefpenfttfd^ wieber 
auf erftanben : ber ©ebanfe — einer eroigen SBieber^ 
fünft alter S)inge. „9lcl^, ber aJlenfd^ feiert eroig 
roieber! SDer Heine aWenfd^ feiert eroig roieber! 2lIl5U:= 
Mein aud^ ber ©rö^te ! — Unb eroige SBieberf unft aud^ 
beö Äteinften! ^^, ©fei! @fel! ®fel!" 2)iefer ®e^ 
banfe roar $fliefefd;e fd;on frül^er angeflogen. 6r felbft 
l^atte if)n in ber ©d^rift „Über ben SRufeen unb $flad^tei( 
ber ^iftorie" ate bie Seigre ber ^ptl^agoräer oerfpottet: 
„bafe bei gteid^er ÄonfteHation ber l^immlifd^en Äörper 
aud^ auf ©rben ba§ (Steid^e unb jroar bi^ aufd einjelne 
unb Meinfte roieberfe^ren muffe." ©päter erfd^ien i^m 
biefe Sefire al^ eigene ®ingebung. ©ie erfd^ütterte il^n 
im tiefften. SBenn aud^ bie l^öd^fte ©ntroidEtung be§ 
9Wenfd^en an ben ©renjen be^ ®roigs3Kenfd^fid^en ein 
®nbe fxnben, roenn aud^ bag l^öd^fle ©jemplar beS ^ppu^ 
3Jlenfd^ nur al^ l^öd^fter, aber gleid^erSKenfd^ immer 
roieberfel^ren mufe, — roo ift bann eine ©rtöfung aug 
biefem eroig gebunbenen Ärei^Iaufe? S)ie ©rlöfung ift 
— ber „Übermenfd^". SBenn ber 9JJenfd^ eine ^öl^e 
erreid^t, bie über baS 9)ienfd^lid^e l^inau^ragt, bann fei 
aud^ feine SBieberfunft, bie SBieberfunft be^ Übermenfd^en, 
freubig begrübt. SBenn ber SWenfd^ „ein Übergang" 
§um Übermenfd^en unb jugteid^ „ein Untergang" in il^m 
ift, bann ift für il^n nod^ eine „l^öd^fte Hoffnung"; bann 
fei roillfommen, bu „l^od^jeittid^er SRing ber SRinge", bu 
„9ting ber eroigen SBieberfunft", bu „lefete Seftätigung 
be« 3BiIIen^ jum 2tbm", jur 3Rad^t! 

Sltfo fprid^t ßöratl^uftra — ber ©el^er, ber J)id^ter, 
ber Äünftler. — 3ft er aud^ ein 5pi)iIofopI)? „Slber, roa§ 
liegt baran?!" antroortet 5Rie|jfd^e felbft. „Sffiir ^p^ilo« 
fopl^en", fd^reibt er an SBranbe^, „finb für nid^tg bau!« 



- 48 - 

Oarcr, afö wenn man un^ mit ben Äünftlem Dcrrocc^^fclt." 
9hin, Rani t;at gcroife nod^ nicmanb mit einem Äünftter 
üerwed^felt, unb er märe bafür mol^l aud^ fd^merlid^ 
ban!6ar geroefen. 3?iefefd^e aber mit einem Äünftler }U 
üermedjfeln, ift be^l^alb nid^t möglich, weil er in ber 
Xi)at Äünftfer ift. S)a§ 83efte, mag er gefd^rieben, ing« 
befonbere ber B^^^tJ^wf*^^ / ip ©ebanfenlprif unb 
lüirb qI§ fold^e immer il^ren äftl^etifd^en SBert bel^alten. 
©ein ganjeg „©pftem" ijl nid^t auf notmenbigen togifd^en 
SBorauSfefeungen unb ©d^Iüffen aufgebaut, fonbern auf 
f ubjef tiüen Stimmungen. (Stimmungen med^fetn unb 
miberfpred^en fid^. ©o ift aud^ SRiefefd^e in beflänbigen 
SBanblungen unb SBiberfprüd^en begriffen. Sßiemanb 
mufete bag fo gut, wie er felbft: — „S)iefer S)en!er 
brandet niemanben, ber if)n miberlegt; er genügt pd^ 
baju felber." 3la^ il^m giebt eg „am 5pi^ilofopl^en ganj 
unb gar nid^tö Unperfönlid^eg". 6§ bebeutet fomit eine 
gänjUd^e 5preiggabe ber eigenen 5perfönlid^feit, ^itbimbua« 
lität, miß man biefem perfönlid^ften aller S)enfer SWad^t 
über fid^ einräumen, feine ®eban!en unb ©mpfinbungen 
fid^ afö binbenbe SBal^rl^eiten aneignen. Sfiiemanb ift 
eigentUd^ weniger $flie^frfjeaner, atö wer fid^ afe fold^er 
fül^tt unb befennt. SBie gering, mie unbebeutenb mufe 
eine Snbioibualität fein, bie e§ über pd^ gewinnt, ben 
Saunen unb Stimmungen einer anberen unb überbieg 
einer fo milff ürlid^en , au^fd^liefelid^en burd^ alle il^re 
SBiberfprüd^e gel^orfam ju folgen ! S)amit ift aber aud^ 
bag Urteil über alle lärmenbe, bramarbafierenbe ©efolg* 
fd^aft beS eigengearteten SKanneg gefprod^en. — 

Sfiie^fd^e ift üeränberlid^ mie bag 3Keer, unenblid^ 
ftimmung^ooH mie ba§ 3Keer, gefäl^rlid^ mie bag 9JJeer. 
2:raue feiner bem treulosen, nur fid^ felbft getreuen! 



- 49 — 

3Son feinem tiefen ©runbe l^erauf fd^eint e§ wie 3innen 
unb ^ürme üerfunfener, gebietenber ©täbte gotben ju 
blinfen. 3l6er eg ift nur fünftterifd^e ^äufd^ung, nur 
„luftoolle aSifion". @§ finb bie ©eftirne, bte fid^ U^ 
fpiegeln, aU mieten fxe ba brunten unb jögen nid^t oben 
gelajfen il^re l^ol^e ^tmmetöbal^n» SBel^e bem, ber ad^t= 
tos unb felbftoergeffen fid^ bem fd^önen Silbe oölltg l^in« 
giebt, fel^nfud^tsooll fid^ }u i^m nieberbeugt ! 3lx^t gol= 
bene 3^^^^^^" funfein bort, fonbern bie beutelüfternen, 
blutunterlaufenen 3lugen gefrajsiger SRoubtiere, fd^eufe== 
lid^er 3Keere§ungel^euer, bie il^re fd^leimigen, geilen 
^polppenarme um Raf)n unb ©d^iffer fd^lingen. 9lur 
für fie ifl Seben gleid^bebeutenb mit „Slneignung", 
„3Serlefeung", „tlbermältigung beg gremben unb (Sd^ioä- 
d^eren", „Unterbrüdfung", „ßinoerteibung" ! 

SEBarum gerabe in ben Segriffen Äampf unb aJlad^t* 
willen, bie jid^ überbieg nur auf bag ^ierreid^ anroenben 
laffen, ba§ ^ßrincip beg Sebeng finben? SBarum nid^t 
mit bemfelben JRed^te im l^armonifd^en 3ufammenflange, 
im fel^nfüd^tigen S^einanberjlrömen? Äampf unb aJlad^t- 
mitten finb fubjeftioe, gefärbte Urteile, fittlid^e SBert* 
fd^äfeungen ebenfo mie il^re ©egenfäfee: g^riebe unb ©elbft* 
befd^eibung. Dbjeftio bered^tigt finb mir nur, oon einer 
Semegung ber Äräfte, einer Serül)rung unb SBerfd^mel* 
jung ber 2)inge jur ©rjeugung neuer formen unb ®e^ 
ftalten ju reben. 2Bo in ber $Ratur erfd^einen ung aber 
biefe Semegung unb Serül^rung afe einfeitiger bru* 
taler 3^^ftö^itng§= unb Übermältigung^trieb? 3ft nid^t 
bas ^princip ber ©d^onung, ©rl^altung, bienftbaren ^Pflege 
unb ^ilfe ebenfo beutlid^ in ber ?latur erfennbar, mie 
ba§ entgegengefefete? SBol^l mirb bag Heinere Xier oom 
größeren oerfolgt, ift eö aber barum fd^on feine an^^ 

V. (Svott^u^, $roMeme unb G^aralterlöpfe. 4 



- 50 - 

fd^licfelid^c Seftiiumuug , bcm gröjsctcn afö guttcr ju 
biencn? ^at nid^t bic eine 3lrt von bcrfclben fd^öpfc^ 
rifd^cn Äraft il^r S)afcin imb il^r SRed^t jum S)afein 
cbcnfo empfangen wie bie anbete, — bag fleinfte Snfeft 
ebenfo wie bag größte SWaubtier, bag befd^eibenc 3Ra§* 
lieb ebenfo mz bie prangenbe Victoria regia? ©eroiffe 
Sitten finb mit ber gäljigfeit au^gerüftet, bie garbe il^rer 
Umgebung anjunei^men unb fid^ baburd^ bem 2luge be§ 
aSerfolgerö ju entjiel^en. 2Ba§ ift ba« anbereö, al^ bag 
5princip ber ©d^onung unb beg ©d^ufee^, baö bie Statur 
fetbft bem ^rincip ber S^^törung afö au^gleid^enbe 
Äraft entgegenfeftt! 3)ag ^ßrincip be^ 2zitn^ pnbet 
feinen fiegl^afteften , mäd^tigften 3lu§brudE in ber 3cu* 
gung, in ber (Erneuerung unb gortpflanjung beö 
Sebeng. SBer aber möd^te bie 3^W9""9 ^^^ Äampf unb 
Übermättigung unb nid^t oiel mel^r al§ gegenfeitige ^in= 
gäbe, atö glül^enbeg ©id^umfd^lingen unb Queinanber^* 
fd^meljen betrad^ten? — ©etbft roo ber SRaum bie Sieben^ 
ben trennt, ba i^ilft il)nen bie SWatur jur Sßereinigung : 
— ba tragen 2Binb unb ©d^metterlinge, bie fiiebe^boten, 
auf il^ren glügeln ben befrud^tenben SSlütenftaub t)on 
S3tume ju SBlume. . . . 

3m ^ierreid^e l^at bod^ fein „©flaoenaufftanb in 
ber 9Korat" ftattgefunben. Unb bod;, mie oiele QtnQ^ 
niffe von 3Jlitleib, l^itfreid^er pflege, tobeöüerad^tenber 
©elbftaufopferung neben benen be^ Äampfeg unb ber 
3erftörung! SBenn 3liefefd^e bel^auptet, alleg ®ute fei 
^nftinft, — marum miß er biefe Snftinfte, bie bod^ 
ebenfo unmittelbar natürlid^e finb, loie bie feiublicl;en, 
ni(^t aud^ alg „^nftinfte" gelten laffen? Unb wznn 
er un§ empfieljlt, überl^aupt auf bie ^nftinfte juriidEju* 
greifen, fie jur liöd^ften ©ntmidtlung ju bringen, — 



— 51 — 

TOarum inüffeu eö bemi gctabc biejeiiiöeu fciii/ in beten 
freier, f clbft^errltd^er, TOtMürlid^er Setl^ätigung bie 5Wenf d^= 
l^eit nod^ immer oon ber 33eftie übertroffen roorben ift 
unb au(^ ftets übertroffen werben wirb? 6ine ©itten- 
leiere prebigen, beren ibeotfte SJetliätigung burd^ 
ben ajfenfd^en immer nod^ (;inter ber burd^ bie 
SBeftle jurüdbteiben mufe, baö l^eifet bie ^äJ^ig- 
feiten unb ben 5Rang beö 3Kenfd^en unter bie ^öl^ig* 
feiten unb ben Slang be^ ^iere^ [teilen! 

SRun TOiH ja 5Riefefd^e unter feinem ^beal immer 
nur eine SBergeiftigung ber n)ieber au^jubilbenben ^n^ 
fünfte Derftanben miffen. 3Kan barf nid^t etma annel^men, 
er l^abe bie bemühte 2lbfid^t, ben 9Kenf(^en auf feinen 
angeblid^en 9laturjuftanb afö „SRaubmenfd^" jurüdfju= 
fül^ren- 6r mid „am ajfenfd^en ate Äünftler geftalten". 
®g f darnebt il^m ein SBefen t)or, baS einerfeit^ feinen 
SDiad^tmiHen ffrupeUoä, ol;ne ©d^am unb ©d^eu, burd^* 
fefet, über jebe ©d^ranfe fa(tläd^e(nb l^inmegfd^reitet, ba§ 
alte ©emiffen mit feinem (Sut unb 33öfe fid^ abgemölint 
l^at, anbererfeit^ aber bod^ ein „t)ornel)mer SWenfd^" mit 
„(S^rfurd^t oor fid^", mit bem Semu&tfein ber l^öd^ften 
©elbftperantmortlid^feit, mit einer munberbaren Äeufd^* 
l^eit gegen bie Snftinfte beö ©füdEö, be§ ©enuffeg, ja 
beg J?eben§ überl^aupt, mit einer ©elbftjud^t ol^negleid^en 
ift. ®in foId^eS SBefen ift aber ein Sffiiberfprud^ in fid^. 
Sffiie foHte ber SDJad^tmiden fid^ burd^fefeen, mcnn er 
in biefer SBeife t)on ber „6I)rfurd^t ber oornel^men ©eele 
gegen fid^" beftänbig im g^itni^ gel^alten mirb? ©in 
SnftinftroiHe, ber gleid^jeitig t)on beö (Sebanfenö 33Iäffe — 
unb wie! — angefränfelt ift! ^amlet unb Siid^arb III. 
in einer ^erfon! ©^ mu^ 9iiefefd^e felbft fd^mer ge*' 
fallen fein, biefeg SSilb fefijul^atten, benn mit lebenbigen. 



- 52 — 

anfd^auUd^en , glül^cnbcn garbcu tiiatt er nur bort wo 
er bie präl^iftorifd^e „Unfd^ulb beg aiaubtiergejoiffen«", 
bog „frol^Iodenbe Ungel^euer" unb beffen gefd^id^tlid^e 
9iad^folger fd;ilbert. 5Wit triimip^ierenber SffioHufi t)er* 
ToeUt er bei ber Slendifjonce. ©te bietet il^m ein ©d^au* 
fpiel, fo „teufel^mäfeig^göttlid^, fo finnreici^, fo rounber« 
bar parabo^ pgteid^^ bog aQe @ottl^eiten be^ OIpmpd 
einen Slnlafe ju einem unfterblid^en @eläd;ter gel^abt 
l^ätten — ßefare Sorgia aU ^apft! ... 2)ag 
ei^riftentum fafe ni($t niel^r auf bem Stul;fe be§ ^ßapfteö, 
fonbern ba§ fieben. ©onbern ber SJriumpl^ be§ Seben^! 
©onbern ba^ grojse 3[a ju allen I;ol^en, fd^önen, 
t)ern)egenen fingen!" ©o alfo fie^t ba§ Qbeal 
ate "^Ui^f^ unb Slut, ber „t)ornel^me", ber „öerren« 
menfd^" in SBirflid^feit au^: — ßefare SSorgiaü 
Ob bie „oornel^me ©eele'' biefe^ Sanbiten, ©iftmifd^erö, 
aKeud^elmörber^, Slutfd^änber^ unb 35ejal^er3 aller an« 
beren äJ^ntid^en „fd^önen, l^ol^en unb oerroegenen S)inge" 
TOol^l aud^ „6l^rfur($t gegen fid^" gel^abt l^at? Unb 
n)ie mag bie mol^t auögefel^en l^aben?! Sefare SBorgia^ 
eiferne „©elbftjud^t" namentlid^ im 5punfte be§ „gemeinen" 
©enuffeg ift ja f attfam au^ ber ®efd^id;te bdannt . . . ! 
®r ift jmar felbft nie 5ßapft gemefen, fann aber ate 
TOürbiger unb allmächtiger ©ol^n feinet SSater^, Sllejan« 
ber§ VI., immerl^in eine 5Berförpenmg beö ©eifte^ bar* 
[teilen, ber bamafö teiber auf bem päpfttid^en ^l^rone 
regierte. — 

aSermif d^en mir nun einmal bie Silber , mit benen 
uu^ bie gefd^id^tlid^e SBirflid^feit ben „^errenmenfd^en" 
SWie^fd^e^ barfteHt, träumen mir un^ mit il^m in feine 
abftraften SBorfteHungen l^inein unb nel^men mir an, 
ber „Übermenfd^" märe mirf lid^ ber „©inn biefer 6rbe", 



- 53 — 

ba§ Qbeal, bcm mv juftrcben iiiüjfcn. SBürbe biefe Seigre 
afebann eine Itberwinbung ber altruifHfd^en d^riftlid^en 
Seigre bebeuten? Äeine^weg^ ! 2lud^berÜbermenfci^ 
ift ein altruiftifd^eä Qbeal, bie SßerrairHid^ung 
ber l^öd^ften 3luf gaben ber ajfenfd^i^eit al§ ®anit^; ber 
rü(ffi(^t^Iofe 3Kad^tn)iIIe nur ba§ egoiftifd^e 3Jiittet 
ju biefem altruiftifd^en Bwede. 3)er ©goiömu^, 
ber fid^ erft t)or ftd^ felber burd^ irgenbwetd^e aufeerl^alb 
feiner fetbft liegenbe SRttdEfid^ten rechtfertigen mu^ unb 
fann, l^ört auf, ©elbftjTOecf unb bamit ®goi^mu<^ ju fein. 
Ser SUlenfd^, ber fid^ auflebt unb burd^fefet, anbere feinen 
2Beg freujenbe Snbioibualitäten fd^onung^log oernid^tet, 
bieiJ alleg aber au^ bem ©runbe be§ SJeroujstfein^, ba§ 
feine eigene ausgereifte Qnbioibuatität wertooller für 
bie 3Kenfd^l^eit ift, ate jene anberen, — ein f old^er 3Kenf(^ 
I;anbelt jwar objeftit) egoiftifd^, nad^ unferen Segriffen 
üieüeid^t t)erbred;erifd^, fubjeftit) aber altruiftifd^. 
35ie aWotiüe feinet ^anbelnö finb baS Seftreben, ber 
ajJenfd^l^eit einen SEBert ju erl^alten unb ju fd^affen. Oi 
er felbft ober ein anberer biefen SCßert repräfentiert, ift 
gleid^gültig. „S)er gröfete SBertuft, ber bie ajJenfd^l^eit 
treffen fann/' fagt 5Riefefd^e, „ift ein Sßid^täuftanbefommen 
ber l^öd^fteu SebenStppen/' 3Sor biefem „3SerIufte" tUn 
n)ill ber ^errenmenfd^ bie SUlenfd^l^eit bewal^ren, inbem 
er fic^ fetbft, atö ben „l^ö duften SebenStppuS", burd^» 
fefet. 6r bringt biefem altruiftifc^en ©treben nid^t nur 
anbere jum Opfer, fonbern aud^ fein eigenes SebenSglüd . 
®r betrad^tet unb t)erel^rt ftd^ felbft als ben Stempel, 
in bem ber ©eniuS ber 3Kenfd^l^eit mol^nt. ®r barf 
nid^t einmal „genießen mollen", er mufe bur(^ bie l^arte 
©d^ule ber Seiben gelten, beun „baS Seiben mad^t ja 
Dontel^m: eS trennt". „6S beftimmt beinal^e bie 3lang*= 



- 64 - 

ovbming, mc tief einer leiben fann." 3P ba« nid^t 
an($ ein adfetifd^e^ ^beal, al^fetifd^er noc^ ald baS fo 
(eibenfd^aftUd^ befämpfte d^riftlid^e, ba« bem aRenfd^en 
bod^ ben unfd^ulbigen ©enufe ber irbifc^en greuben ge-- 
ftattet unb il^m eine (Slüdfeligfeit in ß^rifto auf ®rben 
n)ie im Qenfeitö geroäl^rt? Unb wie fann SRiefefd^e über« 
l^aupt einen ©eroinn ober „SSerluft" in feine SRed^nung 
fteßen? 3ft bag nid^t f(^on an pd^ ein ganj offener 
SRüdEfatt in bie aWoral be^ 2lttruigmu§? 2Ba^ tarn bem 
reinen ©goiften an ber 3Kenfd^^eit liegen? 2ln einer 
33lüte ber 9Kenfc^l|eit, an einer ©rl^öl^ung be§ 2^9pu^ 
3Renfc^! Unb nun foH eine fold^e (Sr^öl^ung gar nod^ 
l^erangejüd^tet werben. Sffiir follen für an ber e arbeiten, 
ben Soben bereiten, a\\^ bem bie ejotifd^en ^prad^tge^ 
mad^fe fogenannter Übermenfd^en emporfd^ie^en f önnen, — 
f ollen un^ atö Äulturbünger fflr anbere betrad^ten! Sin* 
bere, immer wieber anbere ! 3Bag gelten m i ä) anbere an? ! 
3lu§ attebem aber ergiebt fic^ ßineö: bag altru* 
iftifd^e, d^rift(i($e Sbeal läfet fid^ jmar big jur 
Unfenntlid^feit üerjerren, aber niemaU auf« 
lieben. ©^ befielet aud^ l^ier mieberum bie Feuerprobe, 
©elbft ?lieftfd^e, felbft ber glatte, gefd^meibige 3öt:atl^ufira 
fann il^m nid^t entfd^lüpfen. ©o l^ol^e ©ipfel er aud^ 
erfUmmen mag, — l^öl^er no($ immer il^m t)orau§ unb 
ju Raupten fd^roebt ba§ altruiftifd^e 3beal, — bag d^rift* 
lid^e Äreuj. 6^ giebt fein S^nfeitg oon gut unb 
böfe. (Sie finb SBerte, bie mir al^ unooflfommene SBefen 
jmar objeftio oermec^feln, aber nid^t fubjeftio 
umwerten fönncn. S)enn biefe 3Berte finb nid^t oon 
UM, fonbern mit um gefd^affen. ©ie finb in un^, 
nid^t aufe er un^. ©ie waren oorl^anben f($on lange 
t)or bem fogenannten „©flaoenaufftanbe in ber SJloral". 



~ 55 — 

©inen fold^en l^at cg aber in SBirllid^feit niemate ge^ 
geben. 35ic SRieftfd^e'fc^e ©ntwidlungögefd^id^te bet 3Jloxai 
ift ein geneatogifd^eg 3Kärc^en jur Segtünbung einer 
aprioriftifd^en 3bee. ©ie baut fic^ auf ber pl^antaftif($en 
aSeraUgemeinerung eine^ einjelnen ©egenfafeeg auf, näm- 
lid^ beg ber d^riftUc^en „©flat)enmorar' jur römifd^en 
„^errenmoral". B^^ifd^en biefen beiben SWäd^ten l^at fid^ 
bei Sfiieftfd^e ber für bie ganje 5!BeIt entfd^eibenbe Äampf 
um bie 9Koral abgefpielt. 9flom, biefer 9Konumentalbau, 
fei burd^ „d^rifttic^eiS 2)9namit" gefprengt raorben. 33i§ 
bal^in i^abe bie „^errenmorat", feitbem bie „©Hat)en' 
moral" gel^errfd^t. — Unb bie t)orc^riftIid^en SBöIfer 
in ben 3^wgniffen il^rer größten SBeifen unb 2)id^ter? 
S)ie Snber? J)ie ©ried^en? Ober erfd^eint, xoa^ etwa 
»ubbl^a, ©ofrate«, 5ßIato tel^ren, un« afe unfittlid^? 
SlHerbing^ faßten bie ©ried^en il^re moralifd^en 5pflid^ten 
enger, al^ bag ß^riftentunt; fie füfjlten fid^ ben fremben 
SBöHem unb ben ©flauen gegenüber an jene ^Pflid^ten 
Dielfad^ nid^t gebunben. ^f)X altruiftifd^eg ^htal 
fanb im allgemeinen feine ©renje avx ©taatsibeal. 3n 
bem eigenen a3olfe unb ©tamme t)erförperte fid^ für fie 
bie eigentlid^e 9JJenfd^^eit. Qeber Sfiid^tgried^e l^iefe Sarbar, 
galt ate ein SBefen untergeorbneter 2lrt. ^SBenn alfo 
Jliefefd^e jugiebt, bafe bie ißerrenmenfd^en , „bie nad^ 
außen nid^t t)iet beffer finb aU (a^gelaffene SRaubtiere", 
im aSerfei^re mit i^re^gleid^en voU 3Kitbe unb ®üte, 
fogar „erftnberifc^ in SRüdEfid^t, ©elbftbel^errfd^ung, ^axt^ 
finn, ^reue, ©tolj unb greunbfd^aft fid^ bemeifen", fo 
ift biefe Seobad^tung ganj jutreffenb, nur mit ber ©in* 
fd^ränfung, baß bie gefd^id^tlid^en ^errenmenfd^en unter 
il^reggleid^en nid^t ebenfalls „^errenmenfd^en", 
fonberu nur Slngel^örige beö eigenen SSolfeö 



— 56 — 

t) e r ft a n b e tt. S)er ^ r e m b e tourbe be{riegt, unterjod^t 
in bic ©ttaDcrci gcfd^lcppt, er mod^tc an fid^ Ferren* 
mcnfd^ fein, fooiel er nur roottte» S)ie ß^rfurd^t oor 
feineögleid^en, ate „ßl^rfürd^t ber t)omel^nien ©eele vor 

fid^"/ fpwft ^i^^ ölfö 9tt>^ feine SRoIIe. 

2)afe ftd^ bie alten Sßölfer §ur änöübung aller jener 
2;u0enben nur gegen bie Slngel^örigen be^ eigenen ©tam- 
meiJ t)erpflid^tet füllten, war eine golge ber bamaligen 
Äultur, ber politi)d;en unb roirtfd^aftlid^en Sßerl^ältniffe, 
unb bebarf ju feiner ©rflärung feine^roeg^ ber 3ln* 
nal^me eineg erl^abenen ttbermoralifd^en 3Kad^tn)lttenÄ unb 
eines „t)omel^men ^at^o^ ber 3)iftan§". SBo bie ©emein«» 
famfeit internationaler Sntereffen nod^ ein unbekannter 
Segriff war, wo ein SBolf fid^ nur auf Äolien be§ anbem 
erl^alten unb entroidfeln ju fönnen glaubte, mn^t e^ in 
i^m feinen natürlid^en geinb unb eine ftete ©efal^r, in 
biefem ©inne etwa^ 83öfe^ erblidEen, @in fricblid^eS 
3ufamnten* unb güreinanberroirfen erfd^ien im aUge* 
meinen unbenfbar. 2)er Ärieg mar entmeber aSerteibi» 
gung beg eigenen bebrol^ten J)afeing ober SWittel jur 
Sefriebigung mirtfd^aftlid^er Sebürfniffe, in ben feltenften 
gällen reiner friegerifd^er Qnftinft, 3?ie|fd^e*fd^er „3Bttte 
jur Tlaä)V\ 2)a^ SBirtfd^aft^fpftem beruhte teite auf 
Äontributionen, teife — bei ben adferbautreibenben SJötfem 
— auf ber ©flaoenarbeit. 3lux fie ermöglid^te infolge 
ber unoottfornmenen ^ßrobuftion^mittel unb ber nod^ 
mangelhafteren fociaten ®infid^t einen SBol^Iftanb, bamit 
eine Befreiung be^ ©eifteg oon ben materiellen ©orgen, 
bamit ein gortfd^reiten ju i^öl^erer Kultur, ©elbft zin 
fo tief l^umaner, l^oc^entmidEelter (Seift mie 2lriftotele^ 
fann fid^ ein ©taat^mefen nur auf bem ©runbe ber 
©Äaoerei t)orftelIen. 3)er ©ebanle an beren 3luf^ebung 



- 57 — 

crfd^ctnt tl^m afe utopifd^e Träumerei, wie uni? etwa 
ber foücftiDiftifd^c „^ntm^^^aat" : „Sßur wenn icbcg 
aBcrfjcug auf Sefcl^l ober benfclbcn im oorau^ crratcnb 
fein ^txl »errid^ten fönnte, tote bie ©totuen beg S)äbaloi5 
getl^an l^aben f ollen, ober bie S)reifüfee be^ ^epl^äjiog, 
bie nad^ ben JDid^tern Qani von felbft in bie aSerfamm* 
lung ber ®ötter rollten; roenn aud^ bie SBeberfc^iffd^en 
t)on felbft webten unb bie gitl^erfrfjlägel bie ^iü)tx fd^tügen, 
bann allerbingg l^ätte ber Saunieifler roeber ^anblanger, 
noc^ ber $ e r r © f l a t) e n n ö t i g»" ©ine Siebe jroif d^en 
Ferren unb ©ttaoen fd^eint il^m ebenfowenig möglid6, 
n)ie eine fotd^e — jmifd^en ©öttern unb 9Kenfd^en, n)ol^[ 
aber empfiel^lt er aud^ gegen bie ©Haoen ®ered^tigfeit 
unb 9KiIbe. aWan fann alfo aud^ Ux ben ©ried^en oon 
einer „^errenmoral" fprec^en, nur nid^t in bem ©inne, 
al^ ob biefe aWoral einen principiellen ®egenfaft 
juberunfrigen bebeutet l^abe, ate l^ätten bie ©ried^en 
unfer ®ut afö 33öfe, unfer 33öfe aU ®ut empfunben. 
Unfer fittlid^er 9Kafeftab erfd^ien aud^ il^nen im großen 
unb ganjen alö fold^er, nur glaubten fie thtn — t)on 
il^rem Äulturftanbpunfte au§ — in feiner 3lnn)en* 
bung fid^ befd^ränfen ju miiffem 3"5if^^" il^^^^ 
unb unferer 9)loral beftel^t nur ein Unterfd^ieb be§ 
®rabe§, ber ©ntraidflung, be§ ^nteHeftö, ber Äultur, 
— nid^t be3 ^rincipg. S)ie eine ift feine Umfel^- 
rung ber anberen, nod^ weniger eine l^öl^ere, fonbem 
fie fielet ju xf)x im 5Berl^ältni§ ber S)ämmerung jum 
2^age, ber Änofpe jur Slüte. — 2Ber möd^te ©ofrate^ 
afe ®egenfaft ju ©l^riftu^ betrad^ten! 

91iemafe l^at ©l^riftu^ bel^auptet, er gebe ber aWenfd^« 
l^eit ein neues fittlid^eg ©eroiffen. 6r ift „nid^t 
gefommen, aufjulöfen, fonbern ju beftätigen", juooll- 



- 58 — 

cnben. S)ie SOBcrtmctalle roaren t)or xf)m oor» 
I^QTibcn, er l^at fic nur t)on il^ren ©d^lacfcn gc* 
reinigt. ^a& fitttid^e ©emffen war ba. ©I^riftu^ 
l^at uniS nur ö^lel^rt; rote wir uns mit i^m in ben 
tiefften, legten 6inltang bringen fönnen. ©eine 
Seigre ift feine SBemeinung alter SBerte, fonbem beren 
lefete SBejal^ung — ol^ne SBiberfprud^ unb 
ol^ne aSorbeJ^olt. 3)ie Siebe bleibt Siebe big julefet, 
bis jum äu^erften, fie fann alfo aud^ bem geinbe gegen* 
über nid^t aufhören, ©ie ifi bie roal^re fierrenmoral, 
benn i^r SBiDe jur SDJadjt ift ol^ne ©renjen, fie unter* 
wirft fid^ alleg, oud^ ben Snftinft, roäl^renb bei 
SRiefefd^e ber SEBiUe bem ^nftinfte fid^ unterwirft. SQBaS 
ift überl^aupt ein SBille, ber mit bem ©trome ber 3u* 
fünfte f c^roimmt ? 3ft ba§ nod^ — ein SB i ü e ? SRiefef d^e 
felbft ift in feinen legten nad^getaffenen SKufjeid^nungen 
an biefem SBillen irre geworben. Sffiäre il^m ein SBeiter= 
fd^affen t)ergönnt gemefen, er l^ätte fid^ aud^ l^ier mieber 
einmal am beften miberlegt. 

®§ lieifet bie gefd^id^ttid^e ©ntmidflung auf ben ilopf 
ftellen, roznn SRie^fd^e bie inbiüibuellen ^nftinfte al^ bie 
urfprünglid^ l^errfd^enben betrad^tet. SBäre er an ber 
SBirtfd^aft^gefd^id^te ber 3)?enfd[|l^eit, in^befonbere an ber 
©efd^id^te be§ ©igentum^, nid^t fo t)ornel;m oorüber- 
gegangen, fo l^ätte er oielleid^t gefunben, bafe bie in- 
bioibueHen ^nftinfte um fo fd^wäd^er werben, je mel;r 
wir ung ben 2lnfängen ber menfd^lid^en ©efeUfd^aft, ber 
„SRaubtierfpecieS SDtenfd^" näl^ern. 3)ie SSorau^feftung 
gewalttl^ötiger, räuberif($er 3>"ftinfte atö ber urfprfing* 
lid^en fd^liefet no($ nid^t ein, bafe biefe ^nftinfte auc^ 
inbioibuelle waren, darauf f äme es aber am legten 
®nbe für eine 9)ioral be§ QnbioibualiMu^ bod^ wol^l 



— 59 — 

an. 2lud^ bic mobcmcn ^erbcnmcnfd^cn legen Don 3^it 
}u 3^it ftanj l^übfd^e 3Korbluft unb SSeutegier an ben 
Xaq. Sfiiemate offenbart jtd^ bie Seftie im aRenfd^en 
n)ilber unb roütenber afe bei ^pöbelaufftänben. 3nan 
benfe nur an bie franjöfifd^e SReooIution ! Jlun, aud^ 
bie Urform ber ©efellfd^aft mar bie ^erbe, bie gamilie. 
©ie galt aUeg, ber einjelne nid^t^. ©eine Snbioibualität 
mar nod^ fo menig entmidett, ba§ er nid^t einmal ein 
perfönlid^e^ ©igentum fannte. S)ie inbioibuellen S^riebe 
mußten in ben focialen untergeljen. ^m Äampfe mit 
ber Sfiatur unb mit ben geinben fonnte fid^ ber einjefne 
nur im engfien änfd^luffe an bie ^orbe erl^alten. ©e« 
meinfam raubte fie, gemeinsam oerfd^lang fie ba^ ®e* 
raubte. S)er SRaubmenfd^ mar ^erbenmenfd^, 
nid^t §errenmenfd^. SBaö 3lie6f d^e bie ^errenmoral 
ber ätteften SBölfer nennt : il^r freunblid^er SSerfel^r unter 
i^re^gleid^en , i^re rödffid^t^lofe Brutalität gegen bie 
gremben (nid^t gegen „ba^" grembe unb „bie" 
grembe, mie $Riefefd^e bie l^arte S^^atfad^e umbeuten unb 
in feinem ©inne oergeiftigen mill!), — aHe^ bag finb 
nur Slefte ber ^erbenmoral, ber ajforal einer ^erbe, bie 
fxd^ nur atö fold^e im Kampfe umg S)afein bei^aupten 
fonnte. ®rft mit ber Äultur beginnt bie Snbioibualifie* 
rung; ba« einzelne Snbioibuum lernt fid^ aU fold^eg 
ffll^len unb grenzt fid^ gegen bie anberen ^nbioibuen 
innerl^alb ber ^orbe ab — oor allem mirtfd^aftlid^. 
S)ie oerfd^iebenen ©ntmidflung^pl^afen be^ ©igentum« be* 
fd^reiben uniJ jugleid^ ben ^rojeß ber fortfc^reitenben 
Snbiüibualifierung. 3)er Slömer, ber ben ©igentum«* 
begriff ju unerl^örter ©d^ärfe auöbilbet, entmidfelt ju» 
gleid^ ben ^nbioibuali^muö in^Ungeljeuerlid^e. SJieÄraft, 
meldte bie focialen unb inbioibuellen 2^riebe l^armonifdj 



- 60 - 

auiJßlcid^t unb juf atnmenf d^mcljt , tritt ate gcfd^id^tlid^e 
erft mit bem ß^riftentum in bie (grfd^cinung. ©ie ift 
toebcr eine gerben*, nod^ eine ^errenmorat, fonbern 
eine äSereinigung unb Unterorbnung beiber principe 
unter ein l^öl^ereö : bie freie, fittlid^e ^erfönlidj- 
feit von ©otteö ©naben, bie nur ©ott oer* 
antwortlid^e ©eele. 

@ä ift ein 3JlaJ3 in ben 2)ingen. 2)ag eben wollte 
ober fonnte SRiefefd^e feiner innerften SRatur nad^ nid^t 
anerfennen. %üx \f)n giebt e3 immer unb überall nur 
ein Su^erfte^ unb £e|}ted. 3)enn aud^ jjene furje ^eriobe, 
in ber er fid^ für ben „3JlittIer=SBeifen" ©ofrateg be* 
geifterte, war nur eine ©pifobe, fein organifd^e^ ®nt=^ 
midf (ungöftabium ; im ©runbe nur eine geroaltfame 9tt- 
aftion gegen SBagner, eine ®müd^terung, bie fid^ felbft 
aufhob, inbem fie ftd^ biä jum Maufd^e auSfoftete, 3)a6 
ber 3Kenfd^ in feinen unterften unb l^öd^ften ©femplaren 
immer bod^ an bie ©renjen be3 SUfenfd^cntumg, ber 2lrt 
gebunben bleibt, ift für 9liefefd^e eine fo unbequeme 
Sl^atfad^e, bafe er fte auf alle SBeife ju umfd^reiben 
fud^t. S)em „Übermenfd^en" fielet ber „^erbenmenfd^" 
nid^t oiel anberg, afö ein 9>nfeft bem Söroen gegenüber. 
S)er „grofee ©injelne" fd^üttelt alle neuen Kulturen fo* 
jufagen aus bem Srmel, bie übrige 3Jlenge fommt gar 
nid;t in 33ctrad^t. 3)aJ3 aud^ ber größte ©injclne fd^liefelid^ 
ein 5ßrobuft beö SKilieug unb ber ©efamtl^eit ift, bafe 
er als ^Reformator unb Sal^nbred^er nur bie Sunte an 
bag ^Puloer legt, ba^ SDlillionen in So^^^wnberten oor 
il^m aufgel^äuft l^aben, baran mag SRieftfd^e nid^t benfen. 
6r fielet bie großen aWänner nur ate plaftifd^e S3ilb* 
werfe in f^mbolifd^en 5ßofen oor fid^. ©eine gelben finb 
©injelftanbbilber auf l^ol^em ©odfel, beffen SRelief ein SSolf 



— 61 — 

gcfcffeltcr ©Hauen barfteßt, unb in feinen Slaubmenfd^en 
genießt er ben äftl^etifd^cn 2lnblicl ber prad^tüoHen blou* 
ben Seftie, wie fte, bie SBorbertafeeit ntalerifc^ auf ben 
überwunbenen ©egner ö^Pöfe^/ Polj erl^obenen ^aupteS 
triuntpl)ierenb um ftd^ fd^aut. 3)as ift bie ibealifierenbe 
Slnfd^auung^roeife beö S)id^terd unb Äünftter^, nidjt bie 
nüd^teme, flreng an ba§ SReale gebunbene 3)letl^obe beg 
Oefd^id^tö* unb 5Raturforfd^er§. 

Jliefefd^e berounbert unb vtvef)xt jebe SKrt Oröße, nur 
bie nid^t, bie allein ben 5Ramen ber übennenfd^lid^en oer- 
biente, weil fie über alle menfd^lid^en ^^ricbe unb ^n* 
fünfte ^inau^iüeift: — bie ©röße, bie ba» 2ia in fic^ 
aufnimmt, inbem fie eg Uebenb umfd^lingt. ^n allem 
fiiebeooHen, 3Kitleibigen, ^ilfreid^en mlttert er bie ©puren 
beö ^erbentriebe^ , bie 35emofratie. SBer ftlmmte ll^m 
nid^t bei, menn er mit flammenbem 3o^^ t>i^ ,,®letdj* 
^eit" befämpft — : „ß^ giebt gar fein giftigere« 61ift! . . . 
©ie fd^eint oon ber Oered^tigfeit fetbft geprebigt, mdf;» 
renb fie ba§ ©nbe ber ©ered^tigfeit ift." „3ebe« JRed^t 
ift ein SBorred^t." „SDen ®[eidf;en 6)teid^e« — ben Uli* 
gleid^en Ungleid^eS, baß märe bie ma^re JTtebe ber ö)e* 
red^tigfeit!" 2lber bie Ungleid^l^eit be« ßlrabe« mlrb 
bei JJiefefd^e unoerfe^eniJ jur SSerfd^iebenl^eit beö 2ßefen«. 
2Bie gering finb f d^Iießlid^ bie Unterfd^iebe unfere« Söiffenö, 
SBolleniJ unb Äönnen« bem ©emeinfatnen unb bem gegen* 
über, mag mir nid^t miffen, nid^t motten unb nidjt 
fönnen! ©d^lagenb erinnert ^rofeffor ätloi* 5Kle(jl in 
feiner trefflid^en ©d^rift über Sfliefcfd^e, ben Ättuftler unb 
2)enfer (Stuttgart, gr. grommann, 1897), an WoetOeö 
Bueignung ju ben ©ebid^ten. ©ort fprid;t bie aUaljr» 
l^eit jum 2)id;ter: 



- 62 - 

Stamn bift bu flc^er vox bem gröbfien ^ruO; 
^aiim bift bu öcrr üom crfteii ^inberroiücii, 
60 glaubft bu biit {(t;on Ubermeujd) o^^itug, 
Serjäuinft bie ^Pic^t be§ ?Dlaunc§ ju crJüUcn. 
aOBtcotel bift bu oon anbcrn unterfd)tcbcn? 
(Srfcnnc h\^, leb' mit bcr 2BcIt im Sfi^icbcn! 

S)a6 cÄ in 3)eutj'd^Ianb unb rool^l aud^ fonft ab= 
roärt^ gc^t mit ber aJlcnfd^l^eit ing ^erbenmäfeigc, Äleine, 
® ciDöl^nlid^c , barin wirb man SRicfcfd&c im adgemcincn 
rcd^t geben muffen. S)ie ausgeprägten 5ßerfönlid^eiten 
t)erfd^minben mel^r unb mel^r, bie inbioibualifierte ®e^ 
fettfd^aft mirb t)on einer numerierten abgelöft. S)er 
bemofratifd^e 3ug ift ^^^^ ni^t etroa eine ©onbereigen= 
[d^aft ber bemofratifd^en Parteien. 6r gel^t burd^ alle 
Älaffen ber ©efeßfd^aft. Unten bag ^erbengefül^l beS 
organifierten ^Proletariats , oben baS ber uniformierten 
Orbnungöbürger. gürfi SBiSmardt l^at in einem feiner 
legten SCifd^gefpräd^e (äuguft 1897) biefcn 3Jlangel an 
ed[)tem ©elbftbewufetfein in ber il^m eigenen braftifd^* 
treffenben SBeife beleud^tet. 2Bir 3)eutf^en, meinte er, 
feien eigentlid^ immer nod^ eine UnteroffijierSnation. 
3eber fei auf bie 5Creffen erpid^t. S)urd^fd^nittlid^ f)aU 
jeber im öffentlid;en Seben ©tel^enbe nur baS 9Rafe oon 
©elbftgefül^t, baö feiner ftaatlid^en abftempelung, feinen 
ftaatli^en 9lang=^ unb Orbenöoerl^ältniffen entfprid^t. 
Sluänal^men feien rül^mlid^, aber feiten. — S)iefe 2lrt 
ber ©elbfteinfd^äfeung ift eine grunbbemofratifd^e ; fie 
lennt nid^t ben eigenen 3Bert ber 5ßcrfon, fonbem nur 
ben, meldten il^r bie SlHgemeinl^eit — mit SRiefefd^e ju 
fpred^en : bie ^erbe — auf brüdft. 2lber ift benn mirllid^ 
baS e^riftentum, bie d^riftlid^e 3Jloral an biefer geiftigen 
aSerfrüppelung fd^ulb? ©in SBergleid^ unferer 3^it mit 



- 63 — 

fcül^crcn ®cfd;id^tgepod^cn Icl^rt mx^ hoä) bag [trifte 
©egentcil. 3u bcr 3cit/ ^^^ öic einige d^rifttic^e Äird^e 
unumfd^ränft über bie Oemüter l^errfd^te, im ritterlid^eit 
SUlittelalter, entfaltete fid^ bie ariftofratifd^e 3nbit)ibua* 
lität, ba^ ©rofee, SSorncl^me unb ^elbenl^afte im 6in* 
jelncn ju nie wieber erreid^ter S3lüte. SBarum foßte 
benn axi^ ein irbifd^eg Herrentum, weld^eö über fid^ eine 
l^öl^ere, überirbifd^e SUlad^t unb beren ©ebote anerfennt, 
ni(^t möglid^ fein? 3KuJ3 nid^t awä) ber ©tärljle Oefefee 
unb MüdEfid^ten anerfennen, gegen bie er fd^led^terbingä 
nid^t anfämpfen tann, mag er fie nun (Sott, 9latur ober 
©d^idffal nennen ? Unb anbererfeit^ : ift nid^t unf ere 3^it/ 
bie 3^it beg allgemeinen unb gteid^en Sßafitred^tj^, gerabe 
d^riftentumj^feinblidj genug ? Unb finb nid^t bie 2^räger 
unb aSertreter ber politifd^en SDemofratie gleidjjeitig fafl 
burd^meg avi^ bie leibenfd^aftlid^ften S3e!ämpfer be§ 
©l^riftentumg ? SBie fommt e^, ba§ gerabe bie arifto- 
Iratifd^en ©lemente im Bürgertum ebenforoof;!, wie im 
SKbel, mit atter Äraft am ß^riftentum fefttjalten? SBeil 
alle mal^rl^afte 2lriftofratie fic^ beffen berankt ift, ba^ 
fie auf ba§ ariftofratifd^e ^ßrincip gegrünbet ift, biefeö 
^rincip aber fid^ aM ber 3bee ber göttlidjen 2luto= 
rität l^erleitet, mit biefem legten tiefften DueH felbft 
üerfiegen müfete. SRur menn mir un^ felbft l^öl^eren 
fittlid^en ©ematten unterorbnen, gemiunen wir ein Med^t, 
Unterorbnimg unter unfere eigene ©ewalt ju oertangen. 
35ic rol^e Äraft atö fold^e unb o^ne fittlid^e SDafeing^^ 
bered^tigung, ba§ blo^e „SRed^t be^ ©tärferen", wirb 
fid^ bauernb niemate burd^felen fönnen. 

®anj baö ©egenteil ber 5Rieftfd^e'fd^en S3el^auptung 
ift wal^r: ber 3^9 in^ fierben^afte, steine, ©d^wäd^= 
lid^e finbet feine ®rftärung in ber ®mancipation 



— 64 — 

ber 3)Iafft.i oom ß^riftcntum, beim bic[c ®man= 
cipatiou bcbcutct nid^t mel^r unb tiid^t njenigcr afe bie 
©ntfcffclung bcrbiöl^ergebunbcnöetücfcneu 
SUlittelmäfeigfcit. %rü^n, f olange ba^ ß^riftenüitn 
über fie l^crrfd^te, bcfd^ieb fid^ bic SWittclmäfeigfcit mit 
fid^ felbft. S)ag ßl)riftentum leierte ftc gegen bag Über* 
georbnete, ba^ SBornel^tne, Orofje, 2lriftofratifd^e eine 
S)emut, burd^ bie fte ftd^ bod^ nid^t erniebrigt fül^Ien 
fonnte, weil fie ja in lefcter Sinie eine S)emut nid^t vor 
3Kenfd^en, fonbem vox ®ott unb feinen ©eboten war. 
aWit ber gläubigen d^riftlid^en 2)eniut fiel aud^ bie an* 
erfennung ber Slriftofratie. S)eren SBertreter finb nun 
in ben 3lugen ber 3Jleuge, ber ^erbe, nid^t mel^r 
S^räger einer göttlid^en SEBeltorbnung unb (Se= 
fellfd^aft^s^ierard^ie, fonbem gewöl^nlid^e 
3Kenfd^en, wie fie felbfl, wie alle anberen aud^, 
unb fie l^abcn fidj) i^re überragenbe Stellung, bie nun 
jeglid^er pl)eren 3lutorität entfleibet ift, nur angemaßt. 
(Sott unb ©otte^ ©eboten wollte man fd^on jur 9iot 
gel^ord^en — aber 3ßenfd^en? 3Kenfd^en, bie ja unter* 
einanber alle „gleich" finb? SBarum? Äraft meld^er 
^Pflid^t? SBo ift bie S^otmenbigfeit? Unb nun beginnt 
ber Slnfturm beg 5ßöbelg, ber gemeinen, platten 3Jlittel* 
mäfeigfeit gegen aUeg aSornel^me, geine, 2lriftofratifd^e. 
S)enfen mir bod^ an bie ^tit, mo ®ott feierlid^ enttl^ront 
mar unb bie S)emofratie unumfd^ränft l^errfd^te. 3n ber 
erften franjöfifd^en SReoolution beburfte e^ fd^on nid^t 
mel^r eiiie^ ariftofratifd^en 5Rameng ober eine^ geiftlid^en 
©emanbeg, um unter baö gaflbeil ju geraten. 6^ ge* 
nügte oft fd^n ein rornc^me^ Süßere, ein ebel ge* 
fd^nittenc^ ©efid^t, eine faubere bürgerlid^e Äleibung, 
eine l^eroorragenbe Stellung im JReic^e be^ ©elftem, ein 



— 65 - 

abfälliges SEBort über bic fid^ t)olIjic]^cnben Stud^Iofifl:^ 
leiten, unb ber SebauemSraerte würbe von betn f d^mufeigen, 
jol^renben 5ßöbel ate „3lriftofrat" erbartiiung§loS jutii 
Slid^tplafte ge}d;(eppt. MeS, roaS ben 5ßöbel geiftig 
unb fittlid^, burd^ aSorjüge beS SeibeS ober ber ©eele 
üBenagte, war il^m atö „2lriftofrat" auf baS tieffte t)er= 
f)a^t Unb biefe 5ßöbell^errfd^aft war auf ben 
d^riftentumSfeinbüd^en Sel;ren ber ©ncpflo- 
päbiften erroad^fen, unb il^re üppigfte ©tüte fiel genau 
mit ber ^dt jufammen, afe man an ©teUe (Sottet eine 
2)irne anbetete. S)ag finb gefd^id^tlid^e 3:^l^atfac^en, 
bagegen xoa^ SRiefefd^e oorbringt, bie fubjeftioen ©efpinfte 
eines überreizten ^irneg, bie burd^ präl^iftorifd^e $r)po* 
tl^efen unb äftl^etifd^e ^pi^antafieen an gtaubwürbiger 
SBal^rfd^einlic^feit nid^t gewinnen. 

SHIerbingä : auf bie SReoolution folgte SRapoIeon, ber 
„^errenmenfd^", unb er feftte fid^ burd^. Slber burd^ 
weld^e 3ßittel? Etwa burd^ bie einer, wenn aud^ 
rüdffid^tSlofeu unb brutalen, fo bod^ oornel^men, großen, 
wal^rl^af tigen, ftoljen, ariftof ratifd^en 3latur ? Qiani unb 
gar nid^t. S)urd^ feige Sift, S^ücEe, lügnerifd^e SBor- 
fpiegelungen, raffinierte ^eud^elei, furj burd^ alles baä, 
woburd^ fid^ nad^ SRiefefd^e ber fo rerl^afete „©Hauen* 
aufftanb in ber 9Rorat" burd^gefefet l^at. SRapoteon trat 
nid^t etwa als ber ©tarfe, SBomel^me auf, ber gefommen 
ift, fraft beS SRed^teS feiner ©tärfe ju l^errfc^en. SRein, 
er fd^lid^ fid^ als falfd^er 3Jlanbatar ber 3)emo- 
fratijß auf ben ^^ron. ®r oerfic^erte bem ^öbel, ba§ 
er nur baS wiHfäl^rige SBerfjeug beS fout)eränen 
aS 1 f e S fein woHe. ®r lie^ fid^ burd^ 2lbftimmung biefeS 
fouoeränen SBolfeS beftätigen. 3)a war feiner fo niebrig, 
tUxn, erbärmlid^, beffen ©timme er nid^t mit über fid^ 

0. (&xott^n^, ^roMeme unb @:^ara!terföDfe. 5 



— 66 — 

cntfd^ciben ließ. ®r fd^meid^elte bem ^pöbel, too unb rote 
er nur fonntc, unb rcrfprad^ ber ©emofratic t)on gauj 
(Suropa feine S)ienfte. ®r würbe Äonful unb Äaifer 
üon 5ßöbeU ©naben, unb erfl, ate er fid^ burd^ 
fold^e 9JlitteI ber — „©fraüennioral" in feiner ^err* 
fd^aft befeftigt l^atte, warf er bie 3Ragfe ab unb fefete 
ber betrogenen, übertölpelten 3)emofratie ben gufe auf 
bcn 3laätn. Sefet jüd^tigte er mit ©forpionen bag 3beat, 
ror bem er l^eud^terifd^ einft gefniet l^atte. SRad^bem eö 
fein @ut unb 33lut für i^n l^ingefd^üttct, fd^tug unb fpie 
er il^m inS ©efid^t. SBag ift benn in biefem 33ilbe 
„SBorne^meg", „SBa^r^aftigeg", „©roßeS", „©d^önes", 
„2lriftofratifd^eg", mie eä bod^ SRiefefd^e bei feinem ^^igerren* 
menfd^en" offenbar oorf c^roebt ? SRol^e, brutale SRatur* 
traft, mo fie im offenen Kampfe ben ©egner niebermirft 
unb il;m il^re ^errfd^aft aufjwingt, l^at immerl^in nod^ 
etmaö Smpofanteg, auc^ mo fid^ unfer ©efül^t bagegen 
fträubt. aiber eine Äraft, bie burd^ feige ^interlift, 
^eud^elei, Süge, SSerrat, bered^nete^ ßomöbiantentum 
emporfommt, fann bod^ nie unb nimmer ate „Slrifto^^ 
fratie", afe „^errfd^aft ber S3eflen" empfunben werben, 
©onft müfete man ja ben fiiftigften atö ben S3eften an« 
erfennen, benn eg ifl eine alte ©rfal^rung, bafe bie Sijl 
fid^ oiel el^er burd^fefet, alö bie blofe ro^e Äraft, baß 
biefe ol^ne jene fid^ mol^l überl^aupt niemals burd^fefet, 
mo fie fid^ nid^t l^öl^eren ^xotdm unb ®efe|en unter» 
orbnet unb oon einer großen fittlid^en ^perfönlid^feit ge= 
tragen wirb, S)ie SRiefefd^e'fd^e „2lnftofratie" mürbe nid^t 
ctma bie ^errfd^aft ber brutalen Äraft, oielmel^r bie ber 
gemeinen, bered^neten, l^eud^lerif d^en , feigen, tüdfifdjen 
^interlijl bebeuten. 9iid^t ber mäJ^nenumroallte, reißenbe, 
aber f öniglid^e S ö m e mürbe l^errf d^en, f onbern bie tüdEif d^- 



■^ 67 — 

fd)(ei$enbe, Imiembe S^igerfafee unb in il^rent ©c« 
folge — bie teid^enräubcrifd^c, feige ^t)äne. 

®§ f d^reibt unb f agt fid^ f o leidet l^in : „Umwertung 
aller aBerte!" S)ag ift aber fd^on be^l^alb einganjun= 
inöglid^eS S)ing, weit unfere — ©prad^e oerfagt, weil 
für biefe Umwertung eine ganj neue ©prad^e erfun« 
ben werben niiifete! 2)enn bie bafür in 33etrad^t fom* 
nienben 2lu^brüdEe finb von ben fittlid^en SBertbeftim* 
uiungen ber „SHaoenmorat" gar nid^t ju trennen, ©o 
grofee 3Jlü(;e fic^ aud^ 5Riefefd^e giebt, fie auöjufc^eiben, 
— eg gel^t eben nid^t. ®r f agt : wir @uten, ba^ l^eifet : 
wir ©tarfen, wir äJornel^nien , wir ©ro^en, 3Ba]^rl^af= 
tigen. 2llle biefe 3lu§brüdEe finb un^ aber ol^ne bie in 
il^nen liegenben fittlid^en SBertbegriffe unoerftänblid^. 
Äönnen wir un^ einen „aSornel^men" benfen, ber beni 
^pöbel fd^nieid^elt, fried^enb um feine @unft bul^lt, ängft* 
lid^ mit feinen 2avinm red^net? (Sinen „Orofeen" anberö, 
atö in aufred^ter, ftoljer, I;ol^eitöt)olIer Haltung ? ©inen 
„2Baf)rl^aftigen", ber Süge unb Äomöbienfpiel gegen 
fid^ unb anbere nid^t ftolj üerfd^mä^t? 3a, ift nid^t 
fd^on ber S3egriff beä „©tarfen", als beg ariftofratifd^eu 
^errenmenfd^en, mel^r ober weniger mit allen biefen Se* 
griffen tjerbunben? 

S)er aSerfud^ einer praftifd^en SBerwirflid^ung ber 
SRiefefd^e'fd^en Seigren würbe ganj anbere Siefultate er* 
geben, afö fie 9liefefd^e fid^ f elbft geträumt l^at. ©ie würbe 
unbebingt jur f darauf enlofen ^errfd^aft beg 5ßöbeU, 
jur 5Demofratie unb 2lnard^ie füfjren. 3)ie 3Jlaffe 
würbe mit ben „^errenmenfc^en" balb fertig werben, 
bann aber, mit ber angemaßten, alle unb jebe 2lutorität 
unb STriftofratie in ben ©taub treten. SBa^ nüfet bie 
ßrftärung SWiefefd^e^, bafe feine £el;re nid^t für bie 5BieI= 



- 68 — 

juoicleti, fonbcrn mit für bie aflerwenigflcn befKimnt 
fei — : „td^ bin ein Ocfefe nur für bie 3Weinen, id^ bin 
fein ©efefe für atte" ! SBer rool^t wirb jtd^ }u ben SSiel* 
}UDie(en jö^Ien unb nid^t Heber }u ben SSieljuroenigen ? 
„Öerrcnmenfd^en" f)at e§ fd^on oor ^iiefefd^e gegeben, 
unb wer wirflid^ einer ift, ber wirb aud^ l^cutc afe fold^er 
l^anbeln, ol^ne eine ©il6e von 9?iefefd^e ju fennen. S)a* 
gegen liegt bie ©efa^r nal^e, bafe gerabe bie gefifeelte 
©itelfeit ber Äteineii, bie l^od^mfltige Sefd^ränft^eit ber 
3Jlittelniäfeigfeit pd^ ju bem SBal^ne beS ißerrenmenfd^en» 
tum^ aufbtafen wirb. 5ßrofeffor.Äaftan nimmt in einem 
l^übfd^en SBortrage über SRietjfd^e gerabe ben rid^tigeu 
unb jugleid^ einen tjornei^men ©tanbpunft ein, wenn er 
fagt, nid^t bag ßl^riftentum I)abe e§ nötig, bie 9Jiefefd^e'fd^e 
Xl^eorie ju wiberfegen, fonbem f ie bebürfc einer pfpd^o* 
logifd^en ®rHärung, um überl^aupt begreiflid^ ju wer« 
ben, SBir l^aben biefe ©rffcinmg in ber 5ßerfönlid^feit 
beg Segrünber^ ber neuen Seljre gefunben. 

2)er aSerf affer be^ „Slntid^rift" ift ber ©ol^n eine^ 
eoangelifd^en 5ßfarrt;aufe§, Slm 15. Dftober 1844 ju 
SRödfen bei Sttfeen geboren, üerlor er fd^on mit fünf 
Salären ben aSater unb bamit bie t)ätertid^c ©rjiel^ung. 
aSom 14, big jum 20. Safere mar er BögKng ber ©d^ul^ 
pforta, t)om 20. big 24. ftubierte er in 33onn unb Seipjig 
ftaffifd^e 5ßl^ilologie. SBon Seipjig mürbe ber SSierunb- 
jmanjigjäl^rige auf ®mpfel^Iung Siitfd^fe afe ^rofeffor 
ber gried^ifc^en ©prad^e nad^ S3afel berufen — bie 
gaMtät fanbte it;m bag S)oftorbip(om ol^ne 5ßrilfung 
nad^. 3n Safet mirfte er glcid^jeitig an ber Unioerfität 
unb am ^päbagogium. 2luf feine ©d^üfer üitt er einen 
nad^l^attigen ©influfe. ®eift, SBi^, biateftifd^e ©d^lag* 
fertigfeit, Äül^nl^eit unb ©igenart ber 3[been mad^ten iJ^n 



— 69 — 

in feinen g^^^ben ^agcn aud^ jum brillanten (SefcH* 
fd^nfter. 3ln bem Äriege 1870^71 m^m er afö frei^ 
.tjittiger Äranfenpfleger teil, ba er atö ©d^weijer SSürgcr 
nid^t jur SBaffe greifen bnrfte, SBolb barauf roirb er 
üon einem tüdfifd^en Slugen^ unb Äopf(eiben befallen, 
©ein BiiP^i^t^ Derfd^limmert fid^ fo fel^r, bafe er fd^lie^^ 
li(^ auf jebe Sel^rtl^ätigfeit üerjid^ten nmfe. 3Son unfäg* 
Ud^en Dualen rcrfolgt, fliel^t er t)on Ort ju Ort unb 
oerfud^t eg mit ben oerfd^iebenften Äliniaten — im 
©ommer in ©itö-3Jlaria im Dber^^ngabin, im SBinter 
in ber SRiriera. 3Jlit feiner ®r!ranfung beginnt jene 
aiid^tung feinet ©eifte^, bie im „^axaif)n\txa** unb „änti* 
d;rift" i^ren fiöl^epunft erreid^te. (Sr fuggeriert ftd^ bie 
aioHe be^ ^ofitioiften, fann fie aber im SBiberfpruc^ ju 
feiner ganjen SBeranfagung nid^t burd^fül^ren unb wirb 
fo allmäl^lid^ au§> bem gor[d^er unb SDenfer ber mit 
bem Slnfprud^ ber Unfef)lbarfeit auftretenbe Seigrer unb 
5ßropl^et, 2llleä frül^er ©efagte unb ©eglaubte ift il^m 
jetjt nur noö) ein einziger großer Irrtum. ®r aber, 
^riebrid^ SRiefcfd&e, ber franfe, von emigem fted^enben 
^topffd^merj geplagte ©infiebler, er ift gefommen, um 
bie ganje SJlenfd^^eit über ben unerl;örten, fd^ier un» 
glaublid^en aOBal^n aufjuflären, in meld^em fie nun fd^on 
balb 2000 Saläre bfinbtingg bem SSerberben entgegen» 
taumelt. Qmmer tiefer f)Mt er fid^ in ben 3Jlantel be^ 
©eJ^eimnigooHen , immer l)öl^ere ©ipfel erflimmt S^xa- 
tl^ufira, immer bunflere ^ö^len fud^t er auf, um einfam 
mit feinem ©otte, b. f). mit fid^ felbft, ju reben. 
Die SBiffenfdjaft wirb bei il^m jur S)id^tung, bie 5p^i(o* 
fopl^ie jum ÄuItuS, unb auf bem ältare, üor bem er 
fniet, tl^ront niemanb anber^, atö SRiefefd^e^S^^^tl^^flra 
felbft, ber Übermenfd^, ber „Sinn ber ®rbe", ber Oott, 



.- 70 — 

nad^ bcffen Silbe er ein neue^ ©efd^Ied^t bort SWenfd^en 
fd^affen toitt. ^\)\n, bem ^^teicn, Qo^tn, ©tarfen, grö^- 
li(|en, in rl^t)tl^mifd^cr S)afein^Iuft tanjenb \id) aBicgen« 
ben, fingt er ^t)mnen rott wunberbarer poetifd^er Silber 
unb in einer ©prad^e, bie fteHenroeife jum ©d^önften 
gel^ört, wa^ je au^ einer beutfd^en geber gefloffen ift. 
Die SRiefefd^e'fd^e ^l^itofopl^ie afö fold^e ift eine büftere 
SRad^t. 3lber in biefer JJad^t Un^Un njunberbarc ©teme 
über einem Södflin'fd^en ©itanbe voU glü^enber fjarbem 
prad^t unb pd^fter romantifd^er SReije, fd^aurigen Älüften 
unb 2lbgrünben, an bereu Staube fd^lanfe, ujeifee Silien 
int 3)?onbenfd^eiue träumenb fid^ wiegen . . . Ober — 
um mit il^m felbft ju fpred^en — : „3Bol^l bin id^ ein 
SBalb unb eine JJad^t bunfler Saume; bod^ wer fi(^ 
oor meinem 3)unfel nidjt fürd^tetet, ber pnbet aud^ SRofen* 
l^änge unter meinen ßppreffen" . . . 

Unb fo ringt biefe^ ©enie mit bem Äain^ftempel 
be§ göttlid^en glud^eg l^eife unb inbrünftig nad; religiöfer 
Offenbarung unb finbet leine anbere, al^ ba^ eigene 3d^/ 
ober rid^tiger : einen 5traum üon feinem eigenen 
3d^. "^^nn aä), nur ein S^raum ift ja all biefe Äraft 
unb ©efunbtjeit, all biefe im ©onnenfd^ein fid^ babenbe 
S)afein§Iuft, — ber ©el^nfud^t^traum eine^ ßranfen, bem 
jene l^errlid^en ©iiter oerfagt finb. 3im 2lnfang beg 
Sal^re^ 1 889 erlif d^t aud^ ber trügerif d^e ©djimmer bief e^ 
S^raumg, unb es wirb bunfle, fternlofe 5Rad^t. S)er 
SBa^nfinn brid^t bei 9liefefd^e au^ — ate ©röfeenwafin! 
3lod^ immer lebt ber Unglüdüdje, jur 3^it bei feiner 
©d;it)efter in Seipjig; aber eö ift mel)r ein Segetieren, 
al^ ein Seben. 2)er 3lpoftet be^ rüdfid^tölofen, urfräf^ 
tigen, „gefunben" ^errenmenfd^entum^ ift t;ilf(o^ wie ein 
Äinb. SBol^l i^m, ba§ eö nod^ eine — „©ftaoeumoral" 



- 71 — 

gicbt, bie fid^ ber ißitftofcn unb ®fcnben, ©d^wad^cn 
unb Äranfen in treuer ^pflege unb gürforge annimmt! 

©rfd^üttert fielen mir l^ier t)or einem ber unerforfd^= 
lid^en 3fiatfd^lüf[e be^ lebenbigen ®otte§, ber ©einer ni($t 
fpotten lä^t. ®r l^atte biefen 3Kann mit ben glänjenbften, 
ja, mit munberbaren ®aben begnabet; l^atte il^m be^ 
2)id^terS ©ternenflug, be^ Äünftlerg bitbnerifd^e Äraft 
unb garbenprad^t , be§ 5ßl^itofopl^en 2^iefe unb ©d^ärfe 
Derliel^en, unb all biefen SReid^tum liefe er untergel^en 
in d^aotifd^er ginfternig! SBurbe ber Unglüdlid^e mit 
geifiiger S3linbl^eit gefd^lagen, meit er im Übermute ber 
il^m gefd^enften ©üter freoelnb nad^ ber Ärone be^ 
^öd^ften langte ? Ober moHte ©ott in ben SBerfen bief e^ 
3Kanneö unferer 3^W bitten ©piegel tjorl^alten, in biefem 
Silbe i^r jum Seroufetfein erl^eben, meiere ungel^euer^ 
lid;en 2lu^geburten ber menfd^lid^e @eift erzeugen mufe, 
romn er fid^ gegen ben SBiUen feinet ©d^öpfer^ empört? 
— 2^ief finnige ©agen au§ bem STltertum, I;eilige @e* 
fd^id^ten aug ber Urjeit jiel^en un§ fd^mermütig-mal^nenb 
burd^ ben ©inn ; — Storno, ber mit mäd^fernen glügeln 
jur ©onne ftrebt; ^ßrometJ^eu^, ber t)on ber erzürnten 
©ottl^eit an ben faufafifd^en gelfen gefd^miebet mirb; 
unb bann Sucifer, ber in ginfiernig üerftofeene Sid^t* 
enget ; bag erfte 3Jlenf d^enpaar, ba^ bie t)erbotene grud^t 
nom ^anxrn ber Srfenntni^ mit ber SSerbannung au^ 
bem ^parabiefe büfete . . . 

SBir, bie mir ung frei unb offen ju ber „©flauen- 
moral" befennen, bie Qefu^ ßl^riftu^, ber ©efreujigte, 
un^ geleiert l^at, mir fönnen bem unglüdEfeligen 2Jlanne 
nur unfer tieffteg SUlitleib mibmen. ®r mar ein ah 
trünniger, aber mal^rlid^ fein unebter (Seift. ®r mar, 
mie Sucifer, ein t)erlorener ©ol;n be^ Sid^teg. S3ei aller 



- 72 - 

gebotenen ©d^ärfe ber 2lbn)eifung barf man i^n bod^ 
aud^ nid^t miBoerflel^en, raie baS iooI;l nod; oielfad^ ge* 
fd^iel^t. aSaä er fid^ erträumt unb erftrebt, ifi nidEitS 
5WiebrigeiJ, ©cmeine^. SKber e§ ifl etwas rein ©üb* 
ieftit)eg -- ein abnormer ©eetenjuftanb, in ben nur 
er fid^ mit aller Äeufd^l^eit feiner bürgerfid^en ©efinnuns 
gen unb ^anblungen l^ineinoerf efeen , l^ineinpl^antafieren 
fann. ©ein Igrifd^ empfunbeneS ^errenmenfd^entum er* 
fd^ien il^m ganj anberS, afe e« nn^ in feiner realen 
aSern)ir!Ud;ung innerl^atb oon 3«it unb 9iaum notroenbig 
erfd^einen müfete unb mflrbe. 3l^m mar eS eine geiflige 
©rl^olung, ein feetifd^eS ©rfrifd^ungSbab nad^ fd^meren 
Äämpfen unb Dualen, ein pl^antaftifd^er, übermenfd;lid^er 
©ipfel, auf bef[en ätl^erifd^e ^bf)zn an^ trüber SBirflicl;* 
feit er flüd^tete. SBir aber, bie er t)or eine neue SBelt* 
anfd^auung geftellt l^at; benen er allen 6rnfte§ bie 
3lnerlennung biefer SlBeltanfd^auung at§ einer 
fold^en jumutet, mir emppnben (Srauen unb Sntfefeen 
bei bem ©ebanfen, \>a^ biefe 3luSgeburten eines genialen, 
aber jerrütteten ^irneS ©d^ule mad^en fonnteai. SBarb 
l^ier ein „ebler ®eift jerftört", fo mufe anbrerfeits auf 
baS entfc^iebenfte bagegen gront gemad^t merben, bafe 
minber eble ©eifter fid^ ber neuen „^errenmoral" be* 
mäd^tigen, um mit bem geigenblatte einer pl^ilofopl^ifd^en 
„2lutorität" il^re 9ladftt;eit ju Derl^üHen. ®ine fd^led^te 
unb re(^te„5ßl^ilofopl^ie ber bemühten ©emein* 
l^eit", — bie l^ätte unö \a gerabe nod^ gefel^lt! 

©ie märe ber blutigfte ^ol^n, eine erfd^ütternbe, gel* 
lenbe ©at^re auf baS SBirfen beS 3KanneS, ber nid^tS 
fo tief tjerabf diente , fo tjerjel^renb leibenfd^aftlid^ be* 
fdmpfte, mie bie auf f äffigen Si^riebe ber emancipierten 
SJJenge. (S^btn barin liegt ja feine Sebeutung für eine 



— 73 — 

3cit, in bcr bic platte, befd^ranfte Statögltd^fcit aßcS 
Übetlcßcne, gcinc, SBornel^mc, ^infame in bie @rbärin= 
lid^f eit il^re^ eigenen ©trafgefefebud^ * ®en)if[enä unb 
aSal^lred^t^SewuM^in^ l^inunterjiel^en will. S)a§ er bie 
grofee, aber leiber immer mel^r in SBergeffenl^eit geratenbe 
ariftofratifd^e SBal^rl^eit ton ber Ungleid^l^cit ber 
3Jienf d^en mieber auf il^r I;ol^e^ ^ßoftament gefiettt, auf 
bie S^age^orbnung ber 3^itbebatten gefefet £|at, ift bag 
pofttit)e SBerbienft SRiefef d^eg. S)a§ negatiüe ift feine u n- 
freimiüige Sefräftigung unferer 3KoraI, ber 
feine 2lngriffe eine nod^ nie bagewefene ©elegenljeit ge* 
boten l^aben, il^re unerfd^üttertid^e SEBurjelfeftigfeit ju be* 
meifen. 5Rid^t^ fann i^re SRotmenbigfeit fräftiger auf== 
frifd^en. Warer jum Semu^tfein bringen, afö bie logifd^en 
Äonfequenjen ber umgefel^rten 3Koral 3Jiefefd^f^. 

S)er 5p^i(ofopl^ Jiiefefd^e ift üielleid^t nur eine SWobe^ 
beriil^mtl^eit. 3^i^^» werben fommen, für bie er feine 
Sebeutung l;aben roirb. Slber ber Äünftler roirb ben 
5pt;itofüpIjen Überbauern. 3l\ä)i^ l)at il^n fo tief üer« 
wunbet, fo lange nad^l^er nod^ fdOmerjUd^ burd^jittert, 
mie fein 2lbfdjieb von SBagner, mit bem er in ber 
©d^meij fünf 3al^re lang pcr[önlid^ unb geiftig mit einem 
„SSertrauen ol^negleid^en" tjerfel^rte. 9Benn er fpäter 
biefeg Sßerl^ältnijS eine „ganje lange ^paffion", feine „©e* 
nefung" oon SBagner fein „größtes ©rlebni^" nennt, 
fo ift aud^ bag nur ein 33efenntni5 feiner eigenen Äünftter» 
natur. Unb atö Äunftfd^öpfungen werben aud^ feine 
SBerfe 3i^^i>^tt beutfd^en ©prad^tume^ bleiben. „3ln 
einer ©eite 5ßrofa wie an einer Sitbfäule arbeiten" — 
ba§ mar il^m ernfte fünftlerifd^e ^pftid^t. Saoal^eijge^ 
unb Oletfd^erf üfileö , laroinenmud^tige Äraft unb monb« 
Uc^tfd^immernbe, jarte, jouberifd^e ©timmung mei| er 



— 74 — 

mit gleid^er ®nergie, gülle unb gül^I6arfeit jum 2lu§* 
brud }U bringen, ©eine ©prad^e entlehnt itjrc SBir^ 
fangen fttnitli(^en Äünftcn: ber 9)Merei wie ber 3Rurif, 
ber ^oefie wie ber ^ptaftÜ. ©eine apl^oriftifd^en ©äfce 
lefen fid^ wie aufgelöftc Sijri!. Unb mand^mal fernliegen 
ftd^ GJebanfe unb ©timnmng fel^nfüd^tig aud^ an bie 
poetifd^en gomien: 

S)ieS ift ber ©crbft; — ber brid^t bir mä) baS ©crjl 

gUcQ fort! flieg fort! 

aBa§ warb bie ©cit fo roelü 
3luf müb' gefpannten gäben fpielt 
®cr 2öinb fein Sieb .... 

^erbft! SBie ift er fd^ön in feiner frud^tgebeugten, 
golbenroten güHe nai) jeugungSfrol^en ©onimertagen! 
Slber ein'^erbft ol^ne ©ommer — oI)ne ©onne — in 
tiefer, fterntofer ©eiftesnad^t — ! SHrnier, armer 3^ta» 
tl^uftra ! S)ie te|te, tieffte ^öl^te beiner SBeiöl^eit gab bid^ 
nimmer l[ierauö 




to3 ©roigmcnf^Itd&e, bie fieg^afte grei^eit unb über= 
[egeit^eit befi reinen fiiinftgebanfcnS fittt fid& bei 
leinem mobemen 3)ict)ter Elatcr uiib iibetjeugenber et= 
roiefen, q[S bei ©er^art Hauptmann, ©eine ganäe poe= 
tifc^e ©nlroidluitg mit i^cen fiiiifllcrifc^en Erfolgen 
ift ein Ieu($tenber 33en)eiS für bie freie, göttlii^e 3ib= 
fiommuug bet Äunfi unb baä ©roige in i^r. 3!ic^t mo 
et ben oertnöc&erten SJogmen einer oftfietifd&en ©c^ufe 
l^ulbigt; auc6 nic&t ido er bem fociaten unb politifi^en 
geitgeifte, bem untlaren 5pat^oä be§ ^ogeS litterarifd&e 
Öettttomben opfert, feiert feine Äunft Sriumpfie. aRog 
eine geniiffe ©lique gtofeftäbtifi^er 3>ecQbencefanatiter bei 
beit 3II)fi§eu[ic£)feiten beS „aSor Sonnenaufgang" noc^ fo 
fleißig bie ^önbe rii^ren; mag ber tofenbe SeifdHäfhitm 
einer SJienge, bie mit allen anberen, nur ntd(tf mit tnnft= 
lerifi^en Slbfii^ten inS S^^eater getommen ift, ben „'SitUtn" 
itoi$ fo grofee öu§ere ©rfofge bereiten, — biefe @r= 
folge ^aben mit bet Äunft nid^lä ju fd&affen. ^t (ttuler 
unb betclubenbet fie etbrö^nen, um fo lebljaftct müfete 
fic^ ber 23ic^ter beroußt raerben, ba^ et in biefen ©tttiJen 
einen faifi^en 3S?eg betreten ^at. 3)enn nid(it§ Eann ben 
loafiten Sünfticr me^r erfdjreden unb beängftigen, at§ 



— 76 - 

ber 93etfaII bed 93anaufentUTn^. 2Bo ober ^au)>tinann 
uid^t nur bic boftrinclren ©elüfie litterarifd^er ©d^ut« 
meipcr, funftfrembcr 5porteipoIitifcr itnb focialer SBirr* 
föpfe bcfricbigt, voo er nid^t nur Seibcnfd^aften entflammt 
unb abgeftumpfte SReroen aufrüttelt, — n)0 er ble ©aiten 
be« ®emüt^, bie ftiHen ©loden ber ©eele in ©d^wing* 
uugen üerfefet, ba finb eS attbefannte unb bod^ eroigiunge 
^öne, bie nnü ergingen, fd^meid^etnb bie §erjen öffnen, 
bie bem naturaliftifd^en „"iSSixtli^UiW '%\>o\itl feinblid^ 
t)erfd^(offen waren. 2)a greift ber SDid^ter auf bie rer* 
a^Mtn unb befpöttetten 3Rdd^te beö 3beoli?mu^ jurßdf; 
ba brid^t ber ©onnenflral^t ber Siebe burd^ finflere 
SBotfenberge x>o\x @(enb, Jammer, ^ä^Iid^feit, aSemei- 
nung; ba rü^rt ber 3^ii6^rftab beö SWard^en^ unb SSolfö* 
liebes an unfcre ©eeten, unb e^ überfommt und me 
alter ©laube unb junge Hoffnung. SRod^ l^at fid^ ^aupt* 
mann nid^t bi^ jur bewußten Befreiung von ber natura« 
liftifd^en 3)oftrin burd^juringen üennod^t; nod^ fielet er 
felbft jenen 3JJäd^ten oielfad^ mit ffeptifd^ überlegenem 
Säd^eln gegenüber, unb wer mei^, ob er ftarf genug 
veranlagt ift, bie überragenbe ^öl^e einer mal^rl^aft 
freien unb großen l^armonifd^en SBeltanfd^auung ju er» 
Kimmen. aSorläufig finb il^m bie ibealen ^aftoren nur 
fünftlerif d^ mirifame aKotioe/nid^t religiöfe unb 
äfil^etifd^e SBal^rl^eiten. Silber mie er fie in feinen 2)id^* 
tungen nid^t entbel^ren fann, fo üerbanft er il^nen bie 
ed^ten unb reinen SBirfungen feiner Äunft, ja red^t 
eigentlid^ fein pofitioe^ Äünftlertum überl^aupt. 

S)a^ ©tüdf, mit meld^em fid^ ©erl^art Hauptmann 
weiteren Greifen befannt mad^te, „SBor ©onnenauf* 
gang", jeigt il^n nod^ in völliger 2lbl^ängig!eit von bem 
fogenannten „fonfequenten SRealiömu^", ber thm gerabc 




®ei:l)art Öaiiptinann. 

Olli ijem 'yerlogt uon .iKiin. l?oioru5, Suc^ionlilunB iP SfiÜ 



— 77 — 

von bcn Ferren ^ol} itnb ©d^faf in einer Slooelleu« 
fammlun0 propagiert n)orben xoax. @^ n)urbe t)on bem 
SSerein ,,5reie Sü^ne" unter großem 2^umiilt aufge* 
ffll^rt unb oon ben „Ronfequenten" atö bie Offenbarung 
eine« reoofutionären Äraftgenieö, ba§ ber Sitteratur neue 
33al^nen bred^e, in bie fflSelt pofaunt. 3n SBal^rl^eit 
giebt eiS unter ben @rjeugniffen ber lejjten 3al^r}ef;nte 
faum üxoa^ ^^iliftröfere^, afe biefe „reoo(utionäre S)td^= 
tung". SSon ber Überfraft titanifd^er Sugenb, bie fid^ 
— etwa wie ber jintge Sd^iHer in ben „SRäubern" — 
in günbenbeii efeftrifd^en ©d^lfigen, reinigeubcn unb er« 
frifd^enbeu grftl^ling^gemittern entifibe, ift l^ier wirfCid^ 
faum ein ^aud^ ju fpiiren. ®a« ®anje fteHt fid^ a[§ 
eine einjige bid^terifd^e Ätoafe bar, unb man tl^ut \oo% 
\>a^ 2;afd^entud^ oor bie SRafe ju l^atten, roid man mit 
ber fritifd^en £aterne ba l^inabfteigen. S)er Selb beS 
©tüdfeg ift ber feidf;tefte Sd^roäfeer, ber je eine beutfdje 
Saline mit elenben ^^rafen oeröbet I;at, unb bie übrigen 
^erfonen mad^en faft auönal^mötod ben ©inbrudf, afe ob 
fie von jenen unfauberen ©eiftern befeffen feien, bie t)or* 
malg JU ei^riftuS fprad^en: „^err, ertaube nn^, bafe mir 
in biefe ^erbe ©äue fal^ren!" 

SHfreb ßotl^ gel^ört irgenb einer nid^t oorl^anbenen 
^Partei an, foH aber offenbar ©ocialbemolrat fein. 3luf 
einer „2lgitation^reife" befud^t er feinen greunb ^off» 
mann, ber in eine reid^geworbene fd^tefifd^e Sauern* 
familie l^ineingel^eiratet l^at. ©ämtlid^e aWitglieber biefer 
gamilie, big auf bie nod^ rettungöfäl^ige S^od^ter be^ 
Kaufes, Helene, finb big über bie Dljren in fittlid^en 
Unrat : SßöHerei, S^runf fud^t big jum Deliiium tremens, 
Unjud^t big jur Slutfd^anbe unb ade nur benfbaren 
Safter Derfunfen. S)ie burd^aug epifd^ angelegte, mit 



- 78 - 

bel^agUd^flet aSrettc ausgearbeitete ©d^ilbcrung biefeS 
Unrats, ber elelfjafteflen 3"ftänbe uub fianblimgen, aller 
Dffenbarimgeu ber S3eftialität, bitbet ben roefentlid^en 
3nl^a(t bc§ „S)ramaö". &otl), ber bie 3eit feine« 3luf* 
treten« auf ber Sfll^ne mit ftatiftifd^en Selel^rungen über 
bie gofgen be« 2l(fol^otiSmuS, ebenfo unreifem, at§ geijl* 
lofem ©efd^möfe über 3bfen, beu ®j:ftirpator, ©oetl^eß 
9Bertl^er, bie unglücffelige „moberne ©efetlfd^aft" unb 
anbere fd^öne unb nflfelid^e S)in9e »erbringt, üerlobt fid^ 
fd^Ue^Uc^ mit ber erroäl^nten Helene. 3"^^^ ^^^^ W 
biefe i^m eine Siebe«erf(ärung mad^en muffen. S)enn 
nur unter jiuei Sebingungen, an benen er unerfd^ütter* 
Ud^ feftf)ä(t, erflärt er, fidf) üerel^elid^en ju wollen, 
©rften« mu§ ba« betreffenbe aWäbd^en „juerft ba« be* 
raupte S3efenntni« ablegen", jroeiten« mu^ fie iljm eine 
gefunbe 3}ad^fommenfd^aft oerbürgen. S)ie erfte S3e* 
bingung l^at Helene erfüllt, für bie Erfüllung ber jroeiten 
fd^eint fie bem oerliebten „3lgitator" nid^t bie genügen* 
ben ©arantien ju bieten, ^eftt erfl erfäfirt er, was bie 
©pafeen fd^on tängft von allen SDäd^ern pfiffen: bie 
2^^atfad^e, baJB Helenen« SSater profefftonömäJBiger ©äufer 
ift, unb ba§ bie gleid^faU« bem S^runle ergebene ©d&mefier 
feiner SBraut it;rem Spanne nur tote Äinber geboren , 
l^at, mit 9luönal^me eine«, meldte« fd^on im jarten Sllter 
von 3 3^f)^^n (!) — man l^öre unb ^tauM: — „am 
2llfol^oti«mu« ju ©runbe gegangen ift". „Slad^ ber 
®ffigflafd^e l^at ba« bumme Äerld^en gelangt, in ber 
9)?einung, fein geliebter gufet (!) fei barin. S)ie glafd^e 
war l^erunter unb baö ^inb in bie ©d^erben gefallen." 
®in ®reiiä{)riger, mefd^er, ftatt an ber Wdi^ frömmer 
©enfungöart ju fangen, fid^ al« ^apa« gemol^nl^eit«* 
mäßiger ^onfneipant gebärbet, gemütlid^ bie glafd^e 



— 79 - 

J^eruntcrfangt — : c§ ift ctüig fcf;abc um ben uicfocr- 
fpred^enbcn jungen 3Slanu, er wäre jweifeUo^ ber ©totj 
ber ejatnilie geworben ! 9Kan empfinbet eö afö bebauer* 
lid^e Südfe in bem „fonfequent realiftifd&en" 35rama, 
ba^ ber talentierte Jüngling nid^t feinem feud^ten (Ele- 
mente jurüdfgegeben unb atö ©piritu^präparat einem 
aKufeum für anatomifd^e ©eJienöroürbigfeiten geftiftet 
wirb. SBenn ^err 2otf) fid^ biefe ©efd^id^te aufbinben 
täfet, fo fann \m^ ba^ freilid^ nid^t munbern. ©ein 
©d^arffinn reid^t fogar bi^ ju bem ©d^luffe, ba^ er 
aud^ mit ber ganj gefunben Helene nur anormale "Slaä)^ 
fommenfd^aft erjiefen fönnte. S)a il^m nun biefe 2lu§- 
fid^t feineömegö täd^eft, fo jiel^t e§ ber S3iebermann vor, 
ben ©d^auplafe feiner tel^rreid^en SBirffamfeit in aller 
©tifle jju verlegen. ®r perfd^roinbet unb überläfet fein 
©d^äfed^en ber gürforge ber 2lflmad^t. ^ier muffen mir 
nun abermals eine fd^merjtid^e ^nfonfequenj beg „fonfe* 
quenten Siealiften" beltagen. Qm erften 2lfte l^atte ^err 
Sotl^ mit feinen ftatiftifd^en X^abeHen über bie 33rannt= 
meinpeft Helenen ben ©enufe von ©pirituofen perfeibet. 
3Bäre e^ nun nid^t jmedfmäfeig gemefen, bie ©i^en* 
gebliebene — mieber jur glafd^e greifen ju laffen? 
SBie nal^e lag ^ier ber rettenbe ©ebanfe an bie SRamenö* 
fd^mefter ber ^elbin, bie „fromme Helene" be^ 3Bil= 
l^elm 33ufd&, bie fo tief finnig unb fein bemerlt: 

„@§ ift eilt 6priid& oon alter^l^er: 
2Ber ©orgen ^at, l^at an^ 2i!ör." 

Unfere Helene ift jebod^ anberer 2lnftd^t. ©tatt ben 
platten 33urfd^en ruliig laufen ju laffen, gebärbet fie 
fidj über feinen Slbgang l^öd^ft üerjmeifelt unb — erftid^t 
fid^ mit einem ^irfd^fänger. 2Barum fo — romantifdj? 



— 80 — 

(Sin Jtüd^entneffer f)äiV& aud^ Qttf^an, ha& toöre fo« 
gar nod; oiel — fonfequentsrcaliftifd^cr gcroefen. 9Witt[er* 
meite l^ot c^ awi) ^apa für opportun erad^tet, auf ber 
'öilbfläd^e ju erfd^cinen, felbftoerftänblid^ n)of;(gefrül^ftüdft. 
„Wit ro^er, näfelnber, laHenbcr 2^rinfcrftimmc" crl^cbt 
ber nod^ nid^tö SöfeiS al^nenbe 93acd^u^!ned^t ein n)al^n« 
fmnige^ ©egröl^le ju SWufini unb $retd feiner „l^ibfd^en 
2^ad^ter" — ber frä^enbe $a^n auf bem 3)üngerl^aufen^ 
ben „Sonnenaufgang" ber neuen reatiftifd^en Äunft oer« 
Wnbenb! 

®^ f)at }U allen ^tittn ©d^riftfteHer gegeben, roeld^e 
il)r (itterarifd^ed S^ageraerf mit ben jroei QxnUn einer 
geroiffen — „oerpngniStJoHen ®ahd" ju Derrid^ten 
pflegten, nur l^at man früher eine fold^e 2^^ätigfeit nid^t 
als „fonfequenten 9teali§mu§" gepriefen, 2Baß bebeuten 
bie oerlornen perlen in biefer 3Wüllgrube äft^etifd^er 
Unmöglid^f eiten ! Äann burd^ pl^otograpl^ifd^e Slufnal^me 
einer 3leif|e oon traurigen unb fd^mufcigen ©rfd^einungen, 
burd^ peiuttd^e SBiebergabe teilö efel^after, teitö gleid^* 
gültiger Sttufeerlid^feiten, fojufagen burdft 2lneinanberreil^en 
oon ©d^erben, £umpen unb alten ^ofenfnöpfen ein Äunft* 
merf gefd^affen merben? 

©d^on baß „griebenöfcft" bebeutet einen über* 
rafd^enben gortfd^ritt. S)ie @^e beg liod^gebilbeten S)oftor 
©d^olj mit einem an ^a^ren mie an ®eift, Silbung 
unb gefeHfd^aftlid^er Stellung tief unter il^m fte^enben 
3Käb(^en l^at ein ganj unteiblid^eg, im ^iefften jenüt« 
tete^ gamilienteben gezeitigt. S)ie grau l^at für bie 
geiftigen Qntereffen unb SJebürfniffe beö SKanneö nid^t 
ba§ minbefte aSerftänbniö ; ber Jä^jornige 9Kann mirb 
5um ^auöti;rannen, fd^liefet fidf) oben in feinem ßininter 
ein unb ergiebt fid^ bem 2^runfe; bie Äinber mad^fen 



- 81 - 

üerroal^rfoft unb in SBcrad^tung gegen bie Altern, fid^ 
felbft unb bie ganje SBelt ^eran. ®^ fommt baljin, 
baj5 ber eine ©ol^n, 3BUI^elm, ben eigenen 3Sater förper* 
tid^ mife^anbeft, ber bann ba^ ^au^ rerläfet unb fid^ 
irgenbwo in ber SBelt uml)€rtreibt. S)ied bie SBorge* 
fd^id^te. 2lm l^eiügen 2l6enb, rodl^renb ber 6l^rift6aum 
l^ergerid^tet wirb, feiert ber alte Dr. ,©d^oIj ganj un* 
erwartet jurüdE, unb nun oolljiel^t fid^ jroifd^en il^nen 
allen bie SSerfö^nung. 3Bill^etnt ift burd^ ein eble^, 
tapferes a)?äbd^en unb beffen trefflid[)e aWutter atlmäl^Ud^ 
erroeid^t unb geläutert worben. 9lad^ furd^tbarem Äantpfe 
gewinnt er eß über fid^, vox bem üerad^teten unb ge* 
fd^änbeten 5ßater nieberjuf allen unb i^n um SBerjeil^ung 
ju bitten. S)a blifet auS aüm biefen l^arten, trofiigen, 
üerroilberten SRaturen ber fo lange oerfd^loffen gebliebene 
warme Duell beß ©emüts l^eroor. S)er Sßater offen»« 
bart eine innerfte §erjenßgüte, bie niemanb bei il^m ge* 
al^nt l^at, unb aud^ bie ©efd^roifter fd^liefeen grieben 
miteinanber. 2lber er bauert nid^t lange. SRobert, ber 
altefte ©ol^n, wirb von gel^eimer Seibenfd^aft ju ber 
33raut feinet 33ruberö rerje^rt. ©eine brennenbe ©ifer« 
fud^t äußert fid^ in brutaler Seleibigung beS l^ei^ge« 
liebten SKäbd^enö — ein tief d^arafteriftifd^er^ genial 
beobad^teter pfpd^ologifd^er 3"9- S)er faum beenbete 
gamilienfrieg brid^t aufS neue loS. S)er alte ©d^olj 
flirbt barüber, Stöbert legt wieber feine alte „Wla^k" 
gleid^gültiger, trofeiger SBeltoerad^tung Dor, aber SBill^elm 
wirb burd^ bie Siebe gerettet. 

S)aa S)rama ift oon einer großartigen SBal^rl&eit 
unb Äraft ber 6l^ara!terifli!, bie SJerfö^nungSfcene padft 
unb erfd^üttert aufS tieffte. S)aS ©rl^ebenbe aber ift, 
baß l^ier baS @wigmenfd^lid^e aud^ nad^ ber älid^tung 

V. (Slrott^uB/ Probleme unb G^araftedöpfe. 6 



— 82 — 

bea ©Uten f)in jur tJoUcn ©cttung getaugt. 35a6 ber 
2)id^ter e3 nid^t bei einer affgemeinen^ bauernben SBer* 
fö^nung bewenben, fonbem blefe SWenfci^en, bie fo lange 
in $a6 unb Unfrieben nebeneinonber gelebt l^atten, wie* 
ber menfd^tid^ rüdffättig werben tagt, gerabe ba« erl^öl^t 
bie überjeugenbe SJBa^rl^eit beS ©anjen unb befeftigt 
nm in bem ©tauben, ba^ roenigften^ ©iner, SJBitl^elm, 
nad^bem er bie neue Prüfung fiegreid^ überftanben unb 
innerlid^ überrounben i)at, nun aud^ roirftid^ gel^eitt unb 
gerettet ift. 3n biefeni 2lufbau tag aber für ben S)id^ter 
eine aufeerorbentlid^e ©d^wierigfeit. SRad^bem fd^einbar 
bie l^öd^fte Steigerung erreid^t, bie Spannung tJöHig ge- 
löft war, ntu^te fie auf^ neue fräftig einfefeen unb auf 
einen jmeiten $öf)epun!t gefül^rt werben. 

Erinnert im „griebenöfeft" eigentlid^ nur bie bunfte, 
geJ^eimni^ooll bel^anbelte SBorgefd^id^te an Sbfen, fo brangt 
fid^ in ben „©infamen aWenfd^en" ber SBergleid^ mit 
bem SRormeger faft gemaltfam auf. 

3)ie jungen SBodferat^fd^en ©l^eteute, 3o^anne§ unb 
Äätl^e, finb einanber t)on ^crjeit jugetl^an, aber il^rem 
äuJBerlid^ gfüdflid^en 3"f^^ntenleben fel^lt bod^ bie redete 
Harmonie: ^o^anne^ fü^lt fid^ in feinem miffenfd^aft* 
tid^en ©treben t)on feiner grau nid^t rerftanben. ©ie 
finbet ja atle^, roa^ er fd^reibt, „munberfd^ön", aber bamit 
ift if|m nid^t gebient. ®§ oertangt il^n nad^ einem t)er« 
ftänbni^ooll mitfül^lenben Urteil. 3)a fommt eine junge 
©tubentin, gräutein 2lnna aWal^r, in§ Sßodferat'fd^e ^a\i^ 
l^ineingefd^neit. S3ei il^r finbet nun Qol^anne^ aH ben 
geiftigen ©d^rouug, all bag 58erftänbni§ für feine 2lr* 
beiten, ba§ er bei feiner ejrau fo fd^merjtid^ üermigt. 
Äein SBunber, bafe annag ©efeHfd^aft i^n im l^öd^ften 
3Wa|e fef[elt. 2lber barüber oernad^täffigt er feine grau 



- 83 - 

gänjUd^. ®r fül^rt iljr fogar in red^t unjarter SBcife 
ben großen gciftigcn 2lbftanb, bcr fic t)on bem geleierten 
gräutein trenne, ju ©eniüte. grau ilätl^e ifl bic SBe* 
fd^eibeni^eit felbfl. 3lxi)t fo fel^r i^ren ©atten Hagt fie 
an, fonbern i(;re eigene angeMid^e SBefd^ränft^eit. S)a6 
fie ein fo imtergeorbneteg ©efd^öpf fei, baj5 fie i^reni 
Soi^anneö fo wenig bieten fönne, befümmert biefen in 
SSBaJ^rl^eit grofe angefegten ßi^arafter. ©o eJ^rlid^ fie aber 
aud^ mit fi($ fetbft ringt, fie !ann bie ebenfo natürlid^e, 
wie bered^tigte ©iferfud^t, ben ©d^merj, t)on bem J^eife^^ 
geliebten 9Kanne um einer anbern mitten gänjlid^ über=» 
feigen ju werben, bod^ nid^t oenoinben. Ql^re jarte ®e* 
funbl^eit fd^minbet mel^r unb me{)r bal^in, pe gel^t il^rer 
Sttuflöfung entgegen, inbe^ Sol^anne^ unbefümntert ben 
geiftigen Sieijen ber ©tubentin l^utbigt, bereu Slufenti^att 
bei ben SBodferat^ gar fein ®nbe nehmen mill. SJergeb* 
lid^ (egt fid^ bie alte grau Sßodferat in§ TliiUl, bie bag 
gauje SSer^ältniö mit bem gräutein ate fd^mere ©ünbe 
auffaßt. Sl^re SBorftetlungen bei bem ©o^ne beleibigen 
unb reijen il^n nur aufg äufeerfte. @r fielet burd^ bie 
mol^fgemeinteu SBorte ber 3Wutter nur feine l^eiligften unb 
reinften ®mpfinbungen in ben ©d^mufe gejerrt. „©oH man 
benn mirflid^", Magt er ber grcunbin, „alle^, aUe^, mag 
man gewonnen l^at, biefer üerffud^ten ^onoention auf= 
opfern ? Äönnen benn bie 3Kenfd&en abfolut nid^t einfel^en, 
ba§ ein S^^ft^^b fein aSerbred^en fein !ann, in meld^em 
beibe ^eife nur gewinnen, beibe ^ei(e beffer unb ebfer 
geworben finb ? ^\t e§ benn ein SSerluft für ®ltern, wenn 
i^r ©ol^n beffer unb tiefer wirb? ©in aSerluft für eine 
grau, wenn i^r aWann wäd^ft unb junimmt, geiftig?" 
®r al^nt „einen neuen, J^öl^eren 3"^^^^ '^^ ®emein= 
fdjaft jwifd^en 3Jiann unb grau". „3a, ben al^ne id^. 



- 84 — . 

bell tüirb CS flcbeu, fpcitcr einmal. Slid^t ba§ Xierifd^e 
wirb bann mel;r bie erfte ©teile einnel;m€u, joubern baö 
3)}enfd^Ud)e. ®a3 Xier wirb nid^t luel^r bag Xier el^e= 
Hd^en, fonbent bcr a)?enfd) ben aJieuJd^eu. JJreunbfd^aft, 
bag ift bie Safiö, auf ber fi($ bie Siebe crl;eben wirb. 
UnlöStid^, tüunberooll, ein SBunberbau gerabeju. 316er 
id^ al^ne nod^ we^r: nod^ oiel ^öfjere^, Sieid^ereö, 
ejreiere^ . . . ©mpfiubcu ©ie j. 93. etroag anbereö für 
Rätl)t Qtö ^erjlid;e Siebe? 3ft mein ©efü^l für Rät^t 
etwa fd^TOfid^er geworben? 3nt ©egenteil, eä ift tiefer 
«nb voüzx geworben!" 2lber gräulein 2lnna ficf;t bie 
©ad^e bod) niid^tcrner an. „2lber wo", erwibert fie, „ift 
anfeer mir ein SKenfc^, ber Qtjnen ba§ nod^ glauben 
fann? — Unb wirb grau Äätl;e bes^atb weniger ju 
©runbe gelten? — 3d^ möchte nid^t gern von um beiben 
reben. — 5Rel^men wir mal an — ganj im atigemeinen 

— ein neuer, i)olIfommenerer S^ift^^i^ ^i^i>. ^on jemanb 
tjorempfunben. S)ann ift er vorläufig nur ein ©efüi^t 

— eine fiberjarte junge ^Pflauje, bie mau fd^onen unb 
wieber fd;onen muß. 3)?einen ©ie nid^t aud^, fierr 
35oftor? S)a6 ba§ ^Pflänjd^en fid^ auäwäd^ft, wä^renb 
wir leben, baS bürfen wir ni($t l^offen. SBir fönnen 
eöniemafö grofe werben fel;en, feine g^rüd^te finb für 
anbere beftimmt. 2luf bie 9?ad^welt ben ^eim bringen, 
baö fönnen wir oieHeid^t. Qdj fönnte mir fogar benfen, 
bafe jemanb fid^ bag jur ^Pflid^t mad^t . . . ." „Slber", 
fagt ^[ol^anneg, „wenn nun Äätl^e bie Äraft l^ätte, wenn 
e§ il^r gelänge, pd^ auf bie ^ö^e biefer 3bee ju \)thml" 
gräulein 3tnna: „SEBeun eg ^ätl;e gelänge — ju leben 

— neben mir, bann .... bann würbe id^ mir 
felbft bod^ nid^t trauen fönnen. 3n mir . . . 
in un^ ift etwa§, wag ben geläuterten 93e- 



— 85 — 

5icl^unßen, bie un^ bämmern, fcinblid) ifl, 
auf bie S)auer aud^ überlegen, ^err S)oftor. 
— SBoHen mx nun nid^t Sid^t mad^eu?" 

(Snblid;, enblid^, nad^bem fie fid^ fd^on einmal reife^^ 
fertig auf ben S3al^nl)of begeben, bann aber roieber 
jurüdfgefeljrt roax; nad^bent bie alte grau SSodferat fie 
JniefäBig angefleht, i^r ben ©oI)n jurüdEjugeben; nad^* 
bem il^r von allen ©eiten bie Slbreife nal^egefegt vdox- 
ben, entfd^lie^t fid^ bie pf|i[ofopl^i[d^e 3)ame, ®rnft ba* 
mit ju mad^en. S^vfix fmbet aber nod^ eine bejeid^nenbe 
Slbfd^iebSfcene jroifd^en il^r unb il^rem platonifd^en 
greunbe flatt: 

So^anne^. 2lnna, ©d^mefler! 

grl. Stnna. 33ruber Sol^anne^! 

^ol^anne^. ©oH ein S3ruber — feine ©d^wefter 
nid^t füffen bürfen — beDor fie fid^ trennen, auf eroig? 

gri. 2lnna. ^anm§>, nein. 

Sol^anneö. 3a, 2lnna! ^a, ja! (®r umfd^lingt 
fie unb beiber Sippen finben fid^ in einem einjigen, 
langen, inbrünftigen ^uffe . . .). 

Sol^anneö fann bie Trennung nid^t ertragen. ®r 
ertränft fid^ im 3Küggelfee, an beffen Ufern fid^ bie 
^anbtung abfpiett. 

SDie Unmoglid^feit biefeg ©d^tuffeö ift augenfättig. 
3ft 3iof;anne§ roirKid^ ber, für ben er fidfj l^ält, unb ate 
ben i^n ber S)id^ter aufgefaßt roiffen roill, empfinbet er 
aud^ nur einiget 9Kitleib für feine arme %xan, einige 
S)anfbarfeit unb ÄinbeSliebe gegen feine greifen ®(tern, 
fo fann er i^nen ba§ unmöglid^ antl^un. Stber ba^ ganje 
oom ©id^ter entworfene ©eelengemälbe l^at fid^ roiber 
feine 2lbfid)ten rerfd^oben. S)ie ^ol^en ©ebanfen unb 
fd;önen SBorte be§ ^erm SDoftor^ werben burd^ feine 



— 86 — 

ganjc iQanblungStoeife auf ba^ 3lman ber 5ßl^rafe I;erab* 
gcbrüdt. SBerfügt aud^ ^Jrau Äätl)c roirflid^ nid^t Aber 
bie tüiffcnfd^aftfid^c ©d^utung, um fad^ücrftänbige Rritifcn 
über bic pl^ifofop^ifd^cn ©d^riftcn l^reg ^anm^ abju* 
geben, fo ift ba§ boJ; toQl^rtid^ nod^ fein Unglüd! 6r 
brandet fid^ beöl^atb an il^rer ©eite nodj lange nid;t t)er* 
einfantt ju fügten. ®r felbft weife ja red^t gut, weld^en 
©d^afe er an i^r befifet. „S)u golbeue^, golbene^ ©e^ 
fd^öpf," nennt er fie an einer ©teile; „3)u tiefet, tiefet 
3Kärd^enl^erj. ^i} bin rol^ unb fd^led;t niand^mat! ^d^ 
bin beiner nid^t wert, ^ätl^e!" ©o ift eö in ber S^l^at. 
S)er grofee, unoerftanbene ^»beatift ift im (Srunbe ein 
großer Heiner ©elbftling. ®r giebt fid^ rüdl^alttoS 
bem geiftreid^=pridEelnben Umgänge mit ber ©tubentin ^in, 
ol^ne für bie unfäglid^en Seiben feiner grau 2luge unb 
^et^ ju ^aben. ©oHten biefe geiftigen ©enflffe nid^t 
il^ren ^auptreij in ber gefd^meid^elten ©itelfeit beg n)iffen= 
fd^aftlid^en S)ilettanten finben, ber enblid^ einen gebulbigen 
gul^örer für feine Elaborate aufgetrieben l^at? ^ahtn 
biefe einen mirflid^en SBert, bann ift il^r (Srjeuger bod^ 
nid^t notmenbigerroeife auf ba§ Sßerftänbni^ feiner %xan 
angewiefen. ®§ märe einfad^ lä($erlid^, menn etma ein 
^profeffor ber 9)Jatl^ematif ober 9]ationalöIonomie fid^ al§ 
„einfamen SJJenfd^en" betrad[;ten moHte, nur meil feine 
grau ben SBert feiner miffeufd^aftlid^en 2lrbeiten ni($t 
fad^üerftänbig ju mürbigen meife. Qo^anne^ entrüftet fid^ 
auf^ äufeerfte barüber, bafe anbere fein SSerl^ältniö mit 
2lnna minber ptatonifdf; auffaffen, afö er fetbfi. 2ln 
feinem guten ©laubeu unb feinen reinen 3lbfid^ten ift — 
vorläufig — geroife ni($t ju jmeifeln. 3lber mie lange 
mürbe ba^ t)orgel;alten Ijaben ? 33ei bem „einzigen, langen, 
inbrünftigen 3lbfd^ieb^fuffe" bürften bie beiben jungen 



— 87 — 

Seutd^cn bcnn bod^ nod^ von anbeten ©mpflnbungen 
burd^fd^auert werben, afe nur von rein „gefd^wifterlid^er" 
Zuneigung. 35er freiroillige Xoi nad^ ber 2^rennung ift 
fd^on ein vollgültiger Seroei^ bafür. 3^ fofd^en 6nt= 
fd^Iüffen treibt nur eine £eibenfd^aft, bie ben ganjen 
3Wenfd^en entflamttit unb betäubt. aWan ftirbt nid^t an 
ber 2;rennung von einer platonifd^en gteunbin, mag fie 
nod^ fo geiftuoH, nod^ fo fpmpatl^ifd^ teilneJimenb fein. 
S)er S)id^ter ftetit bie (Sltern beg Qofianne^ afö fel^r el;r= 
njürbige unb fromme, aber aud^ afö in il^rer ejrömmig* 
feit red^t befd^ränfte Seute bar. ©d^liefelid^ ^aben fie 
aber mit il^rem ©d^merje über ben Unglauben be§ ©ol^ne^ 
nur red^t bel^alten. 3Slit bem ©tauben an ®ott märe 
er unter fotd^en Umflänben gemi^ nid^t ©elbftmörber ge= 
morben. aWag ber aufgeflärte junge 3Jiann nod^ fo 
energifd^ üerfid^crn, e§ fei nid^t mal^r, ba^ berjenige bie 
®l^e brid^t, ber ein 3Beib anfielet, il^rer ju begel^ren, — 
eg bleibt bennod^ mal^r, fo lange — „ber SJienfd^ ben 
9Kenf($en el^eli4)t unb nid^t ba^ 2^ier nur ba§ 2^ier". 
gräutein 2lnna ifl ba vid aufrid^tiger. 3lber aud^ jener 
fpätere „ooHfommencre guftanb", beffen „Äeime" fie auf 
bie 3?ad^melt bringen miH, fann in SBirflid^feit niemals 
eintreten. SRiematö mirb fid^ eine redete grau, bie i^ren 
3Kann liebt, barein ergeben, ba^ er fein gan^e^ inneres 
&zbm mit einer anbern teilt unb fie, bie red^tmä^ige 
©attin, aOenfattg nur alg SBirtfd^afterin unb „©eliebte" 
betrad^tet. S)ie SBel^auptung be^ 3of;anneS, ba§ fein ©e^ 
fü^t für Äät^e burd^ ben Umgang mit ber ©tubentin 
nur nod^ „tiefer unb ooHer" geworben fei. Hingt fel^r 
menig glaubmürbig. SBie foHte ba§ mol^l möglid^ fein?! 
SlHerbing^ Jonnte i^m biefer Umgang ©elegenl^eit geben, 
bie übermenfd^lid^e Äraft ber grau im ©rtragen unb 



— 88 — 

©ntfagen in i^rcr DolIcn ©rö^c ju roürbigcn. S)a§ ifl 
aber aud^ aUcö, unb gcrabc bag follte einem 3Ranne, ber 
baö ^erj auf bem redeten %ltdt f)at, ben ®ntfd^Iufe ernft- 
Iid& nal^e legen, biefer Dual eine^ armen, um il^n leiben- 
ben aSBefenö furjerl^anb ein (Snbe ju mad^en* SBenn er 
ba^ nid^t tl^ut unb gleid^mol^l Don einem „t)offen unb 
tiefen ©efü^l" für ba« gequälte Opfer feiner ©elbftfud^t 
rebet, fo ift ba^ eine ganj nid^töroürbige, oerlogene 5ßl^rafe, 
günftigften gaUeS ber fd^roäd^lid^e ©elbftbetrug eine^ 
jammerlid^en (ggoiften. Slud^ ba§ gräulein Slnna fönnen 
wir nid^t mit ben 3lugen beS SJid^ters anfeilen, ©ie 
wirft nid^t fonberlid^ fpmpatl^ifd^. ®in geroiffeg 3Kit{eib 
fönnen mir il^r nid^t uerfagen; ba§ fie aber bie SJinge 
fo meit gebeil^en lä^t, fid^ fo l^artnädEig in bem ^aufe 
einniftet, beffen &IM unb grieben fie untergräbt, baS 
fie erft energiftf; unb mieberl^olt jum SBerlajfen be^ ^aufeg 
aufgeforbert merben mu^/ beoor fie fid^ mirflid^ baju 
entfd^Iie^t, fäHt um fo fd^merer inö ©emid^t, alö fie ja 
bie t)erl^ängni^fd^tr)eren folgen il^rer 2lnmefenl^eit ftar 
überfielet. 

S)er geJ^eimni^DoHe , „uoHfommenere 3wfianb," ben 
bie beiben anbal^nen, bag nid^t minber mpfteriöfe „ei* 
gene ©efefe", baS fie ftd^ beim ^Ibfd^ieb geben motten, 
bie 9luf(el^nung bc§ S^^^^i^ii^wum^ gegen bie l^ergebradEite 
©ittc, um bnrd^ „greil^eit" eine J^öl^ere ©tufe beg ^Jien* 
fd^entumg ju erreid^en, bag aHeg ift ganj Sbfenifd^* 
2lber eg ift bod^ nid^t mit ber Sbfen'fd^en ^eHfid^tig« 
feit unb 33irtuofität burd^gefül^rt, nid^t von ber 3Jlitter* 
nad^tfonne be§ norbifd^en ^pfpd^otogen burd^teud^tet. 3n 
ber 3Jlarf Sranbenburg unb in ©d^lefien gebeil^en bie 
Slo^mer^, 3^ora§, @(Itba^ u- f. m. nun einmal nid^t. S)ie 
Sbfen'fd^en SDleufd^en finb oon jarterer, burd^fid^tigerer. 



— 89 — 

babci aber bod^ fpröbercr ©truftur, jxc finb an bie ©in* 
famfcit unb bic bünnc Suft bcr Serge geroöl^nt. Sei 
bem preu^ifd^en 3)id^ter reiben fid^ bie „l^öfieren" inbii)i= 
bualiftifd^en Siiftregionen mit ber ganjen, t)om fate= 
gorifd^en Smperatit) gefättigten 3ltntofpl^are fo l^art unb 
unvermittelt, ba§ eg barob im ©emüte be§ i?eferg jum 
reinigenben ©eroitter fommt, nad^ beffen 2lbjug wir in 
ber erfrifd^ten alten ©otte^roelt wie nad^ bumpfer ©d^wüle 
roieber aufatmen — : ber ganje inbiüibualiftifd^e ©puf 
ift verflogen. 3n bem 3)id^ter felbft ift biefer Smperatit) 
— meHeid^t unbemu&t — nod& mit fold^er Äraft lebenbig, 
er felbft giebt il^m burd^ bie alten 33odferatg, burd^ bie 
rül^renbe ©eftalt ber Äätl^e fo nad^brüdftid^ unb über* 
jeugenb 2lu§brudf, ba§ bie inbioibualiftifd^e ^fpd^e ben 
feinen ©d^metterlinggftaub unb bie glügel einbüßt unb 
mir fd^lie^lid^ faft nur nod^ ben garftigen SEBurm beö 
©goi^mug oor ung feigen. 9]ur ber alte, fd^limme, 
gro^e ^aubtxtx felbft oerftel^t, uns SM^n'fd^e (Seftalten 
burd^ bie Sfbfen'fd^e SriHe fd^auen ju laffen. — 

aSBie bid^t nebeneinanber bei ©erl^art Hauptmann bie 
fd^roffften ©egenfäfee liegen, jeigt ein SBergleid^ ber „6in* 
famen 3Wenfd^en" mit ben „3Be bem". ©ort ein faft 
Iranf l^aft entmidfelter Snbioibuatidmug, l)ier eine — 
wenn nid^t focialiftifd^e, fo bod^ jmeifeltoS ftar! fociale 
S^enbenj : — baö Snbioibuum verf d^minbet völlig in ber 
a)laffe, bie jum ^^räger ber ^anblung mirb. S)ag fünft» 
lerifd^^pfpd^ologifd^e ^ntereffe tritt l^inter baS politifd^* 
fociale jurüdf, ber Äunftrid^ter l^inter ben ^ßarteimann, 
ber S^f'^öw^^^wwi mirb jur SBotföoerfammlung. 

„S)ie 3Beber!" ©ie veranlagten bei il^rer ©rftauf» 
fül^rung im berliner „©eutfd^en S^l^eater" eine tofenbe 
focialbemofratifd^e S)emonftration, an ber fid^ nid^t etma 



— 90 — 

xmv bic „l^öl^cren Sfiegionen", bic aWänncr be§ S^if^^f^^* 
fiaal§, nein, aud^ bie 33ertreter ber „fatten Sourgeoifie", 
bie „9lriftofraten" ber S3örfe, 3Wänner mit biden qoU 
benen Ul^rfetten unb biamantengefd^müdte S)amen in 
roilbem Xanmd beteilijjten. S)a$ Btixd, beffen 3Iuf* 
fül^rung von ber ^polijeibel^örbe verboten raorben wax, 
bann aber auf bem SEBege be§ ^projeffeg erftritten würbe, 
f($itbert eine Gpifobe au^ ben f($lefifd^en SBeberunru^en 
be^ 3al^re§ 1845. SBie mand^e anbere ©d^öpfung beS 
„reatiftifd^en" S)icf;tev^, ift aud^ biefe fein eigentlid^e^ 
®rama, fein Äunftiuerf im l^öl^eren ©inne, fonbern eine 
breit ausgemalte, mit pl^otograpl^ifd^er ©enauigfeit in 
allen ©injeUjeiten burd^gefül^rte ©d^ilberung. 3)ag 
@tenb, ber junger, be§ fd^tefifd^en SSBeberbafeinS ganjer 
;3ammer, ba§ ift bie leitenbe „Sbee" beg ©tüdfS. ®in 
reid^er rucf;(ofer g^abrifbefifeer, ©reisiger, unb fein nid^^t 
minber rud^tofer ©i^ebient, Pfeiffer, auf ber einen, auS* 
gemergelte, vox junger bud^ftablid^ umfinfenbe Jammer* 
gefialten auf ber anberen ©eite. 3Iuf biefe^, fd^on im 
©ntmurf fd^reienb grelle 33itb l^äuft nun ber S)id^ter 
garbe auf ^^^^e. 3« meldten efell^aften SlaJ^rungS* 
mittetn ber junger greifen mujs; meldte pl^pfifd^en unb 
moratifd^en SBirfungen ber junger l^ertjorbringt ; wie 
ber junger, auf ben ißö^epunft beö ®rträgli($en ge* 
trieben, enblid^ in aSerjmeiflung , ©emalttl^ätigfeit unb 
JBerbred^en ausartet; mie ber junger fid^ in mitbem, 
fierjjerrei^enbem 3Xuff($rei auf bie bürgerlid^e ©efeUfd^aft 
ftürjt, bie aber mit ben „Ärepierlingen" furjen ^roje^ 
mad^t unb fie burd^ i^re ©olbaten über ben Raufen 
fd^ie^en tä^t: — biefe ©tabien beS junger ^ unb mie* 
ber be^ junger ^ fül^rt un^ ber aSerfaffer mit anatomi= 
fd^er ©eiüiffenl^aftigfeit, mit graufamem Siaffiuement Dor 



— 91 • - 

Slugen. Äein t)erföl^ncnbcr Sid^tbtid, fein Xxo^ im 
Öimntel nod^ auf ®rben. Skliöton ift „^riüatfadje". 
3l^r SBcrtrcter, ein ©eif}Iid;cr, l^äft e$ mit ber 3)?ad)t; 
nur ein junger Äanbibat ber SE^fieotogie füljlt mit ben 
©nterbten. 3)er alte SBeber §iefe, ber bie S^eilnal^me 
am Slufrul^r mit ben SBorten jurüdE raeift : „^i Ijat mid^ 
mei l^immUfd^er SBater l^ergefefet, l^i bleiben mer fiften 
unb tl^un, mag mer fd^ulbig fein!" mirb, mie jum ^ol^ne, 
unmittelbar barauf Don einer bag genfter burd^fd^Iagen* 
ben Äugel gelötet. 2)er fterbenbe alte SBeber, neben 
il^m eine fd^merfranfe grau unb ein ©nfeltöd^tertein — : 
„®ro§t)aterdjen! ©ro^oäterd^en !" — barüber finft ber 
33orl^ang. 9ierr)öfe 2lufregung, pl^tififd^er ©fei, l^itftofeö, 
oergeblid^ nad^ einem befreienben Sltemjuge ringenbeg 
3KitIeib — ba§ finb bie ©iubrüdfe. 

2)a§ 5ßremierenpubtifum beS SJeutfd^en ^l^eaterö l^at 
jtd^ t)on i^nen in feiner SBeife ju befreien gefud^t. ®g 
l^at mit ben SBölfen gel^eutt. 2Ba§ fonnten aud^ bie 
fietS praftifd^en 2)rei^iger im ^parfett aSernünftigereg 
tl^un, als fid^ jur Partei ber 3Irmen unb ®Ienben fd^ta- 
gen unb billiget 3Kitleii^ üben? „^a, ber Sommer 
jener ßungerteiber, bie ©d^änblid^Ieit jener Äapitatiften 
auf ber Sül^ne, — mag gelten fie ung an^. 9Ueber 
mit il^nen! — fie finb mirflid^ l^immelfd^reienb ! Slber 
mir, mir Äanabier aug ber 5Ciergartenftrage, mir finb 
bod^ „beffere Ceute"! ^abt il^r nid^t gefeiten, mie unö 
bidfe 5ri;räuen beg 2KitIeibg bie fetten Saden l^erunter^ 
geroHt finb, unb fet)t il^r nid^t, t)ie mir mütenb 33eifaII 
Hatfd^en ? 9ld^ ja, bie armen SBeber ! — eg ift mir!Ud^ 
ju traurig auf ber SBett! 9Jun motten mir eg iin^ aber 
aurf; boppelt gut fd^meden taffen — ^utfd^er, ju Ritter!" 

2llg ber junger enblid^ in offene ©mpörung um* 



— 92 - 

fd^fägt, ba entgel^t aud^ bie gabrif il^rcni ©d^idfal nid^t, 
unb nur mit 2Wü^e rettet ber SSefiljer fein unb ber 
Seinigen Selben. S)iefe ©cenen riefen einen roai)xm 
S^aumelraufd^ int ^ublifum l^erüor. „aJlau \df)", fd^rieb 
bamafe ein berliner Statt, „einen 2^eit beS ^publifumS 
ben rafenben S^^^ftörung^tl^aten auf ber Saline jujubeln. 
Stufe au^ ben ^öl^en be^ §aufe^ ermunterten bie ben 
©aal be^ gabrifanten ptünbernben Raufen, nod^ fräftiger 
jujulangen. Unb atö ber SBorl^ang über ber ©cene fiel, 
tiefe ber frenetifd^e ^ubet, ber fid^ austobte, e^ ungemi&, 
ob bie bid^terifdjsfccnifd^e 2)arfteIIung ober bie S^fiat at§ 
fotd^e fo begeifternb geroirft l^atte. ®in ©tfldf fociat* 
bemolratifd^er ^parteibemonftration war jmeifetto^, mol^l 
organifiert unb geleitet, in ba^ §aug eingebrungen." 

@in d^arafteriftifd^ereS S^i^t^i^^ fi^ de siecle ifl 
roo^t !aum benlbar : auf ber 33ü^ne bie S^i^ftörung einer 
gabrif, ber 2lufrul^r gegen bie bürgerlid^e ©efellfd^aft, 
auf ben ©aferien eine fociatbemolratifd^e ßorona, im 
t)ontel^men ^parlett aber, in trauter 9Zad^barfd^aft mit 
ben „SSamppren beö Äapitati^mug" unb ben Äritifem 
ber bürgerli($en Organe, bie*gül^rer be^ ^protetariatö, 
bie Ferren Sebet, Siebfned^t unb ©tnger, ber lefete form* 
lid^ Cercle l^attenb unb ben ©enoffen oben, ebenfo mie 
ben „Sourgeoig" unten, majeftätifd^ bie ©ignate ju 93ei* 
faUfatoen gebenb! 

S)em 3)id^ter fetbft, fo fagt man, tag nid^ts ferner, 
al§ ein S^enbenjftüdE ju fd^reiben. 9lug reinem SJlitteib 
l^erauö l^abe er fein ©tüdE gefd^affeh, unb nur SJlitleib 
foHte e§ ermedfen. 3JlitIeib ift eine ber fc^önften unb 
l^eitigften SBirfungen ber bramatifd^en 5lunft, — aber 
nur, menn eg burd^ fünft terifd^e 3Jlittet l^eroorgenifen 
mirb! 3Bo e^ burd^ rol^e @ffe!te erjeugt mirb, wo ber 



— 93 - 

S)idf;ter fein gaitjc^ ilßnuen auf bie ©rrcgung be§ S^croen* 
ft)ftcm§ x\d)ttt, lüo er bcm 3Jlit(cibe fein SBentil öffnet, 
burd; ba^ eS fegenbringenb unb luarntefpenbenb ax\^^ 
flrömen fönnte, ba roirb e§ jur Dual, ftatt jur fünft* 
Ierif($en ßrtöfung. — 

Hauptmann uerftctjt e^ au^ bem ©runbe, bie SBor* 
gange auf ber 33ül)ne mit bem ©d^eine be^ wirfüd^cn 
SebenS ju umfleiben. 6r erreid^t ba§ burd) bie SUlittcl 
fnbtilfter Äleinfunfi, inbem er bie äu&erlid^feiten be§ 
2tbtn^ mit gewiffenl^aftefter ©orgfatt nad^al^mt. Xa^ 
„vok er fid^ räufpert unb n)ie er fpudt" ift bei i^m 
eine grofee ^auptfadje. @in pfpd^ofogifd^er SBorgang mag 
nod^ fo lualjr bargeftellt fein, — er fann be^l^atb bod^ 
t)on Dielen uuDerftanben bleiben. 3lber eine naturgetreue 
3)Ja^fe, gemiffe bem Seben a6gelaufd;te ©emolniljeiten, 
bie — fojufagen mit bem ©bifon'fd^en ^p^onograpljen 
JU ©el^ör gebrad^te ©pred^meife ber Derfd^iebenen ©e« 
feHfd^aft^flaffen unb *2^t)pen finb ifjrc^ ®rfofge§ bei ber 
großen 3Kenge immer fidler. 2)a rufen ioinj mib Äunj 
begeifiert: „3a, baS ifl Sffiat^rljeit, ganj fo ift e§ im 
roirflid^en 2thznl (äenan fo I)at fid^ neutid^ ber ^^öpfer« 
meifter Sel^mann, ber bei mir ben Dfen unterfud^t l^at, 
gefd;neujt, genau fo lamentiert bie alte ©djutjen au^ 
ber äldferftrafee über bie f($Iec^ten S^ittn, menn fie meiner 
grau beim aBafd^en I;i(ft!" ©timmen mir biefe ®r* 
gflffe einen 2'on Ijöfjer ober tiefer, fo I;aben mir, maS 
baö fociafbemofratifdje Gentratorgan, ber „SBormärtS", 
gteidj nad^ ber 3luf füljrung ber „SBeber" fd^rieb : „^ier 
ift SBal^rl^eit! ©o I;aben bie fd;lefifd^en aßeber gel^un* 
gert, f o finb fie jur SBerjmeiffung getrieben, f o finb fie 
oon bem ©taate, ber feine 2lufgabe nid^t begriff, über 
ben Raufen gefd^offen morben!" 3)Zag affeö fein, unb 



— 94 — 

Toenn fd^on, bann ifl e§ fcl&r traurig. 9(6er um aUcd 
in ber äßelt — : njolltc benn ioerr Hauptmann eine 
fulturl^iftori|($-föciaIe ©tubie fdf)reiben, ober eine ^id^* 
tung, ein Äunftwer!? SUJag ber junger an fic^ nod^ fo 
erfd^üttemb grofee Sebeutung l^aben, feine bid^terifdje 
2)arfteIIung ift bod^ immer nur bie Sarftellung eineg 
pl^tififd^en Siift^nbeiJ unb ate fold^e t)on unter* 
georbnetem fiinftterifd^en SEBerte, ja, fie ift afe Snl^alt 
eine^ ganjen ©tüdfjg eine unfünftlerifd^e 3Iufga6e. — 
SRed^net man ju jenen äu^erlid^en Seobad^tungen nod^ 
bie auf ber Dberfläd^e liegenben pfpd^iftfjen ^Regungen 
l^inju, bie man alle S^age aud^ ol^ne tiefe ©eetenftubien 
wal^rnel^men fann, fo l^at man bie finnfälligen SSBir* 
Jungen be§ reaUftifcf;en ^ramaS fo jiemlid^ beifammen 
unb il^r ©el^eimni^ in ber ^auptfad^e ergrünbet. SJafe 
fie ganj mefentlid^ auf bie fd^aufpieterifc^e S/arftellung 
angemiefen finb, liegt auf ber ^anb. aJJan lefe bie 
„2Öeber", um pd^ baoon ju überjeugen, mie vitl, xoit 
ganj unerlaubt oiel oon ber Sülinenmirfung bei ber 
Seftüre oerloren geljt. Äein ßefer ber „Sftäuber" ober 
beg „^amUV^ mirb jenen ^aud^ ber — Sangemeite oer* 
fpüren, ber ben Sefer ber „QBeber" an me^r afe einer 
©teile erfältenb anmel)t. Sene ftelnfünftlerifd^en ©d^itbe* 
rungen, bie ben 33üt)uenerfotg jum grojsen 2^eite bebin* 
gen, mirfen auf ben Sefer batb al§ 3Bieberl)olungen, — 
ermübenb. Sei allem 3Jlitteibe für menfd^lid^e^ ©lenb 
mirb eg bod^ nad^gerabe fiumpffinnig, immer unb immer 
mieber bie SSitanei t)om l^ungrigen 3Jlagen ju l^ören. S)a 
mir bie ausgemergelten ©eftatten, mie fie fd^lotternb 
über bie Sü^ne manfen, mit bem ©rbred^en ringen, t)or 
©rfd^öpfung umfinfen, nid^t mel^r oor uns feigen, ba 
mir baS ©d^reien, ©dalagen, ©tampfen unb ©d^iefeen 



— 95 — 

m<3^ ntc^r l^ören, furj: ba bie äußeren finnlid^cn @iiu 
brüdc, bie yierucnerregungen feljlen, fo ftcHt [(($ bie 
fül^Ic SBemcrfung ein, ba§ ba§ ©anje bod^ eigcntlid^ 
cntfefelid^ gebanfcnarm unb eintönig ift. — Qa bod^, ja, 
wir glauben ja gern, bafe junger furchtbar welj tl^ut 
— ber 2)id^ter brandet eö un§ gar nid^t immer mieber 
aufg mm ju üerfid^ern ; fd^redfütf;, menn fid^ fold^e 33or= 
gcinge mirflid^ abgefpielt l^aben; ber ©taat mü^te alles 
bran fefeen, aud^ nur entfernt äl^ntid^e Siift^nbe ju r)er= 
lauten, aber — weiter, um ißimmete miHen weiter!? 
©§ fann bod^ unmögtid^ bei ber bloßen ©d;ilberung 
nod^ fo trauriger mirtfd^aftlid^er, politifd^er unb fociafer 
3uftänbe fein 33eroenben l^aben, ber SJid^ter mirb in 
biefem Sfial^men bod^ irgenb eine inbiüibueHe iganblung, 
irgenb meldte intereffanten ßl^araftere, irgenb meldte 
Sbeen fid^ entmidfetn laffen ? 5Wein, ermibert Qexv ^ampU 
mann, id^ moHte nur euer äJlitleib für bie (SIenben unb 
©nterbten, nid^t^ als euer 3Kitteib, mad^rufen. Setl^ätige 
eö ein jeber, mie er miß imb fann. ©d^ön. SBenn ^err 
Hauptmann nur baö moHte, fo l^at er eö — oon ber 
Sfll^ne auö — erreid^t. @r l^at ein S^l^eaterftüdE ge« 
fd^rieben, baö t)om rein menfd^Iid;en unb focial* 
reform atorifd^en ©tanbpunfte auö — unter gemiffen, 
auf bie fraffe ©infeitigfeit unb ben 3JJange{ an pofitioen 
Qbeen fid^ erfiredfenben 33orbel^aIten — tJieHeid^t eine 
2^l^at genannt werben barf. ®r l^at ben l^errfd^enben 
Älaffen fo erfdf)üttert inö ©emiffen gerebet, unö allen 
einen fo mäd^tigen Slntrieb jum Reifen unb Seffern ein* 
gepfet/ wie er nur jematö oon ber SBüfjne l;erab ge* 
geben morben ifi, wie er jebenfallö oon feinem ^parta« 
mentö= ober SBoIferebner ftärfer erjieft werben fann. 
Snfoweit er baö getf;an, l^at er fid; um ben ©taat 



— 96 - 

oerbient gemad^t, her Btaat, bie ^Regierung follte il^n 
baf ür aud) belol^uen, etwa burd) ben Äroneuorben IV. Älaffc 
ober ben S^itel „Äommiffion^rat" ober „^rofeffor" — 
aud^ bie gül^rung beö Äommerjienratötitefe würben bem 
Sid^ter feine 3)iittel erfreulidjerweife ertauben. — 2lber 
— bie Äunftfritif l^ot ^errn ißauptmann für feine 
„9Beber" !eine Äränje ju fled^ten. ©ie lann x\)n in 
biefem SBerfe nid^t als Slünftler, fonbern nur als ge* 
fd^idften unb begabten 51 unfti^ an broerf er anerkennen, 
ber fünftUrifd^e 3)JitteI für ben praltifd^en ©ebraud) an^ 
roenbet. 9iidE)t bie politifd^e S3el^örbe mu^te bie focial* 
reform atorifd^e S^enbenjarbeit verbieten unb bie ftritil 
fie über ben grünen 5l(ee toben, fonbern umgefel^rt : ber 
©taat Ijatte fie unter feine gittige nel^men, unb bie Rritil 
gegen ben rollen, ibeenlofen, im ^ßrincip unfünftterifd^en 
2lbbrudf ber platten, finnfätligen 2Birflid;feit proteftieren 
f ollen. 3m Äöniglid^en ©d^aufpiell^aufe l^ätten „3)ie 
SQBeber" il^re ®rftauffül^rung erleben foHen. S)ann wäre 
i^nen aud^ ber fo gefürd^tete ©tadlet „reootutionärer 
Slufreijung" genommen roorben, unb bie Ferren oom 
„großen Ätabberabatfd^" l^ätten fid^ mit jebem aSeifaHS«' 
flatfc^en l^öd^fteigenl^änbig felbft inS ©efid^t gefd^tagen. 
^err Hauptmann liebt bie Überrafd^ungen. 5Reben 
bem bteiern^bted^ernen „3Sor ©onnenaufgang" bag tau« 
temngSMftige „grieben^fefi" ; ntbtn ben inbioibualifti^ 
fd^en „©infamen 3Jlenfd^en" bie folleftioiftifd^en „SB^ber" ; 
neben ben abgel^ärmten, l^ungrig*brutalen „SBebern" ber 
Iiebenön)ürbig4eid^tfinnige „5? o 1 1 e g e 6 r a m p t o n" . 3)ie 
befonbere (Sunft, beren fid^ biefeS SBerf beim größeren 
^pubtifum erfreut oerbanft eS mol^l in aUererfter ßinie 
ber präd^tigen Hauptrolle, bann aber aud^ bem Umftanbe, 
ba& es fid^ in ber ganjen 3Sla^t ber alten beliebten 



- 97 — 

Suftfpietfd^ablone näl^ert. S)cm fritifd^cn 3InaI^tifcr bietet 
cg nur geringe Sfteije. 3)er 3SlaUx ©rampton, biefeö 
©emifd^ t)on ©enie, ®emüt unb liebenöraürbiger 58er* 
fommenl^eit, ber üon ber rül^renben Siebe feiner 2^od^ter 
au^ bem ©umpfe gebogen toirb, ifi eine nxeifteri^aft 
bur(^gefül^rte 6l^ara!terieid^nung. ®ö fd^eint faft, al§ 
ob ba§ ganje ©tü(f nur biefer einen ^igur wegen ge* 
f($rieben ift, benn fonft läfet fid^ barin faum etroag ent* 
bedfen, wag über baö geroöl^nlid^e 2KitteInta6 gutbürger* 
lid^er Suftfpielfabrifation emporragte. Smmerl^in fommt 
^ier eiroa^ jur ©eltung, ba^ um fo ermäl^nenömerter 
ifl, je feltener unb bürftiger e§ bei Hauptmann burd^? 
fd^immert: nämlid^ eine 2lrt §umor. 2lud^ baö SUlotio 
treuer Äinbe^tiebe Hingt in roal^ren unb rül^renben 2^önen 
f^mpatl^ifd^ jum ^ei^en. 

2luffel^en genug l^atte \a ber SJid^ter fd^on bi^l^er 
erregt, aber erft mit „ÄoHege ßrampton" htQann bag 
fd^roffe Urteil weiter Greife iiber ben ,,lraffen SRatura* 
liften" fid^ ju milbern. 6in Umfd^roung ber „ öff ent« 
lid^en SJleinung" ooHjog fid^ mit ber Sluffül^rung oon 
„^annele^ ^immelfal^rt" im Äöniglid^en ©d^au« 
fpietl^.aufe. 31llein biefe ^^^atfad^e mar für Diele aug» 
reid^enb, um an eine reuige Umfel^r ^auptmanng ju 
glauben. Unb befonberS — gutmütige aJlenfd^en mod^ten 
biefe 2lnnal^me burd^ ben Snl^alt ber SDid^tung ja aud^ 
beftätigt finben. SRun bebeutet „^annele" aUerbing^ 
einen bebeutfamen SEBenbepunft in bem ©d^affen beS 
S5id^ter^, aber nid^t etma be^l^alb, meil er feine big* 
l^erigen 3)oftrinen unb Sbeen preisgegeben l^ätte, fonbem 
meil er im „^annele" jum erften 3Jfale feine reid^e 
Iprifd^e 2lber in Dotten purpurnen ©tral^ten empor* 
fd^ie^en läfet. 3ft eö ju t)iel gefagt, menn id^ meine^ 

V. (Brott^uB/ Probleme unb C^aralterlöpfe. 7 



- 98 - 

bafe Hauptmann im „ßannele" ftd^ felbfi^ b* 1^. feine 
größte bid^terifd^e ®abe, erft entbedt l^at? 

®a6 ©tü(f fpielt im ärmenl^aufe eines fd^tefifd^en 
©ebirgßborfeg. S^^genb etmag '^auU^, Äranfeö, ^tx^ 
lumpte«, ©emeineö mufe fd^on t)on 3^^* jw 3^it bobei 
fein. S)aö gebietet bem gefinnung^tüd^tigen SKutor bie 
^pflid^t ber ^Pietät, ©o fel^lt e« benn in ber 2^l^at aud^ 
biefem aBerfe nid^t an SBiberlid^em unb Stolzem. SBiber* 
Hd& finb jum 2^eil bie ©efprad^e ber 3Irmenl^äu«Ier, rol^ 
unb gemein il^r ganje§ ©ebal^ren. 3n biefe Derfommene 
©efettfd^aft bringt ber Seigrer ©ottroolb auf feinen Sttrmen 
ein abgefeiertes, franleS, l^albtoteg Äinb, baS man foeben 
aus bem S^eid^e gejogen l^at. ^annete ift in ©ünbe 
gejeugt, il^re SUfutter längft tot, il^r 3Sater, ber 3Jlaurer 
3Jlatttvn, ein müfier S^runfenbotb , ber baS arme Äinb 
in ber fd^eufetid^ften SBeife gemifel^anbett l^at. Äranf 
unb fiebernb t)or ®Ienb, l^at ^annele bie ©timme beö 
$erm Sefu« aus bem 2;eidee }U l^ören geglaubt, ate 
ob ber §err fie ju fid^ rufe. 3)a l^ielt e§ fte nid^t 
länger, ba ifl fie in^ 3Baffer gefprungen. S)a« oJ^nel^in 
fd^on auf« äu^erfte erfd^öpfte ^inb gef)t nad^ biefer 
legten furd^tbaren Äataftropl^e feiner 2luflöfung entgegen. 
6« fd^üttelt fid& in gieberbetirien, unb ber Qn^alt biefer 
gieberbelirien bilbet ben Siil^att be« Btüdt^. 2lbei? 
man mu^ biefe« gefeiten ober gelefen l^aben, \m ber 
großen Äunft geredet ju merben, bie l^ier in ber ^^l^at 
entfaltet mirb. ©raufige unb lieblid^e Silber erfd^einen 
ber ©terbenben, alle aber in feiner pfpd^ologifd^er S3e* 
jiel^ung ju il^rem jungen, fo frül^ gefnidten SJafein, ju 
ben aSorfteaung«^ unb ©efüi^tefreifen il^re« 2llter« unb 
il^rer ©pl^cire. S)ie barml^erjige ©d^mefter l^at fid^ einen 
Slugenblidf oom Sager ber Äranfen entfernt, ba erfd^eint 



— 99 — 

tl^r bie ©cfialt beS SBatcr^, bcr fie mit SJrol^ungen ju 
fid^ ruft, ^annele erl^ebt fid^, brtd^t abtt am Dfcn 
ol^nmäd^tig jufammen unb mrb t)on ber ^Pflegerin roiebcr 
ins aSett getragen. — ©el^r anfpred^enb ift baö äußere 
be^ 3JlaurerS 5!Kattern bargefteHt: „®in Derfoffeneg, 
lüüfteg ©efid^t, rote ftruppige gaare, worauf eine ab* 
getragene ajJilitärmüfee ol^ne ©d^ilb ft|t." — 3)ann 
roieber ift eg bie 3Jlutter, bie bem^ßannele erfd^eint, 
unb nad^bem fie oerfd^raunben , wirb e$ oon brei Heb^ 
Ud^en ©ngetögeftalten umgaufelt unb in wunberfd;önen 
aSerfen angefprod^en. S^if^^^l^inein fpielen bie 3n* 
fünfte auffeimenber 5ßubertät, bie fid^ in naitjen järt* 
tid^en ©efül^Ien für ben Seigrer ©ottwalb äußern. Qnt 
jweiten ^eile tritt aud^ bie unfd^ulbige ®iteHeit beg 
Äinbe^ l^ert)or. ®§ fielet fic^, oom gräflid^en ©d^neibertein 
mit föftlid^en ©emänbern beKeibet, in einem glöfernen 
©arge liegen, unb alle bemunbern fie, unb il^re ©piet* 
fameraben an^ bem 3)orfe bitten ifir auf bie SJZal^nung 
be^ Sel^rerS ©ottmalb aUe^ Unred^t ab, baS fie il^r je- 
mafö jugefügt l^aben. S)ann mieber !ommen finftere, 
fd^redEUd^e Silber — abermals erfd^eint ü^r ber aSater, 
abermafe peinigt er fie. Slber fiel^e ba! ein g^rembUng 
in ber ©rfd^einung be^ ßerrn ftraft il^n mit jümenben 
SBorten, unb tjerjmeifelnb ftür^t 3Jlattern oon Irinnen. 
2)er l^el^re grembe fragt pe, ob fie il^n fenne, fie aber 
ftammelt nur: „ßeilig! ^eilig!" Unb er nimmt alle 
SRiebrigfeit oon il^r unb befiel^It fie ben l^immlid^en ^eer= 
fd^aren. — 2)er ©lanj unb bie ^errlid^!eiten Derfd^min« 
ben, mir finb mieber im 3lrmenl^auf e , mo tin f ranfeg, 
gequältes 3Jlenfd^enfinb feinen lefcten ©eufjer auSl^aud^t. 
S5er 2lrjt beugt fid^ über ba§ Sett. „©ie l^aben red^t," 
fagt er traurig jur ©d^mefter, — „tot!" 



— 100 - 

2)ie S)td^tung ifl fleKentoeife tief etgreifenb unb von 
iDunber^olber ^oefte erfüQt ^ier nur bie ©tropl^en ber 
@nge(, ber Sinfad^^eit toegen ol^ne verteilte Stollen: 

^uf ienen ^ügeln bie @onne, 
Sie 1^ bir il^r @oIb nid^t gegeben; 
i)a3 tDel^enbe ®x\in in ))en ^^dlent, 
@d ^at ftc6 für btd^ nic^t gebreitet. 

^a(^ golbene IBrot auf ben ^dern, 
^ir rooHt* ed ben junger nx6)t ftillen; 
®ie TIH6) ber roeibenben SRtnber, 
^ir fc^äumte fie nid^t in ben ftrug. 

5)ie ölumen unb SSlütcn ber @rbe, 
©eSogen üoII ^uft unb üoU 8ü^e, 
S8ott $urpur unb l^tmuiUfd^er ^Uut, 
5)ir fäumlen jxe nid^t beinen 2öeg. 



SBir bringen ein erftc§ ©rüfecn, 
S^urd^ Sinftcrnifle getragen; 
3Bir l^aben auf unfern gebcrn 
@in erfteS ^auc^en üon ©tflrf. 

2öir fül^rcn am ©aum unfcrcr ftleiber 
©in crfteS 5)uftcn be§ gfrül^IingS; 
@§ blül^et von unjeren ßippen 
^ic erfte JRöte be§ 3:agS, 

@§ IeudE)tet t)on unfercn ijü^cn 
2)cr grüne 8d^ein unfrer ^cimat; 
@S bilden im ®runb unfrer klugen 
®ie 3"incn ber eroigen ©tabt! 

®a^ ift fo jartc, l^olbc, l^errlid^c &x)xit, wie fie nur 
je auf S)i($terlippen geblüht l^at. Unb berartige ©teilen 
fiub nid^t oereinjelt. ©ajwifd^en freiHd^ fcf;reit, gruujt 
unb quieft in grellen 2)iffonanjen bag aSoH ber 3lrmen» 
Ijäu^ter, oerfommened , wüfteö, bemittciben^roerteg ®e« 



— 101 — 

pnbcl. aj? an barf aber nid^t befjaupten, bafe e§ nur 
bic Suft am ^ä^Ud^cn ift, n)a§ bcn SScrfaffer ju bicfen 
wibcriücirtigen ©d^ilberungen üerantagt l^at. ®r wollte 
ebtn burd^ Äontrafte roirfen, unb ba§ ift fein gutes 
fünfitertfd^eS SHed^t. 2lber aud^ Äontrafte finb in jebeni 
guten ©entätbe abgetönt, aud^ Äonftrafte bürfen ni($t 
grell, nid^t fd^reienb fein. 2Jtan mu^ fie empfinben, 
ftarf, nad^l^attig empfinben, aber man barf nid^t burd^ 
fie beleibigt werben. 35aS wirb man aber in „^anmk'\ 
©0 gemi§ mir bie lieblid^en ©teilen um fo tiefer unb 
ergriffener empfinben, je mel^r fie fid^ von ben aufge* 
roHten 3Ja($tbiIberu ablieben, fo gerni^ gef)t biefe SBir* 
fang über baS fünftlerifd^e 3Jla& l^inauS. @S ifi nid^t 
notmenbig, ba§ ber 2)id^ter alle gemeinen SRebenö* 
arten, bie in einem 2lrmenl^aufe gefpro($en merben 
f önnen, mit innigem Sel^agen in feine SJid^tung über* 
trägt; eS ifl nid^t notmenbig, ba§ feine 5ßerfonen ben 
platten, breiten 2)ialelt mit allen ^Variationen fpredjen; 
es ift nid^t notmenbig, ba§ baS äftl^etifd^e ©efü^l beS 
3ufd[)auerS ober SeferS gerabeju Deriefet rairb, bamit er 
fpäter baS B^öm mit SBärme empfinbe. 3)aS ©e^* 
fül^t pl^pfifd^eu ©fets gel)ört unter feinen 
Umftänben ju ben SBirfungen, bie burd^ baS 
Äunftmerl l^ert)orgebrad^t werben follen. 

2)ie lieben, guten aWenfd^en, bie „^annele" für eine 
— „ibealiftifd^e" ober gar religiöfe ©id^tung l^alten! 
3JJan uergeffe bod^ nid^t, ba§ eS S^räume, — weniger 
als 2!räume: gieberbelirien finb, in benen bem 
Iranfen Äinbe alle bie f($önen, l^immlifd^en ©rfd^einungen 
fommen. SBaS ber 2)id^ter nad^ biefer 3flid^tung l^in bar« 
ftetlt, baS finb t)on feinem ©tanbpunfte au^, t)om 
©tanbpunfte, ber unS burd^ bie ö^^^i^^ung felbft gegeben 



— 102 - 

tft, pl^vfiologifd^e SBorgänge in einem ftanfen 
®er;irn. 5DaS lefete 2öort behalt — ber 3trjt! 3)Ut 
ber alten 2Wifere, mit ber bag ©tüd anl^ebt, fc^lie^t e§ 
aud^ — : ®Ienb, aSerfommenl^eit, 2lrmenl^aug. Srgenb 
eine wirltid^e ©rlöfung, ein 3^^^^^^^^ neuen, frifc^en 
Sebenö ift nur in ber fiebernben ^pi^antafie beö franfen 
Äinbei^, nid^t aber in ber S)i(i^tun9 afe fold&er ju fmben. 
S)ie beiben bem „^annele" folgenben 3lrbeiten, bie 
fein beobad^tete unb fd^arf d^arafterifierte, in ber ißaupt« 
fad^e aber bod^ fragmentarifd^e unb farifierenbe „SJieb^* 
fomöbie" „®er 93iberpelj", unb bie fleißige, aber 
centrifugale futtursl^iftorifd^-bramattfd^e Stubie „gtorian 
® e t) e r" f ommen für bie SBeiterentmidf luug beö 3)id^ter^ 
wenig in Setrad^t. ^ä) überlaffe bal^er ben „Siberpetj" 
getroft ben aJlotten ber ^zit, bie von bem abgelegten 
Sül^nenbeEleibung^flüdEe faiim vid übrig laffen werben, 
unb erinnere nur an ben ungIüdEIid;en SBerfud^ im „glorian 
©eper", ben ©oetl^e'fd^en ©öfe t)on Serlid^ingen au^ 
unferer SSorftettung^melt ju oerbrängen. ©oUte ber l^ifto* 
rif($e ®öfe mirflid^ ber feige, tjerräterifd^e Sump fein, 
afe meld^er er von Hauptmann bargefteHt mirb — ma^ 
l^öd^ft unmal^rfd^einlid^ ift — fo mag ba§ bie gefd^id^t« 
lid^e gorfd^ung immerfjin feftfteHen. 3m 2^l^eater mirb 
und immer nur ein ® öfe aU ber malere erf d^einen, unb 
es ift faum anjunel^men, baß bieS gerabe ber ^aupt* 
mann'fdje fein mirb! ©inb fo bie beiben ©tüdfe eine 
aibfd^meifung beS ^id^terS, meHeid^t eine ®rf)oIung feiner 
tiefften JDueHen, fo finben mir eine organifd^e gortjmei» 
gung ber im „^annele" mirfenben Kräfte in ber „SB er? 
fttnfenen®IodEe". ^ier erflingt unb umfpinnt uns 
mieber ber üoHe, meid^e Xon, bie fatte, von SJlärd^en 
unb aSoHsUeb befrud;tete Iprifdje Stimmung. 



- 103 — 

„S)ie tjerfunfene ©lodfe" l^ot nid^t nur auf ber Saline 
eine aujserorbentlid^e Slnjtel^ung^fraft beroiefen, fonbem 
ani} in nod^ mct)t Qal^regfrift 16 Sluf logen mit etwa 
25000 (Sjemptaren erlebt. 6ine ganje Meine fiitterotur 
ifi um bog aßerf emporgef d^offen , bie tjerfd^iebenflen 
S)eutungen finb if|m ju teil gemorben, unb tjiele Seute 
bemüfien fid^ nod^ fieute tjergeblid^, bie tiefe gel^eimniö= 
tJoHe 3bee be^ S)romog ju ergrünben. S)enn bafe eine 
fold^e „tiefe ^bee" borin verborgen fein mufe, borüber 
finb fid^ biefe ©elel^rten einig. 3lm, toud^en oud^ mir 
einmal red^t grünblid^ in bie ongeblid^ fo gel^eimni^»' 
t)otten gluten l^inein, mo bie „33erfunfene ©lodfe" unb 
tl^r fobeti^aft großes SR^fierium rul^en. — 

35er fenfotidnetle ®rfoIg ber „SBeber" tiefe fid^ immer« 
l^in burd^ bie potitifd^e görbung unb S^enbenj erflären. 
Slber bog „beutfd^e 2)t ordnen bromo" — ! Qft eg nid^t 
munberbor, bafe ein fold^eö boö S^tereffe beg mobernen 
©rofefiobt'^ublifumg in fo l^ol^em 3Kafee feffeln fonnte? 
Unb ift biefe 2:f|atfad^e nid^t melleid^t ein 3^^^^ ha^v, 
bafe ber ©efd^modf beö ^ßublifumg fid^ mieber ber — 
SWomonti! jujumenben beginnt? 

Db unb inroiemeit (efetereö roirllid^ ber ^ott ift, baß 
fielet auf einem onberen Slatt. 3lug bem ©rfolge beg 
igauptmann'fd^en ,,3Kcird^enbromog" läfet eö fid^ jebenfattg 
nid^t fd^liefeen. SDenn biefeg S)rama ift trofe be^ „aJlärd^en* 
grunbeg"; in bem e§ fpielt, trofe „elbifd^er" unb onberer 
Soubermefen, leine romontifd^e, fonbem eine.ganj 
moberne Did^tung, jo, bog befianbelte „Problem" ift 
in ber igouptfad^e ou^ benfbar mobernften SIKotioen ju« 
fammengefd^roeifet. S)enn fd^ouen mir nöfier ju, fo gudft 
aud^ greunb — 3liefefd^e unferem 2)id^ter über bie 
©d^ulter. SBo Hauptmann etmog mie greif bore pl^ilo» 



- 104 — 

fopl^if(3^e ©ebanfcn ausprägen toill, mac^t er bejoufet 
ober unbeiüufet — bei beni 9iaumburger 5ßl^i(ofopl^en 
ganj l^übfd^e älnleil^en. 

2)er „aJZärd^engrunb", eine fd^lefifd^e Sanbfd^aft, teilt 
ftd^ in ©ebirg^l^ö^en unb S^^alnieberungen. 35runten wo^^ 
nen bie frommen, befongenen ßl^riftenmenfd^en, broben 
tummelt fid^ allerlei freiet, nedifd^eg ©eifteroolf. dlaiu 
tenbelein, „ein elbifd^e^ SBefen, l^alb Äinb, l^alb ^nnc^^ 
frau", fifet ouf bem 3tanbe eiiie^ alten 3i^^brunnen^ 
unb meiert, i^r rotgolbene^ ^aar fämmenb, einer ju= 
bringlid^en Siene: 

®in ic^ *ne «lutne? 3ft mein ^unb 'ne S3Iüte? 

33alb erfd^einen aud^ anbere ©eifter auf bem ^lan: 
3lu§ bem 33runnen fteigt ber „5RicEelmann", ein xm= 
mürbiger SBaffergrei^ , beffen bemerfen^wertefte ®igen= 
fd^aften feine 58erliebt^eit in 3tautenbelein unb ber aus- 
giebige ©ebraud^ ber grofd^laute „Duoraj" unb ,,33refe= 
fefej" bilben; aus bem 2Balbe fommt ber „SBalbfd^rat, 
ein bodfsbeiniger, jiegen bärtiger, gel^örnter SBalbgeift", 
gefprungen. ©ie treiben allerlei ^urjraeil unb erjä^len 
fid^ bieS unb baS. S)ie 5C^alberool^ner umbrängen immer 
brol^enber baS ©ebiet ber ©eifter, auf bie SergeSl^ö^e 
l)aben fie eine ÄapeUe l^ingebaut, unb nun foHte gar 
bie neue, t)on 9JJeifter ^einrid^ gegoffene ©lodfe fd^redf= 
l^aft bie ganje Sanbfd^aft burdjljaUen unb bie armen 
©eifier momöglid^ tJoHenbS Derfd^eud^en. 3lber ber „SBalb- 
fd^rat" l^at tüdifd^ in bie 9iabfpeid^en be§ ©lodfenroagenS 
gegriffen, als er fid^ nüilifam beu 33erg hinauf bewegte, 
bie ©lodfe ift ben Slbgrunb l;inuntergeftürjt unb im ©ee 
tjerfunfen. 3Jlit il^r aber ifi aud^ 9)teifter ^einrid^ in 
bie ^iefe geglitten, ©d^raer beriefet, tobeSrounb, fd^leppt 
er fid^ mül^fam l^inauf bis jur ©ebirgSbaube ber alten 



-^ 105 - 

SBittii^en, hn „Siifd^örofeiuuttei:", wo cv, fafl oetenbeub, 
von ii)X unb ifjreiu ^^^flegUnge, bcni 9tautenbclcin, auf» 
gcfinibeu tüivb. älSic bic ®rfd)eimi)if| eines fußen, längft 
geträumten aKärd^en« mutet ben aWeifteu ba« öof^'Ö^^^^ifl^* 
etgener Sd^ön^eit frol^e 9tautenbe(ein, baS tuftig^teid^te, 
freie SBefen an: 

3c^) fa^ bi(^) f(^)on. SEBo fu^ i(6 bid^? ^^ xan^, 

3it bicnt* um bic^i . . . . mtc lanQc? ^dnc Stimme 

^n @(o(!ener) )u banneit; mit bem @oIbe 

^eii @onnenfeie):ta({9 fte ju uevmAi^lcn: 

^Ic« aHcifterftüc! jti t^int, mifUaufl mir immer. 

Qlnjwifd^en erfrfjeinen 'jJJfarrer, ®c!)ulmelfler unb S3ar« 
bier auf ber Surfje nad^ bem äSerungtüdtten. 9)lit f;arten 
Sffiorten fal^ren \it bie ,,3}ufd^gro6mutter" al& »errud^te, 
löftertid^e Satanöbienerin an. Slbcr |ie bleibt it^nen bie 
3Intu)ort nid^t fcfjulbig: 

Spoatt \^x bOQ« 5Rilbtt. C^^tite ^x^V\6)i tmx' ic^. 

^^ rotfi, ic^) mifi: bc Sinne, boa§ fein Sinba. 

SDc Erbe ii« a Soar(^, ^'r b(auc .J^lmmcl 

SD'i: ^ccfel brtif. ^e Storno, boafi fclu !i\\^)la, 

SDc Sunnc ii« a flrufjcö !i!ucl) ci'd tJreie, 

^c 9CöeU fti»0 unber, mcttn fc Jyoarr \\\6) mÄr, 

Unb ini« .t^crr()i)tt i9 a ^opclmoan. 

91 fclb* ann' 9tuttc «at)ma, i^r Derbient», 

Sc()loapp|(4mAnie fcit'r: boaS i^**, wcttcr nifitt. 

Pfarrer, ©dTjutmeiflcr unb äJarbier tragen nun ben 
in D^nmad^t gefunfenen ÜDfeifter auf einer Slkl)re fort. 
J)er aWonb jie^t Ijerauf, ©Ifen l^ufdjen au« betn SBatbe 
über bie 93ergn)iefe unb bre^en fidf) im 9{ingcfrei^n. 2)iefe 
©cene ifl, wie fo mand^e anberc in bem Stüdte, rein 
epifobenl&aft unb für bie weitere (Sntwidtinng belanglos, 
aber überaus ftimmungSoott empfunben unb gefdf;idft 
fomponiert; il^re cdfjten poetifdjen Sd^önfjciten leudjten 



— 106 — 

ebenfo Hat iti bie Stugcn, mie il^re biH^ncnmäfeigen 
©ffefte. S^ag tüieberliolte „9iin9ct»rcigen*fläfter*!ranj'' 
ber ©Ifcn atmet einen unbcfinierbaren, au^ aJlonbei^büfter, 
träumerifd^em Sldttcrrauf d^en , gei^eimntöootlem Jlebel* 
grauen gewobenen 3öuber. ©injelne poetifd^e Silber fmb 
von fiddtbarer 2lnf d^aulid^f eit unb f unteinber ©d^önl^eit : — 

. . . . 2Bo ba§ ßic^t 
6idEl im SBafferfturjc bridS)t, 
Unb bic ijint, com 6dEicin burd^l^cllt, 
Saufcnb in bic 3;icfc föllt 

31[tl^erifd^=Iuftig, t)om feufd^en aJlonbe§Iid;t untfd^im« 
mert, l^in unb roieber im SBetterleud^ten gefpenftifd^ er« 
glänjenb, fd^roeben unb roeben bie jarten, leidsten, gra» 
jiöfen ®lfen im flüfternben SReigen: 

. . . SJJafelieb unb SSergi^mcinnic^t 
Slül^ren unfre Sol^Icn nid^t. 

Unb nun ber berbe, plöfelid^e, mit 33odffü§en auf« 
ftampfenbe Äontraft, ber faunifd^e SBalbgeift: 

aWopeb unb 5Scrgifenic^tmcin 

©tampf x6) in bcn ®runb l&inein .... 

©onnerfd^lag unb brunftige^ 3iegengepraffel,biecr)nifd^s 
fd^mufeigen ^^antafien beg SBalbfd^ratg — wie ift ba§ 
atte^ genau auf bie SBirfung gejielt, fidler auf bie ©inne 
ber ^\xf)öx^x abgefd^netlt. Slber ift biefe ©prad^e neuer 
©til, ber mefoerfünbigte realiftifd^e Bulunftgftit? 2Ber 
feinen ©l^afefpeare fennt, mirb fid^ unraillfürüd^ ber 
^ejen im „SIKacbetl^" erinnern, unb mem ber ©oetl^e« 
fd^e „gauft" in D^r unb ©eele übergegangen ift, wirb 
firf; nid^t im ^\mx^^l barüber fein, mieoiel bie unberou^te 
Erinnerung bilbenb unb befrud^tenb auf bie ©prad^e unb 
Äompofition^weife beS mobernen 3)id^terd eingeroirlt l^at. 



-^ 107 — 

©^ fott boS ja fein SBorrourf fein, — nur eine fanfte 
aWal^nung, bie alten 3Keifter mi)t fo ganj ate „über=* 
n)unben" ju betrad^ten. — 

„Srefefefej!" — ber SRidelmann l^ebt fict) über ben 
SJrunnenranb. S)iefem eigentümlid^en SBaffergreije Ragt 
SRautenbelein il^re feltf am traurige ©timmung. ®in J^eijseö 
S^röpflein fei il^r aufg 2luge gefallen. „SBag ift e§ 
benn?" fragt pe nun ben Srunnengrei^, 

5]idfclmann. 
©in jd^öncr S)iamant! 
53H(ft man l^inein, fo funfeit ofle ^ein 
Unb aücS @IM ber 2öelt au§ bicfcm Stein. 
SJlan nennt il^n Z^xänt. 

IRautcnbelein. 
SLfiräne? SQßic mir'§ fc^eint. 
3ft bie§ *nc %i)xänt, l^ab' ic§ ftc geroeint: 
©0 roei^ \6) benn fortan, roa§ S^l^ränen finb. 

Jlidfelniann will fie mit Häglid^em SiebeSroerben für 
fein feud^teg SReid^ gewinnen, fie aber mag nid^t baoon 
i^ören. ©eitbem fie ben 3Keifter ^einrid^ gefeiten, fe^nt 
fie fid^ fort von au il^ren ©eiftergenoffen. ©ie roiU — 
„\n^ 9Kenfd^enIanb" unb eilt bat)on. 

Seidel mann (im ]^ö#en S6)xtd): 
Onoroy ! 
(roimmernb) : 
Ouoroy! 
((eifer) : 
Quoraa:! 
(!opf ic^üttelnb) : 
S3refefefey ! 

Siefer 3tttfd^(u§ mad^t fid^ ja bei oirtuofenl^after 
Slbtönung be^ „Duora^" unb „Srefefefeg" auf berSü^ne 
reddt mirffam poffierlid^. SBiH man fold^e SBirfungen 



- 108 — 

aU erlaubt anfeilen, fo fann mau i^ueu bod^ etueu 6e^ 
foubcrS l^o^en fünftlcrifd^en MariQ uumöglid^ eiuräumeu. 
6^ fiub aiUrfungeu auiS bem ©pecialitäteut^eater. 3Rir 
ifl uid^t criuucrlid^, bafe im — „gauft" bcrartige ^üfg* 
mittel gebraud^t mürben, unb bem l^at man ja ha^ 
fiauptmanu'fc^e äöer! mirüid^ unb mal^r^aftig fd^on an 
bie Seite gefteHt! 

grau aJlagba, be^ ©lodfengiefeer^ fieinrid^ ©attin, er» 
märtet il^n mit ben Äinbern, feftlid^ gefd^müdft, in ü^rem 
ißeim* 3lun mirb er il^r gebrad^t — ate ©terbenber. 
Unb er mill fierben, benn er fül^lt, ba^ fein 3Reifter* 
roerf, bie tjielgepriefene, nun tjerfunfene ©lodfe^ — mife« 
raten roar. 

3a, mein 2öcrf roax jc^led^t: 
5)ic ®Io(fe, 3JlQ0bQ, bie l^inunterfiel, 
6ie roar nid^t für bie ipöl^^n — nid^t ßcmac^t, 
S)en SBibcrjc^all ber ©ipfel aufjuiuedeu .... 
3m Sl^ale flingt jie, in bcn bergen nid^t. 

Unbegreiflid^ , entfefelid^ erfd^eint ber tjerjmeifelnben 
grau biefe SBerad^tung be§ eigenen aWeifterroerf d , beiS 
eigenen reid^begnabeten Seben^: 

SOßo^^I l^unbert (Slodfen, 
3n raftio« frol^er äBirffamfeit gebilbet: 
6ie fingen beinen SRul^m von l^unbcrt Sürmcn; 
6ic fliegen beincr 6ccle tiefe Sc^önl^eit, 
©leic^roie auS S3ecf)ern, über ©au unb Zx\\t 
3n8 ^urpurblut beS ?lbenb§, in ba§ ©olb 
S)cr ^errgottgfrül^e mifcpeft bu bid^ ein .... 

®r aber geftel^t, bajs er ber ©lodEe auf tl^rem SBege 
jur Äapeße nur bekommenen ißerjenö gefolgt mar. ©ein 
„ganjeä Seben, mie er eg gelebt", fonnte feine bef[ere 
grud^t feiner Äunft ^eroorbringen: 



- 109 - 

.... S)cv S)ienft her 2:]^filcr 
)iiodt mid^ nid^t mel^r, i^rgriebcn fönftiöt nic^t 
2öie fonft mein bränöcnb iBIut. 2Ba§ in mir ift, 
Seit ic^ bort oben ftonb, roill bergmärtS fteigcn, 
3[m fttarcn übcr'm 9^ebclmeere loanbern 
Unb 2öerfe roirfcn auS bcr Äraft ber ©öl^en! 
Unb weil id) bie§ nid^t fann, jtcd^, mic ic^ bin, 
Unb roeil id^ mieber, quält* idfe mid& empor, 
9lur fallen fönntc, roid id& lieber fterben. 
Sung mü^t' ic^ werben, roo id^ leben {ollte; 
^u§ einer 53erGe8s2Bunber«gabeI*S3Iüte, 
9lu§ gioeiter S3(üte neue lixü^tt treiben, 
©cjunbe 5?roft mü&l* id^ im i&erjen fül^Ien, 
Tlaxt in ben ipönben, ßifen in ben ©eignen, 
3u neuem unerl^örtem 2Burf unb 2Bcrf 
S)ie tolle Siegerluft. 

SBag il^m afe fd^ötier unerfüllbarer S^raum üorfd^roebt, 
lüirb SBal^rl^eit. SRautenbelein, bie fid^ unter bäuerifd;er 
aSerHeibuno in bag Qan^ beg 3Reifterg f^leid^t, wirb 
il^m bie „Serge^-SBunber-e^abelblüte", au^ ber er ®e^ 
funbl^eit, neue Äraft unb Qfugenb fd^öpft. ©ie [)eilt 
il^n mit il^ren 3öuberfünften, er t)erlci§t SBeib unb Äinb 
unb folgt il^r auf bie Serge. 

3n l^öd^fter, nie gefannter ©(j^affengfraft unb Sebeng* 
fülle roirlt er nun an bem großen SEBerfe feiner S^räume. 
2lber bie im 2:i^ale motten ben SBerlorenen, 3lbtrünntgen 
jurüdfl^olen. S)er ^Pfarrer erfd^eitit, ^einrid^ in^ ©emiffen 
)u reben. SDod^ er fül^lt ftd^ frei unb leidet unb glüd» 
Ud^, von feiner ©d^utb befd^mert. ©ein ganjei^ ©ein 
gel^t in bem großen SBerfe auf. @§ ift feine neue 
®lodEe, fonbern „ein ©lodfenfpiel an^ ebetfiem 3WetaH, 
ba^ aug fid^ felber, fiingenb, fid^ bemegt": 

^mni immerl^in mein 2Berf, roic id6 e§ nannte, 
6in ©lodtenjpiet! S)ann aber ift c8 eines. 



- 112 - 

ben aWetfter fd^limtne %xänmt. Slidfelmann erfd^eint 
unb raunt i^m fd^Iimmc SBorte ju: 

^a^ db\ ^erGebIic{) ringft bu, benn bu ringft 

W\i ©Ott! ©Ott rief bic^ auf, mit il^iu ju ringen — 

Unb nun Dertüarf er t>{6), benn bu bift {c()n)a(i(|. 

Umfonft pnb beine Opfer: Sc^ulb bleibt Sci^ulb! 

^en Segen ©otteä l^aft bu nic^t ertrojt, 

Sd^ulb in Serbienft, Strafe in ßo^n ju roanbeln. 

^u bift t)oü mdd, blutig ftarrt bein meib ! 

^ör mid^ an: 
@S rillet eine ©(ode im tiefen See 
Unter ©eröll unb Steinen. 
Sic xü'xU in bie ^6\)\ 
2Bo bie ßidöter be§ ^immelS fddeinen. 
S)ie gijd^e fc^roimmen au§ unb ein . . . 
S)oc§ mein iüngfteS, grünfiaarigeS S^öc^terlein 
Umfreift fte nur furd&tjam im S3ogen weit — 
Unb manchmal rocint e§ üor 2öe]^ unb Seib, 
SDßeil bie alte ®Io(fe fo feltfam lattt, 
m^ füne 33(ut i^ren SJiunb, 
Sie rüttelt, fie lodert unb l^ebt |td& üom ©runb . . . 
O roel&e, bu, roenn il^re Stimme bir roieber fcfeaUt! 
S3im! bäum! 
^elfe bir ©Ott auS beinem Sraum! . . . 

S)er ^öbel ou§ bem 2^l^ale, bcr fanotifd^ gegen ben 
Äcfeer anftürmt, vermag il^m nid^t^ anjul^abcn, aber 
eine anbere feinbltd^e SKad^t greift gewaltig in fein ®e* 
müi, unb cor ber fann i^n aud^ Sftautenbelein mit ben 
lieblid^en S^w^erroeifen i^rer ©eifter nid^t fd^üfeen. &in 
Älang tönt au§ ber ^iefe, ein alter, tjerfd^oHener Ätang, 
bie alte, uerfunfene ©lodfe! ©ie töntroteber! 
— immer lauter, immer brol^enber . . . Unb jroei 
fd^emen^afte Äinber erfd^einen il^m. ©ie fd^leppen mül^* 
fam einen SBafferfrug l^eran — bie ©eelen feiner Äinber 



-- 113 - 

mit bctt X^xämn ber 3)Zutter, ©ic W^t i^n grüben, 
uub t^ gel^t i^r rool^t, unb fie rul^t bruntcn in ber ^iefe 
— bei ben SBofferrofen. Unb i^r SBel^ löft bie tjcr» 
ftummte eiserne 3"^9^ ^^^ ocrfunfenen ©lode unb 
rül^rt fie ju bröl^ncnben, gewaltig anfd^n)ettenben Ätage* 
flängen. 

S)ag S^l^ot, bie erbenfd^raere S^iefe jiel^t ben 316* 
trünnigen ju fid^ l^erab. 2)a§ tiefe, bunftige S^l^ol fiegt 
über bie l^oi^en, freien Serge. Da jerbrid^t er bie 
„©d^winge fdneg @eifte§" : — JRautenbelein. ®r vtt^ 
findet unb tjerfäfet fie, bie il^m ©d^affen^fraft unb bltti^enbe 
gflUe gegeben l^at, ben leidsten, fonnig^eiteren ®eift 
feinet frei.en aWenfd^entum^, feiner freien Äunfi . . . 

Die 2^iefe l^at ben aWeifter jurüdgerufen, aber nur, 
nm feinen Slbfatt ju röd^en. ©el^efet von ber SReute, 
flüd^tet er lieber auf bie freien 33erge, roo er einft fo 
\)of)t, l^errlid^e ©tunben Deriebt l^at, Slber Siautenbelein 
finbet er nid^t roieber. ©ie ifl jum garftigen 9?idfel* 
mann in ben graufigen, bunfeln 93runnen ^inabgefiiegen, 
um i^r „verbranntet ^erje ju füllten". 3lux ii^re 3Jiul^me, 
bie Sufd^grofemutter, begegnet il^m. — SBa^r fei eg, 
gefielet er il^r, ba§ ber Ätang ber ©lodfe mäd^tig auf 
il^n eingebrungen fei: 

S)od^ ic^ blieb ber SKeifler, 
Unb mit berjclben ^anb, bie fie gegoffen, 
^u^t* \6), cV bafe ic6 felbft cor il^r jerbrad^, 
S)ie ©locfc, bie \ö) fd&uf, in S^rümmer jd^Iogcn. 

aiber — vorbei ift vorbei, belel^rt il^n bie 2llte : — 

aWa foan berjd^ foon: bu iüoar((i^t a groaber Spro^, 
©toarf, ho6) n\^ ftoarf genung. S)u rooarfdfe 

bcrufa, 
üd bluS a 9lu§ern)ä]^lter n)oarfd^te nid^« 

0. ©rottl^u^/ Probleme unb G^arafterlöpfe. 8 



- 112 - 

bcii SDleifler [djUnimc Xx&mxt. SRicfetmann erfd^eint 
iinb vaunt i()ni fdjHtiime äBorte )u: 

^nf) ab\ 9}eraebltc{) ringft bu^ bemi bu rinoft 
'JJIit C^ott! &oit rief bi(( auf, mit i^m iw rinaen - 
Unb nun uenuarf er bi4 benn bu bift fcbtoad^. 
Umionft finb bcine Opfer: @ct)u(b bleibt Sc^ulb! 
Ten £coen 6)ottcj$ l()afi bu nic()t ertro^t^ 
£i^)u(b in iöevbienft, Strafe in So^in ju wanbeln. 
t\\ bift uoU IDIatel, blutig ftant bein flleib! 

.^ör midb (>n: 
68 rtil&t eine öfocfe im tiefen See 
Unter @erö(l unb Steinen. 
Sic luiU in bie .&öl)', 
^^0 bie ü^icbtcr bej^ .t^immeU fcbeinen. 
Sie t$iid)e {c()iuimmen awi unb ein . . . 
Xoc^ mein iünofted, (irünbaarigei} Söc()tcr(ein 
Umfreift fie nur fuicötfam im 3böen meit — 
Unb mand^mal meint ed oor HBeb unb üieib, 
Sßeit bie olte @Iorfe fo feltfam lallt, 
3(19 füHe 9)Iut i^ren lUtunb, 
Sie rüttelt; pe locfcrt unb bebt ficb t)om ®runb . . . 
mcbe, bu, menn ibre Stimme bir mieber fcballt! 
IBim! bäum! 
i£)elfe bir @ott an^ beinern Sraum! . . . 

2)cv ^^öbcl an« beni X^aU, ber fanatifd^ ßegen ben 
Jlcfeer auftürmt, Dcrmag il;ni nid^ts aujul(iabcn, aber 
eine miberc fcinblidf;c 3JJad;t greift gewaltig in fein ®e* 
ntüt, unb t)or ber lattn i()n a\x6) 9^iautenbelein mit ben 
liebUd(;en ^aubcrracifen it;rer Wclfter nid^t fd^üfeen. ®ln 
Älang tönt an« ber Xiefe, ein alter, oerfd^oHener Ätang, 
bie alte, oerfunfenc Wlodte! Sie töntraieber! 
— immer lauter, immer brol;enber . . . Unb jroei 
fdjemen^afte Äinber erfd;einen il^m. Sie fd^leppen müt;* 
fam einen SÜafferfrug l^eran — bie ©eelen feiner Äinber 



— 113 - 

mit ben Xl^ränen bet 9)Juttet. ©ie läfet i^n grüben, 
unb ei^ 9el)t i^r n)ol;I, unb fte rul;t brauten in ber 3;tcfc 
— bei ben aöajferrofen. Unb H)x Söel^ löft bie t)er* 
ftummte eiserne 3""9^ ^^^ »erfunfenen ©tode unb 
rill^tt fte )u brö^nenben, gen^altig anfd^n)e(lenben 5Uage« 
Hängen. 

SJQi^ 2;^at, bie erbenfd^roere ^iefe jiel^t ben 2lb» 
trünnigen gu fid^ ^txal\ S)ai» tiefe, bunftige 2^^at fiegt 
über bie l^ol^en, freien SBerge, 3)a jerbrid^t er bie 
,,©d^n)inge feineiS öleifte^" : — SHoutenbelein. ®r t)er« 
findet unb oerläfet fie, bie i^m Sd^affeni^fraft unb blü^enbe 
pHe gegeben Ijat, ben leidsten, fonnig4;eiteren ©eift 
feineiS frei.en SDJenfdf;entumö, feiner freien Äunji . . . 

2)ie Xiefe l^at ben SDJeifter jurüdfgerufen, aber nur, 
im feinen 3lbfan ju rärf;en. ©el^efit von ber a)Jeute, 
flfld^tet er roieber auf bie freien ?)erge, roo er einft fo 
Isolde, Iderrlid^e ©tunben oerlebt l^at. 3lber SJiautenbeteiu 
finbet er nid^t roieber. Sie ift jum garftigen SWidfel- 
mann in ben graufigen, bunfeln SBrunnen l^inabgefiiegen, 
um il^r „oerbrannteö öerje ju fül;feu". 9iur i^re a)lul;me, 
bie Suf dfjgrofemutter , begegnet il^m. — SBa^r fei ei^, 
geftel^t er il^r, bafe ber Klang ber ©lodte mäd^tig auf 
il^n eingebningen fei: 

SS)o^ xd) blieb ber aReifier, 
Unb mit bcrjclben .ßanb, bie pc öegoffen, 
^hi^t* id), eV ba& \d) felbft oor il^r jerbra^ 
Die (Slocfc, bie id^ Jcfeuf, in 3:rümmer fd^lagen. 

2lber — vorbei ift vorbei, belel;rt i^n bie 2llt< : — 

Wa loan berid^ {onn: bu iDonvic^t o gcoaber @pro^, 
Stoar!, bod^ ntc( ftoar! gennnQ. Du n)oarfd6 

berufa, 
Dd bluS a 9(u8ern)i^(ter n)oarf4te ni^« 

0. (Brottl^ul, H^robleme mh S^Qraftcrfbplt. 8 



- 114 — 

3lo^ mmol fott er SRoutenbelein roieberfel^cn, baim 
aber fterben. SRübe, emft unb bleid^, fteigt fie mi^ 
bem 33rimnen: 

3ln tiefer "^aö^t, tnutlcrfccIenaKeiti, 
Äämtn' id6 mein golbeneS ^aat, 
@4ön fc^ötie^ Kautenbelein ! 
S)ie ißöQlein reifen, bie ?RebcI jicl^n, 
5)ie iE)eibefeucr cerlaffen glül^n . . . 

©cinrid^. 
3ld6 füllte bid^, bu ^immelSatigcrtdöt! 

SRoutenbelein (fern rocid^enb). 
2lbc, abe! \6) bin bein fiiebc^en nic^t. 
6inft war \6) roo^ bein ^6)a^: im SJlai, im IDlai — 
^nn aber ift'S vorbei ... 

©einrid^. 

SBorbei ! 

SRautenbcIein. 

Vorbei ! 

9Ber fong bidfe obcnb§ in bcn Schlummer ein? 

SQßer roedtlc biet mit 3aubcrmcIobein ? 

^einrid^. 
2Ber fonft als bu? 

JRautenbelei«. 

SQßcr, ic§? 

^einric^. 

iRautenbelein! 

SRautenbcIein. 
9Ber gab bir bin bie frijd^en ©liebcrlein? 
SBen ftie^eft bu l&inab ben^SSrunnenftein? 

^einrid^. 
SBcn fonft, als bid& ! ? 

SRautenbetein. 
SQßer, icb ! ? 

^einric^. 

[Rautenbetein. 



— 115 — 

JRautenbcIcin. 
me! abe! 

^einrid). 

Sül^rt m\6) l^inuntcr ftill: 

3efet fommt bic ^la6)i, bie alle§ fliel^cn roiU. 

SRautcnbelein 
(ju ü^m J^infticgcnb, feine ßniee umjc^linöcnb, mit Saudjijcn). 
S)ie Sonne fommt! 

^cinric^. 
2)ie 6onne! 

JRautenbcIcin 
ftalb fd^luc^jenb, l^alb jouci^jenb). 

©cinric&l!! 

^einrid^. 

S)anf. 

JRautenbelein 

(umarmt ^cinrid^ unb brüctt il^re Sippen auf bie feinen — bar» 

nad^ ben ©terbenben fanft nicberlegenb). 

C)einrid^ ! 

^einrid^. 

^06) oben: ©onnenglodfenflang ! 

S)ie 6onne . . . Sonne fommt! S)ie "^0^)1 ift long. 

(2Jiorgenröle.) 

©outen wir bem großen ,,®el^eitnm§" nid^t fd^oii 
jtemlid^ bid^t auf ben Seib gerüdt fein? 

ißeinrid^ fü^tt fid^ olg 3Kenfd^ unb afe Äünftler in 
ben ^J^alnieberungen ber j^au^bodfenen 9Korat unb be§ 
Äird^engloubeng in feiner inbioibuetlen ©ntraidflung ge- 
l^emmt, in feinem ©d^affen gcläl^mt. ®r jerbrid^t bie 
©darauf en ber l^ergebrad^ten ©itte unb ©ittlid^feit, t)er* 
läfet aßeib unb Äinb unb fteigt auf bie Serge^l^öl^en 
ber inbioibuellen greil^eit, unter benen bie enge unb be- 
engenbe 3Roxal ber Keinen Seute in SRebclbunft t)er* 
f d^roimmt, ®r lebt fortan feiner freien Äunft unb feiner 
freien Siebe. SRautenbelcin ift U)m SBeib unb 3Kufe ju» 



— 116 - 

gletd^. 2Bie er aus ben Sebingungen unb bcr Sebeu* 
tung feines fünfitlerifd^en ©d^affen« bie Seted^tigimg, ja 
bie SBerpflid^tung l^erteitet, ade l^emmenben %t^dn ah 
juftreifcn, fo fd^öpft er ouiS bem freien fiiebeöbunbe mit 
bem fieiteren, leidsten, finnenf rollen ©eifte Äraft unb 
greubigfeit jum ©d^affen. 3)ie gonje SWenfd^l^eit will 
er beglüdfen, ba ntufe er baS perfönlid^e ®IüdC einjelner, 
unb ftel^en fie il^m aud^ nad^ l^ergebrad^ten Segriffen 
nod^ fo nal^e, feiner inbioibuetten greifieit, ber ©runb- 
bebingung feinet großen Mnftlertumö, opfern. S)e^l^alb 
fann er aud^ bie 2^l^ronen oon SJBeib unb Äiub nid^t 
trodfnen — : „2)a fielfe ®ott!" Unb eö ift ba§ 
l^öd^fte ^i^al, beffen SBerroirflid^ung burd^ feine Äunft 
if|m oorfd^raebt : bie ®rlöfung ber SJtenfd^i^eit aug Dual, 
3lot unb 5Crübfa(, ifire Befreiung oon ben 83onben eines 
pnfteren religiöfcn ®Iauben§, ber bie natürüd^e Suft ber 
©inne für ©ünbe, aöfetifd^e Strübfol unb SBBettflud^t, bie 
Äreujigung am 3Rarterl^oIje für ben Sn^^ßriff beS (Sx^ 
ftrebenöroerten erflärt. S)en SSorwurf be^ ^Pfarrers, ba§ 
er nid^t mel^r toiffe, „roaS gut unb böfe ift", be* 
ftätigt er, inbem er fid^ auf 3lbam beruft. @r fül^It 
fid^ als Übermenfd^. Soweit er wirflid^ ein fold^er 
ift, l^anbett er red^t; folange er fid^ frei unb erl^aben 
über bie ©frupet unb S^d^d beS Xf)aU^ fül^lt, bleibt 
er gefunb, frol;, flarf unb glüdfUd^. aber ift er oud^ 
ein „35erufener", fo ift er bod^ fein „9lugern)äl^I* 
ter". 6r ift ju „fd^road^", um bie „untergeorbneten'' 
3iegungen jener ataoiftifd^en 9Räd^te, bie oon ben %i)aU 
beroo^nern „©ennffen", „3Kitleib", „^flid^tgefü^l" ge* 
nannt werben, ganjlid^ ju unterbrüdEen. @r ifl fid^ feiner 
©röfee, feines ÄünftlertumS nid^t fiegl^aft, uid^t über* 
legen genug bewußt, um aud^ oor ber ftärfften ^ßrüfung 



— 117 — 

ftoitbjul^altcn. 2Bte fein grofec« erlofenbeg Äunfttoer! 
bcr aSoflcnbung nid^t naiver xMt, fo ift axiä) in feinem 
Snnem nod^ ein SRefi vom S)unft beö Xf)ak^ nad^* 
geblieben. 3)ie ©rinnerung an bie t)erlaf[enen Sieben, 
ba« SSeroufetfein, il^ren ^ob nerfd^ulbet ju fiaben, über* 
mannen il^n — bie alte, oerfunfene ®iodt, baS SBerf 
beS 2^l^aleö, tönt meber! 3lux meit er fid^ fd^ulbig 
fül^lt, be^l^alb ift er — oom ©tanbpunfte ber S)id^* 
tung au« — fd^ulbig. 9Hd^t bafe er SEBeib unb Äinb 
geopfert, nid^t bafe er mit allen 3Jiorats unb SReligion^* 
begriffen beö grofeen ^aufenö gebrod^en l^at, mad^t ilin 
fd^ulbig. ißat er fid^ bod^ fo lange trofe aUebem frei 
unb leidet gefül^lt! Slber bafe er eine 3lufgabe über* 
nommen l^at, ber er nid^t gemad^fen, bafe er nid^t 
Übermenfd^ genug mar, um aud^ gegen bie ftärfften 
Älänge ber tjerfunlenen ©lodfe gepanjert ju fein, bag 
ift feine ©d^ulb. SBeib unb £inb burfte er tjerlajfen, 
ol^ne fid^ barum notmenbig in bie 83anbe ber ©d^ulb 
oerftridfen ju muffen. SBar er nur flärfer, blieb er nur 
fefler, fo malerte er aud^ fein leidstes, unbefd^raertes 
Äünftterl^erj. 3)a§ er aber 3t au ten beiein, ben ®eifi 
ber greil^eit, bie pnnenfreubige 9Kufe, ber er feinen 
ganjen neuen SIKcnfd^en t)erbanfte, oon fid^ füefe, ba§ ift 
ber SBerrat feined befferen l^öl^eren ©elbft, 
baö ifl bie ©d^ulb, bie er nur nod^ mit bem 2^obe 
fül^nen lann. ©o empfinbet er fetbft, fo empfinbet mit 
il^m ber 2)id^ter. ^einrid^ gel^t nid^t etwa inö 2^^al, 
um bort SReue unb SSufee auf fid^ ju nelimen. Siein, 
nur einen äugenblidf läfet er fid^ oon feiner angebore* 
neu, rein menfd^lid^en ©d^mäd^e, oon einem fub* 
alt er neu 3Witleibe unb ^flid^tgefü^l, von ben aSeHei* 
tättn be« fogenannten ©emiffen^ übermannen. 2)ann 



-. 118 — 

aber fluttet er fi$, voU 3om unb SBerad^tung gegen 
ben 5ßöbel, ber i^n in feinem befd^ränften religiöfen 
unb moralifd^en ganatiämuiJ fteinigen will, auf bie ge* 
liebten freien Serge: — 

Oefinbcr, taube bluffe, ©etiler, ßumpcn; 

S)te breifetg !Rfl4tc ?Patcmofter roinfeln 

Um 'nen t)cr(ornen 3)reier, roö^rcnb pe 

6td^ nid^t entblöben — auS bem @runbe fd^Ied^t — 

2Bo Rc'^ oermöQcn, OotteS eio^ße Siebe 

5)ufatenroeif' ju prellen, fiügner! ©eu^ler! 

SQBie'n S)amm oon SBacferfteincn aufgetürmt: 

5)ie trodne ^ölle i^rer ^Rieberunß 

9}or @otted Mm, ber $arabie{edflut 

Unb i^ren feCgen SBogen, su oermauern. 

2Bann !ommt ber Sd^aufler, ber ben ^amm jerrei^t? 

34 bin eS nid^t ... nein roal^rlid^, bin e§ nid^t! 

Jiur bieSd^TOäd^e, fid^ fd^ulbig gefül^ilt ju l^aben, 
nid^t feine ,,©d^ulb", bereut er; unb nid^t bie Dpfe= 
Hing oon SBeib unb Äinb, fonbern nur bie beg diau- 
tenbetein. S)er „©d^aufter" wirb fomnten, ber ben 
S)amm beg SBa^n^ jerrei^t, nur er, er ift e^ — Iei= 
ber, teiber ! — nid^t. Unb f o ge^t er gern in ben %ob, 
nur um nod^ einmal ben ®eift feines freien Äünftler= 
unb Siebe^glüdE^ mieber ju fel^ien : fo ftirbt er, mit il^m 
vereinigt, in ber feften, freubigen Si^TOtx^i^i: 

S)ie 6onne . . . Sonne f ommt ! 5)ie ^aä)t ift lang. 

2)ie Jiad^t ifl lang — bie Jiad^t ber SBorurteile, ber 
Äleine^^Seute^'^Koral, beö a^fetifd^^büfteren ßl^riftentum^. 
2lber einftmals fommt bie ©onne bod^, einftmatö wirb 
baö munberbare, inbioibualiftifd^ bifferenjierte OlodEen^ 
fpiel be^ freien, finnentrunfenen 3Kenfd^entumg big in bie 
tiefften ^l^alnieberungen Italien, unb „t)on ber ©onne 
Äraft erlöft", wirb felbft ber ^eilanb t)on feinem Äreuje, 



- 119 — 

„ein Süngling, in ben 3Kaien nicbctfieigen". S5ann 
TOcrbcn bie alten (Sloden, bie ©loden mit il^tem lang* 
roeiligen, eintönigen, ntetand^otif d^ = bef d^ränften ,,93im 
bäum", bag ®ut unb 33öfe von l^eute, filr immer ocr= 
funfen unb uerflungen fein. 2lber „bie 5Rad^t ift lang", 
unb 3Weifter ^einrid^ l^atte nid^t bie ©d^öpferfraft, fte ju 
lid^ten. S)a6 er biefem SBerfe, beffen er fid^ oermafe, 
nid^t gemad^fen mar, baran mufete er ju ©runbe gelten. — 
3Wit SRomantif l^at bergleid^en natürfid^ nid^t^ ge* 
mein. 6iS ifl ba^ ©egenteil von SRomantif — : l[ipper= 
moberner naturatiftifd^er 3nbit)ibualiömu^ 
3lie|fd^e'fd^er Obferoanj. ?lie|fd^e ift nur f onf equenter 
ate Hauptmann, ber in bie eifern l^arte ^errenmorat 
beS $pi^iIofopl^en bie meid^eren 3KetaIIe eineö poetifd^« 
tjerfd^mommenen ©otteg:^ unb Siebe^begriffö l^iineinmifd^t. 
S)edl^atb l^at aud^ feine „®(odEe" feinen reinen, fonbem 
einen riffigen Älang. 33eugt fid^ ber SKeifter ^einrid^ 
vor einem ®otte, ber mel^r ift, al§ poetifd^e ^P^rafe, fo 
l^at er fid^ bod^ aud^ mit ©otte^ ©eboten au^einanber* 
jufefeen. gül^tt er fid^ mirflid^ von l^iöd^fter SiebeöfüHe 
gefd^meHt, fo fann er SBeib unb Äinb nid^t ber Sßer* 
jmeiflung preisgeben. 3Kan fann nid^t jenfeits von ®ut 
unb Söfe ftel^en unb bod^ malere, marme Siebe im ^et^en 
tragen. SBer für bie ßeiben feiner 5Räd^ften fein ^erj 
\)at, fann für bie ganje übrige 3Jfenfd^l^eit erft red^t nid^tS 
cmpfinben. S)ie 33el^auptung beS ©egenteife ift 5p(;rafe. 
SRie6fd^e*3atatl^uftra ift in ftd^ abgeflärt, innerlid^ mal^r: 
— fein ©Ott - feine &kbt — fein ®ut unb SBöfe - 
nur „3d^" unb nid^tS als „3d^". SKeifter ^einrid^ ift 
innerfid^ unflar, unmal^r: — ©ott — Siebe — unb 
bod^ nur „3d^" unb nid^tS afe „3d^", SDal^er aud^ bie 
ganj entgegengefe^ten Sttuffaffungen unb^ Deutungen beS 



— 120 — 

©Ifirf«, bk Serfud^, irgenb eine nntxfyixtt, tief ge* 
l^eimm^twtte 3bee in bem ©lüde {u finben, bie gar 
nid^t bariu entl^atten ift S>ad ©e^eimniiSüoQe 
liegt nur im SBiberf prud^ : 

^^enn ein oonfommener SBiberfprud^ 

bleibt gleid^ gel^eimniSDoII für 5!(uQe tinb für ^oren.'' 

S)et SHd^ter Idfet ben SKeifter ^einrid^ an feiner 
Öalbl^eit ju Orunbe gelten, bie ^albl^eit ift feine tra* 
gifd^ ©d^ulb. SDa^ifi melleid^t ber mobernfte bid^te* 
rifd^ SSonourf, ber fid^ benfen löfet, meHeid^t ein (Sriff, 
ber genial wäre, wenn er berou&t burd^gefül^irt wäre, 
aber ber S)id^ter, ber bie igalbl^eit barftetten roifl^ 
mufe felbft ein ©anjer fein. Unb Hauptmann ift 
an^ nur ein falber. ®r wirft lüfterne 33lidfe auf ben 
aufgefd^lagenen 9Ue|fd^e t)or fid^, er liebäugelt mit ber 
^errenmoral, aber er l^at nid^t ben traurigen, aber bod^ 
ben 3Rut, mit ber „©flapenmoral" ber Siebe unb bem 
„^erbenbegriff @ott" ju bred^en. Siebe unb ©Ott bleiben 
bi^ JU ®nbe — jmar matt unb unftet fladfernbe, aber 
immerl^in l^eilige, erl^abene, unantaftbare Seitfteme. Unb 
bod^ tnufeten biefe Sendeten juDor au§gelöfd^t merben, 
menn bag „freie 3d^" ausfd^liefelid^ feinem eigenen 
Sid^te folgen foHte. igauptmann aber fd^eint gebadet §u 
l^aben: „SSorftd^t ift bie aKutter ber SBeiSi^eit. ©e^t 
ba§ £>l be^ eigenen Sämpd^en^ ai\^, fo bleiben bod^ 
immer nod^ ber alt^ 3Jionb unb bie alten ©terne." Unb 
fo erfreut pd^ SKännlein unb SBeiblein unb allerlei ©e* 
tier, fo ba im litterarifd^en ©eflügell^ofe freud^t unb 
fleud^t, an ber „SCenbenj" be^ ©tüdeö: bie frommen 
getroften fid^, ba& t)om Sternenmantel beö lieben ^err= 
gottg immer nod^ ein gipf^f^^^^ }w fel;en ift, unb bie 



— 121 - 

Öerrcnmoralnicnj'^eit freuen fid^ ia^ beö freien SD^enfd^en* 
tumg unb ber freien Siebe» Unb fo gel^it ein jeber be* 
gtüdt nad^ ^au^. Probatum est. — 

gäbet unb ©ntTOicflung be§ ©tücf^ erquiden nid^t 
gerabe burd^ ungefud^te ©infad^^eit unb flare ©d^önl^eit 
beg ard^iteftonifd^en Slufbau^. (Sin jiemlid^ fomplijierter 
Apparat, beffen einzelne 2^eile nid^t immer jtd^er unb 
energifd^ ineinanbergreif en , wirb in Seroegung gefegt; 
©eftatten au§ ber beutfd^en unb ftaffifd^en aWt|tl[|ologie, 
aWotiue aug SBagner, (Soetl^eg irS^^ft"/ ^Riefefd^ werben 
mül^fam jufammengefud^t unb ftilloö miteinanber t)er» 
fd^moljen. 3)a wirb von SBatberö Seid^enbranb unb von 
(Sf)axon^ Sßad^en gefprod^en ; ba entfielet au3 bem fd^le^ 
fifd^en Serggeifte SRübejal^I, bem antifen gaun unb bem 
3Kepl[|ifto ein neueg, me^r mpftifd^e^, ate m^tl^ifd^eS 
SBefen, ber „SBötbfd^rat" ; ba miffen mir mit ber „33ufd^- 
gro^mutter" unb bem „5Wide(mann" nid^tö Sted^teS an« 
jufangen. Seruf unb ©igenart ber erften bleiben bis 
jum ©d^Iufe nid^t nur märd^enl^aft oerfd^Ieiert, fonbern 
überl^aupt bunfet, unb tJoHenbS ber ben Srunncnranb 
abnüfeenbe ?lidelmann erinnert bod^ gar ju febl^iaft an 
ben berül^mten „(SreiS, ber fid^ nid^t ju l^elfen meife" 
unb in feiner aSerjmeiftung ol^ne Unterlaß unarti&ifierte 
Saute („DuoraE" unb „SrefefefeE") auSftöfet 3)iefe 
SKifd^ung t)on btöber SBeinerlid^feit unb feaftlofer Süftem* 
l^eit in bem mäjfrigen 3JiummeIgreife berül^rt faft nn- 
ciftl^etifd^. Unb maS foll man ju ben platten ®p&^tn, 
ben oben Unteri^attungen jroifd^en il^m unb bem SBatb» 
fd^rate fagen, mag ju ben melen nur cpnifd&en Un* 
Pätigfeiten beg lefeteren ! äümeifter ©oetl^e ift im „gauft" 
aud^ nid^t gerabe jimpertid^ ; eö fommt il^m an geeigneter 
©teile auf eine §anbt)oIl d^arafteriftifd^en ©pnißmtiS gar 



— 122 - 

nid^t an, unb xoa^ er ben 3Kepl^iflo fagen l&^t, ift ju 
3eiten oon ©uropenö übcrtünd^ter ^öftid^feit l^immel* 
roeit entfernt. 2lber ©oet^e l^at — $ u m o r, unb ^aupt* 
mann l[iat feinen. @r bringt efi über bie ©ituation^- 
fomif, eine Srt untergeorbneter grote^fer 5ßoffiertid^feit 
nid^t l^inaug. 3n ben berben SBenbungen im „gaufi" 
liegt bod^ immer mel^r ober meniger Cebenötoei^l^eit, ber 
^auptmann'f d^e SIBalbf d^rat oerf ügt nur über bie f d^mufeige 
^üUe, aber nid^t über ben golbenen Äern. S)a^ ift ja 
ber unerfefelid^e 3Kangel bei Hauptmann, mie bei ben 
meiften unferer mobernen „reatiftifd^en" S)id^ter: fie l^aben 
feinenißumor! ißätten fie ^umor, fie mürben anbere 
Söfungen ber Seben^fonfüfte finben, al^ immer nur bie 
fd^roffe aSerneinung, bie pf)ilifterl^aften SBerbifte. ©ie 
brandeten nid^t notmenbigermeife ju neuen „3Koralen" 
unb „SBeltanfd^auungen" ju flüd^ten ; fie mürben pnben, 
ba§ bie alte 3KoraI unb bie afte SBeltanfd^auung immer= 
f)in aud^ nod^ ganj braud^bar finb, — menn man ju 
— entfagen, meife ju uerjid^ten oerftel^t. S)a^ aber 
»erftel^t au^er bem ßl^riften nur ber ^umorift, ber ge= 
lernt l^at, bie menfd^Iid^e ©d^mäd^e unb bie UntJoHfommen^ 
I;cit aUe^ ^[rbifd^en mit feud^tem 3Iuge fäd^elnb ju er^ 
tragen, unb ber Suft unb Seib, ©d^önl^eit unb ißäfetid^* 
feit ber 2Belt in einer l^öl^eren fünftlerifd^en 6in- 
I)ctt aufjutöfen meife, ^htn in bem ^umor. 

aiber — geredet fein! SDie „SSerfunfene ©lodte" ift 
allerbingö meber ein ftaffifd^ DoHenbeteö 3Jleiftermerf, 
uod^ aud^ bie burd^ unb burd^ originale ©d^öpfung eines 
bal^nbred^enben, reformatorifd^en (Senieö. @ö ift aud^ 
unfäglid^ albern, fie ntbm ben „gauft" ju fteHen. 3n 
einer einzigen ©cene be§ gauft finb jel^nmal mel^r ©e- 
banfen, aU in ber ganjen „aSerfunfenen ©lodEe". 2lber 



— 123 — 

bod^ bleibt ba3 35rama bic fünftterifd^ l^od^ lüertDoIIc, 
fteHentocife fogar bebeutenbc grud^t eincg ed^ten, namcnt« 
lid^ nad^ bcr Iprifd^en unb formalen SRid^tung l^in l^od^* 
begabten S)id^terö. @^ ift ein t)oBgeu)id^tige^ 3^"9ni^ 
ftarfen fd^öpferifd^en Äönnen^. SRefpeft oor bem bid^* 
terifd^en SEBerfe atö fold^em, fo fel^r man aud^ geneigt 
fein mag, am ©injelnen, mie am ©anjen Äritif ju üben. 
@ineg — unb bag ift t)iel, fel^t vUl, — mufe QawpU 
mann unter allen Umfiänben juerfannt merben : er Der* 
fügt über bie Äraft, ba§, ma^ er barfteHen miß, aud^ 
mirMid^ bat^ufieHen ; einen ©ebanfen, ber il^m felbft f (ar 
x)orf darnebt, mit einbringtid^er ©d^ärfe unb greifbarer 
Slnfd^auHd^feit ju t)erförpern; eine ©timmung, bie er 
felbft empfinbet, fo jroingenb ju oerbid^ten, bafe mir 
baoon gerül^rt unb gepadft werben, bafe mir imter il^ren 
35ann geraten. Äonnte SRautenbelein^ Ätage rül^renber, 
einfd^meid^elnber, ftimmungi5t)olIer lauten? ®a fifet bag 
arme, „fd^ön fd^öne SRautenbelein", tjerlaffen, Derflud^t, 
uerftofeen in tiefe, feud^te 5Rad^t t)on bem, bem fie bod^ 
nur Siebe unb nid^tg alg Siebe bargebrad^t i^at: — 

^ie Sßööleiu reifen, bie S'lebel jiel^n, 
S)ie ^eibefcuer öerlaffen glül^n .... 

„Die ^eibefeuer t)erlaffen glül^n" .... SBeld^ tief 
meland^olifdjc ©timmung allein in biefem Silbe! 

Unb fold^er munberbaren ©d^önl^eiten giebt eS Diele 
in bem Drama, greilid^, ber ©til, bie ^anbl^abung 
ber ©prad^e in S3ejug auf dU)r)tS)mvi^ , ©a^bau, Slttri« 
bute u. f. m. erinnert öfter an ®oetl)e, jumeilen an 
©l^afefpeare. (£3 fragt fid^ aber, ob e^ überl^aupt mög* 
lid^ ift, gute SSerfe ju fd^reibeu, bie nid^t l^ier unb 
bort an bie großen 3)Jeifter erinnern. 2lud^ bie ©prad^e 



— 124 — 

ijl eine gefd^td^tlid^e 3IHaä)t, tüeld^e bie Slad^lebenben in 
beftimmte 93al^nen brängt. (Spigonen finb unb bleiben 
iDir nun einmal aOe, an^ in ber Sitteratur. Unfere 
Äultur f)at xf)xt größten Äunftwerfe bereite ge* 
jeitigt 3)ag Äunftroerl ber S^funft fann nitt t)on 
einer Äultur ber B^tunft gefd^öffen werben. — 

@erl^art Hauptmann l^at nod^ ben größten ^il be^ 
rüftigen, reifen, fd^affen^fräftigen aWannedalter^ vov fid^. 
®eboren am 15. SRooember 1862 }U ©aljbrunn in 
©d^leften, f)at tx, aü ber (3o^n einei^ tool^lJ^abenben 
^otelbefi|erd, x>on ätnfang an }u ben TDenigen @(äd(i<i^eti 
gel^ört, bie auf bie Keintid^en ©orgen be^ SHtag^leben, 
ben bitteren Äampf umö 3)afein ate Unbeteiligte l^erab* 
fd^auen bürfen. @r fonnte ftd^ ba^er aud^ ben Suju« 
eineg roieberl^olten Seruföroed^fefe geftatten. S^^^^ft 
Sanbroirt, befud^te er fpdter bie Äunftfd^ule ju Sre^lau. 
äfö e^ mit ber Silbl^auerei , ju ber er fid^ berufen 
glaubte, nid^t^ würbe, mibmete er fid^ in 3ena Unioer» 
fttätöftubien, bereifie barauf Italien unb bejog bann bie 
Unioerfität ju ^Berlin, mo er fid^ im Qal^r 1885, faum 
jmeiunb jroanjtgiäl^rig , uerl^eiratete, Q\m ^af)xz fpäter 
meilt er mit feiner Oattin in 3ütid^, mit mebijinifd^en 
unb pfpd^iatrifd^en ©tubien an ber ^od^fd^ule befd^äf« 
tigt. S)e^ SBanberlebeng mübe, grünbet er fid^ enblid^ 
in ©d^reiberl^au im SRiefengebirge ein eigenes bauembeS 
$eim. 3)ort, in ber l^errlid^en ©ebirgsnatur mit il^ren 
©agen unb 3Wärd^en, »erbringt ber ©d^affenöfrol^e ben 
größten 5Ceil be^ 3a^re§. ©o l^at er bie S)ämpfe au5 
bem igcEenfeffel ber ©rofeftabt eingeatmet unb bod^ 
mieberum aud^ an ben ©ruften ber 9ktur in üoBen 
3ügen gefogen. ©ein fefleg Sffiurjeln im ^eimatboben 
ift il^m TOo^l ebenfofel^r menfd^lid^e^ SBebürfni^, wie 



— 125 — 

Kinftlcrifd^e Übcrjcugung. „S)ie SBäcber", „Qanmk'\ 
,,3)ie ocrfunfenc ©lodc" ocrbanfeii bicfer ^einiatätreuc 
il;r eigenartiges ©epräge, bie SBal^rl^eit ber £o!aIfarbe, 
ben feud^ten ©lanj unb fräftigcn ©rbgerud^ ber ©d^oße. 
SHe (Seftalt ber Sufd^grofemutter in ber „SBerfunfenen 
©lodEe" wirb nur burd^ biefen SReij t)or gänjlid^em 3^t* 
fliegen gerettet. 3Wan überfetje fid& i^ren S)ialeft inS 
^od^beutf d^e , unb fie oerbtafet oöllig jum wefenlofen 
©d^eine. 

6d ift grünblid^ oerfel^tt, bem ©idjter eine refor* 
matorifd^e Stolle ate S3al^nbred^er einer neuen bid^e« 
rifd^en aBeltanfd^aunng ober bergleid^en jujuroeifen. S)ie 
Sieformatoren, bie großen geiftigen unb politifd^en SBelt* 
eroberer, waren immer aus einem (Sujfe — ganj. 
Hauptmann ift eine meid^e, träumerif d^e , ben oerfd^e^ 
benften ©inbrüdEen entpfänglid^ l^ingegebene 9latur. ©ein 
Vermögen, mit ben S)ingen perföntid^ fertig ju merben, 
fie in eine beftimmte Drbnung ju rüdfen, fo bafe eine« 
bem anbem fid^ unterorbnet unb auS ben Steilen 
m l^ül^ereS in fid^ abgefd^loffeneS &anie^, ein SKifeo« 
lodmoS entfielet, !urj, fein pl^ilofopl^ifd^eö aSermögen 
reid^t an feine fünftlerifd^e ^^antafie unb ©eftaltungö* 
fraft aud^ entfernt nid^t l^ieran. hinter bem ftarlen 
bid^terifd^en Äönnen fetilt bie entfpred^enb ftarfe, jiel* 
ftrebenbe, MärungStüd^tige pl^ilofop^ifd^e 5)Jerfön* 
lid^feit. S)iefem realiftifd^en S)id^ter mit bem fd^arfen 
SlidEe für bie grelle SBirftid^feit ber ©rfd^einungen, mit 
bem ai^nungSootten ^nftinfte für baS ^albbunfel ber 
©eele bebeuten 3Belt unb &tien in lefeter Sinie bod^ 
nur äftl^etifdje ^I)änomene, bie als fold^e ein» 
anber gleid^bered^tigt finb. $err Hauptmann fd^reibt 
mit berfelben ttberjeugung „S)ie 2Beber" mie ,,S)ie oer* 



- 126 — 

funfene ©lode^. Rann ed größere ©egenfd^e geben? 
3fl bad eine nid^t bie birefte Sßieber(egung beiS onbern ? 
SRon ^ebe ben ^abritanten ^teigiger über fein flad^eS 
geifHged Slioeou empor, flotte i^n mit irgenbmeld^eu 
umn)äl}enben meltmirtf^oftlid^en fortfd^rittlid^en ^been 
aud ~ morum foQte er ba nid^t ein paar ^unbert er« 
barmlid^e, flumpfe aßeberepflcnjen Demid^ten, menn er 
baburd^ feine großen 3^^^^ erreid^t, eine neue g(fin}enbe 
Jtultinrepod^e onbal^nt unb oor oOern feine gronbiofe 
SnbioibuaUtot frei au^^leben f ann ? ^at bod^ ber f o fpm« 
patl^ifd^ empfunbene äReifler ^einrid^ SS^eib unb 5tinb 
)u @runbe gelten (offen, um an feinem n)unberlid^en 
©lodtenfpiel ju fd^affen! ©d^on in biefer einen gigur 
trägt ber S)id^ter mit freunblid^fier 91oioität bie fd^roffs» 
flen (Segenfäfee jufammen. 

3n bem ungel^euren Kampfe jroeier SBeltoufd^ou» 
ungen, von bem unfere ganje Äultur in il^ren ©runb* 
feflen erfd^üttert wirb, ^ot ©er^art ^ouptmann nod^ 
feine fefie Stellung gewonnen. 6r i^ot balb ouf ber 
einen, balb auf ber onbern ©eite gef ödsten, unb ba^ 
unHore SefenntniS in ber „3Serfunfenen ®(odfe" ifi wie 
ein Knbtid^ geftammeltcr SBerfud^, ju tjerfö^nen, roa^ 
unocrföl^nlid^ ift, mie SBaffcr unb geuer. SRie wirb 
ber ^eifonb „in ben SWaien" id^füd^tigcr ©innenbrunft 
l^erabfieigen. 2ln un^ ift e^, ju feinen ^öl^en empor* 
jufteigen, an feinem Jlreuje un^ oufjurid^ten. ©roig 
wirb fein 33ilb über ber 3Kenfd^^eit fd^roeben unb fie 
baron mal^nen, ba§ bie SBelt nur burd^ 3Kitleib erlöft 
werben fann — ^Kitteib aud^ mit bem ©eringften unb 
©d^nJöd^ften. 




Hermann ^uberntattti. 




|ctii auf tnerlf amen S^itung^Icfer wirb ciS nid^t cnt* 
gangen fein, bafe bie gäHe fid^ l^äufen, n)o SJlen* 
fd^en „aus gefränftem ©l^rgefül^t" jum ©elbfimorbe 
fd^reiten. ©in ©otbat, ber eine 2lrreftftraf e bef ürd^tete ; 
tin ©ommig, ber von feinem ^rinjipal au^gefd^olten 
mürbe ; ein ©diäter, ber eine f d^Ied^te ©enfur nid^t nad^ 
^aufe bringen mollte, — fie alle l^aben fid^, fo miffen 
bie Slätter ju berid^ten, „au^ gefränftem ©l^rgefül^l" 
bag Seben genommen, 6d fd^eint alfo, bafe ber moberne 
2)lenfd^ fid^ eines überaus jarteu unb feinen ©l^rgefül^IS 
erfreut. 3)abei mirb niemanb bel^aupten rooHen, bafe 
bie Segriffe über gut unb böfe in unferer 3^it gefeftigter 
mären afö frül^er. D nein! @§ ift ml, eS ift faft 
aUeS ertaubt, nur mufe bie „@^re" babei gemalert mer* 
ben. S)aö SBort „©ünbe" ift auö bem tägtid^en ©prad^» 
gebraud^ faft DöBig Derfd^munben, an feine ©teile ift bag 
ber tjertefeten ober t)ertorenen „ßl^re" getreten. Seber 
oernünftig S)enfenbe, aud^ ber felbft au^ ©d^mäd^e mit 
bem ©irome mitfd^mimmt, fttl^It, bafe bieö ©d^einmorte 
pnb, bie mit ber maleren ©itttid^feit nid^t nur nid^tö 
gemein l^aben, fonbem aud^ i^äufig in ftrif tem ®egen» 
fafee ju i^r ftel^en. 



— 128 — 

2lud^ ba« 2)ueH in feiner gcgenmärtigen $anb= 
f)abunQ unb 9lu^be^nung mug unter biefe Aategorie 
geredjnct werben. 6^ l^at feinen urfprünglid^en ßl^arafter 
faft gänjHd^ eingebüßt «nb jroar nid^t nur atö ®otte^= 
gerid^t. 3)ie naivt überjeugung, ba§ eine uerlefete ®l^re 
burd^ ben 3^^iJ^wipf roieber l^ergefteHt werben fönne 
unb muffe, ift tooI^I nur nod^ in feltenen ©jemptaren 
erl^atten. ^ute erfennt unb fü^lt rool^I fo jiemlid^ ein 
jeber, bafe man feine ©l^re nur felbfl ober gar nid^t 
verlieren, bie oertorene aber nid^t baburd^ mieber ge- 
winnen fann, bafe man einen anbem totfd^iefet, ober jid^ 
oon il^m totfd^iefeen läfet. S)ag ift e^ aud^ gar nid^t, 
was ben einzelnen jum 3weilampfe treibt, fonbern bie 
^rabition, ©rjiel^ung, S)reffur, am fiärfften aber ber 
gefeHfd^afttid^e Stt^^^^fl- 2)ie einjige 9lrt oon SueHen, 
bie wenigfien^ in il^ren SlWotioen ed^t unb el^lid^, ift 
bag 3)uen aus bewußter, eingeftanbener, brutaler SRad^* 
fud^t, an^ bem Sebürfniffe ber Vergeltung. 2Ber biefe^ 
3Kotit) nid^t afö ba^ treibenbe in fid^ fü^lt ober fid^ 
nid^t eingeftei^en will, begel^t mit bem B^^ifo^Pf^ ^i^e 
Süge unb moralifd^e geigfieit. gür ben, ber ben pl^fi* 
fd^en 3Wut über ben moratifd^en ftettt, mag ja ber 
35uellant ein igelb fein. 

(Sbtn bag Sewu&tfein, bafe ber ©l^rbegriff ftd^ ju 
einer focialen Äranf^eit entwidEett l^at, ba§ er einen 
wunben 5ßunft barfteHt, an ben man gteid^wol^I auÄ 
nal^eliegenben Dpportunitätigrünben ni^t ju rül^ren 
wagt, l^at bem ©ubermann'fd^en S)rama „35 ie (Sl;re" 
ben ungel^euren ®rfoIg in allererfter Sinie uerfd^afft. 
©0 übermütig^ getaffen, fo beifeenb fd^arf unb fpife l^atte 
bi^^er nod^ fein 9Jloberner ben mobemen ©i^rbegriff — 
uerl^öl^nt. S)enn ba^ ©tüdf ift me^r eine ©atpre, afe 




^etiiiüiin Subcrmann. 



— 129 — 

eine emftl^afte bramatifd^e Sffiiberlegung. 3)aju feilten 
il^m bie emftl^aften aSertretet be^ ©J^rbegrip. @d giebt 
bod^ imnterl^in nod^ Seute, bie biefen a3egriff mit ben 
i[)nt anl^aftenben S^lütnem tiefer auffafjen unb be^ 
grünben, at§ ettoa ber faufmänntfd^e Sieferoetieutenant 
Sotl^ar 33ranbt in bem ©tüde. S)ie Seute mögen irren, 
aber fo (äd^ertid^, mie jener ^err SBranbt, finb fie nid^t. 
©ie finb überl^aupt nid^t lad^ertid^. 

Sei atter Steigung jur Jlarifatur unb romanl^aft 
!ont)entionellen Übertreibung l^at ba^ 3)rama bie fiegreid^e 
^enbeuj, eine ganje SReil^e tl^örid^ter SSorfteHungen, bie 
fid^ an ben 33egriff ©i^re fnüpfen, in i\)x TOd^t^ auf* 
juföfen. 

aSorberl^au^ unb ißinterl^au^. S)ort bie Äolonial- 
marenfirma unb SKiHionär^familie 3Kül^Iingf, l^ier bie 
oon il^r abl^ängige älrbeiterfamilie ^einedEe. Stöbert 
^einede, ber ©ol^n beg ^interl^aufe^, ^profurift ber girma 
3KüI)Iingf in bereu iubifd^er giliate, feiert mit feinem 
greunbe, bem ©rafen ^raft*©aarberg , in bie Heimat 
ju ben ©einen jurüd. SBäl^renb feiner abmefenl^eit l^at 
Äurt, ber ©ol^n be^ aSorberl^aufe^, bie ©d^mefter SRo« 
bertg, 2llma, ju feiner ©eliebten gemad^t. S)afär forbert 
ber Sruber ©enugtl^uung. ©ie wirb ben ^einedEe'^ 
bur(^ eine 3Ibftanbgfumme t)on 40000 Wart ju teil, 
bie ber alte 3Küi^Ungf bem alten ^einedfe au^jal^lt, unb 
bie Ie|terer freubebebenb entgegennimmt. 3I[§- 9tobert, 
ber an 33itbung unb ß^arafter bem befd^ränften unb 
niebrigen 3lnfd^auung§freife feiner gamitie entroad^fen 
ift, bereu erbärmfid^e ^anbtung^meife erfäl^rt, ift er 
aufä äufeerfte empört unb entfe^t. ®r befd^raört fie, 
ba§ ©ünbengelb jurüdEjugeben. 2lber fie oerftel^en il^n 
gar nid^t, pe l^atten il^n für überfpannt, fie l^aben ^hta 

V. ©rott^uf, ^roMetne unb Q:^ara7ter7bpfe. 9 



— 130 — 

eine anbete dl^re afö er. a?ict}igtaufenb 9Watf — „fo 
Diel Selb jiebt'^ ja jar nid^t/' meint SSater ^einede 

— unb jurüdgeben! 3)ag wäre ja ber reine 3Ba^n* 
finn! 2lu(i^ Sllma, bie einfi fo innig geliebte, nun ge* 
funfene ©d^roefter, ift biefer Slnfid^t. SRobert wiH ben 
aSerfül^rer jum Sw^^if^^^ipf^ l^erau^forbem, wirb aber 
von feinem greunbe, bem ©rafen Xraft, eine^ SBeffem 
betel^irt. Straft mürbe einft alfi Dfpjier megen unbe« 
jai^lter ©pielfd^ulben mit fd^lidjtem Slbfd^iebe entlaffen: 

— „3(te meine Äameraben fid^ von mir uerabfd^iebeten, 
erroiefen fie mir ben legten Siebeöbienfl, eine $piftoIe 
mit gefpanntem ^af)n fd^roeigenb neben mid^ anf ben 
Xx\^ ju legen, ^ä) befal^ mir ba§ 5Ding von allen 
©eiten. S)a6 id^ afe ©l^rtofer nid;t eine ©tunbe länger 
leben fönnte, mar mir felbftt)erftänbtid^. 35a, afö id^ 
bie SWünbung gegen meine ©d^läfe brüdfte, fam mir 
plöfelid^ ber ©ebanfe: Sag ift brutal, ba§ ift bumm. 
äBaö bift bu meniger, als bu oov brei S^agen warft? 
Sßietteid^t l^afi bu bie 9lute Derbient, afö bu als bummer 
Sunge ©ummen cerfprad^ft , bie bu nid^t befafeeft, ben 
2^ob aber nid^t. ®ä l^aben fi(^ jalirtaufcnbelang 9Jien- 
fd^en ber ©onne gefreut, ol^ne fle t)on bem ^pi^antom 
ber ®^re t)erbun!eln ju laffen, nod^ l^eute leben 999 ^au* 
fenbftel ber 3Jlenfd^^eit auf biefelbe 3lrt. Sebe mie fie, 
arbeite mie fie unb freue bid^ ber ©onne mie fie . . ." 
Unb fo fd^üttelte er ben ©taub ber Heimat famt il^ren 
aSorurteilen t)on feinen gü^en unb ging nad^ 3>nbien, 
mo er fid^ jum „^affeefönig" unb uielfad^en 3)iilIionar 
emporgearbeitet l^at. „S)ag, mag bu (Sl^re nennft, biefe^ 
©emifd^ au^ — ©d^am, au^ — SCaftgefü^l, au^ — 
SRed^tli^feit unb ©tolj, ba^, mag bu bir burd^ ein Sebcn 
tjott guter ©efittung unb ftrenger ^pflid^ltreue anerjogen 



— 131 - 

l^aft, fann bir burd^ eine Subentl^at ebenforoenig ge« 
nommen werben, wie etwa beine ^erjen^güte ober beine 
Urteitefraft. ©ntraeber fie ift ein ©tüd von bir fetbft, 
ober fie ift gar nid^t . . . 9Kit jener ©orte t)on ®l^re, 
bie fd^on ber läffig Iiingeroorfene ^anbfd^ul^ irgenb eines 
fafl^ionabteu 3ion)bpS ju jerfd^mettem t)ermag, Iiaft bu 
nid^tS gemein ... bie ift gerabe gut als ©piegel für 
bie £affen, als ©pieljeug für bie aJhifeiggänger unb als 
5ßarfüm für bie Slnrüd^igen." 3lber ber „3lriftofrat" be* 
leiert ben „^tebejer" aud^ barüber, bafe er in bem Kampfe 
gegen bie ©einen „üon Slnfang an im Unred^te gemefen" 
fei: „SRein ßieber, tjerad^te bie Steinen nid^t. ©age 
nid^t, bafe fie fd^led^ter finb als bu unb id^ . . . ©ie 
finb anberS, weiter nid^tS . . . 3n il^ren igerjen mol^nt 
ein ®mpfinben, baS bir fremb ift, in il^ren Köpfen malt 
fid^ ein 2Beltbilb, baS bu nid^t Derftel^ft. ©ie barum 
verurteilen, märe t)ont)ifeig unb befd^ränft . . . 2)u 
fommft aus fremben Säubern unb tjerlangft von ben 
3)einen, ba^ fie bir juliebe t)on l)eute auf morgen ein* 
fad^ aus ber §aut fal)ren foHen, bie il;nen von 3ln* 
beginn glatt unb fd^lanf auf bem Seibe gefeffen l^at . . . 
2)aS ift unbefd^eiben, mein Sunge . . . Unb beiner 
©d^mefter ift t)om §aufe SKül^lingf tl^atfäd^lid^ bie 6l)re 
miebergegeben morben, bie @l^re nämlid^, bie fie ge« 
braud^en fann. — 3)enn jebeS 3)ing auf ©rben l^at 
feinen S^aufd^mert ... S)ie ©l^re beS SBorberl)aufeS 
wirb meHeid^t mit 33lut bejalilt — t)ielleid^t fage id^ 
— bie ©i^re beS iginteri^aufeS ift fd^on mit einem Keinen 
Kapital in integrum reftituieret . . . SBeld^en anbem 
©inn l^ätte bie ^ungfrauenel^re , unt bie eS fid^ l^ier 
l^anbelt, als bem fünftigen (Satten eine gemiffe 3Kitgift 
von §er}enSreinl^eit , pon SBal^rl^aftigfeit unb SReigung 



— 132 - 

}u Derbürgen. S)enn nur jum S^r)tdt ber §eirat ifl 
fie ba . . . 9lun frage gcfättigft in ber ©pl^äre naä), 
ber bu entftammft, ob betne ©djtoefler mit bem Rccpxial, 
ha^ if)x fftnt in ben ©d^ofe fiel, nid^t eine njeit be* 
gel^ren^roertere Partie geworben ift, afö fie jemals ge* 
roefen." 

S)aj8 mit ber begefiren^roerteren Partie mag feine 
Siid^tigfeit l^aben. 2Iber, ®raf, — pnben ©ie nic^t oiel- 
leid^t bod^, bafe ©ie f|ier bie 35inge ein wenig gar ju 
— faufntännifd^ beurteilen? ©lauben ©ie mirttic!^, ba& 
in ben unteren ©täuben be^ beutfd^en SBoIfe^ ber Sc« 
griff ber 3>wngfrauenet;re aU fold^er fd;on ganj unb 
gar au^geftorben ift? S)a6 man in biefen Greifen für 
bie ©d^mad^ einer ^aubtung^raeife, wie bie ber gamilie 
^einedEe, gar fein ®efül;[ mef)r l^at? ©ottte bie 3ung« 
frauenel^re eine^ SOMbd^enS auö bem SSoIfe nid^t bod^ 
nod^ einen anbern SBert Iiaben, aU ben eineö ^eirat^* 
gut§, — nämlid^ einen ganj perfönlid^en SBert? 
Siid^t „jebe^ 3)ing auf ©rben f)at einen ^^aufd^mert". 
Ober mtintn ©ie, ba§ and) ®l^rlid;feit, SBal^rl^aftigfeit, 
religiöfer ©laube S^aufd^ werte finb? @§ fd^eint, ißerr 
®raf, ©ie benfen mand^mal ju intenfio an — Äaffee* 
bol^nen, unb bann — „tjertaufd^en" ©ie titn bie 
„SBerte". — 

Xxoii ber Dorbeugenben 3Wal^nungen be^ ©rafen 
fommt eg bei ber gefd^äftlid^en 3lu§einanberfefeung jwi* 
fd^en SRobert unb ben 3Kffl^Iingfö ju einer brutalen ©cene. 
S)er alte 3Küf)[ingf mitt ben ©ol^n be^ ^interl^aufeä 
burd^ feine Sebienten IiinauSbringen laffen. 3)a legt fid^ 
aber bie S^od^ter be^ aSorberf)aufe§ in§ aKittel, ^xou 
fd^en il^r unb Stöbert l^aben fd^on feit beiber ftinbl^eit 
gel^eime jarte Sanbe beftanben. SKun erllärt fie offen 



- 133 - 

il^re Siebe unb ben feften ®ntfd^Iu§, ^Robert in feine 
neue ^eimat ju folgen. Sßater SKüfiling! ift tb^n im 
Segriff, ber fo ganj au^ ber 3lrt gefd^tagenen Xo^ttx 
feinen glud^ ju fpenben, ba eröffnet il^m ®raf 5Craft, 
bafe Stöbert fein ©ociu§ unb bereinft fein einziger ®rbe 
werbe, „ätber — §err ®raf — warum l^aben ©ie baS 

— ?" ^raft, brei ©d^ritte jurütftretenb, bie §änbe 

abroel^renb erl^oben ~: „^l^ren geeierten ©egen erbitte 
fd^riftlici^!" 

©f)orug be§ S)rama§ ift erfid^ttid^ @raf ^raft. (Stirn 
2lu§einanberfefeungen mit ben jungen ®f)renmännern be^ 
Sßorberl^aufeö, in^befonbere jenem 3lefen)etteutenant Sotl^ar 
33ranbt, bie bem „el^rlofen" el^emaligen Dffijier gern 
ben du^erften ©d^impf jufügen mürben, menn er — ja, 
menn er nid^t jufäHig ber „Äaffeefönig", bie „allmäd^tige 
girma S^rafi & ©ie." märe, — biefe 2lu^einanber* 
fefeungen finb jum ^eil ganj lel^rreid;. Ql^r pofitiueg 
©rgebni^ ift ber ®rfafe beS 33egriff§ ®Iire burd^ ben ber 
^Pflid^t. aRag bie ©eftatt beS ©rafen ate bid^terifd^er 
ßi^arafter an tf)eatralifd^en 5pofen leiben, — bie 3ln*= 
fid^ten, bie er au^fprid^t, entl^atten mel^rfad^ fo oiel ge« 
funben SKenf d^enoerftanb , ba§ man havon juraeiten — 
ttxoa^ meniger münfd^t. 

allgemein mirb gerügt, bafe bie Sel^anblung be^ 
aSorber^aufeg, im ©egenfafe ju ber leben^roal^ren ©d^ilbe* 
rung bc^ ^interl^auf e^ , ju fontjentionell gel^alten fei. 
S)a§ ift rid^tig. 3lber aU tppifd^e SBertreter il^re^ ei^r* 
begriffe finb aud^ bie ©eftalten ber 3)iüf)tingfö unb Äon* 
forten nid^t fo ganj unbebingt ju tjermerfen. ©ineS ifi 
jebenfattS in bem ©tüdfe Kar l^erau^gearbeitet: bie im* 
greifbare SBerfd^iebenartigfeit ber mobemen ©l^rbegriffe, 
bie burd^ i^re ©egenföfelid^feit einanber aufgeben. SDaS 



- 134 — 

S)rama brangt §u bem ©d^tuffc, bafe „®l^rc" ein fon^ 
ücntioncller, fein ftttlid^er Segriff ift. 2)ie wallte, fub» 
jeftbe ®l^re ifl eine ©ad^e be^ ©eroiffen^, ber autonomen 
fittlic^en Snbioibuttlität, nid^t einer auf bie ©itelfeit ge* 
grünbeten, bei ben oerfd^iebenen Oefettf^aft^flaffen oer* 
fd^iebenen Äonoention. 

„ajie ®l^re" rourbe im S^^te 1890 im berliner 
Sefftngtl^eater jum erften aWale aufgefül^rt. ^i)x burd^« 
fd^lagenber @rfoIg mad^te ben Flamen ©ubermann in 
ben roeiteften Äreifen befannt. Unb bod^ l^atte ber S)id^ter 
fd^on Saläre oorl^er SBerle l^erau^gegeben, bie jene^ ©tüdf 
an innerem ®el^a(t unb fünftterifd^er S3ebeutung bei 
weitem überragen, ©d^on mar er auf bem SBtid^er* 
marlte mit einem ©Kjjenbanbe „Sm Qvoiüi^V', bem 
Sioman /.grau ©orge", ben SlooeHen „®ef(^n)ifter" 
unb bem SRoman „SDer Äafeenfteg" oertreten. Unter 
ifinen allen gebüfjrt „grau ©orge" ber ^ßreig, einer 
©d^öpfung ed^ter, marmer, tief innerlid^er ^oefie, bie 
nid^t nur gebid^tet, fonbem oom S)id^ter aud^ miterlebt 
unb mitempfunben roarb. 

„grau ©orge, bie graue, oerfd^Ieierte ^au" — 
ißermann ©ubermann l^at fie nur ju gut unb ju tange 
gefannt! @rft im Salir 1890, nad^ bem glänjenben 
®rfolge feiner „®l^re", f)at er it;r enbgüttig ben Slbfd^ieb 
geben bürfen. 33i§ bal^in l^atte fie if)n treulid^ begleitet 
— oon bem Meinen oftpreu^ifd^en gtedfen 3Kafeifen, mo 
ber 2)id^ter ate ©ol^n eine^ Srauer^ am 30. ©eptem* 
ber 1857 geboren mürbe, bi^ in ba§> l^aftenbe ©etriebe 
ber 3ieid^§f)auptftabt. ®r befud^te bie Sleatfd&ule ju 
®Ibing, mujste fie aber fc^on mit oierjel^n ^af)xm oer* 
taffen, meil ben ©Item bie SJlittel ausgingen, unb marb 
alö Sel^rling in eine 3lpotIiefe getl^an. ®Iüdf(id&ermeife 



- 185 — 

nur auf furjc 3^ü» 6inc günftige SBenbung crmögtid^tc 
il^m bic gortfcfeung bc^ ©d^ulbefud^d auf bcm ditaU 
gpmnafium ju ^ilfit. 1875 bcjog er bie Unioerfität 
Königsberg, n)0 er fi$ p^itofopl^if d^er , tnSbefonbere 
gemtaniftifd^cr ©tubien befliß, bie er von 1877 ab an 
ber SSerliner Unioerfttöt fortfefete. ätber aud^ in Serlin 
l^atte er mit ber ©orge um baS täglid^e SBrot fd^roer 
ju ringen, unb oft mußten il^m untergeorbnetc ©d^reiber* 
arbeiten ilber bie 3lot ber näd^ften 2^age l^inmegl^elfen, 
bis er enblid^ in journaliftifd^er ^^l^ätigfeit einen fefteren 
^alt gewann. 1881 mürbe er SRebafteur ber liberalen 
SBod&enfd^rift „S)eutfd^eS Sieid^Sblatt". ^ier erfd^ienen 
juerft bie eleganten, menn aud^ nod^ nid^t befonberS 
eigenartig ausgeprägten 5ßlaubereien, bie fpäter in bem 
SBud^e „3m g^i^K^t" t)ereinigt mürben. 

aWand^eS bebeutfame, fraftüotte SEBerf l^at ja ©über* 
mann na^ feiner „grau©orge" gefd^affen, mand^es 
aud&, baö ben 3lnfprüd^en einer l^ol^en Äritif uieHeid^t 
beffer genügt, feines aber, baS fo unmittelbar jum ©e* 
mute fprid^t» $ier l^at ©ubermann nod^ aus bem aSoHen 
gefd^öpft, aus bem motten, bewegten, tiefempfunbenen 
©inbrüdfen nad^jitternben ^erjen. SRie mieber l^at er 
jene güHe, 3Beid^l^eit unb SBärme erreid^t, unter bereu 
S3ann in „%xan ©orge" baS ergriffene ©emüt beS SeferS 
in mef)üoIIer £ufi fid^ bel^nt unb feampft» . 

5paul 3Kei)^öfer l^eifet baS ©orgenRnb. Sft nid^t 
feine 9Jlutter bie grau ©orge felbft? S)ie jarte, nad^= 
giebige, (eibenbe g^rau giebt il^m in bem Slugenbtide 
baS Seben, roo baS ®ut il^res leid^tfinnig^fanguinifd^en, 
tt)rannifd^*Iaunifd^en 3KanneS bem Jammer beö 2luftio* 
natorS oerfäHt. SJer 35ater erl^ifet fid^ trofeig für ben 
©ebanfen, auf bas trofttofe aWoorgrunbftüdf 9Kuffainen 



— 136 — 

gegenüber feinem frül^eren SSefifetum ^elenentl^al über* 
juftebeln. 2)ort njäd^fl bcr RnaU auf, in ©orgen, in 
©orgen. 2)enn e^ gel^t unter ber d^arafterlofen SBirt* 
fd^aft beö SSater« immer weiter bergab, unb ber ernfte, 
finnenbe Änabe fü^tt baö im S^iefften mit. SWur bei 
ber aJJutter finbet er Siebe, bie Siebe einer armen, ba= 
l^injted^enben grau, bie bem Knaben bie Oefd^id^te t)on 
ber grau ©orge erjäl^lt, bie an feiner SBiege geftanben 
l^abe. aiber fte beenbet bie ©efd^id^te nid&t. SBon brüben 
l^er fd^immert baö roei^e ^an^ von ^elenentl^al , ba^ 
verlorene 5ßarabie^ auÄ ben ©rjäl^lungen ber aJJutter. 
S)ort mol^nt aud^ il^re eiujige greunbin, bie ©attin bes 
neuen ©igentümer^ S^ougla^. 2^röfienb l^at biefe bie 
arme 3Kutter befud^t, afe 5ßaul titn geboren mar. S)a 
l^at fie ^patenfteHe an i\)m übernommen unb feine aJJutter 
jur 5patin be^ eigenen Äinbcö erbeten, bag fie nod^ unter 
bem igerjen trug. S)iefe§ Äinb ift ©löbetl^, bie nun in 
Öelenentl^at jur l^olben Jungfrau l^eranbtül^t. 5ßaul 
unb ®töbetl^ mad^en fd^on frül^ SBefanntfd^aft, frül^ ent- 
roidfelt fid^ tiefe gegenfeitige SWeigung. Slber 5paul l^at 
nid^t ben 3Kut, fie ju geftel^en. 2Bie fottte er aud^? 
©ein ganjeö ©innen unb S^rad^ten oon Äinbc^beinen 
an ift ja nur ber ©orge gemibmet, ber ©orge um 
baö tägtid^e 33rot ber gamilie, um bag ©tubiiim ber 
S3rüber, um bie ©rjiel^ung ber ©d^meftem. Site er ein* 
mal bei einem ©cfellfd^aft^fpiele in ^elenent^al eine 
©efd^id^te et^äl^len foll, ba erjä^lt er, ber oor ben fein* 
gefd^niegelten jungen ^errd^en in feiner gebrüdften Un* 
be^olfenl^eit bie fomifd^e dtoHt be^ „bummen 2luguft" 
fpielt: — „®^ mar einmal einer, ber fo läd&erlid^ mar, 
ba§ man il^n blo^ anjufel^en brandete-, menn man fid^ 
fattlad^en moHte. @r felbft aber mufete nid^t, mie baö 



— 137 — 

juging, benn er l^attc nod^ nie in feinem Seben getad^t." 
SRur eine roeig il^n na(§ feinem maleren SBerte ju roür* 
bigen — ©tebetl^. Slber er fd&roeigt. ®r fd^meigt unb 
forgt. Unb barüber ftirbt bie aKutter, unb er fielet an 
ber £ei$e unb fireid^ett järtlid^ il^re SEBangen: „3;<$ Jann 
nod^ nid^t um bid^ trauern, id& mu§ bid^ erft unter bie 
®rbe bringen/' SJenn ber ©arg mufe bejal^tt unb bie 
oielen (Säfte beö S^rauerl^aufe^ muffen bemirtet merben, 
unb bag atte^ foftet foüiel ®etb! SDanfen freitid^ t^ut 
i^m feiner. 2)ie S3rüber feigen il^n über bie Sld^fel an, 
ber SBater l^afet il^n, meit er fid^ feiner Überlegenl^eit 
beugen mufe, unb bie ©d^roeftern laffen fid^ oon feinen 
frül^eren ©d^utf ameraben , ben Srübern ©rbmann, ju 
fd^nöbem Siebeöfpiel mipraud^en. Unb mieber mu^ er 
feine ganje ©nergie einfefeen, um bie 3Serfüf)rer }U jmingen, 
ben ©d^mefiem burd^ ^eirat bie gefettfd^afttid^e @l^re 
miebei^ugeben. Sänge, lange f)at ©löbetf) geroartet, bafe 
er fpred^en mürbe. 2lber er fd^meigt. ®r fd^meigt unb 
forgt. S)a vtxlobt fie fid^ enblid^ mit il^rem SSetter. 
3n ftumpfer Ergebung nimmt er bie SWad^rid^t l^in, ate 
fönne eö gar nid^t anberö fein. Supifd^en l^at er fid^ 
ju SBol^Iftanb unb 3lnfef)en emporgearbeitet. 35ie reid^e 
®rnte ift gut l^ereingebrad^t, bie ©dienern ftnb gefüllt. 
S)a oermigt er eine^ SWad^t^ ben SBater, ber fd^on lange 
feltfame, oerbäd^tige Sieben gefül^rt f)at. ©leid^jeitig 
fielet er 3ünbftoffe uml^erliegen. @ine furd^tbare 3ll^nung 
burd^judEt il^n. 3Bie, xomn ber fd&on l^alb unjured^nungö« 
fällige SSater nad^ ^elenentl^al gegangen märe, um ba^ 
Sefifetum beg töblid^ gel^afeten Douglas in S3ranb ju 
fteden? S)ie 3l^nung oerbid^tet fid^ il^m jur inneren 
©eroifel^eit. ©in jä^er ©ntfd^Iufe blifet in il^m auf. 
SEBenn fein eigene^ $ab unb ®ut plöfelid^ in fjeller Solje 



- 138 — 

aufftammtc, bann ntüfete bicfe t)om SBoter gefeiten werben 
nnb il^n auf feinem rerbred^erifd^en SEBege aufl^alten. 
@r tl^ut ba^ atufeerorbentlid^e , er jünbet fein eigenciS 
S3efifitum an. 3lber wie er bie flammen entporlobem 
fielet, ba empfinbet er roeber ©d^redfen nod^ 2:rauer. 
„S^m würbe gang frei unb leidet ju ©inn ; ber bumpfe 
S)ru(f, ber att bie Saläre lang in feinem Kopfe gelaftet 
l^atte, fd^manb, unb l^od^ aufatmenb ftrid^ er fii$ über 
©d^ultern unb 3lrme, at^ wollte er finfenbe Rütm ob* 
fireifen. ,©0/ fagte er, wie einer, bem eine Saft t)om 
ißerjen fättt, »jefet l^ab* iä) nid^t^ mel^r, jefet braud^' id^ 
aud^ nid^t mel^r ju forgen! g^rei bin id^, frei wie ber 
SSogel in ber Suft/^ SDod^ baö SBiel^ in ben ©tätten 
mu§ er nod^ retten, unb babei finft er mit fd^weren 
S3ranbwunben jufammen. Dl^nmöd^tig wirb er au^ ben 
S^rümmern l^eroorgejogen. 

3)ie 35oug[aS, aSater unb Xod^ter, nel^men fid^ feiner 
l^ilfreid^ an. 5Iuf betn Siüdfwege begegnen fie ber Seid^e 
be§ alten SIKe^fiöfer, ber naf) t)on ^elenentl^al beim 3ln* 
blidfe feinet brennenben §aufe^ t)om ©daläge gerül^rt 
worben ift. 3ltbzn if)vx l^at eine ^petroteumfanne il^ren 
Snfjalt ergoffen. Über beffen Seftimmung ift fid^ S)ouglag 
nid^t im 3^^if^I- Slber nur ©I^betf) a^nt mit bem ^n- 
ftinfte ber Siebe bie üolle 3Baf)rIieit. ©ie fül^lt, bafe 
5p auf il^retwegen fein ^ab unb ®ut geopfert f)at. Un= 
befümmert um if)ren Bräutigam, giebt fie fid^ ganj ber 
^Pflege be§ tob!ranfen ©etiebten l^in, bie igoc^jeit wirb 
aufgefd^oben, bann aufgel^oben. 3lad^ feiner ©enefung 
t)or ®erid^t geftellt, befennt fid^ ^ßaul ber Sranbftiftung 
fd^utbig, trofebem er nad^ ber glänjenben SRebe feinet 
aSerteibigerS nur ju fd^weigen brandete, um freigefprod^en 
ju werben. 3l6er er tjerbüfet feine ©efängni^ftrafe troft« 



— 139 -^ 

DoHcn ©cmütcß. SBcife er bod^, bQ§ er von ®I^betl^ ge* 
liebt wirb, f)at bod^ beren roaderer SSater m^ bem Sc* 
fenntniffe 5ßautö im ©erid^töfaale fid^ nid^t entl^atten 
fönnen, ein fräftige^ SSraoo ju rufen unb laut ju feinem 
SWad^bar }u bemerfen: „Sluf ben fann id^ ftolj fein, roo^" 

21U ^aut ber grei^eit miebergegeben mirb, ba em* 
pfängt il^n ©föbetl^ atö feine S5raut. (So l^at fid^ ba^ 
©orgenfinb burd^ ba^ Opfer all feiner irbifd^en $abe 
t)on bem S3ann ber grau ©orge Io^ge!auft. So fd^Uefet 
bie ©efd^id^te oon ber „grauen, Derfd^Ieierten grau", 
beren Slu^gang bie 9Kutter bem Änaben niemate er« 
jäl^Ien n)olIte . . . 

3n ber gemüt^armen mobernen beutfd^en Sitteratur 
bebeutet biefer SRoman eine erlöfenbe 2^^at. 3Baö üer* 
fd^lagen gegen bie lebenbige innere SBal^r^eit be^ ©aujen 
bie romanl^aften Unmatirfd^einlid^leiten im einjelnen? 
SDie ßl^arafterfd^ilberung be^ 5ßau( ift einfad^ ein 50Jeifter«' 
ftüdf. ©old^er ^paulö^manbeln mand^e im Seben, nur 
feilten bie SDougla^' unb bie ©tebet^^, bie beren SBert 
JU fd^äfeen miffen. 35ie ^ßaarjeüengefd^id^te 5paufe von 
bem Säd^ertid^en, ber nod^ nie in feinem 2thn gelad^t 
l^atte, ift bag ©rfd^ütternbfte, ma« ein 35id^ter fd^reiben 
fann. (Bd^mä^e feiner bie „graue, t)erfd^teierte grau", 
njenn fie fold^e menfd&Iid^e, fold^e bid^terifd^e ßi^araftere 
}ur Sieife bringt» S^raurig ift e§, bag erft ein ©enfation^* 
ftttdf — unb ba^ ift „S)ie ®l^re" bod^ immerl^in, menn 
aud^ im befferen ©inne — bie 2lufmer!fam!eit ber ge- 
bilbeten beutfd^en SBett auf ben SSerfaffer biefe^ SRomanö 
lenfen mufete. 

SDer S3anb „©efd^mifter" entpt bie SWoMen 
„SDie ®efd&id^te ber ftiden 3Wü^Ie" unb „SDer 
585unf d^". SBeibe finb t)on büfterer S^ragif erfüllt. 3)ie 



~ 140 - 

erfte fd^ilbcrt ba« elementare SBalten einer ßeibenfd^aft, 
oor ber alle ©d^ranfen ber Sitte unb be^ (SeroiffenÄ 
jufammenbred^en; bie bie aWenfd^en mit einer fotd^en 
btinben ©eioalt ergreift, bafe mir faft geneigt merben, 
fie'oon ber SSerantmortlid^feit freijufprec^en. 3Wan l^at 
bie ®mpfinbung, al^ ob bie jungen Seute, bie jid^ nid^t 
nur an ber ^eiligfeit ber ®^e, fonbem auc!^ an %xtu 
unb GJIauben einem dritten gegenüber fo fd^roer t)er* 
fünbigen, in ber ^l^at nid^t anber^ gefonnt l^aben. 35a^ 
mürbe ben d^riftlid^en ©(auben^fafe beftätigen, bafe ber 
3Wenfd^ an^ eigener Äraft nid^t im ftanbe ift, ber ©ünbe 
ju miberftel^en. 3I6er eine fotd^e ©d^lufefolgerung mirb 
in ber SWooette nid^t gebogen, unb fo l^interldfet fie afe 
legten ®inbrudf trauernbe SSerad^tung ber aWenfd^en- 
natur, ate einer im ®runbe bod^ von tierifd^en 3n* 
fünften bel^errfd^ten 3Waterie. 2lud^ „Xtx SBunfd^" 
bel^anbelt ein ^Problem, bag un§ bie S3eftie in ben bunfel« 
ften, tiefften 2lbgrünben beö aKenfd^enl^erjen^ in§ S3e* 
roufetfein ruft. 68 ift ber graufige aBunfd^, ber in ge» 
miffen Slugenbtidferi felbft in ben befien unb ebelften 
3Kenfd^en unaufl^altfam roie eine oom fitttid^en SBiden 
unabl^ängige aWad^t auffteigt, ber t)erbred^erif($e SEBunfd^ 
nad^bemS^obe eines anberen, aud^ eine8 fonft i^eife 
geliebten 2Befen8. „@§ ift bieö eine ber bunfetften ©teilen 
in ber 3Kenfd^ennatur, ein Überbteibfel ber SBeftiatität, 
ba8 fid^ in unfere jal^me SBelt mit l^ineingefd^lid^en 
f)at . . . Unjäl^Iige 33eifpiele !ann id^ bir nennen, mo 
®ifer|u($t, ^abfud^t, SBerlangen nad^ ©e[bftänbig!eit, 
2Banberluft,55rei^eit8brang,£iebe^fel;nfud^tbiefenfür($ters' 
tid^en, oerbred^erifd^en SBunfd^ gejeitigt l^aben, ber fid^ 
ptöfttid^ finfter unb riefengrofe in ber aWenfd^enbruft auf* 
rid^tet, in ber bi8 bal^in nur ißid^t unb Siebe mol^nten. 



— 141 — 

©(üddd^cmjcife rtd^tct er l^cutc nid^t oicl ©d^abcn tncl^r 
an. Sit alten, rolleren S^tt^n, in n)el($en bie Sciben^ 
fd^aftcn fx^ ungel^emmt fatt ju rafen pflegten, l^alf bem 
©ebanfen bie S^l^at. Unb fanb e^ ftd^, bafe im ©d^o^e 
ber gomilie einer bem anberu }u oie( warb, fo traten 
ganj einfad^ ®ift nnb 35oId^ in il^re Siedete, ©efd^id^te 
unb Sitteratiir fi^b von fold^en 3Worben ooll, unb ber 
SSJlenfd&enfenner ©l^afefpeare j. 33. fennt !aum ein an« 
bereg tragifd^e^ 3KotiD ate ben SBermanbtenmorb. ^eute 
ift man jal^mer geworben, unb fd^teid^t fid^ ^eute ber 
Äampf um§ 5)afein in ben l^eiligen Ärei^ ber e^^^^ili^ 
l^inein, fo begnügt man fid^, ben Säftigen jur finfteren 
©tunbe fed^g gufe tief in bie ©rbe hinein ju münfd^en. 
— S)iefer SBunfd^ ift ber alte 3JJorb, gejS^mt burd; bie 
neue ©itte . . . SBie er bie l^äfelid^fte ©ebanfenfünbe 
ift, beren ber 3JJenfd^engeift fid^ fdf;ulbig mad^en fann, fo 
ift er aud^ bie gel)eimfte. Äein greunb oertraut il^n bem 
^eunbe an, fein (Satte flüftert ii)n im S)unfe( beg näd^= 
tigen Setter feiner ©efäi^rtin }u, fein Seid^tfinb magt 
il^n bem ©eelenl^irten ju gefielen, felbft ba^ Oebet, ba^ 
fid^ au§ tieffter 3^rfnirfd^ung f)erau^ jum ^immel ringt, 
ge^t mit betrügerifd^em ©d^roeigen barüber l^inroeg. aSon 
allem barf ®ott roiffen, nur von biefer ©emeinl^eit nid^t. 
3n SRad&t unb ©rauen geboren, foH fie in ©d^am unb 
©d^meigen untergel^en. — Unb mel^r nod^ : biefer SBunf d^ 
ift bie einjige ©d^ulb, für bie eg gemeinl^in meber vor 
ber ©ered^tigfeit ber anderen SBelt, nod^ oor bem Oemiffen 
in ber Sruft eine ©ül^ne, eine aSeftrafung giebt. ®^ ift 
baiJ ein gaU, in bem fid; felbfi ber unerbittlid^e SRid^ter, 
ben ber aWenfd^ mit fid^ l^erumträgt, fäuflid^ unb befted^* 
lid^ jeigt. S^aufenb SIKenfd^en, bie fid^ biefer ©emeinl^eit 
einmal fd&ulbig gemai^t l^aben, leben üergnüglid^ meiter. 



— 142 — 

fcfeen in t)on!ommener ©eelcnru^c gett an unb freue« 
fid^ ber ©rfüttung il^re^ 3Buttf^e«, ben fie felber fo 
fd^nell wie möglid^ Dergeffen, fobalb er nur erft erfüllt 
ift. 6r n)irb t)on ber Seele reforbiert, wie ein Äronl* 
l^eitöftoff reforbiert wirb, fobalb ber Äranfj^eitgerreger 
üerfd^rounben ift. 6r gel^t in ber gfltte focialer unb 
perfönlid^er ^^ugenbeu fpurloö tjerloren, wirb totge« 
fd^roiegen. — ^^ fage beileibe nid^t, ba^ i^ biefe aWen« 
fd^en verurteile. SBa« foHte auö ber SBelt werben, 
wenn jeber, ber beim 3w*t>^n*©piegel*fei^en eine SBat^e 
auf feinem ©eftd^t entbedft, fid^ au§ aSerjroeiftung bar* 
über ben Äopf abfd^neiben moHte?" 

9]i(3^t ade aber pnb berb unb gefunb genug t)er* 
anlagt, um Aber biefen 2Bunfd& l^inroegjufommen. 2)ie 
fielbin ber ©ubermann'fd^cn SRoüelle ge^t an il^m ju 
©runbe. Um eine^ 9Kanne^ willen roünfd^t fie — roiber 
SBiHen, ooll ®ntfe|en über fid^ fetbft — ben ^ob ber 
järtlid^ geliebten franfen ©d^roefter, beren ^Pflege fie fid& 

mit äu^erfler fiingabe mibmet : „D möd^te fie 

bod^ fterben!" 3lbcr biefer SBunfd^ vergiftet bie ^üd^te 
feiner Erfüllung. SRun, ba il^rem SiebeöglüdEe bie ©d^mefler 
nid^t mel^r im SBege fielet, ba ber geliebte SKann fie 
ju feiner ®atixn begel^rt, ba mufe fie il^n jurüdEroeifen. 
gmifd^en i^m unb i^r ftefit ber fürd^terlid^e 3Bunfd^ 
jener ©d^redfen^nad^t, mo e^ fid^ au^ fd^auerlid&en 2!iefen 
if)rcg ©emüteg emporjmang : „D möd^te fie bod& fierben !" — 

2)er SRoman „2) er Rafcenfteg" fpiett im Qal^re 
1814 in ber oftpreu^ifd^en fieimat beg S)id^ter^. „S)afi 
^df)T, beffen ?lame ju unö, ben ©pätgeborenen, wie ein 
großer SlRorb auö Sobgef äugen, Drgelraufd^en unb ©lodfen» 
Hang l^erübertönt , fal^ mcl)r an ©eroaltti^at unb aSer* 
bred^en, atö irgenb eineg voriger ober fpäter." S)amit 



— 143 - 

bereitet unö ber S)i($ter auf eine ^anblung oor, beten 
Unroa^rfd^einlid^feit er n)of)t felbft empfunben l^at. S)er 
junge SJoIeöIao von ©d^ranben l^at fi$ al§ greiwiUiger 
mit f)öd^fter Sratjour am grei^eitslampfe beteiligt unb 
feiert nun ate Lieutenant in feine §eimat jurüdf. 3lber 
nid^t unter feinem eigenen, fonbern unter falfd^em SRamen. 
SDenn ber SWame ©d^ranben ifi burd^ feinen SBater ge« 
fd^änbet unb geäd^tet worben. 2)iefer fanatifd^e Raffer 
feiner Sanb^Ieute unb glu£)enbe ^olenfreunb f)at bie 
granjofen über einen Sd^teid^roeg , ben „Äafeenfteg", 
filieren laffen, fo bafe fie ben 5preu§en in ben Siücfen 
fallen fonnten. ©eitbem war er in ber ganjen ©egenb 
geäd^tet unb l^ätte trofe aH feinet ©olbeö t)erl^ungern 
föunen, märe il^m nid^t bie junge SRegine ^adfetberg, 
bie ^^ifd^ler^tod^ter, mit ber Streue eine^ ^unbeg bienfi* 
bar geblieben, ©ie mar es, bie bamafe auf feinen Se« 
fel^I bie granjofen über ben Äafeenfteg gefül^rt Iiatte. 
Unmiffenb, bem SBillen be^ ^errn fflaoifd^ ergeben, ifi 
ba^ faum bem ftinbeöalter entmad^fene 9Jläbd^en ein 
Opfer feiner Süfte geroorben. 3lt§ ©etiebte unb mi§* 
f)anbelte ©Haoin jugteid^ fjat fie bie Saläre ^inburd^ 
bei bem einfamen, tprannifd^en alten 3Jlanne ge« 
l^auft, bebrol^t, verfolgt, gefteinigt von ben Seuten im 
SDorfe. 

2Ife Soleölaö in bie ^eimat jurüdffe^rt, ifl fein 
SBater foeben geftorben. ®r tritt beffen ®rbe an — ba^ 
6rbe bej8 SBaterlanbiJoerrätcr^. 31II ber Qa^, bie SBer* 
ad^tung gegen ben SSater überträgt fid^ auf il^n. ©elbft 
bie Ärieg^gefälirten jiel)en fid^ von bem ©ol^ne ®ber* 
l^arb^ V. ©d^ranben jurüdf. 3lur nod^ einen lefcten 
Siebe^bienft erroeifen fie i^m, inbem fie feinem SSater 
ein SBegräbnig in ber gamitiengruft erjmingen. Sei 



- 144 - 

biefer ©clcgeul^cU lüirb fid^ Soleölao beioufet, ba§ aud^ 
er fortan ein ©eäd^teter ift, ba§ il^m ein Äampf auf 
Seben unb %ot mit bem unüerfö^nlid^en ^affe feiner 
ganjen Umgebung beoorftel^t. 3n biefem Äampfe finbet 
er Seiftanb nur bei JRegine. SBie fie mit Seben^gefal^r 
itjrem alten ^errn gebient, fo opfert fie nun if)v gan§ed 
©ein bem S)ienfle be^ ©ol^ne«, fo fd^afft fie i^m in 
ber SRad^t bie Sebenömittet au^ bem entfernten Orte 
I)erbei, ba niemanb im 2)orfe bem ©ecid^teten aud^ nur 
ein ©tüd SBrot oerfaufen mitt. 3Rit ®td unb Stbfd^eu 
ftöfet er fie anfangt jurücf, bie fid^ feinem aSater mit 
Seib unb ©eele l^ingegeben. 2lber aHmäl^lid^ erfennt er, 
meld^ ein ©d^afe von %xmt, Slufopferung unb Siebe in 
biefem SRaturfinbe rul^t, bejfen Slrglofigfeit unb bünben 
©e^orfam ein anberer, i^m fo SWa^eftel^enber, fd^finblid^ 
mi^raud^t l^at. ©erül^rt von il^rer grenjentofen Siebe 
unb ainl^finglid^feit, mirb aud^ er pon l^eifeer Seiben * 
fd^aft für ba^ fd&öne, unglüdElid^e ©efd^öpf ergriffen. 
2lber er miberftel^t ber Sßerfud^ung. SRegine mirb üon 
einer Äuget au^ bem ^interl^alte getötet, bie il^m ge* 
gölten l^atte. 3Kit il^rem Seben rettet fie feinet — tre u 
bi^ in ben 5Cob. @r aber jie^t jum jmeiten 3Kale a te 
greimittiger gegen ben Äorfen in^ gelb, aug bem er 
nid^t mel^r jurüdEfe^rt. — 

Site er an il^rer Seid^e ftel^t, ba ^innt er über baiJ 
SBefen biefem feltfamen SWenfd^enfinbeS nad^ : „SRein, hin 
y^ %vix unb fein ®ämon mar fie geroefen, fonbern nid^tS 
mie ein ganjer unb großer 3JJenfd^. — ®ine jener 
aSodfreaturen, roie fie gefd^affen mürben, afe ber gerben* 
mit mit feinen täl^menben Safeungen ber SlUmutter Slatur 
nod^ nid^t ins ^anbmerf gepfufd^t l^atte, ate jebej^ junge 
Oefd^öpf fid^ ungehemmt ju btü^enber Äraft entmidfeln 



— 145 — 

fonntc uub cinS blieb mit bem SRaturleben im 33öfen 
roic im ®uten." 

„Unb mie er badete unb fann, marb il^m ju 9Kute, 
ate ob bie SRebel fid^ lid^teten, weld&e ben S3oben beg 
menf^Iid^en ©einö Dom menf^Hd^en Semu^tfein trennen, 
unb er fäl^e eine ©trede tiefer, a(g ber 3Kenf$ fonft 
pflegt, in ben Slbgrunb be^ Unbemufeten l^inein. 2)q^, 
mag man ba§ ®ute unb bag 33öfe nennt, mogte // 
f)aUio^ in ben9Jebeln ber DberfUd^e uml^er, 
brunten ruf)te in träumenber Äraft baö — 
giatürtid^e." 

„SBen bie 5Ratur begnabet l^at, fo fprad^ er ju fid^, 
ben läfet fie ftd^er in il^ren bunfetn 2^iefen murjeln unb 
bulbet, bag er breift jum Sid^te emporftrebe, ol^ne ba§ 
bie Sßebel ber SBei^fieit unb be^ SEBal^neg i^n l^emmen 
unb t)ermirren" . . . 

ff3^ freilid^ — id^ gel^öre ju ben anberen, bie il^r 
Seblang jmifd^en ®ut unb Söfe umf)ergemorfen merben 
unb im hiebet ben 2Beg nid^t finben fönnen. — 3Bag 
bie 5Ratur von unö forbert, mirb unS ju ©d^mufe unb 
©ilnbe, unb mag bie 3Kenfd^enfafeung mid, erfd^eint ung 
fd^al unb abgefd^madft. — 3^if^^tt ^^ofe unb 2lngft 
penbeln mir l^in unb l^er. — 3Bir gieren nad^ frembem 
©egen, an ben mir nid^t glauben, unb jittern t)or 
frembem §Iud^, ben mir tjerfad^en" . . . 

„®g ift gut, bag in biefem ßl^aog, mo ®ut unb 
S3öfe, SRed^t unb- Unred^t, ©^re unb ©d^mad^ mirr burd^^^ 
einanber taumeln, unb mo fetbft ber alte ®ott im igimmel 
ol^nmäd^tig baf)infd^roinbet, ein fefter 5ßol ung übrig bleibt, 
um ben fi(^ alleg aufg neue orbnen mu§, ein g^efö, an ben 
mir ®rtrinfenben ung ftammern fönnen, unb an bem ju 
fd^eitern felbft nod^ aSottuft ift — bag SBaterlanb!" 

0. ©rott^u^, Probleme unb G^arqCterföpfe. 10 




— 146 — 

(Sin ed^t moberne« 33efenntniÄ: — jcnfeitö t)Ott ®ut 
unb Söfc Tüinft ba§ igcU, nid^t^ ^ßofitiocö ift unfcr, c^ 
fei bcnn ba^ SRationalc. 3l6cr aud^ biefc« Derlicrt mit 
ben Segriffen ®ut unb 33öfe feine ©runblage. ®g ift 
bann fein Sbeal, feine al^ xoai)i erfannte Überjeugung 
mel^r, f onbern eine 33etäu6ung. 2lud^ ber SSaterlanbö* 
begriff ift „3Wenfd^enfa|ung", unb xou oft tritt gerabe 
er }u bem „5RatürIid^en" in SQBiberfprud^ ! 

©ubermann ^at in biefen 83etrad^tungen ber tiefen 
3erriffenl^eit u n f e r e r 3^it/ nid^t bem f laren, tl^atf räf tig 
gläubigen ©eifte ber beutfd^en greil^eitäfriege Slu^brudf 
T)erlie^en. S>ie S)eutfd^en t)on 1806—15 l^atten SBöfeg 
unb ©uteg ju tief empfunben, um baran irre ju mer* 
ben. SRur eine ^dt mie bie unfere, bie n)eber im ®uten 
nod^ im Söfen tiefe ©rfd^ütterungen fennt, bie auf ber 
Dberfläd^e beg ©efd^äfts unb be^ ©enuffeg ba^intreibt, 
fonnte in ffeptifd^er SBIafiertfieit barauf verfallen, baS 
eigene ©eroiffen anjujweifeln. 3Kenfd^en, bie ifire ganje 
Äraft jur ©elbftetl^altung anfpannen muffen, l^aben 
Sffiid^tigereg unb S3effereS ju tl^un, ©in ®efd;Ied^t, baS 
fid^ felbft einfefeen mujste, um entmeber atte^ ju t)er* 
lieren ober alle^ ju gewinnen, bem @ott nad^ langer 
Äned^tfd^aft SRad^t „im glammenbufd^ erfd^ienen mar" 
— ein fold^eg ©efd^Ied^t l^atte baö SBalten ber emigen 
©ered^tigfeit ju tief an fid^ felbft erlebt, um nod^ an 
ü^m jroeifeln ju fönnen. 

3lber oon ber Sffial^rl^eit beö gefd^id^tlid^en 3^itgeifteS 
ganj abgefel^en, finb bie obigen ©ä^e aud^ fultur* 
i^iftorifd^ anfed^tbar. S)ie felbftänbige, fd^ranfenlofe, oon 
ber SRüdftd^t auf bie Jlormen ber ©efeUfd^aft befreite 
Snbioibualität ift bag ^ßrobuft einer fpäten bifferenjierten 
Kultur, feine^megg ber „natürlid^e" 3^P^"^ ^^^ 9Wenfd^en. 



— 147 — 

@S fällt fdjttjcr, an bic ^anblung bcg SRomanö ju 
glauben. 3ft eS tooI^I benfbar, bafe ein 3Wann, ber an 
bem t)aterlänbif($en Kriege mit l^ö(|fter 2luöjeid^nung 
teilnimmt, ber vox bem geinbe ^elbenti^aten oerrid^tet, 
Don feinen Äameraben aud^ ate $elb Derel^rt mirb, ber 
eine entf($eibenbe militärifd^e 3Wiffion au^fül^rt, bei ber 
er nur burd^ ein SBunber mit bem fieben baoonfommen 
fann, nur be^l^alb von feinen Sanböleuten, aud^ Don 
feinen eigenen ^riegSfameraben geäd^tet mirb, meil fein 
5Bater ein 38erräter n)ar? 3ft eg benfbar, bafe ein 
preufeifd^er Sanbrat biefem 9Kanne, bem er foeben eine 
Äabinett^orbre beö Äönig^ oerlefen l^at, bie il^n für 
feine glänjenbe 2^apferfeit jum Äapitän ber Sanbmel^r 
unb SRitter beS ©ifernen Sreuje^ erfter Slaffe ernennt, 
bem er biefeg Äreuj foeben im aUerl^öd^ften 2luftrage ^ , ^) 
überreid^t l^at, — ben ^anbfd^lag üermeigert? 3ft eö ^ ' / 
benfbar, ba^ ber fianbrat rul^ig jufiefjt, mie ein anberer V^ ^/"iT^^^ 
Dffijier fein ®iferneg Äreuj bem t)om Könige fo l^od^ Y! l I ,. 
©eel^rten in ben ©taub t)or bie güfee wirft, meil e§ '^^^' // 
burd^ biefe ^anblung beö Königs gefc^änbet fei? 3ft ^, / vv-> 
eö benfbar, bafe ein eoangelifd^er Pfarrer, ber bod^ fonft , ^ // 
ate ebler, tüd^tiger ©l^arafter gefd^ilbert ift, fo überaus 
t^örid^t unb Derblenbet, fo TOal^numnad^tet fein fann, 
baj3 er ben unoernünftigen, und^riftlid^en unb ungered^ten 
fßafe ber Sanbleute gegen ben l^elbenmütigen greil^eitg* 
fämpfer teilt, nur meil biefer ber ©ol^n feinet aSaterS ift? 
©0 Diel g^ragen, fo t)iel Unma^rfd^einlid^feiten! 3lud^ bie 
bereitmilligfte ^pi^antafie be§ SeferS fann ba nid^t mit* 
f ommen. ®ie ^anblung ift ja fel^r fpannenb erjäl^lt, man 
tieft alfo begierig meiter, aber mit bem fatalen 33en)ufet= 
fein, bafe man thzn einen fpannenben — Sioman lieft. 

3n ber S)arftellung beg SBerl^ältniffeg jroifd^en SBoleS* 



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— 148 - 

lat) unb 9tegtne wirb ixoax ia& ^ugerfle Demiieben, 
aber bod^ in einer SBeife, bie biefem Sufeerften foft 
gleid^fommt. 2)er Siingfampf jroifd^en beiben, ber gu* 
nöd^ft ald bloge pl^tiftfd^e Ü6ern)ä(tigung gemeint ifl, 
bann ober in fod^enbe iJiebeöbrunft ftd^ auflöft, berül^rt 
lim fo peinlid^er, je lebhafter man fid^ ber Stellung 
be^ 3Räbd^enS bei bem SBater beö jungen SDianneö er* 
innert. SKel^rere biefer ©cenen laffen fic^ leiber t)on 
bem SBorrourfe abfid^tUd^ roirfenber Süfteml^eit nid^t frei* 
fpred^en. SRad^ aUebem bleibt „Xtx Äaftenfteg" jroar 
bie l^eroorragenbe Seiftung eines glänjenben 6rjä^ler= 
tatenteg, aber unter bie wenigen magren Äunftroerfe 
ber mobernen fiitteratur barf er nid^t gered^net merben. 
3u üiel SRoman, ju riet ©enfation, ju mcl bemu&ter 
unb be^fialb ungefunber 3laturali^mu^ — ju menig 
innere unb dufeere SBa^rl^eit. S)ie oben mitgeteilten 
pl^itofopl^ifd^en SRefleEionen 33o(eötat)g ftnb bem SRoman 
gemiffermafeen nur äufeerUd^ afö SBerbrämung aufgefefet, 
mäl^renb fte bod^ in bie ^anbfung felbft eingefd^moljen 
fein müßten, um fünfllerifd^ jur ©eltung ju gelangen. 
6rft am ®d^Iu& entpuppt fid^ 33oIeöIao aU ber blaffe 
©feptifer, ber grübelnb jroifd^en (Sut unb Söfe bal^in- 
taumclt. 33i§ ba^in l^aben mir ilju nur alg eine leiben« 
fd^aftlid^ aftit)e, entfd^loffeue SRatur gefannt. aWan iji 
einigermaßen verblüfft, rotnn man biefem energifd^en 
©olbaten oon 1813, bem überbieä ba^ junferlid^e Ferren* 
gefül^l in ben Änod^en fifeen fott, fd^ließlid^ auf ®e* 
banfengängen begegnet, bie einem mobernen S)efabenten* 
geuiUeton entnommen fein fönnten. S>en „Äafeenfteg" 
mit ber „grau ©orge" in einem 2ltemjuge ju nennen, 
mie baö meift gefd^iel^t, jeugt iebenfaH^ t)on geringem 
fritifd^em 3lbfd^ä6ungSt)ermögen. — 



— 149 ■ — 

3)urd^ bcn ®rfotg ber „®l^re" tüurbe ©ubcrmann 
junöd^ft ganj ber bramatifd^en S)id^tung in bie 2lrme 
getrieben, 3Wit größter ©pannung fol^ man feiner näd^* 
ften ^ßremiöre entgegen. 

„©obomg ®nbe" brQ($te — äufeerlid^ — eine 
©nttäufd^ung. 

aiaerbingg wirb fi($ 33ertin W. , ba§ 3WiUeu be« 
©tü(feö, niemals fo offenfunbig fompromittieren wie 
ba^ t)om S)id^ter gefd^ilberte ntobeme ©obom. @ine in 
plein air gemalte Sanbfd^aft brandet ja aud^ bei ber 
größten Siaturroal^rl^eit nod^ nid^t ben ©inbrudf ber 
3BirfIid^feit ju mad^en. ^i^^^i^^i^ fonnte baS ^Berliner 
5premi6renpublifum ba^ judfenbe ©efül^l nid^t lo^werben, 
ate TOürbe eä t)on ben SSorgängen auf ber Sül^ne in 
peinlid^e 9Kitleibenfd^aft gejogen. 33ei ber „@l^re" mar 
ba^ ja aud^ teilmeife ber gatt. konnte man bort aber 
bie ©d^ilberung beg SBorberl^anfeö aU entfteHt unb über* 
trieben mit falt überlegenem Säd^eln abtel^nen, fo maren 
gerabe bie gelungenften ^Partien beö ©tüdg gegen Greife 
unb ainfd^auungen gerid^tet, beren SeWmpfung bei bem 
?Par!ett einer berliner ®rftauffül^rung ber ©pmpatl^ie 
ftet^ fidler ift. 2lnberä bei „©obom^ @nbe". ^ier 
mürbe au^fd^liefelid^ tmt ©efellfd^aft oorgefüfirt, bie — 
menn fie überl^aupt Seben^mal^rl^eit beanfprud^en barf 
— nur in überfultioierten ©rofeftäbten mie 33erlin 
möglid^ ift — : jene fd^edfige ©efeUfd^aft , bie fid^ au^ 
Sörfe, Äunfl unb fiitteratur jufammenfefit, mobei bie 
33örfe ben ©tamm abgiebt, ben bie aSertreter be^ 
„©eifteg" ate fd^iHernbe ©d^marofiergemäd^fe umranfen. 
9Kan fönnte aud^ t)on einem faulen ©emäffer fpred^en, 
beffen trübe Oberfläd^e oon fd^mimmenben S3lüten be« 
bedft mirb. SQBer einmal in biefen ©umpf geraten ift. 



— 150 — 

ocrftnft barin. „®^ giebt eine ©teile, wo bie &itxox& 
lung faft jebe^ einzigen einen Rnid befommt . . . SUlit 
SRe^t ... 3)ie lid^ten Qb^tn ber aRenfd^l^eit, auf benen 
©oetl^e, Si^mard unb 83leid^röber fiel^en, fönnen wir 
nid^t aUe erreid^en. SRan gel^t nid^t gerabe ju ©runbe, 
aber man fommt fad^tefen runter." ®aä Zzben l^at 
l^ier nur ben SQBert eineg ©pietö unb aud^ ben nur, fo 
lange ba^ ©piel amüfant ift. 3Wan fpielt an^ Sitte« 
ratur« unb Äunftintereffe, ber eigentlid^e ^errfd^er aber 
ift ber SBBife. „2Bir finb oerbUbete 3»enfien. - SEBir 
fd^TOdrmen jujar für ben SRaturaliömuS, aber baö 5Ratür=' 
a^e erfd^eint unS atö SBife." — „Unb ber SHBife als 
bag SRatürlid^e . . . S)enn ber SBife ift ber ^errfd^er 
ber Sffielt . . . ®er SBife Dertritt un^ bie 5Ratur, vertritt 
nn^ bie SBal^rl^eit, vertritt un^ bie aRoral." 

^n biefen Greifen vegetiert ber talentvolle SWaler 
SBillp S^nifon), S)urd^ fein SUb „©obom^ ßnbe" ift er 
eine SBerül^mtl^eit geworben. 6r ift „mobern" unb barf 
bal^er ate neuefteö SupSmöbet in ben ©alonß nid^t feilten, 
grau aibal^, bie ©attin beS Sörfianerg Sarcjinom^Ip, 
l^at fid^ il^n famt feinem a3Ube angefd^afft. @elb l^at ba* 
bei feine Sftotte gefpielt, weber für fein Silb nod^ für 
i^n felbft. grau 2lbal^ ift eben geiftreid^ um jeben 
^ßreiö. S)a fie fd^on ein ganj Kein menig »erblül^t ift, 
fo l^at fie il^rem fiiebe^oerl^ättniffe mit bem 3KaIer eine 
pifante SBürje beigemengt, ©ie ift überfiaupt feine 
gemöl^nltd^e grau, feine, bie am blofeen Siebe^genuffe 
©enüge finbet. ©ie ift bie „aWufe" be§ SDMerS, feine 
„®geria", bie il^n leitet unb ju l^ol^en 2^^aten erjiel^t 
„®ag ift eine grau . . . ©anj ^leroen unb ganj ®itel* 
feit . , . 3Kit ben aiHüren ber fieibenf d^af t , aber falt, 
fatt mie ein ^unbefd^näujd^en. ... ©ie |)at bie ©aprice. 



— 151 — 

ben ®eniu§ ber großen SWänner ju fpielcn. Slbet bic 
ftnb fpröbe. ©tc fommen einmal unb nid^t lieber. Unb 
ba fie ber ©entug ber ©rofeen nid^t werben fann, wirb 
fte TOenigfteng ber 3)ämon ber kleinen." 

S)afe SffiiHp Sonifon) trofi il^rer au^gejeid^neten „6r= 
jiel^ung" nid^t nur fetnerlei l^ol^e 2^l^aten üoHbringt, fon- 
bem überl^aupt nid^t mel^r arbeitet, ba^ feine geiftige 
unb moratifd^e Äraft, feine ©efunbfieit unb ©d^affen^* 
freube in bem aWoraft biefeä fred^en, frioot^geiftreid^eln- 
ben 2^reiben^ mel^r unb mel^r untergel^t, erroed t in grau 
2lbal^ nid^t ben minbeften S^^if^^ ^" ^^^^^ SWiffion afe 
®eniu8 beg SUlaler^. ®r empfinbet jroar baö ©eifi* 
tötenbe unb ©ntroürbigenbe feiner Sage, aber bie Äraft, 
ftd^ aus il^r l^erau^jureifeen, fel^It il^m. ®r betäubt fid^ 
mit ©enüjfen unb einem geniafifd^en Sftaufd^e, ben er 
für „fauftifd^" l^ält. „3la, weifet bu/' bemerft ju il^m 
fein 3iwg^ttbfreunb, ber ^jJrofeffor SRiemann, ein el^rlid^er, 
fd^Iid^ter, gefunber ©fiarafter, „gauftifd^eg l^ab' id^ nod^ 
nid^t t)iel an bir Derfpürt, aber — tjerbummelt bift bu!" 
3)aö ©d^Iimmfte bleibt, bafe Iganifon) fid^ nid^t mel^r 
jur Slrbeit aufraffen fann. „®iel^ mal," fagte er ju 
Sftiemann, auf ben leud^tenben ©onnenfd^ein l^inaug* 
meijenb, „fiel^ mal, mie fie ba glül^enb über bem 
3Weer von S)äd^ern liegt . . . 2Ber baö malen fönnte! 

Sftiemann. SKaPg bod^! 

Sffiillt). Unb bie meHenfd^lagenben ©elüfte alle 
barunter? . . . 3>ebe Sftaud^njolfe ein S)unft Don unau^» 
gegorener fieibenfd^aft ! Sebes ®ad^ ein fteingemorbener 
greoel! 2Bie mitt man baS malen? 

Sftiemann. 3Werf roürbig ! 3^ f^^c tiid^t^ mie 
©onnenfd^ein. 

SBillp. 3)u bift titn ein 5pf|ilifter. 



— 152 — 

Sfttetnann. So? 

Sffiittt). 3a, mein guter Äerl, ba« bift bu! Ober 
^aft bu je ben ©türm unb 2)ran9 einer roerbenben ^t\t 
in beinern iQirnfd^äbel braufen gel^ört? . . . igaft bu je 
ben geroeil^ten Xxoii in bir gefül^It gegen bag, roa^ bie 
ftumpfe 3Jlaffe für red^t unb fittli($ unb Derel^rungö« 
roürbig l^ält? igaft bu je riöKert, bir in ber aBilbniS 
be« ßafterö neue SReid^e ber ©rfenntniä ju erobern? 

giiemann. ©ei^r l^übfd^! SBie alt bift bu bod^ 
gleid^ ? 

SBillp. ©iebenunbjroanjig. SBarum? 

SRiemann. ©d^abe. S)u fprid^ft, alö ob bu fieb* 
jel^n TOärft ! — S)u — ba^, womit bu ba rennommierft, 
^ab' id^ mir aUeö einmal an ben ©d^ul^fo^Ien abge:* 
laufen unb bin bann ein um fo braoerer ißauSoater 
geworben. — 83efonberö mit bem aUeinfeügmad^enben 
Safter bleib' mir gefälligft vom $alfe. — ^^ fag' bir, 
ba^ Safter l^at einen minimalen 'Silbungg:^ 
wert. — Ober gel^ört mirfUd^ fo t)iel ©eetengröfee ba^ 
ju, mit ben ©l^efrauen anberer l^eimlid^ gemietete 6^ambre= 

garnier ju bet)ölfem? S)enn — fei'n mir mal 

el^rlid^, — barauf läuft bag ganje 2^itanentum bod^ 
l^inau^ ? 

2B i 1 1 p. ©0 ! Unb ber l^eilige Sftaufd^, ber 9tauf d^ 
ber ©enialität, ber im ©eniefeen über ung fommt — 
unb ung ju großen 2^l^aten fpornt — red^neft bu ben 
gar nid^t^? 

Sftiemann. S)en SRaufd^ fcnnt jeber ber 

l^eifet ^ugenb. — Unb bie fogenannte ©enialitat fann 
mir geftol^len bleiben. — Kaum i^at fo ein Äief'in=bie= 
SBelt l^crau^gefunben, ba§ ein . . . riinb ift, unb bafe ein 
2l^ornblatt anberg gemad^t mirb mie ein Sinbenbtatt, ba 



— 153 — 

fd^reten fd^on alle SScttern uub 33afen: 6in ©enic, ein 
©enie! 3la, unb für baS ©enie finb bie SBeltgefefie 
m(f)t gemad^t. — S)ag fielet jenfeits t)on ®ut ünb 

S3öfe, n)ie man jcfet \aQt baS fann lumpen, fo 

Diel eg mid. Unb beim erften fleinen ©rfolge 

finb mie bie SRaben, bie baö 9la^ Gittern, aud^ bie geift* 
reid^en SBeiber ba — unb ade, bie il^rer ßüftern^eit 

gern ein fd^öngeiftigeg a)MnteId^eu umpngen. 

,©el^t bod^, TOie l^immlifd^ er fid^ räfelt — baö ift fidler» 

lid^ ein ©enie, benn fonft mar' er nid^t fo fred^.* 

3)er 2^eufel l^ole alle geiftreid^en 3Beiber!" 

^ier wirb ein ^robtem berül^rt, über roetd^e^ 33änbe 
gefd^rieben merben fönnen unb aud^ fd^on gefd^rieben 
fxnb, ein ^ßrobtem, bag auf ber 35ü^ne burd^ „Rean 
ober ®enie unb Seibenfd^aft" ooIKtümlid^ geworben ift. 
®ie gel^eimniöüofle SBerroanbtfd^aft jmifd^en bem ©enie 
unb gemiffen geiftigen unb fittUd^en Abnormitäten mar 
aud^ fd^on oor Sombrofo anerfannte ^^atfad^e. ®e* 
ftalten oon bem geiftigen ©leid^geroid^te unb ©benmafee 
eines ©oetl^e finb 2luSnal^men. Unb felbft bei einem 
©oetl^e mufe bie grage aufgeworfen merben, ob er pd^ 
ju ber ^armonifd^en ^ßerfönlid^feit, bie er marb, ent* 
midEelt l^ätte, menn er unter minber günftigen SBerl^dlt* 
niffen geboren unb erjogen roorben märe. S>aj3 bem 
©enie mel^r vergeben merben mn^ ate anberen, fann 
bal^er nur von ftarren 2)oftrinären geleugnet merben, 
ganj abgcfel^en baoon, bafe oieleö, xoa^ ber großen 3Kenge 
bei bem ®enie afö greoel erfd^eint, oor einem pl^eren 
SRid^terftul^te einer Vergebung gar nid^t einmal bebarf. 
2)ie felbftoerftänblid^e, gteid^roo^I aber fd^arf ju betonenbe 
SBoraUiSfefeung ift, bafe eS fid^ aud^ mirfUd^ um ein 
®enie l^anbelt. Ob SBiflri ^föniforo ein foId^eS, ift eine 



- 154 — 

gragc für fid^. SBa« er Dom „©türm unb S)ran9 einer 
roerbenben 3^^," ^on htm „getüei^ten Xxoii" gegen bie 
aSegriffe ber aWenge fagt, ba« fann ed^t fein. Slber 
ber „l^eilige dian\^, ber 3laufd^ ber ©enialitdt," ber 
ift nteift fein SRaufd^ ber ©enialität, fonbem ber ©elbfl» 
befpiegelung unb ber 9?en)en. Saniforo ift mel^r ein 
%r)pu& fenfitiDer ©ecabence ate bes ©enieg. 3Wit ooHem 
SRed^t geißelt SRieniann jene grünen S^alentd^en, bie fid^ 
©enieg unb olg fold^e jenfeit« von ®ut unb Söfe bünfen. 
Slud^ mit Saniforog 2^itanentum in ben ßl^ambregamie^ 
trifft fein gefunber 3Kenfd^enDerftanb ben Sßagel auf ben 
Äopf. 2lber ber gute 5ßrofeffor f)at aUerbingö jenen 
„©türm unb ©rang einer merbenben Qät" niemals ;,in 
feinem ^irnfd^äbel braufen gel^ört". SBenn er meint, 
er l^abe fid^ ba^ atteg an ben ©d^ufifol^Ien abgelaufen, 
fo Dermcd^fclt er jugenblid^c Slnempfinbung mit ed^tem, 
axi^ ber 2^iefe gärenbem 3Kofte, mic er bie mirllid^en 
Äinber einer Übergangszeit burd^brauft. 6ö giebt 
fold^en „©türm unb S)rang", eS giebt fold^en „ge* 
meil^ten ^ro|", unb er reid^t aud^ über bie erfte ^ugenb 
l^inauS ! ©o fcfir man geneigt fein mirb, bem ^rofeffor 
Sftiemann alö bem SBertreter beS gefunben SUlenfd^em 
t)erftanbe§ beijupflid^ten — ein ^ßl^ilifter ift er bod^. 
9Kit bem „gefunben 9Kcnfd^ent)erftanbe" allein fann man 
tjieleS nid^t begreifen, maS nun einmal als gegebene 
©röfee ba ift. 2lud^ ben „SBilbungSroert beS fiafterS" 
nid^t, ber nid^t immer unb aud^ nid^t für alle ein „mini» 
maier" ju fein brandet, gür ben Äünftler jumal, für 
ben 3)id^ter inSbefonbere, fann er unter Umftänben fo* 
gar ein ungel^eurer fein, ©oetl^eö jal^lreid^e Siebfd^aften 
mirb man jum 2^eil, menn man beutfd^ reben miH, 
aud; alö „Safter" bejeid^nen muffen. @g ift aber mol^l 



— 155 — 

faum nottücnbig; nad^jurocif cn , roeld^en SilbungöTücrt 
btcfc „Safter" für ben S)td^tcr gel^abt l^aben, bcr bcn 
großen ©ünbcr gauft unb bie grofec ©ünberin (Sretd^cn 
gcfd^affen l^at. S)ag Softer bleibt Softer, bie ©ünbe 
bleibt ©ünbe; fie mufe unb wirb il^re ©träfe finben. 
©ie bleibt Derobfd^euungöiüert unter otten Umftänben. 
S)a^ fd^liefet aber nid^t ou^, bofe fie einen großen 
SJilbungönjert l^oben fann. ©oflte bie ©ünbe nur ba= 
ju auf ber 9Bett fein, um ber 9Jlenfd^^eit unenblid^e 
Dualen ju bereiten? S)a§ l^iefee bie ©d^öpfung für bog 
SBerf eineg groufamen ©otteö er! lören ! S)ag SBort von 
beut reuigen ©ünber, ber bem ^errn lieber ift al§ neun= 
unbneunjig ©ered^te — biefeg obgrunbtiefe SBort ift 
nid^t umfonft gefproc^en Sorben. 3ti^i Sol^onne^, ber 
t)on ainfong an milbe unb roeid^e 3lpoftel, — ber einft 
fo grimme Qa^zx unb foitotifd^e SSerfolger ^ßaulu^ l^ot 
boö TOunberbore ^ol^elieb ber Siebe im erften Äorintfier* 
briefe gefd^rieben, ba^ ^errlid^fte in ber Sitteratur aller 
aSölfer. @ö giebt eine l^öd^fte Harmonie, in ber baö 
Söfe als bie lefite ©taffei jum l^öd^ften ©uten erfc^eint, 
ein ®efe| ber ©egenfäfee; meld^eö baS @efe| ber ^ar* 
monie ift. 

3Kag Sanüon) aud^ fein ©enie fein, genialer afe 
SKemann ift er gemife. Unter bem ©onnenfd^ein auf 
ben ©fidlem fielet feine ?pi^antafie bie „mellenfd^lagenben 
©elüfie", in jeber Siaud^molfe ben „S5unft unau^gegorener 
Seibenfd^aft" , in jebem S)od^ einen „fteingeroorbenen 
fjreoel". „aWerfmürbig/' ermibert 5Riemann mit benj 
ironifd^en Säd^eln ber überlegenen ^rofo, „i d^ fel^e nid^ts 
mie ©onnenfd^ein." 6r ift ^Un blofe 3Kaler, ber fleißig 
unb tüd^tig abfonterfeit, maS feine 3lugen feigen, einer 
von benen, bie i^r S^agemerf pflid^tgetreu unb pünftlid^ 



- 156 — 

beginnen unb mit trodener 3^tfnebenl^eit befd^liegen. 
Sanifon) fd^roeben Slufgaben Dor, bie über bie aRöglid^* 
feiten feiner Jtunft l^inau^mad^fen. @r möd^te bad Unmög:» 
lid^e unb t)erfdumt barüber bad SRdglid^e. @d bleibt 
bei bem 3tau\ä)t ber 5ßl^antafie, bei bem ©elbftbetruge 
bed @d^n)ad^en^ er n)erbe morgen baö tonnen^ roa^ er 
l^eute nid^t roiH. Qm mntn Stttelier, ba merbe er aui) 
neue Sd^affen^luft empfangen. @r mad^t fein ©d^affen 
Don äußeren SBer^ältniffen abl^ängig, er erwartet bie 
SRettung Don anberen, mo nur ber eigene tapfere ®nt* 
fd^luß l^elfen fann. Unb injroifd^en finft er immer tiefer. 
®r mifebraud^t im Sftaufd^e bie Siebe eines reinen, il^m 
anvertrauten aKäbd^enS. SSon 2lngft unb ©emiffenS* 
qxxakn gefoltert, fud^t er ben testen ^alt bei einer 
anberen, an bie er fid^ mit ber Äraft ber SSerjroeiftung 
flammert. 2lber bie golgen bes ©efd^el^enen l^eften fi^ 
unerbittlid^ an feine gerfen. 3^ fP^t ergreift er, mag 
il^n l^ätte retten fönnen — ben ^pinfet beö SRalerS, bie 
befreienbe SBaffe ber 2lrbeit. @in Slutfturj mad^t bem 
Seben beö ©d^roinbfüd^tigen ein @nbe. ®r ftürjt ju 
33oben unb über il^n bie Staffelei, an bie er fid^ ge* 
Kammert l^at. 

©l^araftere wie SBillp Sanifom bürfen nad^ rein 
moralijd^en ©efid^tSpunften nur bis ju einem gemiffen 
©tabium il^rer ©ntmidfhmg beurteilt werben. 3)ann 
tritt baS pat]^oIogifd^=miffenfd^aft(id^e SWoment in 
Äraft. 2Bir l^aben e§ julcfet mit einem ©emüt^franfen, 

|aum nod^ 3w^^<^iiw"9^fä^i9^" J« tl^it»- 9WoraI unb 
mebijinifd^e SBiffenfd^aft teilen pd^ l^ier in baö Sfted^t ber 
33eurteilung, unb man meiß nid^t, mem man baö größere 
jufpred^en fott. ©in Äünftter, ber, rotnn er aud^ fein 
©enie ift, bod^ über geniale Slnlagen oerfügt ge^t, ebenfo 



— 157 - 

an feiner eigenen ®d^n)ä(|e unb ^attlofigfeit n)ic an 
ber järtUd^cn ©d^öngeifterei eine^ fenfationöl^ungrigcn 
SBeibe^ unb an bem entnerüenben treiben einer burd^ 
unb burd^ verfaulten ©efeUfd^aft ju ©runbe. Dl^ne biefeS 
SBeib unb biefe ®efeßfd;aft wäre er DieHeid^t, ol^ne bie 
eigene (Snergielofigfeit — geroife feinem ©d^idffal ent« 
gangen. S)en größten 3^^if^I ö" '^^^ ©d^tl^eit feiner 
©enialität ernjedEt feine unüberroinbUd^e Unluft jum 
©d^affen unb fein fange« Sel^arr^n in einer ©efeUfd^aft, 
beren ^ol^C^eit unb ©enteinl^eit einen gottbegnabeten 
Äünftler auf bie S)auer anroibern mußten. Slbftofeenb 
mxtt an^ fein SBerl^äftnid ju ber "^au, von ber er fid^ 
materiell unterftü^en unb nad^l^er an ein reid^eö 3Käbd^en 
t)erfuppeln (äfet. ©oUte bar in fein „gemeil^ter 2^rofe" 
gegen bie ißeiligtümer ber 3Wenge befte^en? 5Run, bann 
ift er eine erbärmlid^e ^ßl^rafe! Unb enblid^ erfd^üttert 
bie nid^töroürbige ^anblung an bem lieblid^^reinen Äinbe, 
baö il^m t)on feinem fterbenben 3Weifter anvertraut roorben, 
ba^ jugleid^ bie SBraut eines ^eunbeö ift, ber il^m afleö 
geopfert l^at, ben ©tauben an bie eble SSeranlagung 
biefeg ©l^arafter^. S)er S)id^ter l^at SBiberfprüd^e in il^m 
Dereinigt, bie fid^ fd^mer auflöfen laffen. 3Ran mei& 
fd^Ue^lid^ nid^t mel^r: l^at man e^ mit einem ver* 
fommenen, aber bod^ im ©runbe ebeln unb fpmpatl^i* 
fd^en ©enie, ober mit einem pl^rafenreid^en Sumpen ober 
mit einem unjured^nung^f filzigen Äranfen ju tl^un? 
Sßielleid^t, mal^rfd^einlid^ mit allen breien. SBid man 
aber ju ben im Stüdfe aufgemorfenen Problemen ©teHung 
nel^men, fo ift eg geboten, biefe brei 3Komente ftreng 
auSeinanbei^ul^alten. S)ie maleren S3efenntniffebe« ©enieg 
finb im 3Kunbe beS Sumpen Sügen; mag ber Äranfe 
begel^t, bafür ift bag ©enie nid^t oerantmorttid^. 



— 158 — 

„©obomg Gnbc" ifl fünftlerifd^ unglcid^ rocrtooller 
atö „2)ic 6l^rc", ungleid^ ibecnreid^er, pfrid^otogifd^ tiefer, 
feiner unb frud^tbarer. ^(aftifd^ abgerunbet, babei biird^» 
fid^tig bi& in^ ^nnerfle, finb bie beiben SWäbd^end&araf* 
tere: bie ctufeertid^ oon il^rer jerfefeenben Stttmofpl^äre 
angef reffene , im Äerne aber gefunb unb tüd^tig ge= 
bliebene Ritty unb bas Ueblid^^befd^eibene Äätl^d^en, eine 
in il^rer 9lnmut l^ei^erquidfenbe, in il^rem füllen Seiben 
unb Untergange tief rül^renbe ©eftalt. 

©inen grauend^arafter, ber fid^ ber lebl^aften ©^m* 
patl^ie befonberö „fortgefd^rittener" S)amen erfreut, l^at 
©ubermann in ber 3Kagba feinet ©d^aufpielö „S)ie 
Heimat" gefd;affen. 3l^r SSater, ein alter Dberft« 
Ueutenant a. 2). mit ftreng=fonfert)atiDen altpreujsifd^en 
©runbfäfeen, i^ot fid^ oon a)tagba toögefagt, nad^bem 
fie ben ©atten feiner SBal^t, ben Pfarrer ^effterbingf, 
auSgefd^Iagen unb jur Sül^ne gegangen ift. 3ltö be* 
rühmte, gefeierte ©ängerin fe^rt fie unter frembem SRamen 
in bie ^eimat jurüdf, lüo fie in einem SWufiffefte mit* 
TOirfen foH. 6ö gelingt ben felbftlofen SBemül^ungen beg 
^farrer^, eine 3Serfö^nung jmifd^en Später unb 2^od^ter 
I)erbeijufül^ren. 3lber bie Sßoraußfefeungen, unter benen 
fie fid^ baju rerfte^en, finb bei beiben fo grunboerfd^ieben 
mie il^re ß^araftere unb Slnfd^auungen. S)er SSater ift 
allenfalls geneigt, ber unter feine Autorität reuig jurüdE» 
fe^renben 2^od^ter ju tjerjeil^en, fie aber glaubt ber 5Ber= 
jeil^ung ebenfomenig ju bebürfen mie ber Unterorbnung 
unter bie oäterlid^e Slutorität, 2BaS fie geworben, ift 
fie burd^ eigene ^raft gegen ben SBitten ber Sl^rigen 
geworben. 2luf bie engen unb ftrengen 3lnfd^auungen 
ber ^eimat fie|)t fie mit überlegenem 3Kitleibe ^erab. 
©ie bereut faft, in baS elterlid^e ^au^ jurüdEgefel^rt ju 



- 159 - 

fein: „3(5 fange an, getgl^citen ju begel^en. S)enn id) 
mufe mid^ fünftü($ Keiner mad^en als id^ bin, je mel^r 
id^ btefe ©efül^le grofejicl^e." „©d^ämen ©ie fid^ il^rer, 
grdulein 3Kagba?" fragt ber 5ßfarrer. „S5er Äinbeö* 
liebe fann man fid^ bo^ nid^t fd^ämen, benf id^." — 
„RinbeSliebe? 3^ möd^te biefcn eisgrauen Äopf am 
liebften in meinen ® d^ofe nel^men unb f agen : 2) u a 1 1 e § 
Äinb bu. Unb trofebcm mu6 id^ mid^ budfen . . . 3d^ 
mid^ budfen!" 5Rein, baran ift fie nid^t getoö^nt, fon- 
bern im ©egenteil — an baS ,,2lufprägeu ber eigenen 
^pcrfönlid^feit". Slud^ ber aSater fül^lt, bafe i^re 3ärt= 
lid^feit gegen il^n „nid^t bie einer 2^od^ter gegen i|iren 
aSater ift. 2luf bie3lrt tänbelt man mit einem Äinbe, 
ob eö nun jung ift ober alt". 3Wel^r aber quält il^n 
ein fd^redflid^er SBerbad^t, ben er nid^t loSmerben fann. 
„3d^ fle^* bid^ an, gieb mir ben ^rieben für meine 
©terbeftunbe. Sag mir, bafe bu rein geblieben bift 
an Seib unb ©eele. Unb bann jiel^' gefegnet beineS 
SBegeS." aSergebenS fud^t fie i^m mit ber Slntmort: 
„3($ bin — mir treu geblieben" auSjumeid^en. @S 
bleibt il^r nid^ts übrig als — feinen SSerbad^t ju be= 
ftätigen. ©ie fiat fid^ oor ^al^ren an einen 3Wann — 
„oerfd^enft", fagt fie. S5er oerjroeifelte aSater fielet nur 
nod^ einen SluSmeg: biefen 3Rann mit ber ?piftole in 
ber öanb ju jmingen, ber S^od^ter bie ®l^re jurüdf= 
jugeben. 3)aS fd^eint i^m benn aud^ ju gelingen. 2)er 
SWegierungSrat Äeller, ein feiger, eitler, felbftfüd^tiger 
©treber, l^at mit feiner „genial »erlebten S^genb" ab= 
gefd^loffen, ift eine „Sendete" ber Äird^e geworben unb 
l^ält es unter ben obmaltenben Umftänben für opportun, 
bem roirffam unterftüfeten SBunfd^e beS alten Oberft- 
lieutenantS ju mißfal^ren. 6r trägt 3Kagba, feiner ei^e- 



— 160 - 

maligen ©elicbten, bic &)t an. 2luÄ aRitleib mit bem 
Sßater ift fie awä) geneigt, ben Deri^ofeten 2lntrag ongu* 
nel^men, 6i4 bie Sebingung ÄeHerö: fie foHe fid^ t)on 
il^rem Äinbe trennen, auf il^re entfd^tebenfte Steigerung 
ftöfet. 3Cbcr ber Sater ift ber 3lnfid^t, bafe feine 2:od^ter 
nid&t nte^r in ber SJage fei, SBebingungen ju fietten. 
®r Derbürgt fid^ ÄeHer gegenüber mit feinem gieren» 
roorte, bafe er i^m bie ©inroiHigung 3Wagbag überbringen 
merbe . . . 

„3a, wenn ba« nun aber nid^t in beiner SRad^t 
fte^t, lieber 5Bater?" — 

„3)ann mu§ id^ bran fterben . . . bann mufe id^ 
eben bran fterben . . . man fann bod^ nid^t fdnger leben, 
romn man ... S)u bift bod^ Dffijierätod^ter. 2)a^ ift 
bir bod^ ftar?" 

„Sieber @ott!" feufjt SDlagba mitleibig. 

©ie ift über alle biefe begriffe von Offigieri^el^re 
unb 5Rid^t4änger=leben*fönnen erl^aben. Unb über mand^c 
anberen aud^. „^l^r merft mir t)or, bafe id^ mid^ t)ers 
fd^enfte nad^ meiner 3lrt, ol^ne eud^ unb bie ganje 
gamtlic um ©rlaubni^ ju fragen. Unb marum benn 
nid^t? 2Bar id^ nid^t familienloS? ^atteft bu mid^ nid^t 
in bie grcmbe gefd^idft, mir mein S3rot ju oerbienen, 
unb mid^ nod^ DerftoJBen |)interl^er, meil bie 2lrt, wie 
id^'ö üerbiente, nid^t nad^ beinern ©efd^madfe mar? . . . 
2Ben belog id^? 2ln mem fünbigte id^ . . . 3a, mär' 
id^ eine ^auötod^ter geblieben mie 3Karie (ifire ©d^mefter), 
bie nid^t^ ift unb nid^tö fann ol^ne bag ©d^ufebad^ irgenb 
einer ^eimat, bie an^ ben ^änben beS SBatcrg fd^lanf* 
meg in bie beö 3JfanneS übergel^t — bie von ber ^a* 
milie atte^ empfängt: Srot, Sbeen, ©l^arafter unb maö 
meife i(§? . . . ^a, bann i^ätteft bu red^t. 3» ^^^ 



— 161 — 

ücrbirbt burd^ bcn Ilcinften fjel^ltritt alle^ — ©croiffcn, 
©l^rgcfül^I, ©elbflad^tung . , . 2lber id^? ... ©icl^ 
mid^ bod^ an. Qd^ war eine freie Äafte ... 3d^ ge« 
l^örte längft ju jener Äategorie von ©efd^öpfen, bie fid^ 
fd^ufelo^ wie nur ein 9Rann unb auf il^rer ficinbe Slrbeit 
angewiefen in ber SBelt J^erurnfto^en . . . SBenn il^r uns 
ober ba§ SRed^t auf^ jungem gebt — unb id^ l^abe 
gel^ungert — , warum üerfagt il^r un§ bai 3ied^t auf 
Siebe, n)ie n)ir fie l^aben fönnen, unb bag SRed^t auf 
®iüd, wie n)ir e^ üerftel^en?" 

3n all biefen SReben fielet ber SSater nur ben ,,®eift 
ber ©ntpörung, ber jefet burd^ bie SBelt gel^t". S)a er 
auf feinem SBiHen befielet, befleißen muB, fo bleibt il^r 
nur nod^ baö leftte, fd^merfte Sefenntni^ übrig: „Qa, 
aSater, bu lä^t mir feine Sffial^I. ®ut benn . . . Unb 
meifet bu, ob bu mid^ \tmm 3Kanne nod^ auf ben fiate 
laben barfft? . . . Ob id^ nad^ eurer 2luffaffung feiner 
überl^aupt no(^ mürbig bin? . . . 3d& meine, ob er in 
meinemSeben bereinjige mar?" — „3)uS)ime!" 
@r mill bie bereitliegenbe ^pijlole gegen fie erl^eben, aber 
in bemfelben 2lugenblidC finft er, oom ©d^tage gerül^rt, 
in feinen ©effel jurüdC. — 

3)ie ©eftalt ber 3Ragba ifi mit entfd^iebener ©gm^ 
patfiie gejeid^net, mit entfd^iebener innerer Überlegenl^eit 
auögeftattet. Unb ba^ jum SJcil auf Äoften ber SBal^r:' 
l^eit. 3)ie „gute ©efeUfd^aft" einer 5ßrooinjiall^auptftabt, 
in ber bie ^anblung ftattfinbet, ift bod^ ein menig fari* 
fiert. ®en)i§ giebt eä ba eine 3Renge von Sad^erlid^» 
leiten unb SBorurteilen, oiel albernen J)ünfel gegen aHe^, 
xoa^ fid^ nid^t mit ber ©d^ablone bedft, aber fold^e 
bummbreipe, l^od^mütige fragen, mie fie eine alte @ene* 
ralin an 3Wagba rid^tet, finb mol^l einer mittelmäßigen. 



— 162 — 

obffuren Soubrette gegenüber möglid^, aber nld^t einer 
Sängerin üom Stange ber Succa ober ^atti. ®g mad^t 
eJreube, 3)ünfel unb Vorurteile geißeln ju feigen, aber 
e§ betrübt, wenn barunter golbed^te SBerte, wie linb* 
lid^e e^rfurd^t unb loeiblid^e SReinl^eit, gejault werben, 
©omeit ber SBater bur(^ feinen ©tarrfinn bie Xocl^ttx 
ber 93erfud;ung unb ä5erfü^rung preisgegeben l^at, ift 
er il^r 3Kitf dfiulbiger. ©ine © d^ u t b aber bleibt i^r gall. 
S)aö gefielet fie ja aud^ felbft mittelbar ein — wenngteid; 
mit bem ©egenteil üon SHeue: ,,©d()ulbig muffen 
mir merben, wenn mir mad^fen mollen. ©röfeer 
merben als unfre ©ünbe, baS ifi mel^r mert 
als bie Steinl^eit, bie il^r prebigt." 

3n biefen SBorten, mie fie baftel^en, liegt eine große, 
tiefe, frud^tbare SEBalirlieit. aber man muß fie anbers 
auf f äffen als grdulein 3Wagba. ©ie ift nid^t größer 
gemorben als il^re ©d;ulb, fonbern f lein er. Ober 
mäd^ft man geiftig unb fittlid^, menn man ber alten 
neue ©d^ulb l^injufügt, inbem man aufhört, bie ©d^ulb 
als ©d^ulb ju betrad^ten ? Äeine f pifeftnbigen ©opl^ismen, 
fein nebelliaft SRiefefd;e'fd^eS „Senfeitö von @ut unb 
S3öfe" mirb unS jemals baoon überzeugen fönnen, baß 
ein aWabd^en, in beffen Seben ber erfte ©eliebte „nid^t 
ber einzige" mar, eben barum in bie ^öl^e gemad^fen 
ift ! SBirb man größer als feine ©ünbe, menn man fein 
©efü^l für bie ©ünbe abftumpft? ©ntmeber bie „©ünbe" 
ift ©ünbe, ober feine. 3ft fie feine, bann fönnen mir 
aud^ nid^t über fie l^inauSmad^fen. 3ft fie aber ©ünbe, 
fo mirb fie, nid^t ber, meld^er fie begel^t, burd^ 
il^re SBieberi^olung „größer". 6inS ober baS anbere, 
meine id^, ift logifd^ nur möglid^. 

3»Ä, größer merben als unfre ©ünbe, baS ift aller- 



- 163 — 

bing^ mel^r wert aU pl^arifäerl^aft geprcbigte SReinl^eit. 
SBie aber fönnen tDir über unfre ©ünbe i^inauötoad^f en ? 
SRur bur(§ bie ©rfenntni^ unfrer eigenen ©d^wäd^e unb 
^infctUigfeit, bie un^ SRad^fid^t unb 3Kitleib mit ben 
©d^roäd^en anberer, J)emut gegen bie aiHntad^t unb il^re 
SBeltorbnung lel;rt. 3)ag 5ßod^en auf bie Siedete ber 
Snbioibuatität ift nur eine neue, verfeinerte, btenbenbc 
gorm beg 5ß^arifdertumg, ber ©elbftgere(^tig!eit, unb 
bie Sled^tfertigung ber Büfl^Hofigfeit burd^ bie Slnfprüd^e 
ber „^erfönlid^feit" nur bie gtäuienbe, aber burd^fid^tige 
Sülle über einem üerroal^rtoften ^erjen. ^erb unb mal^r 
ift baö SEBort be^ Pfarrers an SKagba: „SBer nid^t 
Drbnung l^at in feinem ^erjen üon 3lnbeginn, beffen 
^erj oerlottert." 3Kagba miH ed nid^t mal^r l^aben: 
„Unb wenn e^ wal^r märe — l^ab' id^ nid^t aud^ ein 
^erj? — £eb' id^ nid^t aud^ ein Seben? — Sin id^ 
nid^t aud^ um meiner fetbft mitten ba?" S)a fättt i^r 
ber fonft fo mitbe unb fanfte 5ßfarrer l^art ing SEBort: 
„9lein, baö ift niemanb. 2l6er t^un ©ie, roa^ 
©ie motten. SSerberben ©ie Ql^re ^eimat, verberben 
©ie SSater unb ©d^mefter unb ^inb, unb bann verfud^en 
©ie, ob ©ie ben 3Jhit l^aben, um 3^rer fetbft millen 
ba ju fein." Unb bod^ fül^lt fid^ ber 5ßfarrer, biefer 
ed^te ©l^rift unb mal^rl^aft feelengrofee 3Jlenfd^, ber fein 
£iebei$> unb Seben^glüdC ju ®rabe getragen i^at, um 
barauf bie S3Iumen felbftlofer SRad^ftenliebe ju pftanjen, 
gemiffermafeen ate „aWitfd^utbiger" SRagbaö. Slad^bem 
fie il^m geftanben, wie fel^r fie il^n frül^er oerfannt, 
eröffnet er i^r: „3d^ mitt'd S^nen gefte^n . . • ©^ ift 
— eÄ ifi ja Unfinn . . . Slber feit id^ ©ie gefiem abenb 
mieberfal^, ba ift eine 3lrt oon SReib in mir er* 
mad^t, ju fein, mie ©ie ... 3a — id^ — i^abe 



— 164 — 

— oieleÄ — obtötcn mäjfen in mir — in meiner ©eele. 
9Rein ^eben, ber ifl mie ber eine^ 2t\^nam&. Unb 
xoit ©ie gefiern vox mit fianben in 3l^rer Urfprüng- 
lid^feit, Ql^rer natoen Äraft^ ^^xtt — 3^rer ©röfee, ba 
fagte id^ }U mir: 3)a$ \\t bad, roa^ buDieUeid^t 
l^ättefi merben fönnen, roznn }ur redeten 3^it 
bie g^c«be in bein Seben getreten wäre." 

S)aö ijl eine ed^t menfd^Iid^e SReaftion ber in un^ 
allen mad^tigen ©lüdf^inftinfte. Db er aber jenen „Sfieib" 
oud^ ba nod^ emppnbet, roo er bie folgen biefer „®rö§e'^ 
bie Opfer biefer „Äraft" vox jid^ fielet? ©o au^= 
gefprod^en bie SBorliebe be^ S)id^ter8 fflr SWagba, fo er* 
fennbar teilt fie biefe ©pmpat^ie je länger, befto reid^* 
lid^er mit bem Pfarrer, ber juleftt bag entfd^iebene Über* 
gen)id^t getoinnt unb bel^auptet. ©rofe big ju ®nbe bleibt 
nur er, ber fid^ ba^ Stid^ten unb SSerad^ten „fd&on lange 
abgeroöl^nt" l^at, weil mir „alle arme ©d^äd&er" finb. 
3Kagbag @rö§e finft an ber Seid^c beg SBater^ jufam* 
men. Sffienigften^ in ben 2lugen be§ ^vJi^antx^. Ob 
fie fetbft fid^ gebrod^en fül^lt, ift melir afe jm^el^aft. 
SWid^t ba§ fie ben burd^ Sieligion unb Sitte gel^eiligten 
©runbfäfeen ber fieimat getrost, — ba§ pe in bie ^eimat 
jurüdgefel^rt ift, bereut fie — : „2ld^, mär' id^ nie ge* 
fommen!" SDie alte unb bie neue ^tit bleiben unr)er= 
fö^nt, einanber untjerftänblid^ big über bag ®rab l^inaug. 

3n ber ©arfteHung beg SDid^terg ift bie neue 3^it 
auf Äojlen ber alten ganj eri^eblid^ unb nid^t ol^ne ten* 
benjiöfe 5parteilid^feit beoorjugt morben. S)er SBertreter 
ber alten ift i^ärter unb rüdftänbiger ate notmenbig. 
Slud^ in ben „realtionärften" Greifen finb SBäter, bie 
fid^ für befugt l^alten, il^re ^öd^ter jur ®l^e mit einem 
ungeliebten SUlanne ju fingen unb im SJBeigerunggfaHe 



— 165 — 

auf bie ©traße ja fefecn, bo($ woljl nur ganj au^* 
rial^m^roeife ju finbcn. ©bcnfo ift e^ anbererfeitö eine 
Qarti feltenc Sluönal^nic, roenn ein SRäbd^en feine Sin- 
fprüd^e auf inbioibueße greil^eit unb unbef(^ränfte ©elbft* 
bcftimmunö mit bem 9iu{)nte unb — bem aSerntögen 
einer $atti bemänteln unb unterftüften fann. STtipen 
iljrer Slnfd^auungen finb alfo beibe nid^t. 3n ber 2Birf:= 
Hd^feit pflegt e^ ben SKagbaö ganj anber^ ju ergefien. 
@rft tüxili^ {)at ein berartiger gaß bie meitefte iöffent* 
lid^feit bef(^ü[ftigt. S)a mar eine junge SRufiHel^rerin, 
bie üiel mit „mobemen" Sitteraten üerfei^rte unb fid^ 
babei aud^ bie ©runbfäfee ber unbebingten ©elbftbeftim- 
mung beö 3nbit)ibuumg unb nid^t julefet ber freien Siebe 
angeeignet l^atte. SBon bem einen aKanne blieb il^r bie 
©orge nm ein Äinb übrig, unb t)on bem anbern — 
aud^. J)er l^atte fie freilid^ l^eiraten moDen, aber feine 
3Kutter mollte baüon nid^t^ miffen, unb er fd^Uefetidf; 
aud^ nid^t. 2lfe ber SJlann fid^ nun jurüdfsog, alö bie 
materielle SWot, bie ©orge um ba« Äinb immer pl^er 
ftieg, ba ging baö tjerlaffene SKäbd^en in bumpfer aSer== 
jmeiflung ju ifim auf bie SBol^nung unb bebrol^te ifin 
mit bem 9iet)ofoer. 3)er brutale 3Kenfc[;, bamafö ©olbat, 
fd^Iug in feiner roal^nfinnigen 3;obcjSangft mit ber blanden 
SBaffe mie finnloä auf fie ein, fo ba§ fie in^ Äranfen^ 
l^au^ gefd^afft merben mu^te. "^ann fam fie in Unter* 
fud^ungg^aft unb bann t)or bie ©efd^morenen. ©ie mürbe 
freigefprod^en, meil bie milben Siid^ter il^r für ben 2lugen* 
btid beg fraglid^en ©elift« Unjured^nung^fäi^igfeit ju- 
billigten. SBor ©erid^t befannte fie unter 5E^rcinen, bafe 
fie jmar frül^er gnmbfäfelid^e „SKnl^ängerin ber freien 
Siebe" gemefen fei, bafe fie biefen Srrtum aber längft 
eingefeljen unb f(^mer bereut, nad^bem er fie in ba^ 



— 1(30 — 

tieffte Unglüdf fleftürjt f)abe. ©o fptid^t ba^ ßeften — 
eine nüd^teme, aber l^eilfam roamenbe, einbringlid^e 
©prad^e. ©le Ringt jwar minber fd^ön unb erl^aben 
unb großartig afö bie Sieben beö gräulein SWagba, ba* 
für f)at fie aber ben SBorjug ber SBal^rl^eit. 6« ifl 
nid^t^ mit ber 2luflel^nung be« einjelnen gegen baiS, mag 
ber SKHgemeini^eit l^eilig ift, aud^ bann nid^t, wenn mit 
ben ed^ten Heiligtümern mand^ t^örid^te« SBorurteit mit 
aufbemal^rt unb t)ere^rt mirb. SBer t)on nM allen barf 
benn gerabe für fid^ bie SBa^rfieit in 2lnfprud^ nel^men ? 
SBag ift 9Ba]^r^eit?I SBir fennen nur bie, meldte 
\m^ burd^ bie SWetigion offenbart, burd^ ©rfal^rung be* 
flätigt, burdö ©itte gel^eiligt ifl. ©o lange bie ©itte 
©itte ift, muffen mir fie minbeftcn^ refpef tieren , aud^ 
menn fie unferer überlegenen ®r!enntniö ate Qrrtum 
erfd^eint. SBir fönnen pe beffern, mir fönnen l^öl^ere 
ainfd^auungen anbal^nen motten, aber mir bürfen ba^, 
maö ber großen 3Kel^r]^eit unferer 3Jlitmenfd^en l^eilig 
ift, nid^t mit faltem ^ol^n unb ^rofe fd^cinben unb jer* 
bred^en. "i^ain l^aben mir fein SRed^t, benn mir finb 
nid^t im jlanbe, bie alten burd& neue SBerte ju erfeften. 
9leue flttUd^e SBerte (äffen fid^ nid^t ertrofcen; fie muffen 
mad^f en — langfam, mie ba^ ®xi in ber ^iefe. Unb 
e« giebt Sfißerte, bie üießeid^t nid^t immer befannt, aber, 
nad^bem fie entbedtt maren, ber 3Wenfd^l^eit aud^ nad^ 
Slcid^ten beö SBal^niS immer mieber aufgellen mie bie 
©onne am ^immel. 

SBir empfinben ein gemiffe^ üerftänbni^tJoUeÄ SRit* 
leib, vDtnn ba^ unerf al)rene , oom Sßater in bie falte 
^rembe üerftofeene SUläbd^en ber SBerfülirung jum Opfer 
fällt. 2)er ^Pfarrer l^at red^t: mir finb aUe arme ©d^äd^er 
unb follen meber verad^ten nod^ rid^ten. 2lber eg ift 



— 167 — 

eine parfe Suntututig^ roenn lüir in ber 2:i;atfad^e, baß 
ber SBerfül^rer ,,nid^t ber einjige" in bem Seben jene^ 
aRäb(§en8 war, irgenb eine SKrt ©eelengrö^e berounbern 
fotten. Unb ba« fd^eint gräulein SlWagba in ber S^at 
}tt beanfprud^en, ba fie erKart, fte fei „fid^ fetbft treu 
geblieben". SBie red^t l^atte bod^ il^r alter Sßater, bem 
gegenüber fie fid^ fo unenbtid^ erl^aben tjorfomntt, afö 
er fie baraufl^in fragte: „SÖBorin? 3|m ®uten ober im 
SBöfen?" — „3ln bem, mag — f ür mid^ — bag ®ute 
mar," meinte fie felbftbemufet. Sfiun, fie mag immer* 
l^in „bag @ute" für fid& barin erbliden, ba^ fie aU 
3Kutter eine« Äinbeö ungebunbenen SSerfefir mit 
ber SDJännermelt pflegt ; für un^ anbere „anne ©d^äd^er" 
finft fie bomit auf bie ©tufe i^rer ÄoUcginnen vom 
aSari6t6 ober 33allett l^erab, bie in puncto puncti genau 
fo — üorurteiteloö unb „gut" ju benfen unb ju l^anbeln 
pflegen, ^ätte fie un« ba« 93e!enntni« frül^er gemad^t, 
mir mürben mand^e il^rer fd^önen ©afee meHeid^t meniger 
ernft genommen l^aben. SKan fennt berlei gefäßige 
tl^eoretifd^e Feigenblätter, bie an be« 2titn^ nur ju 
üppig gtünem Saume geroad^fen finb! 

Snbeffen — t^un mir bem gräulein nid&t oieHeid^t 
bod^ unred^t, menn mir nur il^r ©elbftberou^tfein l^er« 
tjorl^eben? ©agt fie nid^t furj t)or ber Äataftrop^e: 
„©iel^, lieber aSater, id^ mill mid^ gern bemütigen vor 
bir . . . 3(^ bef tage aud^ alle« von ganjer ©eele, m e i l 
e« eud^ Äummer mad^t, benn mein ^I^ifc^ wnb 33lut 
gei^ört ja nun einmal ju eud^ . . ."? 3)a« ift etma«, 
aber menig unb eigentlid^ gar nid^td. @« ift mieber 
nur überlegene« 3Kitleib mit bem, il^rer 2lnfid^t nad^ 
ganj unbegrünbeten,. tl^örid^ten Äummer ber Sl^rigen. 
6« ift, ate menn fie fagte : ^ätte id^ mir ganj Kar ge* 



— 1G8 — 

maä)t, roxt furd^tbar befd^rdnft i^r alle fcib unb wie 
fcl^r i^r infolgebcffcn unter meiner ganj bered^tigten unb 
t)ernünftigen ^anblungiSroeife leiben n)ürbet, fo l^ätte id^ 
au& Snitteib mit eud^ unb eurer ungtaubUd^en 93efd^ran!t^ 
l^eit mand^ed im fieben medeid^t unterlajfen. @d fel^U 
bie ©rfenntniö, bafe ein „9led^t", beffen Slu^übung bie 
SRed^te anberer beriefet, Unred^t ift. Unb foHte ber SSater 
von feinem ftinbe nid^t oerlongen bfirfen^ ba§ eg ®e« 
fefee refpeftiert, bie nid^t nur i^m l^eißg ftnb, fonbem 
aud^ von ber ganjen cioilifierten 2Renfd^l^eit onerfannt 
werben? SBir finb alle üoneinanber abhängig, von Äinbe^* 
beinen an ; mir genießen alle bie SBol^Itl^aten ber ©efell* 
fd^aft unb beö^alb finb mir aud^ bie 3ld^tung vox il^ren 
©efeften fd^ulbig. 3)a6 biefe ®r!enntniö in bem ©tüde 
nid^t ftar ium 2lugbrudE fommt, ba§ 3Ragba bei allem 
©d^merj unb aller SBerjmeiflung innertid^ bod^ biefelbe 
bleibt, afe bie fie i^erfam, ba^ mag üieHeid^t in ber be* 
mußten aibfid^t be^ J)id^terg gelegen l^aben, muB aber 
von einer ÄritÜ, bie fid^ an epl^emeren ©mancipationg* 
ibeen nid^t genügen läfet, afe SWangel empfunben mer* 
ben. Um einen au^ ber aJlobe, aber nid^t auö ber 95e* 
beutung gefommenen 3lu^brud ju gebraud^en: eg fe^It 
bie tragifd^e fiauterung. — 

S)ie näd^ftfolgenben bramatifd^en ©d^öpf ungen unfereö 
SDid^terg: S)ie Äomöbie „S5ie ©d^metterlings* 
fc^Uc^t", ba§ ©c^aufpiel „3)a§ ©lüdfim SBinfel" 
unb bie unter bem ^itet „Morituri^ju einem 21^eater* 
abenb vereinigten brei ®inaf ter : „S^eja'', »^Jriftd^en" 
unb „2)a8 ®migs9Rännlid^e" fönnen einer eingel^en- 
ben 2lnalgfe entraten. ©ie bejeugen in ber üielfeitigen 
3KannigfaItig!eit ber 3[been unb ©rftnbung bie grud^t* 
barJeit beö ©ubermann'fd^en ^alente^, überbieö <iber 



— 169 — 

au($ ein erfolgteid^eg S3cftrebcn na^ eigettartiger 9lu§* 
Prägung. 3lu^ ber „©d^mettcrling^fd^lad^t" Dcrbient 
befonberg bic reijenbe Sadfifd^geftalt ber SRofi J^etöor- 
gcl^oben ju werben. „3)a^ ©lud im SffiinM" [teilt un«; 
eine jener Äraftnaturen auf bie Sfll^ne, wie fie ©uber= 
mann in bem gelben feinet 9iomanö „®^ mar" (1894) 
gejei(^net l^at. S)ie gamilienä^nlid^feit jmifd^en bem 
Seo ©eHentl^in ber epifd^en unb bem Äurt von SRödnift 
ber bramatifd^en S)id&tung ift unt)er!ennbar. 33eibe finb 
ei^araftere von überfd^äumenber SRaturfraft, unbejäi^ms 
baren unb unoermüfllid^en SebenS* unb ©lüd^inftinften, 
nur ifl bei lefeterem ber naio brutale ©goi^mu^ bi§ jur 
offenen 5Rud^lofigfeit gefieigert. — 3Son ben brei @in» 
aftern fd^eint mir ba^ marfig^büftere „^eja" ben ^ßrei^ 
JU üerbienen, „^tifed^en" bagegen auf ju fiinfäßiger 
Orunblage ju rul^en. S)a§ ein SBater feinem ©oi^ne 
bie üon il^m begel^rte ©attin mit ber 33egrünbung »er* 
meigert, er muffe fid^ juerft bie ^ömer ablaufen, unb 
jroar inbem er fie — anbern auffefet, ift bod^ eine jn 
gefud^te unb feltfame 5Borau§fe|ung für eine tieftragifi^e 
bramatifd^e ©ntroidflung. S)ie leidste unb flotte ßaprice 
„SDag ®n)igs3RännIid^e" wirb t)om 3)id^ter felbfl atö „ein 
©piet" bejeid^net. — 

©ine Überrafd^ung mar bie Slad^rid^t, ©ubermann 
l^abe fid^ in feinem neueften 2)rama einem biblifd^en 
©toffe, Sol^anneö bem 3;äufer, jugemanbt, unb nod^ 
größer mar bie Überrafd^ung, ate balb barauf verlautete, 
bag ©tüdE fei um eben biefeg ©toffeg mitten ©on ber 
ßenfur für bie Salinen t)erboten morben. 3Jun mufete 
man ja, bafe bie ^ßerfon ßl^rifti nid^t auf^ ^l^eater 
gebrad^t merben barf, unb biefe ^raji^ ift aud^ burd^* 
auö bered^tigt unb notmenbig. SBlber abgefel^en baoon, 



— 170 — 

bafe felbfl S^riftud fd^on iit öffentHd^en Sluffül^rungen 
bargcfteHt toorben ift, finb anbete ^perfonen an^ ber 
biblifd^en @efd^id^te unbeanftanbet auf ber S3ül^ne ge= 
btttbet töorben, e3 fei l^ier nur an ^thbtU „^uUtf)'* 
erinnert. SBarum alfo gerabe Sol^anne^ ber 3;äufer 
nid^t? Slber üielleid&t l^atte bie „2:enben}", ber ®eift 
beg ©tüde«, ba« 5Berbot üeranlagt ? SRid^t nur entl^ält 
bag 3)ranta an^ nid^t ba^ ntinbefte, wag ba^ religiöfe 
®efü{)l oerlefeen fönnte, fonbem eg ift im ©egenteil 
eine njürbige, t)on tiefem ©mfie getragene SBerl^errtid^ung 
ß^rifti, xoenn oon einer fold&en bem ^eilanbe gegenüber 
überi^aupt bie 9iebe fein fann. Setritt er au^ felbfl 
bie Sül^ne nic^t, fo ift er bod& ber geiftige 3KitteIpunft 
ber ^anblung, bie l^eilige Äraft, von ber bie ©tröme 
alle^ Sebeng au^gel^en. Unb je weiter jum ©d^luffe, 
um fo mächtiger empfinben mir feine ge^eimni^ooH be« 
feligenbe, meltüerjüngenbe SRäl^e. — 

3n ©eften jerfpUttert, in totem Sud^ftabenbienfle er« 
ftarrt, geiftig oon ben ^rieftern, politifd^ oon ben SRömem 
gefned^tet, fo l^arrt baö jübifd^e Sßolf in tiefer Trauer 
unb brünjliger ©el^ufud^t be§ SJleffiag. „SB^n ber SRömer 
nid^t f dalägt, ben fc^Ictgt ba« ©efefc." 3n meifter^dft 
entworfenen, ftraff unb fttapp gel^aftenen SSolföfcenen ift 
ber ©eift ber S^xt d^arafterifiert. 3lur bie ©timme be^ 
5Prebiger§ in ber SBüfte erfd^aflt, auf ben Käufer rid^ten 
fid& bie 33Hde aller. ®r aber weijs, ba^ er nid^t wert 
ift, jenem ©rofeen, ber nad^ il^m fommt, bie ©d^ul^= 
riemen aufjutöfen. 3n il^m lebt ba^ Silb beg (eud^ten- 
ben Süngling^, ben er im Sforban getauft l^at, aber 
feine Seigre fiat er nod^ nid^t begriffen, ©eroaltig prebigt 
er gegen bie 3WiBbräud^e ber Qzit, ©forpionen gelten 
oon feinem 3Kunbe aug miber bie SSerberbni^ be^ ^ßriefter« 



- 171 - 

tum^, aber er roeife nur SBimben ju fd^Iagen, nid^t fie 
ju l^eilen. ©ein 5ßrop]^etentum ifl nod^ t)om SKten S5unbe^ 
fein 2Reffiag nod^ ein iübif(^er SBoIfefönig, ber lommen 
wirb „mit golbenem ^anjer angetfian, btt§ ©d^mert ge* 
redt über feinem Raupte". S)a tönt an fein Dl^r jum 
erflenmat bie Seigre Don ber Siebe. @rf($üttert »er* 
nimmt er bie Sotfc^aft, aber ber, mel($er ba^ Sffiort 
gefprod^en, ©imon von ©aliläa, entf($n)inbet il^m, ol^ne 
ben SBranb ju löfd^en, ben er in feine ©eele gef($Ieubert 
l^at. aSon nun ab mirb ber fiarfe, jürnenbe 5ßropl^et 
fd^road^ unb unfid^er. 6r mirb irre an fi(^ felbft, unb 
ba§ 3SoIf an il^m. Unb gerabe jefet bebarf eg feiner 
Seitung fo bringenb. ^tnn ^erobeö miß fid^ mit bcm 
entlaufenen SBeibe feined SruberS, ^erobiag, öffentlid^ 
im 2;empel jeigen, ba^ Heiligtum im Slngefid^te be^ 
ganjen 3Solfeö f(^änben. 3lber bag SSolf miß ben greuel 
nid^t bulben. Sfißenn ^erobeä ba§ Unerl^örte magt, bann 
werben fie H)n fteinigen famt feinem Sfißeibe, unb Sol^anneö 
mirb ba§ 3^i^^" baju geben. 3lber il^n bewegen anbere, 
größere gragen: — — „SB er ift ^erobeS?" 3lad^ 
©alilciern fud^t er, ob il^n bereu einer nid^t über bie 
gefieimni^üoH erfd^ütternbe Sefire 3efu von SRajaretl^ 
aufHären tbnnk. Unb bie ©alitäer, bie er finbet, U- 
[tätigen il^m ba^ SBort von ber Siebe. 3)a§ l^abe 3efu^ 
geleiert: Siebet eure geinbe, fegnet, bie eud^ flud^en, 
bittet für bie, bie eud^ verfolgen. 

fierobe^ 1^ a t ba^ Unerl^örte gewagt, er i ft mit feiner 
SSul^Ierin im ^eiligtume beg ^öd^ften erfd^ienen. 3lber 
©teine in atter ^änbe werben ben greüet räd^en. So* 
l^annei^ brandet nur ben Anfang ju ma(^en. 3n banger 
Erwartung finb atter 3lugen auf il^n gerid^tet. ®r aber 
fielet wie abwefenb, in fid^ oerfunfen, auf ben X^mptU 



— 172 — 

ftufen. ®in Sünger brüdt il^m einen ©tein in bie 
Sanb. „SRimm ben ©tein!" flüftert er i^m j«. 3ol^anne§ 
fd^meigt „SBirf ben ©tein!" btangt er il^n leife. S)a 
rid^tet fid^ 3ol^anne§ nod^ einmal in feiner ganjen büperen 
®rö§e entpor tinb ruft ntit ftarfer ©timme : „3m Slamen 
beffen — " unb mill ben ©tein erl^eben. Slber wie jer* 
brod^en l^cilt er inne, Wfet ben Slrm finfen, unb qual* 
voU, J)alb fragenb entringt eö fid^ il^m — : — „ber — 
mid^ — bid^ — lieben l^eigt . . .?" Unb ber ©tein 
entfällt feiner fianb, unb ein leife« ©tonnen gel^t burd^ 
ba^ Qa\i&, unb bie ©d^ergen be^ ^erobed bemäd^tigen 
ftd^ be^ gefallenen 5prop]^eten. „SBe|e, mel^e!" ruft ba« 
aSott. 

@ine ©cene t)on munberbarer ©d^ön^eit, von mäd^tiger 
bramatifd^er SBirlung! 

3)ie ©ntl^auptung beg ^äufer^ mit i^ren befannten 
naiveren Umflcinben ifi vom S)id^ter burd^ üerfd^mä^te 
ßiebe ber ©alome motiviert morben. Sol^anneS, ber 
einjige 9Rann, ju bem fie auffd^auen mujs, ju bem fie 
in Seibenfd^aft entbrannt ift, flö^t fie von fid^. ©tolj 
unb Siebe^glut bürften in biefem jungen menfd^lid^en 
2:iger mit gleid^cr Oier nad^ ©ättigung. SBenn ber 
Oro^e bemütig flel^enb auf ben l^arten ©teinfliegen t)or 
il;rem ©tolje fnien mirb, bann uieHeid^t mirb il^re Siebe 
il^m üerjeil^en. 3lber ber ®ro§e fniet nid^t. SDa^ @in* 
jige, wag er in biefem 2tbzn nod^ erwartet, ift bie 
3iMh^x ber Soten, bie er ju Sefu gefanbt l^at, i^n 
ju fragen: „Sift bu ber, ber ba fommen foH, ober 
foHen wir eineg anberen märten?" S5ie Slntroort, nad^ 
ber feine ©eele led^jt, mirb i^m nod^ red^tjeitig ju teil : 
„©efiet l^in unb faget 3|o^anni mieber, mag il^r feilet 
unb Ijöret. 3)ie Slinben feigen, bie fial^men gelten, bie 



— 173 — 

Slu^fäfttgcn werben rein, bie Stauben frören, bie SJoten 
[teilen auf, unb ben Slrmen wirb bas ©oangelium gc« 
prebigt." „2)en Slrmen? fo fagte er?" — „3a, fo 
fagte er/' Unb nod^ ©ine^ fagte er: „©etig ift, ber 
fid^ nid^t an mir ärgert." S)o(^ biefcs SBort t)erftanben 
bie Soten nid^t. 3>o^anne^ aber üerftel^t e^ roo^I, benn : 
— „3 d^ l^abe mid^ an il^m geärgert, benn id^ ernannte 
i{)n ni(^t . . . 3lu§ niemanbe^ 9Runb barf ber SRante 
©d^ulb ertönen, nur au^ bem aWunbe ber ßiebenben. 
^ä) aber rooHte eud^ weiben mit eifemen SRuten ! SDarum 
ift mein Sleid^ ju ©d^anben morben unb meine ©timme 
ift üerpegelt ... ®in 2^l^ron ift l^ernieber geftiegen vom 
Fimmel mit geuerpfeitem. S5arauf fifeet in meinen 
Kleibern ber ^ürft be^ ^ieben^. Unb fein ©d^mert 
l^ei^et ,ßiebe*, unb ,®rbarmen' ift fein ©d^Iad^t* 
ruf . . ." 

©efafet fd^reitet er jum 2^obe. „SRun, bitte mid^!" 
forbert i^n ©diome .nod^ einmal auf. Slber er 
fielet läd^elnb über fie l^inmeg. „SKutter, er bittet 
nid^t?" — 

3nbe§ baö mal^nmifeige SUläbd^en l^inter ber ©cene 
baö rollenbe $aupt be§ Käufers in grauenl^aftem ^anje 
auf ber golbenen ©d^üffel fd^mingt, ^erobe^, von ©d^auem 
gefd^üttelt, mit feinem teufüfd^ läd^elnben SBeibe biefe^ 
©d^aufpiel beobad^tet, fein römifd^er ®afl, ber ßegat 
aSitcßiu^, ben greuben beg 3Jlal^leö mit tierifd^er ©tumpf^» 
l^eit meiter fröfint, inbe« erfiebt fid^ brausen, immer 
lauter anfd^mettenb, ein ^ofiannarufen ! „^ofianna, l^o* 
fianna bem Äönig ber 3uben!" Unb man fielet bie 
S)äd^er mit 9Jlenf(^en belaben, unb auf S)äd^ern unb 
©trafen werben ^Palmenjmeige gef d^mungen , unb ba^ 
^ofianna be^ SBölferfrüi^lingg brauft mä^tig empor ju 



- 174 — 

ben blutbefledften ^ßtunlgemäd^ent einer Derrotteten, tnU 
arteten SBelt. 

3d^ n)ill l^ier von bem bebeutenben Aunftn)er!e ein« 
mal ganj abfegen, obgleid^ biefe grage bei einem Xxama 
bod^ mol^t bie entfd^eibenbe ift. älber ani meld^en^ bem 
befd^ranften Untertl^anenöerftanbe gang unerfinbUd^en 
©rünben wirb benn ein ©tüd vtxbotm, baö in fo l^er* 
t)örra9enbem SWafee ben bered^tigten Älagen über bie 
SSermal^rtofung , bie Sntfittlid^ung unb ©ntd^riftlid^ung 
ber SSü^nen entgegen? ommt , ba^ nur geeignet ift, bag 
retigiöfe Oefül^l ber 3Raffen ju roedfen ? 3Jlan Ilagt unb 
jammert über bie franjöfifd^en Unfittenbramen, unb feine 
©enfur benft baran, fie ju oerbieten. Äommt aber ein 
JDid^ter mit einem tiefreligiöfen, von mal^rl^aft d^rift* 
lid^em ©el^alte erfüllten SBerfe, bag „nebenbei" nod^ ein 
bebeutenben Äunftroerf ift, fo mirb i^m bie SBül^ne ge« 
fpcrrt. äBenigftenn bin auf weiteren. Snjmifd^en ift ja 
ban ©tüd auf aUerl^öd^ften Sefel^t freigegeben morben. 
3d^ glaube gern, ba§ eiujelne 5ßerfonen an berartigen 
3Jli6griffen weniger fd^ulb finb atn ber in 5ßreu§en 
i^errfd^enbe bud^ftabengläubige gormalinmun, ber bureau« 
Iratifd^e 3opf gan§- im allgemeinen. 'iQann aber ift man 
mirflid^ T)erfu($t, ein oben gebraud^ten SQBort ba^in ju 
änbern: „SBen bie ©ocialbemofratie nid^t f dalägt, ben 
f dalägt ban — ©efefe!" 3Wan bebenfe aud^, mie ah 
fd^redenb fotd^e Seifpiele auf bie übrige ©d^riftfleHer« 
melt mirfen müf[en. ^u feinem 5prioatoergnügen ober 
nur aln SBud^bramen fd^reibt bod^ mol^l niemanb 21^eater* 
ftücte! 

©d^on bei ben früi^eren S)id^tungen ©ubermannn 
mirb fid^ bem Sefer eine 83eobad^tung aufgebrangt i^aben, 
bie fid^ beim „3lol^annen" fd^led^terbingn nid^t langer 



- 175 — 

untcrbrüdfen W§t. Qd^ meine ba^ SRiefefd^e'fd^e ©Ic« 
ment in feinen SBerfen, ober rid^tiger bie oielfad^e 33e* 
frud^tung unb SKnreflung, bie ber S)id^ter vom 5p^iIo- 
fopl^en ber ^errenntoral empfangen l^at. ©ubermannS 
SBerl^ältnig iu 5Rie|fd^e ift nid^t gerabe baö be^ Süngerg 
}U feinem 2Reifter,(im Sofianne^ fogar ein üöHig felb^^ 
ftänbige§, ja gegen) äfelid^eO 91^^^ ^^^ geiftigen %üf)U 
fäben leiten aud^ l^ler auf ben aSerfaffer beg 3^^<^tl^wftra 
jurüdE.;^ ®« ift in ber 5E^at ber „©Haüenaufftanb in , 
ber 3WoraI", ber fid^ in bem ©tüdfe t)oIIjie{)t, nur er« 
fd^eint er l^ier nid^t afe ein ©turj t)om ^öi^eren ins 
ajiinberroertige , fonbern alg ber ©ieg be^ Seben^ unb 
beg Sid^te^ über eifige SBinterftarre «nb graufe ginfter* 
ni^. ©ubermann gel^t alfo mit SRiefefd^e von bemfelben 
fünfte au^, aber nad^ genau entgegengefefeter Stid^tung. 
Sol^anneö ift von 5Ratur „^errenmenfd^", tUn barum 
aber jerbrid^t er an ber neuen, übermäd^tigen Seigre. 
9lur mit fid^tlid^em SBiberftreben beugt er fid^ il^r unb 
ju fpät erfennt er i^re üofle SBafirl^eit. 3)a§ befeligenbe 
aBort „Siebe" — i^n verfolgt e^ mie $in glud^, ber 
il^m Äraft unb SDJut jermürbt. @r l^ört e§ oon ber 
armen grau an^ bem aSoHe, unb felbft von ben gif* 
tigen Sippen ber ©i^ebred^erin, ber ^erobiai^, fd^attt eö 
il^m feinbfelig entgegen : „SBer fid^ oermeffen miH, über 
^enfd^en ein SWid^ter ju fein, ber mu§ teill^aben an / 
if)xtm %i)nn unb menfd^ti(^ fein unter SUlenfd^en . . . 
2)u l^aft bid^ vox jeber ©d^ulb feig in bcine Oben ge* 
fd^Hd^en unb fried^ft nun l^eroor, um anbere fd^ulbig ju 
nennen. 3)id^ l^at ber ©(utroinb in beiner SBüfte vxtU 
leidet ba^ Raffen geleiert — wa^ meifet bu oon benen, 
bie leben unb fterben um il^rer Siebe mitten?" Slber 
ttid^t leidet, nid^t miHig giebt er fid^ gefangen. 3Hit 





I 

l 



— 176 — 

ßrimmcm Saxat^u^a'^o^nt wel^rt er ftd^ gegen bie 
frembe^ i^n a&ertDätttgenbe Tta^t, bie i^m unl^etmlid^ 
ift »eil jte i^m fremb ifl: „SBifet ü^r, in weld^e« ®e* 
n)anb ftd^ bie @ünbe Domel^mlid^ ' Heibet , xomn fie 
unter bie £eute gel^t . . . ^ivt unb behaltet t8: £iebe 
nennt fte ftd^ am Hebften. SUIei^, xoa& Kein ift unb fid^ 
budt, weil t& f(ein ifi; n)aiS bie SSrofamen t)on feinem 
S^ifd^e wirft, um nid&t mit ben Sroten §u werfen ; wa« 
bie ©röber jubedt, bamit fte l^eimlid^ ftinlen ; mad fid^ 
ben S)aumen ber Unlen ^anb abl^adft, bamit er }um 
3)aumen ber redeten nid^t fage: fjütt bid^, — ba^ aHeö 
l^eifeen fie Siebe . . . Unb Siebe f)ti^m fie , wenn im 
?5rül)Iing bie ®fel brünfüg werben unb bie ^inbinnen 
fd^reien; wenn ein SBeib f eiber am 3lbenb bie ©teine 
jufammentrögt, mit benen ba8 SBolI fie töten wirb am 
ajforgcn, \m barauf ju bul^len ; unb bad SBeib fprid^t : 
©ielie, Siebfier, wie ift unfere Sage fo füfe ! S)a8 nennen 
fie Siebe." — 

Sftegine im „Äafeenfteg", SBiHp 3fanifow in „©obomd 
(gnbe", aWagba in ber „^eimat", Seo ©ettentl^in in 
„(gg war", Äurt von SRödfnife im „Olüdf im SBinfel" 
— fie alle unb nod^ anbere mel^r pnb mit einem unb 
jum S^eil mel^r atö einem S^ropfen ß^tatl^wft^^i'äöl«^ g«* 
falbt. ©ubermann ift ein S)id^ter ber Sßoral be^ ein» 
jelneni)^womit nid^t gefagt, bafe er aud^ il^r 2lpoftel ift. 
®iebt e^ ein fd^önere^ 33orred&t be« S)id&ter^ afe baiS, 
aus ©iftblumen ^onig ju fangen? Sßid^t immer war 
e^ reiner fionig, waö er und gab, auS mand^en feiner 
2)id^tungen ift baö ©ift nid^t fo ftreng auögefd^ieben, 
wie e^ ju wünfd^en wäre, ©eftalten wie SWagba oer» 
raten nod^ ben fumpfigen 33oben, auf bem fie gewad^fen 
finb. aWit bem 3>ol^anne^ aber barf ber Äampf jwifd^en 



— 177 — 

alter unb neuer SRorat, in bem bcr S)id&ter rool^l felbji 
langete 3eit. unentfd^ieben gefd^tüantt l^at, enbgültig für 
if)n entfd^ieben fein. 3)lit biefem SBerfe l^at ®uber= 
mann einen SSorfprung oor feinen mitftrebenben beut= 
fd^en ÄoHegen gewonnen. S)a^ ift benn bod^ greifbarer 
afe ba^ ftimmungöoolle^ aber unHare, nur l^alb vtx^ 
fiänblid^e SaHen ber in einem ©ee Iprifd^er ©d^önl^eiten 
— „Derfunlenen ®lodz". 3d^ oerfenne ble aJiängel beö 
©tüdtö feine^^roegS. 2)ennod^ fann id^ mein anerfennen* 
be^ Urteil nid^t jurüdfnel^men, trofebem eg nur von einer 
fleinen SRinberl^eit ber Äritif geteilt wirb. 3d^ roeife 
fo gut mie anbere, ba§ biefeg ©ubermann'fd^e S)rama 
nid^t 2U ben „eroigen" SDleifterroerfen ber SBeftlitteratur 
gel^ört, bafe namentUd^ bie ißauptgeftalt auf ber 33ü^ne 
nid^t mit ter aWad^t unb SBud^t fid^ auflebt, mie fie e^ 
etwa unter ben gewaltigen ©riffen eine^ ©l^atefpeare 
getl^an l^ätte. 3lud^ tritt baö eigentlid^e Qol^anne^problem 
je weiter beffo me^r l^inter ben 33orgängen am ißofe 
be^ ^erobeö in ben ©d^atten. Soljanne^ — 3luge in 
2luge mit i&erobe^ unb feinen Derrud^ten SBeibem, — / 
er fonnte „größer" fein, geroife. S)eö S)id^terg Sntereffe, 
oieHeid^t feine Äraft für il^n erlal^mt, bie 2)ecabence5^ 
geftalten beg jübifd^en ^ofe^ liegen il^m nad^ feiner 
bid^terifd^en SBergangenl^eit nä^er. 2l6er alle biefe aWängel 
im einjelnen t)ermögen bod^ ben t)ornel^men Oefamt* 
einbrudE beö 2)ramag nid^t }u Derroifd^en. inmitten beö 
gärenben SBufte^ unreifer unb Derroorrener (gmancipa* 
tion^bid^tungen bebeutet e« entfd^ieben eine erfrifd^enbe 
©rfd^einung, eine bemühte SBertiefung in roeltgefd^id^t« 
lid^e ^Probleme gegenüber ber oben, unfrud^tbaren (Sin* 
tag^auffaffung unferer fogenannten „3Wobeme". 6^ ift 
unb bleibt, afe ©anjeö betrad^tet, ein reifeö, abgelWrte^ 

p. ®rott^iig, ^roMems unb S^araCtcrCJpf«. 12 




— 178 — 

Äunfttoerf, tief in bet 3bce, einfad^ unb grofe im auf* 
bau, fd^arf in bet Sl^arafteriftif , reid^ an geifboDen 
®ebanfen unb fprad^Itd^en 9teiien. 

S)ie aSorliebe beiS 2)id^teriS für baiS Problem ber 
inbiDibualtflifd^en 9RoraI erflärt ftd^ etnigemtagen au^ 
feiner ;)erfönlid^en unb bid^terifd^en iQeimat. SBie QanpU 
mann in ©d^Iefien, fo feft njurjelt ©ubemtann in Oft* 
preufeen. 3(ud^ bie nod^ ju erroäl^nenbe berb*fentimen= 
taIeSßot)ette „^olantl^eg i&od^jeit" fpiett bort. 3ft 
baö an ftd^ fd^on ein ebenfo frud^tbarer wie Jungfrau* 
Hd^er poetifd^er 33oben, fo mußten ben SJid^ter bie am 
ooHfien ausgeprägten ^ßerfönlid^feiten am meiften reijen, 
nämlid^ bie „©errennaturen" ber oftelbifd^en abefigen 
unb bürgerlid^en „Sanier". 9Kit ben inbioibuetten 
ßl^arafteren brängte fid^ aber baö ^Problem ber inbim* 
bueHen 9KoraI oon felbft auf. ©ubermann ifl trofe 
feiner liberalen 2lntecebentien aU el^emaliger Slebafteur 
beö SRidtert'f djeu „SDeutfd^en Sleid^öblatteg" fein ^unfer^ 
liaffer. 6r ift Diel ju fe^r S)id^ter, ate bag er nid^t 
el^er eine auggefprod^ene ©i;mpatl^ie mit ben beoorjugten 
Seppen feiner poetifd^en SBBelt empfinben foHte. 

aWan pflegt Hauptmann unb ©ubermann gern ju* 
fammen ju nennen, 68 liegt mir fem, jroei oerfd^iebene 
bid^terifd^e Snbioibualitäten gegeneinanber abwägen unb 
bie grage entfd^eiben ju motten, meld^er oon beiben ber 
„größere" ift. 2lber ein paar SBemerfungen finb oiel- 
leidet erlaubt: Hauptmann betrad^tet bie S)inge mel^r 
im einjelnen, ©ubermann mel^r im ganjen, in il^rem 
großen ß^f^mmenl^ange. Qener ftrebt mel^r nad^ 333 irf- 
lid^feit im 2)etail, biefer meljr nad^ SBal^rl^eit im 
©rofeen. ©ubermann ift mel^r SBeltmann, Hauptmann 
mel^r 2^raumer. @ö finb ja bie X^räumer, meldte ba^ 



— 179 — 

®ro8 iDttc^fen unb netfuntene ©[öden läuten Ritten, nur 
roiifen Re ^fiupg ntii&t — too? ^Qitptmann ^af me^t 
39eo6ai$tung, @uberntann ine^ äußere unb innere 
®rfa^runfl. Unb baS fommt roo^l bafier, bafe jener 
bie „graue nerfi^Ieierle %r:an" niematä fo red&t gefannf 
^at, bie (Subermann fo lange ^a^xt tiinbuid^ eine treue 
greunbin unb unjertrennlic^e ©enoffin roat — bie „grau 
©otfle". 




ilitöarh Boi 




^ tfl nid^t gattj leidet, bie SteDung ^u bejetd^nen, bie 
5^^ SRid^arb 33o6 im ©cfd^madtc unfercg ^publifumö 
einnimmt. 3m 3)rama rei^t er l^in, im Sloman feffelt 
unb fpannt er ; feine l^o^e bid^terif dbe Segabimg mirb t)on 
niemanb geleugnet — unb bod^! Unb bod^ Ija^tet allen 
©inbrüdten, bie 3uWciuer unb fiefer t)on feiner 3Kufe ge- 
minuen, üxoa^ grembe^ an, baö ®eift unb ©emiit fid; 
nid^t affimilieren fönnen. Slid^arb SBo^ fd^Iägt ein, aber 
er bringt nid^t burd^. 2)a§ 5ßubUfum giebt fi($ ben 3111«=* 
brüd^en feinet bid^terifd^en ©eniuS mie einem SRaufd^e 
l^in, beffen 3Jlad^t e§ fid^ meber entjielien miß nod^ !ann. 
aiber biefe SBirfung ift jum großen Xtil eine äufeerlid^e, 
feiten eine nad^tjaltige. ®ine innere Stimme erl^ebt 
Sffiiberfprud^. 

SBoran liegt baö? 3ft SBofe etroa fein mobcrner 
S)id^ter, fein moberner aWenf d^? ©emife ift er ba§ unb 
er ift e^ fogar im l^öd^ften SRafee. @^ finb mobemc 
Äonflifte, bie von i^m in mobernem ©eifte be^anbelt 
werben. 9lber ba^, xoa^ if)m eigentUd^ bie fersen feiner 
3eitgenoffen auffd^liefeen foHte, ift bod^ jugleid^ ber tieffte 
©runb, roe^^alb er pe nid^t befriebigt. 6r felbft ftedtt 
nod^ ju tief in beu Äämpfen be^ S^^tl^unbertS, er felbft 



— 181 — 

ringt notf; ju fel^r mit beffcn S^tümcrn, um anbeten 
ben SBeg jum QkU ju reifen. @r ift jii fel^r aWit* 
fämpfer, um gcnügenb ^ßropl^et ju fein. ®r fielet in 
bcr 3^it, abermid^t über il^r. 

Sie treibcnbc unb d^arafteriftifd^e Qbee unfereö ^a^v^^ 
l^unbert^ ift bic ber ®mancipotion — ber ®mancipation 
t)on ben altJ^ergebrad^ten Segriffen unb Slnfd^auungen 
in politifd^en, fociaten unb religiöfen Singen. S)iefe 
3bec f)at leinen begeifiertcren ©ängcr unb SSerfünbiger 
afe aSofe. Überall tritt er für fte mit fieibcnfd^aft in 
bie ©d^ranfen. Slber inbem er fid^ il^r ganj mit ®eifl 
unb igerjen l^ingiebt, inbem er fid^ ganj in ben 3)ienft 
ber ©egenroart flcllt, mirb er ungered^t gegen SBer* 
gangcnl^eit unb Bw^hi^f*/ ^^^"^ ^^ ^Partei — fd^manft 
unter il^m ber 33oben beö l^iftorifd^ ©eroorbenen unb 
Sered^tigten, ber pofttiocn ^[beale ber aWenfd^l^eit. SWan 
follte meinen, ba§ gerabe biefe rüdt^altlofe Eingabe an 
ben ®eifl feiner 3^it i^"^ ^^^ voUtn @rfoIg menigftens 
bei ben 3^ ^^ genoffen fidlem mtt§te. Slber e^ ift 
bem bod^ nid^t alfo. 2)ag aRenfd^enlierj fud^t in att 
feinem ©türmen unb 2)rängen nad^ etmaö SBIeibenbem 
unb 5ßofitioem. 3)ie 3^it felbpt l^egt l^eimlid^e^ aWife« 
trauen gegen il^rc eigenen 3been, l^eimtid^en S^^^H 
an beren SRid^tigfeit. @g ift ben 3^itö^"offen nid^t 
bamit gebient, bafe il^nen in ber 2)id^tung bie tefete 
Äonfequenj, baö fertige ®rgebnig if;rer eigenen unfertigen 
2;i^eorien t)orgefefet wirb. SDiefc 3:l^eorien bieten feinen, 
genflgenb feften Orunb für bag gemaltige, meitaug* 
fd^auenbc ©cbäube beg Äunftmerfg, für ben Slu^blidE 
in bie (gmigfeit, ben mir in jeber großen S)id^tung ju 
fud^en gemol^nt finb. ©o lommt e^, ba§ mir oon ben 
SBoB'fd^en SBerfen gleid^jeitig angejogen unb abgeftogen 



— 182 — 

loerben ; bag xcix bei feinen 2)ramen aufrufen möd^ten : 
//@o ifi ed, unb fo tfl ed bod^ loieber nid^t! S)ad 
wollen wir, unb bad raoQen xoii bod^ wieber nid^t!'' 

SBenn 93og uniS in feinem @d^auf]»ie( ,,@t)a" bie 
®en)if[en(oftgfeii fd^Ubert, mit meld^er ber Sßann meib« 
Ud^e 3Befen Derfül^ren unb )U @runbe rid^ten fann, 
ol^ne ba^ biefed äJerbred^en t)on ber l^eutigen ©efeUfd^aft 
überl^aupt, gefd^meige benn gebül^renb, befhoft mürbe, 
mö^renb fte bod^ bie gefallene ^^rau mit erbarmungd^ 
lofer iQärte t)on fid^ au^f daliegt, fo empfinben mir mit 
bem S)id^ter in biefem 3uftanbe eine fociale Ungered^tig« 
feit, empören mir und mit il^m gegen einen ^reoel, 
ber taufenbfad^ ol^ne entfpred^enbe @ül^ne geübt mirb. 
SBenn er aber bann ben 9){ann burd^ bie ^au, ben 
älngellagten burd^ ben lt(äger rid^ten, menn er ben 
aSerfül^rer SJül^ren burd^ bie SSerfül^rte ©oa o^ne Um* 
{länbe mit ber pfto(e nieberfnaOen lägt, fo erb(idfen 
wir barin feine ©ül^ne, fonbern einen neuen gret)el, 
fo menben mir und fd^aubernb ab oon bem ©ebanfen, 
bag ber ^Begriff oom gleid^en Siedete ber @efd^(ed^ter 
jemate in biefer SBeife oermirfUd^t werben fönnte. 

68 ^anbelt fid^ um eine „©riinbung". ®raf S)ül^ren 
l^at feinen Siamen ju einer ©pefulation l(iergegeben, bie 
pd^ ald gänjUd^ fd^winbelliaft erweifi. 3n bem Slugen* 
blidte, wo bad Unternehmen jufammenhad^t unb mit 
feinen 2;rümmern il^n unb feine S^od^ter ©oa ju oer* 
nid^ten brol^t, tritt ber gabrifant ^ol^anneS Hartwig 
mit feinem ganjen SSermögen für il^n ein. S)er @bel* 
mut ^artwigg mad^t auf @oa einen ebenfo gewinnenben 
ßinbrudf, wie bai8 mel^r als jweibeutige SBer^alten il^red 
aSerlobten, beg ©rafen ®Umar S)ül^ren, fie an biefem 
irre werben lägt. SRafd^ entfd^Ioffen , l^eiratet fie ben 



— 183 — 

gabrifonten, her i^r fd^on fett (ongcm innige ßiebe 
entgegenträgt, Slber i^r ißerj f)at bei biefem ©ntfd^Iuffe 
nid^t mitgefprod^en, unb atö @Uniar fie nad^ Qal^ren 
wicber befud^t, i^r feine ganje Seibenfd^aft entl^üttt, 
ba gefielet fte i^rem (Satten, ba^ fie il^n nur f^aM 
aWitleib" gel^eiratet l^abe. ©ie trennt fid^ t)on il^m 
unb bejiel^t eine SBol^nung, bie i^r t)on ®tiniar jur 
aSerfügung geftellt n)irb. S)iefe SBol^nung aber ift bie« 
fetbe, bie ber Oraf für feine frül^ere ©eliebte eingerid^tet 
l^at, bereu er bann überbrüffig geworben ift, ebenfo 
n)ie er @t)aö aOfmäl^Hd^ überbrüffig ju werben beginnt. 
Sloinette, jene« vom ©rafen t)erfül^rte junge SRäbd^en, 
öffnet ber @t)a bie 3lugen über bie wal^ren 2lbfid^ten 
©limar«, ber ein fo auögemad^ter ©d^urfe ifi, wie nur 
jentatö einer bie SBretter befd^ritten l^at. ®Ieid^ barauf 
erfd^eint ber ®raf, beffen SBerl^alten bie Slngaben 
Soinetteö DoOfauf beftätigt. ®r fud^t @oa ju bewegen, 
wieber ju il^rem ©atten jurüdtjuf eieren, ba er fonfl 
,,nid^t weife, waÄ werben foH". 2)aj5 ift benn fd^tiefelid^ 
aud^ ber nid^t gerabe fd^arffinnlgen @oa }u t)iel: 

„!3d^ will bid^ fragen", erllärt fie, „forbern will id^ 
t)on bir : an ntir ju f ü^nen, waö bu an mir t)erbrodf;en 

l^aft nein, nid^t an mir, fonbern an meinem 

Äinbe. S)enn bie grau, bie ben Sßamen jeneiJ ©liren* 
l^aften gefül^rt l^at, barf üor ber SBelt nid^t nod^ mel;r 
mit ©d^anbe befledft bafteljen; ba^ Äinb, ba^ id^ biefem 
aJianne geboren l^abe, barf nid^t eine Söfutter befifien, 
bie beine SRaitreffe gewefen. 3Wag bann au« mir werben 
wa« wiH — tjorl^er Derlange id^ Don bir, mir mein 
äted^t }u geben. 

©limar. 3)ein Siedet — 

@t)a. ©rl^ebe beine i&anb unb fd^wöre, bafe bu 



-^ 184 - 

mid^ §u beinern SBeib mad^en wittft, ober — (flüi^t auf 
ha& ^iftol 2u). 

©limar. Ober toa« tolHjl bu mit bem 

^iftol? 

(Soa. 3)u unb beineiSgleid^en , il^r jagt und in 
@d^anbe unb Xoh; bu unb beinedgleid^en , il^r lebt 
totittt, fd^änbet xotittx, ntorbet nieiter. Unb ed giebt 
für eureiSgleid^en fein ©erid^t, feinen Urteitöfprud^. ®r* 
^ebe beine fianb unb fd^roöre, ober id^ fd^affe mir felbft 
mein Siedet, ba« SRed^t ber SßJieberoerfleltung. 

©limar. S)u bifl oon ©innen. 

®oa (gel^t auf i^n ju). ©d^roöre fd^wöre! 

®Umar (roilb). SRein! 

©oa. Sluf beine ©eele bie »tutfd^ulb! (3)rüdft loÄ; 
@(imar ftö^t einen ©d^rei au^, flürjt rüdlingd l^in.) 

2; i n e 1 1 e (ftürjt l^erein). SBad l^aben iSie getl^an ? 
3^n getötet! 

@ a (ben älrm mit bem ^iftol ^od^ erhoben). ® u 
rid^tet!" 

2)er 3lefl ift — 3u<ä&tl^auö wegen be« aWorbe«. SBon 
SRed^td wegen vxiX^\t biefe ed^t franjöftfd^e ©cene aud^ 
franjöfifd^e golgen l^aben, nämlid^ — gar feine. 3fn 
granfreid^ unb Slmerifa werben bie S)amen, bie fid^ 
in biefer SBeife bie irbifd^e unb götttid^e Oered^tigfeit 
anmaßen, in ber SReget freigef proben, ^ier ging bad 
nun aUerbingd nid^t gut an^ benn i% giebt no(^ 9%id^ter 
in S)eutfd^lanb. @d wiQ mid^ aber bebünten, ba| Soa 
überliaupt nid^t jur Städterin il^reö Oefd^led^td berufen 
ifi. 2)enn bie fieid^tfertigfeit, mit ber fie il^ren (Satten 
oerläfet, nad^bem fie feit 3fal^ren ben frül^eren ©eliebten 
jum erften SRale roiebergefel^en l^at, ift bod^ eine etwad 
reid^Hd^e. grau @t)a fprid^t mit ungel^eurem ^atl^oÄ 



«itljarii Uo(i. 



— 185 — 

von ber SSevroorfenl^cit bcr SDJanncr, roetd^c arme aJIäbd^en 
unb grauen ins Unglüdf ftürjen. ©d^tiefelid^ berul^en 
bod^ biefe SBergel^en auf ©cgenfeitigfeit, unb xotnn n)ir 
nur TOünfd^en fönnen, bafe bte bramatifd^e ©ered^tigfcit 
aud^ ben l^äufig fd^ulbigeren männlid^en Xtil ereilt, fo 
möd^ten mx bod^ ben SKd^ter nid^t in ber ^ßerfon be8 
gleid^faH^ fd^ulbigen 3lnKäger8 t)erlörpert feigen. 

@in anbere^ Seifpiet: 

spater SRobeflu^ in bem gleid^namigen 2)rama 
unb bem benfelben ©toff bel^anbelnben SRoman „3)ie 
©öl^ne ber SBilbniö" miberfefet fid^ mit SRed^t einer 
Äird^e, bie jwei fid^ liebenbe $ei^en nur be^l^alb trennen 
miH, meil bie @Item ber beiben über Sleligion unb 
^olitil t)erfd^iebener Söfeinung finb. Söfit SRed^t entreißt 
er bem Älofter ein junget aRenfd^enfinb, bai8 mit allen 
gafern am Seben l^ängt unb feinerlei 33eruf jur SRonne 
in ftd& fü^K. SBir entrüften unö el^rlid^en ^erjenö mit 
bem 2)id^ter gegen ben ©ebanfen, bafe SBerfd^iebenl^eit 
beö ©laubenö l^inreid^en follte, SKeufd^en für immer 
ooneinanber }U trennen, bie fid^ von gangem ißerjcn 
jugetl^an finb ; bafe bie ©emalt, ju löfen unb ju binben, 
ju fegnen unb ju t)erbammen, gemipraud^t werben 
fönnte, um bie ewigen göttlid^en SRed^te unb ©efefee 
ber SRatur ju unterbrüdfen. SBie aber, wenn SBofe biefem 
betrübenben Silbe eine Oefellfd^aft ganj ol^ne Äird^e 
unb SReKgion gegenüberflellt ; wenn er ben 5ßrieflem 
jurufen läfet : „SBerft eure 3lofenfränje fort unb ergreift 
ftatt beff en bie ^Pflugf d^ar ; werbet an^ SBetem Arbeiter, 
aus aRönd^en — ajfänner, 3Jlänner, wie biefe 3^^ fi^ 
brandet, flarl unb feft gefügt, werbet nüfelid^e SRitgtieber 
ber ©efellfd^aft, getreue Sürger beg ©taateg!" — 
ftimmen wir aud^ ba mit il^m nod^ überein? ©offen 



- 186 - 

iDtrfHd^ von ber Srbe ade biejenigen Derfd^tPtnben, beten 
attdfd^Ueg(id^et Seruf t» ifi, boS SBort ©otted }tt ptebigen, 
bie ©QidUid^en ju mahnen unb bte UnglücHtd^en }u tröften, 
bie @tol}en }tt beugen unb bie ^d^wad^en aufjurtd^ten ? 
@oD n)itl(i(!^ jebe ftd^tbare SSerfütpentng bed Üteid^eiS 
©otted auf @rben jerftdrt werben? @oO eiS, fann eiS 
überl^aupt jemoli^ leine Sieligion mel^r geben? Stein, 
mit @ntfd^iebenl^eit oermetgem wir bem 3)id^ter bie 9lad^« 
folge auf biefen Srrpfaben, mit ©ntfd^iebenl^eit erl^eben 
mir SBiberfprud^ gegen ben Dermegenen 92euerer, ber 
bad Heinere ttbel burd^ ein grögered erfe^en miE. 

S)ad ftnb nur jmei S3eifpiele fiir bie miberfprud^iS:» 
Dotten SBirfungen ber SBofe'fd^en SWufe; fie tajfcn fid^ 
nid^t auf alle, aber auf t)iele SBerle anmenben, auf bie 
SKel^t^al^l ber jenigen, meldten bie Eigenart SBofe' il^r 
©epräge aufgebrüht l^at. 

S)ie eigentilmlid^e, il^ren Eingebungen unb ^mpulfen 
miberftanb^loö nad^gcbenbe SRatur be^ S)id^terg Wfet fid^ 
aud^ in feinem Sebeni^gange beobad^ten. 2lm 2. Februar 
1851 al^ ®o^n eine^ Sanbmirte^ auf bem SDominium 
Sieugrage im l^interpommer'fd^en „SBeijadter" geboren, 
mar er baju befümmt, Sanbroirt ju werben* ©ein frül^« 
jeitig fid^ entmidfelnbeö XaUnt mürbe gar nid^t bemerlt, 
brad^te ü^m einmal fogar emppnblid^e ©träfe ein, „3d^ 
l^atte", fo erjäl^It er felbft, „in ber beutfd^en ©tunbe 
für einen Sluffafe ba^ S^liema erl^alten: ^©ebanfen unb 
©mppnbungen eines TOjal^rigen ©eijl^alfeS*. 3Wit meinen 
a^nungötofen neun Salären l^atte id^, fo gut e^ gelten 
wollte, tneinen 2luffafe gefd^riebcn, il^n abgeliefert unb 
erwartete flopfenben i&erjen^ ben Urteiföfprad^ meines 
geftrengen ^errn ^auSlel^rerS. SBie warb mir, als id^ 
oernal^m, bafe id^ ben 3luf|afe burd^auö — abgefd^rieben 



— 187 — 

l^obcn, bafe id^ burd^auö angeben follte, wo fid^ baS 
Urbilb meine« TOjäl^rigen ©etjl^alfe« befänbe. SDteinen 
Sßerfid^crungen, Id^ l^ätte bie ©mpftnbungen bc8 TOütbtgcn 
©reife« ganj geroi^ nur au« mir felber gefd^öpft, marb 
fein ©lauben gefd^enft, id^ rourbe ein fiügner gefd^oUen 
unb megen meiner Sßerflodftl^eit im befonberen unb meiner 
moralifd^en SBerberbni« im allgemeinen ju einer garten 
©träfe t)erurteitt. 3^ biefcr 3lot fanb id^ öerul^igung 
unb %xo^ bei jener t)ortreffIid^en S)ame (ber grau 
^rofcffor Slitfd^e, bereu er atö feiner ,jn)citen SWutter* 
gebeult), bie meinem jümenben SWentor erttärte, bem 
Änaben fei Unred^t gefd^e^en, ber ©eijl^afö l^abe fidler 
fein gcbrudfte« Urbilb, in bem 3ungen fledfe eben — 
ein S)id&ter." 

Sluf einem ®ute in S;i^uringen ,^flubiert" er in ber 
fjolge „Sanbmirt". 3)ort fiotjiert er in präd^tigen 
©tulpenftiefeln eiulier unb beauffid^tigt baö SJüngen 
eine« Sldter« ober eine ©d^ar Äartoffel auömad^enber 
SBeiber. 3lu« biefer ibpDlifd^en Sefd^äftigung mirb er 
erpt burd^ bie Ärieg«ftürme 1870, 7 1 geriffen. ©ie finb 
cd aud^, bie il^n feinen bid^terifd^en Seruf entbedfen laffen. 
3Ba« bie fanfte fUlIe Statut nid^t oermod^t l^atte, ba« 
marb burd^ Jtugelbli^en unb Jtanonenbonner bemirft. 
2)aö gro§e 2)rama ber SSJeltbül^ne ermedfte ben 2)ramatifer 
ber meltbebeutenben ©rettet. S)od& laffen mir i^n felbft 
erjäl^Ien : 

„Sliemafö werbe id^ ben ©ommerabenb oergeffen, an 
bem id^, oon einem Sßormerfe l^eimf el^renb , ba« ganje 
3)otf in Sluftegung fanb. Sitte Semol^nct fianben auf 
bet ©äffe, atte tiefen fie mit ju : ,SBiffen ©ic e« f d^on ? 
6« mirb Ärieg! 6« wirb Ärieg mit granfreid^ . . .' 

„2)urd^ bie glur be« @x\U^ ging bie (£ifenba(in. 



- 188 — 

S)en nfid^flen ^a^ Derbrad^tc i^ am Satjubamm , fal^ 
bic Söß« 'wtt i>«" "öd^ granfreid^ gel^cnbcn S)eutfd^en, 
l^örte ben RlatiQ bei^ einsigen £iebed, bet ,SBad^t am 
SR^ein* ; b\& gum Slbenb ertrug id^ e« ; bann am anbcrn 
SRorgen war id^ fd^on in Scrlin unb jroei SBod^en barauf 
in aSeifecnburg, wo eben ber erfie grofee ©ieg erfod^ten 
roorben war. 3ln jenem ©ommerabenbe, in bem Ueblid^en 
t^üringifd^en S)orfe, atö ftd^ bie Meine Sd^ar unter 
ber blü^enben S)orfünbe t)erfamme(te, ber alte ^aftor 
mit t^ränenerftidfter ©tlmme ben 2)aoonjiel^enben ben 
©egen gab, lam id^ mir fo armfelig t)or, fo t)oII* 
fommen unnü^, fo gänjUd^ unxotxt, gu atmen unb }u 
leben. SReunjel^n ^aS)xt mar id^ bamate alt, fd^mäd^lid^, 
jart unb tjermeid^lid^t, fo bafe man mid^ für einen 
Änaben l^alten fonnte. ,Unfer Äleineö' nannten mid^ 
bie Äameraben, t)erl)ätf dielten unb »erroöl^nten mid^. 
®lf aWonate mar id^ in granlreid^ afö Äranfenmärter 
balb auf biefem, balb auf jenem ©d^Iad^tfelbe, balb in 
bem einen, balb in bem anbem Sajarett, üom SR^ein 
bi^ jur Soire. 3d& oermag nid&t baüon ju reben, mag 
id^ ©rofee^ unb gürd^terlid^e^ erlebt l^abe. SDeö 2thtn^ 
ganjer Sammer padtte mic^ an unb jermalnite mid^." 

Äranf unb ermattet feiert er au« granfreid^ jurüdf, 
aber er tjerfd^mäl^t e^, bie präd^tigen ©tulpenftie^el aufg 
neue angujie^en. @r gel^t auf bie Unioerfität nad^ 
3[ena. Sttud^ l^ier bleibt er „tin franleö, 'traurige^ 
SWenfd^enlinb, meldte« fid^ müt;felig am ©todfe in« ÄoHeg 
fd^leppte". 

Sn biefer ©timmung fd^reibt er fein erfte« Sud^: 
„SDie Sßifionen eineö beutfd^en ^Patrioten." 
3ft e« nid^t aud^ d^arafteriftifd^ für ben eigengearteten, 
jur Dppofition l(|inneigenben, fiet« bie ©d^attenfeiten ju* 



— 189 — 

erft in^ Slugc faffcnben unb empfinbenben ®ctft bcö 
3)id^teriS, bag er aud ber großen nationalen Srl^ebung^ 
bie er felbft mitgemad^t l^atte, junäd^fi nur bie fiefe 
jur GJeltung brad^te, bafe er in biefem SBud^e gegen ben 
nationalen @igenbfinle( }u ^elbe jiel^t, n)0 ed bod^ oiel 
naiver lag, bie mäd^tige, l^errlid^e ^^riebfraft ed^ter 
nationaler Segeifterung bid^terifd^ ju oerflären? 3)ag 
SBud^ würbe im neuen 3)eutfd^en SWeid^e oerboten. 

3)ai8 6i^ war gebrod&en, bem ©rftlingöroerfe folgten 
ntel^rere anbere auf bem gufee, barunter bie „©d^er» 
ben, gefammelt oom müben 3Kanne". 3)iefe 
„©d^erben" finb bie SSorfteHungen unb ©rgüffe eines 
^PeffimigmuS , ben SSofe felbft atö nid^t burd^ &tUn&^ 
erfal^rung gereift, fonbern gemiffermafeen angeboren be« 
jeid^net. „9lid^t immer", fo äufeert er pd^, „mufe einem 
SRenfd^en erft burd^ bie SBelt ber SBeltfd^merj ins fierj 
geftofeen werben ; nid^t immer mirb il^m biefer ©d^merj 
über ben Sammer beS 3)afeinS, biefer ®fel über bie 
®rbärmlid^feit beS SebenS burd^ bie ©rfal^rung allein 
gegeben. 2öir fönnen ben Äeim jum SBeltfd^merj unb 
aKeufd^enl^afe ebenfogut wie ben Äeim jur ©d^minb» 
fud&t im aWutterleibe empfangen. Oft erliegen mir 
jener Äranfl^eit, nod^ el^e mir einfel^en gelernt, baS SRid^t* 
fein fei bejfer als ©ein, unb oft burd^rüttelt unfer fierj 
SBeltfd^merj unb aWenfd^enl^afe, nod^ el^e uns unfre ©r« 
fal^rungen ein Siedet gegeben, baS &tbm als unerträg» 
lid^e 93ärbe ju fül^len. 3)urd^ bie SBelt unb baS £eben 
werben bie Äeime ju ber traurigen, leiber nid^t immer 
tötenben Äranf^eit beS SBeltfd^mei^eS auf biefelbe natilr* 
lid^e SEBeife wie bie Uraul^eit ber ä3ruft }ur Sntmide- 
lung gebrad^t." 

®S liegt Diel 3Bal^reS, oiel 2;raurtges in biefen SluS» 



— 190 — 

füj^rungen, bte idoI^I einem SSetenntniffe gleid^fommen. 
3a, aud^ 93og' ^{tmii^mui», ber büflere, tlagenbe Son, 
ber burd^ fafl aOe feine SDid^tungen gel^t, ber greSe, 
nid^t fe(ten oerjertte Sbglanj, ben bie Übel biefer Sßelt 
bei il^m ftnben, muffen auf eine f o(d^e innere, angeborene 
5tranf§eit jurfidgefä^rt werben. SEBelt unb geben l^aben 
ftd^ meinei^ äBiffend gerabe il^m oon il^ren fd^öneren unb 
befferen Seiten g^eigt. %l& berül^mter unb unabl^öngiger 
aWann barf er ade SBünfd^e unb Sebilrfnijfe eine^ 
SHd^tergemfltei^ befriebigen. ^m SBinter auf ber 33iQa 
^adcati in ber römifd^en Sampagna, im Sommer auf 
ber aSiffa Sergfrieben in Serd^te^gaben meilenb, erfreut 
er fid^ oller ©d^önl^eiten ber SRatur, ©ud^t er bie ©in» 
famfeit — er finbet fie ouf feinen SBanberungen burd^ 
bie l^err(id^e rdmif d^e Sampagna ; fel^nt er ftd^ nad^ @e« 
feUfd^aft — er finbet bie erroünfd^tejle bei einer l^eife* 
geliebten ®attin. 2lber ein ®emüt mie ba^ feinige fann 
niemate }ufriebengeftellt merben. ä9ei aOer ^eilnai^me 
an bem 9Kngen unb Jlämpfen ber 3^^^ ^^^^ ^^ i^^ 
bod^ ein gemiffer meltabgeroanbter ©inn. 6« ifl il^m 
nid^t anber^ beftimmt : feine ©eele mu^ Itagenb burd^ 
bie SBelt irren, ein ©tmag ju fud^en, baft il^r f eiber 
nid^t bewußt ift — oieDeid^t bie „©d^erben" eine« 
TOunberbaren , fd^on bei ber ©eburt jerbrod^enen ®e* 
fäfeeö — : ber Harmonie. Unb meil er fie nic^t in 
fid^ trögt, biefe Harmonie, fo finbet er fie oud^ in ber 
SBeltorbnung ®otteö nid^t, fo fül^lt er fid^ mit Seib unb 
©eele ate ein Äinb unferer aufgeregten, neroöfen, un» 
jufriebenen, anflürmenben , an allem Seftel^enben imb 
^poptipen rüttelnben ^tit, fo Hagt er mit ben Älagen* 
ben, fo irrt er mit ben Srrenben. Slber ba er ben 
Qrrenben, bie il^n gern afö einen ber S^^fl^n eine 



- 191 — 

©tredfe SBege« begleiten, baö 3^^^ toeifi, tote efi feinem 
©eifte ftd^ matt, ha fd^ütteln fie betrübt unb befrembet 
bie Äöpfe, ha menben fie ftd^ von iijvx ab. ©ie fud^en 
gleid^ tl^m bie Harmonie, er aber I a n n fie il^nen nid^t 
geben! 

3)a§ ift ber mal^rl^aft tragifd^e 3ug in SRid^arb SJofe' 
Seben unb 2)id^ten . . . 

©eine fämtlid^en jal^Ireid^en SBerfe an biefer ©teile 
}u befpred^en, mürbe eine befonbere ©d^rift erforbem. 
©0 mag benn eine JReil^e ber mid^tigften 3^wpi^ (^^^ 
legen für — ober miber il^ren SBerfajfer. 

SBon feinen Dramen finb jmei: „Suigia ©an« 
felice" unb „5Die ^ßatrijierin" mit bem ©d^iUer^» 
preife gefrönt roorben. 93eibe SBerfe finb von l^ol^er 
bid^terifd^er ©d^ön^eit unb gel^ören ju bem SReifften unb 
fünftCerifd^ aSoUenbetften , maö SSofe l^eroorgebrad^t l^at. 
„Suigia ©anfelice" entnimmt feinen ©toff einer er* 
fd^üttemben maleren SBegebenl^eit aus ber neapolitanifd^en 
©efd^id^te ber 3afire 1799—1800. 3m Januar 1799 
l^atten bie granjofen in Sleapel bie fogenannte „pars 
tl^enopäifd^e 9lepublif " errid^tet. SBäl^renb nun ein S^eil 
ber SeDöIferung von bem ©ebanfen, einer freien 9ie* 
publif an jugel^ören , für bie neue Drbnung ber S)inge 
eingenommen mar, erftrebte ein anberer bie SBieberl^er» 
fiettung ber SRonard^ie imb 3wrüdffü]^rung beö t)er* 
triebenen Äönigö gerbinanb IV. 6ine roeitoerjmeigte 
SSerfd^mörung ber Sajjaroni follte biefeS ^xd oerroirf^ 
lid^en. Slber baö ©elingen beg ^pianeg warb rereitett, 
oereiteCt burd^ ein liebenbeS 3Käbd^en^erj — Suigia 
©anfelice. SBor bem SluSbrud^e ber ©mpörung mürben 
fämtlid^e Käufer, beren Semol^ner ate SRepublifaner 
niebergemad^t merbcn foHten, burd^ Äreuje bejeid^net. 



- 192 - 

9lur an btejentgen^ beten ntonard^tf($e ©eftnnung uu« 
jmeifed^aft xoax, bie aber sufädig in einem republiCa^ 
nifd&en fiaufe rool^uten, würben ©id^erl^eitsf arten »er* 
teilt. @ine fold^e Jlarte erl^te(t aud^ bie [d^öne fiuigia 
Don einem SBerf d^wörer , ber i^r in l^eifeer Seibenfd^aft 
ergeben war. ©tatt aber bie Äarte für bie eigene 
SRettung aufjubewal^ren, fibergab fte biefelbe il^rem ge* 
liebten Verlobten, bem republifanifd^en Dffijier gerri. 
S)iefer mad^te [ofort Slnjeige, unb bie SBerfd^roörung 
TOurbe nod^ red^tjeitig unterbrüdEt. 3)er SRepubli! mar 
trofebem feine lange 3)auer befd^ieben. 3)er t)ertriebene 
Äönig leierte balb barauf fiegreid^ auf feinen S^l^ron 
jurüdE, unb ein furd^tbareg ©trafgerid^t würbe über bie 
abgefallenen, trofe t)er^eiBener Slmneftie, t)erl^ängt. 2ln 
30 000 JRepublif aner würben l^ingemorbet — aud^ Sui* 
giaö $aupt fiel unter bem Seile beö fienler^. SBar fie 
eft bod^, bie eine frül^ere SBieber^erftettung beg ÄönigS* 
tl^roneö burd^ i^re ßiebe pereitelt, bie ben %o\> fo oieler 
treuer 3Konard^iften t)erfd^ulbet l^atte. ©ingeferfert unb 
bem 3:^obe gemeil^t, rettete fie nod^ ein Seben. ©ie be* 
fannte, bafe fie fid^ 3Kutter fü^le. ©ieben 3Wonate, big 
jur ©eburt beö Äinbeö, liefe man pe leben, aber 93e* 
gnabigung warb i^r trofe t)ielfad^er SBefürroortung nid^t 
ju teil. 3lld fie in bem Siebreij il^rer Swß^^i^/ i^ ber 
güHe il^rer ©d^önfieit auf bem ©d^afotte ftanb, ba er« 
innerte fid^ baä SSoll, bag fie einftmalö afe feine SRetterin 
gepriefen, bann aU SBerberberin feiner 3Känner unb 
©öl^ne t)ern)ünfd^t l^atte, „bafe i^re ganje ©d^ulb nur 
Siebe gemefen". 

3n biefem lefeten ©afee liegt fiob unb 2:abel beg 
SDramag jugleid^: bie SSerl^errlic^ung ber rounberbaren, 
opferfreubigen unb tobe^bereiten 3Kad^t ber Siebe, aber 



- 193 - 

aud^ baS Dcmid^tcnbe SBaftcn cinc^ finficrcn (Defd^ides, 
ba0 nur jcnnalmenb toirft. fiuigia ©anfclicc, tüic ber 
2)i(ä^tcr fic gejetd^nct unb pfpd^ologifd^ entroidelt l^at, 
ftirbt fd^ulbloS. ©ic folgt nur ber göttlid^en ©ingcbung 
il^rer Siebe unb füi^nt biefe Siebe mit il^rem 3:^obe. 

(Sine nid^t minber erfd^ütternbe bramatifd^e ^anb^ 
lung fül^rt uns aSo§ in feiner „^patrijierin" Dor. 
3)ie römifd^en ©labiatoren unb bie ©llaoen beö 5prä* 
torö 3Karcuö ßraffuS l^aben fid^ t)erfd^n)oren, i^r ^o^ 
abjufd^ütteln unb bie römifd^e 3JJad^t niebei^uroerfen. 
SReteHa, bie ©attiu beg «ßrätor«, fott ate erfteg Opfer 
burd^ bie $anb beö ©labiatorenpuptling^ ©partacu^ 
gerid^tet werben, ©ie aber ifi e^, bie al§ SSeftalin ge« 
Meibet, il^m burd^ ba^ B^i^^n ber SBegnabigung ba0 
Seben rettet, afe er im Äampffpiel ouf ber 2lrena t)on 
feinem ©egner niebergeftofeen werben foll. 3n berfelben 
SRad^t bricht bie SBerfi^mörung au^. ©d^on erl^ebt ©por« 
tacuö bie ^anb jum Sl^obe^ftofe gegen 3KeteIIa, ha er» 
fennt er in ii^r feine SRetterin, bie SSeftalin. ©ie mirb 
von glüi^enber Siebe^Ieibenfd^aft ju bem löniglid^en 
©flapen ergriffen, beffen fierj fid^ inbeffen il^rer gried^i« 
fd^en Wienerin, ber l^olbfeligen ^ero, juraenbet. 

Sl^re Seibenfd^aft ift fo mad^tig, bafe jte förmlid^ um 
feine Siebe bul^lt. 3)e0 ^ßrätor^ ftolje ©attin emiebrigt 
fid^ vox bem ©ftoen, bod^ ber meifi fte t)on fid^, ja, 
er nennt fie ißetäre. 3)a mirb an^ glül^enber Siebe nid^t 
minber glül^enber ^afe. 3)ie SSerfd^mäl^te nimmt furd^t* 
bare SRad^e, fie vergiftet bie unfd^ulbige ©eliebte befi 
©partacufi, unb fenbet il^m beren Seid^e ing Sager. 3n* 
jroifd^en erfd^eint ©partacug felbft bei il^r. ©ein $er§ 
l^at fid^ gemanbt. 3n blutigen ©d^lad^ten, bei ftampf 
unb ©ieg l^at ii^m immer bad ä3ilb ber äßeteUa vox* 

0. (Srott^ul/ ^iroMeme unb €^aralterf(>pfe. 13 



- 194 — 

gefd^n)eDt, bi(^ e^ bad ber armen ^ero auis feinem ^erjen 
öcrbrangte. 3lm ifl er, Don [einer Seibenfd^aft über* 
mältigt, bei il^r, bei SReteDa* 3n bem unfäglid^en 
©lüdögefül^l ber enbUd^ ermiberten Siebe oergi&t fie il^ren 
^afe unb ll^re aWorbt^at. ©inen Slugenblid oergeffen 
beibe bie SBelt um fid^ l^erum, fd^melgen fte in allen 
SBonnen il^rer &uU. 3)a bringt ein ©Hat)e bie Seid^e 
ber l^ingemorbeten ^ero. 2)er ©d^Ieier be« feiigen ^af)n^ 
gerreifet, unb blutig fteigt t)or bem ^ßaare bie graufige 
SEBirftid^feit l^erauf. ©partacuÄ ftiirjt fid^, bie 2:obeg« 
munbe im $erjen, in ba^ ©emül^l ber ©d^lad^t. @r 
fällt, bie ©labiatoren merben befiegt, unb SRarcuö ©raffu^ 
^ält mit ber fieid^e beg ©flaoenfül^rerft ate 2^riuntpl;ator 
feinen ©injug in SRom. 3Wetella aber mad^t il^rer Dual 
an ber Saläre be§ ©eliebten tin ®nbe. 

9hir bürftig liefe fid^ in biefer furjen Qnl^altgangabe 
bie reid^benjegte unb l^od^bramatifd^e fianblung anbeuten, 
bie jugleid^ ein großartiges Äulturgemätbe beS feiner 
inneren B^^f^fei^^S entgegengel^enben alten SRomS t)or unS 
aufrollt. aSenn etroaS an bem 2)rama getabelt werben 
mufe, fo ift baö jebenfalls ein Übermaß t)on (Sntfefeen, 
oon ©ift« unb Slutgerud^. 2lud^ in biefem ©tüdfe oer* 
leugnet fid^ bie ©igenart beS ©id^terS nid^t, ber gern 
in büfteren unb frajfen garben fd^melgt, meldte um fo 
fd^ärfer ^eroortreten. Je lieblid^er unfi ber Sauber ein* 
jelner lid^ter 9iul^epunfte unb ©eftalten umfängt. 

3)ie übrigen SBoß'fd^en 3)ramen, namentlid^ biejenigen 
aus ber mobernen ©efellfd^aft, meifen bei aH il^ren un* 
üerfennbaren bid^terifd^en ©d^önl^eiten jum größten 2:eile 
bod^ biefelben 3Wängel auf, bie id^ oben bei ber Slnal^fe 
pon „©oa" unb „spater 3KobeftuS" ate d^aralteriftifd^ 
für bie ©igenart beS SBerfafferS gefennjeid^net l^abe. SOBie 



— 195 — 

Toentg l^armonifd^ roirft beifpicISroeifc in „31 lej an bra" 
bic ganjlid^ unbramatifd^e unb abfid^tlid^c Söfung bcö 
Äonfltft« ! 

Sllejanbra, ein SWäbd^cn von bunfler ^crfunft, ifi 
t)on il^rcm Sicbl^abcr ®rn)in, bem ©ol^nc bcg ^prdfibentcn 
pon ©bcrtti, t)or Salären mit il^rcm Äinbc fd^mäl^Ud^ im 
©tid^ gelaffcn roorbcn. 6§ ift nid^t red^t Hat, ob fic 
il^r Äinb abfid^tlid^ umgcbrad^t — umgcbrad^t aus 
aWutterliebc, mie jtc fagt — ba il^r in bcm Slugenblidfe, 
als fie bag ©räfelid^e au^fül^rcn moflte, bie ©inne fd^roan* 
bcn. SDBiebcr jum Semufetfcin gcfommen, fal^ fie ba^ 
Äinb tot unb fid^ bcö ÄinbcMorbc^ angcflagt. „^^ 
mürbe in ein GJefängniS gefd^leppt," erjä^lt fie, „oor 
ein ^^ribunat gefteHt. 3d^ [ollte belennen, aUe^ be* 
fennen! Unb id^ befannte, bekannte aUe^, roa^ id^ be* 
fennen foHte." „SBorfäfeUd^er 3Worb?" „^a, meine 
Ferren ©efd^morenen, oorfäfelid^er 9Worb! 3d^ mürbe 
ju fieben S^i&ten 3w<ä&t^&flui8 oerurteilt." 

Sluö bem gwci^tl^aufe entlaffen, befd^lie^t fte, fid^ an 
il^rem el^emaligen ©eliebten baburd^ ju räd^en, bafe fie 
i^n mieber an fid^ feffelt, [eine ©attin mirb unb ii^m 
nad6 t)oIIjogener 2;rauung gefielet, bafe er eine ^u^U 
l^äuglerin ju feiner ©emai^lin gemad^t l^abe. 3l^r 3ln= 
fd^Iag fd^eint ju gelingen, (grmin filiert fie in bag $au§ 
feiner 3Wutter, unb biefe, eine ed^te unb malere ©l^rifiin, 
milligt fd^lie&Iid^ in bie SKbfid^t be§ ©ol^ne^, fein Un« 
red^t an aileganbra burd^ eine fieirat mit ii^r mieber 
gut ju mad^en. SBon ben fx^bzn ^a^xtn 3ud^tl^au§ meife 
aber meber 3Wutter nod^ ©ol^n. SRur einen gaftor l^at 
baö 3Wäbd^en in il^rem SRad^eplane außer ad^t gelaffen: 
il^r eigene^ fierj. 3)ie aufrid^tige Siebe, bie ©rmin il^r 
mieber jumenbet, ber ©belmut unb bie mütterlid^e QäxU 



— 196 - 

lid^feit, mit ber i^r bie ^räfibentin begegnet, ber ganje 
n)oI|(t^uenbe @inf[ug einei^ frieblid^en/ oon tDal^rem, d^ri^« 
lid^em @eifle erfüllten jQeintd reinigen il^r @emät oon 
aQen fd^n)ar}en ®eban{en. 9Cud^ fte fü^lt ftd^ n)ieber 
oon innigfter Siebe ju (Snoin ^ingejogen. @o fd^eint 
benn aUe^ ftd^ }um @uten n)enben }u xooUtn, ia, ed 
gelingt einem il^r befreunbeten SWed^tSanroalte, nad^träglid^ 
Dom ©erid^te ein freifpred^enbefi Urteil für fie ju er» 
mirlen. @d fel^lt nur nod^ bad offene ©eftänbnid il^rem 
lünftigen @atten gegenüber. S)ai$ aber ift bie jtlippe, 
an ber ber glüdlid^e älu^gang ber ^id^tung fd^eitert. 
©ie erjäl^lt ©rmin ba^ SSorgefattene fo, ate ob pe ed 
über anbere ^perfonen in ber 3^Wwng gelefen l^abe, unb 
fragt il^n, mag er baoon l^alte : ob er in einem fold^en 
gatte eine fotd^e grau i^eiroten mürbe. 

6 r m i n. SKUeg miH id^ ber Siebe einer eblen grau 
glauben, nur bafi nid^t, bafe eine fold^e grau einen fold^en 
3}lann glüdElid^ mad^en lann. SReinft bu nid^t aud^, 
3Rutter? 

grau 0. (Sbertp. ^^ meine e0 aud^. 

ätle^anbra. SBad l^ätte bie UnglüdtUd^e bann 
tl^un foHen? 

ßrmin. S)ag meife id^ nid^t. 

Sllejanbra. S)a§ eine lafet mid^ nod^ fagen. Slid^t 
mal^r, jenc^ 2Beib mirb afe fd^ulbig jum ^ud^t^anf^ 
verurteilt; aber fie mar unfd^ulbig, pe mürbe atö un* 
fd^ulbig erfannt. SRun |iöre id^ jefet fo oiel baoon, bafe 
ber Staat ©efefee ertaffen miß, meldte oon fold^en Un* 
glüdflid^en ben 3Ka!el abmafd^cn, alfo il^nen ju einem 
neuen ßeben oer^elfen follen, ju einem ütbm afe ge* 
ad^tete 3Wenfd^en. 

@rmin. @g fommt barauf an, ob fid^ ber @taat 



— 197 - 

nid^t atö mai^tloS crtüetfcn loirb — in biefem %aUt 
ftd^er* ©d^Iiefelid^, toa^ tann her ©taat fold^cn Unglüct* 
lid^en geben? ®elb? gär bie ungered^t oerbüfete ©träfe 
®etb, Dielleid^t ein Slmt, oiefleid^t eine SBürbe. SDamit 
ifi bie 3Wad^t beS Staate^ ju @nbe, benn nun tommt 
e« Quf bie ©efeUfd^aft an. SBie t)erf|ält fid^ biefe ju 
einem Opfer ber Suftij? 3^ beften gaUe mitleibig. 
©eroiffe ©pftettjen finb Don bem ®eru(^ ber SlnMage* 
banf, von bem S)unft ber ©efängni^jelle nid^t mel^r ju 
reinigen, unb es ift oor allem bie ^au, bie il^re ®e* 
fangenennummer il^r Seben lang bel^aüen wirb: fie jäl^lt 
nid^t mel^r ju benen, bie einen SRamen fül^ren!" 

S)iefe Semerfungen mögen jutreffen. Ratten fie 
aber in ber ^raji^ ©tid^ gel^alten, mennber 
3Kann bie grau vdxxUx^ liebte? SDa« ift bie 
grage, bie SSofe leiber umgefit, inbem er feine 2ltejanbra 
nad^ biefem ®efpräd^ ftillfd^meigenb ®ift nel^men unb an 
ber ©eite be^ ®eliebten, in bem ®eban!en fd^melgenb, 
mit il^m Dereinigt ju fein, fterben lägt. SSieHeid^t l^ätte 
(Srroin, mar feine ßeibenfd^aft ed^t, bie grage anberö 
beantwortet, wenn er por beren praftifd^e ßöfung gefteHt 
morben mare. 2Bie oft [teilen mir ben ^i^atfad^en, 
menn pe nn^ perfönlid^ angelten, ganj anberö gegen» 
über, atö menn mir fie tl^eoretifd^ beurteilen fotten. 
Slud^ l^ier ©erlangt ba^ SJBort ®eltung: „®rau, teurer 
greunb, ifi äße ^l^eoriel" SSom S)rama aber t)erlangen 
mir nid^t tl^eoretif d^e Slbl^anblungen ju 1^ ö r e n , f onbern 
aug bem Äampfe ber fieibenfd^aftcn mit ber aSemunft, 
a\\^ ber aSerfd^meljung beiber, 2^l^aten merben ju 
feigem S)er ©d^lufe pon „SHejanbra" ift fomit gänjlid^ 
unbramatifd^. 

SKuf bie oielen Unmal^rfd^einlid^feiten ber ^anblung 



— 198 — 

roill td^ l^icr ni($t naiver eingel^cn, tocil ftc offenfunbig 
getmg baUegen. 9lid^töbeftomentger pulfiert in bem 
Stüde an^ gefunbei^ 93Iut, ma& bei SSog tmtnerl^in 
betont ju werben oerbient. S3efonber^ fd^ön unb über«' 
jeugenb ^at er bie SBanbtung in ber GJefinnung feiner 
^elbin bargefteUt: bai^ aUmä^ßd^e Sd^metjen bed eiftgen 
XrotyeiS unb bad n)arme 9Iuf6(äl^en ber eb(en n)eiblic^en 
©mpfinbungett» Slud^ bie Sefialt ber grau von (gbertp 
ift tebenfiroal^r gejeid^net. 3)ai5 ift bod^ enblid^ einmal 
eine beutfd^e grau unb 3Rutter, einfad^ unb n)a]^r^aft 
religiös, babei menfd^Ud^ burd^ unb burd^. 

3m SRoman jeigt Sßofe biefelbe fortreigenbe, padEenbe, 
bramatifd^e ©eftaltungSfraft, biefelbe gä^igfeit ber 6^a* 
rafteriftif, biefelbe bewegte ©d^önl^eit ber 3)iftion, aber 
aud^ biefelben sparten unb einfeitigen 3luffaffungen, bie 
feinen 3)ramen eigen finb. 3" feinen bebeutenbften 
epifd^en Seiftungen jSl^len bie brei SRomane: „2)ie 
Sluferftanbenen", „3Mid^ael ©ibula" unb „^af)itl, 
berÄonüertit". gm erften bel^anbelt er bafi ^Problem 
beö SWii^iliSmuö, in ben beiben legten begiebt er ftd^ auf 
ben fd^roanfenben 33oben einer politifd^-focialen ^tiU unb 
Streitfrage, ber nur von ganj fidleren güfeen, Maren 
unb unbefangenen 3Iuge§ betreten werben foHte, unter 
ben irreuben Sd^ritten unfere^ 2)id^terö mit ben in 
weiten 3lebelfernen träumenben Slidfen aber berftenb 
jufammenbrid^t unb bem Sefer ©d^tamm unb ®ifd^t 
ins aintlife fprifet. SRid^arb SSo^ bcl^anbelt bort bie 
Subenfrage — mit einer ©infeitigfeit, bie gerabeju ent* 
fefelid^, ja freoell^aft genannt werben mu§. 9Zad^ bem 
poetifd^en „©piegelbilbe" be§ emancipationsluftigen SSer* 
faffer^ mü^te man Ja bag jübifd^e SßoH l^od^, l^od^ über alle 
anberen ^Rationen be^ ©rbenrunb^ werten, bie gefamte 



— 199 - 

ßi^riflenl^cit bagcgcn für unfäglid^ befd^ränft unb tüal^n* 
umnad^tet, bie SDicncr bcr d^riftlid^en Äird^c üoHcnbö 
für lauter ^eud^ler unb ©d^urfcn l^alten. %xitt uhS 
bicfc unglüdfclige SJehbcnj fd^on au^ „3Jlx^atl ©ibuta" 
entgegen, fo nimmt fie in „^af)UU ber Äonrertit" 
wa^r^aft abfd^redenbe unb empörenbe formen an. 

&n reid^erefi, jarter befaitete^, ebler unb fd^öner 
empflnbenbeS 3Wenf d^enl^er§ , aU baö beS ^i^benfnaben 
3)al^iel war, l^at n)ol^l nod^ nie auf biefer 6rbe ge* 
fd^Iagen. Unb au^ biefer Slüte ebetften 3Menfd^entumS 
entroidtelt fid^ mit ber S^xt eine %x\i^t, bie ®ift unb 
2;ob über bie Sanbe fäet. Unb moburd^ mirb biefe 
unerl^örte SWetamorpl^ofe pf^d^ologifd^ entraidCelt unb be* 
grünbet? Sebiglid^ burd^ ben Übertritt SDal^ielg 
jur d^riftlid^en Äird^e. ©injig unb allein, weil er 
Sl^rifi geworben, E^rift au§ ben d^riftli($ften, reinften Se* 
roeggrünben, bem l^ei^en SBerlangen, feine Sieben von 
ber emigen SSerbammni^ ju retten, mirb Sal^iel ^eud^Ier, 
3Körber unb julefet ©elbftmörber. SBeil er ß^rift ge* 
morben, mu& er alle biefe 5tobfünben auf fid^ laben, 
meil er ßl^rift geworben, mufe er bie SReinl^eit feinet 
^erjens verlieren, mufe er ein SBeib jum £inbeMorbe 
anftiften, mufe er feinen 3lbt unb fd^liefelid^ fid^ felbft 
ermorben! 2)aö ift bie Duinteffenj beg ganjen Siomang; 
für bie 2)urd^fül^rung biefer Äonfequenjen l^at 58ofe 
fein ganje^ bid^terifd^e^ Äönnen eingefefet. greilid^, bie 
d^riftlid^e Äird^e, mie er fie fd^ilbert, ift ein 2lbgrunb 
Don ^eud^elei, ganati<^mu^ unb ©raufamfeit. SBir 
finben aud^ nid^t einen einzigen mürbigen SSertreter beS 
d^rifttid^en ©lauben^, alle bie ^Priefter pnb graufame 
ganatifer, lieblofe ^pi^arifäer, greoler am ipeiligtume 
be^ ^öd^ften, 2lber felbft biefe, in il^rer auöf daließ« 



- 200 — 

lid^en {raffen SSermerflid^Ieit ganj unmöglid^en 3uftänbe 
oorau^gcfefet — Toar benn außer bcr d^riftlid^en Äird^e 
nid^t Sl^rtftui^ felbft, an beffen göttUd^er £e§re ftd^ 
ber jtonoertit aufrid^ten lonnte? ®ab t^ außer ben 
untDärbigen 93erlünbigern beis (SoangeliumiS nid^t 
ba^ (Soangedum felbft, bad Dor bem 6e!el^rten 
Quben, bem d^riftlid^en ^prieftcr S)al^iel, auf gef dalagen 
lag? S)urd^ bie ißeil^botfd^aft beg 3Weffiafi foHte eine 
fo ^errlid^e SRenfd^enfeele, wie fte in bem Änaben 3)al^iel 
lebte, nid^t geläutert, fonbern Derborben, nid^t erl^oben, 
[onbem jerf^mettert werben, foHte fid^ boi^ ©alrament 
ber göttlid^en Siebe in ®ift t)ern)anbeln?* S)al^iel tonnte, 
von l^eitigem 3^^ 9^9^« ^^"^ üermorfene ©eiftlid^feit 
erfüllt, ium SWeformator, niemals jum 2^empetfd^änber 
werben, ©r tonnte an im 2)ogmen ber Äird^e, 
niemals an ber göttlid^en Seigre jroeifeln. Um bem 
ßebenöroanbcl ßl^rifti nad^juf otgen , baju brandete ein 
3)al^iel mal^rlid^ nid^t ju l^eud^eln ! 3Wit roafirem gana« 
tiMuö, id^ möd^te faft fagen: mit ber raffinierten Sift 
befi Sffial^nfinn^, er(tnnt SSoß alle nur möglid^en aJJittel, 
perfud^t er bie ganje 5Ratur umju!e^ren, fd^eut er t)or 
feiner gälfd^ung ber Oefd^id^te jurüdE, nur um un^ 
glaubl^aft ju mad^en unb bie SWotmenbigfeit barjutegen, 
baß ai\§> einem ebten ^nhtn ein nieberträd^tiger 6l)rift 
werben muß. 2lber alle Äunfl einer genialen bid^te= 
rifd^en ^Pfpd^ologie, einer glül^enben Seibenfd^aft , einer 
jügellofen ^l^antafie bient nur baju, bem ganjen ©emälbe 
ben ßl^arafter beö Unl^eimlid^en unb ©rauenl^aften auf ju* 
brüdten, ba§ g^^^^itb nod^ mel^r }U oerjerren, au^ beffen 
^ol^lfpiegel un^ benn aud^ fd^ließlid^ eine jd^eußlid^e 
grafee entgegengrinft. ^t lauter Don ben ^jSofaunen 
einer gemiffen ßlique auö leidet begreiflid^en, aber oon 



- 201 - 

ber Äunjifrilil ganj unabl^fingigen ©rünben ber 3lul^m 
bei8 SBcrfe^ in bic SBelt geblafen wirb, um fo bringen* 
ber wirb bie ^jSflid^t unabl^ängiger SBeurteilcr, biefei^ 
Utterarifd^e ©rjeugniö atö ba^ ju bejeid^nen, roa» e^ 
in SBirflid^feit ift: aU ein ^ßampl^let auf bie d^rift* 
lid^e Äird^e, afe ben SluSflufe eineij l^od^begabten, aber 
Don unfeligem SBal^n umfangenen 3)id^tergemütö. Slid^t 
nur auf bie ©eftalt beö ißclben — in biefem ^aUt 
aud^ auf ben SBerfaffer felbft Iä§t fid^ ber fd^mei^lid^e 
aiu^ruf anwenben : „D, roeld^ ein ebler ®eift marb l^ier 
jerftört!" 

3Keifter ift SSofe in ber ©d^ilberung oon ßanb unb 
Seuten ber römifd^en ©ampagna, in beren 9latur unb 
SRenfd^enleben er tief eingebrungen ift. iQier liefert er 
malere Äabinettftüdfe. ©injelne feiner römifd^cn ©lijjen 
unb SRooeHen gel^ören jum Seften, roaö in biefer SRid^* 
tung überfiaupt geleiftet worben ift. SBeld^e tiefe, roal^re 
Snnerlid^Jeit erfüUt j. S. in „aWaria Sotti" bie ®e« 
fialt ber fielbin, biefer mobernen Sucrejia! 

©0 ift benn SSofe nad^ allebem ein grofeeö, ed^teö 
S^alent, ein i^od^begabter Sid^ter. 2lber er ift fein großer 
Künfller. SJaju fel^lt ifim vor allem bie innere 9iul^e 
unb Sammlung, ber meite, ungetrübte SBIidE, ber ba^ 
Siedete vom Unred^ten, ba^ SBal^re vom 3rrtum, ba^ 
aSergänglid^e t)om ©migen ju fd^eiben meife. ©einen 
SBerfen l^aftet in ber SRegel ber ©efd^madC ber ^dt, beS 
S'ageö, beö aiugenblidfsf an, bie pe geboren, ©in glül^en* 
ber Saoaftrom, ergießt er über un§ cd^teö ®oIb, üermifd^t 
mit aifd^e unb ©d^Iadfen. ®in Äinb feiner neroöfen 
Seit, ift er felbft im fiöd^ften (Drabe neroö^, fieberl^aft 
erregt, augenbUd(id^en©timmungen fritiHo^ unterworfen, 
unb nur ju ^äufig mad^t fid^ biefeö nert)öfe gluibum 



— 202 — 

in ben aSerfen feiner Äunft geltenb. 5paul ^eijfe f)at 
58o6' ©tüde gelegentUd^ „efftatifd^e QmprooifQtionen" 
genannt* 3)a^ ift oielleid^t etn einfeitige^, ungered^teg 
Urteil, aber ein Äorn SBal^rl^eit liegt bod^ barin. 
aBenige von ben SBerfen Don SSofe leud^ten ate ©teme 
in rul^igem ©lanje am Fimmel ber S^id^tlunft; bie 
meiften fteigen wie fprü^enbe SRafeten empor, um bann 
In ber ßuft vor unfern äugen ju jerftäuben — ein 
intereff anter unb erregenber, ober Dergängüd^er Slnblidf ! 
aWöge ber 3)id^ter im äufblid ju ben emigen Seud^ten 
ber SBelt enblid^ einen $aud^ jener inneren 9iul^e finben, 
bie aud^ über ber leibenfd^aftHd^ften unb im SJiefften 
bewegten ©id^tung au^gegoffen fein mufe, xomn anber^ 
fie al^ Äunftroerl gelten foH. 





^a0 erotifi^e Problem in ttv 

^itteratur. 




Iic mm oHeinfcKgmad^enbc naturaliftifd^e ©d^ulc 
^at bcn ®eift entthront unb bog ^(eif($ auf bcn 
Sd^itb gel^oben. 3n ber ^^l^at fönnte man tnel^r afe 
einen Sßertreter biefer ©d^ule ntit bem ©d^Iäd^tergefellen 
t)ergleid^en, ber, bie ajlulbe auf ber ©d^ulter, feinen 
Äunben bag rol^e gleifd^ austrägt. 3n biefem fletfd^* 
lid^en &tbm nun ifi baS fcEueUe 3Wotit) eines ber 
wid^tigften, unb bie Slaturalifien gelten nur folgerid^tig 
ju SBerfe, wenn fie biefeS 3WotiT) als ben Slngelpunlt 
il^reS ©d^affenS betrad^ten. 

@S n)irft ftd^ bie grage auf, ob unb inwieweit ba8 
rein fteifd^lid^e unb inSbefonbere baS gefd^Ied^tlid^e &^bzn 
beS aJlenfd^en ber Äunft eine ifirer roürbige unb i^rem 
eigenften SJBefen entfpred^enbe SKufgabe bietet. 3Kan liebt 
es l^eutjutage, berartige allgemeine fragen aud) ganj 
allgemein, in Saufd^ unb Sogen, ju beantworten. 3)aS 
ifi grunbfalfd^. 3)ie 2)inge liegen nid^t fo einfad^, mie 
es ben SKnfd^ein l^at. 6S wirb fid^ bei il^rer Seur* 
teilung immer um bie SßorauSfefeungen l^anbeln, oon 
benen man ausgeixt, unb biefe SSorausfefeungen fönnen 



— 204 — 

nid^t nur üerfd^iebcne, fonbem fic muffen an^ oft «er- 
fd^icbenc fein. 

9lud^ bie unl^ ^eute oorliegenbe $rage {ann unb 
mug von oerfd^iebenen ©efid^tdpimften aud beantn)ortet 
werben, ©ie ifl eine ^ßrincipienfrage. 3l^re SBeantc 
n)ortun9 n)irb bat)on abl^ängen, ob ber betreffenbe @d^rtf t* 
fleUer bad au^fd^Iag^ebenbe ^rincip in ber pl^pfifd^en 
ober in ber pf^d^ifd^en SRenfd^ennatur erblid(t. 3d^ 
n)eig fe^r n)0^l, bag fid^ biefe 3Romente nid^t oöllig 
ooneinanber trennen laffen. Sßenn id^ fte l^ier tro^bem 
ate ©egenfä^e J^infteUe, fo gefd^ie^t ba& nur }ur beteten 
Aenn^eid^nung ber Sßelt« unb Sebeni^anfd^auungen , gu 
beren einer ber fd^affenbe AünfUer ftd^ l^inneigen mug. 

3fi ber SKenfd^ oorjugdroeife ein pnnlid^eiJ ober ein 
geiftigeö SBefen? 3ft fein gül^len unb S)enlen in ber 
2:i^at Döttig feinem animalifd^en Seben unterworfen, ober 
giebt e« grofee feelifd^e, fitttid^e Äräfte, bie ie nad^ ber 
2lnlage beg S^bioibuumiS im Äampfe mit ber finnlid^en 
SWatur unterliegen, ober fie ju unterjod^en unb }u be* 
l^errfd^en im ftanbe finb? 3ft lefetere^ ber %aSi, bann 
ift bie ©eete unb nid^t ba^ gteif^ ba« oberfte ^rincip 
im menfd^tid^en S)afein, bann ift aud^ ba^ gefd^led^tlid^e 
ßeben im SBergleid^e ju biefem 5ßrincip nur ein unter* 
georbneteg. 

©0 allgemein, wie fie l^ier aufgeworfen, wirb fid^ 
freiüd^ aud^ biefe grage nid^t beantworten laffen. 3^^^ 
generelle ®ntfd^eibung ift im legten ®runbe ©ad^e be0 
@ tauben^, unb bie materialiftifd^e äBeltanfd^auung 
berul^t fd^Iiefelid^ trofe aller wol^llautenben „wiffenfd^aft* 
tid^en" aiu^brüdfe ebenfo auf fubjeftitjem ©tauben wie 
bie d^riftlid^^rcligiöfe. ^ßraltifd^ aber lägt fid^ bie 
grage fel^r wol^I beantworten. 3Jlan wirb bod^ all» 



— 205 - 

gemein jugeben muffen, bafe t^ uerfd^ieben per* 
anlagte 3Renfd^en giebt. 6^ giebt ^ßerfonen, in 
beten 3)afein ha» animalifd^e SKoment äbertüiegt, e« 
giebt aber aud^ l^öl^er entroideltc aWenfd^en, bei benen 
®eifl, ®ebanfe unb ®emüt ba« finnlid^e fieben unb 
feine 2;riebe in bem SKafee bel^errfd^en , bafe biefe nur 
eine untergeorbnete SRoIIe bei il^nen fpielen; fid^ nur 
inforoeit offenbaren, atö t» eben jur ©rl^altung beÄ 
Äörperi^ notmenbig ifl. @^ wirb alfo barauf anfommen, 
meldte ärt aWenfd^en ber S)id^ter fd()ilbern will, 
ob e« tiefer ober l^öl^er ftel^enbe 3laturen finb. 

@d^on aui^ obiger Unterfud^ung gel^t meineiS (Sx- 
a^ttn» tlax l^eroor, ba^ bie allgemeine SBel^auptung 
falfd^ fein mug, ha» gefd^Ied^tlid^e SRoment bi(be ben 
SWittelpunft im ganjen menfd^Iid^en Xf)un unb Jireiben, 
efi muffe bal^er aud^ ben aWittelpunlt be« lünftlerifd;en 
©d^affenÄ bitben. S)iefe SBel^auptung wirb oon einem 
unf erer tüd^tigflen tealiftif d^en ©d^riftfteHer, Ä a r l d o n 
5P er fall, in ber ©inteitung ju feinem metgelefenen 
SRoman „einSBerpltnig" aufgefteHt. S)er SSerf affer 
wibmet bort bem erotifdf;en ^Problem eine eingel^enbe 
äfU^etifd^e ©tubie. ©r fd^reibt: 

„Se mel^r mir, rooju ber ganje ©l^arafter ber S^it 
erftd^tlid^ brängt, auf ha» romantifd^e äludnal^mefd^idffal, 
auf bie fonberbare SBegebenl^eit afö Aem ber @r}äl^(ung 
oet^id^ten, je mel^r wir beftrebt ftnb, ber SBirKid^feit 
bei^ fiebeni^ bie bemer{eni^n)erten X^atfad^en abjugeminnen, 
mit beflo einbringlid^erer äRad^t mirb bad SBerl^ältnii^ 
ber ®efd^(ed^ter ftd^ m» a(d ber mäd^tigfle 
©toff barbieten." 

Unb weiter unten: 

,,@ine tiefe Setrad^tung ber &)t, ber ©teSung ber 



— 206 — 

©attcrt untereitianber , ber Urfad^en eJ^elid^cn VLxiqlM^, 
ber ©teHung be« SBeibc^ ate aJlutter, rotd^tiger ©lemcnte 
be^ gamitienlcbcnö, rote Äinbcriofigfeit imb affju reid^cr 
Äinbcrfcgen, ift eben nur bei einer intimeren Se* 
trad^tung bed äSerl^ciltniffei^ ber @efd^Ied^ter 
möglid^; ebenfo lönnen bie tiefflen ©emüt^erregungen 
forool^t wie bie berounbemSroerteften S^UQtn ftttlii^er 
Äraft nur in einer naiveren SBeleud^tung biefeg SBerl^ält* 
niffcÄ ju tJoUcr SBürbigung gelangen. 6ine SReil^e an* 
berer roid^tiger ^Jragen be« mobemen fiebernd fielet l^ierju 
in mittelbaren SBejiel^ungen , fo ba§ man fagen fann: 
von allen lünftlerifd^en ©riuägungen abgefel^en, bilbet 
baS ©efd^led^t^Derl^ältni^ aud& in unferem reid^en 
mobemen 2thm ben 3Kittelpunft, ben Gräfte* 
affumulator aller Seroegungen unb ©trö« 
mungen." 

ißerr üon ^ßerfall fprid^t in bem erfien Slbfafee oon 
bem „romantifd^en Slu^nal^mefd^idEfal", üon ber 
„fouberbaren Segebenl^eit atö £cm ber ®rjä^lung", 
auf meldte beibe mir melir unb mel^r üerjid^ten müjsten. 
©eroife. S)a^ romantifd^e ©d^idEfal unb bie fonberbare 
Segebenl^eit fönnen mir im litterarifd^en Äunfiroerl ol^ne 
©d^merjen miffen, bemt nid^t in bem rein ©tofflid^en, 
nid^t in ber äußeren ^anblung gipfelt ba§ Sntereffe be^ 
feinfinnigen Sefer^, fonbern in ber inneren ©lieberung, 
in ben pfpd^ologifd^en SSorgängen. Unb ba fragt eö fid^ 
aHerbing^, ob mir, roenn fd^on auf fonberbare 33egeben= 
l^eiten unb ©d^idffale, aud^ auf bie intereffanteren 
ßl^araftere, auf bie 3Kenfd^en, bie über bag 
S)urd^fd^nittgmaj3 l^eroorragen, oerjid&ten möd^* 
ten? @§ fragt fid^, mag ber Äunft eine fd^önere, eblere 
unb frud^tbarere aiufgabe bietet: bie platte SlUtäglid^leit 



— 207 - 

mittelmäfeiger 3latnxm, unb möge fie au($ mit ber größten 
SBal^rl^eit bargeftcllt fein, ober bag Söcrben unb Söad^fen, 
ba§ Stingen unb Streben tiefer unb l^ö^er veranlagter 
3Kenfd^en? S)ie Antwort auf biefe grage f daliegt bie 
Slntmort auf jene nad^ bem „eigentlid^en 9)iittelpunft" 
be§ fünftlerifd^en ©d^affeng in fid^. 3^ ^i^ ^^it batjon 
entfernt, bie ©afein^bered^tigung an fid^ fold^er Sioniane 
ju leugnen, weld^e fid^ bie pfpd^ologifd^e Slnalpfe aud^ 
ber mittelmäfeigften 5ßerfonen jur Slufgabe mad^en. „SBo 
il^r'^ padEt, ba ift'g intereffant" -^ für ben, ber bag 
„üoHe 3Jienfd^enleben" von ber rid^tigen Seite aniupadtn 
weife. Slber wie falfd^ unb einfeitig ift e^, gerabc in 
ben unteren ^ufeerungen, ©eftaltungen unb ©ntroidfe* 
lunggftufen „bie Söirflid^fcit be^ ßebenS" imb bie eigent* 
lid^e Slufgabe ber Äunft ju erbtidfen ! 3d^ bef enne offen, 
id^ ^ulbige nod^ ber unmobernen Stnfid^t, bafe bie Äunft 
berufen ift, un^ über bie gemeine Mtäglid^feit ju er* 
lieben unb un^ nid^t nur ein toal^re^, fonbem aud^ 
ein baS ßeben in feinen liefen unb ^öl^en möglid^ft 
erfd^öpfenbeg ©piegelbilb ju jeigen. Qft ba^ mol^l 
bei ber SSorfül^rung von SKenfd^en möglid^, in beren 
ganjem ©ein bag ®ef(^ted^t^leben in ber S^i^at ben 
3Kittelpunft bilbet? 

3lber ^err t)on 5ßerfaH faßt bie ©ad^e nod^ tjon einer 
anberen, fd^einbar unangreifbaren ©eite an. @r rüdft 
jum SBemeife feiner 2:i^eorie mit ber &)t vor. ©r meint, 
„eine tiefe S3etrad^tung ber ®]&e, ber ©tettung ber ©atten 
untereinanber, ber Urfad^en el^elid^en Unglüdfö, ber ©tel* 
lung be^ Sßeibe^ ate 3JJutter, mid^tiger ®temente be^ 
Familienleben^, mic Äinbertofigfeit unb aßju reid^er 
Äinberfegen," fei „titn nur bei einer intimeren SBetrad^« 
tung beg 58er^ältniffe^ ber ©efd^led^ter möglid^", SDiefer 



- 208 — 

Qaii ifl an fid^ gott} unanfed^tbar. @S fragt ftd^ nur, 
06 er and) im Dorliegenben 3ufatntnen^ange, in feiner 
relatioen 93ebeutung, unanfed^tbar ifl? (Sin 9(r)t, ber 
biefe 93el^auptung auffieHte, ptte ungTOeifell^aft red^t. 
2Bie foQte er aud^ ol^ne intimereiS @ingel^en auf bad 
©efd^Ied^töDer^ältnid ben ®atttn mit 9tat unb 5£:^at 
Reifen fönnen! 3f^ hamxt aber aud^ gefagt, ba^ ber 
Jtünftler red^t ^at, menn er in feiner (Sigenfd^aft al& 
fold^er biefelbe ä3el^auptung auffteüt? 3ft ei» @ad^e 
be« Äünftler^, auf bie p^pfiologifd^en Urfad^en, beifpietö« 
meife ber Ainberlofigfeit ober be0 dUiu reid^en Ainber^^ 
fegeniS, einjugel^en? SBoIIte er bai» tl^un, bann aller* 
bingi» jlettte er fid^ auf ben von fierm von ^ßerfall fo 
bitter gerügten Stanbpunft ber Seute, in beren 3(ugen 
bie Äunft ,,nid^t bie eigenartige Spiegelung jeitgenöf jifd^en 
SebenS" ijl, „fonbern ein S)ing, baö in einer Slrt älbop» 
tiDDer^ättni« jur SBijfenfd^aft fte^t\ 

Die t)on bem ^errn SSerfaffer geroünfd^te „tiefere 
SBetrad^tung ber ©l^e" foll bod^ eben, wie aud^ er ate 
felbfioerftänblid^ bemerft, feiten« be« Äünftler» unb nid^t 
feiten« be« ärjte« ober SRaturforfd^er« gefd^el^en. Unb 
id^ meine, ber Äünftler wirb pd^ fd^on bei ben %f)aU 
fad^en ber Äinbertofigfeit ober be« aUiU reid^en Äinber* 
fegen« ju befd^eiben l^aben. Sil« beren Urf ad^en roer« 
ben un« in einem Äunftmerfe bod^ nur bie in grage 
fommenben pfpd^ologifd^en aJiomente ju fcffeln im 
flanbe fein, im allgemeinen aber werben biefe ^l^at* 
fad^en nur ben ®runb abgeben fönnen, auf roeld^em 
ber Äünftler bie feelifd^en Vorgänge unb ba« weitere 
ütitn feiner gelben fid^ entwidfeln lägt. S)enn eine 
pl^pfiologifd^e Setrad^tung unb ©rläuterung fold^er (gr* 
fd^einungen feiten« be« KUnftler« mirb un« nid^t im 



— 209 - 

minbcften intereffiercn. ^n btcfcn S)in9en leugnen wir 
einfad^ bic Slutorität be§ ©id^terS; unfere ^^antafie 
üerfagt eben bie SRad^folge. 3<^ meine: Slufgabe ber 
©id^tung ift bie ©d^itberung be^ geiftigen, nid^t 
be^ lörperlid^en Sebeng ber 9Kenfd^en. 

3u TOeld^en Äonfequenjen würben wir gelangen, 
wollten wir ^ßerfaUg S^l^eorien als rid^tig anerkennen; 
ju wetd^en Äonfequenjen würbe er felbft gelangen, wollte 
er jematö tjerfud^en, biefe S^l^eorien fünftlerifd^ jU t)er= 
wirftid^en! SBenn er S^l^atfad^en wie Äinberlofigfeit unb 
aHju reid^en Äinberfegen nid^t anber^ lünftlerifd^ be* 
leud^ten ju fönnen erflärt, alg einjig burd^ eine „in» 
timere Setrad^tnng be^ SBerl^ältniffeg ber ®efd;led^ter", 
wie lann er bann ben ganjen aWenfd^en, all fein 2)id^ten 
unb S^rad^ten, all fein 2:^un unb ßaffen, feine ©tim* 
mungen unb ®eban!en begrünben unb entwidEeln, ol^ne 
auf ba§ genauefte fein ganjes animalifd^e^ Seben ju 
fd^ilbern, ol^ne „intimere Setrad^tung" feiner aSerbauiing^= 
werfjeuge unb Slutgefä^e? 9Kü6tc er ba nid^t oft, um 
Stimmungen, SBorte unb ßanbtungen feiner ^perfonen 
JU erllären, un^ genau mitteilen, wag biefelben ju 
aWitiag gegeffen l^aben, ob eg üerbaulid^e ober unoer* 
baulid^e ©peifen waren! ©d^liefelid^ fäme alleg auf 
bie SBefd^affenl^eit be^ 9Kageng unb bie jeweilige SSer- 
teilung von ©auerftoff, SBafferfioff, ^pi^o^pl^or u. f. w. 
in ben eiujelnen ^inbioibuen an. @ö wäre fein SDid^ter 
benfbar, ber nid^t jum minbeften ba^ mebijinifd^e ©taatö- 
e^amen gemad^t |iatl 

3n ber Sefd^ränfung jeigt fid^ erfl — ber Äünftler. 
®§ ift nid^t feinet 2lmteg, ber SRatur auf allen il^ren 
labijrintl^ifd^ Derfd^lungenen 5pfaben ju folgen unb bem 
Äaufalität^gefefte in allen bunflen ®dtn unb SBinleln 

8. (9rott^u0, ^roMeme unb S^araUerlöpfe. H 



— 210 — 

pl^pftologifd^er 3wfäffe nad^jufpürcn. 6r foH fein lüufl- 
lerifd^ed @ebäube auf beftimmten , Kar erfannten uiib 
erfd^autcn pfpd^ologifd^en SBeobad^tungen , ©rfal^rungcn 
unb ©cfcfeen aufrid^ten, ol^ne fid^ ber pl^pfiologif^en 
2:^atfad^en unb ©efefec anbete, benn al« fold^er, ju 
bebiencn. 3l^rc einfädle ©rmä^nung unb geftftellung, 
il^rc lurje, Kare unb g^^^i^itig btöfretc 3Kitteilung unb 
33eicid^nung genügt, ^^xe „intimere Setrad^tung" ift 
üöttig überflüffig unb gel^ört nid^t in ba« Steid^ ber 
Äunft, fonbern in baiS ber aBiffenfd^aft. 

^err t)on ^perfaH l^at bie öftl^etifd^e Einleitung ju 
feinem SRoman erft bei ©rfd^einen ber britten 3luflage 
gefd^rieben. @« ift bal^er wol^l anjunel^men, bafe er 
feine tl^eoretifd^en ©äfee mel^r ober weniger au^ bem 
SBoman felbft abftral^iert, ba& biefer il^m jum minbeften 
bei jener 2lbftraftion Dorgefd^mebt l^at. 3iur baburd^ 
glaube id^ e§ erKären ju bürfen, bajs er in feiner ®in* 
leitung Sel^auptungen auffteHt, bie teilweife jwar relatioe, 
niemals aber abfolute SBered^tigung beanfprud^en lönnen. 
®^ ift immer mtfelid^, ©äfee ju tjerallgemeinern unb ju 
Sel^rfäfeen ju ftempeln, bie au^ ber Setra(^tung eine§ 
einzigen ©egenftanbeö gejogen finb. 

5Die SBelt, in bie m^ ber SRoman „ein aSer^ält- 
ni^" einfül^rt, ift bie benfbar nüd^terufte unb aHtäg* 
lid^fte, bie l^anbelnben ^ßerfonen ragen burd^roeg über 
ba§ befd^eibenfte ajiittelmajs nid^t l^inaug. @ine reife, 
fel^r reife, aber nod^ immer fd^öne Jungfrau auö bem 
Äleinbürgerftanbe, Caroline, lernt einen ©tabtreifenben 
in 2Bein unb ©übfrüd^ten, SBertram; lennen. Seibe 
finben ©efallen aneinanber unb tragen fid^ anfangt aud^ 
mit ben el^rli(^ften 3lbfi(^ten. Slber ein unbemad^ter, 
Don g^ampagner erl^ö^ter 3lugenblid fül^rt ju einer üor* 



- 211 - 

jcüigen „intimeren" 33e!anntfd^aft beg ^aaxt^, bie 
namentlid^ für ben weiblid^en Xdl red^t unangenel^me 
folgen nad^ fid^ jiel^t. SBertram, ber bem SWabd^en 
ganj aufrid^tigen ^erjen« bie ®l^e tjerfprod^cn l^atte, 
finbet in bem regetred^ten „SBerl^ättniö", ba^ ftd^ nun 
entfpinnt, tJöffigeg ©enügen. Carotine befud^t il^n in 
feiner 3unggefeIIcnn)ol^nung, erfreut i^n bur(^ il^re ^axU 
lid^Ieiten, ol^ne bafe er genötigt wäre, fid^ ben minbeften 
3n)ang aufzuerlegen ober irgenb eine SBeränberung in 
benil^m liebgeworbenenSebeniSgerool^nlieiten oorjunel^men. 
3ln einer ®^e ifl il^m gar nid^t^ mel^r gelegen, ber ©t- 
ban!e baran wirb il^m fogar allmäl^lid) immer mel^r 
}un)iber. änberg fielet eö mit Caroline, ©ie, bie frül^er 
burd^ il^re ^ßrüberie unangenel^me ©cenen mit il^rer 
^augmirtin l^eroorgerufen l^atte, roanbelt nun felbfl auf 
fd^lüpfrigem ^Pfabe. Unb ba^ bleibt nid^t unbemerlt; 
bie ©ad^c fprid^t fid^ f)tx\\m, unb fd^liejstid^ fagt fid^ 
fogar il^re bejle greunbin, eine grau SRöttle, auf 2Bunfd^ 
il^re^ aRanncg oon Caroline los. SBieberl^olt l^at biefe 
ben ©eliebten an fein SBerfpred^en erinnert; er l^at eg 
bi^l^er immer uerftanben, 3lu^flüd&te ju finben, ba§ 
SKabd^en ju oertröflen unb ju berul^igen. ^nn aber 
bringt fie mit ©ntfd^iebenl^eit in ilin. Sertram ift in* 
beffen, je länger baiJ aSerl^ältni^ bauert, um fo weniger 
geneigt, es burd^ eine (Sf)t abjufd^liefeen. ©eine greunbe, 
insbefonbere ein Sanquier Silienf eiber, raten il)m jum 
fd^leunigen S3rud^, inbem fie feinen ©goiSniuS burd^ 
triftige ©rilnbe jn überjeugen miffen. 21U nun Caroline 
abermate leibenf(^aftlid^ in il^n bringt, benufet er bie 
©elegenl^eit , um fid^ in brutaler SBeife oöHig oon il^r 
loSjufagen. Sängfi l^at bie ©eliebte feinet greunbeg 
ßilienf eiber, eine Äofette ganj unsmeibeutiger 2lrt, ein 



— 212 ~ 

Slugc auf xf)n geroorfcn — xoaxnm foHtc er fie ntd^t 
}ur aiad^folöerin ÄarolineÄ mad^en? 3n ber Xf)ai ftnbet 
er bei einer fianbpartie ©clegenl^eit baju. (Sä fommt 
baritber i\m 93rud^e mit bem fßanqukx, gumal bad 
gräulein Stiebel — fo l^eifet bie ^erfon — aufi il^rer 
Untreue burd^au« fein ^el^l tnad^t, fte vklmt^x im Äreife 
ber anmefenben Ferren gefliffentlid^ gur ©d^au trfigt, 
um fid^ be^ 83anquier«, beffen fte längft überbrüfftg ift, 
ju entlebigen. SBäl^renb biefer jurädfbleibt, mad^t fie 
mit Sertram unb einem ^eil ber ©efettfd^aft mit bem 
näd^ften ©fenbal^njuge ben ^eimmeg. 

2lber SBertram ift von bem Qanitn Slu^Puge wenig 
befriebigt. S)cr ©innenraufd^ ift üerflogen unb nüd^terne 
Überlegung an feine ©teile getreten, ©r fielet ein, bafe 
er eine S)umm]^eit begangen. ®r i^at feine S^genb reid^* 
Ud^ genoffen unb ^egt jefet in ben balb überfd^rittenen 
fogenannten „beften Salären" folibere Steigungen. S)en 
„2^aumel ber Segierben" mag er nid^t mel^r, aber nad^ 
ber „Seibenfd^aft eine^ järtlid^en SSBeibe^" fel^nt er fid^ 
bod^. Die greunbe l^at er ol^nel^in verloren, auf fie 
brandet er alfo leine SRiidEfid^t mel^r ju nel^men. S)eg* 
l^alb erfd^eint eö i^m ieftt al^ baö oeniünf tigfte , mag 
ein gefefeter SKann in feiner Sage tl^un fann, ba^ ab« 
gebrod^ene SSerl^ältnig mieber anjufnüpfen. Slber bie 
©el^nfud^t nad^ „cd^ter Siebe", bie il^n ber SBerfaffer 
empfinbcn Wjst, nad^ jenem SufammenHange ber ©eelen, 
ber bag SlKpfterium einer fold^en Siebe bilbet, fann bei 
bem burd^ unb burd^ praftifd^en, SBorteile unb SRad^* 
teile falt abmägenben Äaufmanne unter ben ©rünben, 
meldte il^m bie SSerföl^nung mit ber tjerabfd^iebeten ®e* 
liebten ate jmedfmägig erfd^einen laffen, voof)l nur eine 
fe^r untergeorbnete SloIIe fpielen. Unb wer meife, ob 



— 213 — 

ü)n biefe ©rünbe morgen, wenn er fid^ bie ©ad^e „über^ 
fd^lafen" ^ai, nod^ ftid^l^altig bünlen? Ob il^nen md)t 
anbere ©rroägungen entgegentreten werben ? Dh er nid^t 
morgen feinen l^eutigen ®ntfd^Iu§ afe übereilt betrad^^ 
ten wirb ? ^ä) gefte^e, id^ l^abe ju ben felbftlof en @nt:= 
fd^Iüffen biefe^ oemünftigen, mol^tanftänbigen ®pifnräerg, 
in beffen ßeben bag fejueffe 3Jlotit) ben „?!Kittelpunft" 
bi(bet, nnr fel^r geringes SBertrauen. Unb e^ fd^eint, 
bafe ber SBerfaffer felbft meine 3"^^if^f ^^i^. S)enn 
wäre eg jefet nid^t bag einfad^fie, ^errn Sertram rul^ig 
nad^ ^anfc jurüdEfel^ren unb feine löblid^en Slbfid^ten 
au^fül^ren ju laffen? ©tatt beffen gefd^ie^t etmas ganj 
Unerwartete«. ®in ganj ungemö^nlid^eö „roman^ 
tifd^eö 3lu§nal^mefd^idEfaI", eine ganj „fonber* 
bare Segebcnl^cit" tritt ein. Ober foHte man in 
unferen 2^agen — einen ©ifenbal^nunfall nid^t 
mel^r fo bejeid^nen bflrfen? ®in fotd^er mufe nämlid^ 
bcm 35id^ter l^erau^l^elfen. S)ie Äataftropl^e ift eine 
fftrd^terlid^e, ba« gräulein SRiebel fommt in ber gräfeUd^* 
ften Söeife um« Seben, mäl^renb Sertram ein Sein Der* 
liert unb im Äranfenl^aufe feiner langfamen ©enefung 
entgegenfel^en mu^. 

®i5 ift natürlid^, bafe bie Siebe in einem fo tragi* 
fd^en Slugenblidfe alle erlittene Äränfung »ergibt unb ju 
bem ©d^merjenStager be« Unglüdflid^en eilt ; bafe Caro- 
line ftd^ in aufopferungSooHer ^Pflege bem Äranfen mib=: 
met; bafe nad^ enblid^er ©enefung aus ben beiben ein 
?paar, au^ bem Serl^ältnig eine regelred^te &)t mirb. 
5Run freilid^ fann Sertram gegen eine fold^e feine Se* 
beulen mel^r liegen ; er mn^ fid^ oielmel^r gtüdEtid^ preifen, 
bafe Caroline il^n, ben Ärüppel, nod^ erl^ört. SBer 
mürbe il^u benn aud^ jefet nod^ „nel^men", il^m in Äranf- 



- 214 — 

l^eit unb Snter @tä^e unb Pflege bieten? S)er getoiegte 
©efd^äft^tnann roti^ fogar aud feinem Ungläd nod^ 
aSorteil gu jiel^en, inbem er bie ©efd^id^te feiner ,,8e* 
fel^rung" ben Äunben erjal^It, bie, baburd^ gerül^rt, um 
fo g^n^igter finb, il^m i^re SefleUungen jujuiDenben. 

SBag auiS biefem ©toff, au^ biefen 5perfonen ge« 
mad^t werben fonnte, ift burd^ ilarl von ^erf att jroeifeU 
lo§ gefd^el^en. 6« ift ein fo natürlid^e^ ©tüdt &tbtn, 
bog er aufrollt, mie nur eine«. 3Rit fd^arfer S)ialeftif 
flettt er bem unfteten, tjon Slngft, ©orge unb ber öffent* 
lid^ett aSerad^tung verfolgten SBerl^ältnift bie rul^ige, in 
fid^ gefeftete, trofe äußerer SBibenoärtigleiten bennod^ 
glüdElid^e ®l^e ber greunbin Äarotineg, jener oben er« 
roäl^nten grau Jiöttle, gegenüber. Ätaren 2luge^ jiel^t 
er aud^ bie fittlid^e ©renje jroifd^en bem von feiner 
5Pflid^t befd^ttjerten, nur bem ©enuffe lebenben SBer» 
l^ältni^ unb ber auf emfien ^ßflid^ten berul^enbcn ®l^e. 
6^ lägt fid^ fomit feinem SBud^e ber SSorrourf ber 
Unfittlid^feit burd^auö nid^t mad^en, menn id^ anberer» 
feitg aud^ nid^t glaube, bafe bie in il^m ent^ialtene "Sloxal 
eine befonber^ tiefe Söirfung üitn mirb. S)a}U ift fte 
meinet 6rad^ten§ gar ju nüd^tern^oerftänbig , gar ju 
fei^r äu^flufe praftifd^^opportunifiifd^er ©rmägungen ber 
^anbelnben ^perfonen. 3)iefe ©rmägungen lönnten bei 
anberen ^ßerfonen unb unter anberen Umftänben anbere 
fein, bemiefen ift alfo mit il^nen nid^t^. S)ie Seute, bie 
^err tjon Verfall auftreten lägt, ganj befonber^ aber 
ber ^elb ber ©rjäl^lung, finb geiftig ju unbebeutenb, 
atö bag fie fid^ ju SIrägern tieferer etl^ifd^er Qbeen 
eignen fönnten. 3^r SBerl^alten fann geiftig unb fittlid^ 
l^öl^er flel^enben Sefern in feiner Söeife maggebenb er* 
fd^einen, meber im guten, nod^ im böfen ©inne. 



— 215 — 

S)cr aScrfaffer l^at nun frettid^ in bie ©eftalt ber 
Caroline eine geraiffe 2:iefe be« ©emtttö, romn man 
mVi, aud^ einen geroiffen ftttlid^en ®mjl l^ineingelegt. 
Slber fd^on il^re Seibenfd^aft für SBertrant, il^re pflid^t« 
üergeffene, leid^tfertige Eingabe an biefen im ©runbe bod^ 
nur feid^ten, feigen unb egoiftifd^en Commis voyageur, 
il^r fpäterer fd^amlofer SSetfel^r mit il^m [teilen mit bem 
S3ilbe bes „anfianbigen", nur burd^ aSiu grofee ßiebe 
unglüdlid^ geworbenen, im übrigen aber d^aralterDolIen 
5IKäbd^eniS nid^t red^t im ©inftange. Caroline fällt, ol^ne 
bafe il^re ^ugenb auf gar ju fd^mere ^proben gefteHt 
roorben mfire. ©ie fällt an^ reiner SBoHuft, unb n a d^* 
bem fte gefallen, nad^bem fte jur Sefinnung gefommen 
ifl, befifet fte nid^t einmal bie ßraft, ben ©eliebten ent^^ 
roeber jur fd^leimigften ©rfüHung feineiJ SBerfpred^enö ju 
jmingen ober mit il^m ju bred^en. 2Bäre fte nur an^ 
etroa^ tild^tigerem ©toffe gefd^affen, fo l^ätte fie aud^ 
nad^ il^rem erft- unb einmaligen gaHe Sertram jur 
(g^efd^tiefeung beftimmt unb fomit bie ganje weitere 
^anblung überflüffig gemad^t. S)ann aber l^ätte fie 
freilid^ bemiefen, ba^ bad gefd^ted^ttid^e 3Jioment nid^t 
ben „9Kittelpunft" im menfd^lid^en äehtn bilbet; ba^ 
ed jmar im S)range ber ©tunbe unb im Slaufd^e beiS 
SlugenblidtiJ bafi eine unb anbere SWal obRegen fann; 
bafe e« aber mäd^tige fittlid^e Äräfte giebt, bie im &thtn 
— afe ©anjeg genommen — biefem 9Komente über« 
legen finb. 3Benn nun bie Caroline fierm üon 5per* 
falls biefen SSemeiÄ nid^t geliefert l^at, ift bamit aud^ 
gefagt, bafe il^n anbere SKäbd^en nid^t l^ätten liefern 
fönnen, bafe fteil^nnid^t fd^on oft geliefert l^aben?! 

S)aö SBor^anbenfein ber SKittelmäfeigfeit ijl lein Se« 
roei^ für ba^ SWid^toorl^anbenfein beg ^öi^erftel^enben. 



^ 216 — 

unb bad Sorl^errfd^en nieberer Sebeni^intereffen bei jeuer 
lein äSemeii^ für i^r ftbergemid^t bei biefetn. SBeld^e 
von beiben Kategorien n)irb nun bie Jtunft oorjiel^en 
muffen, id^ fage abfid^ttid^ nid^t: „toasten"? 3d^ 
meine, pe wirb ftd^ für ben intereffanteren 2^eil 
erfWren, ol^ne barum gerabe auf 2tu^nal^mefd^icffale an» 
gemiefen ju fein. S)enn, um bei bem fonfreten 33ei* 
fpiele ber Caroline }it bleiben : follten etroa bie 3Rcibd^en, 
bie anber^ l^anbeln a(ö biefe, bie fo l^anbeln, mie id^ 
es eben angebeutet l^abe, }u ben „3luönal^men" gel^ören? 
Um bad ju bejal^en, bajtt benfe id^ t)on bem SBeibe, 
inäbefonbere aud^ von ber beutf(^en Sürger^tod^ter, bod^ 
ju gut! 

2)ie (Sinroenbungen, bie man fonft gegen bie ©d^U« 
benmg be« ©efd^led^t^oerl^ättniffeiJ unb ber SRadftl^eit ju 
erl^eben pflegt, unb bie in bem ^inroeiö auf bie bemo*» 
ralifierenbe 2Birfung beg JiadEten auf bie 5pi^antafte be* 
Uelzen, rniH ^err von Verfall baburd^ roiberlegen, ba§ 
bie Äunft bod^ nur „SBiberfpiegelung, SRefleje ber SBirf* 
lid^feit, nid^t bie SRatur f eiber" gebe. S)ie SBirfung 
biefer 3lefleje fei grunboerfd^ieben von jener ber 2Birf* 
lid^feit felbft. 

„3n ber bilblid^en SDarftettung be« SRadEten", fä^rt 
er fort, „ift biefe 3Serfd^iebenl^eit üon SBirltid^feit unb 
Spiegelung bem ^ßublifum fd^on geläufiger geworben. 
Unb bod^ ift bie SBirfung auf ba^ Sluge t)on üiel in* 
tenfioerer ©innlid^feit afe bie nur mittelbare 2Birfung 
auf bie 5pi^antafie, bie baÄ 33ud^ übt; bod^ fann bie 
fid^tbare S:^atfäd^lid^!eit be^ SBilbeg, ber ©tatue tjiel 
el^er in einer SluöfteHung , in einem 3^^^^^ ^^^^ fü^ 
eine S)ame, bie fid^ baoor in ©egenroart Don Ferren 
befinbet, etma^ von Sefd^ämung erjeugen, roaö bei einem 



— 217 - 

papieruen, mit SBud^fiaBen bebriiiftcn 33ud^ nt(3^t bcr ^5^0 
iji. S)aju lontmt bcr roid^tigfte Umftanb, bafe ben (Se* 
rool^nl^citen unferer Äultur gegenüber bie S)arfteIIung 
beö mättn SKenfd^en imtiier etwas grenibartigeiJ ^at, 
ju unferen SebenSoerpltniffen in feinem unmittelbaren 
3ufammenl^ange fielet. 3)agegen flel^en bie au§ bem 
SBud^e oufPeigenben (Seftaltungen nur bem (Seifte bed 
eiiifamen ßefer8 gegenüber unb l^aben einen unmittel= 

baren 3^f^"^^^^'&^"9 ^i* ^^" allgemeinen fiebenä» 
bebingungen. S5ag SBud^ fann bal^er wefenttid^ fül^ner 
in ber ®ntfd^leierung Don ©el^eimniffen fein afe baS 
S3Ub. ©eltfamermeife aber l^at man in S)entfd^Ianb nie 
ben 9Kut gefiabt, gegen bitblid^e S)arfteffungen bed Sladtten 
emftlid^ ju gelb ju jiel^en, rool^l aber bad S3ud^ in 
geffefn gelegt." 

SBaö ^errn von ^ßerfaff l^ier fo feltfam bfl)ift^ ifl 
im ©runbe bie ganj natürlid^e golge beiJ mefentlid^en 
Unter fd^iebeö jwifd^en ben beiben Äunftgattungen : ^oef ie 
unb aw a I e r e i. SBoHte man ber 3JiaIerei — baS SEBort 
mit ßeffing ate 3iifö^i"i^nfaffung von Silbl^auerei unb 
aJialerei gebrandet — bie S)arftcIIung be^ SWadten t)er« 
bieten, fo mürbe man Re im innerften fierjen treffen, 
il^r bie SBermirfUd^ung il^rer l^öd^ften unb fd^önften Sluf«» 
gaben unmöglid^ mad^en, lurj, il&r bie Seben^aber unter» 
binben, roäl^renb baöfelbe SBerbot bie 5ßoefie nur wenig 
berfll^ren mürbe. S)enn baö ©d^önl^eit^ibeal ber 3Katerei 
ifl ein förperlid^e«, mit pl^pfifd^en 3lugen 
fld^tbare«, ein 3beal ber '^oxm, unb meldte gorm 
ift fd^öner aU bie bed menfd^lid^en ÄörperiS, mie er au§ 
ben ^änben ber Äünftterin 9Zatur ^eroorgegangen ift? 
S)ie SDZittel, burd^ meldte ber aWaler fein 3^^^ erreid^t, 
t^erfagen bem S)id^ter. J)iefer ifl ganj aufeer fianbe. 



— 218 — 

UM burd^ bie Sd^ön^eit ber äußeren ^otnt, butd^ bie 
lörperlid^e @d^5nl^eit fetner Reiben gu entjiiden^ aud 
bem einfad^en ©runbe, weil wir in feinem SBerf biefe 
Sd^önl^eit nid^t mit Slugen fe^en (önnen* S)ie 3ladU 
l^eit, bie ber S)id^ter fd^ilbert, wirft nid^t auf boÄ 
SHuge, fonbem auf bie ^l^antafie, unb bie ^l^am 
tafle ijl fubjeltio, ja, fie ifi unbered^enbar, wo 
ed ftd^ um bie 9(ufnal^me unb SBorftedung finnlid^er 
©egenftänbe ^anbelt. 

3d^ glaube aud^, bag JQerr von ^etfaD bai^ SBefen 
ber ^l^antafte grünblid^ Derfennt, menn er ol^ne meitereiS 
annimmt bag bie Sßirfung bei» 3flad(ten auf bad äluge 
Don t)iel intenfitJerer ©innlid^leit fei atö bie nur mittel* 
bare SBirfung bed Säud^ei» auf bie ^^antafie. @i» 
ift felbftoerftänblid^, ba^ ein t)om aWaler bargeflclltci» 
nadtt^ SWotiD und eine üiel flarere — weil volU 
fommen flare — Slnfd^auung barbietet afe bie 
bid^terifd^e aJarftettung eines fold^en 3Slotxo». SBtber eben 
jene Dolllommen flare, unDerrödEbare unb umgrenjte 
3lnf d^auung b e f f e n , road ber Äüiiftler jur 2lnf d^auung 
bringen wollte, ueil^inbert, fofern ber Äünftler ein 
Rünftler ift, unb ber Sefd^auer im Äunftmerl ba« Äunft» 
merl erblidft, jebe nur irgenb finnlid^e SRegung. SBBir 
feigen jmar mit unferen Slugen einen nadften Äörper 
t)or unö^ aber biefer Äörper ift für uns fein finnlid^er, 
fein fleifd^lid^er Äörper, fonbem nur eine gorm ber 
©d^önl^eit, geroiffermaBen nur eine ©rfd^ ein ung ge» 
morbene 3bee. SBir ftnb beim Slnblidfe biefeS nactten 
Äörper« ganj aufeer ftanbe, etwas anbereS ju feigen als 
baS, was mir feigen. Unf er ganjeS ©d^auoermögen ift 
burd^ baS 3luge erfd^öpft unb befriebigt, unfere 5p^antafie 
l^at biefem ©d^auen nid^ts ^injuiufügen unb nid^tS ju 



— 219 — 

nel^mcn. SDer ^wUxd ifi ein tjöttig oBicfttDcr, barum 
an^ tJöHig gefd^Ied^tölofer. 2lnbcr^ liegt bie ©ad^e 
beim 2)i(ä^ter. 2)iefer l^at aud^ bei ber benfbar größten 
3Weifterfd^aft unb ©eftaltung^fraft nid^t bie aRöglid^leit, 
unä einen finnlid^en aSorgang ober ©egenftanb fo ju 
fd^itbem, ba& wir burd^au^ nur ba^ unb burd^au§ 
nid^t« anbereS feigen , als waö er fd^ilbern wollte. 
@r mag fo melÄunft aufroenben, ate er nur miH: — 
burd^ bie ajJaf($en feiner ©d^ilberung wirb unfere 
^pi^antafie bod^ l^inburd^ fd^lüpfen ; fie wirb, ol^ne oiel 
SRüdffid^t auf bie äbfid^ten beö 3)i^ter§, baS eine SWo* 
ment flärfer, bag anbere fd^raäd^er auf fid^ mirfen laffen; 
bie eroig fd^affenbe wirb nod^ lange nid^t aufgel^ört l^aben 
ju mirfen, menn il^r ber 3)id^ter ein ißalt jugerufen l^at. 
S)a fie einmal jur aJlitarbeit aufgerufen ift, fo wirb fie 
fid^ aud^ in il^rer SBeife betl^ätigen, wirb bie notioen* 
bigen fiüdfen in ber bid^terifd^en 2)arflellung in il^rer 
SBeife auffüllen, je nad^ ber inbioibuellen SSeranlagung 
be^ einjetnen unb nad^ ben fd^on frül^er einmal unb 
irgenbroo empfangenen ©inbrüdfen beö ©ebäd^tniffeö. 
Unb nun gar auf bem f($lüpfrig glatten Soben be^ 
©cfd^ted^t^ebeng, in ber l^eiften ©avftellung beö SRadEten! 
3e mel^r l^ier ber S)id^ter beftrebt fein mirb, ber 5ßl^an* 
tafie burd^ betaidierte ©(^ilberung jUDorjuIommen unb 
il^r fo bie e?(ügel ju bef($neiben, um fo größere aSor* 
ftellung^reil^en wirb er i^eroorruf en , um fo mel^r mirb 
er fid^ felbfl ber ©efal^r au^fefeen, baö ju tl^un, mag 
er ©ermeiben wollte: bie rol^e ©innlid^feit be^ Seferß 
iu erl^ifeen unb auf biefe SBeife feinem SBerfe ©lemente 
beijumif d^en , bie jeber maleren Äunfi unmürbig finb. 
3l\\x bie aJlalerei oermag ba^ 9ladEte gefd^tei^tglo« mitfen 
ju lafjen, bie ^poefie ifi baju au&er ftanbe. — 



- 220 — 

2)ie 93enterluitg, eine nadte Statue obet berglcid)eu 
ntüffe eine 2)ame in ©egenroart von getreu in eine 
gemiffe Sefd^ämung itnb äSerCegenl^eit oerfe^en^ roaiS 6ei 
einem „papierenen^ mit 93ud^ftaben bebrudten" S3u($e 
nid^t ber ^aü fei, lann bod^ eigentlid^ nid^t red^t ernft 
genommen merben. SBenn bai^ 93ud^ bio^ auf bem 
Xifd^e liegt unb r>on au^en angefel^en xoxx\>, bann frexKd^ 
n)irb eft leinerlei Erregung beiS (SemütiS J^eroorrufen 
lönixtn, 916er biefei^ btoge älnfel^en beiS S3ud^ed t)on 
äugen fann bod^ mol^l mit jener 93emerlung nid^t gut 
gemeint fein. @d mirb fid^ alfo um bie ^rage l^an« 
beln, mag bie betreffenbe ^amt mel^r in SBerlegeul^eit 
fe^en mirb: bai^ älnfd^auen einer nadCten ©tatue in 
©egenroart von fierren, ober bie gemeinfame ßeftüre 
einei^ SBud^ed, in bem 9tadftl^eiten gefd^Ubert merben, 
mit öerren. Unb auf biefe fjtage fann bie aintmort 
ni($t jroeifet^aft fein. 3n beu Slu^ftettungen unb SWufeen 
fielet man S)amen unb fierren in ben bemunbernben 
2lnb(idE natfter Silber unb ©tatuen t)erfunfen, ol^ne bag 
von einer 33cfd^ämung ber erftevcn t)iel ju merfen mare. 
9lber bie Xamt, bie gern bereit ifi, un^ in ein 3Wufeum 
ju begleiten, wirb e§ entfd^ieben ablel^nen, fid^ von mxS 
ein 33ud^ oorlefen ju laffen, oon bem il^r bdannt i% 
bafe e§ nadfte ©arftellungen unb inöbefonbere eine „in* 
timere SSeleud^tung bei^ ©efd^led^t^üerl^filtniffeö" entl^ält. 
S)ad f daliegt ja nid^t aud, bag bie ^rüberie mand^er 
l&eimlid^en SBerel^rerin litterarifd^er SRadEtl^eiten — nid^t 
bie natürlid^e ©d^aml^aftigfeit beö geiftig reinen unb 
gcbilbeten SBeibeS — aud^ burd^ ben 2lnblidt einei^ 
Jlaffifdjen aSilbwer!« fid^ „t)erlefet" füllen tann. Stuf 
biefen „ßinraanb" ermibere id^ mit einer f leinen 3lnef« 
böte, bie gerbinanb SloenariuÄ ftlrjlid^ in einer QtiU 



— 221 — 

fd^rift mitteifte: „ein befannler gd^riftfteacr I|at ein= 
mal einer S)ante eine gute 2lntn)ort gegeben, einer 
S)ame, bie fi($ oor ber antifen ©tatue eines 2lpoII be- 
fd^amt jur ©eite roanble. ^^ fonnte mir nid^t anberg 
l^elfen, erjäl^ft er, id^ mu^te il^r fagen: ,3d^ fel^e einen 
©Ott, feigen ©ie benn einen aWann?* ißöflid^ war 
ha^ nid^t, aber ben Äem ber ©ad^e traf'^. 2Ber t)or 
einem ed^ten Äunftroerf, ba^ etroa^ 3tadU^ barfieHt, in 
feiner ©d^aml^aftigfeit oertefet n)irb, jeigt baburd^ einei^ 
t)on beiben : entmeber er ift ni($t im fianbe, ÄunflroerJe 
ate Äunftraerfe ju genießen, ober er ift für finnlid^e 
©inbrüdte empffinglid^er, ate — eigentlid^ nett ifi." 

3)a6 wben ©ewol^nl^eiten unferer Äuttur gegenüber bie 
SJarfteUung beg nadften SWenfd^en immer etn)a^ gremb« 
artige^ l^at, ju unferen fiebendoerl^ältniffen in feinem un* 
mittelbaren gufammenl^ange jiel^t", mäl^renb bieg bei ben 
©eflaltungen be« Sud^eg ber gaU fei, ift bod^ rool^l nad^ 
bem Dbengefagten faum oon Sebeutnng unb fann, rid^tig 
oerflanben , nur ba^ ® ef d^led^tlof e in ber Sffiirf ung bilb* 
lid^er S)arftellungen be^ 9ladften erl;öl^en. 3e weniger 
ber Serül^runggpunfte mit unferem 3llltagöleben finb, 
um fo freier unb unbefangener werben mir bie emige 
©d^önl^eit ber f^ormen unb ßinien auf un^ mirfen laffen. 
^tnn aud^ barin liegt ein Unterfd^ieb jmifd^en ^ßoefie 
unb 3Jlalerei, ba^ erftere un« burd^ eine SReil^e t)on 
SSorau^fefeungen unb SBernunftgrünben t)on ber ibeeUen 
SRealität, wenn id^ mid^ fo auiSbrüdfen barf, be^ ®e* 
fd^ilberten überzeugen muB, mäl^renb baS, mag ber 
aWaler barfiellt, an unb für fid^ fd^on in biefem ©inne 
mirflid^ ift, menn nur ba« 3luge überjeugt ift. ©r 
braud^t beSl^alb bei feinen ©d^öpfungen nid^t erft an 
unfere fonftigen ÄulturoerJ^ältniffe unb Sebengbebingungen 



— 222 — 

anjulitflpfen. Ob nun bie ®ebUbe bei» 93ud^eiS, itn 
©egenfa^e ju benen ber 3RaIerei, „btnx ®eiße bei» eiu^ 
famen Seferi»'' gegenttberfte^en ober bem äluge ia^U 
reid^er SBefud^er, ift eine rein äu^erlid^e ^age. 31 i d^ t 
barauf lommt ei» an, ob bie £efer einei» 93ud^ed ober bie 
SBefd^ouer einefi SBilbwerfeg fid^ üoreinanber „genieren", 
fonbem borauf , ob bai» betreff enbe Äunftmerf burd^ bog, 
n)ai» ei» barftedt, eine fold^e SBefd^ämung notroenbiger^ 
roeife erjeugen mufe. — 

3d^ l^abe ba« «Problem, ba» mi l^ier befd^äftigt/ 
im 9lnfd^(ug an ben Sloman ^erfall^ unb feine tl^eo« 
retifd^e älbl^anblung unterfud^t, einei»teUi», meiCid^burd^ 
^erm oon ^erfaQ baju angeregt n)orben bin, anberer^ 
feit^ aber, meil er ju ©unften feiner 9luffaffung forool^l 
praltifd^ aU tl^eoretifd^ n)o]^l fo jiemlid^ aHt^ beibringt, 
roa^ fid^ bafür fagen lägt; enblid^ aud^ be^^alb, n)eit 
mir baran gelegen war, mid^ mit einem emfll^aften 
unb emfi ju nel^menben Äünftler auiSeinanberjufefeen, 
nid^t mit einem jener jal^lreid^en ^ßornograpl^en, bie fid^ 
irgenb eine mol^lflingenbe ?pi^rafe erborgen, um unter 
biefem 3)edtmantel uugeftraft fünbigen )u fönnen. 2)er 
£im|iri($ter, bem e^ um bie SBal^rl^eit ju tl^un ifi, mirb 
ben ®cgner bort angreifen, mo er am gefäl^rlid^ften, 
am beften au^gerilfiet unb am fd^merften ju befiegen ift. 
Semäl^ren fid^ bie naturaliftifd^en 2^^eorien nid^t in 
einer fo mafeooHen gorm, wie biejenige ift, beren ftd^ 
Äarl oon ^ßerfaH foTOol^l in feiner ©tubie afe aud^ in 
bem 9loman felbft bebient, bann ift e^ flar, ba§ fie 
bort erfl red^t ju befämpfen finb, mo fie in jügellofer 
greil^eit jur ©eltimg gelangen unb jeber felbftgejogenen 
meifen ©renje fpotten. 



^tti beutfjje Bampt^tttn. 




[tDei von il^nen fxnb unmobern getoorbcn, bcr britte 
ift niemaliS mobern getDcfen. a)ieine brei beutfd^cn 
^auöpoeten finb nämlid^ au^ bcm Saläre — 1888l^erau§* 
gegriffen. SBor jel^n ^al^ren — ! ©ubermann unb 
Hauptmann roaren bama(§ nod^ unentbedte ©teme. 
Öeute l^aben fie unb il^re SJrabanten bie alten ßid^ter 
fafl ganjtid^ oerbunJelt. 2Bie ging bag ju? darüber 
laffen fid^ fel^r fd^arffinnige tl^eoretifd^e Unterfud^ungen 
anließen. ®^ giebt beren genug. ^^ jiel^e ba^ pra!^ 
tifd^e aSerfal^ren üor, inbem id^ ben fiefer ju einer 
SIBanberung burd^ ben Süd^ermarft vor jel^n ^af)x^n 
einlabe, ©ollte e3 nid^t einen eigenen SReij l^aben, 
mit ben ©rfal^rungen ber ©egenroart einige ber be* 
rül^mtefien ©rfd^einungen jener ^txt an fi($ vorüber* 
jiel^en ju laffen? ©oUte eine fold^e rüdfblidtenbe Sudler* 
fd^au nid^t ein lel^rreid^e« unb anfd^aulid^eg Äapitel 
bilben? 

2öir fd^reiben alfo roieber ba« 3al)r 1888. 

* 
®^ ifl mit bem ,,nationalen (Seifte" in ber Sitter atur 
naturgemäß äl^nlid^ roie im wirflid^en Seben befteUt: 
bie meiften glauben ii^n ju befifeen, unb bie menigfien 



— 224 — 

finb bod^ tüirflid^ von i^m burd^brunflen. ©in jcber 
fü^rt i^n im 9JJunbe, weit ti nun einmal SKobe ift. 
Unter „notionaler ©efinnunfl" oerfiel^en bie meiflen 
bie möglid^ft l^äufige änwenbung ber SBorte ,,beutfd^", 
,,S)eutfd^tnm", beutfd^national" u. f. xo., bie möglid^ft 
Jritiflofe SBerl^immelung ber beutfd^en SScrgangenl^eit, 
@egenn)art unb 3ufi"^ft* Unb gan} ä^nlid^ mad^en 
ed unfere 3)id^ter. @ie glauben bem ^ublifum l^ifto« 
rifd^e nationale SRoniane unb ©rjä^lungen ju fd^enfen, 
rotnn fte bie ^anblung in mögli^ft nebelhafter äSorjeit 
fpielen laffen: moberne 3Wenfd^en in altbeutfd^e, oft 
aber aud^ nur in pi^pfifd^e ©erofinber ftedfen; aUeg, 
roag ii^nen von Sitten unb ©ebräud^en unferer 2l(t« 
t)orbern befannt ift, mit bel^iaglid^er SBreite au^ alten 
El^ronifen au^jiel^ien unb im übrigen bie ©prad^e äl^n* 
li($ bel^anbeln, mie etwa ber äKöbell^änbler neue», 
bittigeiJ gid^tenl^ol}, bem er burd^ ^feen, ^Polieren unb 
gematte Slrabe^fen ba^ Slufifei^en gebiegenen ©d^en^ 
ftoffe« üerleil^en miU. 

SKn ber ©pifee unferer beutfd^en §augpoeten fd^reitet 
feit Salären gelij 3)al^n. ®^ ift mol^t baö bitterfte 
So§ für einen S)id)ter, ben eigenen SRul^m ju überleben. 
%a\t fd^eint e^, ba^ aud^ 3)al^n biefem ßofe verfallen 
wirb. 3Jlit ben ©d)öpfungen ber lefeten Saläre l^at er 
fid^ unjTOeifell^aft in§ eigene gteifd^ gefd^nitten, ja, biefe 
jüngftett SBerfe l^aben red;t eigentlid^ fielen feiner be^ 
geiftertften greunbe bie Sld^ille^ferfe feines bid^terifd^en 
©d^affen« entl^üllt. ®in S3ud^ , mie baS im vorigen 
Sa^re (1887) erfd^ienene „aSaö ift bie Siebe?" fonnte 
faum nod^ Slnfprud^ auf ernftl^afte Äritif erl^eben. Unb 
nun l^aben mir als neuefleS ^/S^iflgaS Qa" oor und, 
eine ®rjä^lung, bie ben ©inbrudf l^interlä^t, al8 ob 



— 225 — 

Rc aM bem Srmel flef(§üttelt roäte — : e^ ifi fo 
uncnblid^ xomQ, n)aiS un« ber S)td^ter barin ju fagen 
l^at. „3n SlotTOegen tüat'g, am cinfamen gjorb" — 
in biefem einen unb etften ©afee ift fd^on ber ®runb* 
ton ber ganjen ©rjäl^tung entl^atten; in berfelben ffco^^ 
artigen SBreit fpurigJeit , in bemfelben patl^etifd^^rl^ptl^s 
nii[(|en fiapibarftile bewegt fi($ bag ©anje. ®d bauert 
gar nid^t lange, ba erfd^eint — nun, wer foHte benn 
erfd^einen? — natürlid^ unfer alter greunb Dbl^in. 
Er ift mit ben mptl^ifd^en Attributen feiner SBürbe: 
einem langen ©peer, blauen aWantel unb breitranbigen 
©d^lappl^ute au^gerüftet. 3n einem längeren SKonoIog 
teilt er un§ mit, bafe feine Sraut grigga nod^ immer 
nid^t iu bewegen fei, mit il^m in ben ©taub ber @l^e 
}u treten. S)aS ift nun t)orläufig nid^t ju anbem, unb 
fo entfd^tiefet fi($ ber ©Ott, anbermeitigen 3^i^fti^^uungen 
nad^jugel^en. 6r befu($t eine junge grau in ü^rem 
^eim, beren ©emal^l für il^n in bie ©d^lad^t gebogen 
ift. ©iegreid^ miberfiel^t er ben aSerfu($ungen, bie ü^n 
beim SlnblidEe be§ fd^önen 3Kenfd^enfinbeg anroanbeln, 
ja, er fpielt fogar Äinberfrau, inbem er ba« Slöd^terd^en 
feiner SBirtin auf ben Änieen fd^aufett unb fid^ von 
il^m ben 83art jupfen Wfet. Slad^bem er u. a. fid^ bie 
©urgel mit l^eifeem S3rei verbrannt, ba er biefeg ©e* 
rid^t, mie alle anberen feften ©peifen, ate feiner un^ 
mürbig bi^l^er cerfd^mäl^t l^at, belol^nt er feine ©aft* 
geberin baburd^, ba§ er il^r brei SBünfd^e freifteHt. 35a 
nun iXüd baoon fel^r tl^örid^t auffallen, bel^ält er fid^ 
t)or, il^r ben britten ju gelegener ^tit felbft einjugeben 
— unb fäl^rt gen fiimmel. fiier mitt er, obfd^on in 
fpäter SRad^tflunbe, feine S3raut, bie unerbittlid^e grigga, 
fpred^en, wirb aber nid^t t)orgetaffen, unb gel^t fel^r 

9. ® r 1 1 ^ u 6 / Probleme unb S^arafterföpfe. 15 



— 226 - 

oetbrieglid^ ai. 9(in näd^ften Xa^t fprid^t er erfolg« 
reid^er oor. d^^^^ä^^ft ^^^i ^t bie (Stferfud^t ber ®öttin. 
9(Id ®ott nid^t nur, fonbern aud^ ald 3Rann ]^a6e er 
nad^ altgertnanifd^en ®efet}en baiS Siedet, feiner 9)raut 
ober ©attin untreu ju fein: 

,,3an)ol^t/' entgegnet griflga; „td^ Itnnt e«, bie« 
Siecht: e« ift f($euB(id^!'' 

S)ie ®öttin iß eine eman)ipierte 3)ame; in biefem 
^aOe^ n)ie man geftel^en mu^, mit Siedet. @i^ entfpinnt 
M fotgenbe ©cene: 

„Unb bie« bei nnl^ geltenbe SRed^t ber SWÄnner — 
a^, t» ift aud^ für mi^ grauen ,9led^t' ! S)ad l^abt i^r 
aWänner gemad^t, raie'i^ ®ud^ SWännem bel^agte." 

„Sarool^C. Unb alle§ 3led^t werben bie SWänner 
mad^en, folange bie SDlänner mel^r SSernunft l^aben, ti 
ju benfen, ald bie äBetber, unb mel^r ftraft l^aben, ei$ 
ju fd^üften. Sltfo immer." 

„e« ifi fd^eufelid^, fag' id^ bir . . ." 

9lad^bem biefed götttid^e ©d^armü^eC eine 9Bei(e 
gebauert, jiel^t unfer Dbl^in anbere ©aiten auf. 6r 
lä^t nunmel^r feinen @belmut (endeten, ben er baburd^ 
bemeifl, ba& er von feinem S^wberringe, ber il^m bie 
iöerjen aller SBeiber, mit Slufinal^me griggaiJ, gewinnen 
mu^, nod^ niemate @ebraud^ gemad^t i^abe. @nb(id^ 
tagt er nod^mate eine glül^enbe Siebei^erKdlrung t)om 
©tapel: ,;©prid^, S^gga, liebft bu mid^ benn nid^t?" 

3)a gefd^iel^t etmaö UnermarteteiJ : man l^ört einen 
fd^weren ©egenfianb bonnernb jnr ®rbe fallen. S^igga 
ftüiqt — ju unferem mie ju Dbl^in^ „äufeerfiem (gr* 
ftaunen" — t)or il^m nicber auf bie Äniee unb ftam* 
melt „überfd^mängiid^cn 3lu§brutf^ voU": „Ü6er äße 
aWafeenl" 



— 227 — 

SRun gicbt ^rigga il^rem glüdlid^en Sräutigam aud^ 
bic ©rflarung bafür, roedl^alb fie mit il^rcn ©efül^Icn 
bi^l^er leintet bem Serge gel^alten l^at. S)ie Slornen 
l^aben i^r nämlid^ getoeiSfagt, ba& il^r fotool^I, wie 
aud^ Dbl^in unb aßen SBefen ber SBett ba» ®nbe naiven 
werbe, fobalb jte feine (Sattin geworben; glei(§jeitig 
aber au^, ba^ erfi, nad^bem bieS gefd^el^en, il^nen 
aUn bag l^öd^fie ©lud erblül^en fönne. 3)ic bi«l^er fo 
falte ^rigga n)ei§ fid^ jefet vor i8iebefibrun|l gar nid^t 
mel^r ju l^alten. ©ofort foff ißod^jeit gemad^t werben, 
„fieute! 3n biefer ©tunbe! 3efet! Oleid^!" SBorl^er 
ntuB aber nod^ ber alten ißiebe Dbl^in«, ber jungen 
aWenf d^enfrau , Oered^tigfeit wiberfal^ren. Stttö britte 
ber il^r gewäl^rten Sitten giebt er il^r ben SBunfd^ ein, 
mit il^rem ©emal^I unb Äinbe ewig in 2l«garb« SBonnen 
atö 3)ienerin griggaiS ju wol^nen. 2)iefe aber befteHt 
jte jur SBermittlerin aller Sitten, woju ba§ junge SBeib 
fd^on burd^ feinen SRamen (Sibjo, bie Sitte) oorl^er* 
beftimmt fd^eint. SRun wirb ber fiefer gejiemenb jur 
§od^jeit gelaben, bie natürlid^ t)on ben SBall^affgenoffen 
mit foUegialer SereitwittigJeit auf ba3 präd^tigfte auÄ* 
gefiattet wirb. „Unb in biefer SRad^t warb gejeugt ein 
Änabe; bem l^aben bei ber SRamen^weil^e bie SRomen 
ben 3tamm Salbur gegeben; er warb bie SBonne ber 
SBelt." 

3)er Qnl^altÄangabe brandet wol^I nur wenig l^in« 
jugefügt ju werben. Dbl^in erfd^eint l^ier im befien 
^atte atfi ein germanif d^ t)erHeibeter Supiter ; aber wie 
Iebengt)oII unb natürlid^ tritt ber l^eitere ©ried^engott 
biefem au§ fjauft* unb S)on 3uan'3)?otit)en jufammen* 
gefd^wei&ten 3^Wterwefen gegenüber, beffen äußere ®r* 
fd^einung mit blauem 3Wantet, ©d^Iappl^ut unb langer 



— 228 — 

©tange fld^ in ber ^l^antafte bed Seferd ali^ bie eine^ 
Dertoegenen Sinbred^erö ober bod^ minbefleni^ einei^ oer« 
(ommenen ©enteil barftedt! ^rigga, eine Domel^me, 
üppige Slonbine mit mobernen @man)ipationi^geläften, 
n)irft in il^rer fabell^aften Siebe^brunft am @nbe faß 
unäftl^etifd^. @d ifl aber an fid^ fd^on ein oerfel^Ited 
^Beginnen, ben alten beutfd^en ©ötterl^immet in ber 
SBeife, mie bai^ l^ier gefd^iel^t, mieber aufleben ju lajfen. 
2)afi gänjlid^e gia^fo ber ,,83arben" Älopftod'fd^en 9ln* 
gebenfeni^ fodte bod^ allen weiteren 93emül^ungen in 
biefer SKd^tung ein Qkl gefeftt l^aben. ©änjlid^ mi&* 
glüdfen üollenbi^ mu^ jeber SBerfud^, bie altgermanifd^en 
©öttergeftalten, bie nur auiJ ber gerne l^er, emfi unb 
würbig in großen Umriffen gejeid^net, fünftlerifd^ mirfen 
f önnen, in Sagen ju oerfefeen unb ju fd^ilbern, mie fie 
mobernen SRomanfiguren mol^l aufteilen mögen. Dbl^in, 
ber l^eifeen S3rei ][|inunterfd^lingt, muß — im poetifd^en 
©inne — baran erftidfen! 

gelij SDa^niS litterarifd^e ®efamtperfönlid^!cit ift 
gewiß nid^t unfpmpafl^ifd^. ©eine glü^enbe Segeifterung 
für unfere nationale SBcrgangenl&eit, feine tiefe Siebe 
JU unferm SBolfötum finb ebenfo rüdtl^altlog anjuer« 
fennen, wie bie litterarifd^en aSerbienfle mand^er feiner 
frül^eren ©d^öpfungen. Slber feine SBel^anblung germa* 
nifd^cr SBorjeit ift benn bod^ feine l^iflorij($e. Äann fd^on 
eine ißanblung in fo mptl^ifd^ -entlegener S^i*/ wi^ ^i^ 
iti »Si^igga^ 3a", felbfioerfianblid^ feinen 3lnfprud^ auf 
bie ßl^arafteriftif „l^iftorifd^" erl^eben, fo ift aud^ ber 
©eift, meld^er bie ißanblung erfüllt, fein gefd^id^tlid^er. 
S)iefer pl^ilofopl^ierenbe Db^in mürbe fid^ in ©lac6§ 
unb meißer ißaföbinbe gewiß nid^t fi^led^ter au^nei^men, 
ate in feinem oben gefd^ilberten Äoftüm. Dbl^in al« 



— 229 — 

Selb eineg 9totnaniS wirb un^ immer unoerfifinblid^ 
bleiben — ein 5proteug, ber feine ©eftalt unter ben 
greifenben ißSnben nnferer 5pi^antafie fietfi ©erönbert. 
9lur ate^pi^afe in ber ©ntmitfelung beg ©ermanen*» 
tumS, nur bann, xomn er ote ein t)om ßl^riftentum 
übermunbener ©tanbpunft empfunben wirb, afe ein 
gigantifd^e^ SRebelgebilbe am SBoHeni^immel altnorbifd^er 
aJlptl^ologie, !ann er, mie alle anberen ©ötter unferer 
2lItt)orbern, im SRoman eine erl^aben*fci^öne l^iftorifd^e 
unb poetifd^e ©eltung unb SEBirfung erreid^en. SBiUig 
mirb unfere 5pi^antafie bie S^i^^^'^S ^^^ SJid^terd unter« 
ftüfeen, ber un« in grofeen Süg^n eine SBorfteHung ba* 
t)on ju geben trad^tet, mie ber oberfte ber altgermanifd^en 
©ötter oon unfern SBorfal^ren gebadet, empfunben unb 
t)erel^rt mürbe, mie er in il^rer ©inbilbung er» 
fd^ien. SEBenn nun aberjemanb einen ißerm auftreten 
läfet, beffen 2^oitette vom Äopf big jum gu^e genau 
befd^rieben ifi — mir tjermiffen atterbing« bei Dbl^in 
t)erfd^iebene notmenbige £(eibung§ftüdEe — unb il^n un^ 
etma mit ben SEBorten DorfteHt: „Saß ifi fierr Dbl^in 
aus 2lggarb, ©öttergreiö a. 3). S)erfelbe mirb fogleid^ 
bie ©l^re l^aben, einen SKonolog t)or}Utragen" — fo 
mirb eine fold^e SBorfieHung im beften ^aUt mit einem 
ungläubigen ßäd^eln aufgenommen werben. @in anbere^ 
ift eg mit ber poetifi^en SEBiebergabe in fid^ abgefd^loffener 
©agen al§ ©agen, ein anbereg aud^ mit ber bud^ftäb* 
lid^en SBerförperung mpfi^ifd^er ^JJerfonen im 3)rama, 
mie e« von 3li($arb SBBagner gefd^affen ift. S)ie ©igen« 
fd^aft befi 3)ramag im ©egenfafee ju ber beg SRomang 
liegt eben unter anberem barin, baß erftereg aud^ ba^ 
©emefene, felbfi menn ei^ aug bem SSolf^bemufet« 
fein gefd^munben ift, al§ feien b t)orfül^ren unb emppnben 



— 230 — 

(äffen tonn. SMe äSerfud^e^ einen Obl^inht(tu8 (flnfUtd^ 
n>ieber einjubfirgem, xotthtn ebenfo oergebUd^ fein, n)ie 
etnm bad Seflreben eineiS ^ölberlin, bie gried^ifc^e 3Belt 
auf beutfd^em Soben voitbtx erftel^n )tt laffen, unb bie 
jttogen barüber n)erben ebenfo frud^ttod oerJ^aUen wie 
@d^ilIeriS tieffd^dne ftlage um bie ,,®ötter ©rie^nlanbd". 

@inb bie Sd^öpfungen f^elig 2)al^ni» mit allen il^nen 
onl^aftenben SRängeln bod^ aM einer gut Lebensaufgabe 
oertieften SBefd^äftigung mit ber altgermanifd^en äJer« 
gangenl^eit entfpro{fen, fo täjst ftd^ bem neuen 3Ber(e 
eines anbeten beutfd^en ^auSpoeten nid^t einmal biefer 
93or}ug nad^rül^men. SBarum ifl ^rt ^rofeffor @berS 
nid^t bei ben §leifd^töpfen %pptenS geblieben? SBaS 
l^ot il^n bemogen, feine ögpptifd^en Jtönigfttöd^ter i^eS 
orientalifd^en @d^mud(eS }u entfleiben unb fie in bie 
jad&tigen ©emänber beutfd^er ,,Wägebe'' be« XV. ^afyc^ 
^unbettS }u ftedten ? 3)aS alte SRilrnberg jener 3«it# in 
ber fein neuefter SRoman „5Die Oreb" fid^ abfpielt, 
ifl DieDeid^t ein ftd^ererer Soben als baS l^albmptl^ifd^e 
0[g9Pten. 3Benn aber fd^on gegen ben @eifl ber ©e» 
fd^id^te gefanbigt werben foK, fo mag lieber ein anbereS 
fianb bovon betroffen n)erben als unfer eignes SSater« 
lanb. S)aS i^ bod^ eine gan) natürlid^ ßmpfinbung, 
eine (Smpfinbung, bie fid^ beim £efen ber „@reb^' bis 
jum offenen Unmut, ja bis jur Sefd^ämung aber bie 
@efd^madSt)erirrung unferS ^ublitumS fieigerte, n^eld^e 
eS möglid^ mad^te, bajs ein berortigeS ä3ud^ inner|Ktlb 
weniger 3Ronate bie fiebente Auflage erlebte! 

D ober bie Sangeweile biefer beutfd^en ^auSpoefte! 
@d gel^&rt bod^ eine fdaoifd^ Unterorbmmg unter bie 
l^fd^enbe Slobe ba)u, ol^e jwingenben @runb burd^ 
bie beiben Sonbe ftd^ burd^juarbeiten ! 



- 231 — 

aWit einem a31autnantel f)abtn mx eö l^ier jmar nld^t 
ju t^nn, bafüt aber mit einem in ber aBoHe gefärbten 
— „35 lauft rümpf"! J)ie ©reb, eine frül^ oermaifte 
SRümberger ^ßatrijier^tod^ter au3 reid^em fiaufe, erjäl^ft 
uniJ in il^rem, vom 3)i(ä^ter angeblid^ antiquarifd^ er* 
morbenen Xagebud^ (!) il^re unb i^rer Slngeprigen 
®efd^i(fe. ©ie^ bie @reb, ift natürlid^ eine ebenfo 
tugenbfame, ©oHenbete „SBageb" wie il^re greunbin, bie 
nieberem ©tanbe entfproffene 2lnn. 9in biefe oerliebt 
fid^ ber Srubet ber ®rjäl^lerin, ^erbegen, ein blül^enber, 
bilbfd^ftner, |rod^begabter Jüngling, ©r fpielt bie SRoIIe 
bed lieben^roürbigen @d^n)erenöterd unb ift jjebenfalld be^ 
ftimmt, bie „glamme" ber Sadfifd^leferinnen ju werben. 
3u biefem B^ede m\\^ er aber „intereffante" bunlle 
9tinge um bie älugen bekommen, unb ba^ (ägt fld^ be« 
fanntlid^ nid^t immer auf bem 5ßfabe ber S^ugenb er« 
reid^n. ®r fi'il^rt alfo ein freiet £eben, ein &tbm t)oIIer 
aBonne, ergiebt fid^ allen möglid^en äuöfd^meifungen, 
bleibt aber babei im ©runbe immer — oerftel^t fid^ ! — 
ein l^erjen^guter , „potenter Äerl". 9lad^bem er ber 
tugenbfamen 3lnn, fowie feinem l^erjHeben ©d^efierlein 
unb ber el^r« unb rül^rfamen a3afe 3We6, fo aWutter- 
{leQe an ben beiben SBaidlein vertreten ^ gar mannig« 
fad^ ißerjeleib bereitet, fd^eibt er bem ©reWein au^ 
^ari0, attroo er fid^ ©tubiereng l^alber längere ^it er«» 
luftieret, ba& er feinen l^eimlid^en SBerfprud^ mit ber 
^nn — al« aufgetöfet betrad^ten muffe, fintemal er 
il^rer SDlinne unroürbig fei. „QSabannod^t" mftrbe bie 
Ann immer feine malere ^erjeniJminne bleiben. 6in 
platonifd^r ^tm ^uan ! SSeiläufig brol^t il^m fein reid^r 
Dnlel mit Enterbung für ben gaß, bafe er nid^t eine 
anbere, fömel^me Partie mad^n merbe. Dh jener l^arm* 



^ 232 — 

lofen Eröffnung ht^ l^od^gemuten Süngling^ toeinen ftd^ 
baiJ ©reblein unb ba^ annelein bie lieben Suglein rot, 
unb aud^ ha^ @emüte ber l^olbfeligen £eferin n)irb bag 
betrilbet, nta^en nun bie Slui^ftd^t auf ein glttcfUd^e^ 
^od^jeitgfeft in gar weite ^erne gerücfet wirb. 3lber 
ber ^erbegen leiert attbereit in feine SBaterftabt jurüdf, 
unb ba er nun feinem Snnlein abermalfi in bie n)unber» 
lieblid^en Suglein fd^auen tl^ut, vermag er il^ren jittigen 
SReijen mit nid^ten ju miberftel^en. 9lad^bem bie tugenb* 
fame SRageb eine fleine SBeile anflanb^l^alber gefd^mollet, 
feiert fie mit greuben in bie Slrme bei^ jefet nod^ um 
t)ieleg intereffanteren minnigen SBannöbilbe« jurüd. ©ol« 
d^en ©lüdfeg barf ftd^ aber bie t)ielgetreue SWageb mit 
nid^ten lange erfreuen, aUbieroeit unb fintemal ben ^er« 
begen bie ©träfe für feinen fünbl^aften Slreubrud^ unb 
unfeufd^en Seben^manbel nod^ nid^t ereilet l^at . . . 

2)er intereffante junge 3Wann mirb in einen böfen 
®l^ren^anbel oermidfelt, infoIgebef[en il^m ber Äaifer afe 
©ül^ne eine SBaUfa^rt in« gelobte Sanb auferlegt. Sluf 
ber ^itgerfal^rt wirb er t)on ben ©arajenen gefangen 
genommen, bei benen er jal^relang fd^mere ©flat)en* 
bienfte t)errid^ten mu§, ba ber betreff enbe ©ultan in^» 
folge tüdfifd^er ©nflüfierung einer t)erfd^mäl^ten, nad^ bem 
Orient t)erfd^tagenen Siebe unferes ißerbegen, ber rad^* 
füd^tigen Safe Urfula, ein unerfd^minglid^e^ Söfegelb 
forbert. SBeld^e gefd^äftlid^en aWafenal^men nun ergriffen 
werben, um baS fiöfegelb auf jutreiben , ba^ mirb mit 
einer peinlid^en ®emif[enl^aftig!eit unb vieler ©ad^fennt* 
niö erjfil^lt 3)abei foll eö als eine befonber^ l^eroifd^e 
2;i^at Semunberung erregen, bafe bie ©reb fogar — 
man benfe! — il^r präd^tigeg SReitpferb für ben leib* 
lid^en Sniber opfert ! ^ebenfallö üermeilt fie mit f üfeem 



— 233 — 

Sel^agen bei ber ©d^ilberung il^re^ unb il^tcr ©ippc 
Dpfcrmutei^. ©nblid^ wirb benn aud^ ber beftrafte 
©ünber glüdlid^ für ein »illige« audgelöft, ba e« 
bod^ nid^t in ben Stbfid^ten be« 3)id^ter« liegen fann, 
bie greuben ber Seferin burd^ pefuniäre ©d^äbigung 
il^rer fiieblinge ju trüben. Unb nun foll eÄ roieber ate 
ein überaus großartiger ß^arafterjug bei ber änn be« 
rül^ren, bafe fie i^ren Sräutigam nod^ anerkennt, ob* 
rool^l er an ©d^önl^eit unb ©eftalt radi^renb feiner 
©Itaoenjeit erl^eb(id^ eingebüßt l^at. 9Me £ieb]^aberei 
ber S^agebud^fd^reiberin für ©elbangelegenl^eiten, bie in 
il^renSCufjeid^nungen einen ganj unoerl^ältni^mäßig großen 
SRaum einnel^men, ba« laute SBefen, baiJ fie t)on Sll^aten 
unb ®mpfinbungen ntai^t, über bie iebe^ brat)e beutf($e 
3Kfibd^en afe über etwa« ganj ©elbftt)erftänblid^e« l^in* 
weggegangen wäre, finb wol^l geeignet, einige Qvotx^d 
an il^rer beutfd^en Stbfiammung ju enoedfen. SDlit ber 
fieimlel^r be^ fierbegen unb feiner SBermöl^lung ntit ber 
3lnn fd^ließt ber eigentlid^e Sftoman ab. SBa^ weiter 
folgt, pnb unfäglid^ langweilige Slufjeid^nungen eine^ 
gamitienmitgliebe^ über bie ferneren, red^t gewöl^nlid^en 
©d^idffale ber fielben. 

5IRan würbe faft eine ©atpre auf bie ganje 3Wd^tung 
oerwuten, wenn e« bem aSerfaf[er mit feinen 5IRul^men 
unb Safen nid^t fo bitterer ©ruft wäre, fiäßt fid^ etwaig 
3)ürftigereft benfen ? Unb bann biefeg £auberwelfd& von 
alten unb neuen SBörtern, t)on bem id^ oben in einigen 
©dfeen bem ßefer einen 33egriff ju geben t)erfud^te — 
eine ©prad^e, bie t)on unfern SBorfal^ren nie unb nirgenb* 
wo gefprod^en würbe, bem l^eutigen ßejer bagegen nur 
burd^ gelegentlid^e ftberfefeungen unb SRanbbemerfungen 
cerflänblid^ gemad^t wirb ! 3ft bie^ ftillofe ©erebe, bief eg 



— 234 — 

aSoIapfll aus aOen beutfd^eit Sprad^pertoben nid^t fd^mt 
eine plfd^ung aütS l^iflorifd^en @eiftei»? Unb biefe em« 
pfinbfamen, rül^feligen, in i^rer Xugenb — n)ie bie 
babenben Jtinber in bem f r e nt b e n S(emente bed SSaff et« 
— p(dtfd^emben, }Qppe(nben unb ftd^ fpreijenben ,M^ 
gebe'' — bie fotten beirtfd^e 3w«0ftauen be« XV. ^a^t^ 
l^nnbertS fein? eine läd^tige Portion roxxUx^tn Xro^el 
l^en loir l^ier Hebet l^ingenomnten aliS biefe bnttet« 
weid^en ^erjen^ biefe gefd^n)oUenen X^ränenbräfen, biefen 
ganzen Snl^ng von Qitmttmt, SRu^men, Safen, O^men, 
bie in il^rer Stii^rfeKgleit einanbet fo dl^n(id^ fel^n tote 
ein & bem anbem. £ein frifd^er £uftjug wn ben 
(Stürmen ber 3^tt xot^ in bie ü6er^}te @tidHuft biefe# 
bid^terifd^en @en)äd^l^aufed l^inein. 33a^ barin an ge^ 
fd^d^tlid^en jteimen entl^(ten ifl, erl^ebt ftd^ taum Aber 
ben äSert lulturl^iftorifd^er S3rodfen unb ift auger alkm 
3ufammenl^ange mit ben gro^n äBurjeln ber ganzen 
3eit forb' mtb intereffe(oi$. ^on einem l^iflorifd^en 91(n 
man verlangen mir bod^ in erfter £inie, bag er und 
ben @eifi^ bad (Smpfinben, ben fittUd^n @tanbpunft 
bed betreffenben 3^^^^^^^ auffd^Iie^t ^ wo aber 
finben mir in bem ©ber^'fd^en SBerfe fraftpoffe Snbiin* 
bualitäten, an benen ja bie ^tü — tS ifi biefelbe, in 
ber bie Diti^omi^ lebten — fo überaus, fo furd^ibor 
reid^ mar? Wo tritt l^ier ein aSertrcter — fei e« nun 
SWann ober SBeib — ein 3^"9^ f«i"^^ Sai^rl^unbettl 
auf? 2)ie eb(en äRägebe unb 3Ranndbtlber, bie Sbeii^ 
un^ Dorfiil^rt, finb ebenfo mobem mie feine 3ntriga:nteTt 
unb 99öfemid^ter, fomeit fte nid^t äberl^aupt trerjetd^net 
finb. 

Unb bennod^ fyit biefer SRoman eine erfreufid^ ©igen^* 
fd^aft: @t ift ber ooUenbete %i)i>uS feiner &aU 



- 235 — 

tung; bcr ju feiner DoHen Steife au^geroad^fene SSufeen* 
fd^eibenroman, ber eben baburd^, bag er bie legten Jtonfe« 
quenjen ber il^m }u ®runbe liegenben Jtunfianfd^auungen 
jiel^t, beren gonje (Sefd^madtojigfeit unb Unoerwertbar« 
leU in ba^ f d^ärffte fritif d^e £id^ xüdt unb bamit i^rm 
balbigen SBanferott anbahnt unb anlünbigt. 

6^ liegt mir fem, bem SBerfaffer in onberer ate 
rein lünftlerifd^er ?tid^tung entgegentreten }u woHen. 
S)ie aSorjüge ber ©berö'fd^en geber: bie il^n au^jeid^* 
nenbe wiffenfd^aftlid^ @ebiegenl^eit , bie frei(id^ unter 
Umftänben ber ^oefie nte^r feinblid^ ate freunblid^ x% 
an unb für f id^ aber immerl^in einen 3BBert beanfprud^; 
bie geiftreid^e 9lefIe£ion, bie fid^ fd^on mel^fad^ an in« 
terejfanten ^Problemen üerfud^t l^at; bie t)on ^ßl^antafte 
befLügelte, aber auf feinfter Drt^= unb ©ad^fernitni« be* 
rul^enbe @d^i(berung lanbfd^aftlid^er unb anberer @cene« 
rien; ber (gmfi unb 6ifer beö in ben SReijen oer* 
gangener Sßelten forfd^enben unb fd^n)elgenben @tUfyc' 
ten — alle biefe ©igenfd^aften, bie feinen frül^eren dto^ 
nmnen, wenn aud^ nid^t fo fel^ atö 2)id^tungen, fo bod^ 
al^ gel^ltDoUen ^taubereien eine^ geiftreid^en ^anneil 
unb gebiegenen ©d^riftfteller^ ein bel^aglid^e^ 3ntereffe 
uerliel^en, gelten in feinem neueften 2Ber!e faß ganjlid^ 
in beut Sbtn Einerlei eine^ ermöbenben ä9u|enfUled unter. 
S)er ^oefte {ann eben nur bann aOen i^ren fon^gen 
fegen^reid^en Sttuf gaben genügen, wenn fie atöSelbfU 
jtoedE aufgefaßt wirb, ©ie ift eine freigeborene ®öttin. 
Sie toirb toie bie äBeltgefd^id^te aud^ eine xüdxoäti^ 
fd&ouenbe ^ßropl^etin fein, aber nur für ben, ber il^reu 
burd^bringenben S&liden, il^rem al^nenben ^$ä]^(en allein 
vertraut unb fie nid^t mit 3J{ilr0f{o))en oM bemaltem 
^nfterglafe unb mit bem miffenfd^aftlid^en SBettelranjen 



— 236 — 

beläfUgt. ^a^ iDtffenfd^aftßd^e @tubtum ber betreffen« 
ben 3^it fei ber fefie 9 oben, auf bem ftd^ ber l^iflo« 
rifd^e dioman felbfiänbig aufbaut. 

@inb biefe bod^ fo einfad^en ©runbfä^e unfern mo« 
bemen (Srifil^tem n)irnid^ fd^on gan} ab^anben gelom« 
men? 8B3enn u)ir bei bem SBorte „mobcrn" bie ,,3Robe" 
in« äuge fajfen — atterbingiJ. @d giebt aber, gotttob ! 
aud^ mobeme beutfd^e @r}ä^ler, benen bie SRobe ^ei^- 
Kd^ gleid^gültig ifl. — 

,,9Ran fragte mid^ nad^ bem ®runbe, toarum id^ benn 
eigent(id^ 9tooeQen f d^retbe ? Ob ate ©tiläbung ? Ober 
um gute ©ittcn in anmutiger gorm ju prebigen ? Unb 
id^ ediger SRann gel^örte no($ }u ber alten @d^u(e, 
xoA^t lehrte, bag man bad @d^öne um feiner felbfi 
miQen fud^en, unb bag bie Jtunfi ftd^ fe(ber S^ed fein 
muffe in il^ren ^öd^ften mie in i^rcn anfprud^dlofeflen 
SBerlen. S)ie fd^Iimmfle (!) Slbfid^t legten mir aber 
nid^t fetten meine bejien greunbe unter, ©ie glaubten, 
in @r}äl^lungdf orm beabftd^tige id^Aulturgefd^id^te(!) 
JU geben." aWan möd^te feinen Slugcn nid^t trauen, 
menn man fold^e fefeerifd^e Slnfid^tcn aui^ ber geber eine« 
beutfd^en — ^rofeffor« tieft. Unb xoa^ für eine« 
^rofefforö! ®ineö ©elel^rten, bem man beim beften 
sißiHen nid^t oorroerfen fann, bafe il^m bie Strauben ju 
l^od^ l^angen ! ®^ ifi ber berül^mte ^ßrofeffor ber beutfd^en 
Äulturgefd^id^te in SOZünd^en, aSill^etm ^einrid^ Siiel^t, 
unfer guter, alter 3Reifter SRiel^l, bem mir biefe treffe 
lid^en programmatifd^en ©äfee — nid^t nur, fonbem 
au^ ein mal^reä ©d^afefäfitcin ebenfo trefftid^er l^ifio* 
rifd^er SRooeHen oerbanfen, beren ©d^lu^anb oor wenigen 
aJlonaten unter bem 2;itel „ßeben^rätfet" erfd^ienen 
ift. aWit biefem Sud^e ^at Stiegt eine SßJanberung burdf) 




lüilljelm Öeinrid) llicljl. 



— 237 - 

taufcnb Saläre bcutfd^cr Jlulturgefd^id^tc unb ein SDBerl 
t)on tttel^r ate einem SUienfd^enaltcr abgefd^toffen. 3n 
fieben 5Rot)elIenbanben ift ung ein ©piegel unferer ©e«» 
fd^id^te t)ont 9. bis jum 19. Sal^rl^unbert gefd^enft roor* 
ben, ber in fd^lid^ter ©infajfung einen fürftUd^en 3ieid^= 
tum glänjenber unb farbenfrifd^er Silber jurüdfftral^It. 
3Ran fann fid^ fein üemid^tenbereg Urteil über ben 
l^errfd^enben l^iflorifd^en SUioberoman benfen, als t^ in 
ben SKiel^l'fd^en 2;i^eorien unb il^rer nooeHiftifd^en SSer* 
förperung niebergelegt ift. „3d^ wollte erjäl^Ien, nid^t 
fd^ilbem, unb ber l^iftorifd^e ®eift ber 3Renfd^en mar 
mir roid^tiger afe il^r 31 od. 3^ ^^^^ ^i^I g^fünbigt, 
allein in ber Spanier ber ,35ufeenfd^eibennoi)elIifti!* fün^ 
bigte id^ niematö, obnjol^l id^ fraft meinet Serufe^ l^ier 
bie fd^önften ©ünben mü^elog l^ätte m^ bem Srmel fd^üt- 
teln fönnen." — SBo bleibt ba ber ,,^ap9rud:^®ber^"?! 
— „Sd^ begann ju erjäl^len aus Suft am ©rjäl^len. S)ied 
war unb blieb immer meine mid^tigfte 2;enben§. SBir 
erjäl^len aber immer am liebften t)on bem, mag ung 
lieb ift, unb lieb mar mir t)or allem unfer beutfd^eg 
Äanb unb aSolf!" 

®g ifl eben ba§ beutfd^e ®emüt unb ber beutfd^e 
(Seift, beren bürftige 3Sertretung in ber jüngften ®berg= 
fd^en ©d^öpfung niemals tiefer empfunben werben mirb, 
ate menn man bamit bie SRicI^rfd^en ©efd^id^ten t)er- 
gleid^t. ^ier fifet ba§ beutfd^e ©retd^en nod^ t)or bem 
©pinnrodEen unb nid^t — am SRed^cnbrett. ^ier wirb 
fein SUiummenfd^anj mit üerfd^ollenen ©eroänbern ge* 
trieben ; l^ier mirb nid^t mit alten ©prad^frümeln rabe- 
gebrod^en, unb bennod^ lebt unb mebt unfer ®eifl in 
alten, entfd^munbenen Seiten, unb au^ bem 3Runbe ber 
a\x% il^rem 2)unfet l^erauffteigenben ©eftalten berül^rt 



— 238 — 

uni^ ba» mobeme aStägKd^e 2)eutfd^ toit eine traute, 
l&ngft oerllungene @prad^e, bie loir felbß einmal not 
langen, (angen 3^^^^^ gefprod^en unb Idngß oergeffen 
^aben. $ier ft^t bie Sugenb nid^t ate Otbendfiem auf 
bie 93rufl ber beutfd^en flauen unb SRfibd^en gel^eftet, 
fonbem fte blicft uniS an au^ großen blauen 3lugen 

— ffaintm unb bod^ eine rfl^renbe, feelenooDe ©prad^e 
rebenb. S)er Siebe fiuß unb Seib ei^äl^Ien uniS bie 
£iebenben nid^t felbfi in ge!änfte(ten, langatmigen @a^« 
perioben, aud^ ergießen fte ed nid^t in Xagebäd^er, 
fonbem — bie 9lad^tigall fingt ed vieUeid^t im blül^en« 
ben ©ebüfd^ -* mof)n fie ed nur l^aben mag, bie Heine, 
groue ©eoottcrin? ^n finfteren ©id^enmälbem roeben 
bie alten @ötter, aber nid^t mit blauen ^aletotd, ©d^lapp« 
lauten unb langen @if enftangen beläfHgen fte junge @trol^» 
roitmen, fonbem in ber SRatur offenbaren fie i^r S)afein 

— bie ©tral^len i^rer Slide judfen afe 83lifte l^emieber, 
unb i^re furd^tbare Stimme tönt im S)onner, im Stau* 
fd^en be8 SReereö, im Sraufen ber SBälber. Unb bie 
garten, trofeigen ®ötter bel^errfd^en ein fraftfiroftenbeiJ, 
aber l^arte^ unb trofeigeg aKenfd^engefd^led^t. S)ann 
aber jerteilt bie ©onne bie ftnfteren SRebel* unb SBolfen* 
gebilbc, unb il^r J^ettfter ©d^immer fäCt auf ba« »ilb 
ht^ ©efreujigten am @id^enftamme , unter bem jmei 
liebenbe Sffiefen, bie ber l^eibnifd^e S^rofe getrennt l^atte, 
verfö^nt unb in 2)emut ald Sl^riften einanber bie iQänbe 
reid^en . . . S)ann n)ieber fi^en mir mit bem @r}ä^ler 
brausen t)or bem ißaufe auf ber ©artenbanf. 3" ^^^ 
fjeme läuten bie 3lbenbglödElcin , unb ber Slbenbfriebe 
fenit fein rofige^ ©cfieber auf bie feiembe JJatur. Unb 
ber SKlte, ber neben un§ ftfet, erjäl^lt un3 oon einem 
ebenfold^en buftigen ©ommerabenb, ben er ald Ainb in 



— 239 — 

feiner 33aterftabt Siebrid^ am Sil^eine erlebt, (gr bc* 
rügtet unö, wie er als Änabe feinen Äameraben beim 
Slad^^aufegel^en au^ ber ©ci^ule feine erften ©efd^td^ten 
erjäl^Ite; mie jene il^n grönblid^ burd^prügetn wollten, 
ba eft il^m jufättig entfd^lüpft xoax, ba§ er bie ©efd^id^ten, 
t)on benen fie ftd^ fo lange unterl^alten laffen unb ge^ 
glaubt l^atten, bafe er fie au^ Sudlern entnommen, an- 
ma^enbermeife felbft erfunben l^abe. Sei ber fjlud^t 
t)or ber ß^nd^jufti} feiner Äameraben l^abe er fein neuei^ 
Äleib arg jugeric^tet, mofür er von feinen ©Item jur 
©träfe bei einem 3lu§gange nici^t mitgenommen rourbe. 
®a fei aber ber jufallig auf ber SJurd^reife in Siebrid^ 
anmefenbe SBalter ©cott vorübergegangen unb l^abe il^n 
gar freunblid^ angeläd^ett, ma^ mol^l ber fomifd^en, 
Wngft abgelegten ©emanbung ju^ufd^reiben fei, in meldte 
ber 5papa ben Änaben jur ©ül^ne beg Äleiberfreoeld 
geftedft l^atte . . . ©cott reifte über bie Ji^eingegenben 
au§ Italien in feine Heimat jurüdf, mo er balb . barauf 
ftarb. „©ein S3ilb aber" — fä^rt SRiel^l in feiner 
3lot)eIle „3lbenbfriebe" fort — „blieb mir für immer 
umgeben von jenem griebenSjauber be^ milben aRai= 
abenbö im S3iebrid^er ©d^lofegarten ; unb me bie plöfe= 
lid^e ©rfd^einung ben erften ©eelen!ampf meines finb* 
lid^en Sllterd jum üerföl^nten Sluögange gemenbet l^atte, 
fo rul^te mir ber ®eift eineÄ griebebringerfi aud^ fort 
unb fort öerflörenb über feinen S)id^tungen . . . SBag 
id^ auf ber SBie^babener ßanbftrafee begonnen, ba^ l^abe 
id^ feitbem in Sudlern fortgefefet; iä) l^abe am geier* 
abenb erjä^lt. 3m ernfteu Xa^rnttt fd^eue id^ ben Äampf 
nid^t; in ber SRooeHe fud^e ic^ ben rein unb l^eiter ab= 
gefd^loffenen ©toff, ba^ ftill anregenbe, nid^t bas milb 
aufregenbe ©piel beö Seben^ . . . 3Kid^ l^at ber ^eim* 



— 240 — 

loeg am ^eierabenb }ur 3lomVit geffil^rt, unb ber nad^^» 
loirfenbe Sinbntd, n)e(d^en ber größte (Si^ä^Ur ber 
neuen Qeit meinem itinbed^erjen mad^te, ba id^ i^n mit 
Xugen fal^, ate er eben aud^ ben ^eimmeg }um ^eier« 
abenb ging unb in feinen er(öfd^enben Sü^en bod^ bad 
^eitere £ä(i^eln bed ^umoriften nod^ nid^t Derloren l^atte«" 
93e{fer aü eiS 9He^l ^ier felbfi get^an, lägt rt<$ bie 
Eigenart feined Sd^affend nid^t (ennjeic^nen. SKag man 
fein noDediflifd^eiS Programm, ha& er im jmeiten Sanbe 
feiner „^eien SBorträge" in einer überauiS feinftnnigen 
unb geiflDoQ anregenben parallele „3lox>t\it unb @onate" 
niebergelegt ^at, ein menig einfeitig unb edRg flnben — 
er nennt pd^ ja felbfl einen „edfigen 3Rann" — , immer* 
^in mirb man }ugeftel^en muffen, bag er bo^, mad er 
aufhebt, ganj erreid^t. SBBenn er an einer ©teile fagt: 
,y@ine 3lo\)tüt, bie un^ mit ®ott unb ber 3Be(t ent« 
jmeit, ftatt und im Snnerfien ju mx[ö^ntn, ift barum 
fd^on äfl^etifd^ uned^t/' fo motten mir il^m gern ba^ 
3eugnii^ auSfletten, ba^ mir menige @efd^id^ten tennen, 
bie eine fo auSgefprod^ene griebeniJftimmung l^inter* 
lajfen mie bie feinigen. Siiel^l ifl ber berufene S)id^ter 
be§ geierabenbs, ber ©rjäl^ter am Äamin, am l^äug» 
lid^en ^erbfeuer, ®r ift ein 2)id^ter beg beutfd^en 
fiaufeg unb ber beutfd^en gamilie — im maleren ©inne 
beg SBortö ein „beutfd^er ioaudpoet". 

atfo gefd^rieben im 3a^re 1889. — SBo i|l SDa^n? 
3Bo ift eberg? 3a, mo ift an^ SRie^I, ber SRooettift? 
Sie beiben erftcn l^at bie SWobe oergejfen, ben britten 
— I)at fie nie gefannt . . . 




^obetne beutftje Muxih 




er n)ci§? SSietteid^t ift bie 3^it nid^t mel^r fem, 
TDO ber S)eutfd^e, aufeer feinen eigenen, roieber 
Iprifd^e ©ebici^te lefen wirb. S^fe* tl&ut er eö be!annt* 
lid^ aug ©runbfafe nid^t. 2)a l^itft fein 3ureben. S)er 
©efd^mad für Sijril ift in einer ©ünbflut t)on fd^alem 
©obawaffer „mit" unb „ol^ne" ^eine'fd^e „$Pointe" 
untergegangen. ®ie größten aSerl^ecrungen l^at freilid^ 
^eine mit feiner 3Ranier angerid^tet. gaft bag gefamte 
Iprifd^e ©d^affen ftanb nod^ bis t)or furjcm unter feinem 
33anne. 2t)xxl unb ^eine maren fflr bie große SKel^r* 
jal^l ber 2)eutfd^en gerabeju ibentifd^. 3Ber fonft tjon 
2r)xxt feine blaffe 3ll^nung l^atte, ber fonnte bod^, menn 
fid^ jufäHig einmal baö ©efpräd^ barauf verirrte, mit 
bem JJamen fieine einfallen. SJiefer SRamc, begleitet 
oon einem fd^marmerifd^en, fd^meljenben Slugenauffd^lag 
— unb e§ mar aHeä gefagt, ba^ 2;i^ema Sprif in feinen 
innerften X^iefen erfd^öpft, bie „Äonoerfation" gerettet, 
^eine mar einer ber geiftreid^ften, mifeigften, bel^enbeften 
Äöpfe, bie je jmifc^en S)eutfd^lanb , granfreid^ unb 
^Paläftina gelebt l^aben. ®r l^atte eine ©atpre mie 
©d^eibemaffer unb einen $piauberftil — fo gefd^meibig 
unb faftig mie junge SBeibengerten am ^ßalmfonntag, 

0. (Svott^n^, Probleme unb (Sl^ararterföpfe. 16 



— 242 — 

unb fo einfd^meid^e(nb ti^elnb tüie bie Aägd^en botan. 
9}ebenbei fyit er aud^ nod^ ttxoa ein 3)u$enb btö anbert- 
^(b loal^r^aft f($öne @ebid^te gefd^rieben , fogenannte 
„perlen ber J^prif*', barunter einige, bie jum unoer= 
äugerlid^en iQaudfd^a^e ber beutfc^en £itteratur gel^ören. 
Seine übrige 2r)nt, ber eigentlid^e, „^immlifd^e ißeine", 
i{l }uni allergrößten Xei( 9Ranier, fuglid^-fred^, niort« 
fd^mät, innerlid^ f rofUg, fonoentioneS^flarr. @an)3)eutfd^« 
lanb IcA unb befd^mdrmte fte, unb ba ganj ^eutfd^- 
(anb bid^tet, fo al^mte gan} 2)eutfd^(anb fte nad^. (S% 
iii ja fo leidet, 9Ranieren nad^}ua^men. 993ad lonnte 
^eined Jllug^eit baffir, bag bie anbem — ebenfo Kug 
fein n)oOten? 

2)ad ging, fo (ange ed ging. 3)ann ging eft ober 
nid^t nie^r. 9btf feine SSeife. ^r fiarren mit bem 
%orfpann oon Stac^tigaOen, Sd^wduen, äbttilopen. Stehen 
unb ©ajeDen, mit ber bequem transportablen „ioeri^ 
aOeriiebflen'' unb ben Blumentöpfen doO £Uien, 9tofen, 
£otod, äSergigmetnnid^t brinnen, mit bem gematten 
3Ronb» unb ©temenbad^ brüber, ber atte Aarren |fatte 
ftd^ elenb feftgefa^en. S)ie 9{e§e, Sterne unb @<qeDen 
mod^ten nod^ fo „fromm^ unb „tbiQ" breinfd^en; 
bie iQerjaSerKebfle mod^te ben „Silienfinger" nod^ fo 
,,fd^[f^ft auf bie ^IhirpurroS" legen, bie Stadial 
nod^ fo ^rjbred^nb fd^Iud^n, ben Aorren rührte boft 
nid^t. Sr blieb fefi. fialttäd^elnb ging bad ^^^li&tm" 
an i^m oorüber. S^xhix fud^te i^n ber beutfd^ „Spriler" 
mit ^itfe bed SJud^binberd emftg l^erauS^id^ten. & 
mar nl^renb, aber ed ^alf nid^t. €r bid^tete i§n nur 
nod^ immer tiefer hinein. Xaufenbe oon ©olbfd^itt» 
bonben betafleten i^n mit Sentnergemid^ten. Unb fd^Iie^ 
lid^ famen einige breifie iunge ^rfcben ftngenb bed 



— 243 — 

SBcgeö, ergriffen bie fierjaHerliebfte ol^ne Umfifinbe berb 
am „ßilienfinger", filmten bie l^eimlid^ Kci^ernbe l^erj« 
l^aft auf bie „^urpurro^" unb [tiefen lad^enb bie alte 
Äatefci^e mitfamt ben Blumentöpfen unb bem gemalten 
aRonb* unb ©ternenl^immel mit ben güfeen in ben 
©anb. 3)ie armen ©d^mäne, 3tntilopen, Stelle unb 
@aitUtn maren fd^on üorl^er fiunger^ geftorben^ 

SBer maren biefe jungen breiften äurfci^en? &nt 
fel^r gemifd^te ©efeUfd^aft. S)ie 3"9^^i> ^^^ ^^^^ ^^i 
allen im einen ober anbern ©inne bie gleid^e, aber il^re 
SJreifiigleit mar fel^r tjerfd^ieben. S)ie einen maren 
breift, meil fie fo maren: bie anbern, meil fie breifl 
fein mollten. 3)ie einen waren pau^bädig unb rot; 
bie anbern maren aud^ rot, aber meber auiS ©efunb- 
l^eit nod^ au^ ©d^am. ©onbem bie SWöte auf il^ren 
eingefallenen SBBangen mar l^eftifd^, unb au^ ben tief« 
liegenben äugenl^öl^len glomm unb fladferte ein unl^eim* 
lid^e^, unfieteg, jel^renbeg geuer, unb bie bUid^en ©timen 
maren gejeid^net oon ber aSenuö, aber nid^t ber Urania, 
grifd^e 33auemburfd^en unb mttbe gro^abtifd^e gin^be* 
ftfecUften, 2;rctumer von einer neuen ibeaten aKenfd^en« 
nation unb anbere mel^r. Slber fonft maren fte meift ein 
Öerj unb eine ©eele, unb mie oerfd^ieben il^re ©timmen 
aud^ f langen, pe Hangen bod^, unb jebenfafl^ maren e^ 
il^re eigenen ©timmen unb nid^t bie einer S)rel^orgel. 
@^ maren bie „5Reut6ner". 

S)ai^ SBBort rül^rt oon einem l^er, ber ben Salären 
nad^ nid^t mel^r jur S^^d^nb }U jäl^len ift. Unb bod^ 
ift er einer ber jugenblid^ften unter feinen ©efäl^rten, 
ber gefunbefte, frifd^efie, urfprünglid^fte — : S)etlet) 
greil^err oon Siliencron. 

3Biet)iel Unred^t muB il^m bermateinft abgebeten mer« 



- 244 - 

ben! (Srfleni^ t>on feinen SanbiSleuten, bie ftd^ unt jebe 
neue S^anfonette im Sertiner SBintergarten ober Slpollo« 
S^l^eater mel^r fümmem, a(d um einen i^rer bebeutenbflen 
£priler. S)ann oon feiner Keinen, aber äugerfi agilen 
„©emeinbe'^ bie faß nur aud S)id^tem befielt. @iS ift 
ja ein ^äbfd^er Qaq, n)enn fie mit momentaner ^int« 
anfe^ung ber eigenen äierbienfte unb SBürbigfeit bem 
93ruber in ätpoQ i^re ^u(bigung }u ^ügen legen. 3(ber 
bie auf bringHd^e , überfd^mänglid^e, b^jantinifd^e älrt, 
n)ie biei^ l^äuflg gefd^iel^t, l^at il^n (aum geförbert — 
meber in feiner poetifd^en Sntmidlung , nod^ in ber 
©unfl beg ^ubtifum«. 3ene l^at pe in i^rem Maren, 
flieBenben J?aufe cl^er gel^emmt, t)erbreitert , aber nidjt 
vertieft; biefe l^at fie il^m f emgel^alten , um nidjt }u 
fagen entfrembet» 3^ ^^Ite Sitiencron für einen gott* 
begnabeten S)id^ter, aber — fomeit idj mir ein Silb 
baoon mad^en fann — für einen fel^r anfprud^Stofen 
unb üertrauenöfeHgen Jlritifer. 3n feinem „aRäcen'' 
fd^eint er mir einige naioe ^Proben baoon abzulegen. 
Unb weiter fd^eint mir , bafe bie greunbei^Iritü, meldte 
aUe^ anbere, nur feine Jlritif ifl, ben S)id^ter gemiffer« 
ma§en auf pd^ felbft feftgenagclt l^at, b. ^. auf eine 
(gigenart, beren natürlid^e ©ntmidtlung unb ®nU 
faltung feine ©röfee verbürgte, beren bemufete, 
lEonfequente Slu^beutung aber fd^liefelid^ jur Unfrud^t« 
barfeit, ®rftarrung, iiim SSirtuofentum fül^rt. 3<ä& H^^« 
ben ©d^metterling in feinem gluge, menn id^ ben %a\ Un^ 
fd^mel} feiner tJWgel unbeftimmt über ber Äanbfd^aft 
fd^immem fel^e, ober menn Re in fatter 9legung über 
bem gefd^Iürften Jleld^e jittem. Hber fein fduberlid^ 
aufgefpiegt, betrübt mid^ fein 3lnblidt. 3d^ l^abe jmar 
SJlufee, bie feinen 5pinfe(ftrid^e ber großen aJlalerin auf 



— 245 — 

feinen anSgebreiteten ©d^wingen eingel^enb ju berounbern 
unb ju ftubieren, aber ber arme glatterer ift — tot. 
aKant^e, nantentlid^ ber neueren ©ebid^te Siliencronö 
ma^m auf mi^ einen fold^en ©inbrud. 

S)od^ ber ©d^metterling , ben id^ ba um bie ®(fe 
biegen fel^e, ber ift anberer 3trt. — ^piafe ba: 

3\t mupft ftmnmf. 

ftlinöHng, bumbum unb ifd^inababa, 
Sielet im S^riumpl^ ber ^crfcrfd^al^? 
Unb um bie 6cfe braufcnb brici{)t'3 
SBie Subaton be§ SBeltgeri^tS; 
fßoxan ber Sd^ettentröger. 

^rumbnim, ba§ gro^e 93ombarbon, 
S)cr 93c(fenfc5(a0, ba§ ©clüon, 
®ie Wtolo, ber 3iufentft, 
S)ic Slürfentrommel, ber glötift, 
Unb bann ber ©erre 4)auptmann. 

S)er Hauptmann nal^t mit ftoljem Sinn, 
S)ic 6d6uppenfctten unterm Äinn, 
®ie 6(jftrpc fd^nürt ben fc^(an!en ßeib, 
93eim 3eu8 ! ®a8 ift !ein 3eitoertreib, 
Unb bann bie Ferren SeutnantS. 

Smei ßeutnantS, rofenrot unb braun, 
%\t Saline fd^üfeen fie al§ S^wn, 
S)ie Saline tommt, ben ©ut nimm ab, 
S)er (inb wir treu bi§ an ba§ ®rab; 
Unb bann bie @renabiere. 

S)ic ©renabier in ftrammem Sritt 
3n ©4ritt unb Slritt unb Slritt unb Schritt, 
®a§ ftampft unb bröl^nt unb üappt unb flirrt, 
SaternenglaS unb genfter !(irrt; 
Unb bann bie fleinen 3Jläbd6en. 



— 246 — 

Sie ^fib(^n alle, Hopf an ftopf, 
SaS ^uge Mau imb blonb ber 3opf/ 
^uft Z^üx unb %%ox unb ^of imb ^anl 
S^ut ^tne, ^rine, @tine au8, 
»orbei ift bie TlufxU. 

ftUngltng, tic^ingtic^tng unb $autentra(i(, 
9{o(j( auft ber t^erne tönt ed \ä)roaä), 
&ani leife: bumbumbumbum tfc^ing. 
3o0 ba ein bunter S^mtetterling, 
^f4)inQt{4)in0, bum, um bie 6(fe? 

3)aÄ ifi cd^ter SUiencron, ber J?eu tu an tSltiencron. 
bleiben wir Dorldufig bei il^m. S)odJ ba ifi ed — fflr 
bcn ®ffapijien — oielleid^t gut, wenn un^ ber S)i(3^ter 
juerfi bie ©efd^id^tc feineiJ fiebend crjd^lt. ©ic ftanb 
in ber „©efeHfd^aft" : 

,,3Reine {tnabenjal^re ftnb einfam gegangen. S^aju 
fam bie SJdnenjeit. S)ie[e attein war ein befonberer 
^rud auf aQem. SSon meinen Qan^U^xtm unb t)on 
ber ®e(el^rtenfd^ule brad^te id^ n)enig mit. 9lur ,,®e« 
fd^id^te" l^ot mid^ bi« jum l^eutigen 2;age immer gleid^ 
mit fd^Iagenbem ficrjen feftgel^allen. S)ie aRatJ^ematüt, 
bie „©d^leifmül^Ie be^ Jlopfe^", bie mir aud^ bi« jur 
©tunbe eine mit taufenb ©d^läffeln üerfd^loffene Xl^ür 
iji, l^at mir bie fd^roerfien 3riten meinei^ SJafeiniJ vtx* 
urfad^t. 

3Reine Untl^ätigfeit brad^te mir bie entfpred^enben 
grüd^te. SRad^l^ilfefiunben maren bie golge. aber bann 
mar id^ frei unb lief in ben ©arten, iniJ fiolj, in bie 
gelber unb überliefe mid^ meinen 2;räumereien. 

grül^ bin id^ Säger geworben. SWit fiunb unb ®e* 
roel^r affein burd^ ^eibe, SBalb unb Sufd^ ju jlreifen, 
mirb immer mir ein %a% }u leben wert fein. SBaib* 
mannSljcil ! 



>- 247 — 

^^ wollte DOtt Äinbl^cit an ©olbat njerben. 3^** 
S)cinemarl war bieg ju jener 3^it ^^ ©d^le^roig^ißoU 
fteiner nid^t tnöglid^. 3<$ ging bedl^alb nad^ ^reugen. 
SBäl^renb meiner attit)en @olbaten}eit l^atte i($ bad @[fid. 
Diel l^in unb l^er geworfen ju werben. Qd^ befud^te fieben 
5ßrooinjen unb fiebjel^n ©amifonen. 3)aburd^ lernte id^ 
Sanb unb Seute lennen. 1864—1865 war id^ am 
©d^luffe ber legten ßrl^ebung in ^olen. 3)ann folgten 
ber öfterreid^ifd^e unb franjöftfd^e Ärieg. 3tt beiben 
f^elbjflgen würbe id^ Derwunbet 

D bu Seutnant^jeit! SRit beiner fröl^lid^en ^fd^e, 
mit beiner ©d^neibigleit, mit ben oielen l^errlid^en gfreun* 
ben unb ftameraben, mit aOen betnen 9lofentagen; mit 
beinern bi$ aufS fd^ärffte l^erangenommenen ^flid^tgeffll^l^ 
mit beiner ftrengeu Selbftjud^t* 

©päter würbe id^ in meinem ^eimatdlanbe, ba« id^ 
jwanjig Saläre nur üorübergel^enb gefeiten l^atte, fönig* 
lid^er 93erwaltung&6eamter. 

©eit längerer Seit l^abe id^ ben Äbfd^ieb genommen, 
um mid^ ganj meinen fd^riftfteflerifd^en arbeiten ^In» 
geben ju tonnen* 

erfiin ber aRitte meiner breifeiger 3a^re fd^rieb l^ 
burd^ einen 3ufatt weranlafet, mein erfte« ©ebU^t, 

©ludflid^ fd^le i^ mid^, vm je^er tJorne^me, gute 
aRufif gewol^nt ju fein. Unfere fünf i^ieberWnige, ;5feobor 
Sdwe, gronj ©d^ubert, Mobert 2^umann, ijol^anne» 
»ral^ms unb »obert ^ant blieben mir ftete SiJeggenoffen. 
SBie mel be» 2)anfe$ bin i^ i^nen f(^ulbig, 

©eboren bin id^ juftiel om 3, ::imi 1844, iWteine 
©efd^mifter l^ben frtt^ bte iQänix^m in H)tm Sirgen 
falten müjfett TOeine wrftorbene itflutter SÄbellne Zi)U 
»eftra, geb. o, garten, fanb i^re läfiege in ^i)UaMpl)la, 



— 248 — 

S)ort flanb mein ©rofeoater ate amerifanifd^cr ©cneral. 
@r TDat, iDcnn aud^ ü6et bie ^alfte an fiebeni^jal^ren 
jünger, einer ber UiUn innigeren f^reunbe bei^ großen 
aaSafl^ington." 

S)iefer ©elbflbiogropl^ie fügt Otto 3uliitö Sierbawn, 
ber ejreunb beiJ S)id^ters, in feiner SRonogropl^ie über 
Siliencron nod^ folgenbe objeltiDe ^l^atfad^en unb fub« 
jieftioe 93emerlungen l^inju: ,,®tei(i^ äRoItle trat£Uien« 
cron afö bänifd^er ^ron in bie preugifd^e Slrmee, n)0« 
bei eß il^m freigefiettt würbe, ben greil^ermtitel ju fül^ren. 
@eine Sll^nenreil^e ift }nm ®lüd nid^t rein blaublütig. 
3d^ bin überjeugt, bafe er ba« Äeml^af t * SRatfirlid^e, 
Äörperlid^sfjrifd^e feinet änfeerfi genufe^glüdEIid^ t)eran« 
tagten SBefen^ nid^t feinen l^od^rool^lgeborenen Sll^nen 
Derbanit, fonbem jener ebenfo fingen wie fd^önen ßeib^s 
eigenen, roeld^e fein ©ro^Dater auf lönigUd^en Sefel^I 
el^elid^en mufete. SBon biefer ©rofemutter alfo bie S)erb* 
natnr, t)on ber SDlutter aber, einer l^od^gebilbeten, fein» 
geijttgen "Siamt, ber fünftterifd^e ©inn, ber Domel^me 
Salt! 

S)er Slufentl^aft Siliencron« war lange 3eit fiolftein, 
fpäter ein Sal^r lang 3Künd^en, jefet ifi eö Dttenfen bei 
Hamburg . . . S)en S)id^ter trägt er nid^t jur ©d^au 
mit ,]^od^^l^el^ren* ©eberben, el^er ben flotten Dffijier a. 2)., 
ber fid^ gern in bei^ Sebenö SBed^felroogen ftürjt. ®ine 
l^albe ©tnnbe SBaljer mit einem frifd^en aWäbd^en (jittre 
^arnafe!) gel^t il^m felbfi über bie ganje Sitteratur«» 
gefd^id^te . . /' 

3m Seben ßiliencronö finb bie Elemente feiner 5ßoefie 
entl^alten: bie ^olfteinifd^e $eibe, SBalb unb SBaibmerf 
baö bröl;nenbe ©d^lad^tfelb, bie üppige fianfeftabt. Unb 
von ber 3lbilammung ba« geubale. 2)enn er ifi im 




DctIcD D. Silicnfton. 



— 249 — 

DoHen Sinne bc§ aBortö, er ift roirflid^: ,,ein feubder 
SDid^ter!" 

3unä(^ft l^at bie 5ßoefie beö ©olbatenlebenö unb be^ 
Äriegeö in ber gefantten beutfc^en Sitteratur rool^l nod^ 
nie einen fo unmittelbaren, naturgetreuen, pacfenben, 
lebenfprül^enben Slu^brud gefunben wie in ben ©ebid^ten 
Siliencron^. Äann man einen ^arabejug anfc^aulid^er 
t)or äugen unb Dl^ren jaubern afö mit ben obigen für* 
renben, bröl^nenben unb bann gebämpft Derl^aHenben 
Stropl^en? Unb meiere milbe, bunfeläugige, malerifd^e 
©(^önl^eit meife er in feine Meinen ©d^lac^tenbilber l^in^ 
einjulegen! S)a ift ixim Seifpiel bie 

$od^ rocl&t mein ^ufd^, l&eU flirrt mein S^ilb 
3m 2BoIfcnbrud^ ber geinbeSflingen, 
S)ie malen fein 9KobonnenbiIb 
Unb tönen nid&t mie .t)orfenfingen. 

Unb in ben Stoub ber le^te 6d^c(m, 
^er mid^ t)om ©attel moQte fielen! 
^6) Wwq il&m gcuer in ben ©elm 
Unb ]af) il&n tot jufammcnbred^en. 

3[]^r roolltct ftörcn meinen $crb? 
3<^ i«0te tnö) bie SKonncSjcl^nc. 
Unb lod^enb trocfnc i$ mein Sd&mert 
5ln meinet 9lonc§ fd&roorjer 2)iäf)ne. 

n^^ f^t«9 i^w^ %^vitt in ben ^elm!" . . . Unb 
ber ©d^tufe: Sluttrief enb , in bie SReroen fd;neibenb, 
jornlad^enb, „rol^" mie baig ganje Äriegsl^anbroerf. 3lber 
unter biefer „SRol^eit" brid^t ein tiefet, roarmeg ©emüt 
äl^nlid^ bi^fret unb bod^ kräftig l^eroor, wie bei bem 
Seutnant in ber „3lttadfe", bie mit ben fturmfaufen^ 



— 250 - 

ben, in i^ter lebenbtgen 9(nfd^außd)fett iinübettreffdci^eu 
aSerfcn beginnt: 

^iai^ ha, unb „^i^ien ou8 bcm ^nW, 
9J2it ^urra brouf in Stufdd unb ^uidd, 
Unb oor^ebeugten SeibeS rajen 
3ln einem Stri^l bie $ferbena{en; 
Wxx imtx meit voran ben ^nfaren, 
@o ftnb XDxx in ben t^einb gefahren, 
^ie roten jungen l^interl^r 
3n tobedbringenber ftarriere, 
^a^ toxib bie 8pi^en ber ©c^abracfen 
^en @roS^a(m fegen xoxt ber ^inb. 
Unb ^wfffl/ ^cp, bie bunten Sadfeii, 
@inb n)ir am SBatbe§ranb gefd^iDinb. 
@efnatter, bann ein toüe» Saufen, 
SDßir lonnten faum mit i^ncn raufen, 
60 riffen bie @a§cogner au§ 
SSor unferm SAbelfc^nittgefauS. 

9tfö nun ber ßeutnant, ber greunb be^ ®r^a(;(er§, 
naä) ber Stttade ben 3«Ö lieber fammett, ba fel^tt von 
feinen Seuten nur ein einjiger, ber S^rompeter: 

^ei meinem i^reunb )um erftenmal 
Sdf) x6) bie ©d^erbe nieberfcdnippen, 
Unb ^l^rdnen fielen ol^ne 3^^^ 
^em ^oten auf bie bleid^en Sippen. 

O fc^dm' bid^ nic()t, menn bu bieS lieft, 
^a^ bir fo leidet bie ^l^räne fliegt. 
3m Sterben trdgft bu noc^ bie ©ererbe, 
3^ fei, ftirbft frül^er bu, ber 6rbe; 
S)ann benf icb an ben treuften JJreunb, 
^en je bie Sonne l^at gebräunt. 

©eetenüoller wirb baS SKonocle rool^t niemafe in ber 
5|>oefie Derraertet werben! Unb weld^e tiefe fragil in: 



— 251 — 

S0tr in iklittn. 

3nt Höeijcnfclb, in ^orn unb ^IKol^n, 
fiicöt ein Solbot, unaufgcfunbcn, 
3n)ei Zaqt fd^on, jroci SRäc^te fd^on, 
Mit Id&rocren SDßunbcn, unocrbunbcn. 

S)urftübcrquö(t unb ficberroilb, 
3m 2obe§fonipf bcn Äopf crf)oben. 
@in legtet S^roum, ein Ic^te§ S3ilb, 
©ein bred^enb ^uge fd^Ißgt nac^ oben. 

S)ie Senfe roufd^t im äl^renfelb, 

@r jte^t ein S)orf im ?lrbeit«fricben, 

?lbe, ^be, bu ipeimotroelt — 

Unb beugt baS ^aupt unb ift t)ericl^ieben. 

3n feiner Änappl^eit von gerabeju bämonifd^er 
gsraftif ift 

In memoriam« 

SBilbe 9?o{en überic^Iugen 
Siefer SDBunbcn rote§ 33(ut. 
2öinbt)ern)e]()te Silänqe trugen 
6iege§marf(^ unb ©iegeSflut. 

9^a*t. entfefeen überfpülte 
S)orf unb ^od& in ßftrm unb ©tut. 
„3Baffer . . ." unb bie ipanb jerrDü^tte 
®ra§ unb ©taub in 3)urfte§n)ut. 

SWorgen. ©rftbergraber. ©rufte. 
Man6) ein le^ter ^temjug. 
SDÖeit^er roitternb burd^ bie ßufte 
^rauft unb grauft ein @eierflug. 

3fi baig nid^t ein 3Keiftern)^rf in feiner 9trt? eine 
©antmlung ber l^öd^ften bid^terifc^en Äraft im Heinften 
5punft? — anit SRed^t l^ebt Otto 3uUu« »ierbaum bie 



— 252 — 

unoergleid^Kd^e ^ßrägnanj einer ©tropl^e au« bem „dind* 
ilid" f)txt>ox. 6i5 ifi nad^ bem Stnfltiffe: 

Sattelleere, @tur) unb €taub, 
ftlingenfreu) unb Scharten, 
2!run!en fd^toenft bie Srauft ben 9laub 
i^latternber @tanbarten. 

Sluf ben S3aIIaben ßiliencroniJ liegt ber büfiere, b[u= 
tige SRorblid^tfd^ein il^rer ^eimat. ©in redenl^aft rol^e« 
SDlittelalter fpiegelt fid^ in il^nen mit aU feinen breiten, 
fraftüberquettenben Stu^roüd^fen. SSietteid^t mangelt'« bei 
mand^en an ber flraffen, fiberfid^tlid^en ©inl^eitlid^feit be« 
©anjen ; üietteid^t empfinbet man juroeilen bie fünftlerifd^e 
SKbfid^t ber Äompofition afe fouoeräne fubjeftiDe SßJitt* 
für; mMä)t liegen ©toffe unb ®mpfinbung«n)elt bem 
mobernen ©efd^madfe ju meit ab. aSietteid^t! — fidler 
ift, bafe ber bäfter*l^arte, Derl^alten^eibenfd^aftlid^e %on 
mit ber inftinftiDen S^ief^örigfeit be« Äünftlerö getroffen, 
bie l^eraufbefd^roorenen farbenfc^roelgenben Silber unb 
fraftberaufd^ten ©eftalten in monumental roirfenben 
greifen l^ingeroorfen finb. S)aneben bämpfen pd^ einige 
biefer Sattaben jum milberen S^one be« Iprifd^en ©tim» 
mung^bilbeö l^erab: 

Qfrhrarfung. 

?luf Znxm unb Sl^or unb SJlaucrfranj, 
3luf raufd^enbc bunffc Pannen 
gädt Ölammenfdöein unb ßid&tcrtonj 
Jßon gocfeln unb ou§ $fonnen. 

ein 2Beib ftcl^t an bc§ SöOcr^ iRanb, 
e§ nimmt ber SDßinb il^rc JRebe: 
3J?cin trauter jog in§ ^'licberlanb, 
©r jog in bie bUitigc JJel&be. 



— 253 — 

Unb l&ört jtc nid^t ^mUn unb ©tcgcSöcfdörci, 
©icl^t feinen 4)clm fic nid^t btinfcn? 
3m 2BaIb nur pnQt auf ber SBicfe bie fjci, 
©in ©tcrn tl^ät niebcrfinfcn. 

S)cr SDlorgen graut, bie SDßelt ift fo leer, 
S)ic 2BcIt ift voU ^ersclcibe. 
2Bcn tragen auf langen ©pieken ftc l^er? 
6ie fanben il&n tot auf ber ©eibc. 

@inen mobcmcn focialen ©toff bel^anbeft 

„flein SJlittagcffen fünf S^agc fd&on. 
S)ie ©eimat fo roeit, fein ®e(b unb fein Sol^n, 
©tatt ?lrbeit ju finben, nur junger unb 3^ot, 
^VLx roanbem unb betteln unb faum ein ©tücf 53rot." 

2Ba§ biegt ber ©anbroerfäburf^ in ben 2öalb? 
2öa§ läuft il^m über§ ©eftd^t fo falt? 
3Ba§ ftel&t er traftloS in ben siaum? 
2öa§ irrt fein 5luge Don ®aum ju 95aum ? . 

S)ie Sonne fd^eint unb 6tiIIe ringsum, 
• 'S)ic S)roffeI nur (drmt nod^, fonft alle§ ftumm. 
SDßaS fd&aufelt ber @r(baum am SBatbeSranb? 
3n feinen äften ein SDienfd^ üerfd^roanb. 



Sßon feinem drmlid^en ^ünbel ben Stridf, 
6r legt um ben ©als il^n, vtm SCßirbel, ©enicf, 
3)ann Id^t er f\6) fallen — nur furj ift bie Oual, 
6r fal^ bie Sonne jum le^tenmal. 

S)er Sau fdHt brauf, b.er Siag erroad^t, 
3)er $iroI flötet, ber Siauber la^t. 
@S lebt unb mebt, als rodr* nid^lS gefd^el^n, 
©leic^gültig wifpern bie 2Binbe unb roel^n. 

@in Sdger lommt ben 4)ügel l&erab 

Unb fielet ben ©rl^öngten unb fd^neibet il^u ah, 



— 254 — 

Unb mac^t ber IBe^örbe bie ^nitx^t fc^neD, 
Seni^barmen unb Xrftger finb balb ^ur SteQ*. 

Sin l^eQen (Slac^i ein ^err t)om @erid^t, 

^Skx prüft, ob fein SRaubmorb, rote baS feine $flid^t. 

Sie tragen ben Setcinam inS Ste^ienl^u^, 

Unb bann, n)0 lein ftreu} ftel^, inS flftlb l^inauS. 

^a niemanb guoor ben Sioten gefel^n, 
Srl^ftlt er bie Plummer breil^unbertunb^el^n. 
^rei^unbertunbneun f^on liegen im @anb, 
SBer l^at fte geliebt, roer l^at fte gelannt? 

ajie eigentßd^e, bie ^erjen^l^eimat Sittencron^ ifl bie 
$eibe. SJort träumt er, nad^ ber Qagb auf einem 
^dnengrabe etngenidt, t)om ftönig Slingel^aar, ber fid^ 
mit golbenen Soden über ü^n beugt; bort erfd^einen il^m 
bai^ ßeben unb ber 2^ob in il^ren roec^felnben ©eftalten; 
bort mad^fen unb btül^en il^m milb bie greuben ber 
Siebe wie baö braune ^eibefraut . . . „2)ie $eibe. 
©ie Unf)t. SBa« ifi ba ju fagen- ©u afd^enbröbel 
ber SRatur, bu aWenfd^entroft, bu feliger ^ort ber ©in* 
famfeit, wie lieb' id^ bid^, wie lieb' id^ bid^" 



• • • 



Sicfcinfamfeit, eS fd^lingt um beine Pforte 

^ie @ri!a bag rote liBanb. 

$on ^enfd^en leer, n>ad braud^t eS nod^ ber SSSorte, 

Sei mir gegrüßt, bu ftilleS Sanb. 

SRaturbilber Don einer roal^rl^aft entjüdfenben %n^i)t, 
Don einer jungfräulid^en $errli(^leit, mie bie SRatur 
felbjl* 3lm fräJ^en SRorgen: 

3m ftarfbetautcn ^fle^e flicft bie Spinne, 

Unb l^unbert Serd^en, mit gefpretsten Sc^mftni^^en, 

entid6üttcln i^ren glügeln ^a6)t unb 9«eif, 

3)er fecfen S^rillcrfcl&lien 3!iriü 

i)em \x\\<!i)m SBanbrer um bie ^ü^e f^imetternb. 



— 255 — 

3ebc S^iU ein fun!ctnber 2^autropfen! Ober: — 

©cfe in bcS SBageng ^inftcrniS 

@etro[t ben ^tlaSj^ul^, 

i)ie t$üc()ie f(^öumen inS ®ebi^. 

Unb nun, Sodann, fa^r in, 

@S rul^t an meiner ©d&ultcr au8 
Unb fdilftft, ein müber Seild^enftrau^, 
S)ie Keine, blonbc Äomteffc. 

^ie ^a(l)i t)er[in!t in @umpf unb ÜT^oor, 

6in erftcr, roter Streif, 

^er Riebife fc^üttelt R* im iRo^r 

?lu§ ©d^opf unb ^clj ben 9«eif. 

5lod^ l&övt im Sraum ber Stoffe Cmif, 
^ann fc^tdot bie blauen klugen auf 
S)ic Meine, btonbc flomteffe, 

^ie Siegel flinot t)om SSiefcngrunb, 
^er Sauber ö^^rt unb lad^t, 
?lm Stabe fföfft ber 53auern]&unb, 
m' Ceben ift crroad^t. 

314, tt>»f bic Sonne föftlic^ fd^ien. 

2Bir ful^ren fc^nell na^l ©retna @reen, 

3c^ unb bie Keine Äomteffe. 

SBcr }tt fold^cr ©d^önl^eit nod^ einen Äommentar er^ 
wartet, ber ifi für Sprif unrettbar verloren. 

2)ie $eibe Derfinft in blauem SRebelbuft , . . @S 
ifi SBinter ... S)er ©id^ter ftfet in feinem ©tfl6d;en 
in ber ©tabt: — 

Tkltlnt Qfrinnierung* 

!3m S^ineegeftöber mag bie Stabt ertrinlen, 
l£ßa§ !ümmert'd mi((, ic^ ft^e marm unb trocfen. 
^emerflic^ faum ^ör' id^ bie Z^üxt flinfen. 
Unb l^inter mir fd^teic^t irgenbmer auf Soden, 



— 256 — 

Um rafd^n Sprungd an meine Sruft su ftnlen. 
34 tl^ue n)t(b unb gren^entod tt\6)xodm. 
Sie (acfit n)ie toO, bie n^eiften 3A^>i^ Minien, 
9luf i^ren IBacfen fdt^melien nod^ bie f^Ioden. 

S)te Siebe, bie berbe, fotmengebrfiunte fieibefraut* 
liebe; bie Siebe, auf beten winbf rif d^en , roten »adten 
bie IriftaQenen Sd^neefloden f(i^me(}en, ni($t bie q^ 
fd^minfte, weife, „Derbampfte" Siebe, aud^ nid^t bie 
feJ^nfüd^tigsf^ntiwiental feufjenbe, ift ber ©ninbton ber 
fiiliencron'fd^en ©rotif. — „^Rotturno": äu8 bem 
Dualm unb ©ingfang bt» Hamburger S^antant« treibt 
CS il^n l^inauö in feine geliebte $elbe. Unenblid^ei^ 
aWitleib mit ben unglüdEfeligen ©efd^öpfen, bie fid^ ben 
gierigen, rollen, überlegenen SlidEen ber 3Jlfinner preis* 
geben niüifen, folgt il^m mit ber nad^flingenben tUn 
gel^örten SBeife in bie feufd^e Stitte ber SRatur. ©elt* 
famer ©pul umgaufelt il^n — jroei gepanjerte SRitter 
mit eingelegten 2anitn gegeneinanber. „5piöfelid^ l^odft 
ein bidfer Äerl mit ben gefünbeften ^pfannlud^enbadEen 
jroifd^en il^nen. Stuf biefen jagen fle imb burd^bol^ren 
il^n. Unb eine ^ofaune flingt, unb ein SRuf ertönt: 
©el^t, baS ifi ber Bourgeois» 3ltteS, loaS auf @rben 
jufammengebrängt ifi an ©elbftfuc^t, ©rbärmlid^feit, ge* 
meiner S)enfungöart, ^od^mut, gcigl^eit, Segeifterungö* 
lofigfeit, ftnbet fid^ in feinem gettl^erjen. S)ie Äimfi 
ift il^m fo gleid^gülttg mie ein S^alglid^t. äuS feinen 
t)oIlgeftopften ©elbffidfen flreut er nur, wenn fein 3lamt 
in ben 3^itungen genannt mirb . . •" 2lnbere Silber . . . 
bann — ; ^ , , , 

3(9 fa^re empor, 
^er 3Korgen bdmmcrt, 
^er 2Binb l^ot ftd^ gelegt, 
@S ift totenftiü. 



- 257 — 

53or mir flie^ 

S)er !(eine gtu^. 

5Sorn)ärt§! S)ie ftleibcr ab! 

Unb im eijtöen SBafjcr 

— 2Bunbcrt)olI — 

©d^roimm' ic^ unb fd&töimm' \ä) 

Unb (ajle bic erften Sonnenftra^Ien 

(Sli^crn über meinen 

Sropfenben 5lrm. 

?luf bem "^Raö^^an^txotQ, 

3m rafc^ien ermftrmenbcn Sö^xxtt, 

@t^t e§ mir roie eine Seliöfcit 

S)urc5S $erj: 

3c6 bin mie ö^ftäl^It 

3u neuem ftampf. 

^uf meiner ©d^lad^tfal^ne 

6olI in leuc^tenber Sd^rift 

S)a§ ebelfte SSort ölönjen: 

©elbftjud&t; 

,, — S)ag SBort, ba§ SBermut f äet unb 5Rof en erntet ; 
baS SBort, bag bie auSgeftrecften, J^ei^ocrlangenben Slrme 
langfam finfen läfet: eö ntufe fein, raiHft bu bid^ oor 
bir felbft ad^ten; ba§ Sffiort, ba^ bie ©tirn mit ©d^roei^ 
bebest unb fie trodfnet wie ein fül^lenber ©eeroinb am 
Sulitag; ba^ SBort, ba§ nn^ nad^ l^arteften kämpfen 
in einen fturmftummen, marmfonnigen, felberbeglänjten, 
einfamen ^erbjlnac^mittag fteHt. — " 

Unb um bo§ öemaltiöe 2Bort 

©tief' xd) ben ©ta($elfranj : 

Stob aüer SSei^Ii^feit. 

Über mic§ aber fomme bie ßraft 

®otte§, 

3)en \i^ fud^e, 

Seit id^ ben!en fann. 

9. ®rott$u|, Probleme unb (S^arofterföpfe. 17 



— 258 — 

©clbfljud^t unb ^rei^cit! grei^eit burd^ bie ©clbji« 
}U(^t — „eincinatuö": 

f^rei loiQ x^ fein. 

aWetnen Sungcn im ^rm, in bcr gauft bcn W«Ö; 

Unb ein fröl^lic^ fQtxi, unb baS ift a^nug. 

Unb {(^leid^en bie ^ißünjd^e n)ie (cdmei^ielnbe ^antl^er, 

Xobt einer im ^(ut mir, ein l^öQengefanbter, 

S)a^ id^ iRul^e nid^t finbe bei Zaq unb ^ad^t, 

^a^ ic^ gau) n)irr bin unb Übermacht, 

^0^ mir bie ilBangen einfaOen unb bleicfien, 

Unb !onn hod) unb !ann boc( ben SBunfd^ nid^t erreid^en: 

3c^ jd^lud* il^n ju bcn begrabenen onbern, 

i^in ftifl, unb e§ fftumt {c^on bo§ raftlofe SSSanbern. 

S)a§ 3Bort Hingt ^erb unb ^at trourigen a^unb, 

Unb tröftet mic^ bo4 unb mac^t mic() gefunb. 

SJieincn 3ungen im 3lrm, in ber gauft bcn $f(ug, 

Unb ein fröl^lic^ $er}, unb ba3 ift genug. 

tJrci min ic^ fein. 

3)oc^ ruft mid^ ber ^aifcr in 3^ot unb ©efa^r, 
3cb entftürje bem ipouS mit geftrftubtem ^aax, 
93in um i^n, roenn er t)on fjeinben umbrdngt, 
SBiS roieber bie 8treitojt am 5Ragel l^ängt . . . 

"^ann aber, wenn ber griebe toieber flral^tt unb bcr 
Slder^mautt iDieber fäet: 

S)onn ftemm' id^ bie ©pi^c t)on meinem Sd&mert 

tJeft auf ben l&äu^lid^en geucri&erb, 

Umfaffe ben (Sriff mit ber einen ^anb 

Unb trodfne ba§ S3Iut oon ^\W unb JRanb 

Unb fd^leif e§ geroärtig ju neuem Sianj, 

S)oc6 l&eute beberft e§ ein @id^en!ranj. 

SJieinen 3"nflen im Slrm, in ber gauft bcn ^ug, 

Unb ein frö^lid^ ©erj, unb ba§ ift genug. 

Srei miU id^ fein! 

3lxin, giebt c§ eine tnoberne beutfd^c Sprif? ®inc 
St;rif nid^t nur für „poliere Xöä)itx" ? 3ft c« toixüi^ 



- 259 - 

eiltet bcutfd^en 9Jlanneä fo gäiijlid^ unwürbig, fi(^ um 
bie neue beutfc^e ßieberfunft ju fümmern? ©in 2;roft 
ift biefer ^unfer unb S)icä^ter mit feinen l^eHen, Maren 
Slugen, bie bo(^ fo Derfonnen ju träumen miffen, mit 
feinem ©tauben an bie beutfc^en Sbeate, ein Xxo^ ift 
er in unferer müben, fied^en, Mafierten ^dt, für bie 
ber alte ®ott ein 2lmmenmär(^en unb bie ^reue für 
Äaifer unb SBaterlanb ein leerer SBal^n ift! 2lufrid^ten 
lann man fid^ an biefem Sürgen beutf($er ®l($en!raft 
unb frommer germanifd^er Äinblid^feit. Unb mie banft 
i^m baö beutfc^e 3Sotf? ©g läfet i^n barben! S«id^t 
er braucht bafür ju erröten, fonbern mir, wir alle. 
SRid^t er leibet am tiefften barunter. ®r l^at fein „fröl^* 
lid^eö ^erj, unb bag ift genug!" Slber unfer „nationale^" 
unb ,Jociale^" ©eroiffen, bie bod^ beibe fo empfinblid^ 
finb: für jebe^ grembmort in einem beutfd^en 3^itung§= 
auffafe, unb für jebe Überftunbe, bie irgenb ein Klempner* 
gefeHe ju mad^en l^at — unfer ©(^amgefül^t foHte oon 

biefem ©tad^el geriet werben, ß^^i'^""^^^^ "^^^^^ ^^t^^ 
feiner 3^^ bie öffentlid^e Sammlung in 700 (fieben* 
l^unbert!) beutfd^en 3^itungen für ben S)i(^ter ergeben! 
?leuerbing§ foll eine größere, aber oerl^ältni^mäfeig 
immer no(^ läd^erlid^ fleine ©umme aufgebracht morben 
fein, unb an beren ©efteHung ift bie fogenannte Öffent* 
Ud^feit mol^l aud^ jiemlid^ unfd^ulbig. SRaioer ©infaH 
roeltfrember ^bealiften, fi(^ für einen lebenben beut* 
f(^en S)i(^ter an bie Dffentlid^feit ju menben: — 

.... ßtcge erft im Sarge, 
2a& bie SSeild^en crft auf beinern ©ü(je( blül^cn, 
ßafe ben SSeijen crft au§ beineii flnoc^en road^fen, 
3)ann, ja bann oieUcic^t mU \^ bir fünfjig Pfennig 
Opfern, ba^ xoxx }um @eben{en eine Siafel 



— 260 - 

3)tr erttd^ten, irgenbmo, wo bu qmo^ni l^aft. 
3)od^ bis ba6in, @uter, magft bu bic^ befc^eiben. 

9(ud^ £i(iencron mag ftd^ befd^eiben: er entgel^t ber 
^ofel nid^t. Äcin bcutfd^er 2)i(i^ter cntgcl^it bcr ^afcl 
unb — bem junger. Unb wenn nad^ fünfjig ober 
l^unbert Solaren bie fiitteraturprofefforen if)n flaffifd^ ge* 
fprod^en l[|Qben, bann friegt er fogar ein S)enfntal. 3d^ 
ober ntöd^te mir einen anberen SSorfd^tag unb ju biefem 
3medfe ein paar eigene fd^lid^te aSerfe erlauben: 

2Ba§ foQ ba§ falte äJloniiment au§ äRatmot 
^uf eines ^\^Ux^ @rab olS legtet $>o](in? 
2Bo8 l^Äuft i^r Steine auf beS ©önöcrS ^üflcl? 
@efteinigt l^abt il^t i^n im 2eben fd^on! 

fiegt i^m aufs @rab bie fd^önfte oQer Jlronen, 
S^nt, beffcn iperj euc^i roarm entoegenfc^Iuö ; 
3Jie fd^önftc Äronc, bie ein äJ^enfc^ errungen: 
S)aS ift bie ^ronc, bie ber ^eüanb trug. 

SBdre l^ier nid^t eine roidfornmenc ®e(egenl[ieit für 
bie beutfd^e Slbefegenoff enf d^aft , ftd^ felbft unb ben 
©tanbe^genoffen, ber mel^r ift als nur ©tanbeSgenoffe, 
burd^ eine entfpred^enbe Unterftü^ung ju eieren unb fo 
im atal^men engerer SBirffamfeit il^rer obcrften Stufgabe: 
ber SBal^rung ber ibealen ®üter ber SRation, ju genügen? 

9tuS ben ©ebid^ten fiiliencronS wirb feiner auf feine 
mirtfd^aftlid^en 3Ser^äItniffe fd^liegen. ©r fd^ämt fid^ 
il^rer nid^t, aber er prunft aud^ nid^t mit il^nen. ®r 
trägt feinen 3Kange( nid^t auf bie ©äffen, ^m ®egen= 
teil, ganj im ©egentciU S)ie ©eiber, über bie er im 
£eben nid^t rerfügt, rerftrcut er in feinen ©ebidjten 
mit fürftUd^er greigebigfeit. S)ie 33ebienten, bie er nid^t 
l^alten fann, taufen barin ju 2)ufeenben l^erum. Sie 
S;edEet - bie er entbcl^ren mu^ , begleiten i|in mit fröl^* 



— 261 — 

lid^cm ©cMäff auf feinen Iprifd^en SKu^ftügen. 3)tc 
©quipagen, bie profanen "HuQzn roalirfd^etnüd^ afö ^ferbe- 
bal^nen ober „S^^xt^ ®üte" erfd^einen werben, roHen 
in feinem SReid^e ^pi^antafie auf Oummiräbern bal^in: 

93iere lanfi, 
3um ©mpfanfl; 
SÖorne 3ean, 
©Icgant! 

©0 giebt er fid^ in feinen ©ebid^ten alö (Sranb* 
feigneur, ber er ja aud^ roirttid^ ift, eben in feinem 
SReid^e. ®r tl^ut barin fogar ju oiet beg ©uten, bie 
aWotioe roieberl^olen fid^ ju l^äufig, unb ba^ ift bie ®e* 
fal^r, in bie er fid^ aud; fonfl oerftridft. ©o roa^r feine 
^poefie frifd^ aufgebrod^enem ©rbreid^e mit bem fräftigen 
©erud^ ber 9tdEer!rume gteid^t, fo wal^r fd^iegt aud^ 
ntand^ gelbes Unfraut barau^ empor. ©^ ift fd^on oon 
anberer ©eite mit üoHem Siedete bemerft roorben, bafe 
ba^ 3latürlid^e bei Siliencron jum „?laturburfd^entum" 
au^juarten beginnt. 9iid^t^ peinlid^er, atö baS SRatür* 
lid^fein jur 3Sirtuofität au^gebilbet. ©^ l^ört auf, natür= 
lid^ ju fein, fobalb eS mit Seroufetfein breitgetreten 
TOirb. S)er S)id^ter liebt es, fid^ in einem falopp« 
burfd^ifofen 2^one ju ergel^en, ber auf ben Sefer gar 
nid^t fo luftig mirft, wie jener oieHeid^t glaubt. S)er 
ed^te ^umorift erjä^It mit ernftem ©efid^t, — bie 
anbern lad^en. 33ei fiiüencron ift e^ mand^mat um* 
gefeiert. 6r felbft lad^t unb bie 3i*^örer oerl^arren in 
peinlid^em, froftig^ernftem ©d^meigen. Surfd^ifofe Suftig= 
feit ifl nod^ lange fein Junior. 3)ie Jiond^alance wirft 
nur bann anmutig, roenn man fid^ i^rer nid^t befleißigt. 
Unb juüiel 3lond^aIance ifl überl^aupt oom Übel, ©ie 
wirb afö 3Jiangel an 2^aft empfunben. 2)a^ ©id^-gel^en« 



— 262 - 

(affcu mag an fid^ fcljr „natürlid^" fein, aber bog ®c^ 
bid^t ifi bod^ a\\^ ein bi^d^en — 5lunft, wie? — ®utc 
a)knieren Ijaben nod^ niemanb gefd^anbet, unb roir 
fönncn fie aud^ im ©ebid^te ganj tool^l üerttagen, ol^ne 
bafe ber ©id^ter an feiner „SRatürlid^feit" ©d^abcn 
nal^mc. Sei votm, au^er ben „eblen grauen", foHten 
wir rool^t anfragen, „n)ag fid^ jiemet/' wenn nid^t beim 
Äünftler, biefem geborenen 33ifbner ber ebfen, oomel^men, 
l^armonifd^en formen? ©eroiffe erotifd^c Slemini^cenjen 
SiliencronS wären beffer nid^t gebrudEt morben. ©ie 
erfüllten il^ren ^voei oollfommen, xütmx fie ^ßrioatbefife 
beS intimen greunbe^freife§ blieben, für ben fie ur* 
fprünglid^ beflimmt waren. 3n großen ©cfellfd^often 
erjäf)lt man feine ©efd^id^ten, bie in ber Äneipe nad^ 
ber britten "^la^^^ oieHeid^t fel^r günftig aufgenommen 
werben. Unb id^ wünfd^e bem S)id^ter bie allergrößte 
©efeUfd^af t , nid^t nur ba§ gebilbete SWännerpublif um, 
fonbern and) feinfinnige grauen. 35er „gute" ©dritter 
foH ja nad^ ben neueften äftl^etifd^en gorfd^ungen ber 
„3J?obernen" ein glad^fopf unb jiemlid^ mittelmäßiger 
Sid^ter fein, aber ba§ SBort an bie „Äünftler" wirb 
man üieHeid^t — an^ „©tanbe^bewußtfein" — nod^ 
gelten laffen: 

3!)cr 3}^enjd^]^cit SBürbe ift in eure ^anb gegeben, 
^eroal^ret fie! 

SSBürbe ift nid^t Steifl^eit, nid^t Unnatur, ©ie ift 
bei oornel^men Seuten ba^ 9iatürlic^e. Sd^ fann'^ nid^t 
leugnen: bie „3latürlid^feit" Siliencrong, bie „©ubjef* 
tioität" mand^er, namentlid^ feiner neueren unb neueften 
©d^öpfungen fd^medft mir — abgefel^en üon einer gar 
ju fouoeränen aBillfür — red^t fatal, red^t üerbäd^tig 
nad^ 3Kanier. S)a§ meinte id^ rorl^in mit ber „bewußten 



- 263 — 

Slugbcutung" bcr an fid^ fo präd^tigen ©igcnart unb 
mit bem 33ilbe vom aufgcfpiefetcn ©d^mctterling. 

3lber c^ toürbc mid^ roirflid^ betrüben, wenn bte[e 
notgebrungenen 3lu§fteIIungen , bie fid^ jubem nur auf 
ben fleinften, in^befonbere neueren %txl fiiliencron'fd^er 
5ßoefie befd^ränfen, bag gönftigc Urteil, baS bie ai- 
gebrudften 9Keifterfd^aft^proben oieüeid^t l^erüorgerufen 
l^aben, aud^ nur in etroaö J^erabftimmeu follten. SSon 
SRed^t^ wegen barf baS gar nid^t fein. — Otatt bie 
einjelnen SBerfe beö 35id^ter^ aufjufül^ren, nenne id^ ben 
SSerlag ©d^ufter unb Soefffer in Serlin, n)o fic fämtlid^ 
t)ereinigt finb. gür ben, ber nod^ nid^tö t)on fiiliencron 
befi|t, empfiel^lt fid^ bie 3lnfd^affung ber beiben mägig 
fiarfen (Sammlungen „Äampf unb ©piele" unb 
„kämpfe unb ^izU'\ 

6^ gel^ört bie ganje golbene, treul^erjige 3lait)ität 
eineg SiUencron baju — id^ l^abe nid^t bie @^re, il^n 
perfönlid^ ju fennen — , mit einem SWid^arb3)el^me( 
greunbfd^aft ju fd^Iiefeen. Unb e§ gehört ber gange 
©feptici^mug unb äftl^etici§mu§ eineg S)el^mel baju — 
aud^ il^n !enne id^ perfönlid^ nid^t — , um fid^ für einen 
2)etlet) von Sitiencron ju begeifiern. S)er ?tame biefeö 
jroeiten mobernen beutf^en Sprifer^ unb 3leutönerg, ben 
id^ bem Sefer l^ier üorfül^ren miH, ift ben befannten 
„weiteren Greifen" jur 3^it mol^t nod^ gcinjlid^ nn- 
be!annt. 33etrad^ten mir un^ juerft folgenben Seitfprud^ 
am ©ingange feiner legten Sammlung: 

@rft wenn ber ©eift oon iebem ^xotd gcnefcn 
unb nichts tnel^r n)inen roill a(§ (eine S^riebe, 
bann offenbart f\^ il^ni bo§ roeijc 2Bc)en 
verliebter Xl^orl^cit unb bcr großen ßicbe. 

6ud^ unb äJltr in ^on!bar!eit. 



- 264 — 

Sa, aud^ iMit", grofe gcfd^ricben. SBor attem „9Kir", 
eg tnüfete bal^cr folgerid^tig aud^ an ctftcr ©teile fielen. 
3Kan barf nid^tö l[ialb tl^un. — ,,®rfi wenn ber ®eift 
t)on iebent S^ed genefen." aSon jebem? Qm, ettoaö 
t)iel auf einmal, aber mag'ö brunt fein. — „Unb nid^tö 
tnel^ir roiffen xoxü afe feine 2^ricbe." „triebe" ift gut, 
fd^on be^l^atb, roeit t^ bie frcunblid^e ©erool^nl^ett, fid^ 
gefälligft auf „Siebe" ju reinten, „feine ammc nennt"; 
2^ricbe pnb nötig, nü^Iid^ — leidet. Slber S^riebe ol^ne 
3n)edt? 3d^ fenne feinen, unb ^err 3)e^me( roal^r* 
fd^einlid^ aud^ nid^t. „S)ann offenbart fid^ il^m ba^ 
weife 3Befen oerliebter 2^l^or^cit unb ber großen Siebe." 
SDaö weife SBefen? Sttlfo bod^ Broedt? Ober ift SBeig» 
l^eit unb gar bie ber „großen Siebe" ol^ne 3w>^cl benf* 
bar? 3ft „weifet" SEBefen nid^t im legten ©inne „jn)edE= 
mä^igc^" SEBefen? 9Bic, „frcunblid^er" Sefer, ber©prud^ 
mU bir nid^t eingefien? JDann — üerjeil^e — bann 
bift bu eben ju bumm baju, unb id^ Icifte bir barin 
©efeüfd^aft. 3Son ^erjen. 

3Kad^en wir cd furj. 3n ben oier QdUn l^aben 
wir ben ganjcn 3)el^mel. ®6enfo fd^roer oerftanblid^, 
roiberfprud^^ooH, bijarr. ©d^mer, aber nid^t unoerftänb^ 
lid^. 3lud^ biefer SSierjeiler ift e^ nid^t, eS barf einem 
nur auf eine ^anbooH logifd^er SEBiberfprüd^e nid^t an« 
fommen. 3Jlan mufe mel^r jroifd^en al^ in ben 3^*^^^ 
lefen unb fid^ mit opf ermütiger , felbfilofer SSerad^tung 
ber eigenen SBernunft unb SBiffenfd^aft in ben bunfeln 
3lbgrunb ber JDe^mel'fd^en ©ubjeftioität ftürjen. SSiel* 
leidet finbet man bann, bafe man oiel fd^neHer auf bem 
©runbc anfommt, als man geglaubt l^attc. ®g ift nid^t 
aUeö @olb roaö glänjt, e^ ift aud^ nid^t alleö tief, maS 
bunfel ift, e^ ift aber aUeö — fd^on bagemefen! 



— 265 — 

9Öfo: ®S gtcbt feinen 3^<^^ ^^ ^^^ Jiatur, nur 
gleid^bered^tigtc Xvitht, beten freiet (Spiel fid; in „plan* 
ooHer 3tt)ecfIofi9!eit" austobt. ©§ giebt nur einen „QnU 
n)i(IelungSn)iIIen", weld^er thtn bie ©umme affer 2^riebe 
barftefft. ©§ giebt nur ein „Sulturgeroiffen", roeld^e^ 
ba^ ©eroiffen be§ @ntu)idfclung§n)iffeng ber ©attung ift. 
@§ giebt nur eine »»grofee ©inl^eit ber ©egenfäfec, ber 
finnlid^en wie ber fittlid^en". Seben unb Xoh imb roaö 
wir gortfd^ritt unb SWüdfd^ritt nennen, Oute^ unb 
Söfe^, grud^t unb ^eim, (Sterben unb ©eborenroerben 
finb ein^. 

erni0* 

3ln biejem ^a^x Dcrior \6) einen Sreiinb. 
^ier unterm Sflu^bourn fprad^en roir un§ au§. 
5)aS ßaub toirb gelb; e§ wartet auf ben SSinb. 
3ft ba§ ber Sd&Iu^? 

ipicr unterm S^lufebaum ^ah mir eine grau 
in biefem 3al^r errötenb il^re .^anb. 
©tili roe^t ein 5ÖIatt unb tropft in§ roelfe ®raS. 
3ft baS ber Sd^lufe? 

3n biefem Sal^r . . . SSor meine güfee fällt 
ein bumpfer ©(^tag ju 53oben unb jerpla^jt, 
unb au8 ber ^afpel rollt bie raul^e ?Jrud&t. 
®aS ift ber Sä)lu^. 

2lu6er biefem giebt e§ feinen (Sd^lufe, feinen 3^^^- 
S)er ©taube an ben perfönlid^en ©ott ift atatjiftifd^e 
3urü(fgebliebenl^eit; affeö metapl^pfifd^e E^riftentum -— 
,,Iäftert 9iatur unb &^im". 

(Sntlaltung« 

3c^ fam mit meinem ^Ipenftodfe 
unb offner 53ruft oom JSerg gefcj^lenbert, 



— 266 — 

begegnet mir int DrbenSrodfe 
ein 'Sh ^on 9^onnen, grau bebänbert, 
}el^n \^maxit ^aore. 

S)en SBIid )u IBoben, fteif unb ftumm, 

fo tarnen fte ballet geftiegen, 
i4 W ^^e ^l^Aler ringSl^erum 

in leic^enl^oftem ©lan^e liegen, 
©eroitter brol^tc. 

t^em unten, wo nocd Sonne gArte, 
sog burcd ben n>oI!enbun!e(n See 

ein 5)ampfjc{)iff feine blanfe tJäl^rte, 
unb Sucher toinfen l^ell ^be; 
id^ \6^an* na6) oben. 

SOßie pcl&t bie 53ergn)onb büfter auS! 

ein greßer Slirc^iturm ftel&t baoor 
unb forbert fwc^i ben 33lij ^crau§; 

bie Pannen fträuben ftd[) empor 
mie 90Barnung§seic()en. 

Unb l^errijd^ fommt ber SSinb gefauft, 
bie Strofee lang, mit Staub unb Srifcbe, 

unb nimmt bie 53ir!en in bie gf^uft 
unb fci^üttelt fte toie tJlcberroifc^e; 
eS bonnert fc^on. 

S)ie feufd^en Drbcn§röc!e ftieben; 

nur rafd^ oorbei, il^r armen Sci&roeftcrn ! 
i(;r bürft nur tote ^eilige lieben; 

va\6)\ eure ftumpfen iBIidfe läftern 
S^latur unb Seben. 

?l^: wie bie ®Ietf(3^erfanten glül^n! 

oom Stampfer l^ör' \6) Su^jer Hingen; 
ber Wegen üalfd^t in§ mitbe ®rün, 

unb mit bem SBirbelroinbe ringen 
Smanjig ^onnenmaben. 



— 267 — 

^a l^ob \^ meine ^Ipenftange 
unb fcJ^IuQ ein ftreuj auf tl^rcn 3!rott 

unb (ad^te laut unb Ia(i^te lange 
unb ^txiW^ l^erjloS wie ein (Sott — 
fic "^örten'S. 

©pmpatl^ifd^ wirb baö Oebid^t tool^I nur wenigen 
fein, glcid^oiel auf roeld^cn ©tanbpunft man fi($ ftcHen 
mag. @^ ift übrigen^ rool^I aud^ riel affeftiecte „ö^tj* 
loftgfcit" barin. SKber wer möd^te bic ungeroöl^nlid^e 
Äraft, grif($e unb ätnfd^aulid^feit ber aufgcroHtcn Silber 
leugnen! äJlan nel^me etma bic fünfte ©tropfe. SBie 
ifi ba jebeg SBort an feinem 5p(afee imb fein SBort ju 
üieL ajJan mufe bie meiflen ©eJ^mePfd^en Oebid^te mel^r- 
maU lefen, um aud^ in il^re S^ed^nif röHig einzubringen. 
Sann mirb man aber geftel^en muffen, bafe l^ier bod^ 
ein eigene^ S^atent eigene SBeifen anfd^lägt. ®in SReu= 
töner ift 2)el;mel in ber 2^^at. dagegen läfet pd^ nid^t 
anfämpfen. 

aSie fd^mül, aber au^ mie fatt ift bie Stimmung in 

^ifec fd^roinflt. @in Kaunf t)oII Sd^Iangen 
ftrömt burdj ®(a§ unb ©itterftanflcn 
3)unft; jroci 3JienjclJen ftel^n baoor. 
S)ie gefättigten ©eroürme l^ängen 
ftill in bunt üerffoc^itnen Strängen, 
einem 9J2anne rount ein 2öeib ins O^x: 

^i\, bie 6d^(ongen mu^ \^ lieben. 
3ü6(ft bu bie üerl^altne ftroft, 
wenn fie (ang[am fi^ oerfc^ieben? 
@ine Sd^Iange möd^t' \6) mit n)o]^I jöl^men, 
mö^t' il^r nit ein ©liebd^e löl^mcn, 
wenn il^r $al§ oor So^^n pcij ftrofft. 



— 268 — 

@V f^^ no^ oermog ^u faiid^en, 
toerben il^re ^ugen nöd^tig; 

Sterne taud^en 
rote avLi 93runnenlöd^ern auf — 

fe^' id^ ein IRubinenfrönd^e 
auf i^r Stimme: 6tUI; mei Sb^n^t, 

3ünöte, 3ün0le — Kinöle, lauf, 
fpiel mit mir! — bu, baS roär prä^tig. 

^i^e fd^rotngt. !^n gleiten 3n>if4enrAiimen 
tippt il^r ginger on bie Sd^cibe, 
il^re eiligen ftel^n in träumen. 

aSäl^rcnb [\df jroei SSipern bdumen, 

faßt ein Wilann ju feinem 2Bcibe: 

3)u mit beinern nftd&tiflen 53Iic!, 
bift bu fo roie bie bo brinncn? 

^06), bu, fann ic^ bir entrinnen! 

S^arauS fpinnt man fein ©ef^icf, 

road unb roie man l^a^t unb liebt; 

!omm! mir rooHen un§ bepnnen, 
ba^ cS 2icre in unS giebt. 

^i^e f(i^n)inQt. 3^^^ bun!(e ^ugen 
rooll'n [\ä) in jroei graue fangen, 
bo^ bie ftäl^lt ein blauer SSann, 
imb jroei 3}tenf^en fel^n [\6) funfelnb an. 

2)ag Oebid^t ift für ©cl^mclg ©igenart befonbcr^ 
d^arafteriftifd^. 3lud^ feine ^ßoefic ift üon einer geroiffen 
fd^roingenben ^ifc^ bnrd^bi'mftet, aud^ bie ©ebanfenaugen 
fetner 2t)xit taud^en oft wie a\i^ näd^ttgen Srunnen« 
löd^em auf, unb neben bcr ©üa gleist bie ©d^lange. 

3)u l^ungerft m6) ®Iürf, @t)a, 

unb fürc^teft bid^, ben ?lpfel in pflüdfen, 



- 269 — 

bcn bein ®ott bir ücrbolcn t)at 
üov breitaufcnb 3al^rcn, 
bu iungcS ®cj<i^öpf! 

3ebcn ?lbenb fe^ \^ bidj, 

n)ic bu bie magern t^änbd&en 

in beinern cinjamen SSette 

empört ingft ju bem ©Ott ber alten Seute: 

(Sieb il^n, gieb il^n mir! 

5)u arme ©ebulb! 

@r ]&at nod^ nie bie Surcj^tfamcn beglücft, 

ber alte ®ott. 

@r gab bir beincn C^unger, beine ^änbe: 

©reif ju unb ife -— bann bulbe! 

9lcbcn fold^ tiefer ©d^fangenflugl^eit 3Kärd^enftim= 
mung unb Äinbertoei^l^eit: 

Siegt eine ©tabt im Z^aU, 
ein blaffer Zaq üergcl^t; 
e§ mirb ni(iE)t lange bauern mel;r, 
bi§ roeber Tlonh nod^ 6tcrne, 
nur '^aö)^ am -^immel ftel^t. 

Sion allen 59ergen brücfen 

S^lebcl auf bie ©tabt; 
cS bringt fein ^a^, fein ^of nod^ $au§, 
fein Saut au§ il^rem 9ku(^ l&eraug, 
faum Züxmt nod^ unb S3rüdfen. 

2)0^ o(§ ben SBanbrer graute, 
ba ging ein ßicJ^tlein ouf im ®ruub, 
unb au§ bem ^aii6) unb ^ebel 
begann ein (ei[er Sobgejang 

au§ fiinbermunb. 

3)ann Keine Sieber von einer B^irtl^eit unb ^rifd^e, 
bie an Senau unb ©oetl^e erinnern: 



Ober: 



— 270 — 

5)ic iJIur lüitt rul^n: 
in ^almcn, ^xüe'xQtn 
ein leijc§ ^^ieigcn, 
SluS 2öic[en nun 
bic S^lcbcl ftciöen: 
Ob*§ rool^l }u l^ören? 
laufd^cn x6) roid . . . 
6tia, Siebten, [tili: 

wir ftören 
bic§ fergc 8^n)ciöcnl 

^unberttQufcnb frifc^c 53Iätter 
rooc^fcn jcbcn Wlax, 
"^unberttaujenb fnjd^e klugen 
blifcen jroei ju jroci, 
l^unberttaujenb ftif^e jungen 
lärmen nod^ im gelb, 
unb ha jammern ^unberttoujenb: 
ä^, oerfaulte 2öelt! 

Unb baneben bic äugcrftc 3Jlameriertl^ctt , ein poe» 
tifd^e^ ©igerltum oott beroufeter ^ofen, gefd^raubter 
Originalität. 

Unb fo mu^ i(j^ bid^ nun boc() bef^mören, 

fliel^! 3a, flie^ mi4 

mid&! 

3(J: ^ier, pel^ mid^: 

i* 

m\^, \6) xüxU unb roürbe bid^ betl^ören, 
unb bu barift, bu barfft mir ni^t gcl^ören. 
i^Iiel^ aud^ btcd! 

^Inb mit beincn jeltjam grauen paaren, 
jel^r lieb tüngt e§: 
„wir" — 



— 271 — 

fe^r trüb fangt cS 

mir. 

S)cinc Sc^nfuc^t jäl^lt nod& nid^t nod^ Salären, 

ober \6) bin tief in mir erfol^ren 

unb in S)ir. 

?ine§ roin fi(^ bir nod^ mir empören, 
bir! S)u freiUd^, 

bu glaubft l^etlig: 

nie! 

Unb i^ roei^, eS würbe bi^ jerftören, 

roenn mir biefe Sel^nfuc^t bann üerlören. 

gliel^ mid&! giiel^! 

S)ic ©rotif ©cl^mels bilbet ben genauen ©egenfafe 
ju ber fiittencrong. 33ei biefem natoe, genufefreubige 
©innlid^feit, bei jenem ein raffiniertes ©d^roelgen in 
geJ^eimnigüoHen geiftigen aBoHüften, ein Umarmen ber 
„mit" im „aBeibc''. „2Beib unb SBelt" ift ber 
2iitel feiner Icfeten Sammlung. S)ort mad^t er in einigen 
©ebid^ten ben Sßerfud^, baS fejucllc Scben aus bem 
©unftfreifc ber nieberen Snftinftc in bie reine ©pl^cire 
lebenjeugenber, reinnatürlid^cr Slllgöttlid^fcit empot^u- 
lieben. S)aS burd^ eine nod^ nid^t bageroefenc Äül^nl^eit 
in ber JladEtl^eit. Sie Slbfid^t ift meHeid^t rein, bie 
SQSirfung ift abftofecnb, beleibigenb, cmpörenb. ®ic 
9?atur ber ©d^leier entfleiben, in bie fte felbft i^re ®e« 
l^eimnif[e burd^ baS inftinftioe Sd^amgefül^t gebüßt l^at, 
l^ei^t ber 3latur (Seroalt antl^un, ober ben aWenfd^en 
jum Spiere entroürbigen, ba roir il^n bod^ inm ©otte 
nid^t umfd^affen fönnen. 3lbcr üieHeid^t — jum Über»' 
menfd;en? 2Benn eö fotd^e giebt ober geben wirb, fo 
fann baä nur in ber „oierten 2)imenfion" fein, auf 
ber jeit» unb raumgebunbenen 6rbe finb unb bleiben 



- 272 — 

toir ©rbenmcnfd^cn, bic baö SWafe il^rcd SBad^i^tumö imb 
xl)xtv ©ntroidlung cbcnfo unoerrüdfbar in fid^ tragen 
Tüic ba^ ©amenforn ba3 bcr 5pf(anjc. 

$Rid;t immer fpiegelt ftd^ ba^ 3bea( beg 2)i(i^ter§ 
in fo reinen unb feuf(^en formen mie in 

S)er aÄcnfd^^cit ©cele nol&nt ©cftalt im SBeibe, 
im Sraum üom SOßeibc beuten f\6) bie Seiten: 
beS ®ried^cn ©^önl^eitäinbrmift §ielt bie SBeiten 
umfaßt in ?lp§robitenS (Sötterleibe, — 

be§ ©l^riften ©eljinju^t na6) bcr Olein'^eit 2öefen, 

be§ SCßcibeS reinftc öiebe ju oerfloren, 

n)Q(It )u ^aria§ l^etÜGen ^(tdren, 

bie Unlä) beS ©o^ng, bc§ fieufd^eren, genefen. 

SBann fommt bie Seit/ ba au§ ber ^{enjd^l^eit ©rünben 
ein neue§ Urbilb tröftenb roirb crjci^eincn, 
ber SReinl^eit enblid^ roirb bie Sd^önl&eit einen 
unb ?inen, Tillen, bie ©rlöfung funben, 

bie \^, ©cliebte, einft in 5)ir gemonnen, 

bu reinfte 5]enu§ — f^önfte ber 3Jiabonnen! 

2)er alte ^raum, bag Sbfen'fd^e „britte 9teid^", bie 
aSerfd^mefjiing beö ©innlid^en mit bem ©eifligen, ber 
©d^önl^eit mit ber ffi^al^r^eit, ber Slntife mit bem 
ß^riftentnm! S)er 2^raum ber SWenaiffance! 3>m SBor* 
mort jn feinen „S eben ^blättern" (1895) meint 
S)el;mel, ba^ and^ mir in einer S^it ber SRenaiffance 
leben. „. . . Unb in ber X{)at fönnen mir fd^on l^ente 
beutlid^ fpüren, roie au^ biefer [eelifd^en ©rrungenfd^aft 
ber SRenaiffance (nämlid^ ber „®eburt ber felbftbemufeten, 
mad^tberoufeten ^perfönlid^feit mit il^rem Seben^ibeal 
be§ freien 3Biffenö") eine neue anfblül^t: bie Segreifung 



— 273 — 

beg Unterfd^iebeS jiDifd^cn unroillfürltd&er , ererbter ^\u 
bbibualität unb beraubter, anertüorbener 5ßerfönlid^feit, 
mit all ben Äonfequenjen für bie Klärung, b. ^. @bel= 
jüd^tung ber unterberoufeten SBiUengtriebe." 
35a^ Snbimbuum „mrb einer immer feineren ®r* 
grünbung feiner bemühten Svi\tän't)z entgegen^» 
getrieben, lernt fid^ immer mel^r in feinen SBiberfprüc^en 
begreifen nnb mit anbern oergleid^en, mirb alfo baburd^ 
unmillfürlid^ immer mitfül^Unber, meilimmer mel^r 
fid^ felbft in anbern mieberfinbenb nnb baburd^ in fid^, 
unb fo tJoUjiel^t fid^ benn jugteid^ bie ©d^öpfung neuer 
menfd^lid^er ©emeingefü^le unb ©emeinfd^aft^formen, 
mie überl^aupt bie tiefere SBegreifung be^ 3d^* unb SSBelt* 
3ufammenl^ange§ , b. 1^. beö SBefen^ ber 9Kenfd^l^eit, 
bie miffenfd^aftlid^e mie fünftterifd^e, bie etl^i)d^=föciale 
mie etl^ifd^-religiöfe". ^n bem gemeinfamen 3lnfturm 
ber SnbiDibualiften (Jlie^fd^e u. f. m.) unb ber ©ocialiften 
gegen bie ©t^if be^ 6l^riftentum§ (b. f). be^ „meta= 
p]^t)fifd^en SKltruigmu^") „brüdft fid^ für ben Äuttur- 
äft^etifer gar nid^t^ weiter afö bie Xf)at\aä)t an^, ba^ 
bem mobernen 9Kenfd^en ba^ 35ogma ber 3läd;ftenliebe 
fd^on genug in gleifd^ unb SBlut, in^ finnlid^e ©emüt, 
inä UnmiUfürlidje übergegangen (?!) ift, um e§ nun 
entbel^ren (!) ju fönnen unb im Kampf für neue ©eelen* 
guter (?) immer entbel^rlid^er ju mad^en. Salier auf 
ber einen ©eite ba§ Seftreben, an bie ©teile beg auto* 
ritären ,©taate^', ben bie Slenaiffance fid^ naturgemäß 
jur SBänbigung be§ bämonifd^en, brutal ermad^enben 
5perfönlid^feit§triebeg ausbauen mußte, bie autonome ,®e* 
fettfd^aft* JU fefeen. Unb auf ber anbern ©eite jener 
autonome ©goiömuS um ber ©elbfiergrün* 
bung millen, ber in SBirflid^feit, fd^on megen feiner 

0. ©rott^uB, $roMeme unb (I^araCterföpfe. 18 



— 274 — 

pfpd^ologifdjcn Sfepftö^ l^cutc gar nid^t mcl^r brutal 
ausarten f a n n (V), rocnigftenS in \)0^ cntroidclten Sn* 
bimbucn nid^t, fonbcm (cbiglid^ ein Glittet jur®r= 
ftcigung abnormer ©eroufetfein^ftufen barftellt, 
alfo eben bie ,®efellf(i^aft* förbern^ weit ber®attung 
neue SRormen ber 3ü^tung fd&affen l^Uft. S)aö 
gerabe ift ja fo oteloerf pred^enb : ba§ bie unfreie 
SKaffenfeele, in ber bie mi^oerftänblid^e Sefaffung 
mit ber ^errenmoral wol^l n)irfli($ nod^ beftiale 
2;riebe entfeffeln fönnte, biefer Seigre l^eute nnixu 
gänglid^ ift". Slnbrerfeitö aber fd^afft ber „inbirefte 
Slltrui^muö freierer S^^bioibuen" (ber ^errenmoralmen* 
fd^en) ben Snbiöibuen erft „bie üolle ajJögtid^feit jur 
probuftit)en a3eräu§erung i^rer perföntid^ften SBerte", 
„<So treiben fid^ bie ©attungötriebe gegem 
feitig jur ©ntfaltung unb fd;üfeen einanber 
t)or Überroud^erung" . . . „©id^ ate ©attungös 
merfjeug fül^len: baS giebt bem fd^öpferifd^en aj}en= 
fd^en feine 33efd^eibenl^eit unb feinen ©tolj." 

©eiftüott ftnb ja biefe ©ebanfen; al§ objeftioe pl^ito* 
fopl^ifd^c Seobad^tungen beö jeitgefd^id^tlid^cn SBerbe* 
projejfe^ finb fie jum ^ei( gar nid^t abjuroeifen» Oanj 
geroife l^at aud^ ber 3liefefd^e'fd^e Snbioibuati^mu^ irgenb 
eine Slufgabe im S)ienfte eineö SBeltganjen unb einer 
SBeltorbnung ju rollbringen, unb meßeid^t ift eö mirf* 
lid^ bie, meldte 3)el^me( il^m juroeift. @S ift aber eine 
üöllige 3Serfennung ber menfd^Iid^en iJebenäbebingungen, 
au^ fold^er objeftioen pl^ilofopl^ifd^en ©rfenntni^ mora* 
lifd^e SSerl^a(tung§t)orfd^riften für baä menfd^Iid^e ^nb- 
jeft abjuleiten, bie auf bie B^^f^fe^^S l^ber 3Koral 
l^inau^laufen muffen. 35ag l^iege in ber 2^l^at „bie 
®tl^if äftl^etifieren", b. 1^. fie ju einer b(o|en 



— 275 — 

TOal^rncl^menbcn ©rfcnntni^ bc§ ©cfd^cl^cuö 
mad)m. 3n bicfer Slftl^ctificrung ber ßt^if fielet SDel^mcl 
bcn l^crrf($cnben „S)ran9" in ber „ct^ifd^cn (Särung 
bcr ©cgcnraart". ®r meint, bic 3Kcnf deficit ttjcrbc fid^ 
t)om „Äampf um ctl^ifd^c SRormcn, von QxoanQHmxi^^ 
tungcn unb ©(^ufeüorfd^riftcn für baä Sncinanbcrmirfcn 
bcr ®efcttf(^aft unb bcö ©injelnen, überl^aupt je länger, 
je mel^r befreien; je äftl^etif d^er fie ndmlid^ mirb" . . . 
„Unb rotnn \zmal^ ber 3Koment eintreten foHte, bag 
bie SWenfd^l^eit fid^ in überroiegenber 3Kel^r]^eit au§ 
äftl^etifd^en 3Jienf(^en jufammenfefet, fo mürbe mit biefem 
aJioment naturgemäß bie ibeale Slnard^ie tnS Seben 
treten, roeil bann jeber von felbft, ol^ne mel^r be§ B^^^i^Ö^^ 
einer eti^ifi^en ©emeinfd^aftöform ju bebürfen, l^eifee fie 
gamilie, ©tamm, ©taat, ©efeßfd^aft ober fonftroie, fid^ 
organifd^ in bie SKenfd^lieit t)erbunben fül^Ien unb feine 
ißanblungen taxnaä) etnrid^ten mürbe." 

®ö ift mol^l überflüffig, auf fold^e Utopie, bie ber 
S5id^ter felbft fo bejeid^net, nä^er einjuget;en. ®inen 
Meinen SSorfd^madf biefer „ibealen 3lnard^ie" geroäl^ren 
unö ia bie ©el^merfd^en SDidjtungen. 3ln „®rfteigung 
abnormer 8erou§tfein§ftufen" leiften fie iebenfaß^ aUeg 
3Köglid^e unb Unmöglid^e. „^i) bin bem ©eifi ber 
S3runft üerfd^rieben", l^eifet e^ im ®inleitungggebid^t 
ju ben „®rlöfungen" (1891). SDa§ aWotio flingt bann 
nur ju reid^lii^ in „31 ber bie Siebe" (1893) mieber 
unb fpinnt fid^ in ben beiben neueren ©ammlungen fort. 

3c^ l&abc mit SBoIIüften icber ^rt 
mid^ jroijd^en ©ott unb Zkx l&erumgetrieben: 
id() fteV unb jd^merjl^aft reifj' \6) mir ben 53art: 
nur ©ine SCßolIiift ift mir treu geblieben: 
jiir Qonjen 2öeU. 



— 276 - 

ftomnt, Sturm her Wma^t, f^üttel bcn ftorrcn fjorft, 
{d^uttelft oud^ m\6), bu urtDcUUd^eS Xreiben, 
in fd^euen ipaufen sielen bie fträ^n }u 4^orft, 
Qteb mir bie ^raft, einfam }u bleiben, 
aSeltl 

SQSolIuft }ur ganjen SBelt, unb bod^ einfam in bcr 
ganjctt SBeft: baS ift groß gebadet unb empfunben! 
Slbcr ift c^ nid&t mclleid^t — ju grofe? 3lbgefel^en t)on 
bem „fd^metil^aften 9ici§en bcö Sartg"? 

©anj ol^nc — „©tid^" finb nur TOcnige ©i^cugniffc 
ber 5Dcl^mcrfd^en ©rotif. 3^ w^^^ P^ „Siatur" fein foff, 
je l^üllcnlofer fic cinl^crfd^rcitet, um fo rafftmerter toirft 
fic. 3n ben SBejicI^ungen jroifd^cn aWonn unb SÖBcib 
lauert l^icr mcift ctroaS wie ©d^lange ober ^^iger. — 

2)ie autobiograpl^ifd^e ©%e Siid^orb S5el^mete ift furj 
unb bejeid^nenb. „©eboren 18. SRot). 1863 in aOBenbifd^^ 
ißerm^borf beim ©preeroolb, als öltefter ©ol^n eine^ 
görfterö. aWad^te fid^ auf mel^reren S3er(iner ©pmnafien 
hmä) feine Unbotmäfeigfeit unb feine freien 2lnfi(^ten 
unniögUd^. Seftanb tro^bem auf bem ©täbtifd^en ©pm* 
nafium in SJanjig bag 3lbiturienteneEamen unb ftubierte 
t)on 1882—1887 5ß^iIofop^ie, 5Raturn)iffenfd^aften unb 
©ocialöfonomie. ©rraarb in Setpäig ben S)oftortitel mit 
einer ©d^rift über aSerfid^erungömefen unb n)ar fieben 
^al^re lang ©efretär einc§ 33erbanbeö üon geuerüers^ 
fid^erung^gefeHfd^aften. Sffiälirenb biefer 3ßit uerl^eiratete 
er fid^, fd^rieb feine erften brei ©ebid^tbüd^er unb l^alf 
ben ißerren 3JIeier=©raefe unb 0. S. Sierbaum bie 
^unftgenofienfd^aft PAN grünben. ©eit änfang 1895 
lebt er ate freier ©d^riftfteHer unb 9tecitator in ^anloro 
bei Sertin, umgeben t)on feiner gamilie, in jiemlid^ 
bürftigen aSer^ältniffen. ®r ift eng befreunbet mit bem 



— 277 - 

3)id^tcr S)ctlet) von StUencron, bcr in ebenfo bürftigcn 
aScr^ältniilen in ältona a. b. eibc lebt." 

„S^auiXQ SDcl^mcrfd^c ©cbid^tc mit einem 
©eleitbrief" l^at SBil^etm ©d^aefer l^eraii^gegeben. 
aWan mu6 il^m jugeftel^en, bafe er fid^ reblid^ bemül^t, 
feinem ©egenftanbe geredet ju werben. Seiber finb aber 
berartige einfeitige SBerl^errlid^ungen nid^t am beften ge* 
eignet, anbere ju überjeugen. 3)ie Kommentare ©d^aeferiS 
ertlären jroar bie einzelnen ©ebid^te, aber erMären fte 
aud^, marum biefe einer ®rttämng bebürfen? ißat ftd^ 
l^ier bag SBebürfni^ naä) bem Äommentar nid^t etmaö 
gar ju frül^seitig eingefteHt? ©oll nid^t aud^ bag fleinfle 
Iprifd^e (Sebid^t ein fetbftänbigeö Äunftroerf unb afö 
fold^eö für \iä) üerftänblid^ fein? — 

5ßrofeffor 3lIoi^ ^Riel^l nennt SRiefefd^e einen „3)eca* 
benten mit ben SnjKnften be^ ©efunben". 3<$ glaube, 
ba^felbe SBort Wfet fid^ mit gutem 9ted^te auf SRid^arb 
3)el^mel anmenben. SBor lauter Säumen fielet man ben 
SBalb nid^t, vox lauter „Seben^bejal^ung" unb „©attungg- 
trieben" nid^t ba§ frifd^e, nam, buftige Seben unb ba§ 
gefunbe ©jemptar ber ©attung felbft. ©anj treffenb 
d^arafterifiert il^n ©d^aefer alö ben 5Did^ter beg „®r* 
f)oxä)m^". 3l\ix ift baä Dl^r, mit bem er in bie tief fte 
SBeltl^armonie l^inein laufd^t, ba§ Ol^r beg 5Decabenten, 
in bem fid^ bie Harmonie jerfefet; ba^ nid^t im jlanbe 
ift, bie Harmonie naio al^ fold^e aufjunel^men unb ju 
vermitteln, ©ogar burd^ feine finblid^ften unb manä)= 
malmirftid^ ctmaS „breiigen" Äinberlieber pl^o^pl^oreöjiert 
ein mepl^iftopl^elifd^e^ ^ol^nläd^eln. S)ie 2lrt, mie er 
jumeilcn ©eftaltcn unb Segriffe bel^anbelt, W ©ott fei 
S)anf nod^ immer vielen SKißionen l^cilig finb, mag 
id^ l^ier ntd^t nä^er aufjeigen — auö ©rünben, bie ber 



— 278 — 

Eichtet oießeid^t }u lolirbigeii mi^tn lotrb. SHDer bie 
mobeme beutfd^e Sqrit ^at ei oDerbingS mit neuen 
%&ntn unb garben beteid&ert, mögen f« einem nun 
fpmpat^if^ fein ober nicf)t. ©in fliinfiKer ifi er, tJtel' 
leitet bei letffte liinftletifi^e Ti)pu8 ber bentfc^en 2leca> 
bence. <B& bcaucEit nur „ouS ber Äopjel bie rau^e 
^uc^t ;u roden", unb aus ber 3)ecabence roirb auf« 
fieigenbe^S Seben. 




^enrift Shitn. 




icr rcoolutionärfte SDid^tcr unfcrcr 3cit begann feine 
Htterarifd^e Soufbal^n mit einem felbftocrlegten 
S5rama „ßatilina" unb einer roöd^entUd^ erfd^einenben 
3eitun9 „9lnbl^rimner". 2)a§ 5Drama fanb „reifeenben" 
3lbfa6 — aU 3Kafulatur; bie B^iti^iiö ^^^oberte fid^ im 
gtuge Qanit 100 Slbonnenten unb ging bann ebenfo 
l^aftig ein. 3ld^, e^ waren böfe, bittere %aQt, bie ber 
junge S)id^ter unb 3tebafteur in ©^riftiania t)erlebte, 
unb l^ätte fid^ ber ©atilina für bie aufgemanbte aJlül^e 
nid^t burd^ mand^e 9Jtal^Ijeit erfenntlid^ erroiefen, bie er 
in ber bürgerlid^-friebfertigen ©eftaft „alten 5ßapier§" 
feinem ^enn unb 3Keifter einbrad^te, fo l^ätte biefer 
TOol^l nod^ öfter eine jener unfreimiHigen 5ßromenaben 
unternel^men fönnen, bie ber l^ämifd^en 3BeIt bie be= 
fd^dmenbe S^l^atfad^e t)erfd;leiern foHten, bafe baö ganje 
3Rittag eine^ l^immelftürmenben 2)id^terS unb bal^n* 
bred^enben 5ßublijiften im — SR a d^ mittag^faffee beftanb. 
2)ie meiften Sbfen^fd^en S)ramen fpielen in nor« 
wegifd^en Äleinftäbten, bereu bürgerlid^er Seben^äufd^nitt 
ebenfo eng, wie il^r geiftiger ^orijont weit unb nebel» 
l^aft erfd^eint. ^n einem biefer ©täbtd^en, ©Ken im 
Sejirf ^elemarfen, würbe ^bfen am 20. aWärj 1828 



— 280 — 

afö ber ©ol^n eines vexaxmtm Kaufmanns unb einer 
n)al^rf(^einHd^ auS 3)eutfd;(anb ftammenben 9JJutter, 
2Karia ßornelia Slttenburg geboren, ©r befud&te bie 
bortige Sateinfd^ule, würbe bann Spotl^efertel^rUng im 
©täbtd^en ©rimftebt, fefete ober nebenbei feine ©tubien 
mit fold^em ©ifer unb Erfolge fort^ bafe er nad^ be* 
ftanbenem Examen artium — unferer 2lbiturienten* 
Prüfung — bie Unit)erfität ju G^riftiania bejiel^en fonnte. 
S5ie norroegifd^e ^auptftabt war an6) ber SUiittelpunft 
ber nationalen Ktterarifd^en SBeftrebungen , unter bereu 
aSertretern ber jüngere ©tubiengenoffe Sbfenö, Siörn* 
ftierne Sjörnfon, f^on bantate l^eroorragte. @g galt, 
eine nationale nonoegifd^e ßunftfprad^e au^ubilben, eine 
eigene nonoegifd^e Sitteratur ju fd^affen, bie fid^ in be« 
TOufeten ©egenfafe ju ber 400ial^rigen politifd^en unb 
geiftigen S)dnen^enfd^aft fteßte. S)a mufete benn auf 
bie uralten norroegifd^en SSolfebaHaben unb igelbenfagen 
jurfidEgegriffen werben, unb e§ entftanb eine romantifd^= 
nationale Sttteratur, in bereu Sannfreife fid^ balb aud^ 
bag ©d^affen un)"ere§ Sid^terS bewegen foHte. 5Der t)ier= 
unbjtoanjigiäl^rige aSerfaffer beS „ßatilina" unb ©jreba^ 
teur beö „Slnb^rimner" würbe 1852 al§ S)ramaturg 
an ba§ norwegifd^e 2^l)eater ju Sergen berufen, beffen 
S3egrünber unb ©eele Die SuH, ber ©eigerfönig, war. 
Sbfen belleibete biefe ©teHung fünf S^i^re, bis er fie 
mit einer gleid^en am norwegifd^en ^l^eater ju ©l^ris 
ftiania oertaufd^te. gür beibe Sühnen oerfafete er eine 
Slcil^e oon S)ramen, bie junäd^ft nod^ fämtlid^ ber 
romantifd^-nationalen SRid^tung angel^ören. 2lber je ntel^r 
er fid^ feiner Eigenart beraubt warb, je felbftänbiger 
er bie nationalen ©toffe auöjugeftalten begann, um fo 
ffll^ler würben feine ©d;öpfungen aufgenommen. 6S 




ßenrif 3bfcn. 

9lni4 eiiiti ¥6oti)gvn)>Si( nuS b™ Beringe oon % 6. Si^oarnjfti^tjt, 5i)l;)eoli)|)toplp in 



— 281 ~ 

fcl^Itc ba^ eigcntlid^ patriotifd^s(j^aut)huftifd^e ©lement. 
aWan l^attc bic ©mpfinbung, bafe ber S)id^tcr bcm l^od^* 
gcfleigcrten nationalen ©ntl^ufia^muS wenn nid^t gerabeju 
fü^l, fo bod^ ffeptifd^ gcgcnübcrftanb. „2)icÄriegcr 
auf ^clgclanb" („Jlorbifd^c ißeerfal^rt") würben 
von feiner eigenen Sü^ne jurüÄgerotef en , bie „Äron» 
prätenbenten" vom 5ßubUfum abgelel^nt. @inen 
©turnt ber ©ntrüftung entfeffelte aber bie SBeröffent* 
lid^ung feiner „Äomöbie ber Siebe", ^ier tritt 
un^ jum erften 3Kale ber eigentUd^e 3bfen entgegen, ber 
unbarml^erjige Äritifer ber gefeßfd^aftlid^en ^;p^rafe unb 
aSerlogenl^eit. S)iefe brenncnbe ©atpre auf bie roman» 
tifd^ aufgepufete ©rotif, auf bie l^ol^Ie SRid^tigleit beS 
Ikhtn aitttagg rourbe ate ein unerl^örter 2lngriff auf 
bie gefd^led^tUd^e Siebe unb bie 6l^e überl^aupt, atö ein 
^auftfd^Iag ins ©efid^t aller brauen Sraut* unb 6l^e* 
paare empfunben. Sie ©teHung be§ 5Did^ter^ geftaltete 
fid^ um fo fd^roieriger , al§> er feit beut ^al^re 1858 
aud^ für eine ©attin ju forgen l^atte. Sffiirtfd^aftlid^e 
Jiöte unb erbärmlid^er ^latfd^ verbitterten xf)m ooßenbg 
ba§ Seben unter feinen Sanb^Ieuten, fo bafe er erlöft 
aufjubelte, aU il^m ein ©taat^reifefiipenbium unb bie 
^ilfe eines 5ßrioatntann§ bie SDiittel gewährten, feinem 
aSaterlanbe ben 3iüden ju feieren. 6r ging nad^ 9lom, 
n)0 er eine Sleil^e oon Salären in freier bid^terifd^er 
SCI^ätigleit oerbrad^te, bann nad^ aJWin^en unb S)re^ben, 
unb l^at fid^ feitbem abroec^felnb meift in SRom unb 
aJlündi^en aufgehalten, too aud^ bie SWel^rjal^l feiner be* 
fannteren 5Did^tungen entftanben ift. 

SDrei breitfd^ultrige 5Dramcn trogen an ben 5ßforten 
feines neuen, oon ©orgen unb SRüdffid^ten gleid^er* 
mafeen befreiten ©d^affenS: „33ranb", „$eer ®^nt". 



- 282 — 

,,Äatfer unb ©alildcr". 5Durd^ bo^ crftc roel^t ein 
^aud^ t)om ftraftgeiftc be« bänifd^en S)enferS ©ören 
Äierfegaarb, cincS 3tpoftefe bcr SOBctoerad^tung unb bc^ 
attbcjttJtngenbcn SBiHcn^. 2lber fticrfegaarb^ mäd^tiger 
SQSilleniSflrom entfpringt unb münbct im Gl^riftcntum, 
SBronb^ SBiac ift bcr SBiac atö eelbPjn)e(f,bcr SBiac 
beiJ S^riumpl^cS über alleö, woran baö arme aJlenfd^en= 
l^crj l^öngt; ein büfterer, fanatifd^er, abftrafter SBiHe, 
bejfen ©Ott fein aWitteib unb leine Siebe, nur bie eifige, 
tprannifd^e ^orberung fennt: 

@iebft alles hu, boc^ x\\6)t bein Seben, 
So roifje, bu l^aft nid[)t§ gegeben! 

Sm „^ecr ©ijnt" f)at ber SDid^ter ben pl^antaftifd^en 
SBefenöjug feiner norwegifd^en Sanb^leute fpmboHfiert. 
5ßeer @r)nt, ber 5ßl^antaft, bem baö malere ©lüdf unter 
ben ^änben jerrinnt, meil er nad^ eingebilbetem jagt, 
ber 2^räumer, ber ftd^ au§ einer ^Hufion in bie anbere 
ftürjt, ift mie 8ranb nur bie 3Serförperung einer 9lb* 
ftraftion, bie bei allem ^ieffinn beS ©ebanfen^ fremb 
unb froftig bleibt. ®inen ©toff, beffen „für(^terlid^eS 
Sntereffe" unb „ganj eigene beftimmte l^iftorifd^e aOäelt" 
aud^ einen ©d&itler fd^on gereijt l^atte (Srief an ©oetl^e 
oom 1. Sanuar 1798), bel^anbelt baö 5Doppetbramä 
„Äaifer unb ©aliläer". ^nlian 3lpoftata will bie ge* 
funfene ©d^önJ^eit^raett ber SIntile n)ieber aufrid^ten, 
bie 3Renfd^l^eit geraaltfam oom d^riftlid^en Süngling^* 
alter in bie l^eibnifd^e ßinbl^eit jurüdEjn)ingen. 2lber 
eben baburd^ t)oßenbet ber Äaifer ben 2!riump]^ beg 
©aliläer^. S)ie SBa^r^eit fiegt über bie ©d^on^eit. 
Slber „bie alte ©d^önl^eit ift nid^t länger fd^ön, unb 
bie neue 3Baf)rl^eit ift nid^t länger roafir". ©^ mufe 



— 283 — 

ein DoHfonimencrc^ 3^fö^fti9^^ geben, — na(3^ ben 
3^{eid^en ber aSal^rl^eit unb ber ©d^önl^eit baö. „brüte 
9leid^", in bem bie beiben erfien fid^ üerfd^meljen, 3lntife 
unb ßl^riftentum, baö fleifd^Iid^e unb ba^ geiftige ^rincip, 
SRealeö unb Sbealeg ju einem pl^eren ©onjen jufammen* 
road^fen. 5Rod^ t)iele Solare fpater f)at fid^ Qbfen bei 
einem Sanfett in ©todl^olm ju biefem (Stauben an 
ein ,,britte^ 9teid^" befannt: 

//3^ glaube, bafe bie naturroiffenfd^aftlid^e Seigre 
t)on ber et)oIution aud^ auf bie geiftigen Sebengfaftoren 
2lnn)enbung finbet 3d^ glaube, ba^ jefet re(^t balb 
eine ^ext bet)orftel^t , ba ber poUtifd^e Segriff unb ber 
fociale S3egriff in ben gegenwärtigen formen ju eji« 
ftieren auf Igoren werben, unb ba^ auö il^nen beiben 
eine 6inl^eit emporroad^fen wirb, roeld^e t)orIäufig bie S3e* 
bingungen für ba§ ®IM ber aWenfd^l^eit in fid^ f($lie6t. 
3d^ glaube , ba^ ^oefie , . ^pi^ilof opl^ie unb 9teUgion ju 
einer neuen ftategorie unb ju einer mmn Seben^mad^t 
oerfc^molsen werben, von ber wir 3e^t(ebenben übrigeng 
feine Jlarere SBorfteHung i^aben fönnen. 3Kan l^at bei 
t)erfd^iebeneu ©elegenl^eiten oon mir gefagt, bafe id^ 
5ßeffimift fei, unb baS bin id^ aud^, infofern id^ nid^t 
an bie ©wigleit ber menfd^tid^en Sbeale 
glaube. Jlamentlid^ unb naiver beftimmt glaube id^, 
bafe bie Sbeale unferer 3^it, inbem fie ju ©runbe ge^en, 
ju bemjenigen l^inneigen, waö id& in meinem S)rama 
jÄaifer unb ©aliläer' burd^ bie Sejeid^nung ,baö britte 
SReid^* angebeutet l^abe. Erlauben ©ie mir be^l^alb, 
mein ®la§ auf ba^ Sffierbenbe — auf ba^ Äom* 
menbe ju leeren. — ©g ift ein ©onnabenbabenb, an 
bem mir l^ier oerfammelt finb. darauf folgt ber Slul^e:^ 
tag, ber gefttag, ber geiertag — wie man miH. ^ü^ 



- 284 — 

meinedteit« toerbc mit bem ©rfolg meirter Sebeni^tüod^e 
juf rieben fein^ wenn fie baju bienen fann, bie 
©timinung für ben morgigen XaQ }u be« 
reiten . . .^ • 

au§ biefen SBorten fprid^t ber SRepolutionör auS 
5ßrincip, ber bemühte S)id^ter eine^ Übergang^jeitalterd, 
ber ba« »efte^enbe in ©taat, ©efettfd^aft, Äird^e für 
untergangsreif, bie Qbeale ber aWenfd^l^eit für fragroürbig 
f)ält. Unb biefer reoolutiondre moberne ©efettfd^aft^* 
bid^ter, biefeS üerlörperte gragejeid^en an ber ©d^roeHe 
beS jmanjigften S^^^^^iit^^rtö — nid^t ber Sftomantifer, 
aud^ nid^t ber 33erfaffer gigantifd^ ausgemad^fener SBud^* 
bramen — ift ein Clement unfereiJ ÄulturberoufetfeinS 
geworben, ift befonberS jum mobemen ©ermanen in 
ein ganj perfönlid^eS intimes SSerl^ältniS getreten. %üx 
ben parteipolitifd^en SftabifaliSmuö eines SSjömfon l^at 
ftd^ 3bfen niemals ermärmt. @r l^dlt bie politifd^en 
Ummdljungen für nebenföd^lid^ unb vtvalkt „5)ie 5ßolia 
tifer", fd^reibt er an feinen Überfefeer 5ßaffarge, „motten 
nur ©pejialreoolutionen, SReoolutionen im äußeren, im 
^ßolitifd^en. SBorauf eS allein anfommt, baS ift bie 
SRepotutionierung beS SRenf d^engeifteö." 
S)iefeS falte, flare Semufetf ein , lebiglid^ an ber 3luf* 
löfung unb 3^^f^6W"9 i^ arbeiten, l^at etroaS f^urd^t* 
bares, faft gret)el^afteS , menn man ermägt, bafe ber 
S5id^ter eingeftanbenerma^en ni(^td ^ofitioeS ju bieten 
l^at, maS er an ©teile beS Sefiel^enben aud^ nur gefefet 
}u feigen münfd^te. Sw^wt^i^ mieber betont er in prioaten 
unb poetifd^en ^ufeerungen, bafe er feine aWittel für 
unfere Seiben l^abe — : „^^ frage meift, antworten 
ift mein 3lmt nid^t." S)amit l^at er felbft bie ©renj* 
linie gejogen, bie aud^ baS größte nur bal^nbred^enbe 



— 285 — 

Talent von bem pofitir) fd^öpfcrtfdjcu ®cnic 
fd^eibct. 

2ln bte eraigfcit „bcr" mcnfd^Iid^cu Sbealc nid&t 
glauben, l^eifet im Icfetcn ©runbc an Sbcale übcrl^aupt 
ntd^t glauben. 3)amit tft benn freilid^ bem f($ranfen- 
lofen ©ubieftioi^mu^ ^l^ür unb 5Cl^or geöffnet. 5Den 
3lriabnefaben burd^ ba§ Sabprintl^ feiner S)ramen giebt 
m^ Sbfen felbfi in bie ^anb. „5Die 2lu§bilbung unferer 
3nbit)ibualitat", fo etma äußerte er Tx^ 1885 in 
SRom, „ift bie erfle ^Pflid^t, n i d^ t bie Unterorbnung 
unter bie S^tereffen ber Slllgemeinl^eit." ©§ ge* 
l^ört für ben Sogifer fd^on einige ©elbftentäu^erung 
baju, t)on ^flid^ten ba ju reben, roo e^ feine ^beale 
giebt. ^tit 5ßflid^t mufe ftd^ bod^ t)on einem 3beal 
herleiten, ber SBegriff „^id^t" ift felbft ein 3beal. 
3)a§, was bie Qbfen'fd^en gelben „^flid^t" nennen, ift 
üielfad^ nur t)erfd^leierter , barum aber nid^t minber 
n)afd^e(^ter ©gotömuä, — bie ^pflid^t, ba^ Slngene^me 
ju t^n, baS Unangenel^me ju laffen ober getoaltfam 
ou^ bem SBege ju räumen. 2)ie Qbfen'fd^en 5ßerfonen 
brüdfen ba§ ja t)iel netter an^, aber fd^lie^lid^ ift eS 
bod^ fo. Unb meil fie ben SRut l^aben, baö offen au^ju* 
fpred^en, mag in bem ^albbunfel jeber aJienfd^enfeele 
fd&lummert, burd^ religiöfe unb feciale Sw^a^Ö^Ö^^fe^ 
nur mü^fam niebergel^alten ; meil fie bie ©manjipation 
ber fogenannten „natiirlid^en" (egoiftifd^en) Snftinlte 
mit Söaffen üerteibigen , bie fie bem pttlid^en 2lrfenal 
ber bekämpften SBeltanfd^auung entlegnen, fo empfinbet 
ber ißörer ba§ gleid^e menfd^lid^e, alljumenfd^li($e SRül^ren, 
fo beginnen fid^ aud^ in il^m jene niebergel^altenen, unter« 
brüdften Snftinfte ft)mpatl^ifd^ mieber ju regen, ©ie l^aben 
nun plö^lii^ ein aJiittel gefunben, ben läftigen bumpfen 



— 286 — 

iDrud abjumcrfen unb im Slamen berfclbcn BittlxS)U\t, btc 
fic eingeferfcrt f)at, g^cil^cit unb $errfd;aft ju verlangen. 
S)cr „europäifd^c" 36fcn beginnt mit bem „Bunb 
ber Sugcnb" unb beu „©tüfecn bcr ©cfcUfd^aft". 
93eibe finb üer^ältnidmägig nod^ jal^m. ^^m^ geigelt 
in präd^tigen Seppen unb leben^roal^rer ißanbtung, menn 
aud^ ol^ne ed^ten, warmen fiumor, ba« politifd^e Strebet* 
unb Sumpentum; biefe^ l^ot ftd^ befonber« burd^ feinen 
glüdClid^en 2luggang^ ber allerbingg etma^ überrafd^enb 
wirft, ©pmpat^ien erworben. ,,3Bal^rl^eit unb greil^eit, 
ba« finb bie ©tüfeen ber ©ejeafd^aft/' — baö ibeale 
©d^tufewort beg 3)rama^, ift jmar meber befonber^ neu, 
nod^ fd^arf umrif)en, aber man fonnte t^ fid^ gefallen 
laffen. SBa^Sbfen unter „SBal^r^eit" unb „grei^eit" 
Derftel^t, erl^ielt erft na(^ unb nad^ greifbarere ©eftalt. 
S5a^ beutfd^e $publifum l^at er mit ben „©efpenftern" 
jum erften aWale in feinen 83ann gejmungen. Slu^brüd^e 
naioer ^eiterfeit med^feltcn bei ber erften berliner Stuf* 
fü^rung mit 3^^^^" t^^f^^ innerüd^en ®rauen§, ba^ 
fid^ big jum ©ntfefeen fteigerte. 9Jtan ftanb l^ier einer 
neuen, fremben SWad^t nod^ jiemli(^ ratlos gegenüber, 
2)ie 2^()eorie ber aSererbung mar bis jur Suf^ebung 
ber freien aBißenSbeftimmung burd^gefül^rt , bie SJül^ne 
nur nod^ burd^ eine bünne ©d^eibemanb vom Srrenl^aufe 
getrennt. S)ie pl^ilofopl^ifd^e S^l^efe auS „Äaifer unb 
©alilder": „SBotten ift aBotten^müffen" erlebt i^re 
mebijinifd^e äuferftel^ung. S)ie Suft ift wie mit 6tef« 
trijität gelaben. 2lber fein ©eroitter, nur unl^eimlid^eS, 
fd^roefelgelbeS SBetterleud^ten, unb atö 3lntn)ort auf all 
bie aufgemül^tten bangen fragen baS grauenooHe Satten 
eines Slöbfinnigen: „Butter, gieb mir bie ©onne . . . 
bie ©onne . . . /' 



— 287 - 

S)cr t)iclfa(3^e SBibcriprud^ gegen bie „©efpenfler" 
[tiefe auf ben erbitterten SCrofe be§ SDid^terg. 3nt „SBol J§* 
feinb" wirft er ollen benen, bie trofttofen Söa^rl^eiten 
nid^t in§ ©efid^t feigen wollen, weit fie fd^äblid^ feien, ben 
gel^bel^anbfd^ul^ vox bie güfee. 

3)oftor ©todmann l^at eine flberau^ roid^tige @nt« 
bedtung gemad^t. @r l^at bie ©eroifel^eit erlangt, bafe 
bie ^aupteinna^niequelle feiner SSaterftabt, bie oieIge== 
priefene SJabeanftalt, eine ©iftqueHe ift, au^ ber aH bie 
2!aufenbe leibenber 3Wenfd^en ftatt ber erfel^nten ißeilung 
bie fd^roerflen Äranl^citen, ja ben Äeim be^ ^obeö in 
fid^ aufnel^nten. S)enn baö SBBaffer ift oon unjäl^ligen 
giftigen 33af terien burd^fefet. ©todfmann ift DoHer greube 
über ben roii^tigen 3)ienft, ben er ber ©ad^e ber 2Kenfd^* 
l^eit geleiftet. ©ine Solaljeitung ifi bereits im Segriff, 
ben 2!^atbeftanb ju t)eröffent(id^en, ba weife ber SJruber 
unfereß ißelben, ber 33ürgermeifter ber ©tabt, ben 316' 
brudC jn l^intertreiben, inbem er SRebafteur unb S5rudter 
be§ Stattet in fein Sntereffe jiel^t. 3lIIeS ift gegen ben 
S5oftor Derfd^moren , benn bie SBeröffentUd^ung feiner 
ßntbedtung würbe nid^t nur ben ©elbbeutel ber 3lftionäre, 
fonbern aud^ ben SBol^Iftanb ber ganjeu ©tabt auf 
ba§ tieffte fd^äbigen. 3iur mit äufeerjler 9Jiü^e gelingt 
e« i^m, eine aSolfSoerfammlung einjuberufen. 3n biefer 
wirb bie ©emeinl^eit unb S)umml)eit ber aJienge von 
ber lurjfid^tigen 33errannt^eit ©todCmannS faft nod^ 
übertroffen, ©ie alle, bie bod^ gefommen ftnb, bie fo 
intereffanten unb wid^tigen aWitteitungen über bie Sabe* 
anfialt ju l^ören, t)erbieten i^m, überhaupt barüber ju 
rcben. ©todfmann hingegen gebärbet pd^ rein wie närrifd^. 
©r l^ält ber ganjen SBerfammlung eine fulminante ©traf= 
prebigt, bie ja md SBal^reS unb 5Creffenbed entl^ält. 



- 288 — 

t)on bem gegeBenen ^ublilum aber migoerflanben iDerben 
mn^. @ine fold^e @e)eQid^aft mit fotd^en äRitteln 
crjicl^cn, von einer fotd^en ©efettfd^oft 3Serftänbnid für 
tieffinnige 2lpl^oriömen über bag ,,Sebenöalter normal 
gebauter SBal^rl^eiten", über bie „greiflnnigfeit geifiig 
üomel^mer Staturen" oertangen, baiS grenjt benn hoä) ans 
fiäd&erlid&e. SDie golge ift, bafe ber ^pöbet fid^ ber ©ad^e 
bemfid^tigt, bem S)oftor bie genfterfd^eiben einfd^tdgt 
unb i^n als „aSolföfeinb'' in bie 2ld&t erHärt. Unb 
momit tröftet er ftd^ nun? ®r roitt eine ©d^ule ein« 
rid^ten, in meld^er er feine eigenen ©öl^ne jufammen 
mit ben ©affenjungen — er münfd^t fid^ auSbrüdflid^ 
„fo red^t jerlumpte" — „ju freien, t)ornel^men aWännem 
l^eranbilben" mlrb. S)u lieber Fimmel! SBaö mirb 
b a S mol^l mieber werben ! 9Kan fielet eine ganje Äette 
unglüdfeliger aWiggriffe, trauriger 9Ueberlagen beS guten 
^rincipS üor fid^, — nid^t meil bie SBelt ju fd^led^t, 
fonbem meil ber ^elb ein oerbol^rter ©oftrinär ift, 
ber ber guten ©ad^e mel^r fd^aben als nüfeen unb t)or« 
auSpd^tlid^ aud^ feine eigenen Äinber ju ©runbe rid^ten 
mirb* 

S)oftor ©todfmann mitt bie ©affenjungen ju „freien, 
oornel^men 3J?ännem l^eranbilben", ^aftor SRoömer in 
„SloSmeröl^olm" will alle 3)ienfd^en ju „frol^eu 
SlbelSmenfd^en" erjieljen. S)aS ift fo jiemlid^ baSfelbe, 
eins ift fo pl^antaftifd^ wie bas anbere. S)er t)erroitroete 
5paftor lebt mit einem jungen äJtäbd^en, SRebeffa SBefl, 
in einem merfmurbigen SSerl^ältniS, beffen ©runblage 
bem 3lnfd^eine nad^ baS gemeinfame 33eftreben bilbet, 
bie befagten „3lbelömenfd^en" ju jüd^ten. Sluf meldte 
aSeife baS gefd^iel^t ober gefd^eljen fott, barüber bürften 
fid^ ber ^err 5ßaftor felbft nid^t ganj flar geworben 



- 289 — 

fein, e» ifi baö fo eine Qbcc bei il^m. ßeiber muß er 
bei feiner eigenen ©enoffin bie ©rfal^rung ntad^en, bafe 
ber SJurd^fül^rung biefer Qbee fid^ gewiffe menfd^Ud^e 
Unootttommenl^eiten l^inbemb in ben SBeg fteßen. 3iebeHa 
mad^t xf)m iaS furd^tbare ©eftanbni^, bafe fie eä ge« 
roefen ift, beten unl^eitooller , peinigenber ®influ§ bie 
oerftorbene ©attin beS 5ßaftor8, Seate, jum ©elbftntorb 
getrieben. 63 fei über fte ein wilbeg, ungeftümeiS 83e« 
gellten nad^ bem ^aftor ge!ommen, unb il^r SBitte, ber 
bamafö nod^ feine ^inberniffe, feine ©efefee gefannt, 
„fegte bie unglüdflid^e 33eate in ben SKül^lbad^". „Slber 
atö id^ bann l^ier jufammen mit bir leben burfte in 
3urüdfgejogenl^eit — in ©infamfeit — ah bu mir ol^ne 
aiüdf^alt alle beine ©ebanfen gabft, fo jart unb n)eid^, 
mie bu fie empfanbeft — ba ging bie grofee Sßeränbe* 
rung mit mir oor . . .•' ©eine Seben^anfd^auung l^at 
i^ren urmüd^figen SBiUen angeftedt unb gefned^tet, fie 
ift im ftetigen SBerfel^r mit il^m — geabett morben: 
„3)ie ßebenöanfd^auung ber SRo^mer^ obelt, aber fie 
tötet baö ©lud!" 3«fo pe abett bod&! SDer 5paftor ift 
t)on biefem ©rgebniS feiner „2lbefemenfd^en*6t^iel^ung" 
bermafeen überrafd^t, bafe er il^m felbfl l^ödjift mijstrauifd^ 
gegenüberfte^t. Sunäd^ft f)at SWebeffa« »eid^te in i^m 
ben ©lauben an fie erfd^üttert. S)aiS SBerbred^en, 
ba« fte begangen, fielet i^m oujser aßem Steifet, — an 
i^ren fitttid^en gortfd^ritt, an bie innere Älarung 
unb ^Reinigung, bie fie im SBerfel^r mit il^m gewonnen, 
vermag er nid^t 5U glauben. ®r, ber bie ganje 3Jienfd^- 
l^eit ju 3lbetömenfd^en erl^eben ju fönnen glaubte, er 
glaubt nid^t an bie aufrid^tige SWeue unb Sefferung 
eine« ©ünber«, an bem er oiele Saläre l^inburd^ feine 
befte Äraft erprobt l^at ! @r miß S3eroeife bafür l^aben, 

0. (Srottl^ul, Probleme unb G^arafterCöpfe. 19 



— 290 - 

ber ungläubige 2i)omc(^, 33cw)cifc, unb xoa^ für 83«- 
tocifc? SicbcHa foU fid^ bog B^wgni« ber SWcifc ofö 
9(belgn)eib baburd^ aueftellen, bajs fie benfelben SBeg 
gel^t, ben S3eote gegangen, b. 1^. fie foB fid^ in ben 
^?ü^lbad^ ftflrjen. ^ad ange^enbe älbeldroeib red^net 
fid^ i)txa\x^, ba^ bod fd^Ue|lid^ baS einjtg äßal^re fei, 
benn ba pe ja burd^ il^r aSerbred^en bie „frol^e ©d^utb^^ 
loftgfeit" t)er(oren l^abe, ol^ne biefe aber feine guten 
^^oten möglidj feien, fo l^abe bag 2)afein vom Btanh- 
punfte itjter gegenroärtigen fittlid;en ßrfenntniö nid^t 
ben gerifigften 3^^^^/ ^^ f^ weniger, afg eS mit bem 
5ßaftor ja bod; nid^ti^ geworben ift. Sie witt il^m al\o 
beroeifeu, bafe fie baö föjrenipel, wie er fid^ au^brüdft, 
„rid^tig burd^gered;nct", fie wirb bie ;,^robe ber SRed^en- 
aufgäbe mad^en". @r werbe baö morgen beurteilen, 
wenn man fie Ijerau^^gefifd^t \)aU. „S^ liegt ein grauen« 
üotter 9ieij barin!" benierft fd^uiunjelnb ber würbige 
3Jienfd^enf reunb , ber aud^ fonft gar fein ^el^l barau^ 
mad^t, weld)e SSoIInft il;in ber ©ebanfe an i^ren S^ob 
bereitet, beffeu (SinjeUjeiten er fid; mit liebenöwürbigem 
(Singetien ausmalt: „'JJun gut," meint er fd^Iiefelid^, 
„bann ftel^e id^ unter ber 3)tad^t unferer freigeworbenen 
yeben^anfd^auung , 9{ebeffa. @d giebt feinen SRid^ter 
über ung. Unb bcöljalb muffen wir fefjen, baj3 wir 
felbft 3uftij üben." Unb bie beiben äbetömenfd^en 
gelten „froljen 3)M^" 2lrm in 2lrm jum SRül^lbad^ unb 
ftürjen fid^ in bie g(ut! 

aWöglid;, bafe man berartige ©rgebniffe fierauö- 
f lüg ein föuute, wenn bie 9)tenfd^en tote Dled^en- 
mafdjinen wären. S)a fie e§ aber nid^t finb, fon* 
bem lebenbe äßefen aii^ gleifd^ unb 33lut, fü^lenbe unb 
benfenbe @efd;öpfe, fo bleibt fd^Ied^terbingg feine anbere 



— 291 — 

aWöglid^fcit übrig, alö bafe tüir f)tcr jwci f>ebaiicrng= 
werte ©eifte^franfe oor un§ l^abeii. S)ie fiogif, bie fie 
entroideln, ift bie So<jif bcg aSBaljnfinn^. ©in „3lbe(§s 
menfd^", ber ben ©tauben an bie 5Kenfd^l^eit babürd^ 
5urüdfgen)innen voiU, bafe ber anbere 3lbefömenfd^ feine 
ßigenfd^aft afs fold^er biird^ Setbftentteibung beroeift! 
Unb warum? 3Beil er ol^ne baS an bie Opferfä^ig^ 
feit be^ 35etreffenben nid^t glauben fann. S)a er aber, 
x\m feinen ©lauben jurildjugewinnen, eine Xobfd^ulb 
auf fid^ labet, fo muß er aud^ in 3lnbetrad^t beffen, 
bafe fein l;öl;erer 9tid;ter für il)n t)orl^anben, an fidf; 
felbft 3ufttJ ü^^n, fi^ felbft entleiben! ^\t ba^ ni^t 
bie ©pifefinbigfeit biö jur äu^erfien Unnatur, bi§ jur 
Eomif getrieben? 

®ine rounberlid^e fleine Sled^enfci^ülerin l^at fidj ber 
3)id^ter in ber grau $Rora feinet gleid^namigen ©tüdeg 
l^erangejogen. ^f)x ©atte Reimer l^at fie immer mie ein 
^üppd^en gel^alten, l^at fie tanitn, fpringen unb trätlern 
laffen, unb fie l^at ba^ aHeö für bare ©^e genommen, 
bie fleine 5Rärrin! Unb babei fiat fie fid^ bod^ fo fel^r 
um il^n t)erbient gemad^t. 3ll§ bie Srjte fein Seben 
für gcfäl^rbet erllärten, wenn er nid^t eine 9leife nad^ 
bem ©üben mad^te, anbererfeit^ ober ber nötige ^Slam^ 
mon fel^lte, l^at bog nieblid^e groud^en ein Übrige^ ge= 
tl^on unb l^inter bem Slüdfen be^ aJlönnd^nö ein SBed^fel^ 
d^en gefälfd^t. 3)ie ©ad^e gelangt aber bod^ ju feiner 
Äenntnig unb jroar unter Umftänben, bie il^ni feine 
ganje Seben^fiellung auf bog l^öd^fte gefä^rbet erfd^einen 
laffen. 3)er meid^lid^e, epifureifd^e ©elbftling ift mütenb. 
Dl^ne überl^aupt bie 2^^atfad^e ju berüdEfid^tigen , bafe 
feine grau bie gälfd^ung ja nur an^ Siebe ju il)m be* 
gangen , überl^auf t er fie mit ben benf bar niebrigften 



— 292 — 

SBonofirfen unb jcigt fid^ ote ein jiemlid^ xof)t^, feigem 
Sürfd^Iein. grcilid^, e« ift roid^tig, ba§ er in ber erften 
Seibenfd^aft unb Aufregung fprid^t. ©a erl^ält er ben 
ben)uBten 9ße($fe( t)on bem 3ni^<^ber ^urüd, ber i^m 
gleid^jeitig mitteilt, bafe il^n geroiffe ©reigniffe bewogen 
l^ätten, üon weiteren Sd^ritten Slbftanb ju nel^men. 
Reimer ift roieber ber ©lüdlid^fte unter ben ©terbfid^en. 
aRit einem greubengefd^rei l^at er ben Srief burd&* 
flogen: „^^ bin gerettet, 5Rora, id^ bin gerettet!" 

„Unb ii?" fragt «Rora. 

Reimer ifl roieber ganj ber jdrtlid^e ©atte oon 
frfil^er, ba er nun für fid^ felbft nid^t^ mel^r ju fordeten 
f)at ©rofemütig oerjeil^t er feiner grau. 3lber Slora 
ift nid^t mel^r biefelbe. ®d ift i^r wie ©d^uppen oon 
ben Slugen gefallen, afe fid^ i^r bag ©enfen unb gü^len 
il^reS 3Wanne§ in ber ©tunbe ber ^Prüfung offenbarte, 
©ie l^at ba^ „SBunberbare" erwartet, unb ba^ „aßun^ 
berbare" ift md)t ge!ommen* ©ie l^atte geglaubt, il^r 
SKann würbe bie ganje ©d^ulb auf fid^ laben, ©ie 
l)ätte ba§ nid^t angenommen, aber erwartet l^atte pe eS. 
— SBar benn biefeg ad^tjä^rige 3ufammenleben, biefe^ 
©etänbel unb ©efofe eine 6l^e gewefen? ®ine „ßügnerin", 
ein „unfittlid^eö SBefen" bot er fie foeben nod^ gefd^olten, 
unb bod^ — \)at er benn je ju il^rer fittlid^en ©rjiel^ung 
beigetragen? 5Wur bie $Rippfad^e auf feinem ^au^altare 
war fie, fein ©pieljeug, wie bie Äinber il^re puppen 
waren ! 3lte eine ©ntwürbigung erf d^eint i^r baö ganje 
aSerl^ältnig, nid^t alg eine @^e. Unb fie fagt il^m bag 
am. — 

SBeld^ ein tiefer ftttUd^er ©el^alt biö ju biefem 
5punfte! SBie trefflid^ l^at ber SDi^ter bie Äataftrop^e 
oorbereitet, wie flärenb unb reinigenb l^at ba^ ©ewitter 



-. 293 — 

cingcf dalagen ! 3»^/ ^^^ SJid^tcr n)ci§, rote eine ®^e 
nt^t fein fott! 3iun aber ift bie fiuft erfrifd^t, von 
ben tropifd^en ©luten geifttötenber ßiebelei befreit, nun 
wirb -baö (S^tpaax vox ben unfid^tboren ätltar treten 
unb ima jroeitenmal baS ©elübbe teiften, beffen tiefen, 
l^eitigen ©inn eS t)or ad^t ^al^ren nid^t begriffen l^atte ? 
SRun wirb fid^ oor unfern Slugen ber S^nfang einer 
roal^ren &)t aufbauen, auf bem fefien ©runbe geiftiger 
©emeinfd^aft unb gegenfeitigen SSertrauen^? 

Slein! ^au Siora l^at ben ©ntfd^tufe gefaßt, il^ren 
©atten unb il^re Äinber bei $Rad^t unb Siebet, allem 
änfd^eine nad^ für immer, ju üerlaffen. ^rofe aller 
flei^enttid^en Sitten, trofe ber auf rid^tigen , qualootten 
SReue ^elmer^, ber „bie Äraft in fid^ fül^lt, ein an* 
berer ju merben". ©ie finbet plöfelid^, bafe fie il^ren 
aWann nid^t mel^r liebt; bafe fie t)or allem ^ßflid^ten 
gegen fid^ fetbft l^abe; bafe fie, um biefe ju erfüllen, 
b. i). um „fid^ felbft fitttid^ ju et^iel^en", SKann unb 
Äinber i^rem Sd^idffale übertaffen muffe: „3ld^, Stöbert, 
bu bifi nid^t baju geeignet, mid^ ju einer rid^tigen 
©attin für bid^ ju erjiel^en* 

Reimer. Unb bad fagft bu? 

SR r a. Unb id^ — mie bin id^ barauf vorbereitet, 
bie Äinber ju erjiel^en? 

Reimer. SRora! 

5W r a. ©agteft bu nid^t felbft üorl^in —bie 2luf * 
gäbe magtefi bu mir nid^t anjuoertrauen ? 

Reimer. 3n ber 3lufregung! SBie fannft bu 
barauf ©eroid^t legen? 

Slora. Stein, bu l^atteft oofffommen red^t, ber 
Slufgabe bin id^ nid^t gemad^fen. 3^^^^ ^^6 ^'^^ 
anbere qelöfl werben. ^d& muß, muft midft felbft 



— 294 — 

ju er^tel^en fud^eu. ^obei Demtagft bit mir nid^t 
}u l^elfcn. 3d^ mu§ tnid^ allein bamit befaffen. Unb 
barutii t)er(affe id^ bid^ iefet. 

^e(mer (auffpringenb). 3Ba^ fagft bu? 

91 r a. ^ä) tntig (ebigtid^ auf mid^ felbft attgeioiefeu 
fein, toid td^ mir von mir unb meiner Umgebung 
9{ed^enfd^aft geben. S)e^l^alb lann id^ nid^t länger bei 
bir bleiben. 

fietmer. D bu t)erblenbeteß, unerfal^rene^ SBefen! 

3loxa. 3d^ mufe mir ©rfal^rung }u ermerben 
fud^en, Siobert. 

Reimer. 2)eine SBol^nung, beinen 3Rann, beine 
Äinber üerlaffen ! Unb bebenfft bu nid^t, mag bie Seute 
baju fagen werben?! 

Sftora. SJorauf fann id^ feine 3lüdfftd^t nel^men. ^ä) 
weife nur, bafe eg für mid^ notroenbig ift. 

Reimer. D, eg ift empörenb ! ©o fannft bu bid^ 
über beine I;eiligften ^flid^ten l^inmegf efeen ? 

31 ox a. SBai l^ättft bu für meine ^eiligften «ßflid^ten? 

^etmer. Unb ba« mufe id^ bir erft fagen ! ©inb 
e^ nid^t beine ^flid^ten gegen beinen 3Wann unb beine 
Äinber ! 

9iora. 3d^ ^ait anbere eben fo ^eilige gSflid^ten. 

Reimer. S)aö l^aft bu nid^t . . . SBeld^e benn? 

5Wora. 3)ie ^flid^ten gegen mid^ felbft. 

Reimer. 3Sor a&tm bift bu ©attln unb aWutter. 

SRora. 3)a§ glaub' id^ nid^t nicl^r. ^6) 
glaube, oor allem bin id^ ein menfd^lid^ SBefen — 
ebenfo wie bu — ober id^ will e^ wenigftenö ju wer- 
ben tjerfud^en. 3d^ weife wol^l, bafe bie meiften aKen* 
fdfien bir redftt qeben, Stöbert, unb bafe etwa« berart in 



- 295 — 

ben öüd^cm ftel^t. 9l6er xä) fann tiiid; uid^t mcl^r ba* 
mit begnügen, roo^ bie nieiften aWenfd^en fagen unb 
roa^ in ben 33üd^ern fielet. 3d^ mufe felbft über bie 
SJinge nad^benfen unb mir barüber llav ju werben Der* 
fud^en." — 

Unb mit ber 3Wiene einer gefränften ©öttin (äj3t 
fie i^ren 2Rann in bem ganzen Jammer feiner SSer* 
jioeiflung jurüd, ol^ne aud^ nur von i^ren Äinbern 2lb* 
fd^ieb ju nehmen, ©ie glaubt nid^t au ba^ „5Bunber=' 
barfte", unb bag „SBunberbarfte" roäre, nad^ ifjrer 2tn= 
ftd^t, eine fo burd^greifenbe SBeränberung beiber, ba^ 
eine ®l^e jroifd^en il^nen mögtid^ fein mürbe. 

„Xa^ SBunberbarfte?" ruft Reimer, von S^ti^ti, 
©d^merj unb Hoffnung erfd^ütt^rt. „SBon unten l^eraiif 
l^ört man eine 2^l^ür brö^nenb mS Sd^lofe faden." 

grau Siora ift auf unb baoon. — 

3Jiag fie immerl^in in ^rieben jiel^en! 3Sie( verloren 
l^at ber @atte nid^t an il^r. ©ine ^^rau, bie weniger 
©efü^l befifet, afö ba^ Stier, bag bod^ menigften« von 
feinen 3ii»9^'^ ^^^^)^ gutmiflig getrennt merben tann, ift 
felbft ber Siebe eine§ Reimer nid^t mürbig. 9]ur mag 
fie un^ mit il)ren Slebenöarten pon „ftttlid^er @elbft= 
erjiel^ung" gefäfligft perfd^onen. 2)enn baüon glauben 
mir fein 3Bort. Sßie? S)iefe 5Zärrin, bie fo bef darauf t 
mar, ba^ fie mele 3öl;te l^inburd^ gar feinen a)?angel 
in einer ßlje empfaub, bie fidf; nur au^ ©d^äfern, S^anjen 
unb Singen äufammenfefete ; biefe'l^erjlofe ©goiftin, bie 
©atten unb Äinber nad; ber erften uubeftaubenen Prüfung 
il^rem ©d^idfat überlädt; biefeö überfpannte, jeglid^en 
^ßflid^tbemufetfeinö bare äBeib mirb fid^ anmaßen, über 
bie ©efefee ber bürgerlid^en ®efettfd;aft, bie ©e^eimniffe 
ber Sieligion unb bie ©runblagen ber 3)ioral ju ent* 



— 296 — 

fd^eiben^ toeld^e bte ^od^fttmigilm SRfinner unfereft ®e^ 
fd^Ied^tö mit i^rem eb(en Slute beftegelt ^aben? Unb 
mu^ fie benn boiS $aui$ i^reiS ©atten verladen, um 
„felbft über bte S)inge nad^}uben!en unb ftd^ botüber 
Hat ju merben'' ? SBäre eiS nid^t DteSeid^t {medmögiger, 
— man entfd^ulbtge bie fel^r nüd^terne Semerfung — 
toenn %tan 3loxa juerft reiflid^ nod^bäd^te unb fid^ 
über bie S)inge Hat n)ürbe, bann erft einen befUmmten 
@ntfd^(uB fogte? aber fte Hebt il^ren Tlann nid^t 
me^r?! — 6in triftiger ®runb, bie 6l^e ju bred^en: 
bie @rlenntnid^ bag ber @atte aud^ nur ein fd^road^er 
aJlenfd^ tft, bafe ba^ füfe betäubenbe Slrom, ber poetifd^e 
S)uft ber Siebe entflol^en ift! 5Run freilid^, angenehmer 
tfi eis ja, mit einem 3Ranne ju (eben^ bem man bie 
gonje, DoDe äld^tung unb Siebe beroa^rt l^at, in biefem 
gaffe wäre ja ba^ 3"!^^^^^^^^^^ »i*^ ^i" fortgelegter 
@enug. @d giebt aber auger ben jarten ®efäl^(eu aud^ 
nod^ ^flid^ten, unb me^r ald eine eble %ta\i f)at biefe 
^flid^ten entfagunggooff erfüffen müjfen einem ®egen- 
flanbe gegenüber, ber nod^ üiel Derad^tung^würbiger war 
als ber reuige ©püureer unb ©etbfiling io^tmer. S)ie 
ehernen g^ffeln biefer ?ßflid^ten unb beS el^elid^en ®e* 
lübbeg werben baburd^ nid^t gefprengt, baß bie SRofen* 
!etten ber Siebe, roeld^e fte umroinben, oerroeHen unb 
abf äffen. „3)rum prüfe, wer fid^ ewig binbet!" Unb 
ifl fte benn felbft fo ganj fd^ulbloS, bie götttid^e %tan 
3loxa, bie il^rem 3Ranne gegenüber eine fo tiefe fittlid^e 
©ntrüfiung jur ©d^au trägt? SBaren pe nid^t beibe 
in einem SBal^n befangen gewefen? 

5Wein, biefer ©d^lufe ift leine Söfung, fonbern eine 
Sßerwiming. S)ag ®efd^wür ift uid^t gel^eitt, fonbern 
nur von einer ©teff e üerf d^wunben, um an einer a n * 



— 297 — 

beten um fo fürd^tcriid^er aufjubred^en. S)enn bad 
perfönlid^e Seiben jweier aRenfd^en will fid^ jum gene«« 
retten Selben erroeitem. 63 ifi nid&t mzS)x nur baö 
®lüdE eineg ©l^epaareS gefäl^rbet, fonbem bie ®l^e, ,,biefe 
©runblage atter Äultur", überl^aupt, fonbem ba^ fitt* 
tid^e ©ebciube ber aKenfd^l^eit, fonbem bo^ ©l^rifientum, 
an beffen ©runbpfeifem ber SJtd^ter ju rütteCn unter* 
nimmt, aber nid^t biefe^ ftüt^t, fonbem vox bem fiaud^e 
eined gefunben ©efü^tö jerflattert bad Jlartenl^aud beiS 
S)rama^ in atte äBinbe! 

a)ai5. ©egenftüdE ju „5Wora" ifl „S)ie grau t)om 
3W e e r e" — ein SBifebolb f)at fie nid^t ganj ol^ne tiefere 
Sebeutung ,,bie ^xan t)on — aWel^reren" genannt. 

®ttiba l^at üor il^rer Sßerl^eiratung mit bem Sejirl^*' 
arjte Dr. SBangel ein SSerl^ättnid mit einem ©eemanne 
gehabt. 3)iefeö Sßerl^ältni^ ifl n)o^t ba^ merfmürbigfte, 
üon bem man jemafö fingen unb fagen gel^ört. S)enn 
geliebt l^at fie eingefianbenerma^en i^ren frül^eren 
Srciutigam niemals, ©ie l^at nur unter bem S3anne 
einer ge^eimni^ootten Äraft geftanben, afö fie fid^ i^m 
angelobte. 3a, !aum ift ber ©eemann, vulgo „t)er 
grembe", au^ il^rem ©efid^tdfreife entfd^rounben, ba l^at 
fie i^m abgefd^rieben unb ben SBitroer Dr. SBangel ge« 
l^eiratet, einen trefftid^en „älteren ^errn", ber fie mit 
inniger Eingabe liebt nni nad^ Ärdften bemül^t ifi, il^r 
ein glüdflid^e« S)afein ju bereiten, aber ber ©ebanfe 
an ba^ Sßerfpred^en il^re^ frül^eren SrSutigamg, jurüdfju*^ 
feieren unb fie abjul^olen, beunrul^igt fie nm fo me^r, 
atö „ber grembe" il^re mieberl^olte älbfage nid^t im 
geringflen bead^tet l^at. S)ag fd^limmfte ift, ba§ fie tl^rer 
felbfi nid^t fidler ift für ben %a\l, bafe jener fein SBort 
eittlöft. 3)enn fie ift thtn feine gemöl^nlidöe ??rau, fte 



-- 298 — 

ift bie „%va]x t)om 3)leerc". 6^ befleißt jrpifd&cn xl)X 
unb bcr aJlcere^ftut eine eigentümlid^e SBerrüanbtfd^aft. 
a)a^ Unergrünblid^e , Unabfel^bare, feffelloiJ auf- unb 
SRiebewoflenbe ber ©ee ilbt einen eigenartigen, unfäg« 
(id^en Steij auf fte au^. S)enn auc^ in il^r ift ttma^ Un» 
ergrünbli^ed, Unabfel^bared, eine gel^eintni^ooDe ©el^n^ 
fud^t nad^ ttroa^ Unbeftimmtem, aBunberbarem. 2)iefe 
©el^nfud&t l^at ber frembe 3Wann burd^ feine gel^eimni^- 
polle. ^erfönlid^feit tnäd^tig ju feffeln gewußt. Unb 
fiel^e ba ! er l^ält SBort. Dl)m von bem (Sl^eftanbe 6IIi* 
ba^ bie geringfte Jlotij ju nel^men, tritt er etnejS fd^önen 
2lageg vox fie f)\\\ unb forbert fie auf, \1)m ju folgen, 
©ie l^at il^n juerft nid^t einmal roiebererfannt, 
bennod& beginnt ber 3^^^^^^/ ^^^^ ^^ f^^ou früher auf 
fie ausgeübt, wieber ju xoixUn. ©ine ©turmflut gegen? 
einanber fd^äümenber ©efül^le erl^cbt fid; in il^rer Sruft, 
immer l^öl^er fteigt baö SSerlangen, fid^ in baö unbefannte, 
bämonifd^ lodEenbe 9leid^ ju ftürjen, ba§ if^rer ^^antafie 
an ber ©eite be^ grembeu gleiöneiifd^ mntt ©ie 
glaubt ju n)iffen, bafe i^re @^e mit SBangel nid^t auf 
bem ©runbe ber greiioilligfeit unb SBerantiuort^ 
lid^feit gefd;loffen fei. ^ufeere Slüdfjid^ten l^ätten bei 
il^r mitgcfprod^en, mäJ^renb fie fid^ bamals bem grem= 
ben freiwillig angetobt l^abe. ^nftänbig bittet fie i^ren 
3WanH, er möge fie freigeben, auf feine Siedete Derjid^ten, 
bamit fie fidj „in freier SBa^l unb unter eigener SSer» 
antroortung" entfd^eiben, bamit fie äwifd^en il^m unb 
il^rem frül^eren Sräutigam „v)äl)Un" fönne. „SJBanget/' 
ruft fie, al§ biefer miberfte^t, in ungel^eurer 3lufregung, 
„lafe mid^ e^ bir fagen, fagen, bafe er (ber grembe) 
eö i^ören fann. SBBol^l fannft bu mid^ l^ier jurüdl^alten, 
baju Ijaft bu ja aWad^t unb aKittel, unb ba^ miaft bu 



— 299 — 

ja aud^. 9l6er mein ißerj , alle meine ©ebanf en , all 
mein todenbeS ©eignen unb Seg^l^ren, ba^ fannft bu 
nid^t binben. 3)ag mirb ftreben unb eilen — l^inau^ 
inö Unbefannte, für ba^ i^ gefd^affen mar 
unb bad bu mir oerfd^toffen l^aft!" 

2)a, als er fielet, mie bie SBogen be§ SSertangen^ 
nad^ bem Unbefannteh unb SBunberbaren gteid^fam fdfjou 
il^re güfee umfpüten unb bie geliebte grau mit fid^ ju 
reiben brol^en, ba wagt ber — Slrjt ba§ SSu^erpte unb 
giebt ftc frei. 

9lun fann fie mälzten — in greil^eit unb unter 
aSerantroortung. 

»»3^1 Sreü^eit unb unter SSerantmortung? 3lud^ unter 
aSerantmortung ? hierin" — fo pl^itofop(>iert bcr ®id;ter 
aus feiner ©ttiba l^erau« — »Hegt eine Äraft ber 
Ummanbtung." 

S)iefe tritt benn aud^ umgel^enb ein. 3)a eS il^r 
iefet freiftel^t, in baö Unbetannte, Unerlaubte j^ineiuju* 
gelten, fo l^at baö feinen SReij für fie verloren. 2)a^ 
SBunberbare f)at aufgel^ört, rounberbar ju fein, nad^bem 
fie liineingefd^aut. S3igl^er mar i^r baS £o§, ba§ i^r 
an ber ©eite beg gremben erblül^en fonnte , ein 'S3rief 
mit fieben ©iegeln. SRun finb bie Siegel erbrod^en, 
fie ftarrt in ben ^ni^alt — er ift l^öd^ft gemöl^nlid^ unb 
atttäglid^; fie muftert il^ren el^emaligen SBerlobten von 
Äopf bi^ ju gufe — er ift ein ganj geroöl^nlid^er Slben* 
teurer, oon bem fie meiter nid^t^ meife, afö bajs er ein 
geborener ginntappe ift unb einen a)iorb begangen l^at. 
5Zid^t^ lodt fie mel^r ju i^m l^in, aber bag beeintrad^tigt 
nid^t il^r grogeö fittlid^eö ^jjatl&oö: „3Kit mad^tuoUer 
©timme", wie ber 35id^ter triumpl^ierenb t)orfd^reibt, 
erflärt fie bem bunlten ©l^renmanne, baj3 fte i^m nk 



— 300 — 

unb nimmer folgen, il^rem 3Rannt oielme^r eine treue 
®attin bleiben n)erbe. 3ßer gmeifett nun nod^ an ben 
fegeniSreici^en grüii^ten ber „greil^eit" unb „SBerantmort* 
lid^feit"? — 

3n uniS QDen, am tiefften aber wo^l im SBeibe, lebt 
ein gewiffeiS bunfteiS ©eignen nad^ einer unbelannten 
Snfel ber ©eligen, metteid^t nad^ einem verlorenen 
5ßarabiefe. 3)iefer ©runbgebQnle ber „JJrau oom 9Reere" 
Idfet iid^ alfo l^ören. Slber bie Äraft, bie er in bem 
3bfen'fd^en 3)rama entroidelt, ifl eine fo ungel^eure, 
bafe fie notroenbig oon einer anbern unterfiüfet fein mujs. 
2)iefe UnterfHifeung finbet pe in bem perfönlid^en 
magnetifd^en 3^^^^^/ ^^^ ^^ ^^^ „gremben" 
auf @ttiba ausgeübt loirb. ^m ©runbe ifl biefer per« 
fönlid^e Sann aud^ bie ^aupffad^e. jlaum oerliert fie 
ben Seemann aug ben äugen, ba erfd^eint il^r bie SBer* 
lobung mit il^m fd^ier unbegreiftid^, ya, fte erjä^lt un^ 
felbft auf bad eingel^enbfte , ba§ il^r äBiUe oon bem 
feinigen oöttig gelned^tet merbe, bafe fie feine ßiebe, nur 
©rauen unb ^Jurd^t oor il^m empfinbe. SBenn pe fid^ 
bennod^ feinem ©influffe blinblingd fügt, fo gefd^ie^t 
ba« burd^ ben pl^pfifd^en, äußeren 3mang eine« 
tierifd^en SRagneti^mu«, ber fiärler ift aU 
SSernunft unb SBitle. 

aßo bleiben bann aber bie fd^önen äbl^anblungen über 
bie „greil^eit" unb „SBerantmortlid^feit" i^rer „SBa^l"? 
Sl^ren (Satten l^at fie menigftend ol^ne atten äufseren 
3n)ang, mit oöllig Marem Seroufetfein, gemol^lt. SRag 
fie un« nod^ fo oft ba« ©egenteil oerfi^ern, fie !ann 
uns jum Seroeife aud^ nic^t einen einzigen triftigen 
®runb anfül^ren. S)er „grembe" bagegen l^at fid^ il^rer 
jn)ang«roeife bemad^tigt, in unnured^nung«fäl^igem 



— 301 — 

guftanbe l^at fic i^m t^r Qaroort gegeben, ba^ fie bitter 
bereut, nad^bem fie tüiebcr jum Seroufetfein ge^ 
fommen iji. 

Sffienn eg fein mufe, nimmt 3M^n f^i^e 3^?^^* wol^l 
aud^ jum menfd^lid^en ©ernüt. Süsser war — bei 
©Uiba ebenfo wie bei grau SJora — immer nur vom 
lieben 3d^ bie SRebe unb oon alleriei falten „SWotmenbig* 
feiten". 3iun aber, ba bie ©tunbe ber ©ntfd^eibung 
fd^Wgt, fielet fid^ ber 2)id^ter bod^ genötigt, baS marme 
©efü^t feiner ^etbin, ii^rfierj, anjurufen. 3luiS bem 
faft übermenfd^lid^en Opfer il^reö (Satten erfennt fie, „mie 
nal^e, innig nal^e fie einanber fd^on gefommen!" SßJenn 
e§ nod^ babei fein Seroenben gel^abt, romn baiS bie 
®ntf d^eibung beftimmt l^dtte ! aber nein, roo n)äre bann 
fierr 3bfen mit feiner „ibealen gorberung" geblieben, 
um berentmiHen ja ba^ ganje ©tüdf gefd^rieben ift? 
3m fritifd^en SlugenblidE mufe ®lliba ftramm ftel^en, 
bag 5ßublifum falutieren unb il^re fieftion von ber „grei* 
](ieit unb Sßerantroortlid^feit" l^erfagen. 

gür alle gäHe l^at ber S)id^ter aud^ nod^ ein bifed^en 
— ©eiftesfranflieit im ^intergrunbe bereit ge* 
galten. S)ie f leine ^laubertafd^e ^ilbe, bie ^^od^ter 
SBangefe auö erfter 6^e, erjäl^lt un^ namlid^ im jroeiten 
2lufjuge, bafe bie 3Jiutter 6ttiba§ t)errüdft mar unb afe 
SBerrüdEte geftorben ift, bafe e^ fie, ^ilbe, gar nid^t 
munbern mürbe, rotnn aud^ ©Jliba eines fd^önen 2^ageS 
vor affer 2lugen oerrudEt mürbe. S)a^ erflärt afferbing^ 
mand^e^. Qebenfaffö ift e§ ein menfd^enfreunblid^er 3"g 
beiS umftd^tigen S)id^ter^, ba^ er feiner f raufen grau 
t)om ajJeere gleid^ einen tüd^tigen 2lrjt ate ©atten mit 
auf ben 3Beg gegeben l^at. — 

3ld^, bie arme aWenfd^l^eit l^at mobl redftt, mit bem 



— 302 — 

Oregor 3Bcr(e in ber „3&ilt>tt\tt" ju feufjen: „O, 
bad £eben n)äre fd^on gan; gut, iDenn toir nur von 
biefcn lieben ©laubigem Derjd^ont blieben, bie unö 
Srmen bad $aud einlaufen mit i^ret ,ibealen ^orbe^ 
rung*." gaft fd^eint e^, afö l^abe fid^ ber SJid^ter in 
ber ©eftalt beg ®regor felbft ironifiert. 2)a läuft biefer 
mit feiner ibealen gorberung uml^er, rid^tet überatt Un« 
l^eil an unb oeranlagt fd^lieglid^ bie arme ^ebmig, ftd^ 
bie ßiebe i^reiJ SBateriJ baburd^ ju erlaufen, bafe fte i^m 
bad ^euerfie auf ßrben jum Opfer bringt. 2)a^ aber 
ifl i^re SBilbente, bie jufammen mit anberem ©eflügel, 
einigen Dertrocfneten SBeil^nad^t^bäumen unb ä^nlid^em 
bie „Sebenö lüge" üerftnnbilblid^t. 2)enn ber Soben* 
räum, in roeld^em bie SBilbente il^r S)afein friftet, gilt 
i^rem 33ater unb namentlid^ i^rem ®ro§t)ater, einem 
leibenfd^aftlid^en Säger, ate ber „SBölb", in bem fie in 
®rmongelung eine3 mirflid^en ©el^egeö bcm eblen SBcib* 
werfe obliegen, aber bie Äugel, meldte ^ebmig auf 
bie Sebenölflge abfeuern miß, menbct fid^ gegen il^re 
eigene Sruft. ©ie fann eö nid^t über ba§ §erj bringen, 
i^re liebe SBitbente ju töten, unb in ber ^[ngfl unb 
?Pein il^re^ jungen ©emüt^, ba§ o^ne bie Siebe be^ 
aSaterö Derjroeifelt, erfd^iefet fie fid^ felbft. „S)er SBalb 
l^at fid^ geräd^t" — ber ßcbenSwalb, ba man il^m bie 
Seben^lüge rauben mollte! Unenblid^ traurig ift bas 
®rgebniö ber ©id^timg: bafe nur bie Süge benSKen* 
fd(>en beglüden fann, unb bod^ mel|t gerabe burd^ biefe^ 
©tüdf ein marmer ^aud^ beö ©emütd, ber von ber lieb^ 
lid^en unb rülirenben ©eftalt ber ^ebmig au^gel^t. SDag 
®anit mutet unö an, roie ber fd^merjlic^e ©eufjer eineö 
Sbealiften, ber bie ®inge jroar fielet, wie fie finb, ber 
ftd^ gelegentlid^ roo^l felbft einmal ob feiner „ibealen 



— 303 



gorbcrung" ücrfpottet, ber aber im ©runbc bod^ an 
fie glttubt. S)a§ ift baö Seltfamc unb bod; lüicbcrum 
fo 5latürltd^c: berfelbe SDJann, ber „an bie ©migfeit 
ber .tnenfd^lid^en ^beole" md;t glaubt, ber l^inter allen 
ibeolen ©eftaltungen iinb pffenbariingen Süge unb 
ißeud^elei grinfen fielet er ift nid^t nur ün großer Sleüo» 
lutionär, foabern — wie alle eJ^rlid^en Slepolutionäre — 
oud^ ein großer Sbealift. — @^ l^at meHeid^t nie einen 
größeren 3[i>eoIiftcn gegeben alg SRobeöpierre, ben blutig- 
roten Äometen ber SReüoIution. 

aSo roirb ber abftralten pl^ilofopj^ifd^en 3bee eine 
größere unb unmittelbarere Äraftleiftung jugemutet, ate 
.in ben ^bfen'fd^en S)ramen? SBo übt fie einen QmalU 
fameren ^wawQ auf ba^ ©injelroefen , ah etwa in ber 
„%xan t)om ^Jeere" ober „Slo^mer^l^olm" ? 3Bo ^at ein 
3bealift jemals an eine moralifd^ bankerotte ©efettfd^aft 
größere 3lnforberuugen gefteHt, al^ im „SSoIf^feinb" ber 
3)oftor ©todmann? ^bfen glaubt an unroanbelbare fitt* 
lid&e ©efefce, bie fid^ im 3"^iern be^ 3JJenfd^en ooH* 
jiel^en, unter geroiffen Umftdnben ooUjiel^en muffen. 
SKber biefe ©efefee finb meber an^ ber ^Religion, nod^ 
oug ber 9iaturerfenntni^ , nod^ aug bem ootten i^eben 
gefd^öpf t, fonbern bad ®r jeugni^ fubjeftioer, . pl^ilof opl^i* 
fd^er ©pefulatiom . Sie finb nid;t erfal;ren unb 
erfd^aut., fonbern ergrübclt unb erred^net. 35ie 
l^öd^ften ^orberungen ber SBitten^frei^eit fteHt er an feine 
SJlenfd^en, tief in i^r ^nn^^ft^^ l^inein oerlegt er il^r 
©d^idfal. 3Benn fie bann aber aud^ aU freie, natürlid^e 
9Wenfd^en l^anbeln foHten, bann, im Iritifd^en 2lugenblide, 
fegt fie nur ju oft ber eifige göl^u irgenb eines jener 3^bfen- 
fd^en „Sefefee" au^ ber SBal^n blutooUer warmer aJienfd^»^ 
lid^feit in bie eifige ®inöbe irgenb einer fi^^en ^it^. 



— 304 — 

$ebba @a6(er im g(eid^namigen Stüde ift faft 
nur pje 3bee. 3Son SWenid^tid^feit ift wenig an il^r 
ju fpttren. @i$ fd^eint, bag fte ftatt bei^ i^et^end einen 
©tein im Sufen trägt: aber — einen glühen ben. ^\)xt 
SebenÄl^offnung ift, ben SWann, für ben fie pd^ inter«» 
ejpert, — von Siebe barf man bei il^r nid^t jpred^en 
— „in ©d^önl^eit unb mit SBeinlaub im i^aare" gu 
feigen, lebenbig ober tot Sieber oieQeid^t nod^ tot. Senn 
fte tl^ut bad äRögUd^e, ben ung(üdlid^en genialen @i(ert 
Söoborg, ber mit $Ufe einer ebeln grau feinem frül^eren 
jerrüttenben Sebenöroanbel entfagt \)at, mieber ing SSer*» 
herben ju ftürien. 3« biefem ^xotät fd^eut fie aud& 
oor bem SBerbred^en nid&t jurüdf. ®urd^ Snfall ift fie 
in ben Sefife be^ 3Ranuffriptg oon Söoborg^ neuem 
aSBerfe gelangt, auf beffen ©rfd^einen er feine ganje 
Seben^l^offuung ge[e|t f)at, unb bad er nun oerloren 
glaubt, ©ie oemid^tet inögel^eim ba^ SBerl unb brüdft 
bem 58er jroeif elnben, SiüdEfäHigen bie ^iftole in bie $anb, 
bamit er fid& „in ©d^önl^eit" ba^ 2titn nel^me. ©aö 
Seben nimmt er fid^ aud^, aber ju ^ebbaS größter ®nt* 
täufd&ung meber „in ©d^önl^eit" nod^ „mit SBeinlaub 
im ^aar". SWun l^at il^r ©amariterbienft einen SWit^» 
miffer, ber für fein ©d^roeigen geroiffe ©egenleifiungen 
forbert. Unerträglid^er nod^ aU bad erfd^eint il^r bie 
abl^ängigfeit oon bem 3Ranne, bie Unfreil^eit. ©ie gel^t 
ins Slebenjimmer unb fd^iefet fid^ eine ftugel burd^ ben 
Äopf. ©0 ftirbt fie roenigften^ felbft „in ©d^ön^eit"- S:)i 
e§ fold^e überfpannte SBeiber in SffiirfUd^fcit mol^l giebt, 
id^ meine — „in grei^eit unb unter SSerantmortung"? 

Sbfen fd^eint biefer meiblid^e ^eroentppuö auÄ- 
nel^menb gefallen ju l^aben, benn er l^at nod^ einen 
äioeiten äOjug oeranftaltet, nämlid^ bag gräulein §ilbe 



- 305 — 

Im „Saumeificr ©olnefe". 3)ic ifi ber^cbbaroo* 
ntöglid^ nod^ über. 

SSom Srl^abenen }unt Säd^erKd^en ift nur ein Sd^ritt, 
vom tieffxnnigen ©pmboKÄmuS jur abfurben ©efd^macf« 
loftgfeit ebenfalls. Saumeifier ©oIne| ifi fid^ oöllig Mar 
barüber,. ba§ er eigentlid^ geifieShttnl ifi* ®r leibet 
gleid^ an mel^reren pjen ^ht^n. ©inmal wirb er von 
©eroiffenSbiffen über eine Xf)at gequält, bie er jroar 
nid^t begangen, beren ©efd^el^en er aber gen)ünfd^t l^at. 
Um ald SBaumeifler }u din^m unb @l^ren )U gelangen, 
l^atte er ben SBunfd^ gel^egt, ba§ baS $auö feiner grau 
nieberbrcnnen möge, bamit er eö l^öl^er unb präd^tiger 
roieber aufbauen fönne. 2)iefer SBunfd^ ifi o^ne fein 
3utl^un in Erfüllung gegangen, tro|bem glaubt ber 
SBaumeifier bod^, bie @d^ulb baran }u tragen. @ine 
anbere SBorfiellung , bie il^n quält, ift bie, ba§ eines 
fd^önen S^ageö bie „3[ugeub" fommen unb il^m alleS 
nel^men werbe, roaö er fid^ in einem mül^eoollen ®a» 
fein ermorben. SKuS biefem ©runbe l^ält er feinen jungen 
genialen ©d&üler burd^ l^öd^fi oermerflid^e, perpbe SRittel 
in feiner Saufbal^n nieber. ®nblid^ mirb unfer Sau* 
meifter nod& von bem ©ebanfen gepeinigt, ba& bie an« 
beren il^m feine ©eifteSfranfl^eit anmerlen. 

3n)eite ißauptftgur : ^au Saumeifier ©olne§. SRatür« 
lid^ lebt fte mit i^rem 3Ranne in fel^r trauriger ®l^e. 
3ufolge beg erroäl^nten SranbeS flnb il^re Äinber, 3n)il* 
linge, umS Seben getommen. Slber n)äl^renb ber ©atte 
glaubt, ba| il^r gel^eimer, nagenber Äummer von biefem 
SBerlufie l^errül^re, l^at fie fid^ barüber längfi getröfiet. 
SBol^l betrauert fie tief einen SSerlufi, bod^ nid^t etma 
ben ber S^JiDinge, fonbem il^rer alten mitoerbrannten 
— ^puppen. 

o. Orott^uf, fßroUeme unb Sl^arafterfdpfe. - 20 



-. 306 — 

S)ritte Hauptfigur : %xcaxUin igilbe SSaugel^ bie in^^ 
jroif d&en J^erttngeiDad^fcne S^od&tcr ber „^rau vom SKeere", 
SQiba äSangel. @ie ift il^ren @ltem entlaufen, um 
ben Saumeifter @o(neg n)ieber}ufel^en. äSor jel^n ^a\)xm 
xoax er in il^rem ^eintat^orte. S)ort l^at fte il^n aü 
ISiäl^rigeiS jtinb l^od^ oben auf einem DoKenbeten @t^ 
bäube gefeiten, wie er auf beffen ©pifee ben fejiKd^en 
Stxavi nieberlegte. ^iefe gefci^rlid^e @teEung nun, l^od^ 
über ber 6rbe, fanb fie berma^en ,,fpannenb", ba| 
fte ftd^ fofort in ben öaumeifler perliebte. 31*^ Un» 
glüd ift er nod^ in bad ^aud il^rer @Item ge!ommen, 
roo er mit bem nieblid^en Äinbe gefd&erjt unb bem Meinen 
gräulein oerfprod^en l^at, eS nad^ jel^n Qal^ren §u feiner 
^rinjeffin ju mad^en unb in ba^ Äönigreid^ — „^[pfet 
finia" abjul^olen. ©elbfit)erftänbli(i& xoax bafi nur ein 
l^armlofer ©d&erj, roag aber gräulein ^ilbe nid^t oer* 
l^inbert l^at, allen ©rnfte^ jel^n Sfal^re lang auf il^n ju 
warten, unb fid^, ba er natürlid^ nid^t gelommen ift, 
auf unb havon }U ntad^en, il^n in feiner ä3el^aufung 
aufjufud^en unb xotQtn nid^t innegel^attenen @^et)er« 
fpred^eng jur Siebe ju [teilen, ©er arme Saumei(let. 
ift juerft ganj oerblüfft unb erinnert fid^ beS ganjen 
©d^erje^ gar nid^t mel^r. atllmäl^lid^ . aber gewinnt er 
bem pilanten SSerl^ältni^ ©efd^madf ab. @r erHört fid^ 
alfo bereit, gräulein ^ilbe jur „^prinjefftn" ju madpen 
unb fie in bad ©erfprod^ene Äönigreid^ „Slpfelfinia" ju 
filieren, ^noox aber fott er burd&au^ nod^ auf einen 
l^ol^en, foeben oollenbeten 2^urm Hettern, um il^n mit 
bem ^ranje ju frönen, ^räulein ^ilbe verlangt bad 
mit ®ntf d^iebenl^eit , weil fie ed gar ju „fpannenb" 
ftnbet. S)a^ „©pannenbe" ift nun einmal il^re 5ßaffiion, 
unb „eg ift fpannenb" ber 2lu^brudf il^rer l^öd^ften S5e* 



— 307 — 

friebigung. ©oIne§ entfefet fid^ jucrfi über bicfcd an* 
finncn. ©eit jenem SJoge, an bem il^n ^itbe in il^rer 
aSaterftabt auf ber Xuxraf)i^t gefeiten, l^at er ein ber^ 
artige^ SBageftüd ni($t mel^r unternommen, meit er ftet^ 
oon ©d^roinbelttnffillen l^eimgefud^t mürbe. 35er „fpan= 
nenben" Sungfrau ifi biefer Umfianb nid^t »erborgen 
geblieben, troftbem befielet pe auf il^rem SBunfc^e: er 
foll unb mu§ burd^aug auf ben SJurm Hettem. Unb 
er Heitert roirKid^. ©d^on l^at er faft bie ©pifee er« 
reid^t, fd^on fd^melgt gräulein ^iüt in aßen ©tabien 
beg „©pannenben", ba gleitet er an^ unb jerfprifet fein 
©el^irn auf bem ®rbboben. ©ie aber, bie ü^n l^inauf* 
getrieben, tröfiet fid^, rotnn aud^ ein menig beftüt^t, mit 
bem ©ebanlen, ba^ er bie ©pifee „beinal^e" bod^ er« 
Heitert l^ätte, unb bafe er burd^ bie ©rfüllung iJ^reiS 
SBunf dpeg bemiefen l^abe, bafe er „i f) x" Saumeijier mar. 
„©pannenb" mar eg immerl^in. 

Slatürlid^ miß Sbfen, ba§ man in biefen fonber* 
baren Vorgängen tiefe, fpmbolifd^e 3lbftd^ten mürbige. 
3lber ber SBitte allein ti^ut^ö nid^t. S)a6 eine ^au 
ober ein aWäbd^en ben ©egenftanb il^rer Siebe möglid^fi 
„l^od^ftel^enb" feigen möd^te, ift an fid^ fel^r natürlid^. 
SBenn fidp aber biefer Sßunfd^ auf bie raumlid^e 
§öl^e, auf bie ißöl^e einer SJurmfpiße bejie^t, fo mirb 
bie ©pmbolif einfad^ läd^erlidp. $Run fotl ja ber Sßunfd^ 
ber ^ilbe baburd^ erftärt werben, ba§ ber SBaumeifter 
il^r ju liebe fein Seben auf« ©piel fefet, bafe biefe 
Siebe il^n fiarf genug mad^t, ben ©d^minbel ju über« 
roinben. 3)aö ®rHettern be§ Xuxm^ fotl i^n gleid^fam 
oerjüngen, i^m feine frül^ere Äraft unb ftlar^eit, bie 
alte ©nergie unb SebenSluft roiebergeben. ©o l^at fle 
i^n oor jel^n Salären jum erftenmal erblidft, f o miH fie 



— 808 — 

x^n aud^ je^t toieberl^aben^ ben Xxama il^rer Ainbl^eit, 
galt} unb ungefd^mätert. ^a& äRittel aber, bad fte an^ 
iDenbet, entfpringt nid^t nur einem franll^aften, peroerfen 
Smpftnben unb ber fe(bfltfd^en @ud^t nad^ ber @en« 
fatioh beg ,,©pannenben", fonbem eiS fielet aud& in gar 
feinem SSerl^ältniffe ju bem ^xotät. 38ad Uegt benn 
fo ®xo^t^ barin, eine ^öl^e ju erHettem? 3eber 
äRaurergefeHe unternimmt biefed äSagniiS aKe Xage. 
93on jemanbem aber, ber an rege(mögig mieberlel^renben 
©d&nrfnbelanfätten leibet, bie« ju ©erlangen, ifi Slieber^ 
trad&t ober SBal^nfinn. Unb will uniS benn gbfen ein* 
reben, bag ber äSaumeifler, menn il^m ba^ 38ageflüd( 
mirtlid^ geglüd(t märe, baburd^ ein DöQig neuer äRenfd^ 
geworben märe? ®r l^ätte fid& mit feiner 3)ulcinea 
einfad^ au^ bem Staube gemad^t unb märe in ber ®t^ 
feUfd^aft biefe« öberfpannten grauenjimmerg binnen 
fui^em ftd^er ganj vtnüdt gemorben. 

SQ3ie abfurb ifl fdpon ber Überfall ber ^ilbe bei bem 
Saumeijier, genau am jel^nten Qal^reStage jeneg fdpet^* 
l^aften @efpröd^^ }mifdpen bem gereiften äJlanne unb 
bem breijeJ^njä^rigen Äinbe! 6r l^at il^r ba^ Äönig* 
reid^ Slpfetfinia t)erfprod&en, unb nun läuft fie nad& jel^n 
3al^ren in l^öd^fi berangierter Xoilette — bie grau 83au« 
meifier mu| fte erji au^ il^rer 2:afd^e equipieren — 
il^ren ®ltem bat)on, feiert fid^ nid^t im minbeften an 
bie aSer^eiratung il^reS 3beatö unb logiert fid^ ol^ne 
weitere Umjiänbe bei il^m ein. 3)er Segriff „^ßflid^t" 
ift il^r im l^öd^ften @rabe miberroärtig. SKfe bie ^au 
©otne| biefeg Sßort gebrandet, jiellt pe fie orbentUd^ 
barüber jur SRebe. 

3e weniger ein gefunbe^ gül^len unb 3)enlen mit 
bem ©tüdte an^anQm fonnte, um fo miHfommenere ®e» 



— 309 — 

legenl^eit bot eg }u „geiftreid^en" SKuöIegungen. ®ö ifi 
ja aud^ gar nid)t fo fd&wer, ungcffil^r ju Derftcl^cn, roa^ 
ber 35id^ter mit all ben fpmbolifd&cn Slnbeutungen ge^» 
meint l^at. 35ie gurd^t oor ber „!3ugenb'% bie ber 
Saumeijier nur baburdp überminben fann, ba§ er felbji 
toieber jung wirb, fetbft ben jugenblid^en ^a^trmt 
3urä(igen)innt ; bie ^rau mit ben Derbrannten puppen 
il^rer Äinbl^eit^ibeate, ba§ gräulein Silbe, bei ber bai5 
„©pannenbe" ungefal^r biefelbe neroenreigenbe 3tolle 
fpielt n)ie bei il^rer Stiefmutter, ber „grau t)om äReere", 
baÄ ,,Unbefannte" — eS lä|t fid^ über aUeö bag un* 
gemein t)iel ©eiftreid^e^ fagen. 3lber mir bürfen bod& 
nid&t Dergeffen, ba§ eö ftd^ l^ier in erfler Sinie um einen 
aSorgang aM bem &thtn unb um lebenbe 9W e n f d^ e n 
l^anbeln foU, nid^t um abftratte, fpmbolifdp angebeutete 
Sbeen. Äann benn aber ein gefunbe^ ®mpfinben mit 
aß ben oerrfldften ©infätten unb ©d^ruHen biefer ©olne|, 
Silbe u. f. xo. überl^aupt nod^ ©d^ritt l^alten? — 

3n „Älein ©polf" erfd^eint baö au^ ber „^au 
üom SKeere" bttanntt „©efefe ber Ummaublung" 
roieber. 3lber eg ifi l^ier jum ©tid^mort abgeblaßt. 
35ie l^anbelnben ^ßerfonen erinnern einanber mel^rfad^ 
baran, werfen ftd^ bad ©tid&mort wie einen gangbatt 
ju, aber ed bleibt im @runbe ein ©piel. ^tnn bad 
„®efefe ber Umroanblung" t)olljiel^t ftd& l^ier, mie überall 
im Seben, au§ Urfad&e unb 3Birfung, mäl^renb e^ in 
ber „^au t)om SKeere" von au§en, aud ber SBerfftätte 
be^ fpetulierenben 3)idpter^, in bie S^nblung l^inein« 
getragen mirb unb fie fünfilid^ beeinflußt 3)arin lönnte 
ein großer gortfdpritt gefunben werben, menn eg nid&t 
unoorftd^tig märe, bei einem 3)id^ter, wie Sbfen, t)on 
„gortfd^ritten" ober „aiüdffd^ritten" gu reben. 6^ lönnte 



— 310 - 

ia eine oorfibergel^enbe £aune fein! Unb er ifl launifd^, 
ber SBoter Qbfen! 

Stuf einer Saune, einer — fiiebeöloune freilid^, 
ifi ha^ S)ramQ aufgebaut. Jtlein Spolf ifl ber neun» 
jäl^rige @ol^n bei^ ßl^epaared Wimtx^. ^n einem Sugen- 
btid feKgen, n)e(tt)ergeffenen ißiebei^raufd^ed l^aben il^n 
einfl bie @(tem atö Heiner SBidelKnb unbewad^t ftd^ 
felbfl überlaffen. 2)a ifl er oom %Vi^ i^eruntergefallen 
unb feitbem ein Jtrüppe( geblieben, ber ftd^ nur m&\)^ 
fam an ber 5trü(Ie burd^i^ Seben fd^Ieppt. @o ifl ba^ 
arme, fränflid^e ©efd^öpf in ben 9lugen feiner ®ltern 
ein n)anbelnber SSormutf. Unb bod^ l^aben fte ftd^ ju 
ber redeten Siebe ju il^m nod^ nid^t geläutert. S)er 
SBoter, ein ©d^rif tfteHer , ber — bejeid^nenb genug — 
an einem Sud^e über ,,35ie menfd^lid&e SBerantmortlid^* 
feit" fd^reibt, befd^ränft ftd^ barauf, feinen ©ol^n mdg» 
lid^fl oiel lernen ju laffen; freunblid^er nimmt fid& bie 
3Rutter feiner an, rotnn aud^ mel^r aud SWitleib ate 
auÄ l^ingebenber, treuer SDlutterliebe. ©ie ift nod^ immer 
t)on oei^el^renber Seibenfd^aft für il^ren äRann erfüllt 
— ba bleibt für ben armen Ätein ©polf menig SRaum 
in il^rem iget^en! 

äHmeriS ifi einer jener unbef riebigten , grübelnben 
3bfen*fd^en Cl^araftere, bie unaufl^örli^ mit fid& felbfi, 
mit ben Stätfeln bed menfd^lid^en ©ein^ unb ber 38elt« 
orbnung befd^äftigt finb. 6r ad^tet feine grau SRita, 
er bringt il^r aud^ eine fanfte Steigung entgegen, aber 
il^re glül^enbe, pnnlid^e Seibenfd&aft fann er nid^t er» 
roibem. 6r l^at fid^ um 3lita beworben, meil fie „fo 
t)erfül^renb fd^ön" unb weil fie — reid& mar. S)er 
arme junge ©d^riftftetter, ber jubem für feine geliebte 
©tieffc^mefier Slftq ju forgen l^atte, lonnte fid^ glüdt» 



- 311 - 

liijp fd^dfecn, eine fo gute ^Partie ju mad^cn, bie eö i^m 
ermö8H($te, ol^nc Slal^rungSforgcn feinen f d^riftftellerifd^en 
SHeigungen ju leben. Slber in all ben Salären l^aben 
ftd^ bie ®atten geiftig, feetifd^ nid^t genäl^ert. SKIImerg 
empftnbet bad je Ifinger, befto tiefer. 3)ie Slrbeit an 
feinem SBud&e befriebigt il^n ebenforoenig wie bag el^elid^e 
3ufammenleben mit Siita, mie ber SKnbtid feinet vtu 
früppelten ©ol^ned, bem er ^id^ten fd^ulbig ju fein 
glaubt, ol^ne bod^ beren rid^tige SKuSübung erfannt ju 
l^aben. Um fid^ Don bem 35rudEe feiner miberftreitenben 
©mppnbungen ju befreien, um Älarl^eit über fidp felbft 
unb feine 2luf gaben ju gewinnen, unternimmt er eine 
längere Steife, fud^t unb finbet er bie erfel^nte ®inf amleit. 
3mt feiner mdUf)x beginnt baö ©tüdf. attmer« 
ifl fid& mäl^renb feiner äibroefenl^eit barüber llar ge= 
n)orben> ba§ fein ganjeg Ztb^n von nun ab Älein @polf 
gemibmet fein muffe. 3)urd^ unermüblid^e Siebe unb 
Sorgfalt miß er il^m ben förperlid^en SJlangel erfeften. 
3)er pl^ilofopl^ifd^e ©rübler wirb von ber SBud^t be« 
©ebanfeng niebergebrüdft, ba| er unb SRita bie alleinige 
©d^ulb baran trügen. 2)ie 2lrbeit an feinem S3ud^e 
mill er aufgeben, aber aud^ für bie SReije feiner ^rau 
l^at er jebeÄ SBerftänbni^ verloren, nur Älein @i)olf lebt 
nod^ in feinen ©ebanfen. S)a brid^t fid^ bie leiben* 
fd^aftlid^e SWatur feinet SBeibeg gemaltfam Sal^n. ©ie, 
bie fd&on eiferfüd^tig baö SBud^ gel^a^t l^atte, bem ber 
®atte feine 3^i^ mibmete, fie fül^lt nun, bafe il^r in 
bem Äampfe um bie Siebe il^refi aWanneS ein meit ge* 
füil^rlid^erer ©egner erftanben ift — il^r eigene^ Äinb. 
Unb in ber l^eftigen Slu^fprad^e mit SlUmer^ entfd^lüpft 
e« il^ren Sippen: „35ann münfd^te id^, ba§ id^ i^n nie 
geboren l^ätte!" 



— 312 — 

Sdmi — cerroorrene^ aufgeregte Sfhife oom giorbe 
l^er unterbred^en baS ©efprSd^. @in Ungtad ifl ge« 
fd^el^en, ein Ainb ifl oon ber Sanbungdbrüde tttö äSaffer 
geflürjt unb ertrunlen — Älein ®9otf. ©er arme 
jtr&ppel ^ er lonnte ja nid^t fd^toimmen! Sber bie 
Ärüde fd^toamm oben. ®ie Ärüdfe! 

grau 9Kta ift t)on il^rem — SRebenbul^Ier erlöfi! 
O nein, ber tote Alein @9o(f, ber fte t)ont @runbe 
bei^ @eejS mit oerglaflen ätugen, mit ben böfen, „vox^ 
rourf^oollen Äinberaugen" anfiarrt, er ifl il^r geffil^r*' 
tid^er, meit, meit gefä^rUd^er atö ber tebenbe. ^^x 
bumpf unb trofUoiS ba^inbrfitenber ®atte, mit bem fte 
ben @dpmer} ber jäl^Iingd ermad^ten ßltemliebe, bie 
Dual ber ©emiffeniSbiffe gemeinfam ertragen miE, ifl 
l^art unb graufam gegen fte gemorben. 9Rit älbfd^eu 
gebeult er beiS mit il^r genoffenen Siebei^raufd^ed unb 
mit brutaler Dffenl^eit gefielet er il^r, ba§ nidpt bie 
roa^re, urgeborene Siebe il^n in il^re 3lrme gefül^rt l^abe, 
fonbem il^r finnlid&er SReij unb il^r 3leid&tum. Ql^r 
ganj }uerft bürbet er bie @d^ulb an bem Ung(üdFe auf ; 
f ie fei e^ geroefen, beren finnlid^em ©elüfie Älein ®9olf 
jum Opfer gefallen ifi. Unb er fül^lt ftd^ verunreinigt 
burd^ ba« 3iif^wimenlcben mit il^r, er will fte oerlaffen, 
miß mieber mit feiner ©tieffd^roefier 2lfia in bie frül^ere, 
ad^ fo glüdflid^e ©ürftigfcit jurüdffel^ren. 

®iefe 9lfia ifi mol^l ber fd^önfte unb fpmpatl^ifd^fle 
grauenc^arafter Qbfeng. SBon flein auf l^at fie greub 
unb ißeib mit bem SSruber aufd innigfte geteilt unb aud^ 
jeftt fud^t fie il^n in il^rer füllen, fd^lid^ten 3lrt auf* 
jurid^ten. SQ3ie einftmate, atö ber SBater unb bie 3Rutter 
geflorben waren, nfil^t fie il^m ben fd^roat^en glor um 
ben Slrm. S)ie Silber au§ ber alten 3^it il^re^ innigen 



— 313 — 

gcfd^roifierlid^en S^fcimmentebenS taud^cn t)or bcibcr 
©ciftc auf. 3n jenen gtüdlid^en SJagcn l^at fte ber 
dltere Sruber fd^erjweife feinen „f leinen ©polf" 
genannt, benn, fo l&atten e^ bie ©Itern oor il^rer ©e« 
burt beftimmt, bad Äinb foHte, faflg eg ein Änabe fein 
würbe, ®9oIf l^eijsen. Unb „Älein ©polf " nm| er ivm 
jroeiten aWale oerlieren, benn SKfta — bag l^at fie in* 
jroifd&en au^ alten ejcmiilienbriefen erfal^ren unb ba^ 
mu| fie jefet aud^ SlttmerS mitteilen — Slfta ift nid^t 
feine ©d^roefter, nid^t feine Slut^oerroaubte , unb fie 
lann il^m audp nid^t folgen, benn fte beibe fiel^en ja 
unter bem „©efefee ber Umroanblung" I SRun pe nid^t 
mel^r ©d^wefter unb Sruber finb, roonbeln fid^ aud^ il^re 
©efül^le ju einanber. Sei il^r ift ba^ fd^on löngft ge* 
fd^el^en, unb ba pe e^ aud^ bei Slllmer^ fommen fielet, 
fo opfert fie freiwillig ba^ ©lildf, bafi il^r nid^t be« 
fümntt ift, unb nimmt in plöfelid^em ©ntfd^luffe bie 
^anb eineg ungeliebten Semerberg an. 

9lun finb bie beiben ©atten auf einanber angemiefen. 
Sefet, nad^bem aud^ Slfia gegangen ift, 3lfta, auf meldte 
3lita, ofö auf ben jmeiten Älein ©polf, eiferfüd^tigen 
Öa| geworfen ^atte, je|t fielet Siita mit fd^redfen^DoIler 
Slngft ben Slugenblidf naiven, mo il^r 3Jlann pe oerlaffen 
muffe, aber bag „©efeft ber Umroanblung" tritt aud^ 
l^ier in feine SRed^te. SRita ip nid^t mel^r biefelbe. S)er 
©d^merj l^at pe genügfam gemad^t, pe iP bereit, il^ren 
aWann „mit bem Sud^e ju teilen", ©ie fagt il^m bag, 
fagt il^m, bafe eine Ummanblung in il^r DOjcgel^e, eine 
9lrt qualooHer ©eburt. „35ag iP e^," meint er, „ober 
eine 3luferpel^ung, ein Übergang ju einem l^öl^eren 
S)afein." /,3amol^l," ermibert 3tita oerjagt, „— aber 
bag ganje, ganje. Sebengglüdt gel^t babei oer» 



— 314 - 

loten 1" Unb ate SfflmeriS bemcrft, ber SScrliift, bcr 
fei eben ber ©eroiitn, ba brid^t il^re natoe leiben«» 
fd^aftti($e SBeiblid^feit roieber butd^, unb l^eftig ent« 
gegnet fte: „3ld^, 3lebengarten ! 2)u lieber ®ott, wir 
ftnb bod^ fd^UejsUd^ nid^tö anbered atö @rbenmenfd^en/^ 
— ,,8Bir finb aud^ mit ^immel unb 3Weer ein 
wenig oerroanbt SRita!" 

S)iefer Umroanblung^projefe in ber %xa\i, biefer 
Äampf jroifd&en il^rer noioen, „erbgebunbenen" egoifti* 
f d6en unb il^rer l^öi^eren ftttlid^en Statur ifi mit einer v^r)^ü^ 
loßifd^en aWeifierfd^ttft bargefteHt, bie il^reögleid^en fud^t. 
9lod^ branbet unb n)ogt eS in il^r^ nod^ mag fte nid^t 
t)erjid^ten auf ha^ ®lüi, auf bad irbifdpe, fleifd^tid^e, 
greifbare SllltagSglüdf. Slfö älllmerÄ il^r nun von feiner 
Steife erjol^lt, mie er, ocrirrt in milber ©ebirgggegenb, 
ben Xo\> atö SReifefameraben gefül^lt unb il^n nid^t ge« 
fürd^tet, fonbem in „grieben unb SBol^lgefül^l" genoffen 
l^abe, mie er aber fpäter, bei Älein ©polfd Untergange, 
bodp oon ©rauen erfaßt morben fei, „vox il^m, cor bem 
©anjen, cor allbem, roa^ mir uns b o d^ nid^t anzugeben 
getrauen, — fo erbgebunben pnb mir alle beibe, 
3lita," — ba ruft fie mit einem greubenfd&immer : „3a, 
nid^t mal^r? 2)u aud^! 3ld^, la| un^ nur gufammen 
ttitn fo lange afö mögtid^!" 

Sa, leben! Slber ba^ fieben mufe einen ^^M^t 
l^aben, einen fittlid^en Snl^alt. Unb momit foll fte 
il^r Sebtn nod^ auöfüHcn, ba fie oon ben großen, offenen, 
„böfen Äinberaugen" oom ©runbe beg ©eei§ t)erfolgt 
mirb, ba fie bie Siebe i^re§ SUfanneg t)erloren l^at, il^n 
felbft ju t)erlieren im Segriffe ftefit? S)iefieere mu| 
ausgefüllt merben, — fo miH eö bag ,r®^fßfe ber 
Ummanblung". Unb mit 5Rotmenbigfeit mirft biefeiS 



— 315 — 

©cfcfe weiter unb weiter in il^r, 6iö eg fiegreid^ bie 
füllen fprengt, bie il^re eblere, fd;öuere 3lainx fo lange 
gefangen l^ielten. ©ie n)itl fid^ ber Sinnen nnten im 
S)orfe annel^nten; alle bie oerroal^rlofien, etenben ftinber 
roiH fie ju ftd& nel^nten, pflegen, ergiel^en unb ju glüd* 
lid^en aWenfd^en maijpen. Unb ba^, fagt fie ju Slllmerg, 
,,ifl bein SBerf. 35u l^aft einen leeren SRaum in 
mir jurürfgelaffen. Unb ben mu§ id^ oerfud^en mit 
etma« au Sjufüllen. 3Kit etroag, mag gemiffermajsen 
einer Siebe gleid^t." „9lber", gefielet fie il^m meiter 
mit fd^mermütigem Söd^etn, „id^ l^abe nod^ einen an* 
bereu ®runb. ^^ mill mid^ einfd^meid^eln bei 
ben großen, offenen 9lugen, mei|t bu." 

S)a mirb aud^ SlHmerg im 2;iefften betroffen. 3^/ 
baS märe eine 5Wöglid^feit aud^ für iön, „fid^ bei ben 
großen, offenen 3lugen einjufd^meid^eln". 2)ag märe eine 

©runblage für ein ferneres S^f^^^^^^^^^^I^^^" ^^t SRi^ß« 
„aSiefleid^t Knute id^ mit babei fein? unb bir i^elfen 
SRita?" 

®in ,,fd^roerer Slrbeitötag" fielet il^nen beoor, aber: 
,,bann unb mann mirb ©onntag^rul^e über un^ fommen." 

91 Um er S (ftillbemegt)» 2)ann merfeu mir uielleid&t 
ben Sefud^ ber ©eifter. 

9lita (flüfternb). S)er ©eifter? 

Slltmerg (mie oben). 3a. 2)ann finb fie meHeid^t 
nm uniS, — bie, bie mir oerloren l^aben. 

SRita (uidEt langfam). Unfer Heiner ®i)olf. Unb 
bein großer ß^olf aud^. 

9lllmer§ (ftarrt t)or fid^ l^in). Slm ®nbe bekommen 
mir nod^ bann unb mann — auf bem fiebenömege — 
gleid^fam einen flüd^tigen ©d^immer t)on il^nen ju feigen. 

SRita. SBo^in fotten mir fe^en, Sllfreb? 



— 316 - 

aillmerÄ (rid^tct bcn Stid auf ftc). 91 ad^ oben. 

diita (iridft bciffiflig). 3a, na^ oben. 

Slttineri. SRad^ oben — ju Den ©ipfeln 
l^inauf. 3^ ben ©ternen. Unb ju ber großen 
©tille. 

Sftita (reid^t il^m bie ^anb). ^d^ banfe bir. 

Sier ift ber bramatifd^e Äonflift in ber X^at %t^ 
löfi/ — ^tW^ mit ben einfad^ften, \m ben Dorgefül^rten 
aWenf d^en f elbfi oorl^anbenen aWitteln. 9luf fold^er ®runb^ 
läge mufe bag l^armonifd^e S^^förnntenleben ber ©atten 
gefid^ert fein. Älein ©polf, ber fie oX^ fiebenber ge» 
trennt l^at, fd^liefet pe atö Sloter unlö^Iid^ jufammen. 
3Rit feinen „großen, offenen 3lugen" beftimmt er üon 
nun (A x^x ganjeg %\^Vin unb ©ein. 

3)er ©pmbotifer unb SW^fiifer t)erleugnet pd^ aud^ 
l^ier nid^t. 3)er 2)id^ter läfet eine merlroürbige ^erfon 
auftreten, ein Derfd^robeneg alteS grauenjimmer, bie 
„Siattenmamfell", fo genannt nad^ il^rem ^anbroerl, 
ba^ in ber SBertitgung ber Sftatten befielet. 3Wit il^rem 
©olbmopg feiert pe überall ein, n)o vxan il^rer S)ienPe 
bebarf ; ben ^unb an ber Seine, gel^t pe, auf ber SWaut 
trommel fpietenb, breimal um§ ^aug l^erum, unb aH 
bie $Ragetiere auf ben 3)ad^böben unb in ben Äellem 
muffen il^nen folgen , folgen bi^ an il^ren Äal^n unb 
weiter, in§ SBaffer l^inein, roo fie elenb ertrtnlen. „35ag 
muffen penämlid^," meint bie „Siattenmamfell", unb 
auf bie ^Jtage oon Älein ©potf, marum pe benn müßten: 
„©erabe, meit fie nid^t mollen. SBeil eS fie Dor 
bem SBaffer fo fd^auerlid^ grufelt, barum muffen 
pe aufd SBaffer i^inau^." 

Unb ganj ba^felbe 3Jlotio beg ©rauenl^aften unb 
„SBunberbaren", ba^ reijt unb lodft, ba^ 3WotiD auS 



— 317 — 

bcr „%xau t)om 2Wecrc", fprid^t aud^ au^ ben SGßorten 
bcg Änabcn, ate er ben ©dbmopg bcr SiattenmamfcII 
erblicft: „mx fd^cint, er ^at bag fc^rccllic^fte (?!) 
— Slngcfid^t, ba^ id^ nod^ gefeiten l^abe." Unb glcid^ 
barttuf, inbcm er „untoillfürlid^" (!) naiver tritt unb 
ba^ ^ünbd^en flreid^elt: „SBunber^ rounberfd^dn 
ift er aber bod^!" SBag 3bfen bamit bejroedft, ift 
ja Kar, wa^ aber felbft ein Äinb an einem ganj ge* 
TOöl^nlid^en 3Rop«9eftd^te fo ungel^euer ,,©d^redflid^ei§" 
unb gleid^jeitig „wunberbar ©d^öneS" entbcdEen fönnte^ 
iji n)ol^l ol^ne bie fpmbolifd^e äibfid^t be§ ©id^ter^ 
überl^aupt nid^t ju t)erftel^en. S)a§ man aber biefe 2lb* 
fid^t erft merfen mu% baö ift ba^ SSerftimmenbe. 

Ätein e^otfg finblid^e ^p^antafie ift t)on ben ©d^it 
berungen ber ge^eimni^DolIen 5perfön erl^iftt, er enfc' 
f d^Iüpft bem elterlid^en ^eim, er m u § ber SRattenmamf eH 
unb i^rem ©olbmopfe folgen, von ber Sanbung^brüdEe 
avi^ mvi^ er il^r nad^fd^auen, bi§ er, t)om ©djwinbel 
erfaßt, ing SBaffer ftärit. 2)er aSorgang ift — bis auf 
bie fleine ®pifobe mit bem ©olbmopS — mol^I benfbar, 
ja, er ift pf^d^otogifd^ gut begrünbet Sßid^tS wirft fo 
anjie^enb auf baS finblid^e ®emät, mie baS ©el^eimniS- 
t)otte. Unb bod^ — mer lönnte t& leugnen? — mirft 
bie ganje ©rfd^einung ber Siattenmamfett in QlbfenS auf 
ben fpmboKfd^en 3^^* jugefpifeier 2)arfteIIung nid^t 
realijiifd^, fonbem märd^enl^aft, romantifd^, mpftifd^. 

Unb baiS „Slad^-oben^fd^auen" am ©d^Iuffe, „ju ben 
©ipfetn hinauf, ju ben ©ternen unb ju ber großen 
©titte" — mag ift eiS im ©runbe anbereS, aU eben 
aud^ aWpftif? ©taube an einen perfönlid^en ®ott ift 
es bod^ mol^l nid^t? Ober foHte fid^ aud^ an 3fbfen 
fd^on — baS «©efefe ber Ummanbtung" DoII}iel^en? 



- 318 — 

9lad^ etn}elnen Stellen möd^te man t^ betnal^e annel^tnen. 
Stber — wer barf bem Sllten trauen? 

@d tul^t eine %ü\lt t)on @emüt unb ^oefte in bent 
2)rama. greilid^, fold^e SWenfd^en, wie er fte unS in 
„ftlein ®9olf" t)orfäl^rt, muffen nad^öefül^lt, nad^ gelebt 
werben. 9ttttag8menfd^en finb fie nic^t, fie road^fen nid^t 
an be8 Sebeng fieerftrafeen, — nur an ben grunbllaren, 
burd^ftd^tigen gjorben ber ©elbflbetrad^tung unb ©elbft* 
erfenntnig, nur in ber reinen, bünnen £uft ber fiöl^en, 
— auf ben ©ipfeln, mo man ba^ ®beln)ei| ber SSßal^r» 
l^eit fud^t unb i^äuftg bod^ nur bie blaue äSlume ber 
Siomantil pnbet 

SRad^ „Saumcifter ©olnefe" — ,,Älein ß^olf " ! SRad^ 
bem 2lbfturj von bem btirren fpmbolifd^en S3rettergerflfte 
ein 3lufblid nad^ oben, ju ber großen ©titte, ein ©elbfl= 
bejtnnen auf bie en)ig=menfd^li(^en 9Käd^te beiJ ©emütiJ. 
Sltfo bod^ eine 3ltt — „Umwanblung" ? ®^ fd^eint 
fo. S)enn aud^ »3ol^n ©abriel Sorfman", be^ 
S)id^ter^ näd^fte ©d^opfung, bebeutet einen ©ieg ber 
aWenfd^lid^feit über bie inbioibualifii|dje 2)oftrin, beS 
©emüt^ über bie „©erjen^Wlte". S)ie SCragi! be« ©iegeg 
erl^öl^t nur feine SSßirfung. 

Sol^tt ©abriel 83orfman, t)ormaliger SBanfbireftor, 
iji eine gefallene 33örfengrö|e. 2lber feine vom geroöl^n* 
lid^en ©daläge. 3Kad^t unb ^errlid^feit waren feine 
Seitfterne: ,,3lIIe SDlad^tqueHen wollte id^ mir untertl^an 
mad^en. 3lIIe^, was ber Soben unb bie Serge unb bie 
SSälber unb baS aWeer an SReid^tümern fafete — alle^ 
woHte iä) mir unterwerfen, woHte mir f eiber bie ®e* 
walt jueignen unb baburd^ SBol^lftanb fd^affen für vidt 
Xaufenb anbere/' Jlnb biefer 2Rad^tbegierbe l^at er 
affeg geopfert. 3)Ut „fül^ner iganb" griff er in bie 



~ 319 -- 

3)epofiten feiner Sanf, um ungel^eure Slftiengefellid^aften 
in^ ßeben ju rufen. SWel^r nod^: er opfert ber „3Jlad^t" 
aud^ bie Siebe, feine unb bie be§ aJläbd^en^. @r l^at 
®tta SientJ^eim fo fel^r geliebt, atö er überl^aupt lieben 
fonnte; jte aber gab il^m i(;re ganje ©eele l^in. S)iefe 
®tta Sientl^eim l^at er feinem SRebenbul^ler geopfert, einem 
äbt)ofaten ^infel, feinem t)ertrauteften greunbe, ol^ne 
beffen ^ilfe er bie a3an{ nid^t befommen fonnte. S3orf* 
man entfagte unb l^eiratete bie SuJittiug^fd^wefter ®IIag, 
©unl^ilb. Stber baS Opfer war t)ergeblid^, roeil bie ®e* 
opferte in ben iganbel nid^t mißigte. ©Ha blieb lebig, 
^infel glaubte fid^ oon 33orfman betrogen unb brad^te 
beffen Unterfd^lagungen jur 2lnäeige. B^f^w^^^'&^i^^/ 
©d^anbe, fünfjäl^rigeg ©efängni^ waren bie folgen. — 

3ld^t Saläre finb oerftrid^en , feitbem Sorfman an^ 
bem ©efängni^ entlaffen ift, 3[n biefen ad^t Salären ift 
er ba oben, über ben 3i^nniern feiner ^rau, in feinem 
el^emaligen, nun oerblid^enen unb oeröbeten ^prunffaale 
einfam unb rul^elo^ auf unb ab gegangen. „2Bie ^in 
franfer 2Bolf," bemerft bie grau, ©ie l^at fid^ oou 
il^m lo^gefagt, fie fül^lt fid^ entel^rt unb betrogen burd^ 
il^n. ©ie l^ört nur feine ©d^ritte ba oben, aber fie 
fielet i^n nid^t. Ql^r ganjer S^roft, it;re ganje Hoffnung 
rul^en auf il^rem einzigen ©ol^ne, ©rl^arb Sorfman. 
©ie ^at il^n ber ©d^mepier, bie i^n nad^ bem großen 
3ufammenbrud^e ju fid^ genommen unb erjogen, au^ 
glül^enber ©iferfuc^t mieber entriffen. ©rl^arb foH ben 
einft fo i^od^gepriefenen, nun fo tief gefd^änbeten Flamen 
SBorfman, beg ^aufe^ ®lanj unb ß^re roieberl^erftellen. 
S)iefe „^iffion", ju ber fie i^u erjie^t, ift nun i^r 
l^öd^fter, il^r einziger Seben^jmedE. 

Slber aud^ ©Ha SRentl^eim, bie ©eopferte, fann ol^ne 



- 820 — 

bcn ©ol^n bei^ cinfl ©cliebten nid^t leben, unb fie lommt 
jur ©d^roefler mit ber offenen abfid^t, il^r ben ©rl^arb 
abjuringen. ©ie m\l x^n jum ßrben il^reS aSermögen» 
machen, be^ einjigen, ba^ Qol^n ®abriel nid^t angetaftet 
l^at. älber @rl^arb foD nad^ intern 2;obe aud^ tl^ren 
Slamen annel^tnen, bap n)i(I ße bie @{nn){(l{gung be^ 
SSateri^ einl^olen. @o gel^t fte in bie ^öl^le be^ „franfen 
SBolfg^ 

Sorlman ift bereite ©ed^jiger. aber feine Äraft, 
fein Olaube an ftd^ felbfi finb ungebrod^en. ®r lebt 
ber fejien Qavtx[x^t, ba| „alle bie anberen", bie il^n 
üerad^tet nnb gefd^änbet l^aben, bereinfl nod^ ju il^m 
fommen werben. „SBenn bie ©tunbe ber ©enugtl^uung 
für mid^ f dalägt, wenn fie einfel^en, bafe fie niid^ nid^t 
entbel^ren fönnen, wenn fie ju mir fommen l^ier im 
©aal — unb ju Äreuje fried^cn nnb bitten unb betteln, 
bafe id^ bie ßägd ber Sauf roieber in bie ^anb nel^me 
— ber neuen Sanf, bie fie begrünbet l^aben unb nid^t 
bewältigen f önnen — : 1^ i e r mill id^ ftel^en unb jte em* 
pfangen! Unb rud^bar foH'^ werben im ganjen ßanb, 
ma« für S3ebingungen 3ol^n ©abriel S3orfman fteHt! ..." 
3n ben langen, einfamen ^a'f)xm feit bem Siuin l^at 
er bie SBerbred^en, bie i^n ber Suftij in bie Slrme ge* 
liefert, geprüft, immer mieber von neuem geprüft, aber 
er l^at fid^ „freigefprod^en": „3)aä ift thm ber 
gfud^/ berauf un^ einjelnen, ung auSermäl^Iten 
SWenfd^en laftet; bie 3Jidffe unb bie 3Wenge, alle bie 
S)urd^fd^nitt§menfd^en,bieüerftel^enungnid^t." 
$ätte man il^m nur ad^t 2^age 3^tt gelaffen — alle 
bie SBertpapiere lagen mieber an il^rem 5piafce wie ju* 
t)or, fein einziger ajfenfd^ oerlor einen ^Pfennig. Unb 
wa^ l^ätte er alle§ gefd^affenl „2llle bie SBergwerfe, 



— 321 - 

bie i^ mir unterworfen l^ätte! SReue ©ruben inS Un* 
enblid^e ! 3)ie SBafferf äHe ! S)ie ©teinbrüd^e ! ^anbefö* 
[trafen unb ©d^iffal^rt^rerbinbungen über bic gonje 
SBelt! 3lIIe^, aHeg l^ätte id^ allein juroege gebrad^t!" 

3l\xn fielet er ©Ha SRentl^eim roieber, unb nun crft 
befennt er il^r ben eigentlid^en ©runb, warum er fie 
bamate oerlaffen l^at. 211^ er il^r geftel)t, ba§ fie il^m 
mirHid^ ba^ Xeuerfie mar, bafe er fte nid^t au§ Un== 
beftänbigfeit preisgegeben, fonbern „l^öl^eren SWüdEfid^ten" 
geopfert l^abe, ba f(^aubert pe entfefet oor bem Unglaub- 
lid^en: „Unb ba t)erfd^ad^erteft bu mid^ trofebem? 
^anbelteft um baS SRed^t beiner Siebe mit einem anbeten 
9Bann? aSerfaufteft meine Siebe um eine — um eine 
»anfbireftorfteHe?! . . . 3JJörber! — SDu bift ^m 3Jlör= 
ber, bu l^aft bie grofee Xobfünbe begangen . . . 3)u 
l^ajl bag Sie bekleben in mir getötet. — SSerftel^ft 
bu, mag baS l^ei^t? S)ie Sibel rebet t)on einer geJ^eimni^s 
voUtn ©ünbe, für bie es feine 33ergebung giebt. 3d^ 
l^abe frül^er nie begriffen, roa^ bamit gemeint mar. 
Sfefet begreife id^ e§. S)ie grofee, unoerjeil^bare 
©ünbe — baö ift bie ©ünbe, bie man begel^t, 
menn man baS Siebesleben tötet in einem 
aKenfd^en . . . SDu lieMt baS 2Beib im ©tid^, baö 
bu liebteft! 3JJid^, mid^, mic^! SBaS bir baö 2;euerfte 
auf ©rben mar, baS marft bu miHig ju t)eräu§em, um 
©eminn baoon ju jiei^en. 3)aS ift ber jroeifad^e 
ajforb, ben bu t)erfd^ulbet l^afi! S)er SUlorb an beiner 
eigenen ©eele unb an meiner!" 

aber 3ol^n ©abriet bleibt falt unb rul^ig. ®r er* 
fennt in biefem 3luöbrud^e nur baä „leibenfd^aftlid^e, 
ungejäl^mte ®emüt" ber ©eliebten, ben ©goiSmuS beS 
SBeibeS: „3)u barfft aber nid^t »ergeffen, ba§ id^ ein 

0. ®rottl^uB, $ro5lente unb Gl^aralterföpfe. 21 



- 822 — 

SMann bin. Site SBetb warft bu mir baö S^euerfic 
auf 6rben. aber roenn'ö fein mu^, lann bod^ ein 
aßeib burd^ ein anbereö erfefet werben." Unb cS 
mufete fein! 6r wollte fie ja alle werfen, „beg Oolbeö 
f(|Iummembe ©eifter". Unb ba fd^lug er ein in ben 
^anbel: „^^ t^at eö, etta! Senn, fie{|ft bu, bie aWad^t^ 
beßierbe in mir, bie war unbejwinglid^. Unb ba 
fd^tug id^ ein. SWu^te einfd^lagen. Unb er l^alf mir 
l^albwegö flinauf auf bie lodenben fiöl^en, wo^in eö 
mid^ jog. Unb id^ ftieg immerfort. 3ial^r für 3a^r 
ftieg id^ . . J' ©tolj unb l^art erwibert er auf ben 
3Bunfd^ ©Ha^, feinem ©ol^ne il^ren SRamen ju vtxUi^m: 
„©el^r wol^l, ©IIa. 3d^ werbe ber 3Kann fein, meinen 
Flamen allein ju tragen." 

SDa ftürjt ©unfiilb, bie ©attin »orfman^, inö 3im= 
mer. 3"^ erftenmal nad^ fooiel Salären, ©ie l^at baö 
©efpräd^ belaufd^t. „?lie unb nimmermel^r foll ©r^arb 
fo l^ei^en!" 3l^r foH er gel^ören, il^r allein, unb feine 
„aWiffion" erfütten. 

©rl^arb wirb l^erbeigerufen. 6r foH wäl^len, wem 
er gel^ören will: ber SKutter, ber 2;ante ober bem aSater 
— bie (Situation an fid^ entbel^rt leiber nid^t einer ge* 
wiffen Äomif. Slber ©rl^arb mag fid^ feinem oon 
il^nen l^ingeben. @r l^at bereite anber^ über fid^ be* 
fd^loffen. @r wiH nid^t^ wiffen oon ber „3)Uffion", 
bie il^m bie 3JJutter einimpfen woHte. ®r witt fid^ aud^ 
ber 5Cante nid^t anfd^Ue^en, benn: „3lud^ ba ried^t'ö 
nad^ Saoenbel unb 5Rofen — ©lubenluft bort wie Ijier!" 
„2lber wa^ willft bu benn ftf;Ue^lid^?" fragt ber alte 
Sorfman. S)a ruft er auflobernb: „3d^ bin jung! ^ä) 
wiH aud^ einmal leben! 9Bein eigenes 2tbtn wiH 
id& leben!" SeSl^alb wiH er aud^ nid^t mit bem aSater 



— 323 - 

jufammen geJ^cit unb mit il^m arbeiten: „3^ xoiU 
aber jefet nid^t arbeiten, benn idf) bin jung! SRientalö 
juoor l^abe id6 geraupt, ba§ id^'^ bin. Qefet fül^Ie id^'^ 
aber, wie eg mid^ l^ei§ burd^ftrömt. ^^ will nid^t 
arbeiten! SIojs leben, leben, leben!" 

Seben unb genießen! SDie aber, mit ber er leben 
unb genießen mill, fo lange eg beiben Steilen gefaßt, 
ift aud^ fd^on gefunben. ®ö ifi eine fd^öne grau, jroar 
fieben 3[al^re älter als er, aber flug unb — erfal^ren. 
grau SBilton, bie von il^rem aWanne getrennt lebt, ift 
über bie „^ttufionen ber ßiebe" längft ^inau^. mit 
naioem, offenl^erjigem ©^niömu^ l^at fie für a 1 1 e gäHe 
oorgcforgt. ©ie nimmt ein jungeö l^übfd^e§ Wilähä)m 
auf bie 9ieife mit, — „benn", erftärt fie mit |alb 
ironifd^em, l^alb ernft^aftem ßäd^eln, „bie 9Jiänner finb 
fo unbeftänbig, unb — bie grauen aud^." 

Smit luftigem ©d^ettengeläute jagt ba§ — Kleeblatt 
in bie SBelt l^inau^. Unb ber üerbedEte Schlitten über=* 
fä^rt unterwegs ben alten golbal, ben SSater beö jungen 
SUläbd^en^, ba§ ba brinnen bei bem 5paare fifet. — 
2Ba^ fümmern fid^ Sfugenb unb Seben um bie ©el^n* 
fud^t beg 2ltter^, um ba§ ®unfel ber aSergangenljeit? 
Um irgenbroeld^e „SUliffionen" für ßeben, bie fd^on ge= 
lebt roorben finb? 5iur l^inau^ au^ ber „©tubenluft", 
aus bem „@erud^ von Saoenbel unb 9iofen" unb — 
Äerfermauern. 

SBie ein Werfer erfd^eint lurn aud^ bem alten ^iol^u 
©abriel ber ©aal, ben er ba oben, über ben ©emäd^ern 
feiner grau, beroo^nt. 6r miff l^inau^ in^ greie, ben 
alten 2Bolf gelüftet'jg nad^ 33eiit.e. 3lber e§ ift gieber= 
gclüft, roaS il)n burd^glül^t. 3)enn ber alte SBotf ift 
franf, fel^r franl. @S jiel^t il^n l)inau^ in bie eifige 



— 324 — 

9Binter(anbfd^aft, unb Qua Slent^dm folgt x^m. Toxi, 
bort unten am glug, ftnb bie Gabrilen im ®ang, feine 
e^abriten, aOe, bie er ^atte fd^affen n)oOen. Sber bie 
ftnb nur bie 9(ugenioer{e feineö 9ieid^eö. S)a6 Steid^ 
felbft^ bag nun „f^ufeloÄ, ^errenlod baliegt — prei«* 
gegeben ben ÜberfäOen unb ^(finberungen uon Släubem" 
— bad ftnb bie 83ergfetten bort in ber gerne: „SJort 
ift ntein tiefe«, enblofe«, unerfd^öpflid^e« Stei^!" 3roar 
6Ua Slent^eim ^au^t eö eifig an t>on beut Sleid^e l^er, 
ouf i^n aber wirft ber Qauä) mit „ficben^Iuft, wie ein 
©rufe oon untert^änigen ©eifiem": 

„3d^ empfinbe fie, bie gefeffelten aWiflionen; i(| fälble 
bie ©Tjabem, bie il^re gerounbenen, geäfteten, locfenben 
3lrnte nad^ mir aueftrcdfen. 3d^ fa^ jte vox mir mie 
belebte Sd^atten — jene 9lad^t, ba id^ brunten flanb 
im Sanfgeroölbe, bie Satcrne in ber ^anb. Ql^r wolltet 
befreit merben bamal^. Unb id^ t)erfud5te e«. Slber 
id^ t)ermod^te e« nid^t. 3)er ©d^a^ fanf roieber in bie 
2iiefe. — 3d^ will e« eud^ aber juflüftem — l^icr, in 
ber ©tiHe ber SRad^t. 3d^ liebe eud^, bie il^r fd^cin^ 
tot baliegt in ber SCiefe unb im S)unfel! 3d^ liebe 
eud^, il^r lebenl^eifd^enben SBerte — mit au eurem glänjen^ 
ben ©efotge von SWad^t unb ^errlid^feit. 3^ liebe, 
liebe, liebe eud^!" 

Unb led^jenb fd^leppt fid^ ber alte, franfe SGBolf 
weiter unb weiter l^inau^ ... 

„3o^n ©abriel Sorfman — niemals wirft bu 
ben 5prei^ gewinnen, ben bu für ben 3Korb t)erlangteft. 
9MemaU wirft bu ben ©iege^einjug l^alten in bein 
faltet, bunfleg SReid^!" 

eine falte ©i^^anb padEt i^n um^ ^erj. „9lein, 
eine ©rjl^anb war e^!" 3)amit gleitet er leblo« nieber. 



- 325 - 

grau S3orfman ift bcn betben gefolgt. ^i)xz ©d^roeftcr 
empfängt fte mit trübem ßäd^eln: 

„®in Xoter unb jmei ©d^atten — bai^in l^at bie 
Kälte geroirft!" 

,,^a, bie ^erjen^fälte," erroibert grau SBor^ 
mau. „Unb fo fönnen mo^I mir jmei einanber bie 
fiänbe reid^en, ©Da." 

f,^^ benfe, mir fönnen es jefet." 

„SBir 3w)illing^fd^meftern — über i f) n l^inüber, ben 
mir beibe geliebt l^aben." 

„SBir jmei ©(Ratten — über il^n, ben 2;oten." 

Unb jmei ©d^atten reid^en fid^ bie ^änbe über einem 
Stoten. 

3a, bie ^erjenSfälte! . . . 

©in 3)rama x>on l^o^er Äraft unb tiefem ftttlid^en 
®mfte, präd^tiger, büfier fd^immember I^rifd^er @lut, 
f olgerid^tiger , fd^arf unb tief erfd^auter ©^arafteriftif! 
3[o^n ©abriet 33or!man ift ber ^eroent^pu^ beg 
©ubjeftiüi^muö, — au^ bemfelben igolje ge[d^ni|t, au^ 
bem bie alten unb neueren ©äfaren gefd^affen maren, 
unb nad^ feinem SRuin f ül^lt er fid^ aud^ „mie ^in3laTp o* 
leon, ber in ber erfien gelbf^lad^t jum Ärüppel 
gefd^offen mirb". gür biefe 3lrt SUlenfd^en giebt e§ 
nur ©ine 3WoraI: ben ©rfolg. 9lapoIeon, ber am 3ln* 
fange feiner Saufbal^n ftedfen geblieben märe, ^ätte al^ 
aSerbred^er gegolten. 3lapoleon, ber bie l^albe SBelt be* 
fiegte, mar ein ißeroö, unb Äaifer unb Könige um=» 
fd^meid^elten il^n. SBäre Qol^u ©abriel nid^t t)erraten 
morben, liätte er mit ben SlftiengefeUfd^aften ©rfolg ge= 
l^abt, — biefelben Seute, bie i^n jefet t)erad^ten unb 
meiben, mürben um feine ®unft bul^len, mürben fein 
£ob mit taufenb 3^"Ö^^ t)erfünben. Unb bie 2il^at ber 



— 326 — 

Unterfd^lagung wärt bod^ in htm einen gaße ebenfo 
gefd^el^en wie in bcm anbem. S)od^ rooju bebarf eg 
nod^ weiterer SBorte? könnten wir nid^t alle auf fold^e 
Sol^n GJabriel 33orfmang mit gingem jeigen? SRur finb 
nid^t alle von feinem Äaliber, nur finb bie meiften S3or^ 
mang unferer politifd^en unb fommerjiellen ©d^lad^t* 
felber Heine, armfelige, fd^mufeige Sd^äd^er, ol^ne ben 
©d^mung, ol^ne ba§ eifeme, nam ©elbftgefül^l, ol^ne 
bie l^eroifd^e S^ragif be§ Qbfen'fd^en gelben- 

Db 3bfen wol^l von griebrid^ 3liefefd^e angeregt 
roorben ift? SlHerbingS l^at er fd^on lange vor SRiefcfd^e 
in feinem „33ranb" einen Xppug ber rädffid^t^lofen 
SBillenöfraft gefd^affen. 2lber Sorfman ift gerabeju ber 
t)ollenbete Siiefcfd^e'fd^e ^errenmenf d^ , ber rüdffid^tg* 
lofe unb bod^ nid^t aU gemein empfunbenc autonome 
3fnbit)ibuanft. 3d^ !enne feine SDid^tung, in mcld^er 
biefer Xx)pn^ fo fonfequent burd^gefül^rt märe. S)er 
„SBille jur aWad^t" ift bei SRieftfd^e in jebem ©inne 
ber üornel^mfte S^rieb be^ SUlenfd^en, unb bie „3Jlad^t* 
begierbe" ift \a aud^ bei 33orfman unbejmingtid^. ®r 
trägt bie @ef efee ber aWoral in fid^ f elbft. 6r f agt nid^t : 
„S)ag ift gut, unb ba^ ift böfe," fonbern: „S)a§ ift 
mein ©ute^, unb baS ift mein Söfe^". S)aburd^, 
bafe er fid^ f elbft lebt, fein eigene^ Seben lebt, erfüllt 
er ben eigentlid^en, ^öd^ften ^rotd feinet SJafein^, l^anbelt 
er in unferem, ber geroö^nlid^en SlHtag^menfd^en ©inne 
M9Ut". 

©d^abe nur, bafe fi$ bag öerrenmenfd[;entum nid^t 
patentieren läfet, ba§ nid^t jeber ^errenmenfd^ bei feiner 
©eburt einen ^ßafe mit auf bie 2Belt bringt, ber U)n alg 
fold^en au^meift, mäl^renb ben anbem bie 2lu§übung be§ 
^errenmenfd^entum^ gefefelid^ verboten ift. 2)enn bie an^ 



— 327 - 

bern, bic „Äletnen", tüoHen „aud^ UUn, tl^r eigene^ 
Scbcn leben", unb bte Sölad^tbegierbe enbet fd^He^Iid^ mit 
ber SUlad^t probe, bei wetd^er ber ^errenmenfd^ l^äufig 
ju ber ©rfenntniS gelangen niu§, ba^ bie jel^n Oebote 
auf bie 3)auer bod^ ftärfer finb atö fein „SBille jur 
SUlad^t". 3lud^ Sorfman mu§ ba^ erfai^ren, S)ie ©attin 
l^ajst unb t)erad^tet ben ©eäd^tetcn ; bie ©eliebte l^at er 
nufeto^ geopfert, unb ber ©ol^n — roa^ ftlmmert ben 
bag jerbrod^ene Seben be§ SSaterS! SKag ber 3Kte fid^ 
bamit jured^tfinben wie er will unb fann; er, ber ©ol^n, 
ift iung unb er will leben, f ein e i g e n e ^ Seben leben, 
„bIoJ3 leben, leben, leben!" Ql^n lodft bie reife, üppige 
(Sd^önl^eit, wie ben aSater „be§ ©olbe^ fd^lummernbe 
©eifter" lodften. SDer aSater l^at bie ©eliebte an^ „3Kad^t= 
begierbe" geopfert, ber ©ol^n t)erlä§t ben aSater auS 
glüfienber ©innenluft. 9Ber ben SSater freifprid^t, fann 
ben ©ol^n nid^t oerbammen. 

9^un aber bie beiben ©d^roeftem. S^ill^^^Ö^* 
fd^roeftern — unb tbtn barum l^aben fte einanber il^r 
Sebelang ge^ajst. SEBcil fie beibe gleid^geartet waren, 
beibe bief elben SBünf d^e l^atten, bie bod^ nur e i n e r fid^ 
erfüllen fonnten, be^^alb ftanben fie einanber im SBege, 
bi§ ba§, mag beibe erfel^nten, beiben gefiorben mar. 3)a 
erft fönnen fie fid^ bie igänbe reid^en — über bie @r« 
innerung an einen SSerlorenen unb über einen S^oten 
l^inüber. Unb beibe finb ©Ratten geworben il^rer frül^eren 
Seben^füHe. 3a freilid^ fiätte e^ anberö fein fönnen, 
— märe nid^t bie „^ er j entfalte" geroefen. 2lber 
bie ^erjen^fälte mad^t l^art, unb bem l^artgefrorenen 
33oben entfprie^en be^ Opfert lieblid^e 33Iumen nid^t. 
Sorfman l^ätte bie ©eliebte nid^t »erfauft; bie ©d^meftern 
l^ätten fid^ nid^t in bitterem öaf[e befämpft; bie Satten 



- 328 — 

roftrcu im ©lenb nid^t falt unb fremb anciiianber oor* 
übergeflangen ; ber ©ol^n l^ätte nid^t SBater unb 3Dlutter 
»erraten, n)äre nid^t bie ^erjen^fdlte geroefen. 

SGBol^l alle l^croorragenben Sbfen'fd^en ^enfd^en ftnb 
©ubjeftbiften, falt in bem ©goi^muÄ i^re^ grübelnben 
SBerftanbe«, l^eife unb jügeKo^ in il^ren fieibenfd^aften, — 
©l^ampagner in 6i§. 2lber in feinem ©tüde l^at ber 
ajid^tcr fo folgerid^tig, fo jermalmenb unb erl^ebenb ju* 
gleid^, feinet poetifc^en 3lmte^ gewaltet mie in „^of)n 
©abriel SBorfman". ©n 35rama, bag bie Unjuläng^^ 
lid^f eit be^ rabifafen SubioibnaH^mu^ jur 2lnfd^auung 
bringt, unb — fein SBerfaffer l^ei^t Qbfen! 68 ift 
t)ietteid^t feine reiffte, flarfle unb einl^eitlid^fte ©d^öpfung. 
fiier grübelt ber 95id^ter nid^t mel^r felbjl mit feinen 
^Perfonen, er tritt innerlid^ feft, flar unb fertig auf ben 
5ßlan. ^ier l^alten unö bie ^erfonen nid^t nur 33 or* 
träge über irgenb n)eld^e fubjeftit) erfannten „©efefee", 
in beren 33anne fie angeblid^ ftefien, fonbem jxe l^anbeln 
nad^ ben ©efefeen, weld^e in il^ren ßl^araf teren , il^ren 
ganjen fittlid^en ^erfönlid^feiten gegeben finb. 3)a8 
Sbfen'fd^e, t^eoretif^e „©efefe" — ^ier l^eifet eg „aWad^t* 
begierbe" — ift bramatifd^e^ S'^M^ ^"^ 33lut 
geworben* S)ie ©eftatt be^ 3ol^n ©abriel in il^rem 
naivtn üerblenbeten ©elbftberoufetf ein , il^rer eifemen 
£onfequenj, in ber leibenfd^aftlid^en tragifd^en ©röfee 
i^re^ SBal^ne^ ift eine flaffifd^e ©d^öpfung ber 8BeIt= 
litteratur. ©inige Äritifer von 9iiefefd^e'8 ©naben l^aben 
il^n jroar grünblid^ „üerriffen". 3enun, bie f leinen 
Sorfmänner finb über ben großen l^ergefaHen. — 

Äeine^ mobernen SDid^ter^ ßl^araftere l^aben einen fo 
intimen, ge^eimni^ooHen 9leij wie biejenigen Sbfen^* 
68 ift un8, atö gingen un^ biefe aWenfd^en ganj per^ 



— 329 — 

fönlid^ an. SSieUcid^t gicbt fid^ aber aud^ fein moberner 
S)ramatifer fo gro^e 3Jlixf)t, feine ^ßerfonen x>on ©runb 
au^ fennen ju lernen. ®r felbft erjä^lte barüber: „^d^ 
mad^e meift brei Raffungen meiner 3)ramen, roeld^e er* 
l^eblidf; t)oneinanber abroeid^en — in ber ©l^arafte* 
riftif, nid^t im ©ang ber ^anblung. SBenn id^ an 
bie erfte 3lu^arbeitung eines (Stoffe^ ge^e, ijl e§ mir, afe 
fennte id^ meine ^ßerfonen an^ einer ®if enbal^nf a^rt : 
bie erfte Sefanntfd^aft ift gemai^t, man l^at über bieS 
unb ba§ miteinanber geplaubert. Sei ber jroeiten SRieber* 
fd^rift fel^e id^ alleS fd^on vid beutlid^er; unb id^ fenne 
bie ßeute, wie man fid^ etwa auS einem Dierroöd^ent* 
lid^en Sabeaufentl^alt fennt: bie ©runbäiige il^reS ©l^araf* 
terS unb il^re Keinen ©igenl^eiten l^abe id^ erfaßt, aber 
ein Si^tum in roefentlid^en 3)ingen ift bod^ nid^t au^^ 
gefd^loffen. ©nblid^ in ber legten gaffung fte{|e id^ an 
ber ©renje meiner ©rfenntniS: id^ fenne meine aJlen« 
fd^en an^ naivem unb bauernbem aSerfel^r, fie finb mir 
t)ertraute greunbe, bie mir feine ©nttäufd^ung mel^r 
bereiten werben; fo mie id^ fie jefet fel^e, merbe id^ fie 
immer fe^en." 

33iefe§ intime aSer^ä(tni§ jmifd^en bem S)id^ter unb 
feinen ^ßerfonen, bie fd^arfe 5iäl^e, auS ber mir il^nen 
in bie gel^eimften Spalten il^reS 2Befenö fd^auen, ^It un§ 
aud^ bort nod^ in il^rem Sänne, mo mir jenen 9Ben* 
fd^en am liebften ben Slüdfen feieren möd^ten. 5Rur biefer 
eigenartige ßauber nötigt nn^, ©^arafteren mie bie g^rau 
t)om 3Weere unb ^ebba ©abier übcrl^aupt nod^ rein 
menfd^Ud^e Xeilnal^me ju fd^enfen. Säuert nid^t gerabeju 
ttwa^ SDämonifd^eS, SK^t^oIogifd^eS au^ fold^en ©eftal* 
ten? ©eroinnt man nid^t faft ben ®inbrudf, afö muffe 
bie grau t)om 3Keere, biefe ©eejungfer in mobifd^en 



— 880 — 

©eioanbem, roieber in il^r fcud^tciS ©(emcnt jurüdfel^rcn, 
bem fie entfliegen fd^eint? Unb l^ot bie ^ebba ©abier 
mit il^rem ftarfsgeiftigen „Sn^Sd^önJ^eit-fterben" nid^t 
einen ©tid^ in« SBalf üren^af te ? ©« ifl, alö mifd^ten 
fid^ mand^mal glemente au« feinen romantifd^en Sin* 
fangen in bie l^ppermobernen 3:^t)pen be« realiftifd^en 
®efeafd^aft«bid^terä. 

(Sbfen tjerlegt bie SReootution aM bem potitifd^en 
Drgani«mu« in bie Urjellen ber menfd^titf^en ©efefffd^aft, 
in bag Snbiüibuum unb bie gamilie. ©eine ißelben 
l^anbeln fo, afe ob jeber von il^nen mit einem befon* 
beren, jum ^rioatgcbraud^e beftimmten ©ittenfobej auf 
bie SBelt gefommen märe, al« ob e« au§er il^nen feine 
® ef eUfd^af t , feine aWenfd^^eit, fein allgemeine« ©efeft 
gäbe, bem ftd^ alle beugen muffen. „3d^ mu§ mid^ 
überjeugen, wer red;t l^at, bie ®ef cllfd^aft oberid^/' 
fagt g^rau 3lora im legten Slufjuge, unb oorljcr in 33e* 
jug auf bie Sieligion : „3d^ miH fe{)en, ob e« rid^tig ijl, 
ma« ^aftor ^atoU fagte, ober oielmel^r: ob e« für 
mid^ rid^tig ift."j3nan fibertrage biefe ©runbfäfee in« 
allgemeine, unb ba« ßnbe ift — atterbing« bie g^rei^ 
l^eit, bie greifieit — ber 3lnard^ie* 3Kan fann fid^ 
nid^t avi^. ber f ocialen ® emeinf d^aft l o « I ö f e n , um ba« 
rid^tige SSerl^ältni« ju il^r ju geroinnen. 9)ian fann 
nid^t auf bie eigenen ©d^ultern fleltern, um oon biefem 
©tanbpunfte au« bie 2BeIt ju betrad^ten. Unb ba« 
rooHen bie S^bioibuen Sbfen« in ber 3:^l^at. 3luf bem 
fd^roanfen, fd^ütternben ©runbe eine« mit fid^ felbft rin« 
genben, ober fid^ felbft, feine eigenen £eben«bebingungen 
l^inau«ftrebenben ©ubiefttt)i«mu« fül^rt er feine focialen 
©ebäube auf — fie ftürjen unter feinen fd^affenben ^än» 
ben, aber ber Unermüblid^e beginnt bie Slrbeit immer 



— 331 — 

wicber t)on neuem. 9Btrb er, tüill er fte überl^aupt 
je ooHenben? S)a^ ^Problem, vox baS un^ faft aDle 
feine mobernen SDramen fteHen, ift fo unlösbar wie bie 
Duabratur be^ ^reife^: bie fr.eiefte ©ntwidlung unb 
l^öd^fie Entfaltung be§ Snbioibuum^ innerl^alb ber ©e* 
fellfd^aft, ol^ne bajs ba§ 3^bit)ibuum aud& nur ben ge^ 
ringft^n feiner üermeintlid^en 3lnfprüd^e ber ©efellfd^aft 
opferte. S)ie SUlenfci^l^eit aber friftet il^r S)afein nur 
burd^ Äompromiffe von gaH ju gatt, Äompromiffe mit 
ber eigenen ©d^roäd^e, ßilf ^bebürftigf eit , 3lrmfeligf eit. 
Unb fie l^eijsen: 3JJttIeib, 5Rad^fid^t, ©ebulb, ©ntfagung. 
SBoffte jeber fein t)ermeintad^eg üoHeg SRed^t auf ©lud 
unb greil^eit rüdfid^t^loS geltenb mad^en, fo würbe ba^ 
nid^t bie Sefriebigung beö einjelnen, fonbern ben Unter« 
gang aller bebeuten. ©d^ön unb tief fagt ©l^arleg Ringe- 
let): „3Ba§ n)ir oerlangen, fotten mir nid^t atö blofee 
aWenfd^en verlangen, bie Sd^urfen, SlBitbe, Unl^olbe, 
©flatjen xf)xtx 33orurteiIe unb Seibenfd^aften fein fönnen, 
fonbern atö ©lieber ©l^rifti, Rinber ©otteg, ©rben be^ 
^immelreid^e, bie bal^er üerpflid^tet finb, e^ auf ®rben 
ju realifieren. 2lIIe übrigen SRed^te finb bIo§ 3Jfad^t, 
nur felbftfüd^tigeg ©treben, um aud^ Tla^t 
au^juüben." 

3li^t nur l^bfen^ ßl^araftere finb ^Probleme, — er 
felbft ift ein ^Problem. SDenn eine fold^e eigenartige 
3JJifd^ung t)on fd^ärffter realiftifd^er Seobad^tung unb 
pl^antaftifd^er ©pmbolif, oon ffeptifd[;em ^peffimiönm^ 
unb einem gerabeju namn Sffiunberglauben an etl^ifd^e 
©efefee unb p^ilofopl^ifd^e 2^l^eorien; eine fold^e 3w« 
f ammenfefeung von ©emüt^tiefe, falter 3f onie unb ©elbft* 
ironirierung, wie fie in ber „aßilbente", im „Saumeifter 
©olnefe" u. f. m. ju 5tage tritt, fielet in ber SBelt« 



- 832 - 

littcratur cinjig ba. SBeld^c l^errlid^e, uncrfd^rodcnc 
SBal^rl^eitiSKebe, weld^ cl^rlid^cr, l^erjcrquidfenber Äampf 
gegen bie fotiüentionelle Äulturlüge in jeber ©eftalt — 
unb toieberum : SEBeld^ tief germanif d^e ßläubige SRaioität, 
bie tl^re Söfung ber fd^roerften ^Probleme in ben blauen 
3)unft überl^ifeter grauenpl^antafie ^ineinbaut! 

Sbfcn l^at oon ber 3latux alle ©aben erl^alten, ein 
geroeil^ter ?ßriefter ber l^eiligen Äunft, ein SBerfiinbiger 
ber l^öclften SBal^rl^eiten in ber Sprache ber S)id^tung 
ju fein: einen fidleren ©riff in§ 9Kenf d^enleben , eine 
f aft l^eDf el^erif d^e SBcobad^tung^gabe, plaftif d^e ©eftaltungg* 
fraft, oirtuofe Xed^nif unb eine ©prad^e, beren SWatür* 
lid^f eit unb ©infad^l^eit t)on befted^enbem 3öuber ift. aber 
in zä)t norbtänbifd^em ©igenfinn will er bie Söfung bei^ 
Seben^rätfete in ber 3letorte beg Slld^pmiften jufammen* 
brauen, ftatt fie vom golbenen Saume be^ ßeben^ ju 
pflüdfen. SDcm ^pöbel l^at er nie gefd^meid^elt. ®r ifl 
troftig unb grimmig feine eigenen SBege gegangen^ tfl 
mand^em ^fi^rlid^te Dietteid^t burd^ mand^e^ fd^roanfenbe 
aWoor gefolgt, aber e^ fd^eint, ba§ er enbtid^ auf fefierem 
©runbe angelangt ift. 3Jiöd^te eg il^m emft geroefen 
fein mit jenem 3luf blidE „n a d^ o b e n , — ju ben ©ipfeln 
l^inauf, ju ben ©ternen unb ju ber großen ©tiHe". 
3)enn nur x>on biefem erbenfernen unb bod^ ewig über 
un§ fd^mebenben SReid^e, bem mir nie entrinnen fönnen 
unb l^ätten mir ^lügel ber aWorgenröte, — !ommt ba§ 
rul^ige unb bod^ fo marme ßid^t, in bem bie „öei^en§= 
falte" fd^miljt unb bag felbftfüd^tige ©ieren nad^ SWad^t 
in pl^antaftifd^cn SRebel fid^ auflöft. 





[tr finb gcrool^nt, bie „©d^önl^ctt" als ba§ ctnjtgc 
unb l^öd^fte Si^f ^Hcr Äunft ju bctrad^tcn. S)ie 
Siebe tft ber Siebe 5ßreig, ber 5ßreig ber Äunft bie Äunft 
felbft, bie ntöglid^ft tJoHfotnntene aSerfövperung beS ©d^ön« 
l^eitdibealS. S)iefe Slnfd^auung, bie unfere ^fll^etif t)Ott 
ben ©ried^en übernommen l^at unb als ben Inbegriff 
unb SluSgangSpunft il^rer ®rf enntniS bel^auptet, ift jroeif et 
loS rid^tig. S)ennod^ leiten fid^ t)on il^r ^Ki^oerftänb:' 
niffe ah, bie. Je länger fie in bie ©rfd^eiimng treten, 
um fo t)erl^ängniSootter für alle £unft werben muffen. 
2)ie mobeme Sftl^etif bemal^rt mit bem ibeetten Äern 
jener @rfenntniS au(l^ beren äußere, veraltete ®rfd^ei= 
nungsform. ©ie vergißt, bafe baS ©d^önl^eitsibeal nur 
bebingungSmeife t)on ben ©ried^en erreid^t roorben ift, 
nur infomeit, als bie ©ried^en baSjenige Äunftibeal, 
meld^eS il^nen üorfd^roebte, in il^ren beften aSBerfen t)er* 
fötpert l^aben. ©oHte nun mit ben anbem Sbealen 
ber aJlenf d^l^eit : bem ©laubenSibeal , bem ©tanbeS* 
ibeal u. f. m., nid^t aud^ baS ©d^önl^eitsibeal eine SSer« 
änberung erlitten l^aben ? ©ottte in ben S^i^rtauf enben, 
bie nad^ ber ölütejeit ber ^ettenen über bie 3Rutter 
©rbe Dal^ingegangen finb, nid^t aud^ ber 53egriff beS 



— 334 — 

©d^öucn eine Grmcltcrung unb SBertiefung erfal^ren l^aben? 
3iur flarre 2)oftrinäre, nur einfeitige 2lntifenfd^n)ärmer 
werben biefe grage oerneinen. SBie bie SUlenfd^l^eit burc$ 
ba^ ß^riftentum eine neue ©eele erl^alten, fo l^at fie 
biefe aud^ ber menfd^lid^en Äuuft eingel^aud^t. ^elena 
felbft, bie rounberfd^öne Oöttin, mu§ in 3le6el jerfliefeen, 
nur i^r ©d^Ieier bleibt un^ jurüd (^Jauft II.). S)er 
d^riftlid^en 3Kenfd^l^eit genügt aber ber ©d^Ieier, bie 
äußere ^ormenfd^ön^eit nid^t mel;r ; fie finbet feine Se* 
friebigung mel^r in bem bloßen ©d^auen ber fid^tbaren 
3iatur, in ber SBorftettung i^rer felbft aU eineä Äinbe§ 
ber 9ktur. Sie verlangt, ba§ bie Äunft von einem 
©tral^l au^ jenem Sieid^c rerKärt werbe, bag „nid^t 
oon biefcr aSBelt" ift! 3l\ix bag Äunftgebilbe, beffen 
äufeere Sd^ön^cit t)on biefem ©tral^te burd^leud^tet mirb, 
ift mirHid^ ^armonifd^ tjodenbet, ift nad^ unferen 8e== 
griffen ein Äunftmerf. 2)enn berjenige 3Renfd^, ber fid^ 
felbft nid^t lebiglid^ al^ ein 5ßrobuft ber 3Raterie, bie 
SBelt nid^t afö ein blofee^ ©piel finnIo§='rol^er Gräfte 
ober menfd^lid^ irrenber unb fei^Ienbcr ®ötter betrad^tet, 
fann unmöglid^ ein fünftUrifd^e^ ©piegelbitb feiner felbft 
unb ber SBctt afö üoDttommen anerfennen, meld^eg bie 
l^öd^ften unb roid^tigften 3KerfmaIe feiner SEBeltanfd^au* 
ung nid^t entl^ält. 

@^ ift unmöglid^, ol^ne biefe 33etrad^tung bem SDid^ter 
unb 3)cn!er Seo S^olftoi im oollen ^Jiafee geredet ju n)cr= 
ben unb dmn fidleren ©tanbpunft ju feiner Seurteitung 
ju geminnen. 5laum ein jroeiter litterarifd^er SSertreter 
unferer ^dt l^at in fo l^ei^em Äampfe um bie ^ßalme 
jener l^ö^eren Harmonie oon 5Ratur unb ^bee gerungen. 
Äaum ein jioeiter oereinigt in gleid^em 3Ka§e jene ©igen* 
fd^aften, bie man mit „9teaIiMu§" einer- unb. mit 



— 335 — 

„:3^eaH§ntu§" anbererfeit^ ju bcjeid^nen pflegt. SlHeö, 
roag SCoIftoi barftefft unb fd;ilbert, ift SRatur, wal^rc, 
unocrfälfd^te 5Ratur; affe§ ift aber aud^ gleid^jeitig t)on 
Sbeen burd^brungen unb befeelt, bie ba^ ©rgebni^ eine§ 
an inneren ^Prüfungen unb Äämpfen fo überreid^en 
Sebeng finb, wie ba^jenige weniger anberer. ©eboren 
unb erjogen unter glänjenben äußeren SSerl^ältniffen, l^at 
J^olftoi bie gieren unb greuben biefe^ &titn^ in reid^eni 
3Ka§e genoffen. 3ltö er aber auf bemjenigen ^punfte 
angelangt war, roeld^en wir afe ben ©ipfel menfd^Iid^en 
©lüdEeg JU betrad^ten pflegen, ba erfd^ien er fid^ felbft 
tjemid^tet unb bem Untergange geroeil^t. Umgeben üon 
aHem, voa^ ber 3Renfd^ afö ba§ l^öd^fte ©lud erfel^nt, 
n)ar er nal^e baran, fid^ felbft ba^ 2tbm ju nel^men. 
3la^ einer 3^it troftlofer SSerjroeiftung gelangte er ju 
ber ©rfenntni^, ba§ fein ganje^ bi^l^erige^ 2zbm eine 
Äette von Irrtümern roar! . . . 

®^ ift t)ieffeid^t nid^t fo fel^r ber 2)id^ter, ber Äünftler 
5Colftoi, ber ba§ :3"t^^^ff^ ^^d^ ber großen 3Renge er* 
regt l^at, wie ber 3Jlenfd^, ber ©onberting, ber SSer- 
fünber ganj eigenartiger p^ilofopl^ifd^er unb moralifd^er 
Seigren. Unterfud^t man, voa^ in ©eutfd^lanb am be* 
fannteften ift, fo l^ört man mol^l bie „ganj t)errüdEte 
Äreufeer-Sonate" errodfinen unb auf bie „merfraürbige" 
perfönlid^e Seben^füfirung be§ ruffifd^en Orafen anfpieten. 
3)a§ ber berül^mtefte lebenbe 3)i(^ter SRu^lanb^, ber i)oä)^ 
gebitbete, reid^e ®raf ba^ Seben eine^ einfad^en Sauern, 
eineö „9Wufd^if^", fül^rt; ba§ er fid^ eigeni^änbig bie 
©tiefel verfertigt, gen)öl)nli(^fte gelbarbeiten perföntid^ 
tjerrid^tet unb bie mobernen Äutturbebürfniffe nad^ 3)fög= 
lid^feit von fid^ abmeift, — ba^ l^at üieHeid^t mel^r baju 
beigetragen, bie öffentlid^e Slufmerffamfeit beö 2lu^Ianbe^ 



— 886 — 

auf itju ju lenfcn, afe feine bid^terifd^en Qawptxocde, 
bie bem 9lamen Seo Xolftoi für immer einen 5piafc 
unter ben ^eroen ber SBeltlitteratur perfd^afft l^abcn. 

S>iel f)at er ja felbft baju beigetragen, ba| man i^n 
als eine 2lrt „^rop^eten" rool^l nod^ J^äupger befprid^t 
unb beurteilt, benn afö S)id^ter. ©d^on feit einer langen 
Jrteil^e von Salären l^at er ba^ eigentlid^e fünftlerifd^c 
Sd^affen aufgegeben. S)enn bie ftunft tft ja nad^ feiner 
Slnfid^t ein unnü^eiS, ja gum großen ^eil fd^öblid^ei^ 
„Äuöurprobuft", bag bie ©inne ber aWenfd^en aufregt, 
betäubt unb benebelt unb für ba^ einjig n)al^re @lüd 
unempfängUd^ mad^t. SBenn er fid^ gleic^rool^l nod^ ber 
fünftlerifd^en gorm bebient, fo gefd^ie^t bag nur jur 
leid^teren aSerbreitung feiner moralifd^en unb religiöfen 
2;^eorien. ^ierl^er gel^ören mUn bem padfenben, aber 
maißlo^ brutalen 2)rama „2)ie aWad^t ber ginfterniS", 
vox allem feine „SSoIf^gefd^id^ten", Heine ©rjäl^* 
Iimgen legenbenl^aften Snl^altS, bie er für ein paar 
Äopefen ober gar unentgeltlid^ im SBoIf verbreiten (äfet. 
aber aud^ in biefen, ju rein lel^rl^aften S^tdtn tjer* 
faxten ©d^riften fann er ben großen Äünftler nid^t oer^» 
leugnen. 2Bie ber beutfd^c WaUx grifi von U^be ben 
^eilanb ber göttner unb ©ünber im Silbe in ba^ mo- 
beme SBolf^leben einfül^rt, fo tä§t 2;olftoi bid^terifd^ 
ßl^riftug in ben Bütten ber 3lrmen unb 9Weberen er* 
fd^eineu. Unb ba^ gefd^iel^t mit allen 9Kitteln eine^ 
ftrengen SReali^mus, ber fid^ mit ben ibealen 3Romenten 
be^ ftbernatürlid^en ju munberbar ergreifenber SBirfung 
t)ereint. 

®raf £eo Slifolajeroitfd^ 2;olftoi mürbe am 28. äuguft 
(9. September) 1828 auf feinem @rbgute Safenaja ^oU 
Jana (Sid^te^ gelb) im S^ula'fd^en ©ouoemement ge«* 




e-raf Zco Solftoi. 



— 33? - 

boren. 3m jtocttcn Seben^jal^re t)crior er feine SDlutter, 
im neunten ben SBater. Unter ber Dbl^ut einer 5Cante 
oerbrad^te er einen %txi feiner Änabenjeit in Rafan, 
wo er mit fünfjel^n Salären bie Unioerfität bejog. 5plö|- 
lid^ erfaßte il^n ber ©rang, bie SBauem feines ©rbguteS 
ju beglüdfen. 2)aS * negatioe ©rgebni« biefeS ©trebeng 
f)at er felbft in ber ©fijje „3)er aWorgen beS ©utS- 
l&errn" brafiifd^ oeranfd^aulid^t. 3m Saläre 1851 bt^ 
fud^tc er feinen ©ruber im ÄaufafuS. S3alb fül^Ite er 
ftd^ von ben 9laturfd^önl^eiten biefeS SanbeS unb bem 
romantifc^en aWUitärreben berart gefeffeft, baJ5 er gleid^=^ 
falls jU bleiben befd^lofe unb als „Sunfer" ^eereSbienfte 
nal^m. SRittlermeile war ber Krieg auSgebrod^cn. 2;oIfitoi 
würbe bem ©tabe beS Dberbefel^töl^aberS ber 3)onau* 
armee, gürften ©ortf d^af off , jugewiefen, beteiligte ftd^ 
in ber golge an ben Kämpfen um ©ebaftopol unb er* 
l^ielt im ^af)xt 1857 baS Stommanbo einer S3ergbit)ifion. 
®r jeid^nete fid^ in bem mörberifd^en ©efed^te bei 2^fd^er- 
naja SRjetfd^fa l^eroorragenb aus, war bann nod^ bei 
ber ©rftürmung ©ebaftopols jugegen unb begab fid^ 
nad^ 33eenbigung beS Krieges nad^ ©t. ^Petersburg. 3)ie 
litterarifd^e ausbeute feines Slufentl^altS im KaufafuS 
unb feiner friegerifd^en J^l^ätigfeit mad^te il^n jum be* 
rül^mten Siebter, ©eine „©efd^id^ten auS Btba^ 
ftopol" l^atten baS ©lüdf, nid;t nur bie aiufmerffam* 
feit ber ©efellfd^aft ju erregen, fonbern aud^ an aller» 
l^öd^fter ©teile beifällig aufgenommen ju werben. Äaifer 
SRifoIauS betl^ätigte fein ^ntereffe für ben SJid^ter burd^ 
ben Sefcl^I: „aWan möge auf baS £eben beS jungen 
aJlanneS ad^t geben." 

SBon ben litterarifd^en Kreifen ber fiauptftabt würbe 
ber 26jäl^rige 2)id^ter unb ißelb mit offenen 2lrmen 

0. @rott^uf, Probleme unb S^arafterfdpfe. 22 



— 338 — 

empfangen, XuxQmtxo, ©ontfd^arof, 2)rufd^inin, @rt* 
Qoxomt]^, DftroTO^fp jaulten 6alb ju feinen näheren 
greunben. Snfonberl^eit fd^eint i^n %vixqtmm Heb* 
gewonnen ju l^aben. 

©0 reijDoff fid^ aud^ baiJ fieben unferei^ 2)td^ter^ in 
©t. ^eteröburg geftaltete, fo wenig' fonnte ei^ i^n bod^ 
auf bie 2)auer befriebigen. @^ bemäd^tigte pd^ feiner 
eine innere Unruhe, bie il^n im Saufe ber folgenben 
^ofyct balb bie länblid^e Stille feinei^ ©rbguteg, balb 
ben Strubel ber SKo^fauer unb ©t. ^Petersburger ®e= 
fettfc^aft auffud^en liejj, balb nad^ S)eutfd^Ianb, granf= 
reid^, ber ©d^weij unb Stauen entführte. 3m Saläre 
1862 l^eiratete er bie 2^od^ter eines aWoSfauer beutfd^en 
airjteS, ©opl^ie SörS, unb bamit fd^eint Stulpe unb grie* 
ben in fein Seben einjufel^ren. Slber aud^ biefe SRul^e 
war junäd^ji nur eine äußere. SBol^l fef[e(te il^n fein 
^amüienglüd fafi ununterbrod^en an baS Sanb, baS er 
nur im SBinter verliefe, um in 3)ioSfau feine unb feiner 
SBauem 3lngelegenl^eiten ju orbnen. Slber roäl^renb feine 
greunbe an eine 3bt)tte in Safenaja ^ßoljana glaubten, 
rang bort ein SWenfd^enl^erj in bitteren Dualen um bie 
SEBal^rl^eit. 2Ber l^eute nad^ Safenaja ^oljana fommt, 
fann bort ben balb Tljäfitigen ©reis, ben meltberül^mten 
S)id^ter Seo J^olftoi, im 33auemfittel erblidfen, mie er 
auf bem ^elbe pflügt ober mäl^t, ober inmitten feiner 
33auern fielet unb mit il^nen il^r leiblid^eS unb geiftigeS 
SBol^l berät. 2)ie aWenfd^en läd^eln über ben ©onber- 
ling, er aber fül^lt fid^ glüdEtid^ unb friebet)ott. 

^olftoiS Stellung in ber SBeltlitteratur ift eine gänj* 
lid^ eigenartige. @ö iji fd^on ein fidlerer SBemeiS feiner 
Überragenben Sebeutung, ba§ er fid^ in feiner SBeife 
„flaffipjieren" unb „rubrijieren" läfet. SBälJirenb im 



- 339 — 

aHgcnteinen ber norbifd^e unb franjöfifd^e StealUmu^, 
bcm bcr bcutfd^e tiiel^t ober weniger ©efettfd^aft leiftet, 
bic Übel ber Äulturraeft auf bte Unjulänglid^feit ber 
d^riftlid^en aBeÜanfd^auung jurüdfüljirt unb fie burd^ 
aiufftettung neuer Qzxl^xoa^x\)txttn ju befämpfen bemül^t 
ift,(^erblidft SCoIftoi bie Urfa^e be« SBeltelenbeg ntd^t in 
ber Unbraud^barfeit ber SBorfd^riften unb Seigren be^ 
ßl^riftentumS, fonbern in il^rer falfd^t)erftanbenen 5Dur($* 
f^ifirung f eitenS ber ß^rifien 1^ e i t. 311^ bie einjige 3lid^t== 
fd^nur, bie jum wal^ren ©lüdfe fd^on im 2)ie§feitg fül^rt, 
gilt il^tti ba^ reine, unt)erfälf(^te ß^riftu^roort in feiner 
ganjen ^^ragroeite ; jeber SBerftofe bagegen wirb ebenfattö 
fd^on im Sieöfeit^ geal^nbetJ 3)iefer flreng fittlid^e 3ug 
ift aud^ in benjenigen SBerfen be^ Sid^terö ausgeprägt, 
bie tjor ben lefeten ©rgebniffen feiner pl^ilofopl^ifc^en @t- 
banfenarbeit entftanben finb, ja, er ift aud^ in feinen 
jmei berüfimteften Siomanen : „Ärieg unb ^rieben" unb 
„Sttnna Äarenina" bie treibenbe Äraft. 

„Ärieg unb gri eben" barf als eines ber gemal- 
tigften ®}f>tn bejei(^net werben, weld^e bie neuere ^tit 
l^erDorgebrad^t l^at. ®S fd^ilbert ben gelbjug JiapoIeonS 
gegen JRufelanb, feinen ©inmarfd^ unb SWädfjug; eS 
jaubert unS baS ganje bamalige 3iu§Ianb, bie ganje 
bamalige ruffifd^e ©efeHfd^aft l^erauf. ©ine faft oer^^ 
mirrenbe 3Renge tjon @injelfd^idffalen bemegt fid^ in 
biefem meltgefd^id^tlid^en SWal^men. Salb merben mir 
in bie ^Petersburger unb SUloSfauer ©alonS gefülirt; 
balb fprengen mir über ben ©d^auplafe beS ÄampfeS, 
muftern bie ^eere t)om Dberbefel^lSl^aber bis l^erab jum 
gemeinen ©olbaten; balb befinben mir unS auf bem 
fianbfifee eines ruffifd^en 3lriftof raten ; balb mieber be* 
megen mir unS mitten unter bem aWoSfauer SSolfe. Unb 



/ 



— 340 - 

ber eigentltd^e iQe(b ber SMd^tung? @i9 ift bie ganje 
2Bcft, ober rid^tifler: bie unergrünblid^e, jielbewufete Äraft, 
roeld^e bie 2Bert beioegt, vor ber felbft bie ißeroen be^ 
ftriegeiS, 3lapolton unb 9l(ei'anber^ atö fd^ioad^ äBert« 
jeuge erfd^einen. 9lu($ 9lapoleon uitb Slleiranber^ bie gu 
fd^ieben glauben, lüerben nur gefd^oben — von dam, 
2lnbem, ^öl^eren, oon einem unerforfd^lid^en SBeltroillen. 
Siolftoi erblidt in 9lapoleon feine^roegö ben benmnbe* 
rungiJroürbigen ißerog, ber nad^ eigenem Grmeffen bie 
Oefd^idte ©uropa^ befummle. 6r betrad^tet i^n nid^t 
mit ben Slugen beg franjöfifd^en ÄriegeriS, ber feinen 
Imperator im foiferlic^en ©d^mudfe auf bem golb* unb 
purpurgeftidften 2^l^ronfejfeI ober an ber ©pifee be^ ^eere^ 
bemunbert. aSielmel^r lönnte man oergleid^ömeife fagen, 
ba§ er il^n mit ben prüfenben Slidfen be^ t)ertrauten 
Äammerbiener^ anfd^aut, bem atte fleinen unb Heinlid^en 
©d^roäd^en feinet ^emi lool^Ibefonnt finb, atte jene ^äp 
lid^en gältd^en, bie oor ben 2lugen ber 3Belt burd^ bie 
Büttel ber Äunft oerborgen werben. ®r rüdft un§ bie 
©eftolt bei^ fiorfen fo nal^e, bafe mir feinen marmen 
2ltem ju fpüren glauben. SSir empfuiben ben fd^orfen 
®uft beg Eau de Cologne, ber t)on il^m au^gel^t, mäl^* 
renb er fid^ mit bem ruffifd^en ©efanbten im gelblager 
unterl^ält. SBir bemerfen, bafe ber grofee Imperator ber 
großen Station einen jiemlid^ ,,fetten §ate" beftfet, ben 
er t)ergeblid^ burd^ S^oilettenfünfte ju verbergen fud^t. 
SJBir werben geroal^r, bafe er fid^ bemiil^t, einen 3lug* 
brudE Don ^olieit anjuncl;men, mä^renb fid^ auf feinen 
3Rienen bod^ nur Heinlid^e ®itelfeit ausprägt. Unb 
ebenfo fd^onungslo^ wirft ber ©piegel ber S)id^tung bie 
©cftaüen ber ruffifd^en ^Partei jurüdE. äud^ l^ier feinerlei 
©lorifijierung , feinerlei aKenfd^enoergötterung. Rein 



- 341 — 

burd^bac^tcr ftrategifd^er 5ßton l^at bie Slufreibung be^ 
franjöfifd^en ^eereg angcbal^nt, fonbcrn Äräftc ^aben 
entfd^ieben, bie rocber t)on ber einen, nod^ t)on ber mr^ 
bern ©eite Dorau^bered^net werben fonnten. Äutufon) 
ift nur bei^l^alb ber geeignetfie ruffifd^e Dberbefel^föl^aber, 
weil er am Harften bie Unjulänglid^feit bc^ menfd^Hd^en 
ftönnenS erfennt unb Diel mel^r beftrebt ifl, bie gegebenen 
SSerl^ältniffe felbftänbig roirfen ju tajfeu, ate fid; il^nen 
entgegenjuftemmen. SSergeblid^ brängen i^n bie fingen, 
l^ifeigen Dffxjiere ju fogenannten „®ntfd^eibung§fd^Iad^= 
ten". aWan Iiält ben f(^n)eigfamen SWann für apatl^ifd^, 
fd^n)Q($finnig, bi^ enblid^ bie große Äataftropl^e über bie 
feinblid^e Sfmtee gleid^fam t)on felbfi fiereinbrid^t unb 
Äutufon) mit einem erlöfenben 3luffd^rei oor bem ^ei(igen= 
bilbe auf bie Änie ftürjt unb fd^lud^jenb ftammelt : „fierr 
©Ott, id^ banfe bir!" 2)a erfi erfiliefet fid^ bag tieffte 
©el^eimniö biefeö mit unt)erg(eid^Iid^er äJieifterfd^aft ge= 
jcid^neten ed^t ruffifd^en ©Iiarafter^. @r l^at geroartet, 
bi^ fid^ Dottjogen l^at, mag fid^ tJoUjicI^en mußte. 2Boju 
unnütj SBIut vergießen? 

SDlan mag bie großartige 2Birfung biefer gewaltigen 
S)id^tung mit allen möglid^en ted^nifd^en StuSbrüdfen unb 
äftl^etifdjen Unterfud^ungen erflären motten, man wirb 
bod^ bie 3;i^atfad^e nid^t megrdumen fönnen, baß bie 
©runbfiimmung beg Slomanö auö ber tiefreligiöfen 
©efinnung beS Slutor^ fließt, baß bie 3)id^tung il^re^ 
l^öd^ften SReije^ ermangeln mürbe, mären nid^t il^re 
Slätter gemiffermaßen oon einem ©d^auer ber ©roigfeit 
unb Unenblid^feit burd^roel^t. %\% ber inuerlid^ jerflüftete, 
t)on ffeptifd^er JReflejion jerriffene ^flrft 3lnbrei SBol« 
fon^fi, ber burd^ friegerifd^e 2^l;aten, burdf; SReufd^en^ 
große unb SWenfd^enru^m glüdElid^ ju werben l^offte, tjon 



— 342 - 

einer ftugel ju 33oben geftredt, rüd ttngg auf bem Sd^Iad^t« 
felbe liegt, ba l^eigt e^ : ,,Ü6er i^m xoat nid^t^ al^ ber 
^immel — l^o^er ^intmet, perfd^roommen, aber immer* 
f)in unermefelid^ l^od^, mit über tl^m bal^infd^leid^enben 
grauen SBoßen. ,©o fiid, fo ru^ig, ganj unb gar ni^t 
fo, wie id^ eilte*, badete gürft 2lnbrei, ,nid^t fo, mie 
mir geeilt, gefd^rien unb gefod^ten, ganj unb gar nid^t 
fo, mie graujofe unb SRuffe um ben SBifc^er gefämpft* 

— ganj anbcr^ fd^feid^en biefe SBotten am ^immel 
l^in. SBarum l^abe id^ bod^ biefen l^ol^en ^immel nid^t 
frül^er gefe^en? 2ld^, unb mie glüdlid^ bin id^ nun, 
bafe id& i^n bod^ enblid^ erfannt l^abe! Sa, alle^ ift 
eitel, atteö fing au§er biefem enblof en Fimmel ba. 3lid^t§, 
nid^tg ba au^er i^m . . . aber aud^ ba^ rool^l faum . . . 
nid^tö . . . nid^t^ . . . afe Siul^e unb ^rieben ..." Unb 
in äl^nlid^er SBeife mirb aud^ ber ®raf 5peter Sefuc^off, 
in bem ^iolftoi einen 2ieil feines eigenen @ntroidfelung§* 
ganges bargefteUt l^at, aus einem bumpf bal^inoegetteren- 
ben Safein burd^ ein Sabtirintl^ von Irrtümern unb 
Safiem in bie ^eHigfeit eines gefeftigten unb geflärten 
Sienfd^entumS gefül^rt. SEBol^l begreift man, ba§ glau=^ 
bert nad^ ber fieftürc biefeS jum J^l^eater ber SBelt* 
gefd^id^te auSgemad^fenen bid^terifd^en ©d^aufpicls in bie 
SBorte auSbred^en fonnte: „^ier ift ®^a!efpeare!" 

3n „2lnna Äarenina" finb bie gegebenen äußeren 
aSerl^ältnif[e — im Oegenfafee ju „Krieg unb ^rieben" 

— bie benfbar einfad^ften. 2lnna Äarenina, bie ©attin 
eines l^od^geftettten Petersburger Beamten, l^at mit bem. 
©rafen SEBronSft ein ftrdflid^eS SBerl^ältniS angefnüpft. 
SBäl^renb eines SEBettrennenS, bef[en meifterl^afte ©d^ilbe== 
rung ben Sefer in atemlofer Spannung erl^ält, mirb 
bie mel^r als freunbfd^afttid^e S^eilnal^me ber ^elbin für 



- 343 - 

ben (Srafcn aller SBett offenbar. Dbrool^l bie ^rau, 
ein ftoljer, leibenfd^aftlid^er, bebeutenber ©l^araftcr, in 
fd^rofffter 2Beife il^ren verbotenen Umgang mit aBronöR 
eingeftel^t, mill ber &atU bennod^ in eine ©d^eibung 
nid^t mittigen. 2lnna verlädt il^n unb rereinigt ftd^ mit 
bem aKanne il^rer 2kU. 2Bie nun biefeg, auf unfitt* 
lid^er ©runblage aufgebaute SSerl^ältni^, trofe Ieiben= 
fd^aftlid^er SReigung auf beiben ©eiten, zbm bar um 
}um Unl^eil fül^ren mufe, meil eö unfittlid^ i[t, bag 
f)at ber 2)id^ter mit einer unerbittUd^en pfpd^ologifc^en 
aiotmenbigfeit jur inneren 2Bal^r(|eit erl^oben. 2luf ber 
einen ©eite bie grau, bie ate ©eliebte feinen 33eruf 
auöjufüHen, bie felbft ba^ l^eilige Sanb ber ©^e jer* 
riffen Iiat unb fid^ bal^er aud^ im Sefi^e il^res Sieb= 
l^aberö nid^t fieser fül^It; bie au§ biefem GJefü^Ie ber 
Unfid^erl^eit Iierau^ ben ©eliebten mit quatootter ©ifer^ 
fud^t peinigt. 2luf ber anberen ber ajfann, ber fi(^ fetner 
treulofen 3lbfid^ten hwn^t ift, in biefem aSemu^tfein 
burd^ bie ©iferfud^t umfomel^r t)erlefet mirb, alö il^n ja 
tl^atfäd^Iid^ nid^tö baran l^inbern mürbe, ba§ aSerl^ältnis 
in jebem beliebigen 2lugenblid ju löfen; ber fid^ in^^ 
folge Wefer Grmägung nod^ aufeerorbentlid^ großmütig 
erfd^eint, menn er bie Saunen ber Äarenina überl^aupt 
erbulbet. Man oergegenmärtige ftd^ biefe beiben SWomente, 
unb fie erfd^einen mie jmei aWü^Ifteine, bie ba^ jmifd^en 
il^nen liegenbe ®(üdE unbarml^erjig jermalmen müf[en. 
3n gerabeju unl^eimlid^er SBeife fü(|It ber Sefer bag 
SBerfiangni^ l^erannal^en. 3n ber SWad^t oor bem 2^age 
ber Äataftropl^e l^at bie Äarenina unter einem fd^redf* 
lid^en Sllpbrüdf en gelitten : „®in alteg, f leinet aWännd^en 
mit ftruppigem 33arte ftanb auf il^rer SBruft, über @ifen 
gebüdft, mit welchem eg l^eruml^antierte, roäl^renb t^ 



— 344 — 

ganj finnlofe franjöfifd^e 3Borte t)or fid^ i^inmurmelte, 
unb fie fül^ltc — unb bai^ erfüttte fie gerabc mit @nU 
feften — bafe bicfer SUp, biefe« Säuerlein, ftd^ gor nid^t 
um fte befümmcrtc, aber e^ ocrrid^tcte irgenb ein fd^redt» 
lid^eg SBer! mit biefem ©ifen über il^r.'' 3e naiver ba« 
(£nbe rüdtt, um fo peiulid^er unb gemiffenl^after ift bie 
älrbeit bed 2)id^teriS. Sld bie ilarenina nad^ einem ^age 
PoH S^ifi wnb Glenb jum Sal^ni^of fä^rt, in ber ^off= 
nung, bort mit SBrongfi jufammenjutreffen, ba entgel^t 
bem fiefer au^ nid^t ber geringfügigfte ©ebanfe ber 
^elbin, il^r ganjer ©eelensuftanb liegt vox x^m au^^ 
gebreitet toie ein einjige« ©emebe, beffen feinfte gafern 
ftd^tbar finb. ^nm UnglüdEe erl^ält fie auf bem Sal^n* 
l^ofe ein SBillet il^reS ßiebl^aberö, ber i^r in nad^Iäffiger 
unb lül^ler SBeife mitteilt, ba^ er fie erft fpäter am 
Slbenb toieberfel^en fönne. Unb nun manbclt fie mit 
ii)xtn oerjrocifeften ©ebanfen auf bem ^erron jiel* unb 
planlog uml^er. 6in ©üterjug ndl^ert fid^. 3)a erinnert 
fie fid^ eines SWanneS, ber am 2^age il^rer erften 33e= 
gegnung mit SBronSfi auf bem 3Rogfauer SBal^n^ofe oon 
ber Sofomotiüe überfal^ren mürbe, ©in furd^tbarer ®nt= 
fd^Iufe bämmert in ilir auf: „©ie trat naiver an bag 
©eleife unb beugte fid^ unter ben SEBagen. ©ie mar 
fid^ bemüht, ba^ fie etma^ ®ntfd^eibenbe« tl^at, etma^ 
@ntf d^eibenbereg , als fie in il^rem Seben getl^an. ©e* 
mol^nl^eitggemäjs erl^ob fie bie ^anb, belreujigte fid^, 
fiel auf bie Änice, ftüfete ftd^ mit ben ^änben auf baö 
©eleife unb neigte bag §aupt. 3)ie gemol^nte SBeme* 
gung ber Selreujigung rief in il^rer Seele eine SReil^e 
von ©rinnerungen an mid^tige 3JJomente il^reg Seben^, 
jumat an^ ilirer Süiäbd^en* unb Äinberjeit mad^. ©ie 
füfilte, bafe fie ba§ Seben liebte mie nie juoor. 



— 345 - 

„3Ba« t^u' id^? SBo bin id^? aogarunt?" 

©tc TüoHtc fid^ raicber aufrid^tcn, aber ein riefigeö, 
iinerbittlid^eö ©troaö brüdte fie unbarml^erjig nieber, ftie§ 
fie unb fd^Ieppte fic an i^rem 9iüden mit fid^ fort. 

„3Rein ®ott! vzxiti^* mir atte^!" badete fie. 

S)er fd^mufeige ©anb unb Äol^Ienftaub famcn il^r 
naiver; fie fiel mit bem ©efid^te barauf. 2)aS SBäuer» 
lein, etroa^ üor fid^ l^inmunnelnb , ftanb über il^r unb 
arbeitete gebfldft auf ®ifen, — unb ba^ Sid^t, bei meld^em 
fie bag mit Äummer, ©treit, Süge unb 2^l^orl^eit ge* 
füllte 33ud^ tag, fing an ju jifd^en, t)erbun!e(te fid^, 
fladferte nod^ einmal auf unb erlofd^ ..." 

3)em Unfrieben bes ftäbtifd^en Seben^ ftellt ber 
2)id^ter in einem anberen 5paare (Seomin unb Äittp) 
ben ©egen be^ Sanbleben^ gegenüber. 2^oI|ioi barf in 
geiuiffer §infid)t al^ ein Jiad^folger 3iouffeau§ angefel^en 
rocrben. 3lud^ er prebigt „Jtüdfel^r jur -Katur". ®aö 
malere ®(üdE finbet er nid^t unter ben mobemen Äultur= 
menfd;en, fonbem im SBoIfe. 3ift ^^ öud^ ungebilbet, 
fo ift eg bod^ nid^t tjerbilbet. 3n ber SSerbilbung aber, 
in ber 3lufnal^me be^ fünftlid^ erjeugten ©ifteg, ba^ 
unfer Äulturleben bem tjon $aufe au^ gefunben unb 
vernünftigen feelifd^en Drgani^mug be^ aWenfd^en ein= 
geimpft l^at, erblidft 2^o(ftoi einen Duell unenblid^en 
©tenb^. 3in ber ©rjäl^Iung „3)ie Äofafen" läfet fid^ 
ein junger Petersburger, DIenin, im ÄaufafuS nieber, 
um bort ben ^Jrieben ju finben, ben er in ben öaupt= 
ftdbten SRufelanbg verloren l)at. ©r fiel;t bie eingeborene 
niebere 33et)ötferung l^armtoi^ bie greuben beS 2thtn^ 
genießen; gern mürbe er il;r gleich werben. SSergeb- 
lid^eS 3Rül^en! @ine unüberfteigbare ©d^eiberoanb ift 
jroifd^en i^m unb bem aSolfe aufgerid^tet , bie ©d^eibe- 



- 346 — 

toanb ber iluttur. Unb anä) ba^ f d^öne ilofalenmäbd^en, 
in ba^ er fid^ leibcnfdjaftlid^ t)erliebt, tocifl il^n t)crs 
ad^tung^DOÜ ah. 3)em ftoljen, urtoüd^jtgen 9laturlinbe 
crfd^cint bcr trübfelige, jerriff cne Dlenin nid^t afe bcr 
aSoUmcnfd^, bcm fie fid) in ißicbe J^ingebcn fönnte, fon= 
bem ate ein oerfümmerte^ 3Befen au^ einer frentben, 
il^r unoerpänblid^en SBelt. Unb er fattelt fein Stöfelein, 
um weiter ju jiel^en. SBoIjin? 3Boju? SBeJ^mülig* 
ironifd^ flingt i^m ba^ Siebd^en beS „Dnfete Qerofd^a", 
eines präd^tig gejeid^neten Äofafent^pui^, nad^: 

„2öie trauriß i|t'§ bod^, ©rübericin, 
3" ^eben immer ganj QÜein!" 

J^urgeniero l^at biefen SRoman bem Seften jugejä^It, 
roaS jemals in ruffifd^er Sprad^e gcfd^rieben worben ift. 
3n ber Xf)at mufe namentlid^ bie farbcnfprül^enbe, glän* 
jenbe Sd^ilberung beS ÄofafenlebenS afe unübertroffen 
anerfannt werben. 

©ine ganje Steige anberer ©rjäfilungen foH gleidj* 
falls bie Überlegenl^eit beS anfprud^Slofen SJaturmenfd^en, 
felbfl beS ^erabgefommenen, einer egoiftifd^en unb bünfeU 
l^aften Kultur gegenüber t)eranfd^aulid^en. ©ie alle 
flingen in bem ©ebanfen auS: „SBir Äanabier fmb bod^ 
beffere Seute!" 

2)ie innere ®ntroidtung J^otftoiS brad^te eö mit fid^, 
baj5 feine neueren ©rjeugniffe mel^rfad^ lebl^aften aBiber» 
fprud^ l^eroorriefen. ^ier^er gehört t)or aflem bie vizU 
berufene „Ereufeerfonate". ©etten rool^t ift eine 
©id^tung fo grünbtid^ mi^üerftanben morben. 2^olftoi 
lä^t barin einen geroiffen ^oSbnifd^eff bie tragifd^e ©e« 
fd^id^te feiner &)t erjäl^Ien. 2)iefe ®f)t war t)on ^oufe 
aus, nad^ ben Segriffen ber ®efellfd;aft, eine ganj 



— 347 — 

normale. 3lbcr eben be^^alb war fie eine ungefunbe 
unb unfittlid^e. 2)enn i^re ©runblage bUbete bie ©inn* 
lid^feit, bie ber ebleren 3JJen[d^ennatur rotberftrebt unb 
notroenbig eine 9leaftion im ©efolge f)abtn mu§. 2)ie§ 
äußert fid^ im Dorticgenben g^afle in junel^menber 3lb=» 
neigung ber ©atten gegeneinanber, fteigert ftd^ bann jur 
©iferfud^t unb jum ^affe unb enbet [d^IieJ3lic| in &)^- 
brud^ unb aWorb. S)ie pfpci^ologifd^ überaus feine unb 
— rein fünftlerifd^^nbioibueff betrad^tet — meifterl^aft 
buri^gefül^rte ^anbtung mn^ bei Xo^toi fetbft nad^- 
gelefen merben. ®S ift unmöglid^, biefe ganje Äette 
fubtil ausgefeilter unb bo($ mit l^öd^fter Energie bar- 
gefiellter 3Jlotit)e l^ier aud^ nur anbeutungSmeife n)ieber* 
jugeben. S)en Seitgebanfen ^at ber SBerfaffer felbft mit 
bem et)angetifd^en aWotto auSgebrüdft : ,M^v ein SBeib 
anpeilet, i^rer ju begeljren, ber ^at fd^on mit il^r bie 
®]^e gebrod^en in feinem ^erjen." 2lber ber Siebter 
min biefeS SBort nid^t tiroa nur auf ben ©^ebrud^ im 
lanbläufigen ©inne angemanbt roiffen, fonbern auf baS 
SBerpItniS ber ©efd^led^ter überl^aupt unb bamit 
aud^ auf baS ber ©atten untereinanber. 6r prebigt 
bie ®nt^attfamfeit im ^rincip, inbem er gleid^jeitig bie 
fepeUe „Siebe" imb „3SerIiebtl^eit" il^reS poetifd^en 
SRimbuS entfleibet unb auf il^re finnlid^en 2;riebe ju- 
rüdffü^rt. 

aSBürbe nun aber bie ©rfüHung biefer gorberung 
nid^t in ber X^at ben Untergang beS 3Jlenfd^engefd^tec^tS 
jur notroenbigen gotge l^aben? 2luf biefen ßinrourf 
antwortet ber SSerfaffer in einem „5Rad^n)orte". „9lbs 
gefeiten felbft bat)on/' erläutert er, ,Mi bie SBernid^tung 
beS aWenfd^engefd^led^tS für bie Serool^ner unferer SBelt 
Uin neuer Segriff ift, ba§ fie v\tlmtf)x für bie gläu» 



— 348 - 

biflcn SWcnfd^cn ün ©laubenSfafe, für bie toiffcnfd^aft- 
li(^ 2)en{enben bod folgerid^tige (Srgebnid ber 99eob« 
ad^ttmgen über bie (Srlaltung ber Sonne ift^ liegt in 
biefem Sinroanb ein großer^ n)eitDerbreiteter unb alter 
Irrtum. 3Ran fagt: Sßenn bie SRenfd^en ha^ 3beal 
Döfliger fteufd^^eit eneid^en, fo Dernid^en pe fid^, unb 
barum lann biefed 3beal bad redete nid^t fein. S)od^ 
bie fo fpred^en, oermengen mit ober ol^ne äbfid^t jwei 
Derf d^iebenartige S)inge : bie SBerl^altungi^oerorbnung, bie 
35 r f d^ r i f t, unb ba^ 3 b e a l. 2)ie Äeuf d^l^eit ift leine 
SSerl^altung^oerorbnung , feine SBorfd^rift, fonbem ein 
Sbeal, ober oielmel^r eine feiner SSorau^fefeungen. ®n 
Qbeal ift aber nur bann ein Sbeal, wenn feine SSer* 
roirflid^ung nur in ber SSorfteHung, in ©ebanfen, mög* 
lid^ ift, wenn cS ate etioag nur in ber Unenblid^feit 
©rreid^bare« erfd^eint, unb wenn be^l^alO bie aRöglid^« 
feit, fid^ il;m ju näl^ern, eine unenblid^e ift. äBäre \>a& 
3beal nid^t unerrcid^bar, fonbern fönnten wir und feine 
aSenoirflid^ung DorfteHen, fo würbe ed aufhören, ein 
3beal ju fein. SDerart ift ba§ 3beal ©l^rifti — bie 
Segrünbung be^ 3teid^ed ©otteö auf ©rben, ein 3beal, 
bag fd^on bie ©el^er oorauöfagten : e^ werbe einft bie 
3eit fommen, ba alle 9Kenfd^en ©ott erfennen, il^re 
©d^roerter ju ^flugfd^aren, i^re Sanjen ju ©i(^eln um» 
fd^mieben, ba ber Söroe neben bem Samm liegen werbe, 
unb ba alle SBefen in Siebe vereinigt fein werben. S5er 
ganje ©inn be^ menfd^lid^en SebenS befielet in bem SBor« 
wörtöfd^reiten na($ biefem Sbeal. Unb be^^alb fd^liefet 
ba§ ©treben nad^ bem d^riftlid^en 3beal in feiner un- 
geteilten ©anjfieit unb nad^ ber Äeufd^l^eit atö einer ber 
Sebingungen biefem ^beafö nid^t nur bie 3Möglid^feit be§ 
SebenS nid^t au^, fonbern im ©egenteil, ber 3Wangel 



— 349 — 

biefc^ d^riftlidjen Qbeal^ würbe bie aWöglid^feit eincÄ 
5Bonüärt^fc|rciten§ unb fotglid^ au($ bc^ ißebeng Dcr« 
nid^ten." 

r S)ag d^riftlid^e Qfbcal tft in bcu aBorteu enthalten : 
„©eib t)oflf ommen , toic aud^ euer 58ater im ^imniet 
t)oIKommen ift."/ SBenn nun aber eiugeroanbt werbe, 
ba§ ber 9Kenfd^ fd^wad^ fei unb ba^ man il^m bal^er 
eine Stufgabe fteHen muffe, bie feinen Äräften entfprid^t, 
fo fei ba§ gerabe fo, als moHte man fagen: „SReine 
^anb ift fd^mad^, id^ lann feine Sinie jiel^en, meldte 
gerabe, b. J). bie fürjefte jroifd^en äroei fünften, märe, 
unb barum ne^me id^, um e^ mir ju erleid^tern, wenn 
id^ eine gerabe jiel^en miH, eine frumme ober eine ge* 
brod^ene junt SSorbilb." 

(3Wan fielet: fo ganj „lää)zxli^" unb „oerrüdft" ift ber 
©runbgebanfe ber „Äreufeerfonate" benn bod^ nid^t — 
menigftenS üom d^riftlid^en ©tanbpunfte auiS betrad^tet. 
2;otftoi l^at fc^Iie^lid^ nid^t^ weiter getl^an, atö uns bas 
d^riftlid^e gbeal mieber einmal oor 2lugen ju rüden.) 
Salier wirb aud^ biefeg felbft, nid^t fein Interpret, von 
bem ^ol^n unb ©pott betroffen, ber fid^ über bie 9Jot)elIe 
fo reid^lid^ ergoffen l^at. ®d unterliegt ja für unS unb 
aud^ für S^olftoi gar feinem 3^^if^^ ^^5 baS ^fbeal ber 
abfoluten Äeufd^l^eit ein uneneid;bareS ift. ©outen mir 
eS aber be^l^alb nid^t als Qfbeal anerfennen bürfen? 
Umgefefirt: menn eS erreid;bar, bann märe eg feinS. 
SRiemanb mirb leugnen motten, ba§ aud^ bie ®l)e um 
fo ibealer ift, je weniger bie ©atten ineinanber ba^ 
Biet finnlid^er Segierben erbliden, je geiftiger pd^ i^t 
aSerl^ältniS geftaltet. Unb nun foHte biefe geiftige Stein« 
l^eit in i^rer SSoIlfommenljeit eine 2^l^orl^eit fein; foHte 
eine 2^ugenb, bie in il^ren geringeren ©raben ate fold^e 



- 850 - 

ancrfannt toirb, in il^rcr abfoluten SBoUcnbuufl eine 
3lanf)zxt DorfteHeu? Ob ein fotd^er ©(^lufe logifc^ wol^l 
möglich ift? 

©rfd^eint fomit fi^on ber ©runbgebanle ber „Äreufeer* 
fonate", bei i^id^t befel^en, jum minbeften gut nid^t mel^r 
fo fe^r „DemidEt", fo fönnen bie in ben übrigen fünften 
beS SRad^wort^ formulierten gorberungen oom flreng 
($riftlid^«ftttlid^en @tanbpunfte auiS faunt abgen)ieten 
werben. SBenn 2;oIftoi- einen ungebunbenen aufeerel^e* 
lid^en SBerfel^r ber ©efd^led^ter, eine falfd^e, eitete ©ttern» 
liebe mit i^rer auf äu^erlid^feiten gerid^teten Äinber* 
erjici^ung, ein in finntid^en ©enüffen fid^ erfd^öpfenbe^ 
©beleben geißelt, fo täfet fid^ bagegen im ^rincip bod^ 
faum' etwas einroenben, ate etwa bie ©d^roäd^e unb VLn- 
oolltommenl^eit ber menfd^lid^en SRatur. Unb bie fönnen 
bod^ nur als ®ntf d^ulbigung , nid^t ate SRei^tfertigung 
gelten. 

[aiber 2^oIftoi l^at bennod^ — unred^t. Slid^t in bem, 
n) a ö er f agt, f onbern in bem, m i e er eS f agt. ®r l^ätt 
bie gebotenen 2lbftänbe nid^t inne. 6r ftettt bem un^ 
ooHfommenen aWenfd^en baS oollfommene 3lbeal bi($t 
gegenüber unb fällt oon biefem ungel^euren ©egenfafee 
aus SWid^terfprüd^e. S)aburd^ verliert fein Oemälbe 
bie rid^tige ^erfpeftioe. JSSBäre biefe beffer getroffen, 
man l^ätte aud^ bie „Äreufeerfonate" geraife nid^t fo 
l^eftig angegriffen. 3ilan empfanb in ber 2^oIjioi'fd^en 
©arftcHung eine Unmöglid^feit unb eine Ungered^tigfeit. 
Unb baS mit SWed^t. ^ätte er feinen SeroeiS bireft ge* 
fü^rt, b. ^, l^ätte er unS baS ^beal in feiner möglid^en 
aUerroirHid^ung burd^ ein aWenfd^enpaar oeranfi^aulii^t, 
baS fid^ von ber finnli($cn jur geiftigen Siebe burd^* 
gerungen l^at, fo ^ätte nienxanb etmas bagegen gel^abt. 



- 351 - 

Stbcr er bebiente fid^ bcg tnbireften (negatben) Seractfc^. 
6r f (Gilberte un^ eine, nac| unferen Segriffen mel^r 
ober weniger normale ®l^ef(^lie§ung, liefe aus 33orauS= 
fefeungen, bie bod^ nur inbioibuett, nid^t generell ju* 
treffen, biefe (S^e in einer furd^tbaren Äataftropl^e enben 
unb ejemplifiäierte nun an biefem inbioibuellen ©injet 
fd^idffal bie 9lbfd^eulid^feit unb Unoernünftigfeit ber 
Sßormalel^e überl^aupt. 5Run giebt eg aber befanntli(^ 
2;aufenbe oon @l^en, bie oon innerem ®lüd ebenfo ge* 
fegnet finb mie von june^menbem Äinberreid^tum, 
bie iebenfaH^ ganj unb gar nid^t bie ©efal^r aufkommen 
laffen, bafe eine^ fd^önen 2^age^ einer ber ©atten ben 
anbem erbold^en merbe, mie ber ^elb bet „Äreüfeer^ 
fonate" feine grau. Unb nun foHen alle biefe glüdf== 
lid^en ©l^epaare iammernb au i^re 33ruft fd^lagen unb 
il^r bi^l^erige^ @^e= unb gamilienglüdf afe ftud^mftrbige 
SBerirrung beflagen?! 2^olftoi mag biefen @inbrudf 
t)icllei(^t nid^t bejroedtt l^aben, aber er ruft if)n tl^atfäd^* 
lid^ l^eroor. 

3fi man be^l^alb fd^on ein unglüdflid^er, ein oer^ 
morfener ©ünber, meil man fein Qfbeal ift? 3ft bag 
Seffere fd^on eine Sßerneinung beö ®uten? !Da§ 
fd^li(^te aipoftelroort löft aße unfere 3w>cif^I- „heiraten 
ift gut, nid^t l^eiraten ift beffer." greilid^ barf ancl^ 
biefcg SBort nid^t generell aufgefaßt werben, gftr bie 
nteiften 3Wenfd^en mag fieiraten fogar beffer fein, ate 
nid^t l^eiraten. gür biejenigen aber, meldte bereite auf 
ben l^ö^eren ©proffen ber Seiter jum ^htaU ftel^en unb 
bennod^ immer weiter hinauf ftr eben, meldte fid^ il^rem 
^eilanbe ganj ju eigen geben rooHen, für biefe 2lug* 
erwählten mufe audj ba^ irbifd^e @lüd£ ber @^e mit aU 
feinen ^Pid^ten ein ^inberni^ in ber unbebingten unb 



-- 852 - 

auöfd^lie&üd^en 5Rad^foIßc Gl^rifti fein. 3n bicfem Sinne 
fagt er: 3)u fottft bein SBeib üerlaffen uub mir nad^« 
folgen. S)ie !atl)o(ifd^e Aird^e mit i^ren Orben unb 
Älöftem l^at biefeg ^rincip ftctö anerfannt, ol^ne be^* 
l^alb über ben Saien ben @tab )u bred^en. 

SBoUfornmen bered^tigt ift bagegen bie ßurüdCf ül^rung 
ber gefd^led^tUd^en Siebe auf bie i^r gebül^renbe SBebeu« 
tung, bie bo($ toof)i mel^r eine teleologifd^e, naturjmed^ 
mäßige, atö etl^ifd^e ift. ®§ ift eine poetifd^ au^ftaffierte 
fable convenue, wenn biefe „Siebe" über atte anbcren 
erlauben wirb. S)ie S)id^ter nnb Rüuftter — barin l^at 
S^olftoi ganj rcd^t — finb bie ^aupturl^eber biefer über* 
triebenen SEBertfd^äfeung. 2)er 3wfto"i> ^^^ „SSerliebt* 
fein§" l^at ja geroife feine fel^r großen SReije — ber 
et^ifd^ am l^öd^ften ju wertenbe ift er aber nid^t ! SBer 
Sd^openl^auer? — in biefetn fünfte faum ju roiber« 
legenbe — aiu^fül^rungen fennt, wirb barin mit SJoIftoi 
t)oIHommen übercinftimmen. Unb aud^ mand^er, ber fie 
nid^t fennt. @ttem=, ©efc^mifter-, ÄinbcSliebe, auf* 
opfernbe greunbfd^aft, allgemeine a)Jenfd^enliebc, üon ber 
Siebe ju ®ott ganj ju fd^roeigen, ftel^en turml^od^ über 
biefer et^ifd^ bod^ red^t jweifell^aften fepeUen „Siebe". 

SBal^rlid^, eigenartig im ^öd^ften 5Dk§e mu^te ber 
©ntroidlung^gang geroefen fein, ber ju fo eigenartigen 
©rgebniffen mie bie „Äreu^erfonate" fül^ren fonnte. 3n 
feinen pf)iIofopl;ifd^en gd^riften l^at 2:oIftoi feine inneren 
©rfal^rungen in ergreifenber SBeife gef(^ilbert. 2luf bem 
©ipfel be^ Seben§ angelangt, fü^It er plöfelid^ ben 
Soben unter feinen güfeen jerrei^en. Sllle^, mag er er* 
ftrebt unb errungen l^at, erfd^eint il^m al^ eine cinjige 
riefengro^e Süge unb Xf)ox\)z\t a3or il^m ftets bag ®e* 
fpenft beg 2^obeg, beffen aSorauSfid^t fein ganje§ Seben 



- 353 — 

t)cr9iftct, bag ScBcn feiner Sieben unb ber ganjen 3Wenfd^* 
l^eit jeglii^en vernünftigen ©inneg, weil jegli^er bleiben* 
ben Sebeutung, entf leibet. S)en ©lauben feiner Äinb« 
l^eit f)at er verloren; vergeblid^ roenbet er fid^ in feiner 
©eroiffen^not an bie ^pi^ilofopl^en von ©alonto unb 
Subbl^a bi^ ju ©d^open^auer. ©ie l^aben nur eine 
aintroort: „%m ift eitel!" unb: „S)a« Seben ift ein 
Übel, bag ^ßarabie^ 3lxmam, bag SRid^tfein." SDBenn 
nun bie SSemunft ba^ Seben ein Übel nennt — ujarum 
f)ai bann ©d^openl^auer gelebt, ujarum lebt er, ^olftoi, 
felbft, warum lebt bie gange aWenfd^l^eit? Unb wie fann 
bie aSemunft baö Seben leugnen, bie bod^ felbfi ein ®r* 
jeugnig be^ Seben^ ift? „SDB^^n eg fein Seben gäbe, 
fo beftänbe aud^ meine SSemunft nid^t . . . S)ie 3Ser* 
nunft ift bie grud^t beiS SebenS, unb bie SBernunft ver* 
leugnet eben biefe^ Seben. ^d^ empfanb, e^ mufete ba» 
bei irgenb etmag nid^t rid^tig fein." Söenn bie aWenfd^* 
l^eit lebt, fo muß fie bo($ ben ©inn beiS SebeniS fennen. 
„S)arum fennt fte il^n, weil id^, ein 9Kenfd^, ber ben 
©inn beg Seben« verloren l^atte, unvermeibli($ jur 
aSerneinung beö Sebenß gelangt mar." SBlber in ber 
aSernunft finbet er eine ®rflärung für ben ©inn bt^ 
Seben«. S)iefe unb bie aWöglid^feit be« Seben« fönnen 
allein burd^ ben ©lauben gegeben merben. S^ne« Seben, 
ba« bie ©ebilbeten fil^ren, fielet im offenen SBiberfprud^e 
mit bemjenigen ©inne bes Seben«, ber burd^ bie ©lau« 
ben«le]^re beftätigt mirb. Unb biefer malere ©inn be« 
Seben« finbet fid^ nur in ben unteren aSolf «flauen: „3d^ 
fal^, ba§ biefe aWenfd^en Äranf Reiten unb Äümmemiife 
ol^ne irgenb ein aWi^oerftel^en nod^ SBiberftreben ertragen, 
vielmel^r mit ber rul^igen unb feften Überjeugung, bag 
alle« ba« nid^t anber« fein fönne, bag alle« ba« — 



— 354 — 

gut fei 3d^ fa^, ba^ nid^t mir i^r £e6en ti)ntn ht* 
greiflid^ \% fonbem ba^ i^nen begreif lid^ auä^ ber Xoh ; 
unb im 3;obe erbliden fie nid^td @onberbared, SBiber^^ 
loartiged ober ©d^redUd^eö.'' ßr l^at a(fo in bent @lau« 
ben ber unteren SSolIi^fd^id^ten ben ©inn bei^ Sebend 
gefunben, unb biefen Glauben wiQ er blinbUugi^ in fid^ 
oufnel^men. 93on nun an unterjie^t er ftd^ aütw ätitual^ 
SSorfd^riften ber gried^ifd^^orti^obosen ftird^e, in n)e(d^er 
er ben gemeinfanten ®(aubeni»inl^a(t be^ SSolIe^ ftnbet. 
3)te8 ber roefentlid^e Snl^alt ber „Sefenntniffe", 
ate bereu gortfefeung bie ©d^rift: „SBorin befielet 
mtin ©laube?" erfd^eint. 

(2)ie Se^re ©l^rifti befinbet fid^ nad^ 2;olftoi in un^ 
erl^örtem, fd^reienbem SBiberffnrud^e nid^t nur ju ben 
Äird^en oller Äonf ef fionen , fonbern aud^ jum gefamteu 
mobemen Kulturleben. 9{q($ feiner Überfe^ung unb 
S)eutung ber ^eiligen Sd^rift 1^ gl^riftu^ bie (Sl^e- 
fd^eibung, bie menfd^lid^e ®erid^t*barfett, ben Ärieg u.f.ro. 
übcrl^aupt unb unter aßen Umftänben ©erboten, ©eine 
Seigre ift: „©egnet, bie eud^ flud^en, liebet, bie eud^ 
l^affen."J 3)ic mobeme ß^riftenl^eit ftel^t aber mit i§ren 
@erid^ten unb Kriegen auf bem altteftamentlid^en ©tanb« 
punfte: ,,9lug' um 3lug', S^^n um S^W-'' 6^riftu^ 
l^abe bo^ alte @efeg aufgel^oben, unb menn er fagt: 
„3d^ bin nid^t gefommen aufjulöfen, fonbem ju be* 
ftätigen", fo fei ba^ lebiglid^ fo aufäufaffen, bafe er ba0 
ewige ©efefe nid^t auflöfen, ba§ alte Sunbe^gefe| aber 
nur infomett betätigen motte, atö e^ mit bem ewigen 
übereinftimmt. ( 3)er Urquett beiS meijien ©tenbs ber 
aSelt fei aber baburd^ ge[d^affen, ba§ bie 3ßenfd^l^cit eine 
ber mid^tigften Seigren ß^rifti täglid^ mit gü§en trete, 
bie Seigrer „3d^ aber fage eud^, ba§ i^r nid^t miber« 



- 355 — 

ftrcbcn foUt bcm Übel!" SDaS »öfc »nne butd& 
S5öfe^ nid^t befeittgt tocrbcn. „©Ott fagt einfad^: tl^uct 
nid^t^ ööfeg einer bem anbeten, fo wirb fein SJöfc^ 
in bcr SBeft fein." 6i5 fei ein t^erl^ängni^üoller Srrtum^ 
anjnnel^men, @l^fti Seigre fei ivoax fd^ön, aber für bie 
3Renfd^l^eit unburd^fu^rbar, unb bie ®nabe a&ein lönnt 
bie wal^re Slad^folge ß^rifti bewirf en.J S>ie Seigre bt& 
äBeltl^eilanbed ftel^e nid^t im @egenfa| gu ber menfd^« 
lid^en 3?atur, wie fie (Sott gefd^affen, fonbem fie fnüpfe 
an ba^ natürlid^fte @efül^l be^ SRenfd^en^erjen^ an: 
an ba^ äßitleib. ©agt bod^ S^rifhiiS felbft: ,3ein 
3od^ ift fanft unb meine Saft ifl leidet." 

„e^ genügt" — fo fagt 2;oljioi feine ©rfenntni« 
t)om ©Dangelium jufammen — „e^ genügt, ßl^rifti 
Seigre }u begreifen, um ju erfennen, bag bie Sßelt, nid^t 
bie SBeft, bie ®ott bem aWenfd^en jur greube gegeben, 
fonbem jene SBelt, wie jie ber 3K e n f d^ ju feinem eignen 
aSerberben gefd^affen, ein SEBa^n ift, unb jmar ber un» 
pnnigfte, ber fd^redfUd^fte SHkl^n, ber 2:raum eine^ SSer* 
rüdten, aus bem man nur einmal ju emmd^en brandet, 
um nie mieber feinen ©d^redfen ju oerf aßen." SBie foH 
nun aber ber einzelne ß^rifti Seigre Dom „Sßid^tmiber- 
ftreben bem Übel" befolgen, menn bod^ bie ganje 9Renfd^« 
l^eit, mie fie pd^ einmal geftaltet l^at, auf ben entgegen« 
gefegten ^al^nen manbelt? SQSirb man i^n nid^t peinigen 
unb töten, menn er fid^ il^ren ®eboten wiberfefet, mirb 
fein ßeiben nid^t nod^ größer werben? 2^lftoi antwortet 
ouf biefe ^rage burd^ ein S9ilb: „®g brennt im ßirfuS: 
offe brüdfen unb preifen einanber unb brängen fid^ an 
bie 2;i^üre, bie fid^ nad^ innen öffnet. 6jJ erfd^eint ber 
©rlöfer unb fagt: tretet jurüdf üon ber 2^l^äre, feieret 
um; je mel^r il^r bränget, um fo weniger Hoffnung l^abt 



/ 



— 356 — 

ifyc auf Siettung. Ael^ret um unb tl^r werbet einen 
äuggang jtnben unb eud^ retten. — Oi mit, ob iä) 
aUein bad gel^ört unb baran geglaubt l^abe^ tft einerlei. 
9tad^bem ic^ ei^ aber Demommen unb baran geglaubt 
l^abe — roa^ lann i^ anbereiS t^un aU umfe^ren unb 
alle aufrufen, ber Stimme \>t& ©rlöferi^ ju folgen? 
3Ran wirb mid^ t)iellei($t erbrüdfen, jerquetfd^en, töten. 
S>ennod^ beftel^t meine @rlöfung blog barin, bag id^ bort 
l^inge^e, mo ftd^ ber einzige Slu^gang befinbet, unb id^ 
!ann nid^t um^in, bortl^in ;u gelten. S>er @rlöfer mug 
in SDBirflid^feit ©rlöfer fein, b. 1^. er mn^ retten. Unb 
bie ©rlöfung ©^rifti ifi bie roal^re ©rlöfung: er ift 
erfd^ienen, er l^at gefprod^en — unb bie SDlenfd^l^eit 
mirb gerettet." Unb in feinem Sud^e: „Über baS 
Seben" fagt er, wie in.®rgänjung biefeg Silben : 
„3)ie ganje fompltjierte, fod^enbe X^l^ätigfeit ber aWen- 
fd^en mit il^rem Raubet, il^ren Kriegen, i^ren Äommuni* 
fationen, il^rer SBiifenfd^aft, i^ren Äünften ift jum größten 
%txl nur bag ©ebränge einer oerrüdften aWenge an ben 
SCI^üren bei5 Seben«." 

3m DoHen ©inflange mit biefer ganjen ^pi^ilofopl^ie 
ftel^en aud^ bie Slnfid^ten X^olftoi^ über SRationalgefül^I 
unb 5ßatriotigmug. ( 3" feiner ©d^rift über „ßl^riftlid^e 
©efinnung unb ^atriotiiSmu^" vertritt er bie 
Überjeugung, baß ^atrioti^mug unb Sftationalgefül^l @e= 
/ finnungen feien, bie meber im natürlid^en, nod^ im d^rifi« 
lid^en ®mpftnben be« aWenfd^en begrünbet finb. @r er* 
läutert bag an SBeifpielen aug ber jüngften ruffifd^en 
©efd^id^tey S)ag ruffifd^e SSoH l^abe ft(^ ebenfomenig 
für bie „flat)ifd^en Srübcr" unb il^re Befreiung burd^ 
ben ruffif($==türfifd^en Ärieg mie für bag franjöfifd^« 
ruffifd^e Sünbni^ mit feiner gegen ©eutfd^lanb gerid^« 



— 357 — 

tcten ©ptfee Bcgeiftcrt. ©anj föftUd^ ifl feine fat^rifd^e 
©d^ilberung ber Äronfiabter unb S^ouloncrgcftlid^feitcn, 
fel^r brajHfd^ wirft au^ ba^ Siebe^toerbcn beö eleganten 
gtanjofen S)eroul6be, ber ben ruffifd^en „ÄoHegen" mit 
feinem Sefud^e beeide, um bie ®unfi beö ruffifd^en 
„SBolle^", ate beffen SBertreter il^m ein einfad^er bäuer* 
ttd^er @utdangel^öriger gegenäberfiel^t. 9lber l^at benn 
Slolfloi nid^t aud^ an fold^e Offenbarungen bei8 ^ßatrio* 
tüSmni^ flebad^t, mie fie fid^ etma in ben Sefreiungd«^ 
fämpfen 1813 ober im lefeten beutfri^^franjöfifd^en Äriege 
funbgegeben l^aben? SDBar bort au($ nur eine ©pur t)on 
fünftlid^er SWad^e? SBar S)eutfd^lanbg (gr^ebung nid^t 
eine (grl^ebung be^ ganjen beutfd^en SBoIföempfinbeniS? 
2;olfioi ift tbtn bei all feiner realifüfd^en S)arftettungS^ 
unb ©ejialtungöfraft ate 3)enfer ein flarrer ©oftrindr. 
6r lebt in S^^it^ft^t^äumen. S)iefe 2;räume ftnb bie 
fi^önften unb ebelften, bie eine 3Renf($enbruft erfüllen 
fönnen, aber fie finb eben bod^ nur S^räume. Unb 
biefe J^raume trüben feinen 93lidt für bie realen 8e* 
bürfniffe unb Seben^bebingungen ber ©egenmart. SBaiJ 
in 3ufunft fein mirb — @ott meife e^ attein! SBir 
aber l^aben bie ^p^id^t, für bie ©egenroart ju leben, 
für uniS unb unfere SRäd^ften. 3^ ^^^ l^öd^ften aß* 
gemein*menfd^]^eitlid^en S^^ealen fönnen mir nur burd^ 
ba^ aWittel ber in 3^^* ^^^ SRaum gegebenen SSer« 
l^filtniffe, burd^ ba^ aJKttel be§ eigenen SBolfe^ unb 
aSaterlanbeiS l^inburd^gelangen. Qfnbem mir biefem nüfeen, 
nüfeen mir ber 3Renfd^l^eit. Unb beSl^alb finb au($ 
«Patriotismus unb 3lationaIgefül^I ^ol^e fittlid^e unb d^rift« 
lid^e Xugenben. SBol^I fönnen unb muffen mir auf eine 
Stnberung berjenigen 3«flönbe l^inarbeiten , meldte unS 
afe unfitttid& unb und^rifHid& erfd^einen. 3)aS entl&ebt 



— 358 — 

uniS aber nid^t ber ^flid^ten gegen bte ©egenioart, in 
bie uni^ ®ott nun einmal l^ineingefiteat fyxt. Sßitb ber 
9Renfd^l^eit loirttid^ ein S)tenfi baburd^ enoiefm, totnn 
ein einzelner unter ben fd^werfien Stimp^m unb fieiben 
ftd^ bem eifemen Stabe bed gefeüfd^ftlid^en Organii^mai^ 
entgegenfiemmt, nne ha& ja fanattfd^ SM^änger 2^totd 
bun| äSenoetgerung beft firiegi^bienflei^ in ber "XifOt 
fd^on oerfud^ l^aben? 9Zan tam einn)enben: Xu^ 
Dielen einzelnen befielet bie @efamtl^eit. Slber ift benn 
nirttid^ aud| nur ein Sd^immer von Slui^ftd^t Dorl^ben, 
ba| ;,9iele'' einzelne fid^ atö äSerfud^i^obiette ju fold^n 
Sl^erimenten l^ergebm unb baf ür Seib unb 2thtn opfern 
n)erben? @otd^e 9lad|fo(ge ift im größeren äRa^ftabe 
bod| immer nur x>m ben Stiftern neuer Sieligionen 
beioirft morben^ bie fid^ auf göttUd^e Offenbarung 
ftü^ten, unb jn benen mirb {td^ 2^olftoi wo^l felbft nid^t 
)ä§len xoo&m. Sebenfadd ftnb feine ^i^orien nod^ 
nid^t in bem 9ßa|e Gemeingut gen^orben, ba^ e^ für 
ben eingelnen an ber Qdt wätt, fie gu oermirflid^n, 
nnb ^olftoi tl^e meOei<il^ mol^l baran, feine Slnl^änger 
baran )U erinnern unb i^nen baburd^ unfäglid^ unb 
nod^ ba}u Doiltommen nu^Iofed @[enb )u erfparen. 9lber 
n^ld^er 3)o{trinär permöd^te e^ mol^ über fid^ ju bringen, 
bie Sermirflid^ng feiner ti%tmn 2>o{trinen gu befäm^^fen? 
3u einer einge^enberen Sriti! ber S^olftoi'fd^n ^J^ilo«» 
fopi^ie ift l^ier nid^ ber Ort. 3§re Srrtftmer, il^re ©in» 
feiäglett unb ü|re ftarlen Übertreibungen treten trielf<ui| 
beutlid^ l^ertror. Unb bod^ jiemt e^ nid^t, oorfd^nett 
abpurteilen. 9Kd^t cüt^, ma^ äberraf(^nb Hingt, mn% 
unn^ol^r fein. S>a^ eine fielet fidler feft: ber ungel^re 
@egenfa| unfere^ bi^ an bie 3^^^ benmffneten S^iU 
^Itens mit feinem tiidEftd^t^fen, n^al^ntoi^igen |H>lttifd^en 



— 359 - 

uttb focialen Äonhirrenjfantpfc ju ben ntilben unb enU 
fagung^DoOen £el^ren ^l^rifiti. 3Bie man barüber aud^ 
bcnfen mag — überall fprubctt auö ben ©d^riften XoU 
fiotö ber lautete Duell einer reinen ©efinnung, überall 
fül^len mir ben ^ul^fd^lag eineg ^erjenS, bag mit ben 
Seiben ber SBelt marm empfinbet unb mit tieffiem fitt* 
lid^em ©rnfte, mit unerfd^rodener SBaJ^rJ^eit^liebe unb 
inniger ©otte^fel^nfud^t nad^ ben ©ipfeln ber ©rfenntni^ 
ftrebt . . . 

Site SDid^ter fielet Slolftoi 2;urgeniem ebenbürtig jur 
Seite, übertrifft il^n ber lefetcre aud^ burd^ ben „euro= 
pcKfd^en" ©cl&alt feiner ©d^riften, fo twrfügt Xoljlm ba* 
gegen übex: größere Urn)üd^{tg!eit be^ @mpftnbeniS tmb 
@e{italten^ unb ein tiefer bringenbed nationale^ SSer« 
ftonbnid tuffifd^er äSolföart. 911^ geifboUer unb fül^ner 
2)enfer, mie aud^ al$ ^ielbemugter, marmfül^ber 
Si^arafter, ber ben 9Rut l^at, ju leben^ mie er fd^eibt^ 
unb pi fd^reiben, mie er benft^ Derbient er bie grd^e 
^eilnal^me imb ^od^ad^tung. 2Ber aber fd^on auf biefen 
ruffifd^en ^aufi ba^ SBort anmenben miU: „(S^ irrt ber 
3Renfd^, fo lang er ftrebt", ber oergeffe aud^ bad anbere 
nid^t: ,,SBer immer fkebenb fid^ bemül^t, ben lörnien 
mir erldfen.^ 




JBott 3of6 €i6eöataB. 



^^ie SßiRenfd^aft tfi IrttemoHonal, bie flunfi natio» 
"*ijai nai", fo tautet ein ^äufig oufgefteDteS, anfle6= 
Iii$ uitanfei^tbareS 9tEiom. ©olc^e attgemeinen SÖ^e 
entl)alten ja SJa^r^eit, fmb aber noc^ nic^t Sßn^t^eit. 
anot^emotil, f li^fit, 6l»emie, otte te^nifc^cn 381^611' 
fd&flften Rnb geroi^ burd^auä international. 3e ^S^er 
man ober von ben einzelnen ^i«ct;}[inen juc einen unb 
tttigemeinen aSJiffenfc^aff emporfteigt, umfometir inifc^en 
ftd^ unbenm^t bent ^orfd^en unb 3)enlen inbiDibueQ« 
notionate SRomente bei. Sie ^fitlofopl)ie ©pinogaB 
unb äßofeS 3nenbe[fo^n£ j. 39. Iiat man aU national^ 
iiSraefitifc^, ble S>4t*S w"*' Äantä als nationaI=beutf(i^ 
bejeld&net. dagegen finb bie teifften fflunfiroerte ©^o(e= 
fpeoreS, ©oet^eS, aRoliöre«, Seet^ooene, StofaeES u. f. m. 
nic^t nur nationale, |onbetn auc^ internationale. 3)er 
Soum ber Äunfi rourjett jroac im nationolen Soben, 
empföngt non i^ra bie befruc^tenben ©äfte. Se tjöfier 
er aber emporftrebt, je teii^er er feine Ärone entfaltet, 
umfomel^ Sönber unb SBöKer jie^t er unter feinen 
©i^atten, b. ^. um fo intemationater loirb er. ©uropo 
ift fein bloßer geograp^ifc^er, fonbem au^ ein ef^ifd(ier 
Äulturbegriff, unb man braucht noc^ fein „Batec[anbS= 




3)011 3ofe £cf)cgarai). 



- 361 - 

lofer ©efelle" ju fein, um biefen Segriff örunbfafelid^ 
pi^er }U werten ate ben ber Station unb beg SSaterianbeg. 
©in ^princip bem anbem unterorbnen, i^eifet nod^ nid^t, 
eg mifead^ten. 

©tauben wir S)eutfd^e nid^t fojufagen ein ^patent 
auf unfere „2;iefe" unb „©rönblid^feit" }U beft^en? 
Unb pflegen wir nid^t bie romanifd^en SSötter im all* 
gemeinen etmag von oben i^erab afö leid^tftnnig, fomö* 
bianteni^aft , oberfläd^Iid^ , d^aumniftifd^^engl^eT^ig ahixu 
urteilen? ©o lange mir ung babei etma^ ©elbftfeitif 
unb unterfd^eibenbe Sefd^ranfung auferlegen, mag's 
immerl^in barum fein. SEBirb aber ber 3Kunb gar ju 
t)oII genommen, fo brangen pd^ nntm bod^ allerl^anb 
aSergleid^e auf. SBeld^er unferer reaßftifd^en ©d^rift* 
ftetter fönnte ftd^ j. S. an geroiffenl^after „©rünblid^*» 
!eit" mit einem S^la pergleid^en? Söfire 3<^l^ ^^^^^ 
ber Unfrigen, mir müßten i^n ate ben ^ppu^ eines 
ed^ten beutfd^en ^ßebanten unb S3ilbungSpl^ilifterS be* 
jeid^nen. (Sr fd^reibt feine ^tilt, ol^ne poriger ben (Segens 
ftanb bis ins einzelne ftubiert ju l^aben. SBiH er eine 
®ifenbal^nfal^rt fd^ilbern, fo befteigt er oori^er bie fiofo« 
motit)e; befd^äftigen il^n juriftifd^e 5ßrob(eme, fo mirb 
er im 3uftijpa(afl „Jlriminalftubent". SlHem, roaS 
Söiffenfd^aft l^ei§t, bringt er eine gerabeju l^eilige ®l^r« 
furd^t entgegen ; er glaubt an fie mie nur ein berliner 
Söeifebierpl^iHfier an bie „SEBiff^ufd^oft" glauben fann. 
Söir d^riftlid^en (Sermanen ergoßen unS jmar aud^ an 
3ola'S SBerfen. Ob aber gerabe an il^rer ,,miffenf(^aft« 
lid^en" ©rünblid^feit fo fel^r mie an il^ren intereffanten 
SRubitäten, bie bod^ bem beutfd^en Söefen angeblid^ fo 
fel^r miberftreben? Unb nod^ mel^r ergöfeen mir uns an 
ben framöftfd6cn Unftttenbramen, Suftfptclen. ©dftmÄnfen. 



— 362 — 

2)er abi^ub von ber ^rifer Xafe( ifl für bie @tobt 
ber Jtird^enbauten gerabe gut genug. Unb imfere eigenen 
X^terfitüd'^abritanten? %^, bie ntöd^ten ja fü gerne 
im fran}öftfd^en @eifte fd^teiben, fte (önnen'iS nur (eiber 
nki^t! äSBa^ gäben fte nid^t für einen „%afL Clemenceau" 
über eine „3Rabamt SoniDarb^! Unb fo tauft ouii^ 
ber ntoralifd^ jerlunt|)tefie , in feiner fyimtd tmvx ge^ 
(annte fronjöftfd^ fiomöbienfd^reiber immer nod^ ®efa^, 
Don einem beutfd^en Jtoflegen bift aufiS ^ernbe ^mtd« 
geflebbert^ gu merben. (&^ iß fd^ier ungtoublid^, »ie^ 
Diel Don bem Stepertoire ber Serliner SSöi^en m& 
franjöfifd^n Slutoren jufammengefio^len ifL 9ä^t aüe 
beutfd^en — ,,SBearbeiter^ ftnb fo e]^r(i<i^, auf htn 
^eater}ette{ ju fe^n: „'Sta^ einer franjdftfd^en ^bee'' 
ober berg{eid^en. SSoüenbiS afö weiter 9iabt mu^ aber 
jener S^ebermann erfd^einen, ber fäi^Iid^ ben Sormurf 
be^ ^lügiatd noO tieffter ftttlid^er ®ntrüftung atö nieber« 
träd^tige „SSerleumbung" branbmorfen (onnte, ba er ja 
bie 3[bee }u feinem StädCe von bem franjöftfd^en SDid^er 
£• !)• gegen S3at^^[nng als red^tmä^igeft Eigentum 
{äufttd^ ermorben l^abe, moräber äSertrag bei ^dijc Sfod^ 
@rben, SBerlin, beponiert unb für jä^ermonn }ur &n^ 
fid^ aufgelegt fei! — 

SEHe ^bromatifd^ ftunfl'', bereu fui^ baS ghtblibtm 
ber beutfd^en äVeid^Si^auptftabt erfreut, tft Jbelanntlid^ 
aQtS anbere el^er aU nationat^beutfd^. Unb gem^ bte 
etnl^mifd^n neueren @i^gniffe ftnb mit Derfd^minbe»« 
ben SEuSnal^men über jeben SSerbad^t ^^beutfd^er ^efe'', 
„beutfd^er ©emütSinnigEeit", „beutfd^n ftttlid^en ©mfleiJ" 
t)SQig erl^aben. 2)agegen mad^t ftd^ auf unferen S&l^ttat 
mo^ ein €l^auDiniSmui^ breit, ber bod^ nnebentm itair 
in romanifd^en unb flarifiä^en Sönbern t^orfommen foR. 



- 363 — 

3Kan benfe an bie tiiofe* unb feitiffofen aSerl^intmelungen 
ber ^ol^cnjoBembpnafUc, bie tüirtlid^ befferc S)id^ter t^er* 
bient i^ötte! »efonber« ber gute alte Äaifer aBill^elin 
i^at fid^ bod^ !aum etioad ju Sd^ulben lommtn {äffen, 
Tüaö eine fo fd^toere bid^terifd^e Sßemefig tüie ben „SBiUe» 
l^olm" beg iQerm t)on SBilbenbrud^ red^tfettigcn Önnte, 

aBo bleibt benn nun aber unfere ,,beut|^e Xiefe"? 
Sßir ftnben fte i^eute beinal^e fd^on el^er im 9lu^(anbe 
old bei un^. S)a ift — id^ greife nur einzelne 92anten 
l^eraui^ — Qbfen im Slorben, 2;oIftoi im Dfien^.Sourget 
im SBeften/unb „fem im ©üb, im fd^änen ©panien" 
®on3of6 ©d^egara^, ber SBerfe gefd^affen l^at, bie 
mol^l aQen äbifprüd^en geitfigen, meld^ man gemeinigUd^ 
an beutfd^e ^iefe, beutfd^en ftttlid^en @rnfi unb ma^ 
berglei^^ angebUd^ nationale @tgenf d^often unfered SolIeiS 
mel^r ftnb, }u fteSen pflegt, ©eine beiben i^auptn>er{e 
finb smor aud^ auf beutfd^en Süi^nen aufgefüi^rt mor» 
ben, aber bad i^ingebung^DoDe SSerflänbnü^ , bie nad^« 
l^ltige Semunberung unb ä3eliebtl^eit, beren fte ftd^ bei 
ben romanifd^ Sanbi^teuten bed ^id^teriS erfreuen, l^ben 
fte bei uni^ rrtiefen Sermanen'' nid^t gefunben. 9lad^ 
einem ©enfationöerfolge, ben fie moi^l mel^r bem Steige 
ber 9leul^eit al^ einbringenbem Serfitänbniffe gu banlem 
l^atten, finb fte bei uni^ mteber fo jiemUd^ in ben hinter« 
grunb getreten. 

39f6 (Sd^egara^ lourbe ate ber @ol^ eineiS ^feffer^ 
ber gried^ifd^n ©prad^ 1832 ju Stabrib geboren. 3>ie« 
f elbe Sngenieurf d^ule ju 9turda, loeld^e i^m feine äbid« 
bilbung gab, ftefieSte ü^ fpäter )u tl^em ^ofeffor. 
©eine Utterarif d^e ^§atig!eit befd^ränfte ftd^ pnäd^ü oitf 
pl^^talifd^ unb mo^matifd^e äbrbeiten. S)ie ^eDolu« 
tion üom 3al^ 1868 lodEte i^n oui^ ber ftiOen ^ubier^ 



— 364 - 

flu6e auf bie poUtifd^e 3lrena l^eraui^, unb jtoar mit 
fotd^em (Srfolge^ bag er nid^t nur ein i^eroorragenbeS 
SRitgtleb ber ©orte«, fonbem aud^, 1873, vom Äönig 
älmabeo tum ^anbefö« unb Unterrid^tdminifter ernannt 
n)urbe. SBalb barauf beginnt fein 9lame atö S)id^ter 
ju gtänjen. SBom Saläre 1874 ab, in roeld^em er mit 
^La esposa del vengador** („2)ie grau beg SRdd^crg") 
feine bramatifd^e Saufbal^n eröffnet, batiert bie fpanifd^e 
Saline einen neuen glanjDolIen 3(6fd^nittt il^rer (SnU 
roidlung. 3m Saufe weniger Sa^re befd^enfte er fie 
mit 30 ©tüden — ein Sieid^tum, ber an bie fprid^= 
toörtlid^e grud^tbarfeit feiner ßanbsleute ©afberon unb 
fiope erinnert* S)iefe SSerfd^meljung be^ füllen ©etel^rten 
mit bem fampffroi^en 5ßolitifer, beg trodfenen 3Ratl^e« 
matiferd unb praftifd^en ^anbefeminifterö mit bem 
größten jeitgenöffifd^en S)id^ter feinet SSaterlanbeg ift 
mol^I einjig in il^rer Slrt. Unb nun faffe man nod^ 
inbefonbere bie reid^e Iprifd^e Slber beg 3Kat]^ematifc 
profefforö unb ^anbefeminifter^ in^ Singe, bie ftd^ 
namentlid^ in feinen älteren ©tüdfen offenbart. 

®ö pnb bag mit aller S3tütenprad^t einer bilber* 
reid^en ©prad^e auögeftattete S)id^tungen oon füblid^er 
Seibenfd^aft unb 5ß]^antafte. ©d^egarap ift bort nod^ 
ganj SRomantifer mit jenem auögefprod^enen ^ange jum 
©raufamen unb gurd^tbaren, ber im fpanifd^en Srtationat» 
d^arafter ju liegen fd^eint unb oietteid^t aud^ in ben 
mobernen 35ramen, bie uniS l^ier ooi^ugämeifc befd^äf* 
tigen fotten, burd^fd^immert. 3Rel^rere jener romantifd^en 
©tüdfe l^at \m^ 3»ol^anneö gafienratl^ in beutfd^er ©prad^e 
»ermittelt, fo „SDie grau be^ Släd^erä", „3m ©d^atten 
be^ S;obe§" u. a. Söirb aber fd^on l^ier ber oon Ipri^» 
fd^en Sötumen überfäete Soben ber ^anbtung oon ed^t 



- 865 - 

realifiij'd^em 33Iute befrud^tet, fo i^at ©d^egarat) nament* 
lid^ in jroei ganj tnobernen ©ramen dn SBcrfiänbni^ 
für bie 2luf gaben beg roal^ren SleaßSmu^, eine ^öl^e 
fittlid^er Slnfd^auung, eine SBud^t fünftlerifd^er S)arftel= 
lung befunbet, bie ju rftdE^atttofer Serounberung l^in» 
reißen muffen. S)iefe beiben S)ramen finb aud^ in 
3)eutfd^(anb befannt geworben: ,,®aIeotto" (j^Elgran 
Galeotto") unb „Sßal&nfinn ober ^eiligfeit?" 
(„0 locura o santitad?*'); bag erfte (eiber jumeifi nur 
in ber ^Bearbeitung oon 5ßau( Sinbau, bag jroeite in 
mel^reren ^profaübertragungen. 

„©aleotto"! SßJer ifi ©aleotto? eigenttid^ ber 
aSemtittter jroifd^en ßanjelot unb ©ineora in ber 2lrtug= 
fage, in übertragenem ©inne aber ber 3lrtu^roman ate 
bag S3ud^, meld^eg in S)anteg göttUd^er Äomöbie gmifd^en 
grance^ca oon SKmini unb 5ßaolo ben Äuppter mad^t. 
©off bod^ „©ateotto" ju ^ank^ 3^it^^ ^^^ ©ammet 
name für Siebeöoermittler überi^aupt geroefen fein . . . 

„@§ roat ein fonniger grül^lingStag, 
S)ie Suft war linb unb Ifteiter; 
6ie (ofen ba§ Q3ud& com ßanjelot, 
S)em tapferen ?lrtuSftreiter. 

S)cr (äd^dnb bem 2!obe ins ^lugc gefd^ant, 
S)er fül^nftc unter ben SRittcrn, — 
^I§ er üor feiner Rönigin ftanb, 
%J)Ht er erröten unb jittem. 



S)od^ für ben Wöben fianjclot 
©in Klügerer warb jur Stelle: 
S)cr Röniß ©aleotto roar'S, 
@in gar gefäD'ger ©efeUe. 



— 366 — 

ttnb M fit in SauielotS Vrmen laq, 
Sie {d^nfte bec ftdnidinnen, 
9[(d fte htm ftöiüg bie Xreue bra^, 
Sc(|lt4 ®a(eotto oon Irinnen . . . 

%cA iDor bie 6ef<^t<^e oon Sanjelot, 
Sem fä^nen Vrtudftreiter. 
Sie (afen }ufammen bad alte ^nä^ — 
Sie Suft n)ar Itnb unb l^etter. 

Sie atmeten tief unb feufjten bang. 

(H fc^ürte bed ^erjend ^I^^mmen 

Sa« ©ucd — i^r (Salcotto warb*« — 

ttnb fül^rte bie beiben )ufammen. 

ttnb ibre ©liefe fuc^en fi^ — 

Sie fiuft n>ar linb unb i^iux, 

ttnb i^re Sippen fanben ftcife — 

S^iun lofen pc m^t roeiter . . .'^ (Einbau.) 

So toarb ba« SBud^ ium Kuppler, unb ein JluppUr 
ifl ber ^Ib beiS 2>ramaiS, ber groge ^ppler „el 
gran Galeotto^ genannt^ nad^ bent ©aleotto bed S3ud^ed. 
Unb toer ifl nun biefer gto^ Äuppler? 

//3ö/ i>^^ in meinem S)rama bie erfle SHoIIe fpielt, 
S)er SRiefe be« ^al^rl^unberte — bie öffenttid^e 
SR einung — ba^ Ungetüm mit taufenb Äöpfen unb 
taufenb Sw^S^t, Unb jjebe von biefen Sangen fpielt 
in meinem ©tüde ii^re 3lolIe, frcilid^, eine äufeerfi furje 

— ein einjigeg Söort. 3?od^ meniger — ein blo^e^ 
Sad^eln leintet bem SRüden eine§ anbeten, 3lo^ weniger 

— ein bloßer Slid, aber ein fold^er, ber mel^r au^* 
fprid^t afe ber längfie ©afe!'' 

®i5 ifl ber junge ©id^ter ©mefto, ber in biefer Söeife 
ben ©ebanfen au^einanberfefct, ben perföntid^e ©rlebniffe 
in i^m mad^geruf en l^aben ; ben ©ebanfen, ber nid^t nur 



— 367 — 

feinem, fonbem oud^ bem ©d^egarap'fd^en S)raina felbfi 
ju ©runbe Hegt 

@meflo Ift ein junger 3Kann, ber t)on ben guten 
2:i^aten feinet SBaterS lebt. S)er ^at ben Kaufmann 
S)on 3ÄÜan, afö biefer einftmate am Sftanbe be^ SBer* 
berbend flanb, burd^ 2luf Opferung feineiS gönjen Sßer* 
tndgeni^ gerettet. S)afür i^at nun @rnefio bei bem bau!« 
baren ücitertid^en greunbe unb beffen ©attin bie liebe* 
tmSfle älufnal^me unb pflege gefunben. 93ebenllid^ ift 
nur ber Umftanb, bafe S)on Julian ein alter ^err, 
feine ©attin bogegen faum s^anjig S^i^re alt ift. 2)a 
mm @mefto auf ber meiten ©otte^melt nid^td anberei^ 
}u ti^un i^at, al^ feinen bid^terifd^en planen nad^ul^än:' 
gen, fo ift e^ fein SBunber, ba^ ber müjjige junge 3Rann 
ben größten 2:cil be^ 3;ageö baju t)em)enbet, ber fd^önen 
jungen grau bie Sangemeite ju t)ertreiben. Site treuer 
älitter mad^t er mit i^r tägtid^ lange Spaziergänge in 
ber ©tobt, begleitet er fie jeben 2lbenb in bie Dper 
unb von bort mieber in oorgefd^rittener 3iad^tftunbe nad& 
^aufe. S)ag gefd^iel^t in aller (ginfalt unb Unfd^ulb. 
Äeiner oon beiben benft fid^ etma^ ©d^limmeg babei, 
unb 2)on Julian märe ber leftte, au bief em ^armlofen 
aSerfel^r Slnftofe ju nel^men. 2lber bie Seute, bie Seute ! 
„SHe ganje SBett" xoti^ mit ©ntrüftung von einem un^ 
ftttlid^en SSerl^ältnid jmifd^en @mefto unb ^i^eobora ;u 
erjöl^len, nur fie felbft l^aben {eine Sll^nung oon einem 
fotd^en, unb aud^ ^on Julian meig nid^t^ baoon. 9lber 
— Tooju l^ätte man benn feine guten greunbe, feine 
lieben aSermanbten?! ©mefto wirb t)on bem Steffen 
3uliani^, bem bo^l^aften, fd^lauen 5pepito, mit einem 
i^armlofen S3erid^te au^ bem SBirfung^freife beg grojjen 
„©aleotto"' bebad^t, ma^ in i^m moralifd^e Sntrüftung 



- 868 — 

unb ben oben gefd^itberten btatnatifd^en ^ian l^eroor« 
tuft, — Julian t)on feinem ©ruber ©e^ero, S;i^eobora 
von il^rer ©d^roägerin SRercebeg in« ©ebet genommen. 
Bunäc^ß ifi unfer btöl^er fo glttdlid^e^ ftleeblatt über 
bie n)o^lgemetnten äBomungen im l^öd^flen ®rabe empört, 
aber bie @aat ifl aui^geftreut, unb fein Römlein be^ 
großen SäemanniS ,,®aleotto" fällt auf unfrud^tbaren 
Soben. 

©rneflo trennt ftd^ oon feinem oditerlid^en greunbe. 
S)ie SIrennung l^at jebod^ bie SBunbe nid^t gel^eilt. 

„3^ weife, bafe id^ i^r (X^eobora) unre^t tl^ue mit 
meinem Slrgrool^n/' bemerft Julian ju feinem fflruber, 
„menigfleniS büS jeftt. 3d^ bin oor 2;i^eobora ber eifer^ 
füd^tige 3?arr, ber Duälgeift, ber S;9rann — unb er ber 
ßbte unb ©rofel^ei^ige, ber um iJ^retroiHen il^r ^au^ mit 
einem Jläfig oertaufd^t l^at ! SPlit bem ©lorienf d^ein beö 
SKärtprerÄ l^at jeber junge 3Rann einen ^eipafe ju atten 
grauenJ^ei^en, unb in biefem Äampfe mufe er geroinnen, 
roaö id^ oerliere — baö liegt ja auf ber flad^en $anb, 
Unb fo mirb allmäl^Hd^ bie SBelt mit il^ren 
fiügen jum Äuppler jmifd^en beiben, unb je 
frdftiger fle beteuern : ,3Bir lieben einanber nid^t!* befto 
el^er merben fte einanber in bie 2lrme finfen." 

©mefto l^at ftd^ entfd^Ioffen, feiner ^eimat ganj ben 
Slüdfen ju feieren, eine Slbpd^t, bie S^Kan oeri^inbern 
miH. S)a erfährt er, bafe fein junger ^Jreunb nod^ einen 
(Sl^renl^anbel au^iufed^ten i^at. 3n einem 6af6 l^at man 
in fd^nöber SEBeifc bie grauenel^re ber S)onna S;^eobora 
verunglimpft, ©mefio mar S^wge be^ ©efpräd^^. ©tatt 
aber, mic eg fid^ gebül^rte, Julian oon bem 58orfall in 
Äenntni§ ju fefecn unb il^m bie SBerteibigung ber ®^re 
feiner ©attin ju überlaffen, l^at ®rnefto fid^ felbft jum 



— 369 — 

Flitter ber oerl^eirateten 3)ante aufgeworfen, ein Um* 
ftanb, ber natürlid^ bem Älatfd^ neuen, reid^lid^en Stoff 
jufül^ren mn% QuUan eilt in grimmer greube, ©rnefto 
jUDorjufommen. 

Srtun l^at aber aud^ Sll^eobora von bem beoorftel^en« 
ben S)uell Kenntnis erlangt, ©ie magt baiS SSeben!^ 
Hd^e, fie befud^t ®rnefto in feiner SEBol^nung, um il^n 
oon bem ^rotüamp^e jurüd jul^alten , ber mittlermeile 
t)on ii^rem (Satten au^gefod^ten mirb. S)ie Umftänbe 
motten e^, bafe man biefen, töblid^ permunbet, in bie 
aOBol^nung ©meftoö bringt, S)effen SSerfud^, SJI^eobora 
ju oerbergen, erl^öl^t nur bag SBerbäd^tige ber ßage, in 
meld^er fie oon il^rem (Satten erblidt mirb. „SBBer ift 
ba^? 2:i^eobora? ^ier!?" ftö^nt ber Unglüdlic^e, fd^ier 
iufammenbred^enb unter ber ßaft feiner förpertid^en unb 
geiftigen Dualen, 

$at „ber grofee (Saleotto" nid^t red^t gel^abt? ®ö 
ift nun fonnenMar — fte lieben einanber! „S)ie ganje 
SBelt", bie fld^ bie abenteuerßd^flen (Sefd^id^ten crjäl^lt, 
meife eS; fie mu^te e« lange fd^on, fie mu§te eg fd^on 
ju einer 3^it, aU biefe Siebe nod^ gar nid^t oor* 
i^anben mar. 3l\m aber muffen fie il^re SReigung 
eingefiel^en. Slfö SJl^eobora dou il^rer ©d^roägerin er- 
fäl^rt, bafe ®rneflo ben SSerleumber in einem peiten 
S)uett erfd^tagen l^at, ba ruft fte lebl^aft : „S)er SRutige! 
ber S;apfere!" „^üte bid^/' marnt fie 3Kercebe^, „t^ 
giebt feinen fürjeren Sffieg jur Siebe atö bie SBemunbe« 
rung." S)aö fei ber er fte ©d^ritt, fo fange eg an. 
Unb alö fid^ SJI^eobora barüber befd^wert, ba§ il^r (Satte 
fie mit feinem SSerbad^te gefränft l^abe, ba belel^rt fie 
3Kercebeö: „©elränft? SDai^ ift ber jmeite ©d^ritt! 
SBer eine grau gefränft l^at, ber fann fidler fein, ba§ 

0. 0rott^u|, Probleme unb S^arafterföpfe. 24 



— 370 — 

er aud if)xtm ^erjen binnen furjer S^it Derfd^winbet." 
Unb nad^bem i^r bte SSebouerndmerte t)et}n)eif[ung^t)oQ 
geftei^t, bag fie nad^ oUebeni^ xoa^ man i^t übet il^re 
eignen ©efül^le mitgeteilt, felbft nid^t mel^r miffe, roa« 
fte Don i^rer (Sf)xt ju l^alten l^at, ba fann bie gute 
©d^roägerin bod^ nid^t iiml^in, il^r menigften« beijubrin» 
gen, bafe ®rnefio fie, X\)toboxa, wie ein SBal^nfinmger 
liebe. 

(Smefto tft gekommen, um 3lbfd^ieb ju nel^men* S)er 
franfe Sulian l^ört feine ©tiiume im SWebenjimmer. 3Rit 
bcm 2^obe ringenb, erfd^eint er auf ber ©cene: „S^ftt 
TOill id^ enblid^ bie SBal^rl^eit wiffen — ob in euren 
Öet^en nur baS Sid^t ber greunbfd^aft leud^tet ober bag 
geuer ber Siebe brennt ? ©rnefto l^ierl^er ! ?lod^ naiver ! 
(®r l^ält mit ber Siedeten bie oor il^m fnieenbe 2:i^eobora 
feft unb mit ber Sinfen fa§t er ©mefto^ 2lrm.) ©d^aut 
eud^ in bie Slugen! 3lSS)tx — ncil^er! (®r jmingt bie 
beiben mit ben ©efid^tern aneinanber.) 

S^l^eobora fäl^rt mit einem aingftfd^rei jurüd. 

©rnefio ret§t fid^ von Julian lo^. 

Sulian. Sie lieben fid^! (3u ©eüero unb 3Rer= 
cebe^, bie il^n ftüfeen.) $abt i^r'i^ gefeiten? ©ie t)er* 
mögen nid^t einanber rul^ig in baiS Sluge ju fd^auen! 
(6r reifet fid^ in einer legten frampfl^aften älnftrengung 
aller feiner Äräfte von ©eoero loi^ unb fd^manft auf 
®rnefto ju.) SSerrater! S)od^ bet)or id^ fierbe, roiH id^ 
bir bag ©d^anbmal auf bie ©tirn brädEen! (@r l^olt 
jum ©daläge au§.) 

©rnefto (fpringt mit einem ©d^rei iurüdE unb mitt 
im näd^ften 2lugenblidE inftinftit) auf Julian lo^ftürjen). 

© e D e r (ftüfet ben leblog juf ammengef unf enen Julian 
unb ftredft ©mefto abmel^renb bie §anb entgegen). 3d& 



— 371 — 

übcrnel^me bie aSeranttüortung — in einer ©tunbe ftel^e 
id^ }ur 58erfügung! 

Julian ftirbt, unb ©eoero ift im Segriff, bie un= 
gtüdtid^e grau feinet ©rubere oon ber S)tenerfd^aft auf 
bie ©trafee J^inau^föl^ren ja laffen, „rool^in fie gel^ört", 
afö @rnefto bie ol^nntäd^tig Umfinfenbe in feinen 3lrmen 
auffängt. „3?iemanb," erHärt er, „fott eä wagen, an 
bief e grau ju rül^ren ! ©ie ift mein ! Äomm, ^l^ebböra, 
bie SSBelt treibt ' bid^ in meine 3lrme ! Unb il^r fönnt 
mit bief er testen SReuigfeit burd^ ade ©tragen laufen! 
2)od^ wenn eud^ jemanb fragen foDte, mer un§ beibe 
einanber in bie Slrme fül^rte, bann mögt il^r allen 
ßäfterjungen einen ©piegel vox bie Singen Italien, einen 
einjigen ©piegel für ganj aWabrib! 3a — unb ber 
Fimmel mirb bereinft rid^ten jmifd^en tuä} unb un^!" 
(®r prefet ^l^eobora in feine 2lrme unb menbet fid^ mit 
il^r jum 2lu^gang.) — 

aifo boc^? 

„©aleotto" l^at fein SBerf üottbrad^t. SBie ber 
fterbenbe Julian bie ©eftd^ter beS jungen aWanneS unb 
ber jungen grau aneinanber gejmungen, fo i^at bie 
2Belt, bie öffentlid^e SWeinung, baö Ungel^euer mit taufenb 
Slrmen unb taufenb Sangen, bie ^erjen ber bciben ge= 
maltfam jufammengefügt. ^a, i^r ßo§ ift ein l^arte^, 
für fie werben bie SRofen ber ßiebe nid^t fü&e 2)fifte, 
fonbern t)erberblid^en (Siftliaud^ atmen — bag fül^len 
mir beutlid^ am ©d^luffe be^ S)ramag. 2lber ifi biefe^ 
&o^ ein fo gänjlid^ untjerbienteS, finb bie beiben mirf* 
lid^ fo ganj unfd^utbig, mie ^ßaul Sinbau baö in feiner 
^Bearbeitung barjuftetten fud^t? 

S)ie „gute ©itte", bie Diel befpöttelte, l^at il^re 33e* 
red^tigung, bie nid^t minber tief begrünbet ift ate irgenb 



~ 372 — 

ein anbereiS ©efe^. @ie ift bte ^flterin ber @ttt(id^Ieit, 
fte ift gemiffemtagen bie irbtfd^e SSerlörperung ber 33itte 
ht& SSaterunf eriS : ,,Unb fä^re und nid^t in SSerfud^ung!'' 
jtein 3Renfd^ fielet fo ^od^, bag er nid^t faQen (önnte 

— in ben Sttgrunb beg fittlid^en SSerberbend. Unb ift 
t& nid^t firafn)ürbig ^ xomn n)ir ed untemel^men ^ ba& 
fd^ä^enbe @elänber abjubred^en, boiS eine n)eife 9ße(t^ 
orbnung in ber gorm biefer /,gutcn ©itte" um unfern 
i^ifd^en Xbgrflnben fo fd^mat ftd^ l^infd^Iängelnben 
Sebendpfab gebogen i^at? Unb mmn n)ir felbft und 
wirllid^ auf ben ^öi^en bed fiebend fd^n)inbelfrei fügten, 

— mit weld^em Ked^te bürfen mir barum bie ©d^ranfe, 
bie ben ©d^mad^en fd^üfet, nieberreifeen? ©etbfl bann, 
wenn für @rnefto unb S^l^eobora wirKid^ jegüd^e ®e* 
fal^r audgefd^loffen geroefen wäre, l^ätten fie bod^ fein 
5led^t gei^abt, bie gorberungen ber ©efeUfd^aft mit 
güfeen ju treten. Ober ptten wir nur bad }u fd^onen, 
mad und perföntid^ Sßorteile bringt? 2)ad läge vkU 
leidet im ©inne einer 3bfen'fd^en grau Srtora, ©d^egarap 
benft anberd barüber. 

„$Rel^men mir felbfi an," bemerft 5ßepito in einem 
3KonoIog bed britten Slfted, „ba§ il^re ©efüi^le mirf* 
lid^ fo befd^affen ftnb, mie bie beiben felbft bel^aupten. 
SBad meife bie übrige 3Be(t baoon? ^at bie 3Wenfd^* 
i^eit einen ©d^ulbfd^ein unterf d^rieben : 3^ üerpflid^te 
mid^, t)on jebem juft nur bad SlHerbefte jU glauben? 
3)iefer ©laube ift ein fd^mered ÄunftftüdE, wenn man 
jraei junge fieutc immer bei einanber fielet, im S^l^ealer, 
auf ber 5ßromenabe, mand^mal fogar meit brausen im 
©tabtparf. ,®d ift nid^t xodS)x/ fd^mört ©rnefto, bei* 
nal^e niematd fei er mit il^r im ^ßar! gemefen! S3ei* 
na^e niemald? 2llfo mand^mal bod^? ,®in einjiged 



— 373 - 

3nal!* ein einjigeS aWal? SDaS genügt üottfiänbig. 
®enn wenn fte jeneö einjige 3Ral von l^unbert Seuten 
bort gefeiten würben, bann ift c§ gerabe fo gut, afö ob 
fte ootte l^unbert Tlal bort gefeiten würben. ,3d^ l^abe 
fie unlöngfi im 5ßarf gefeiten !* fagt ber erfte. ,3$ aud^ 
einmal,* fagt ber jmeite. Unb ein^ unb eins mad^t 
jroei. S)enn man fann bie 3^wgen nid^t oerl^ören unb 
fonfrontieren, bamit eg l^erau^fommt, bafe eö ba^ gletd^e 
aWa( mar. ,3d^ l^abe bag ^ßaar aud^ im 5ßarf gefeiten,* 
fommt ein britter, unb fo gel^t cS fort über t)ier unb 
fünf big l^unbert! Unb bie ßeute jäl^Ien unb 
abbieren alle ganj el^rlid^ unb im beften 
©lauben . . ." 

Sd^ meine, ba§ biefe SKu^fül^rungen nid^t unbered^tigt 
pnb. Unb bann — ifl benn ba§ ^jJaar, baö fo fül^n 
bie ©tüfeen ber guten ©itte megmirft, mirflid^ fo ganj 
— fd^minbelfrei? 

3m jmeiten SKfte fe^t S)on Julian feiner (Sattin 
bie 5piäne au^einanber, bie er für feinen lieben ®rnefto 
erfonnen l^at. „$aft bu nod^ gar nie baran gebadet," 
fragt er fte, „bafe mir aud^ eine grau für ©rnefto 
braud^en?" 

S;]^eobora (erfiaunt). „®ine grau?" 

Unb nad^bem Julian nod^ bemerft, ba§ ®mefio 
feine ©attin mol^l faum in fein, 3uliang, $aug fül^ren 
fönne, antwortet 

S;]^eobora (in ©ebanlen): „(Semife, baiS l^ei§t, 
natürlid^ nid^t. S)od^ xomn er aud^ nid^t mel^r l^ier 
ift, mir braud^en il^n be^l^atb nid^t meniger (fie fiodEt, 
leife) }u lieben. Unb menn er mirflid^ glüdElid^ mirb 
(fie blidEt t)or pd^ l^in), mir beibe merben eö mol^l aud^ 
fein — gemife! Unb xomn er Jlinber l^at — einen 



— 374 — 

Änabcn (i^re 9)liene crl^ettt fid;) utib wir ein aKäb*= 
d^en — bie foücn cinanber ^aben! ^a, von 
iOer}en foüen fie fid^ lieben unb }u einem 
5paaren)erben!" (Smefto gefielet f einerf eitö im lefeten 
Slfte^ bag er Sl^eobora feit jel^er geliebt l^abe unb fie 
in ade @n)igfeit lieben merbe, ba| feine Sxtie aber nid^t 
jene oon ber ©trafee fei: „3Keine 2itbz Iniet auf ben 
©tufen beg SlltariJ, unb nid^t begierig ftredE' id^ meine 
§änbe aui5, fonbem betenb öör bem Silbe ber aJlabonna!" 

3a, ha» mag nun aHeg fel^r el^rlid^ gemeint fein, 
wer fann l^ier aber fagen, mo bie reine Siebe aufhört 
unb bie fünbl^afte anfängt? 

yta^ aUebem mdren alfo bie böfen £äfterjungen 
ooHfommen im SRed^t gemefen, fie l^ätten ein gutes 
Sffierf getl^an, inbem fie brei ajfenfd^en burd^ il^re 2;i^ätig* 
feit in bai^ aSerberben geftürit l^aben, unb alle biejenigen, 
bie jebe 33lö§e il^re« SRäd^ften, jeben aSerftojs gegen bie 
„gorm" ju ben boi^l^aftefien SSerleumbungen au^nufeen, 
lönnten burd^ bad 3)rama in biefer ©epflogenl^eit nur 
befräftigt werben? 

S)ie ®rö§e ©d^egarapä jeigt fid^ un^ erft bann im 
oollen Sid^te, romn wir an bie Unterfud^ung biefer ?Jrage 
gelten. ®§ ift feine bid^terifd^e ©ered^tigfeit, feine wal^r* 
^aft tiefe fittlid^e 2lnfd^auung, bie fid^ l^ier in bewunbe* 
rungSwürbiger SBeife funbgiebt. SBol^l l^aben bie brei 
gelben unfern ©tüdfeö eine fd^were tragifd^e ©d^ulb 
gegen bie ©efeUfd^aft ju fül^nen, wol^t l^at bie „gute 
©itte" il^re unbeftreitbare Sered^tigung, wol^t erfd^einen 
aud^ bie böfen SKäd^te ber SUJi^gunft unb aSerteumbung 
in bem ©tüdfe fittüd^en ©nbjweden untertl^an — ba^ 
aber ift aHeg nur SSorauöfefeung einer wal^rl^aft d^rifi«» 
tid^en, l^armonifd^en aSBeltanf d^auung , in weld^er ha^ 



- 375 * — 

S3öfc eBenfo mt ba§ ®ute im SDicnftc einer eroigen 
aßei^^eit unb 3iamad^t fte^t. 3ft bag SBöfe barum aber 
nad^eiferungi^roilrbig, roeit e^ mtQ^Qm feinen berou jäten 
Slbjtd^ten bod^ fid^ bem grofeen 5ßtane eines allgütigen 
3Reifterd fügen mn^^ 3)ann wäre ja aud^ SJiepl^ifto 
ein ^eiliger, „ber ftet^ ba^ 33öfe roiH unb fletg baö 
©Ute fd^afft". SDie ©d^ulb ber ©efettfd^aft, bie au8 
©ebanfenlofigfeit ober au^ Suft an ber aSerleumbung 
einem jungen aWenfd^enpaar, baä bi^ jum ®ingreifen 
ber „öffentlid^en aWeinung", be§ „großen ©dieotto", nur 
in einem rein freunbfd^aftlid^en aSerfel^re ftanb, ein un* 
fittlid^eö S8erl^ä(tnig, einen fd^nöben ^^reubrud^ anbid^tete, 
bleibt in il^rer ganjen SBudjt befielen unb ift oom S8er* 
faffer burd^ ben ®ang ber ^anbtung mit aller ©d^ärfe 
gefennjeic^net morben. „3ft benn", — fo fragt 2)on 
Julian feinen öruber ©eoero mit t)oIIftem SRed^te — 
„ift benn bie fogenannte ,8iebe* in biefer fd^mufeigen 
3Bett baä einjige Sanb, ba^ jmifd^en einem 9Kann unb 
einer grau beftel^en fann? &itbt e^ nid^t greunbfd^aft, 
3)anf barfeit, ©eelenl^armonie? Ober pnb mir fd^on fo 
weit mit unferer 33i(bung unb ßioilif ation , bajs ftd^ 
jmei junge Seute nur mefir im ©d^mufee pnben?" 

©emife ift e^ ein niebriger 3ug, eine l^äßHd^e ©d^mäd^e, 
menn ein 3JJenfd^ oon feinem SRebenmenfd^en nur ba^ 
©d^Ummfte oorauSjufefeen oermag, unb biefe 5Riebrigfeit 
üerbient aud^ bann Slbfd^eu unb aSerad^tung, rotnn fte 
unbemußt bafiin mirft, bafe anbere größere, tl^atfäd^tid^e 
aSergel^en oermieben merben — baburd^, baß menfd^tid^e 
©d^mäd^e fid^ felbfi eine ©d^ufemel^r in ber pten ©itte 
aufrid^tet. SBaiJ t)om ©tanbpunfte ber ©efamtl^eit 
in feinen ©nbjmedEen ate l^eitfam unb notmenbig er« 
fd^einen mn^, bag ift üom ©tanbpunfte bei^ einzelnen 



— 876 — 

in feinen Urfad^en DemerfUd^, unb bedl^alb \)at aud^ 
©eDero xt^t, wenn er feinem Sruber auf bie obige 
f^rage antn)ortet: ,,2)tt nintmfl bie ©ad^e von ber 
fa[f(^en @eite. @te(I' bid^ einmal auf bie anbete, id^ 
meine auf ben ®tanbpunlt ber (Sefamtl^eit. 903 ad 
märe bie ^o(ge, menn ftd^ jeber ^audfreunb unb 
jeber Gicidbeo l^inter bem Freibriefe einer eblen ©eelen» 
freunbfd^aft oerfd^anjen bürfte? S)ie ,reinen ^erjend* 
i^armonieen^ maren balb fo jal^lreid^ mie bie Sparen 
auf ben S)äd^em." 

2)a mir felbfl fd^road^e 9Renfd^en ftnb unb unfere 
Slebenmenfd^en aud^ nur gleifd^ unb SSIut, fo müjfen 
mir biefer Unjulanglid^feit unferer angeborenen Slatur 
Sied^nung tragen unb fon)ol^( bie 93erfud^ung afö aud^ 
ben Slnlafe ju irrigen Urteilen Dermeiben, S)a wir 
femer nid^t nur ^ßrobufte oorauiJgegangener ©efd^Ied^ter, 
fonbem aud^ unlöölid^ mit ber ©efamtl^eit ber TliU 
lebenben oerbunben finb, ja, ju biefer ©efamtl^cit in 
einem burd^aud abl^fingigen aSerl^attniffe [teilen, il^re 
SBol^Itl^aten genießen unb unfern Seben^roedf in ber 
Slrbeit für fie erblidfen muffen, fo ifl eine roal^re ©itt» 
lid^feit be« einjelnen mit §intanfe|ung ber SRed^te unb 
©efefee ber ©efamtl^eit ein S)ing ber Unmögtid^fcit. 
Untemel^men mir t^ bennod^, auf bem l^ol^en SRoffe 
fubjeftix)er 9KoraI über bie Umjäunungen unb ©d^u|= 
meieren ju fefeen, meldte bie menfd^Iid^e ©efeHfd^aft ju 
il^rer ©id^erl^eit oor ben 2lbgrünben bed 2thm^ er* 
rid^tet, bann werben SRofe unb SReiter oon ber 2;iefe 
Derfd^tungen. ^ai bürften bie legten Äonfequenjen fein^ 
bie mir aud bem S)rama bed Spanierin jiel^en muffen, 

®i^ ift l^öd^fl bebauertid^, bafe au^er ber SinbaU'fd^en 
^Bearbeitung feine beutfd^e Übertragung biefer meifter* 



— 377 — 

l^aften SDtd^tung im Sud^l^anbet crfd^tenen ifl. ^anl 
Stnbau l^at ben (Scbanfen beS 3)rama^, wie 5prof. 
aUejanber ©ratüetn in ßjernotüife fel^r gcifit)oII 
unb treffenb nad^gewicfcn f)at, jum tntnbeften ganj ein* 
fcitig aufgefaßt unb wiebcrgcgebcn. ©crabe bic eigent= 
Hd^e ®rö^c ber SDid^tung, jene lefete Harmonie ber guten 
unb böfen Äräfte, bie fid^ alle ber bid^terifd^en ©ered^tig* 
feit unterarbnen, f)at äinhan voüiomrmn Demtd^tet* 
aSon ber großartigen 2luffaf[ung ber geringgefd^afeten 
unb bod^ fo fegen^reid^en „guten ©itte". ift bei Sinbau 
faum ein Qaxi^ ju fpüren, unb bamit bem ©tüdfe bie 
roirflid^e 2^iefe genommen. SSon ber unbewußten, fd^Ium= 
mernben Siebe in ben ^et^en ber jungen Seute, oon 
jenen oerftol^ten glimmenben gunfen, bie in ber burd^* 
ftd^tigen 2)arfteIIung ©d^egarap^ ebenfogut in oer» 
bred^erifd^er Sol^e auffladem, mie ium milben geuer 
ibealer ©eelenfreunbfd^aft fid^ oerKären Unntn, burd^ 
bie in il^ren SRed^ten gefränf te ©efellfd^aft aber jur 
oemid^tenben fünb^aften glamme angefad^t werben, — 
oon allebem l^at Sinbau in feiner a3earbeitung wenig 
genug al^nen laffen. 3n feinem „©aleotto" erfd^einen 
t)ietmel^ ©rnefto unb S^l^eobora afö ooIHommene 2;ugenb* 
bolbe, bie oon ber böfen SBelt fd^ulbloö t)erfotgt 
werben, eine S)arfleIIung , bie ebenfo unwal^rfd^einlid^ 
afö unbid^terifd^ berül^rt, ba ja bod^ bie S^ragöbie ben 
aWenfd^en erl^eben foll, wenn fie ben 3Kenfd^en jermalmt. 
S)iefe aSirfung aber erreid^t ber ed^te ,,®ateotto" (beffen 
Snl^alt id^ oben nad^ einer mir oorliegenben jweiten 
beutfd^en Bearbeitung wiebergegeben l^abe, bie t)orIäuftg 
nur als 3Kanuffript im S)rudE erfd^ienen ift) in fo l^ol^em 
aWaße, wie nur irgenb ein S^rauerfpiel ber beften Haffi* 
fd^en S)id^ter. aWit ©d^aubem erfennt ber S^fd^auer, 



- 378 - 

w)cl($c t)erberb(i($cu grüd^te bic f($äiibti(i^c SBcrleumbung 
nid^t nur, fonbern an^ ba§ gcbanfenlog au^gcfprod^ene 
Urteil über ben -Rebenmenfd^en jettigen fann, aber mit 
©rl^ebung fül^tt er, bafe fetbft baö böfe ^ßrincip eine 
2lufgabe int 3)ienfte beg guten ju erfüllen f)at 3lu3 
ber f(|on oorl^anbenen, wtnn aud^ unberoufeten SReigung 
ber beiben gelben gewinnt er bie Überzeugung von ber 
SRotTOenbigfeit unb Sered^tigung ber ©itte, bie bem ®nt- 
[teilen unb Umfid^greifen oerbred^erifd^er Seibenfd^aften 
oorbeugt, unb in bem tragifd^en 2luögange ber beteiligten 
erblidft er eine l^arte, aber bod^ eine ©träfe für beren 
fittlid^e Überl^ebung unb trofeige 3lufle^nung gegen ein 
TOoliltl^ätigeg ©efefe. 

SDer g^orberung ber „tragifd^en ©d^ulb" leifiet ha^ 
©d^aufpiel „SBafinfinn ober^eiligfeit" (0 locura 
santitad) weniger ©enüge, entfd^äbigt aber bafür 
reid^lid^ burd^ bie apoftolifd^e Strenge unb unbcugfame 
SBaJ^rJ^eit^liebe, mit meld^er ber S)id)ter fittlid^e ©eroiffeng» 
fragen an feine Qn^&ux rid^tet. 

Sorenjo be 3llt)enbanno ift ein oermögenber, ange« 
fel^ener unb glüdflid^er gamilienoater. @in ©elel^rter 
unb ^pi^ilofopl^, befd^äftigt er fid^ oorjug^meife mit ber 
Seftüre tief finniger ©d^riften, unter roeld^en aud^ ber 
„S)on Duijote" be§ ßeroanteö nid^t umfonft feine 2lufs 
merffamfeit feffelt. ^f)n ergreift bie rounberbare ®e* 
ftalt jeneg SRitters, ber „l^inter feinen Qfbealen einiger* 
jagte", für fie lebte unb litt unb bod^ mn aller SBelt 
für einen armen Siarren erklärt mürbe. 2lu§ biefen 
feinen Setrad^tungen unb ©rübeleien muß er aber bod^ 
in bic reale SBelt jurüdEfel^ren, benn eg l^anbelt fid^ um 
baö ©lud, ja t)ielleid^t um ba§ Seben feiner SJod^ter, 
bie fid^ in ber ßiebe ju ®boarbo, bem ©oline ber 



— 379 — 

ißerjogin bc 2lImontc, oerjc^rt. ßefetcre, ber eg afe 
ber 2Jluttcr beg mcinnlid^cn S^eitö jufämc, bei Sorctijo 
für il^ren ©ol^n anju^altcn, ift eine fiolje S)ame, bie 
ber. SBerbinbung mit bem geringeren ©efd^Ied^te ber 
Slfoenbannog nid^t fonberlid^ fpmpati^ifd^ gegenüberftel^t. 
ßorenjo feinerfeit^ ift aud^ ju fiotj, entgegen ben gefeH* 
fd^aftlid^en dornten, ben Sffierber ju ntad^en. 2lber bie 
SBorfteHungen feiner ©attin 2lngeta, rvd^t erftart, für 
baö SBol^I il^reg Äinbe^ felbft bettelnb an bie S:i^üre 
ber ^erjogin Hopfen ju wollen, bewegen il^n, feinen 
©tolj fal^ren ju taffen. 6r oerfprid^t, fid^ nod^ an bent* 
felben Xage jur fierjogin ju begeben. 2)iefe ift mittler* 
weite von ifirem ©ol^ne aud^ erweid^t worben. ©o 
fd^einen benn ade iginberniffe l^inweggeräunit, fd^on wirb 
bie 3lnfunft ber fierjogin bem Sorenjo gemelbet, ber 
gerabe ein ©efpräd^ mit feiner alten ^mmt Quana 
fül^rt, bie er nad^ langen Salären l^ente ium erften 3Kale 
wieberfiel^t. 2lber biefeg ©efpräd^ oeränbert bie Sad^* 
läge DoIHommen. 3)ie 2lmme teilt il^m mit, ba§ ber 
SRame Slfoenbanno ifim. oon 5Red^tg wegen gar nid^t ge* 
bül^re, ba^ feine angeblid^en ©Item il^n für il^ren ©ol^n 
auggegeben l^ätten, bamit na^ bem 2^obe beö alten 
2lloenbanno beffen SBermögen [einer ©attin erl^alten 
bleibe, ba eö fonft wegen ber Äinberlofigfeit be^ @l^e* 
paaret on bie näd^ften SBerwanbten l^citte übergel^en 
muffen. SRid^t biejenige, bie er bi^l^er afe SUJutter vtt' 
tf)xt unb geliebt l^at, — Suana , bie 3lmme , ift feine 
wirllid^e Butter, ©ie l^abe t)or il^rem ßnbe, bag fie 
l^eranna^en fül^le, eg fid^ nid^t ©erjagen fönnen, nod^ 
einmal il^ren ©ol^n in bie 2lrme ju fd^liefeen, einmal 
üon feinen Sippen bag Sffiort ajfutter ju l^ören. 5Rur 
«m il^n glüdflid^, reid^ unb angefel^en ju wiffen, l^abe 



— 380 — 

fte in ben ^anbel geroidigt imb il^r etn}igei^ ®lüd ge« 
opfert. Sin ©d^riftflüd, xotl^t^ bie angeblid^e SRutter 
EorengoiS }urU(Ige(affen l^at, f daliegt jeglid^en 3n)^f^t 
an ber SBal^rl^eit biefer SRitteitungen au& 

£oren}o fül^U ftd^ Demid^tet. @ein ganjed Seben 
war eine £üge! 3n fd^roffer SBeife lei^nt er bie SBer^* 
bung ber Ser}ogin ab: „. • . äßeil id^ gar nid^t Sben« 
banno bin^ n)eil meine @(tem nid^t meine @(tem maren, 
meil mein Seft^ nid^t mein SBeft^ ifl, unb meil id^ bir, 
mein armeiS Äinb, nid^tiJ anbereiJ in eine ®l^e mitgeben 
!ann aü einen mit @d^mad^ bebedften Flamen, meil id^ 
ber unglfidCIid^fle aQer ^Jlenfd^en bin unb nid^t aud^ ber 
fd^Ied^tefte unter il^nen fein mill." 

SBol^I erjäl^lt er ben ©einigen ben Suf^wimenl^ang. 
aber feine Slbfid^t, ba8 ©el^eimnig, mie t^ i^m fein 
Oemiffen oorfd^reibt, bem ©erid^te mitjuteilen, feinen 
SRamen albjulegen, bem ©efd^led^te ber Sltüenbannoö bai^ 
il^m red^tlid^ gebül^renbe Sßermögen jurüdfjuerftatten, er« 
medEt in feiner ^^ömilie S^^^^f^^ ^" f^i"^^ geiftigen ®e« 
funbl^eit. 2)iefe 3n^^if^l werben gefteigert, afe Sorenjo 
bei feinem ©ntfd^Iuffe aud^ bann üerl^arrt, atö il^m bie 
©attin barlegt, bafe er ba^ &lüd feines Äinbei^, ber 
über allein geliebten 5E^od^ter, burd^ bie 2lusfül^rung feiner 
2lbfid^t Dernid^ten mürbe, ba bie flolje ^ei^ogin nad^ 
einem berartigen ©fanbal niemals il^re ©inmilligung ju 
ber geplanten Beirat geben werbe. „3d^ Unglüdffeliger," 
ruft er in tiefftem ©d^mcrje, „ber id^ atte Hoffnungen 
meined ÄinbeS oernid^tet, ber id^ il^r fierj gebrod^en l^abe! 

2lngela. SDu märft unglüdElid^? SRein, bu bifi ti 
nid^t. (©arJaftifd^.) S)u mirji ja im eignen Slnfd^auen 
beiner moralifd^en aSoHfommenl^eit unb beiner großen 
2;ugenben 2;roft genug finben. 



— 381 — 

ßorenjo. SBie bu miä) falfd^ beurtcüft unb wie 
toenig bu mid^ fcnnft!" 

2)afe ßorcnjo aug rein ibeatcn Seroeggtünbcn, 
an^ reinem ^pftid^tgefül^t, roeld^eg raeber burd^ 
©elbftfud^t nod^ S)ün!el getrübt roirb, berartige Opfer 
bringen xoiU, ol^ne barum bie S^od^ter tninber ju lieben 
afö fie von il^rer 3Rutter geliebt wirb, ba^ ift bent 
„gefunben @goiMu^" bergrau gänjlid^ unoerftänblid^ ! 
©ie oerfud^t bem ©atten roenigften^ dn Äompromijs 
mit bem, xoa^ er afe ^ßflid^t erfennt, abzuringen, ®r 
fönne ja ba^ SBermögen unter ber ^anb ben 3llt)enbanno^ 
übergeben, nur fotte er menigften^ feinen biöl^erigen 
5Ramen beibel^alten. 

„SBürbe ein Slid^ter", antwortet il^r ßorenjo barauf, 
„mid^ nur meinet SBermögen^ ober mürbe er mid^ meinet 
aSermögeng unb meinet SRamen^ jugleid^ oertuftig er* 
Mären? SRid^t mal^r, er mürbe beibe^ tfiun? SRun alfo, 
xoa^ ein Stid^ter in feinem Urteile auöfpräd^e, baä vxn^ 
iä), ber id^ mein eigner Stid^ter bin, auö freien ©tüdfen 
tl^un." S)ie grau, bie mie eine Söroin um ba^ ©lüdE 
il^reö Äinbe^ fämpft, menbet alle SUJittel ber Übenebung 
an, um ben ©atten oon feinem SBorl^aben abjul^alten. 
©ie mad^t il^n barauf aufmerffam, bafe er baburd^ aud^ 
feine leiblid^e SJiutter ins 3^^^'^^^^ bringen mürbe, ba 
fie \a an bem Setruge afe ^auptfd^ulbige beteiligt fei, 
5Rad^ furjem ©d^roanfen befeftigt er fid^ in feinem ©nt« 
fd^luffe. ®r miH feine 3Kutter junäd^ft in ©id^erl^eit 
bringen, bann mill er aM SBerf gelten. 

3fl baö nid^t ein innerer SBiberfprud^ ? SBürbe 
ein SRid^ter nid^t aud^ feine aWutter verurteilen? Unb 
l^at er fid^ nid^t felbft auf ba^ Urteil be^ SRid^teri^ be^ 
rufen? 



- 382 - 

2)er S)i(i^ler f)at biefe fd^einbare ^nfonfequenj nid^t 
naiver beteud^tet. 9lbftd^tö(od l^at er fie aber getoig nid^t 
in baiS ©emebe feined S)rQmQd eingeflod^ten. £oren}o 
l^at bad, tuai^ er atö nid^tig unb eitel in feinen @e^ 
füllten ertannt l^at, ftegreid^ übenounben. @r l^atte fid^ 
entfd^loffen, fein formafod Siedet anzugeben, t)om l^ol^en 
^ferbe feiner Sßürbe l^erabgufteigen unb ba^ @Uid feiner 
Xod^ter Don ber fto(jen ^erjogin }u erbitten, ^ti^t gel^t 
er fo n)eit, eine Ungefe^ßd^teit auf ftd^ }u nei^men, er 
xoiU bie SRutter bent kirnte beö ©efe^ed ent}iel^en. Slber 
biefe Ungefefelid^leit ifl tbtn nur eine Ungefefetid^feit, 
nid^tiS weiter. „SKein Opfer, 3Kutter, fott beine ©d^ulb 
fül^nen!" S)er ©ntfd^tufe, ba« au^jufül^ren, voa^ anfid^ 
fd^on fein ©eroiffen für unniöglid^ erltcirt, wirb baburd^ 
nod^ Derflärft, bag er burd^ ba^ gro^e Opfer, n)etd^ed 
er feinem 5pflid^tgefäl^(e bringt, aud^ bie ©d^ulb ber 
2Jlutter ju fül^nen meint. 6^ ift eine feine, aber fel^r 
beftimmte ©renjlinie ju jiel^en jroifd^en ber Ungefefe:» 
lid^feit, bie er burd^ bie gortfd^nffung feiner SKutter 
begel^t, unb ber SBeri^eimlid^ung bel5 Se trüge i^, bem 
er feinen 5Ramen unb feineu SReid^tum oerbanft. 3« 
bem ' einen galle ent jiel^t er eine flerbenbe ©reifin nid^t 
bem ©eifte, fonbern nur bem toten aWed^ani^muS beö 
©efefeeg ; in bem anberen gaUe fefet er bie Süge, in ber 
er bii^l^er unberoufet gelebt l^at, mit üollem Seroufetfein 
fort, bietet er feine ^anb ju fünftigen SSermidfelungen, 
meldte ben unred^tmäfeigerroeife il^reö SBefifeeö ^Beraubten 
weitere^ Unred^t jufügen fönnten. „!3d^ barf nid^t mein 
Opfer feiner -nüfetid^ften 9KitteI jur SJerteibigung gegen 
bie fiabfud^t berauben, bie fpäter ju irgenb einer Qdt 
in meinen SRad^fommen entftel^en fönnte, benn id& böte 
baburd^ DieÜeic^t bie SBerantapng }u neuen ^lieber* 



— 383 - 

träd^tigfciten" — bemcrft er ju feiner grau. 3m erften 
%aUt fd^ont er bie üor bem S^obe ftel^enbe ©reifin, feine 
SJiutter, mit beren Seftrafung niemanb ein S)ienft ge* 
teiflet mirb, übt er 3la^^iä)t, ©d^onung einem anberen 
gegenüber; im jmeiten gaße fd^ont er fid^ felbft, 
ber bod^ am meiften, mel^r nod^ afe feine S^od^ter, unter 
feinem Opfer leibet, unterläßt er, ein fd^merefi Unred^t 
gut ju mad^en, beffen 3lu^gteid^ t)on il^m abl^ängt, unb 
fd^äbigt anbere. S)a^ ift iebenfaHö ßorenjoö Über* 
jeugung, unb er fann nid^t beffer ate nad^ feiner beflen 
Überjeugung l^anbeln. ^ätte er ben @ntfd^tu§ gefaxt, 
feine teiblid^e SJiutter in^ ^u^i^an^ ju bringen, fo 
märe feine ©eftalt ju einer moralifd^en Äarifatur ent- 
fteHt morben. 3n ben Slbfid^ten be^ SDid^terg lag eä 
oielmel^r, alle^ Überpfftge beifeite ju laffen unb ba^ 
ol^nel^in aufeergemöl^nlid^e ©eelengemälbe nid^t burd^ üer= 
jerrenbe pnfelftrid^e ju oerunftalten ; bie ba^ menfd^* 
lid^e S)urd^fd^nittgma§ fo ip^ überragenbe ©eftalt nid^t 
ju einer u n m e n f d; l i d^ e n , mibematürlid^en ju mad^en 
unb baburd^ ben gaben, ber fie mit bem &tmütt beö 
3ufd^auer§ üerbinbet, ju jerreifeen. Söi für Sorenjo 
bie 3Köglid^feit tl^atfäd^lid^ nid^t t)orlag, bag eine ju 
tl^un unb ba^ anbere nid^t ju laffen, barüber lann ung 
bod^ nur ber Snl^alt beö 2)rama^ Sluffd^lufe geben» 3n 
biefem aber fennt Sorenjo berartige 2lu3n)ege nid^t, unb 
biejenigen, meldte il^m bie grau oorfd^lägt, werben r>on 
il^m mit fo guten ©rünben jurüdEgemiefen, bajs bie 2oQit 
ber ©attin il^re S^P^^^^ i" ^^^^^ ^^^ meiblid^en praf^^ 
tifd^en Opportunismus nimmt, ©ie fud^t bie Unmög= 
lid^feit ber guten ^^at burd^ bie Unannel^mlid^feit i^rer 
golgen ju beroeifen, inbem fie bie oon i^rem ©atten 
burd^auS nid^t beftrittene SBei^auptung aufftellt: „9lber 



- 884 — 

bann, wenn bu bte ©ad^e an bie groge ©lode l^ängfl 
— wirb ja bie fierjogin il^re S^fKmmung t)erfa9en!" 

2)a nun aEe btefe triftigen @inn)änbe bei fioren}o 
nid^t verfangen n)oKen, ba er ftd^ anfd^idt, bad @e^ 
l^eimniÄ feiner Oeburt ju ^ßrotofott }u geben, ber SRotar 
unb bie S^W^ bereit« beftellt finb, fo bleibt fd^ted^ter* 
bingiS leine anbere SRögUd^Ieit übrig, atö bag ber gute 
Sorengo — vtttüdt geworben ift! S)icfe annaj^me wirb 
auf baiS nad^brüdlid^fle von feinem iQaudat^te unb 
greunbe, Dr. ßepitto, betätigt, ber, um äffe Q^tx^^t ju 
befeitigen, feinen gefd^afeten Äoffegen Dr. SemiubQ jur 
„SSeobad^tung" unb „Äonfultation" jugejogen l^at. ®ie 
beiben Stifte meinen e« ganj t)ortreff Ud^ ; biefe in il^re 
SBiffenfd^aft ganj ocmarrten aWaterialiften leugnen eben 
einfad^ ba« SSorl^anbenfein rein ibealer 3Slotm im SKen« 
fd^en. (Bin aWann, ber fein SBol^lleben, ba« ©tütf feiner 
gamilie einer Sbee juliebe aufgeben miff, lann nur 
wal^nftnnig fein. ®e«l^alb -l^at ber ebenfo mcife afe 
Dorftd^tige Dr. SSermubej aud^ gleid^ ein $ßaar — SBörter 
au« bem Qrrenl^aufe mitgenommen. 

fjreilid^, ein SBorgang, ber ftd^ vox^^x abfpielt, ifl 
n)ol^I geeignet, ben ©lauben an bie ?lid^tig!eit oon So- 
renjo« 2lu«fagen ju erfd^üttem. ©eine eigne SJlutter 
Suana t)erleu9net il^n nämlid^ nod^ furj oor il^rem STobe. 
2Jlit ©ntfefeen l^at fte mal^rgenommen , meldte folgen 
il^re ©ntpffungen gel^abt l^aben. 3iun foffte alfo bod^ 
ba« Opfer il^re« ganzen ßeben« oergeblid^ gemefen fein, 
il^r ©ol^n fotttc SRamen, ©teüung, SReid^tum verlieren? 
S)a« barf nid^t fein! ©terbenb beftreitet fte in ©egen* 
wart ber ganjcn gamilie bie 2luäfagen Sorenjo«, fter* 
benb oerleugnet fie il^ren ©ol^n, wie fie il^n nad^ feiner 
©eburt verleugnet l^atte, unb gicbt il^ren ©eift in feinen 



— 385 — 

3lrmcn auf, fo bafe c^ jTOcifetl^aft crfi^cint, ob er burd^ 
feine Umarmungen, feine aufg äu^erfie gefteigerte 3luf* 
geregtl^eit ni($t i^ren %oi mitoerfd^ulbet l^at. 

älber ßorenjo l^at \a nod^ bag 5ßapier, baS 
ben 3wfömmenl^ang in unpeibeutiger SEBeife aufflären 
mirb: . . 

„Unb nun l^ört! (®r öffnet ben. Sogen unb ade 
treten ju i^m.) SDieg tfl wag ift ba^ ! ? ! . . ." 

2)a^ ^Papier ift unbef d^tieben, ein raeifeeS, 
nid^t^fagenbeg Statt! 

©eine SKutter l^at il^n ni($t nur im 2;obe oerleupet, 
fie l^at aud^ baS SDofument ben glammen übergeben unb 
ein weites Statt in ba^ ßouoert geftedft. ®r follte 
glüdlid^ fein aud^ gegen feinen äBiUen! Sorenjo oer« 
mag ba^ Ungtaubtid^e ni(^t ju faffen. Qefet l^at eg ben 
2lnfd^ein, aU ob er mirftid^ irre mirb: „SBo ifl bag 
Statt gebtieben, ba§ jene grau gefd^rieben l^atte? Qd^ 
l^abe e§ ja taufenbmat getefen — unb jefet — (ju 
ßepiDo) mag fielet l^ier gefd^rieben? Sieg, lieg! 

ßepitto. SRid^tg, mein armer greunb. 

fiorenjo. SRid^tg?! — SRein, bu tügft — bu bifi 
ja mit im Äomptott! (3u Sermubej.) ^ier tefen ©ie, 
mag l^ier gefd^rieben fielet. 

Sermubej. S)ag Statt ift unbefd^rieben. 

ßorenjo. aSBag?! ®g ift unbef d^rieben ? ®g ifl 
feine ©d^rift barauf, fagen ©ie? ®ö ift nid^t mal^r, eö 
ift nid^t mafir! S^eg, meine ^^od^ter, mein einjig ge« 
liebteg Äinb, tieg bu, errette beinen Sater! SBag ftel^t 
l^ier gefd^rieben, mein Äinb? 

3fneg. ^^ fel^e nid^tg, mein Sater. 

Sorenjo. S)ujie^ft nid^tö? Slud^ bu fte^fi nic^tg! 
— 9lber ift benn bag fein Seroeid ? 

0. ®rottl^u^, Probleme unb C^rafterEöpfe. 25 



— 386 - 

©cpillo. 3a, unglüdElid^er grcunb — aber ein 
fe^r trauriger SSeroei^!" 

3lnn finb alle S^^^^f^f gel^oben. ©r ifl oerrüdt, er 
ift ganj oerrüdt! 3l\xx eine ^ßerfon al^nt ben vDaf)xtn 
©a^t)erl^alt, hai ift bed älrmen 2:o(|ter, bie fid^ rotu 
nenb an bie SSruft bei^ SBaterö ftürjt, unb bie er leiben- 
fd^aftlid^ untarntt. 

„0 ©Ott, er tötet fie, wie er Quana getötet !" ruft 
plöfelii^ bie ^erjogin, bie fid^ baran erinnert, wie bie 
3lninie in ben 2lrmen ßorenjoö il^ren ©eift au^gel^aud^t 
l^at. SDa ftürjen fid^ bie Äranfenroärter au^ beni 
Srren^aufe l^interrüög auf i^n unb entreißen il^m bie 
X^od^ter, 

„SSater, id^ werbe bid^ befreien," ruft fie il^m ju. 

„2Bag t)erma9ft bu, tneine 2^od^ter/' antwortet er, 
„wenn ®ott mid^ nid^t errettet! fioffen wir auf ben 
aillmäd^tigen , er wirb un^ au^ aller ^^rübfat be* 
freien!" — 

Sft ba^ aßa^nfinn ober ift ba§ ^eiUgfeit? 3luf ben 
33erbad^t l^in, bei gewiffen Seuten Steifet an ber SRor^^ 
malität meinet eigenen ^tnUn^ l^eroorjurufen, mufe id^ 
geftel^en, bafe id^ einen aWenfd^en, ber für feine Ueber* 
jeugung felbft bie größten Opfer ju bringen im ftanbe 
ift, nod^ nid^t für wai^nfinnig l^alten fann. 3^ ^oibt 
aßerbing^ in einer Sefpred^ung biefeö ©rarna^ alg be- 
fonberg fd^Iagenben Seroei^ für bie SßerrüdEtl^eit Sorenjo^ 

angefül^rt gelefen, ba§ er — ja bafe er feine 

Kapitalien feinen ©d^ruUen opfern wollte. 3lnn ja bod^, 
praftifd^er l^ätte er fie gewi^ in guten S3örfenpapieren 
angelegt ! 

@g ift wol^l faum in neuerer ^txt ein 2)rama ge* 
f daneben worben, ba^ mit einer fold^en rüdffid^t^lofen 



— 387 - 

Uncrbtttlidfefeit $cr^ unb 9tieren ber ©cfellfci^aft prüft. 
aSir werben bie ftd^erfte ©tellung ber flewaltigen SDid^« 
tung gegenüber einnel^men, wenn wir ba^ 5ßroWem vom 
d^riftUd^en @tanbpunlte an^ unterfud^en. 

Sorenjo f)at nid^tö anbered getl^an, afö roa^ Sl^riftud 
von htm reid^en Süngßnge »erlangte, unb wai^ biefer 
nid^t überg §ei^ bringen fonnte. ®r ^at fid^ Don feinem 
aieid^tunt getrennt, von feinem metallenen nid^t nur, 
fonbern aud^ t)on feinem 9leid^tum an ^amilienglüdf, 
an järtHd^er Siebe }u ^rau unb ^od^ter. Unb ba^ l^at 
er geti^an um ber SBa^rl^eit miEen, Don ber Sl^riftud 
fagt: „3d^ bin bie SQBal^ri^eit. " ®ie 3ünger beS ioerrn 
mußten il^re Sieben Derlaffen, um bem fieilanbe nad^* 
}ufotgen unb ben ^Jlärt^rertob für bad @t)ange(ium ju 
fterben. 

Sorenjo ift ein fold^er aWärtprer. S)a er ber $ßerfon 
beö ©rlöfer^ nid^t folgen fonnte, fo folgte er bod^ feinen 
Seigren unb brad^te il^nen bai^ S^euerfte, ma^ er auf 
®rben befafe, jum Opfer: feine eigene X^od^ter. 

S)er i^eilige äluguftinu« fagt: „SBenn aud^ ba^ 
ganje menfd^lid^e ©efd^led^t mit einer einzigen Süge ju 
retten märe, fo müßte man t^ lieber }u ©runbe gelten 
laffen, afö eine Unmal^rljeit fagen!" 3)iefer ©afe ift 
nid^t fo fd^redEtid^ gefäl^rlid^, atö er au^fel^en mag, für 
ben ßl^rifien roenigftenÄ nid^t. ^mn mer an eine fitt^« 
lid^e SBeltorbnung glaubt, tann eben bie ^öglid^Ieit 
gar nid^t anerfennen, baß bie 3Renf d^l^eit burd^ eine u n« 
fittlid^e fianblung gerettet werben fonnte. S)a^ ift 
ber ©tanbpunft be^ Cl^rifientum^ feit altera l^er ge* 
mefen bi^ auf bie proteftantifd^en SReligion^pl^ilofopl^en, 
oon aiuguftinuÄ bi§ auf gid^te. 

@^ mirb bem ©emiffeu beiS einjelnen überlaffen 



- - 388 — 

Mcibcu, in fotd^en Sagen wie biejenigen, in rochen [xä) 
ber Se(b ber Sd^egarap'fd^en 2)i(i^tung (>eftnbet, nad^ 
beftem ©rmeffen ju l^anbeln. Slid^t barin finbet bie 
S^ara!tergrö^e fiorenjod il^ren ®($n)erpun!t, bag er int 
gegebenen gatte feinem ©ewiffen, feinem 5Pflici^tgef(U;t 
auf biefe ober jene SBeife praftifd^ genügt, fonbem barin, 
bag i^m äberl^aupt !ein Opfer }u gro^ \% um bai^, 
\m^ fein ©ewiffen il^m ate ^fli(i^t bejeid^net, tl^atfäd^* 
lid^ burd^jufül^ren. SBenn bai^ SBal^nfinn fein fott, bonn 
finb aDe SRärt^rer mal^nftnnig gemefen, benn bie l^aben 
eben au($ nid^t^ anbered getl^an, aU fid^ für il^re Über« 
jeugung l^ingeopfert. Unb bad mirb ja aud^ in ber 
%^at von üieten mit großer Sebl^aftigleit atö SQBal^nfinn 
erfWrt. ©o oonjiel^t fid^ in bem ©tfldEe be^ Spaniers 
ganj berfelbe SBorgang, ben n>ir l^eute aM l^unbert 
©d^riften l^erauötefen, an^ l^unbert ©efprad^en l^erauiJs 
l^ören fönnen: „SDiejenigen , bie einer Qbee SBermögen, 
gamilienglüdf unb ßeben opfern, finb unnormal, finb 

,oerrüdEtM" 

SEBaö ift nun eigentlid^ an biefen beiben S)ramen, 
aufeer ber ©inMeibung , „national" ? SDie ^anblung 
lönnte ebenfo gut in 33er(in ober aJtünd^en, mie in 
SJiabrib fpielen. 3)er „grofee ©ateotto" bleibt berfelbe, 
ob er l^ier ober bort feinet 2lmteö maltet. Unb ber 
aWann, ber fid^ oon ber Setl^ätigung feiner Oebei^eugung 
burd^ feinerlei Opportunitäti^grünbe abl^alten liege, mürbe 
im mobernen SDeutfd^lanb oieHeid^t nod^ lebl^after für 
mal^nfinnig erflärt merben ate in Spanien. 3Ran fönnte 
allenfalls in ber fd^arfen Sufpifeung ber Äonflilte bift 
ju ben benfbar furd^tbarften Äonfequenjen nod^ jene oben 
angebeutete SJorliebe beS Spaniers für baS ©raufame 
unb ©ntfefelid^c oerfolgen. älber maS leiftet barin nid^t 



— 389 — 

alleö ©l)afefpeare ! Unb weim f(()on biefe^ aWoment ein 
nationale^ fein foü, fo gel^t e§ l^ier im Slügemein* 
SKenfd^Ud^en unter. SBemel^mUd^er glaube i^ auö ben 
2)ramen ben Haren unb fd^arfen äWatl^ematifer reben ju 
l^ören, ber alle gaftoren mit fafi jiffermäBiger ©enauig- 
feit gegeneinanber abmägt unb fein bramatifd^eö ©sempel 
mit matl^ematifd^er golgerid^tigfeit burd^fül^rt. 

aWan l^at ©d^egarap mit 3i6fen t)ergUd^en. 2)er 
aSergleid^ ift nid^t unpaffenb. Seiben gemeinfam finb 
bie „ibealen ^orberungen". 2lber man l^at bei biefem 
aSergleid^e bie ^auptfad^e t)ergeffen, nämlid^ bie 33e= 
merfung, ba§ ber germanifd^e S)id^ter — t)on feinen 
neueften ©i^eugniffen t)ielleid^t abgefel^en — ben genauen 
Oegenfafe ju bem fpanifd^en barftettt. ^i^tn müi)t 
fid^ mit bem SRad^roeife ab, ba§ bie OefeUfd^aft^orbnung 
ber maleren ©itttid^feit im SSBege fielet, ba§ biefe erft nad^ 
SSluflöfung jener möglid^ ifl — : „35ie grau vom SKeere". 
®r brängt ju bem ©d^luffe, ba§ ber einjelne bered^tigt 
unb »erpflid^tet ift, fid^ im gegebenen gaUe von bem 
l^ergebrad^ten ©ittengefefee ju emancipieren unb perfön* 
Ud^e SRüdffid^ten bem ©efefee ber ^flid^t überjuorbnen — : 
„Sßora". ©d^egarap mitt bemeifen, ba§ bie fefte Drb« 
nung ber ©efellfd^aft ber mirffamfte ©d^ufe ber magren 
©ittlid^feit, ja ba§ biefe aufeerl^alb unb mit ^intanfefeung 
jener gar nid^t einmal möglid^ ifi. ®r »erlangt SRed^t* 
unb ^fftd^terfüHung unter aßen Umftänben, aud^ bann, 
menn baS OlüdE berjenigen baburd^ »ernid^tet mürbe, 
bie unferem fierjen bie SJeuerften finb. 




@tt5 be Wianpa^mt 




^olbener ©d^aumwcin in einem gefd^ßffenen ©lafe. 
S)rinnen fd^äumt ed unb fteigen prideinbe $er(en 
auf, aber bad ®ia^, bie %ovm, ifl Kar, burd^ftd^tig, 
lalt. 3n btefetn 83ilbe erfd^eint mir bie erfie ^eriobe 
t)on SRaupaffantd @d^affen, jene, bie ü^m ben 9iuf be^ 
Älaffifer« eingetragen f)at. SQBar er weniger „flaffifd^" 
in ber jweiten, weit er fid^ für bie ©ebilbe feiner 
^P^antafie felbfl ermärmte, an il^rem ©d^idffal perfön^^ 
lid^en inneren änteil nal^m, meit er jtd^ — vertiefte? 
3d^ glaube nid^t, aber ed war üieHeid^t fein SSer^äng« 
ni^ ober bod^ ein ©tjmptom bed l^erannal^enben. Stid^t 
bie fünftlerifd^e gorm jerfprang in ber ®lut feinet 
©d^affen§, er felbft ging barüber ju ®runbe, fein ®eifi 
jerfpUtterte. SSietteid^t überftieg e^ fein SJermögen, aufeer 
bem ©d^auen unb @efla(ten feiner pl^änomenalen "^f^m^ 
tafte aud^ nod^ ber }el^renben @Iut bed mitleib^DoOen 
SWenfd^en unb ber bol^renben Energie be« grübelnben 
?problemben!er§ fid^ l^injugeben. SBieHeid^t l^ätte er ber 
Haffifd^ fül^Ie ®xi&^kx hkibm foHen, ber bie güllle feiner 
©efid^te unb ©rlebniffe fo wiebergiebt, afö ob fie il^n 
nid^t ba^ minbefte angingen, ate l^abe er nur bie Sluf« 
gäbe, ^l^atfad^en ju berid^ten, beren pl^ilofopl^ifd&e ober 
fittlid^e 33eurteilung il^m völlig gleid^gültig ift. 



— 391 — 

aber fd^aucn wir bod^ ettoag naiver ju. SSIeibt er 
TüirMid^ in feinen Meinen ©ittenftubien immer fo lalt 
unb teilnal^m^Ioö ? Qn ben meiften fefet fid^ ein tiefer 
5peffimi«mu^ ab ; auf bem ©runbe be^^ perlenben 2Bein^ 
im blanlen gefd^Uffenen @Iafe bleibt ein bidfd^id^tiger 
Slieberfd^fag fleptifd^er aRenfd^enoerad^tung. SBa^ finb 
benn in ber fiauptfad^e bie etl^ifd^en ©lemente feiner 
@i^l^lungen? ^ie SSerberbtl^eit unb äSerlogenl^eit ber 
SBourgeoifte ober bie an ©efül^llofigfeit grenjenbe 3lol^eit 
be« 33auem. Unb ba ifl mir, rotnn er eine fold^e ®e* 
fd^id^te mit fd^einbar völliger 9tul^e beenbet l^at, ald 
l^abe er ung mit feinem objeftioen ®mfie nur jum befien 
gel^abt unb fd^lage nun fd^neU bie ^l^üre l^inter fid^ }u. 
Unb l^inter ber J^l^üre l^öre id^ il^n leife lid^em wie 
über einen glüdtUd^ gelungenen ©treid^ ober aud^ — je 
nad^bem — in ein geHenbeS igol^ngeläd^ter au^plafeen. 
Unb id^ mu§ fagen: bieg Rid^em forool^l, mie bieg 
iQol^ngeläd^ter, biefer ©efamteinbrudE fo^neibenber Ironie, 
äfeenben igol^ned nad^ ber Äälte, ©d^ärfe unb Älarl^eit, 
mit ber bag ©anje vorgetragen mürbe, l^at für mid^ 
jumeilen etmag ©d^abenfrol^eg , Unl^eimlid^eg , etroag, 
bag mid^ unroilllürlid^ baran erinnert, ba§ ber aSerfaffer 
fpäter geifte«franf mürbe. 

Älar ifl SDJaupaffant, mie lein jroeiter. ©eine Älar* 
i^eit ift faft abnorm. 3d^ lann nur bei bem Silbe 
bleiben: man fielet burd^ feine ©d^öpfungen mie burd^ 
©lad. @g ift gar nid^t möglid^, anberg ju feigen, afe 
er fie^t, unb er fielet bis auf ben @runb. ®r entfleibet 
bie 9Jlenfd^en moratifd^ fplitternadft. Unb bann brel^t 
er fid^ lad^enb um unb überlädt fie i^rem ©d^idfal : — 
„SBeiter nid^tg? Slnbere l^er!" 3ft ba« unmoralifd^? 
aber er vergreift fid^ ja nid^t an ben nadften Seibem 



— 892 — 

feiner ?ß^antafie, feine ©pur oon fiüflernl^eit ! ©r jeigt 
und nur, mit fie ftnb, unb bann gel^t er pfeifenb, bie 
Öfinbe in ben ^ofentafd^en, feine« SBegc«. SJafe bie 
moraßfd^e Sladt^tit fo ^äufig mit ber pl^pfifd^en , ge« 
fd^fed^tlid^en bei H)m }ufantmenffillt, bad Hegt junt ^ei( 
otterbing« an feinem flarl finnlid^en ^^emperoment, aber 
aud^ an feinem SnUieu, an ben SRenfd^en, bie ftd^ feiner 
äJeobad^tung aufbr&ngen. @r fann feine Sanbd(eute bod^ 
nid^t anberd fd^ilbern ate fte ftnb. On est la femme? 

— bag ifl nun einmol franjöfifd^. SRirgenbd ba3 par* 
fttmierte, meid^Iid^e, raunenbe ^albbunlet bei$ 93ouboird 

— otted plein air, alle§ in freie Suft unb l^etted, in« 
büJfrete« ©onnenlid^t getaud^t, nid^t fetten aud^ oon ber 
frifd^en faljigen ©eeluft feiner normännifd^en ^eimat 
burd^fprül^t. 2Kft Äünftler ifl er feufd^ mie alle maleren 
Äünpler. 

„greie Suft, i^etteiJ ©onnenlid^t, frifd^e, faljige ©ee« 
luft" — unb : abnorm gefteigerte ironifd^e Jllarl^eit, oer« 
borgenes igol^ngeWd^ter — mie reimt fid^ baS? 6§ 
reimt fxd^ nid^t, foH pd^ öud^ nid^t reimen, ©g ift bai^ 
Ungereimte in 3Waupaffantd geiftiger Veranlagung ; ber 
peinlid^e 3?eft, ber nid^t aufgellen wollte; ber Äonftift, 
an bem er fd^eiterte. 

©ine fold^e jerbrödfelnbe ©fepfiö unb anal^tifd^e 
©d^ärfe bei einer fold^en ftämmigen, brutalen, finnlid^en 
©efunbl^eit, wie fie beibe in SKaupaffant, bem SKenfd^en 
unb Äünfiler, oereinigt maren, ba3 ift an fid^ fd^on eine 
abnorme ©rfd^einung. ®iefe§ d^emifd^e ©jperiment ber 
SRatur mufete mol^l mit einer ©Epiofion enben. ©3 mar 
eine ^Bereinigung jroeier feinblid^er SBelten: neroöfer 
5ßarifer 2)efabence unb urroüd^figer lonferoatioer Sauern« 
naioität. 9Wan brandet i^n nur ju oerfd^iebenen 3^iten 




®uv) 6e illaupaffant. 



- 393 - 

lad^cn ju l^ören, um biefe Oegcnfäfce wal^rjunel^men. 
©inmal jene^ un]^cimH(§e, f d^abenfrol^e , ironifd^e @e* 
leidster, — ober ift e« nur ein Icifc^, MM, l^aud^enbeg 
Äic^ern? — wie j. 33. in bcr „erbf(§aft". SDort 
fül^rt er \m^ in bie anfianbige, el^rbare bourgcoifc ®c* 
fcUfd^aft. 3)iefc anftänbige, cl^rbarc bourgeoife ©efctt* 
f(§Qft ift ein Sumpcnoolf, ba§ feinegglcid^cn fud^t. Stbcr 
ber 3)id^ter nimmt fic ganj cmfl^aft für ba«, mofflr 
fie fid^ fclbft l^alten unb ausgeben. Unb nnn Wfet er fic 
fül^I unb Hat fid^ probujieren. 3)a« ©efinbct wäf jt pdi) 
förmlid^ in ©cmeinl^cit, gefinnungölofem Strebertum, 
überladtierter SRol^eit, l^eud^ferifd^er SJerlogenl^eit. Slber 
weit entfernt, ein bid^terifd^eö Stid^teramt auSjuüben, 
läfet er feine gelben am Sd^Iufe bcn »ollen Xriumpl^ 
i^rer „SBornel^m^eit"; „anflänbigfeit^ unb „SMoratität" 
feiern, worin fie oon i^ren Äreifen auf ba$ bereitroiHigfle 
unterfiüftt unb anerkannt werben, „Wnöbige grau, — 
bie ©uppe ift feroiert." SDian fiel;t ba^? ganje ^^^adf, üon 
bem ber eine genau meife, roaö er oom anbern }u l^alten 
l^at, einträd^tiglid^ unb unter 33eobad^tung ber l^öfHd^flen 
unb lieben^roürbigften gormen pd^ ju 2;ifd^e fefeen. 3)en 
3Wittelpunft ber Slufmerffamfeit unb ÄompUmente mirb 
natürlid^ bie „gnäbige grau" bilben, bie auf fo eigen* 
tümlid^e unb ftabtbefannte SBeife jum Erben unb bamit 
jur ©rbfd^aft gelangt ifl. 3)ag ®anje ift rein fünftte* 
rifd^ ein 3Weiftem)erf, aber eS ifl ntd^t bag, mag mir 
S)eutfd^e unter ^umor t)erftel^en. ®d ift ba§ eifige, 
fd^neibige ^ol^nlad^en eines abfofuten aWenfd^enoeräd^ter^ 
unb ^peffimiften. 

"^am mieberum ba^ breite, übermütige, id^ möd^te 
fagen bäurifd^e Sad^en in fo mand^en Keinen ©rjöi^lun- 
gen. 3)iefeS Sad^en, bag ben ganzen Äörper erf(§üttert. 



— 394 — 

bie Xl^ränen in bie älugen treibt, ben 9(teiii benimmt 
unb aOe Sebenlen bed £eferd fortfpäU, \o bag er tooQenb 
ober nid^tmoDenb l^ei^l^aft miteinftimmen mu§. Stefe 
£ufl am berben, aber gutmütigen B^xoant, ber bem 
naf erümpfenben ©ro^ftäbter gar nid^t fo fel^r „mi^ig" 
unb „pifant" erfd^einen wiQ, unb ber nur oom fianb» 
bemo^ner gan} genoffen mirb. 3Ran ben!e an bie ®t' 
fd^id^te, mo bie mirtfd^aftlid^e ^an ifyttm feiften bett« 
lägerigen 3Ranne ^ül^nereier unter bie mulftigen, marmen 
9ld^fell^öl^(en legt, bamit er ftd^ bod^ menigflend burd^ 
— Särüten fein S3rot oerbient. 3)ie Äunbe oon biefer 
fonberbaren Sefd^äftigung oerbreitet fid^ im S)orfe, unb 
balb ifl ba^ 3^^^^^ ^^^ lebenben SBrutmafd^ine oon 
teitnel^menben , gefpannten Sefud^em gefüDt, bie be* 
l^utfam, mie bei einer SBöd^nerin, auf ben S^f)m um* 
l^f d^leid^en , um ben mid^tigen ^ßrojefe nid^t }u ftören. 
Qeben ^ag lommen fie mieber, um fid^ angetegentKd^ 
nad^ bem ©tanbe ber S)inge ju erfunbigen. Gnblid^, 
nad^ oerfd^iebenen mifeglildEten SSerfud^en, bie bem ärmften 
tüd^tige ^rügel oon feiten ber roütenben ®attin tin- 
tragen, enblid^ nll^rt e^ fid^ meid^ unb RfeUd^ unter bem 
arm unb fiel^e ba ! — triumpl^ierenb jiel^t ber ©d^roer* 
geprüfte ein ÄüdEen l^eroor, unb bie SSaterfreube unb 
bie Semunberung ber ©ratulanten finb grofe! — 

SSietteid^t märe SKaupaffant feinem tragifd^en ©d^idffal 
entronnen, l^ätte er feinem normannifd^en igeimat^boben 
bie Streue beroal^rt. aber il^n ergriffen bie flauen beö 
SBampgr^ „^ari^", unb biefe Alanen i^ielten il^n um 
fo fefter, als fie fid^ in ber ©eftalt fein be^anbfd^ul^ter 
grauenl^dnbe barfteßten. @r mar ein „ßntmurjelter" ; 
in ben legten Salären feines ©d^affenö nid^t nur im 
p^t)fifd^en, fonbern aud^ im geiftigen ©inne. SRein 



- 395 - 

menfd^Iid^ ift er ber tragifd^c ^ppuS einer fel^r iaf)U 
reid^en Älaife: aller jener, bie aug ber freien, frud^t* 
baren, winbumrottterten, regenburd^na^ten ©d^otte in ba^ 
grofee jHdRge 3:;reibl^au^ ber aWetropoIe t)erpflanjt wer* 
ben. 3^ gefünber ba ba^ ©jemplar, nm fo leidster 
wirb e^ t)erfümmem. ©tarfe, gefunbe DrganiiSmen fxnb 
für ®ifte empfangfid^er, alg fold^e, bie baS ®ift fd^on 
im Slute tragen. S^aufenbe fd^wimmen fidler unb Der* 
gnügt auf ber Dbcrflad^e ber trüben, fd^lammigen glnt, 
erreid^en ein mel^r ober minber l^ol^e^ 2l[ter unb fterben 
eineg „natürlid^cn" %oht^. 2)ag finb bie ©rofefidbter 
üon ©eburt ober Slnlage. aber bie Ätnber be^ Sanbe^ 
gelten barin unter, wenn fie t^ nid^t oerftel^en, fid^ red^t* 
jeitig ju afllimatifieren. Unb roa^ l^eifet ba „afftima:* 
tifieren"? 6^ l^eifet ben natürlid^en aWenfd^en abftreifen 
unb „ßeben^lünfller" werben. aWand^en gelingt'^?, an^ 
bereu nid^t; imb eg finb nid^t bie ©d^fed^teften, benen 
es nid^t gelingt. 33ei aWaupaffant l^alf gerabe bie ju* 
täppifd^e grünbige Äraft be§ Sanbfinbeg beffen ®efunb« 
l^eit jerftörcn. S)ie naioe ©itelfeit be« „Säuern" tarn 
l^inju. 2)ie Äunft, nur ben ©d^auni ju fd^fürfen, »er* 
flanb er nid^t. 6r teerte ben Sedier be« ^arifer SebenS 
bis jur ^efe, unb man glaubt nid^t, nniS alles jur $efe 
gel^ört unb bod^ garnid^t bamad^ ausfielet. Sffiunberbare 
©efd^id^ten an^ feinen lefcten „gefunben" Salären mer* 
ben erjäl^lt. 3)er fd^arfe Slnal^tiler, ber ffeptifd^e 35e* 
obad^ter fd^ienen in ber profeigen unb bod^ t)on äußerem 
©lanje fo leidet geblenbeten unb gefd^meid^etten ©infalt 
beS SanbmanneS t)öllig untergegangen ju fein, ©ein 
pd^fter ®l^rgeij erfd^öpfte fid^ in ber 5ßflege einer ®e« 
fettigfeit, für meldte nid^t innerer SBert, fonbem 9lame 
unb ®elb mafegebenb waren. 3m SBorjimmer feiner 



— 396 - 

mit gefdf)ma(f(ofem ^runfe eingertd^teten 3Bol^nung lag, 
fo berid^tet iindtn 2)edcaoe$ im „@^o be ^xi^", nur 
ein einjiged 93ud^: ber ®otl^a'fd^e älmanad^. Qatdtt 
)u feinem Jlreife fanb nur, mer i^m burd^ tönenbe 2:itel 
ober ungeheuren 9ieid^tum imponierte. @iS mar fein 
©tolj, bie „Greme be ^parifi" bei fid^ ju üereinigen, 
unb man meig, aud meld^em ©emifd^ oon gefnidtem 
©eburtdabel, anrfid^iger @e[barifto{ratie unb beren %xa^ 
bauten in ^olitil, Äunft unb SßJiffenfd^aft bie ^arifer 
,,oomel^me" 9Belt, bie ^offiaaten Äönig SRot^fd^ilb« fid^ 
jufammenfefeen. „(Sx, ber nam, burd^ feine fd^önen 
aSerbinbungen beraufd^te 5pan)enü, ber föfllid^e ©rjd^ler 
normännifd^er @ef d^id^ten /' erjfi^lt SJe^caoeS, ,,er be* 
merfte nid^t, bafe feine ©äfie, ^ßrinjen, ©rafen, SSarone, 
SSanfierg, fid^ über i^n luftig mad^ten, i^n wie ein 
3JHtteI jur Unterhaltung in il^rer ©efeflfd^aft butbeten . . ., 
ein SBeibereinfatt, ein SSorfpiel ber nal^enben äWobe, bie 
3igeuner fpielen §u lajfcn! . . . aWan genierte fid^ mit 
i^m nid^t mel^r aU mit feinem grifcur . . . Unb aWau* 
paffant, gef d^meid^elt , gel^orfam, fperrtc feine grofeen 
guten äugen weit auf ; ber ^paroenü bominierte, unter* 
jodete ben Seobad^ter: ,3id^ l^abe geftem an meinem 
3;ifd^ bie größten SJamen oon granfreid^ vereinigt!* 
a)iefer erbärmlid^en mönntid^en OefeUfd^aft jog er bie 
ber grauen vox, üorauSgefefet, ba§ fie ,geboren* maren. 
9lber aud^ l^ier, mie üiel Sitterniffe, mie üiel ©rniebri* 
gung! 3fd^ werbe eineg 2;age§ eine entfefetid^e ©cene 
erjagten, bie mit bem — meHeid^t entfd^eibenben — 
Äeulenfd^lag enbete, meldten eine ©d^urfin biefem fd^önen, 
fd^on unfid^eren ©eifte üerfefete ... S)ie ©cene ifl von 
einer milben, unerl^örten Oraufamfeit !" 

©ie l^at fid^ auf ben Qnfeln ©ainte*aWarguerite aU 



— 397 — 

gefpieft. 3)ie naiveren Umflänbc finb uod^ unbelannt. 
©inige gcJ^eimni^ooHe SSlnbeutungen entl^ält bie ©rjfii^Iung 
ber aWutter an ^aul 2llc£tö, einen greunb il^reS unglüdf« 
li(§en ©o^ne^* SBeil^nad^ten 1891 l^atte er ju il^r nad^ 
Slijja fommen wollen, am SSlbenb üorl^er telegrapl^ierte 
er ob: „33in oerpfttd^tet , mit grau 3£. unb grau g). 
Sffieil^nad^ten auf ben Snfeln ©ainte*9Warguerite ju Der* 
bringen." „SBaö l^at fid^ auf ben Qnfeln ©ainte^^aWar* 
guerite jugetragen? 3d^ frage e§ mid^ nod^ . * . aber 
pd^er ift, ba§ nad^ biefem SBeil^nad^tötag, am anberen 
aWorgen frül^, btefe grauen aus ber beften ©efettfd^aft 
. . . jroei ©d^meftern, bie eine oerl^eiratet , bie anbere 
SßJitme . . . nad^ ^JJarig jurüdtreifien , ol^ne ju fagen, 
roeöl^alb, unb baß feitl^er grau X. unb grau ?)., ob« 
mol^l fie auf S3efud^«f u§ mit mir ftanben, mir nie mieber 
ein Sebenöjeid^en gegeben . . . SRid^t einmal eine Äarte 
nad^ ber Äataftrop^e . . . S)er S^ob nid^t einmal fd^eint 
fie entwaffnet ju l^abeu . . . Unb mag id^ femer mei§, 
ift, bafe ©up bei feiner 2lnlunft mid^ mit ungeroö^n« 
lid^er 3ärtlic^feit umarmte unb bie 2lugen t)ott S^^ränen 
l^atte . . . 9lber erft fpäter, afö mir un§ bei 2;ifd^ 
gegenüber fa&en, bemerfte id^, ba& fein Oeifi fid^ oer« 
mirrte . . ." 

SBad aud^ immer ber tl^atfäd^lid^e SSorgang gemefen 
fein mag, fooiel be|tätigen biefe 2lnbeutungen mit ©id^er* 
^eit, ba§ 5ßari§ baö ©d^idffal aWaupaffantS mar. 5pari§ 
ober ^parifer grauen, baö fommt ja ^ier auf eine^ l^er» 
au«. Sffiag für SRom ber 5ßapft, finb für 5ßarid bie 
grauen. 2)er SBamppr l^atte bag marme rote S)id^terblut 
getrunfen, roa^ beburfte er mel^r? 6d mar ba« ©piel 
ber Äafee mit ber 3Wauö. 3)ie arme 3Rauö l^atte an bie 
2lufrid^tigleit ber ©ammetpfötd^en geglaubt, ba lernte fie 



— 898 - 

bie }erf{eifd^enben AraQen (ennen. 3)te 9RocaI ifi trit)ial 
genüge oiel }u trivial fflr einen fo großen Ibi^Ux, fär 
einen fo Haren, ^eptifd^en Seobad^ter . . . 

3)ad ©efd^Ud^t ber 9Raupa{fan» tft alten lotl^tin» 
gifd^en UrfprungiS unb ^at ftd^ fd^on unter Subwig XIV. 
geifUg audgejeid^net. Stuf bem @d^(offe 3RiromednU in 
ber Slomtanbie (Seine 3nf6rieure) würbe ^enr9 dttn6 
aUbert ®U9 be Staupaffant am 5. äluguft 1850 ge« 
boren, f^rfll^ genug äußerte ftd^ bei il^m jened xoa'^U 
t)em)ttnbte ©emifd^ oon greigeifierei unb grioolitat, boiS 
(eiber aud^ mand^e feiner @i^fi^(ungen ate unerquid« 
lid^en SBobenfag ^interlaffen. @inige @ebid^ie in biefent 
(Seifte beroirften feine unfreiwillige ©ntfemung aug 
3)Detot, roo er feinen erfien Unterrid^t genofe, unb feine 
Unterbringung im Spceum ju SWouen. fiier lernte er 
feinen Dnfel ®uftat)e glaubert lennen, ber bann, nad^ 
bem Äriege Don 1870/71, an weld^em 9Kaupaffant ald 
gemeiner ©olbat teilnal^m, fein Seigrer unb 3Reifter im 
litterarifd^en ©d^affen mürbe. Slud^ bei i^m mu§te er 
Don ber 5ßile auf bienen. ©^ mar ein unnad^fid^tiger 
Seigrer, ber rüdEfid^t^lo^ , fieben Qal^re lang, faft alle 
©rjeugniffe feinei^ ©d^üler^ jur SSernid^tung Derbammte, 
el^e er il^m geftattete, fid^ an bie Öffentlid^feit ju mageu. 
„Sieben ^aJ)xt lang", erjäl^lt 3)iaupaffant in ber 3Sor= 
rebe ju feinem SRoman „Pierre et Jean", „mad^te id^ 
SBerfe, mad^te id^ ®rjä^lungen, mad^te id& SlooeHen, ja, 
id^ mad^te fogar ein abfd^eulid^e^ S)rama. ®S ift nid^tö 
bat)on übrig geblieben. ®er äWeifter lag aUeg, bann, 
am folgenben ©onntag beim grül^ftüdf, übte er feine 
Rritif unb prägte mir nad^ unb nad^ jroei ober brei 
Orunbfa'fte ein, bie ba^ ©rgebniö feiner langen unb ge^ 
bulbigeu Selel^rungen finb. ,2Benn man eine Eigenart 



- 399 — 

l^at*, pflegte er ju fagen, ,fo mn^ man fie vox aUtm 
tnttoidün; wenn man feine l^t, fo mufe man fi(§ eine 
anf (Raffen* (acqu6rir)." 

Unfer 3)i(3^ter würbe barüber ein S)rci§igj[ä^riger, 
um fo größer mar aber bcr ©rfolg feinet erfien Sluf* 
tretend. 6^ gefd^al^ in ber von 3oIa in ©emeinfd^aft 
mit anberen 1880 l^eraui^gegebenen Sammlung Soir6es 
de Mödan. S)ie bort erf^ienene 5RooeIIe Boule de 
suif (,,2;alglugel'0 mad^te SKaupaffant mit einem ©d^tage 
jum berühmten 3)id^ter. ©ie t)erbun!elte alle anbem 
»eiträge, ben 3öla^ nid^t aufgenommen, unb mürbe in 
über l^unbert Slättem abgebrudt. Boule de suif jeigt 
bereits ben fertigen aWaupaffant : ben f taffifci^en ©tiliflen, 
ben inbioibueHen , feinen Seobad^ter, ben flarfläffigen 
erjäl^ler, aber aud^ ben 3)arfteIIer l^eifelfter SBorroürfe. 
gormoollenbete Iprifd^e Oebid^te unter bem S^itel „SBerfe" 
maren bie näd^fte SBeröffentlid^ung, bann folgten Sßot)etten 
auf SJooetten, erjäl^Iungen auf ©rjäl^lungen, frifd^e, 
Kare, fd^aumglifienibe SBellen in einem unerfd^öpfüd^en 
Dceon oon ^^antafte. ^iiiii^i^'^ formenglatt unb formen* 
lix\)l, aber üott flutenben Seben^, feinen, feud^ten geiftigen 
©taub oerfprül^enb, in i^rer lünftlerifd^en ©igenart ein* 
anber fo äl^nlid^ unb bod^ mieber fo neu, mie tbtn bie 
graciöS pd^ l^ebenbe, fenfenbe, fd^äumenb jerfüefeenbe 
SBelle. SUlaupaffant felbft befennt, ba§ er bag @e* 
l^eimni^, aud^ bem gemöl^nlid^ften SBorgange, bem reij* 
lofeften 3)inge ein befonbereö, inbioibuette^ 3nt^^^ff^ 
abjugeminnen, fie ber Sßorftellung be§ Seferd mit fd^arfen 
3ügen einjugraben, feinem oere^rten 3Keijler fjlaubert 
Derbanfe. 

„3ltled, roa^ man befd^reiben roill," baö l^atte er in 
beffen ©d^ule gelernt, „mufe man fo lange unb genau 



— 400 — 

ftubieren, 6tö man ein 9leued barin entbedt, roaf^ nod^ 
fein äRenfd^ üor einem gefeiten unb ßefd^ifbert l^at, 3n 
aü unb iebem liegt ttxoa^ Unerf orf d^teö , im 5lleinfien 
finbet ftd^ etmaö 9leued. (Sd ^anbett fid^ barum, biefed 
©tmad }U entbeden. Um ein lobembed ^euec ju 6e« 
fd^reiben, einen 93aum in einer &>tnt, mug man biefed 
ebener, biefen 93aum fo lange beobad^ten, bii fte feinem 
anberen ^euer^ feinem anberen Saume mel^r gleid^en. 
9lur fo mirb man ein Original. — 3n biefer ganjen 
SBelt giebt ed feine jmei ganj gleid^en @anbfdmer, jmei 
gleid^e fliegen, jroei gleid^e fiänbe ober SRafen, S)iefen 
Unterfd^ieb }u entbedCen unb aui^ubrüdten, fo befümmt, 
fo flar, ba^ biefe ^inge mit feinem ber gleid^en 9lrt 
)u oermed^feln finb, ift bie igauptaufgabe be^ realiftifd^en 
©d^riftfietter«," 

„SBenn bu an einem Ärämer, ber dox feinem Saben 
pfet, einem Sortier, ber feine ^Pfeife raud^t, an einer 
3)rofd^fenl^altefteD[e vorbei gel^fi, fd^ilbere mir biefen Äauf* 
mann, biefen 5ßortier, il^re Haltung, il^re ganje f örperlid^e 
ßrfd^einung, bie jugleid^ in ber ®igenart il^rer Slu^* 
Prägung bie Umriffe i^re^ ganzen moralifd^en ©l^arafteri^ 
anzeigt, berart, bafe id^ fie mit feinem anbem Ärämer, 
feinem anbem 5ßortier Dermed^feln fann, unb jeige mir 
burd^ ein SBort, moburd^ fid^ ein 2)rofd^fenpferb von 
fünf jig anbem, bie il^m Dorangel^en ober il^m nad^folgen, 
unterfd^eibet . • ." „333^^ wi^^ äw<$ fd^ilbern miß, e§ 
giebt nur ein SBort, um cö ju d^araf terifieren , tin 
SBerbum, um il^m Seben einjuflöfeen, ein Slbjeftit), um 
e^ XU fennjeid^nen. 2Ran mn^ alfo fud^en, hi^ man 
fie entbedft l^at, bie§ SBort, bieg SBerbum unb bieg 9lb* 
jeftit), unb fid^ niemals mit bem Ungefäl^r begnügen ..." 

®in Meinet Seifpiel für blefe grofee Äunft. Qn ber 



— 401 — 

5Rot)ette „S)a8 SffiraÄ" fd^tmmert ein Seud^tturm üon ber 
Äüfle }u ben ©(§iff§ttümmem, bcm Stanborte be§ ®r« 
Javiers, l^erüber. ®in ßeud^tturm — roai^ ift babci? 
@c ifi eben roie anbete ßeud^ttürme aud^. Slber jefet: 
„®r erlof(§ alle breifeig ©efunben, um fid^ fogleid^ roieber 
ju entjünben; ei^ war wie ein Singe mit feinem 
Sibe, ba^ fid^ unaufprlid^ unter feinem 
?5euerblidfe fenfte." ^at biefer Seud^tturm nid^t 
ülöfclid^ ein ganj perfönlid^e^ Seben, eine ganj eigen* 
artige 3lnfd^aulid^Ieit gewonnen? — 

®^ wirb niemafe möglid^ fein, in einem fd^affenben 
2)id^terleben bie einjelnen ^perioben fein fäuberlid^ abju* 
äirfeln, SQBo ba^ bod^ gefd^iel^t — unb ber beutfd^e 
Sitterar^iftorifer l^at eine unausrottbare Seibenfd^aft bafür 
— ba wirb bem Oegenflanbe (Semalt angetl^an. S)ie 
SntmidElung beS ©id^terS l^at wie bie Sa^reSjeiten il^re 
grfil^lingiblumen im SSBinterfd^nee, il^re Sol^anniStriebe, 
il^re ^erbftjeitlofen. Sin bie erften erinnert mid^ 9Kau* 
pajfantS SRoman Une vie (1883). 5Diefe trofltofe 
SeibenSgefd^id^te einer grau oon il^rer aWäbd^enjeit big 
in il^r ©reifenalter ift bei aller äufeertid^ gemalerten 
naturalifüfd^en Äül^le mit ganj unoerlennbarer ©pm» 
patl^ie, mit ergriffenem Seiten, mit jittembem SKitteibe 
gefd^rieben. 3Bic mele ^auenleben gelten fo bal^in! 
3Sott fel^nfüd^tig J^ingel^audeten 3)ufteS erfd^liefet fid^ ber 
Änofpentraum — ba lommt bie SßJirflid^feit mit il^ren 
©türmen unb entreißt ber g3lüte Slatt um »latt. 
Qmmer ärmer wirb bag Seben, immer befd^eibener baS 
Öerj. aßenigfteng bie lefeten Blütenblätter be« ©lüdfd 
möd^te t^ fid^ retten, eS will ja fd^on gern öerjid^ten 
auf bie ooHen S^räume unb bie l^olben Hoffnungen. 
3lx^t^ foH bir bleiben, arme, entblätterte SBlume, nid^tS 

0. (Brott^uft, ^roMeme unb (f^ra!ter!öpfe. 26 



- 402 — 

aU bie %tni^t, bie bid^ nid^t Unnt, bie ftd^ fortioirbeln 
lägt t)om (eid^tftnnigen 9Binbe. %vmt Staut, örmere 
®anm, firmfle 9Rutter! S>ai» tft ber ^nl^lt biefed 
„Stim^", ein (angfamed SBelfen unb Sterben. 3^^ 
Siafyct batauf erfd^ien Bei Ami, ein grog entworfenei^, 
fein au)^effll^rtei^ ®emä(be ^rifer itomiption in $re{fe^ 
^olitif unb ©efeEfd^aft, ein äReifterioerl ber Seob* 
ad^tung unb S^arafteriftit, Diel Harer, lebendfrifd^er, 
greifbarer unb bod^ feiner ate aOfed ^l^nlid^e t)on 3^^^ 
beffen ^en)orragenbfte @a6en DieSeid^t fein breiter^ 
fd^wiftenber ^^leig unb feine gninblid^e Snitalität ftnb. 
^ier iß ber 2)id^ter mieber ber lalte, ironifd^e fiäd^ler, 
ber fd^einbar nur Don einem ©efül^Ie ben)egt n)irb : ber 
f^reube, ber @emeinl^eit ben Spiegel oorl^alten, feiner 
iRenfd^enoerad^tung freien Sauf Ia{fen ju bürfen. 'S>ann, 
mit „Pierre et Jean" (1888), beginnt jener 9(bfd^nitt, 
mo boiS ftoffßd^e ^ntereffe t)om rein pfpd^ologifd^en, bie 
^nb(ung von ber Stimmung aufgefogen mirb, mo ber 
3)id^ter in feinen 5ßerfonen nid^t nur Objefte ber fünfl^ 
lerifd^en S)arfteIIung, fonbem aud^ fü^Unbe unb leibenbe 
äßitmenfd^en fielet. @in ®atte, ber fein @atte ifl; gmei 
SBrüber, bie {eine 93rüber finb; eine 3Jiutter, bie fid^ 
Dor il^ren Söi^nen mei^r a(^ vox bem ^be fürd^tet. 
9ld^, 3Ruütx^txi, roit ml unb fd^mer bu aud^ gefünbigt 
^aft, mir fäl^(en mit bir, mie bu bid^ t)or beinen 5tin« 
bem bemütigfi, fo tief, fo tief; mie bu nod^ mit aSen 
gibem beiner Seele um bie Siebe be^ einen bangfl, ba 
bu ben anbern fd^ou verloren i^aft! 3Bir füi^len mit bir 
unb — mir vergeben bir um beine^ Seibe^ unb beiner 
Siebe mitten. ®ine ergreifenbe 3)arftettung be^ ^Problem«, 
mie „bie Sünben ber 3ugenb an ba^ Xf)ox be^ Sllterg 
pod^en", ate fold^e^ 5ßrobtem laum beabfid^tigt, aber in 



- 403 - 

SBirtUd^feit burd&gefü^rt. S)iefe ©limmung mitfül^lenber 
©celenergrünbiing tjerfekert fid^ nod^ bx^ jum legten 
l^ingel^auii^ten garbentone in bem ^arifer ©alonroman 
„Fort comme la mort" (1889) unb öcrtlingt bann 
im leifcn, ironifd^^fd^njermfitigcn ©eufjer : „Notre coeur** 
(1890), bem Icfeten Siomane ©up be aRaupaffantö. 6« 
wollte Slbenb werben. 

3lo^ reil^te ber Staftlofe mand^e ^ßerle an bie reid^e 
Äette feiner ®rjäl^lerfunft ; im Saläre 1892 arbeitet er 
nod^ an einem SRoman „Slngelu^", über ben er }u feiner 
SKutter bemerft: „3d^ meife nid^t, ob mein 33ud& ein 
SKeiftermerf fein wirb — jebenfallÄ aber wirb eg mein 
aReiftermerl." 3lnbere Slrbeiten f droben fxd^ bajmifd^en, 
ber „Slngeluö" blieb unt)offenbet. SBeii^nad^ten be^fetten 
Sal^reg übermannte il^n in jd^em Slu^brud^ ber SBa^n* 
finn. &n ©elbftmorbtjerfud^ — bann bie Srrenanftalt 
gu ^affp bei 5ßarig. SDort erlöfte i^n am 7. 3uni 1893 
ber %o\> an^ quafooHer SRad^t. 

©0 enbete ber 3Kann, beffen ^ugenbfraft unb berbe 
Seben^freube feine ^eunbe nid^t QtnnQ bemunbem 
konnten. „@r mar", fd^ilbert il^n Soicif „mittelgroß, 
gebrungen, mit l^arten 3Ku^feln unb roten SBadEen, 
ftrofeenb Don ©efunbl^eit; ein gewaltiger SBafferfport^* 
mann, ber an mand^em ^age ju feinem äSergnügen 
jwanjig SReilen auf ber ©eine mad^te. SDabei brad^te 
er imd, aü ein gefürd^teter ©d^ürjenjäger , immer bie 
erftaunlid^ften grauenjimmergefd^id^ten mit, allerlei un« 
mögtid^e Siebe^abenteuer, beren ©rjöi^lung unferm guten 
greunbe glaubert bie fiad^tliränen in bie Slugen trieb." 

3n ber fogenannten ©efeUfd^aft fd^äfct man Don 
allen Slomanen SKaupaffant^ „Fort comme la mort*' 
wo^l am l&öd^ften. 3d^ teile biefe 33ewunberung — bi^ 



— 404 — 

}U jener 6eflimmten ©rense, roo bie fünfUerifii^e ^tei« 
^elt beS @ubjeltö an ben ftttlid^en ©runblagen aUt» 
3Renf<i^entumd i^re Sd^ranfe finbet. S>{e oerfd^minbenb 
feine unb bod^ fo ftd^et unb fd^arf jetgliebembe ^t^d^o« 
Io0ie ifl felbftleud^tenb* S)ie aud }artefter ©timmung 
gefponnenen, ntit ber natflrlid^en @infad^^eit ber SReifier« 
fd^aft }um unentrinnbaren tiefte oerfd^Iungenen $dben 
einjetn b(oB}u(egen, n)&re bei ber burd^ftd^tigen Jtlor^eit 
bed ®mtbt» eine gar }U n)ol^IfeUe Sefd^Oftigung. Sber 
ntbm ber Jtunft ber ^arfleKung giebt ed bod^ nod^ ein 
S)arge{leQte« an ftd^. ^ier ifl ed bad äkrl^ättnii» eined 
3HaUv^ jur ©attin eined anberen^ feineiS f^eunbe^, unb 
biefeiJ SSerbfiltnig wirb ntit einer ©amtloftgleit , einer 
©elbfteerflänblid^feit gcfd^ilbert, ate ob t^ auf ber weiten 
äBelt nid^td 9latärßd^ered geben tonne, ate bag bie 
®attin ben (Satten, ber grcunb ben greunb jahrelang 
fpftematifd^ betrügt. 3)ad ^erbred^erifd^e ber ^anblungi^:» 
roeife wirb faum gcftrcift, gefd^roeige benn jum 3tu3* 
trage gebrad^t. 35er 3)id^ter nimmt für feine gelben 
bie t)oIle, ungefd^mälerte ©pmpat^ie in 2lnfprud^, ber 
Hare ©picgel il^re« ©eetenfriebend wirb von bem Se» 
TOufetfein beiJ ®^ebrud^i8 nid^t im minbeflen getrübt. 
@ani anbere ©d^atten flnb t^, bie il^n oerbunf ein : ber 
SBanbel unb SBed^fel il^rer eigenen fouDeranen ßeiben« 
fd^aften. SlllerbingS nefimen fte einen tragifd^en SKui^* 
gang, aber ba^ ©efd^idC ereitt fie nid^t etn)a xok bie 
©träfe bie ©d^ulb, fonbcm wie ein SBerl^ängniiJ , ba^ 
ixoax natumotmenbig lommen mugte, bennod^ aber, ate 
einer ber mcicn SRöngel in biefcr fd^ted^tepten atter 
SBclten, tief ju beflagen bleibt. SBeite, SBanberer, fhreue 
SRofen auf ba^ l^eilige ®rab biefer aWärtprer ber 2kht ! 
S)iefe fd^iefe fttttid&e Seleud^tung , in roeld^e baö fonft 



— 405 — 

meijierl^af t burd^gefül^ttc ©eetengetnälbc gcrüdt ifi, vev^ 
l^iubert ben tJoHen, unmittelbaren ©enufe. 3n fold^er 
Seleud^tung wirft ba^ ©efü^I atö ©entimentalität, bic 
Sartl^eit afe 3laffinement, bie Siebe ate ßüfiernl^eit. 
3lx^t im gegebenen, ergreifenb xoa^v ausgeprägten Slugen« 
blide, fonbem im ganjen, auf bie 35auer, beim fül^ler 
prüfenben diüdUidt, xoo ber ßefer auS bem 3<iwber* 
treife beS 35id^ter« entlaffen ift unb fid^ mieber auf fid^ 
f elbjl befinnt. 3)ann fagt er ftd^ wofil : biefe aJlenf d^en 
mögen fel^r fein, fel^r jart, fel^r poetifd^ empflnben, aber 
baS natftrlid^fle ©efüi^l fittlid^er 3nbit)ibuen, baS, xoa^ 
ben aJlenfd^en vox bem Sliere auSjeid^net, ifi il^nen t)öttig 
unbef annt : bie © d^ a m. SWag fein, bafe im tout Paris 
berartige Sßerl^ältniffe felbftoerftänbtid^ , fojufagen bie 
SRorm finb; bafe aud^ ber übrige ©ritte fd^liefelid^ ein 
SKuge jubrüdft, meil er felbfi irgenbmo ben unentbel^r* 
Ud^en S^J^iten fpielt; baS beutfd^e ®mpfinben fann fid^ 
mit ber ©etbftt)erftänblid^feit fold^er 3ufiänbe bod^ nod^ 
nid^t befreunben, SBol^in fie filieren, l^at ja ber S)id^ter 
felbfi mit jmingenber Äraft l^erauSgearbeitet. SMe fpäte 
SBlüt« ber ©eliebten fann neben ber Änofpenanmut il^rer 
eigenen Slod^ter nid^t länger befleißen. 3)eS 3KaIerS 
©efü^le menben fid^ Don ber SWutter ju bem ©benbitbe 
il^rer unb bem Siebestraume feiner 3wg^nb. S)aS ifi 
überaus fein fombiniert unb poetifd^ empfunben, id^ 
fann mir eine re^tJoHere poetifd^e Kombination gar nid^t 
benfen. Slber bie Sage anberfi unb jmar nad^ ber 
8Birt(id^f eit : @in im ©l^ebrud^ ergrautes 5paar; eine 
ermad^fene unfd^ulbige Xod^ter bajmifd^en, für bie ber 
©eliebte ber 3Kutter in Seibenfd^aft entbrennt. 3fi ba 
mirflid^ bie f entimentaf e , gerül^rte SRitempfinbung baS 
einj^ic^e nntürlidfte unb beredbtt(^te öJefübf? 



— 406 — 

SSknn man fd^on nid^t umritt tann, bem SHd^ter 
^^UnftttUd^teit'' Doquioerf en , fo fönnte man fold^e in 
biefem falonfA^igen, becenten Sfloman, ber gleid^fam im 
fd^wotjen befoDetierten ^ mattfd^immemben Xtloi^neibe 
ein^tf d^reitet ^ mit mel größtem Siedete entbedten, old 
in fo manü^tm feiner iibermtttigften, berbfiten unb naä* 
ttfttn ©d^mAnfe. 3)enn ed fommt für bie f^age nad^ 
bem fttttid^ SBerte einer ^id^tung ganj unb gar nid^t 
baratif an, ob unb weld^ ein $ r o b I e m ber Unftttlid^« 
feit ber 2)id^ter bel^anbelt. 3>ie bargefteOiten ^erfonen 
unb 3ufUinbe mdgen roa^xt Xu^bflnbe oon £afiem fein, 
boi^ ^unfhoerl fann bedl^a(b bod^ (eufd^ nrie SRarmor 
bleiben. @ntf d^eibenb iß aSein bie @ t e U u n g , bie ber 
2)id^ter ber Unftttlid^feit gegenüber einnimmt. @o ifi 
aud^ bei 3Rau))affant eine gan^e 9leil^e Gi^ä^Iungenu. f. m. 
mit ben l^ifetflen ©toffen unbebingt rein, tüd^renb anbere 
mit }um 3:eil meit bidfreterer ^infe(fü]^rung Don bem 
aSormurfe ber grifiolitfit nid^t freijufpred^en finb» (Sine 
eigenartige 9RittelfteIIung gmifd^en ätüi^rung unb frioo(er 
fiufiigfeit nimmt ,r?)t>ette" ein, biefe munberooffe 6nt» 
l^flSung einer im tieffien @d^mu|e l^o(b unb rein er» 
btül^ten Snfibd^enfeete. @inen 9lugenbUd fc^eint ed, atd 
werbe ba^ aWitleib mit fo oiel feufd^er Sugenb unb 
Knblid^em SSertrauen ben (StiS^kt übermannen. 9}od^ 
ifl bie ^l^räne auf feiner 99Bange nid^t getrodfnet, ba 
fd^tägt aud^ fd^on bie ©timmung um: 91^ ba^, rooya 
fid^ ben Rop^ jerbred^en, Seben unb 3Jienfd^enfd^id(faIe 
emft nel^mcn? 6d gel^t aud^ fo — oiel (eid^ter, oiel 
luftiger! 

9lud^ ate er nod^ ber fifd^blfitigen 3)o!trin bed 9latu« 
ralidmu« l^ulbigte, ba§ beiS S)id^ter8 Sntereife für ben 
Wenfcften ntcftt weiter pcben bürfe a(« ba« bed federen» 



- 407 — 

ben 3lr}te§ für bie Seid^e, aud^ ha regt fid^ bei aWau^ 
paffant unter ber falten fünftlertfd^en ®Iätte fieHenweife 
ein tiefet ©efü^I für SBal^r^eit unb SRed^t. ©o f(i^on 
gleid^ in „Boule de suif", wo er ben jtttUd^en SBert 
ber ©teineioerfer unb ben i^reö Opfert gegeneinanber 
abmägt. 3lber fein ganje^ ^erj gel^t i^m auf, wenn 
er bie Siatur in i^rem unerfd^dpftid^en SReid^tum an 
©timmungen fd^ilbert. SRid^tS föfilid^er, afe mit i^m 
im blauen SlRittelmeere freujen, romn ber Slbenb^immel 
rounberbare 3^inten auf bie ©piegelfluten jaubert, bie 
Äüfte in feltfam p^antaftifd^en Umriffen ^erüberbämmett 
unb bie ©d^atten fid^ immer tiefer fenfen. Unb meld^ 
frifd^eiJ, ganj perfönlid^eiJ ZeUn in jebem Saume, jebem 
3n)eige, jebem Slatte, ba^ feinem SBtidEe fid^ barbietet, 
gtaubert l^atte feine ßel^ren nid^t üerfd^roenbet. 

äPber bad @rftaunlid^fte ifl SRaupaffantd fd^ier grunb^ 
lofe @rfinbungdgabe , biefe laleiboffopartig bilberge« 
ftaltenbe ^^antafie, unb bie burd^bringunbe ©d^ärfe unb 
Ätarl^eit ber Seobad^tung, biefe gäi^igfeit, ben ©ebanfen 
im SlugenblidEe feiner ©eburt au^ ber ©eele ju lefen, 
ben aSogel gteid^fam im gluge ju erl^afd^en. ©r ift 
einjig in feiner 2lrt, ein Älaffifer ber SSßeltlitteratur. 
auf ein paar Slfittem fd^afft er aWeiftermerle, laum ein 
2)ugenb ©eiten brandet er für Clair de lune, unb 
meldte überqueüenbe ^üKe l^errüd^fter ^efie brängt {td^ 
auf bief em engen 3laurm ! @in ©ebid^t in 5ßrof a, aber 
biefe 5ßrofa felbfi fd^eint aud filbemen SRonbe^ftral^len 
gerooben, fo milb, fo meid^, fo beftridtenb-feufd^, in fo 
reinen, flaren Sinien fliefet fie bal^in. 3)er ^faner, 
ber nid^t nur ba^ 2Beib, mel^r DieIIeid[)t nod^ bad (gioig« 
3BeibIid^e ^ofet — unb xo i e munberooB l^at t^ ber 3)id^ter 
mit ein paar ©trid[ien gejeid^net! — miB feine SRid^te 



— 408 - 

beim abenblid^en 9lenbe}D0Ui$ ertappen. 9il^ er bie S^^flre 
dffnet, ba praUt er fd^ier iuxüd t>ox ber souberifd^en 
^ad^t ber l^ellen 3nonbm(f)t, bie il^tn übern)d(tigenb 
entgegenflutet. Unb nun n)irb bie gefd^i(bert, n)ie fie 
fein £t)rifer lieblid^er befimgen l^at. S)a fragt ftd^ ber 
^Pfarrer: SBarum l^at ber liebe @olt att ba« gefd^affen? 
Sßarum ^at er bie 3lad^t, bie bod^ }unt @d^(afen ift, 
mit 9iei}en au^geftattet , vor benen beiS 3:age8 ® (anj 
t>ttbia^t, unb bie berädenber ftnb^ atö felbfi bie äßorgen^: 
röte? S)a fte^t er bie ©d^atten bed fiiebedpaareiS, mie t^ 
eng t)erfd[)lungen unter ben monbßd^ttropfenben SBäunten 
bal^inmanbett. Unb er fagt ftd^: SBieEeid^t l^at ©ott aQ 
biefeÄ gefd^affen, um bie fiiebe ber 3Kenfd^en §u Der* 
Hären. — 2lber wie barf id^ 3>erartige« mit eigenen 
SBorten aud^ nur anjubeuten magen? — ®ine ©eite 
meiter lefen mir in bemfelben 33anbe: Un coup d'6tat. 
§at ba^ berfelbe SJid^ter gefd^rieben, ber fd^melgenbe 
Sgrifer ber jarten, bufttgen aJlonbnad^t? 2)iefe föftlid^e, 
erfd^ütternb l^umoriftifd^e ©d^ilberung ber ^Patrioten unb 
Sramarbaffe eineiS ^propinjialfläbtd^en«, bie man nur 
nad^ mieberl^olten £ad^paufen ju @nbe lefen tann? 5Da« 
ift ein §umor, ber fonfl nur nod^ bei einem grife SReuter 
ober einem S)idfeng ju §aufe ifi. Unb bie ganje ©fala, 
von ber lieblid^ften, fcinftcn Zytit bi« jum gefünbefien, 
aUc äff ef tierte geierlid^f eit fiegrcid^ nicbcrlad^enben ^umor, 
bis jur graueuDoUcn $ßl^antafiil, mie fie im „^orla'' 
jmifd^en SBal^nftnn unb Xieffinn auf fd^malcm ©tcge 
einl^erbalanciert , — alle biefe Xaftcn beö menfd^lid^en 
©emüt« läfet bie ißanb eine« lünftlerif d^en ^wbioibuum« 
erHingen! 

3)a§ ber SDid^ter biefeö feltene ©nabengefd^enf ©otte« 
nid^t im ^ieffien ate fofd^eö empfanb, bafe er fid^ a(ä 



- 409 — 

3Kenfd^ nid^t über bie irrlid^terierenbe greigcifierei unb 
ben 3iationaUMug feiner Umgebung emporf d^wingen 
fonnte, ba§ bleibt ja immer ju beffagen. SSieHeid^t war 
biefer SJlangel eineg feften ?ßotö in ber S3ilbcrflud^t 
feiner ^pi^antafte im 3latfd[|lujfe ber 3lllmad^t fein eigent* 
lid^eg aSerl^ängni^. 2lber eö fann unb barf un^ nid^t 
an ber Semunberung ber l^errlid^en ©otteggaben, ber 
au^erorbentlid^en bid^terifd^en ©efamterfd^einung üer* 
l^inbem. 

3Kaupaffante Äunft ift eine fel^r reife, ©inem beut* 
fd^en ^publifum erfd^eint fie mol^I hod^ reifer ate gut 
ift. S)enn mie menig beutfd^e Sefer ftnb nod^ immer 
im ftanbe, baö ©toffUd^e t)om Äünftlerifd^en ju trennen. 
Unb fo foH er aud^ nur von ganj reifen 3Kenfd^en ge* 
noffen werben. Äleine unb grofee Äinber foH man öngfi* 
lid^ t)or il^m bemal^ren — unb il^n t)or jenen. Äinbern 
foHte man öberl^aitpt feine geiftigen ©etränfe geben. 
2lud& feinen fd^aumenben ©fiampagner im blanfen, bli^en* 
ben ÄriftaD. ®r felbft ift tü\)i, aber er fann berauf d^eu. 




•PuBIifettttt^ Hitteratur tinb treffe- 




•ines fd^önen Xageg tarn folgcnbe S^itu^fl^notig auf 

meinen ©d^reibtifd^ gefCogen: 
„®efd^äftöfpefulation l^at in Serlin eine ^txtnnq^^ 
artifelfabrif größeren ©tife eingerid^tet, roeld^e an bie 
aieboftionen Heinerer 2oMblätUx i^v „3ltm^ SWonatS* 
ntaterial" üerfenbet unb Seitartifel, f^eftüeber, 3Bod^en« 
fprüd^e, SRooellen, ©toffe ju fird^lid^en unb patriotifd^en 
gefttagen in bunter 3Kannigfaftig!eit anbietet. 2)aö 
„SWonat^material" ift für bie t)erel^rlic^en SRebaftionen 
afö „3Kannffript gebrudft". 3n bem beigefügten ^ro* 
fpeft l^eigt e^ ol^ne ©rröten: 3lud^ l^ier ift e^ für ben 
gebeil^lid^en SBerf efir unbOefd^äft^abfd^lufe f örbemb, 
roenn ntir bei ©infenbung be§ 3luftrage^ ba§ geroünfd^te 
©eure tjorfierbejeid^net wirb, j. S. ob fromm, re* 
tigiö^, fatl^ofifd^ ober eoangefifd;, etl^ifd^/ 
l^umoriftifd^, l^iftorifd^, patriotifd^, focial* 
frei, bejm. freifinnig, bemofratifd^, national« 
liberal. 3lntifemitifd^e Sitteratur befifee id^ 
nid^t, ebenfowenig nnäftlietifd^e. 5Wid^t fittenreine 
X^ema (sie!) fül^re id^ nid^t." 

„3lu^ einer 2lrtifelfabri! wirb bie öffentlid^e aWeinung 
belogen!" fügt feufjenb bie S^ititi^Ö Wi^- 



- 411 -- 

„Stntifemitifd^c Sittcratur" befifet ber SUlann nid^t, 
ebenforoenig „fül^rt" er „nid^t fittenreinc Xl^ema". Sluf 
Toeld^er ntorafifd^en ^ö^e mufe bod^ ba^ beutfd^e fiefc= 
pubKfum fiel^en, tocnn ü^nt ein fo routinierter ©cfd^öft^* 
mann, wie ber Snl^aber obiger gabrif, nur „fittenreine 
S^l^ema'' ju bieten wagt! 

3)er aWann fennt feine ßeute, er weife, roa^ man 
im S^itung^jargon unter „fittenrein" t)erflel^t. ©ine fraft* 
t)oHe, gefunb^realiftifd^e ©arfteHung, meldte ol^ne 3leben« 
abftd^ten bie J)inge beim 9kmen nennt, mo e^ burd^ 
fünftterifd^e SWädfid^ten burd^au^ geboten ifl, bie ifi nid^t 
„fittenrein", ©ittenrein finb bagegen bie fd^mülen unb 
fd^mülftigen Siebe^gefd^id^ten ber fo beliebten geuiffeton« 
Stomone, bie beileibe ben gel^eimni^üoffen 9leij be^ 
5ßifanten nid^t burd^ fünftlerif(^e, objeftioe Älarl^it ger« 
flören bürfen; bie fid^ bi^ jur (Srfd^taffung in Änbeu* 
tungen bemegen, unb bie namentlid^ in jüngeren (Bt- 
mütern bie ^l^antafie mit tropifd^er ^ifee burd^bünfien. 
©old^e „geuittetoniS" fann bie 3^tt^"9 getroft bringen, 
3)tutter unb ^od^ter werben il^r S)anf miffen unb ben 
rebaftioneHen SWeifter loben, meld^er il^nen eine ßeftüre 
bietet, bie fo fel^r intereffant unb angenel^m ju tefen 
imb babei bod^ fo „ibeal", fo „tugenbl^aft", fo „fitten* 
rein" ift! 

3)ie Siotig entl^ölt eine Äritif ber öffentlid^n 3Kei« 
nung unb be^ öffentlid^en @efd^madf^ in nuce. äRiSionen 
beutfd^r Sefer unb Seferinnen merben mit „Slrtifeln" 
gefüttert, bie au« bem Ktterarifd^en S3ajar bejogen finb. 
3)er gabrifbefifeer unb fein „^perfonal" Derjid^ten natür« 
lid^ auf jebe felbftänbige SRegung. ©ie „arbeiten" nad^ 
ajJafe unb bitten nur jmedtiJ „gebeil^lid^en ©efd^äftdab« 
fd^luffeö" „fel^r ergebenft" um 2lngabe ber %aqon — 



— 412 -- 

/,ob fromm, reßgiö^, fatl^olifd^ ober eoangeUfd^, etJ^ifci^, 
l^umorifUfd^, patriotifd^ (!), fociaIfrei(?!) bejro, freifinnig, 
bemotratif d^ , nationaHiberal^M ,,3mmer ^eran, meine 
^errfd^aften, groger äluöoerfauf meines n)o]^(affortierten 
fiageriS fömtHd^er politi^^tx, religiöfer unb (ifterarifd^er 
Überjeugungen ! ,©taunenb biffige* ^ßreife ! 3eber Ääuf er 
er^a(t atö ©ratidprämie eine jtnacfmurfi unb einen "ffaU 
ben aneter &r)xit\ ^mxoa^l nad^ belieben! Sei (Sim 
teufen über 10 aWarf 2 ?ßrojent Rabatt!" 

©0 weit l^at pd^ ba« SSofI ber „35enfer unb 2)id^ter" 
geiftig ^eruntergemirtfd^aftct l 2)er SWann mit ber ^cu 
brif ift feinedmeg« eine auffaffenbe ober oereinjette ®r* 
fd^einung. ©r ift nur um einen ®rab offenherziger afe 
feine gal^Ireid^en ÄoHegen. Qeber Äenner litterarifd^er 
SSerl^ältniffe fann fold^e ol^ne ^äl^e }u ^uftenben auf^ 
jäl^ten. 3^^ Überflufe ftel^en pe auify nod^ im Äürfd^* 
ner'fd^en ^ßitteratur«Äa(enber'\ 

es oerfte^t fid^ oon fclbft, bafe berartige e^abrilate 
auf baS genauefie nad^ ber politifd^en unb religiöfen 
© d^ a b 1 n e gefertigt finb, bag jeber inbioibueHe ©eiten* 
fprung, jebe Äunbgebung cineS irgenbroie gearteten felb« 
ftanbigen ©enfenS unb gül^lenS auf baö flrengfle t)er* 
pönt ift. SJlöglid^ft lauter Sil^eaterbonner gegen bie 
feinblid^e Siid^tung, bercn SSertreter fämtlid^ l^eu^terifd^e 
Äreaturen ober bornierte ^ofilföpfe finb — : bad ifi 
„©d^neibigleit" unb „ßl^aralter". Äried^enbe ßobl^ubelei 
t)or bem .eigenen Sager, ber ja !ein ©terbenSmörtd^en 
offener Äritif beigemengt fein barf, plumpe ©d^meid^e* 
leicn an bie „3lutoritäten" unb „©röfeen" ber?ßartei — : 
baS ift „©efinnungStüd^tigfeit". 3)aö (Sanje aber nennt 
man — „öffentlid^e aWeinung". 

6S märe ocrfel^rt, für biefe ^uftanbe in erfter fiinie 



— 413 — 

bie „®efd^äft^inl^aber" unb il^re „jungen Scute" oer^ 
antroottlid^ ju mad^en. ©cfd^äftc roetben nur ba gc» 
mad^t, n)o beibe Äontral^entcn ba finb — SBerfäufer 
unb 2lbnel^mer. SBäre nur etwas mel^r Sicrt) im 
beutfd^en Sefepublifunt, etroad mel^r gefunbe eigene 
Snbiotbuatität unb tiroa^ mtf)x SRefpelt t)or 
f retnber ^ubtpibualität, fo mü^te eg fid^ öon ben 
l^of)len Xiraben ber parteipolitifd^en ©d^ablonen<trtifel 
unb bem füfelid^^fd^roülfiigen, gefpreijten S^nq ber geuil« 
Ieton*®rotif mit ®fel abroenben. ©tatt beffen übt ba^ 
fßublifum feinen ®influfe nad^ ber entgegengefefeten 3iid^* 
lung ou^. 3ebe aud^ nur geringe 2l6n)eid^ung von bem 
gerabe l^errfd^enben aKajorität^geifle ftö^t auf empörten 
unb brol^enben SBiberjianb. 2)aö fann jeber erfal^rene 
Siebafteur beftätigen. 3)a mufe freilid^ ber aSBeijen ber 
2lrtilete5abrifanten blül^en! — 

3iebafteure von 3eitungöfeuiHeton^ unb beHetriftifd^^ 
Utterarifd^en SBod^en* unb 3Jionat§fd^riften fann man 
l^äufig barüber Magen l^ören, mie furd^tbar il^nen il^r 
faureg Slmt burd^ eine gänjlid^ unbegrünbete unb im 
njafiren ©inne be^ SBorte^ burd^au^ nid^t „moralifd^e" 
5P r fl b e r i e be^ ^PubfÜum^ erf d^roert mürbe, ©ebiegene, 
von tiefftem fittlid^em ßmfie getragene SBerfe muffen 
jurüdfgemiefen merben, meil fie mit bem 3Kute ber 
aOBal^r^eit S8erf|ältniffe fd^ilbem, bereu ©arfleUung feit 
je^er ju ben fiöd^ften ^Problemen ber Äunft geprt l^at. 
3Kan flöfet fid^ an ber gefd^led^t^Iofen, obieftit)en SBal^r* 
l^eit, bie afö fold^e unter fünftlerifd^en ^änben ein ed^te^ 
fittlid^e^ ©efül^I niemals üerfefeen lann, unb man 
verlangt nad^ jener Derfd^leiertstüftemeu Unnatur, bie 
e^ fo munberroH oerflel^t, bie ©inne ju reiben, ol^ne 
ben 2'ugenbfpiegel ju trüben, in meld^em ber „freunb* 



— 414 — 

(id^e fiefer" ober bie ^fceunblid^e fieferin'' ftd^ fe(6{l 6e« 
fd^aut. 3llan amafiert ftd^ unb iaüft i\i }U Zoranen 
über bie obfjönfien Sufffi^tungen , aber man iß j^od^» 
grabig tnttü^t, xotnn man in feinem 9(atte eine Jtritif 
finbet, mo bie ©emein^eiten eben biefer @tü(Ie unter 
flrengem Xabel rü(I§a(t(oft aufgebedt unb mit ben aQein 
}tttreffenben 99egriff9be{Ummungen offen begeid^net merben. 
„SRan !ann ja aSeft fagen'' — ^igt eiS bann in ber 

3legel — „aber !" aber? aber man barf ba^ 

jtinb nur gerabe beim redeten 9tamen nid^t nennen, 
man mug eö ja oermeiben, biejenigen Suj^brAde an» 
}umenben, bie jenigen 99 e g r i f f e f eflsufleSen, meld^ allein 
im fianbe firib, ben moralifd^en äBert jener etenben 
9Rad^tn)er!e ind redete i^id^t ju rUden unb bem ^ubtilum 
ben ©efd^mad baran gränblid^ ju oerleiben. äßenn mir 
aber inbidfret genug ftnb, ber ^rioatlettüre gemiffer 
„bejferer Äreife" nad^juforfd^en, jener Seftüre, bie aud^ 
oon ber S)amenn)elt in ben fügen SRugeftunben bed 

oerfd^miegenen Souboir^ genoffen wirb, bann mu% 

man fid^ mand^mal unmiQfärlid^ ber @cene an» bem 
^aul £inbau*f(^en ©tüdfe „3)ie beiben fieonoren" er* 
innem, mo bie ältere £eonore, bie äßutter einer ermad^- 
fenen Xod^ter, bel^aglid^ auf bem ©opl^a rul^t unb beim 
immer l^aftigeren Umblättern eine^ SRomanbanbe^ in bie 
SBorte auftbrid^t: rr^fui — wie reijenbü" 

SBie beim Scfen ber fo „fireng oerurteiltcn" ©en« 
f ationgprejf e , fo befd^mid^tigt man aud^ beim ©enuffe 
fd^tüpfrig^feid^ter Siomane bie etwa auffieigenben ®e» 
miffeniJffrupel mit allerlei fd^önen SSormänben. 3Ran 
muffe bod^, i^eigt e^ ba, aud^ bie gegnerifd^en Urteile 
l^ören, fonft mürbe mau ja einfeitig, ober: eö fei botf; 
bringenb notmenbtg uub gehöre jur „allgemeinen ^iU 



— 415 — 

bung" (!), blcfe fittteratur fcnnen ju lernen, unb fei eS 
aud^ nur, um oor il^r „warnen" (!) }u fönnen. 3Bie 
follte man benn aud^ fonft bie ßeftüre ber eigenen f)alb' 
erroaci^fenen Xö^tn u. f. ro. f ontrottieren ? S)aö wäre 
ja nun atte^ ganj fd^ön, menn — romn man nid^t 
fd[;on an^ ©rfal^rung ober au^ SRecenfionen im voxan^ 
ganj genau roüfete, me^ ©eifie^ Äinber jene ^ßreffe 
unb biefe Sitteratur finb, ®g ift aber nid^t ju leugnen, 
bafe fold^e ßeftüre, ber gegenüber man fid^ oöHig ge« 
ma^^pnet glaubt, auf bie S)auer nid^t ol^ne tiefere ®in* 
brüdfe bleibt ; bafe fie unmerf lid^, aber ftetig unb fd^tiefe* 
lid^ burd^greifenb ben eigenen befferen ©efd^madE um* 
b i l b e t , il^n jum minbeften fo fel^r abftumpft, bafe man 
gegen ba§ frembe ®ift leinerlei Sleaftion mel^r t)er» 
fpürt, e^ oielmel^r mit einer gemiffen „mol^lmoHenben 
3Jeutralttät" in fid^ aufnimmt. Enfin, xoa^ i^at ba^ 
alle« aud^ ju bebeuten? ®s ift ja — „mobern"! 

3lber moju benn überl^aupt nod^ Sudler? Qabtn 
mir nid^t bie treffe, l^aben mir nid^t bad „ga mitten* 
b l a 1 1" ? S)en gamilienblattromanen lägt fid^ bod^ wirf* 
lid^ nid^t nad^fagen, bafe fie „unmoralifd^" finb! Unb 
mag bringt fol^ ein Statt nid^t nod^ aUeg nebenbei! 
SBag tl^ut fo ein forgenber gamilienblattoater nid^t aUeg 
für feine gefd^äfeten Slbonnenten unb immer „fürs felbe 
®elb" ! 

@g giebt nod^ ein paar beutfd^e gamilienjeitfd^riften, 
bie fid^ bei allem Qto^^Q^f ^^^ ^^^^^ ^ublifum unb 
Äonfurrenj auferlegen, i^r fociale^ unb fünftlerifd^e« 
©emiffen bemai^rt l^aben, foioeit eg eben bie ©renjen 
ber SWöglid^feit geftatten, unb bie finb ja eng genug. 
Slber, aber bie grofee aWei^r jal^l unb namentlid^ bie neueren, 
bie Äonfurrenjgrünbungen ! S)a lol^nt e« mirf tid^, einen 



- 416 — 

SHd in bie Rü^t }U tDerfen, n)o bie getfUge ftofl für 
bad ^ublilum }ufamtnengebraut toirb. äSieSeid^t Der« 
ge^t bann tnand^em ber Sppetit. 9Rit toel^en f^etten 
bort gebraten toirb, baiS ^at niemanb föfUid^er unb fad^- 
Derflänbiger gefd^ilbert, aliS 9(uguft 9liemann in feinem 
SRoman „®ulen nnb Ärebfe". 

ißerr gitte, eine wa^re ^ßerte von Slebafteur, ift mit 
ber neuen äSerlag^ftrma 92iebermet)er & SBäum^er über« 
eingefommen, eine iQuftrierte äBod^enfd^rift ju begrün« 
ben. 6r vertritt mit ©ifer unb ©rfolg bcn ©ebanfen^ 
baß ber SBerleger mit „Oemüt" ^anbeln mfiffe. ,^®e« 
milt" fei bie gangbarfte SSSare, be^l^alb muffe aud^ ber 
2;itcl „ttroa^ SBarme^" ^aben. SRad^bem man mel^rere 
gcmijfenl^aft burd^probiert, wobei man lebl^aft bebauert, 
ba§ „©artenlaube" fd^on meg ifi, einigt man fid^ ba* 
l^in, ba^ neue Slatt bie „3)eulfd^e gamilie" gu nennen. 
„3Kan foDte meinen/' bemerft gitte, „bafi SBort ,beutfd^* 
märe überflüfftg, benn ba mir bod^ eine beutfd^e SBod^en* 
fd^rift l^erJiuggeben , fo t)erftel^t eg fid^ t)on fclbft, bafe 
bie ©ngWnber unb granjofcn ba^ ^auptfontingcnt unferer 
Slbonnentcn nid^t fteHen werben. 3lber ,gamilie* allein 
mürbe ctma^ fal^l baftcl^en, unb bann l^at ba^ SBort 
,bcutfd^* in unferer ^ät nod^ einen bcfonberen SSorjug. 
SBir finb alg SDcutfd^e nod^ fefir jung, eg fel^lt unö 
nod^ ba§ redete ©elbftgefül^l, meld^e^ erft burd^ bie ®e* 
mofinl^eit be^ politifd^en ©rfolgeö entfielet. SJc^^alb ift 
c§ gar nid^t übcrflüffig, menn man mit SBorliebe oon 
jbcutfd^* aud^ bei fold^en ©elegcnl^eitcn rebet, mo biefeiS 
3lbieftio fid^ im ©runbe oon fetbfi oerfiel^t. ©cutfd^e 
Wilänmx, beutfd^e g^rauen, beutfd^e Qsungfraucn, beutfd^e 
SunggefeHen foHen bei un^ abonnieren, in beutfd^cr 
2^reue auSl^alten unb mit beutfd^er 3leblid^feit bejal^len." 



— 417 — 

S)er eine bet aSerlcgcr, §err SSäumd^er, ift ein fcl^r 
reid^er, aber nod^ iunger unb ibeaH^^toännerifd^ an* 
gel^aud^ter ^err: 

„3<ä^ ^^^^ W^ ^i^^ f^^^ f^^öne SßooeHe gelefen/' 
faßte er eineä 3lbenbg, inbem er mit freubigem ©efid^te 
eintrat. „29ir muffen fte jebenfattg nel^men, fie ift fo 
rein empfunben unb fo gebanfentief." 

„©ebanfentief?" fagte gitte. „ööffentlid^ nid^t ju 
tief." 

„3fi ^ ^^^^ öiid^ möglid^, bafe ©ebanfen ju tief 
finb?" fragte Säumd^er, ein wenig pifiert. 

i/3iö, feigen ©ie, §en Säumd^er/' antwortete fjitte^ 
„mir muffen mol^I 3iüdfid^t nel^men auf ba^ ^publifum, 
auf jene grofee 5ßartei, beren SBol^ImoIIen entfd^eibenb 
ift. 3ln fid^ betrad^tet fönnen ja ©ebanfen nid^t ju tief 
fein, aber für bie ,S)eutfd^e gamilie* lobe id^ mir bie 
©ebanfen oon etma^ ftad^erer Sefd^affenl^eit. Stl^! 
9JJeine iQerren, e^ gel^t nid^tö über bie feid^ten, l^alb« 
maleren, ein bi^d^en fd^iefen, oerbrüdften, abgelagerten 
©ebanfen. S)enn ba fagen gleid^ oon i^unbert Sefern 
minbefteng fünfunbneunjig, baä fei il^nen ganj au^ ber 
©eele gefprod^en. 2lud^ mit ben ©mpfinbungen ifl eg 
fo. ©ie fagen, ^err Säumd^er, bie SRot)elIe fei rein 
empfunben. 3)a§ ift öortrefflid^ für bie Jlooelle an fid^, 
aber id^ tobe mir für unfer Statt eine ©mpfinbung, 
bie ber großen $ßartei einleud^tet. 6^ gel^t nid^tö über 
ein falfd^e^ ^pati^o^; fitttid^e ©ntrüftung an ber un» 
redeten ©teile ift baö ©ei^eimnig großer Erfolge. ®n* 
tJ^ufia^muö für eine Sßebenfad^e öffnet ben Serg ©e* 
fam." 

Sei fotd^en ©runbfäfeen fann eö ber „Seutfd^en 

0. ®rott^u|, ^obfeme unb ^arafterföpfe. 27 



- 418 — 

^amilte" natärlid^ nid^t fehlen. @(i^on bte ^robe« 
nummer ifl meiflerl^aft }uf ammengefleOt : ^,3^ 3(nfan9 
war bai SUbniiS eined berfl^mten, nod^ lebenben ^iü^^ 
terd gegeben^ unb beut Silbe toar ein ^^e^t oon ^^ittes 
eigener Qanh beigefügt, n)orin bai £id^t biefer ^ttä^mU 
l^eif' — beiläufig l^at fie fierm gitte ben 5ßrofeffor= 
tttel t)er[d^offt — ^^nid^t unter ben ©d^effel gejieHt würbe. 
S)rei Seiten be« ißefteÄ entl^ielten 3lutograp]^en, bie gitte 
feiner Sammlung entnommen l^atte, jmei Seiten marer« 
mit ä3i(berrcitfeln unb Sd^erjauf gaben angefüllt, jmei 
Seiten mit guten 9iatfd^(ägen für Rüifyt, iteÜer, SB(umen- 
tifd^ unb Slquarium 2C. 2C." 

S5ie jielberoufete SWittetmäftigfeit, bie Unroal^rl^eit unb 
f^lad^l^eit, ba^ bi^ jur Stlbernl^eit gesteigerte SRaffinement 
einer geroiffen Sournalliteratur ift l^ier mit glüdflid^ftem 
fiumor gefennjeid^net. aWan beobad^te in unferem ge- 
faniten ^Preßmefen bod^ nur bie beängftigenbe 2;enbenj, 
pd^ in einen roirren, bunten Äram von SRotijen aufju* 
töfen. „aSielerlei, nid^t vkl", ift bie Sofung. Sluf bicfem 
SBege finft aud^ bie fj^milienblattlitteratur nad^ unb 
nad^ ju einem unbcflnierbaren 3)ruderjeugni^ l^erab, 
baö fid^ au^ Äolportage, 33itberbogen, SRätfelfammlung, 
Äod^bud^ u. f. n). jufammenfefet. 

aSol^in werben mir geraten, menn ba§ 35ud^ in bcm- 
fclben 3Jta§e mie bi^l^er nod^ weiter Don bcr S^^ung 
üerbrängt wirb ? S)a§ Sud^ ift an fid^ a r i fl o f r a t i f d^, 
bie 3^^"9 ^^ P^ bemofratifd^. 35ag S3ud^ ift 
perfönlid^, bie 3^üung unperfönlid^. 35a^ ^publifum 
beg Sud^ö fe|t pd^ au^ Käufern, ba§ bcr 3^itw^9 
an^ 2lbonnenten jufammen. S)er Käufer erwartet 
Don bem Sud^e eine frembe ^[nbioibualität, ber Slbonnent 
will in ber 3^itw"9 bit eigene wieberfinben. 3)ag 



— 410 — 

33ud^ mü l^crrfd^en, bie S^itwitg bienen — unb ad^! 
wie — „fclbftlog"! 

S)ie 5preffc ift l^eutjutage ein ©efd^äft, toic anbete 
©efd^äfte aud^, unb in fel^r fielen gaffen — fein ganj 
fanbere«. 3)em Kaufmann, ber feine SBare üerfd^leißt, 
wirb eS bod^ nie einfaffen, ju bel^aupten, er tl^ue ba^ 
nur, um bie aWenfd^l^eit ju beffem unb ju üerebeln. 
®r roiff üerbienen — bafta. S)ie S^tt^^^fl ^^^^ ^W 
ftd^ morgens unb abenbs in bie Sruft unb erMärt, 
tebigtid^ bie l^eitigften ©üter ber Äultur förbern ju 
woffen; erftärt, feine anberen gntereffen im Sluge ju 
l^aben, atö bie SBol^lfal^rt il^rer Sefer; erflärt, ein un= 
umgänglid^eS fttttid^eS SSebürfniS ju bcfriebigen, Unb 
erreid^t fte nid^t bie nötige Slbonnentenjal^l, fo wirb 
ber batbige Untergang beö 3SaterIanbcS in fidlere 3luö= 
ftd^t geftefft. ©ine ebenfo läd^erlid^e, mie unmürbige 
^cud^elei, jubem eine unnflfee. S)enn — mer glaubt 
baran ? ! 

©erabe bie ßeute, bie etroaS ju fagen unb eine 
Überjeugung l^aben, fommen bamit in ber ^preffe nur 
fetten jum SBort, unb wenn fte jum SBort fommen, 
muffen fte il^re freie 3Jteinung berart befd^neiben, t)er« 
fapfeln, t)erttaufulieren, ber ©d^abtone ber $ßartei unb 
beg iemeilig ocrtretenen ^[ntereffenfreifeS berart anpaffen, 
baB barüber il^r befteS 2;eil: bie SBärme unb aufredete 
Äöl^nl^eit ber fittlid^en Snbioibuatität ju ©d^anben mirb. 
2Bo finbet man benn nod^ ben 3luäbrudC einer unab* 
l^ängigen ^ßerfönlid^feit, bie gunfen einer gtül^enben 
Überjeugung unb Segeifterung? SBel^e bem, ber pd^ 
in ber 5preffe fo giebt, n)ie er ift! ®in wütenbeö 
„Steiniget if;n!" ertönt von aütn ©eiten, benn ewig 
roal^r bleibt ba§ SBort beg 3llten von SBeimar: 



— 420 — 

3)em $6bel i(r (Beffl^I, t(r 6<j^uen offenbarten, 
^at man feit ie 0e(reu|tat unb oerbrannt!'' 

SßaS man im pmattn Seifel^r niemals von feinem 
Stebenmenfd^en verlangen mürbe : völlige unb bebingungd» 
lofe Übereinftimmung mit aQen fünften ber eigenen 
SReinung, eine mit bem Xl^ermometer temperierte, mit 
bem S^^IIfi^d abgemeffene @efinnung, bad ifi unerlä^« 
lid^e äSebingung fUr ben 3^tungi»mann unferer Slage. 
äSte l^at man bie el^emalige Senfur — id^ miS ja 
feine ßanje für fie bred^en — gefd^mäl^t, unb maÄ ifl 
biefe Senfur gegen biejenige, me(d^e l^eute baö ^ubHfum 
ben SSertretem be^ öffentlid^en SßortiS unb bamit ftd^ 
fe(bft auferlegt? S)amal^ mugte man nod^ bad freie 
3Bort unb bie inbioibueSe Überzeugung }u fd^ä^en, unb 
trofi atter 6enfur mar in ben blättern jener 3^it i^unbert* 
mal mebr Snbivibualität, Sl^aralter unb ed^te Über* 
jeugung, als in ber 5ßreffe unferer 2;age. ©d^ubart^ 
„SJeutfd^e ßl^ronil", bie von ganj S)eutfd^lanb ver« 
fd^lungen mürbe unb bod^ von ber erften b\& jur legten 
3eile nur eine einjige ftarfe, bi« jur SRüdffid^tÄlofigfeit 
freimütige 5ßerfönlid&feit mieberfpiegelte, erfd^ien in einer 
3eit be^ abfoluten gürftenbefpoti^mu^, in ber S^it beS 
^er}Ogd itart @ugen von äBürttemberg. @in ^dfling 
mie ber grei^err v. SJalberg liefe am 3Wannl^eimer ißof* 
tl^eater ©d^itterö ;,3läuber" unb „Äabale unb Siebe" 
auffül^ren. ©laubt man, ©tüdfe, bie für unfere S^xt 
baö bebeuteten, mad jene für il^re, mürben bie l^eutige 
Genfur paffieren, mürben, wenn fie fie paffierten, nid^t 
in ben meiteften Äreifen unferer „beften'* ©efettfd^aft 
einen ©d^rei ber tiefften ©ntrüftung, einen ©d^rei nad^ 
Slepreffivmaferegeln ermedfen? Die geigl^eit vor ben 



— 421 — 

3 beeil, Dor aBem Starfen, ©elbftcinbtgen , ©ro^en, 
Snbioibuetten, ba^ ift üietteld^t ba^ traurigfle aWerfmal 
unferer „fiaatöerl^altenbctt" ©efettf d^af t , benn ti birgt 
ein aSerl^ängniÄ unb einen Urteiföfprud^. „gortrourftetn", 
f ian^t es gel^t ! 3Bag nüfeen oBe freil^eitUd^cn ^pi^raf en, 
roa^ nüfet aud^ bie freil^eittid^e ©efefegcbung, wo fie nid^t 
baju bient, Sbeen unb Sbeale ju fd^irmen? SRur bet ift 
frei, ber Sbeale l^at, unb wenn fold^e aud^ in unferer 
3eit }u pnben finb, in ber „bürgerlid^en" ©efeßfd^aft 
ftnb pe nid^t am ^fiufigften. SDBa^ giebt ber ©odat* 
bemofratrie i^re antäifd^e Äraft? 2)ie grojje 3bee, ba8 
3beal, mögen pe nod^ fo ©erfd^roben, nod^ fo fel^r r>on 
©d^ladfen burd^fefet fein. Unb ma« f)at unfere Sourgeoifie 
biefer Äraft gegenüberjufteßen ? äud^ eine jlraft, aBer*- 
bingS, aber bie Äraft — ber 2;rägl^eit. 

3n einer focialbemofratifd^en SWonat^fd^rift würbe 
auÄgefül^rt, bafe oon ber „Slrbeiterpreffe" ein Umfd^roung 
jum Seffem ju erwarten fei. ©eroiffen ©epflogenl^eiten 
ber „SourgeoiÄpreffe" gegenüber mag barin ja ein Rom 
aSal^rl^eit liegen. 3lber mo wirb ber ß^arafter, bie Sn» 
bii)ibualitat , bie Sßerfönlid^feit ftrenger unterbrüdt, afö 
gerobe in ber ©ocialbemofratie? „SBäer nid^t Drbre 
pariert, fliegt l^inauiS!" S)iefe Sofung mag für bie 
„5ßarteibi^cipUn" fel^r jroedfmäfeig fein, fitttid^ unb menfd^« 
Ud^ genommen, bebeutet fle bie brutalfle äSergewaltigung 
ber ^erfönlid^feit, — einen SBorgefd^madf t)on ber l^anb« 
feften grei^eit be^ 3ufunftgftaat«. Unb bod^ ift, ma« 
nrir braud^en, bie freie, fittlid^e ^perfönlid^feit. 2)le er« 
ftrebte l^erbenmäfeige foriale ©emeinfd^aft ifl eine futtur* 
gefd^id^tUd^e Unmöglid^feit , benn fie mUrbe in bie Ur- 
}ufiänbe ber 3Renfd^^eit surädtffll^ren. SHe @runblage 
jeber lebeni^foäftigen unb entmidlungi^fäl^igen ®efeB» 



^ 422 — 

fd^aft bleibt immer bie ißetfönlid^teit. 3:Qufenb StuOen 
Sufammenabbiert ergeben immer mir dlM. 

Soll unb ftne^t uitb übeminber, 
@ie geftebn )u ieber 3^^* 
^6^\tH eiflct ber etbentinber 
@ei nuc bte $erf ön(t(i^tett ! 

Unb gerabe t)on bief em t)erpngni8t)oIIen ©runbprinctp 
ber ©ocialbemofratie: ber Unterbrüdung ber ^erfönlid^* 
feit, ifl unfere bürgerlid^e ©efeUfd^aft eifrig befliffen, 
bie ciujserflen Jtonfequenien ju }iel^en. @ie al^nt nid^t, 
n)ie roirifam fie baburd^ ber fo bitter gel^afeten ©ociaU 
bemofratie tjorarbeitet, wie fte il^re 3Ritglieber allmäl^s 
lid^ ber ©elbftfinbigfeit entwöhnt unb fie für ben grojjen 
©d^offiall bei^ Suhinft^ftaateö oorbereitet. 6ine bef[cre 
aSorfd^uIe atö ben l^enfd^enben Überjeugungi^roang unb 
©ebanfenterrori^mud fann er pd^ gar nic^t münfd^en. 
SBer einmal erfl in feinem gül^Ien unb S)enfen ent*' 
nerot ifl, beugt fid^ fd^ließlid^ unter jebeö god^, unb 
wer bag eine ju tragen gelernt l^at, ber mirb aud^ t)or 
bem anbem nid^t allju empfinblid^ jurüd^d^reden. SBir 
finb in geroiffem ©inne alle fd^on mel^r ©ocialbemo* 
fraten, afö wir glauben, ^üten mir un« mol^l 
bat)or, baö focialc 3Jloment an^ bem mirt* 
fd^aftlid^en auf unfer geifitgcg unb fitttid^e« 
Seben ju übertragen! SBie meit ber Äotporafe:= 
ftodf cine^ falfd^ t)erftanbenen SKilitarigmu^ auf ba^ 
bürgerlid^ e Seben niüettierenb J^inüberbriDt, ift aud^ nod^ 
eine ^rage, bie fel^r ju erörtern märe! 

SBa^ bleibt afö (Srfafe für baö intereffante 5ßerfön* 
lid^e, ba^ unfere 5pref[e nid^t bietet, nad^ bem ganjcn 
Sufd^nitt be^ gegebenen Scfepublifum^ üieDeid^t aud^ 



— 423 — 

nid^t bieten f a n n ? S5ie © e n f a t i o tt , bie Qawi gemeine 
©pehilation auf bie rol^eften unb erbärntUd^ften 3inflin!te: 
bie ©d^abenfreube, bie Älotfd^fud^t, bie fd^roüle fiüflcm* 
l^eit, ben albernen SBilbungöbünfel, ba^ tl^örid^te, bunint^ 
breiiie Seffer* unb sme^wiffenroollen. ©tatt eineg SBett:^ 
eifert in ber SBiebergabe felbftänbig burd^bad^tet 3Jlei=' 
nungen unb ©rfal^rungen, ber nientat^ ju lebl^aft werben 
fönnte, entroidfelt fid^ ber SBetteifer in ber ©enfation^^ 
niad^e, ber ba^ ganje aSolf vtxQ\\M, Derflad^t, geiftig 
Deröbet, für jebe ©ammlung be^ ©emütö, jebe ernftere 
unb l^öl^ere geiftige Sefd^äftigung unempfängtid^ mad^t. 
@^ ift ja richtig : gewiff e S3et)öt!erungSfreif e werben für 
biefe Slol^eiten immer ein banfbare^ 5ßublifum fteHen. 
Slber bie Segierbe nad^ biefen 3iol^eiten befd^ränft fid^ 
fd^on feine^megg nur auf „gemiffe" Seoölferunggs 
freife, fie wirb von faft bem ganjen SBoIfe geteilt, ^d^ 
nel^me bie fogenannten „fonferoatioen Äreife" gar nid^t 
auö. 3m ©egenteil! ©ie, bie fo mimofenl^aft empfinb« 
lid^ ftnb, wenn i^nen ii^rSeibblatt au^naJ^mömeife ein* 
mal eine nad^ gorm unb Snl^att Don ber l^ergebrad^ten 
©d^ablone abroeid^enbe fubjeftiüe 2lnfid^t unterbreitet, 
gerabe fie greifen au^er bem ißaufe, mo immer pd^ nur 
bie ©elegeni^eit baju bietet: in SBirt^l^äufern, auf 33al^n* 
l^öfen, im ©tra^enoerfauf u. f. ro. nur ju oft nad^ 
niebrigen ©enf ation^blättem , „um bod^ enblid^ einmal 
etmag Sntereffanteö ju lefen". S)ie greil^eit, bie man 
feinen eigenen Organen auf ba^ fd^mäl^tid^fte oerfümmert 
unb befd^neibet, mürbigt unb geniest man bei ben Slättern 
ber feinblid^en SRid^tung auf bag au^giebigfte. aWan 
lieft biefe Slätter, benn bie eigenen — „finb ja fo 
langweilig!" 2)ag ift oft eine fel^r rid^tige Semerfung. 
ioat man pd^ aber fd^on bie grage oorgelegt, warum 



— 424 — 

{ie langtoeUig ftnb? 3SefentIid^ bod^ mir beSl^alb^ toetl 
{te ntd^t intereffant fein bttrfen, loeU mir^ bie Slbon« 
nenten^ il^nen feine Sewegungöfrei^eit gefiatten, jebe 
felbflanbige äReinungiSäugerung , jebe (Sntfa(tung ber 
Snbioibualit&t, wenn fie oon ber unfrigen unb bem qH- 
gemein üblid^en, }unt Sterben obgeleierten ^Xone" 
abmeid^en, mit einem (Sntrüjlungöfd^reiben an bie 9le« 
baftion unb ber S)rol^ung ber 9lbonnementdIünbigung 
beantn)orten. 

9Bir bred^en bod^ fonfi nid^t mit jebem 9Renfd^en^ 
beffen Xnftd^t in bem einen ober anberen fünfte oon 
ber unfrigen abmeid^t^ einfad^ ben Sßerlel^r ab. SSarum 
t^un mir \>a§, maiS mir im ^^rioatleben eine grobe ttn« 
l^öflid^feit unb befd^rdnfte ^ntoleranj nennen mürben, 
bem 3^^tungdmanne gegenüber, ber un$ fein äSefied 
geben möd^te: feine Überzeugung? 3Ran übt etmaiS 
mel^r Sioleranj gegen feine greunbe unb etmog weniger 
gegen feine geinbe, unb man mirb oieHeid^t nidjt mel^r 
genötigt fein, biefe ju unterftüfeen , um etma^ „Snter« 
effanteÄ" ju lefen. Unb ifi eg benn für ben, ber 3ln= 
fprud^ auf malere Sitbung erl^ebt, nid^t ungteid^ inter* 
effanter, einen SRann, beffen befleiß SBoIIen im legten 
©runbe mit bem unfrigen übereinfiimmt , anjul^ören, 
aud^ bort, wo mir ü^m einmal nid^ beipflid^ten fönnen, 
atö ben btöbfinnigen unb frioolen, in SBorjimmem unb 
Äorriboren erlaufd^ten Sebientcnflatfd^ tmtergeorbneter 
ateporter? SRan ift ja fo meitl^ersig gegen alle^ 3R5g* 
lid^e in ©taat, Äird^e unb ©efettfd^aft, fönnte man ba 
nid^t medeid^t etmai^ weniger engl^erjig gegen 
bie el^rtid^e Sluöfprad^e von Übei^eugungen fein? Unb 
märe eine offene unb begrünbete SBiberlegung ent* 
gegcngefe^ter änfid^ten bem apobiftifd^en 2^abel imb 



— 425 — 

bet terrottfljfc^en ^co^ung am @iibe nid^t bod^ ooi^U' 
jiefien? 3o, (ieflt in foli^ec materiellen 3)ro^un0 nii^t 
gerabeju eine — ©elbfttritil? 

6f)riiluS, aU et oor Roip^aä beteibigt lourbe, fprai^ 
ju bem, bec t^n gefd^tagen ^attt: „^aht ic^ fibel ge< 
tebet, (o 6eioeife eS, bafe eS böfe fei; ^abe ic^ aber 
xe^t getebet, — rcaS fd&lägft bu mied?" 




^nßaCl 



6eitc 

Sorwort . . : III 

3l(te unb wtm 3bcQlc 1 "^ 

Sriebrid^ 5^ie6tdf)c 22 

©erl^Qrt .t^Quptmann 75 

ipermonn ©iibcnimnn 127 

IKid^Qib 5ßofi 180 

2)Q§ crotijcfte Problem in ber fiitteiatur 203 

S)rei beuljc^c $Qii§poeten 223 

9)iobernc beiitjc^e fii)rl! 241 

C^enrif 3b{en 279^ 

©raf fico Slolftoi 333 ^ 

S)on 3of6 ed6eöQrQi) 860 

©U9 be SD^Qiipofjant 390 

^ublüum, fiitteratur unb ^refjc 410 



TerUg von 0reiiier A Pfeiffer in Stuttgart. 

Jeannot €iitll f relDerr ^. 6fotfb u$$ : 

Der $tm der Sfindt i % 

0e$d)id)te eines ITlensAen. 4. Auflage ($.—10. Causend). 
$^ 169 Seiten. Gebettet 2 ITlk. Schein gebunden 3 ITlk. 

^etttfii^e Sittevatur^eitung : „Wit biefer cröreifenben grjftl^Iung 
einer inneren SBanblunß unb Säuterunö fü|[rt ficl& ber fc^on auf anberen 
©ebieten bewäl^rte SSerfaffer au6) a(§ ßpifer qIM{\6) ein . . . Tlan 
folgt ber Sr^AI^Iung mit rein {ünftlerifd^er Spannung unb freut ftc^ ber 
treffenben 3)arfteIIun0 . . / 

lli^ RillHi^tl ^^^ Roman aus unserer Zeit. $^. 
Ut\ IjmvVlM 359 Seiten. 4 Illark. Gebunden 
in Ceinwand 5 IDark. 

XHUä^t fRttttbfii^att: „, . . ©rottl^u^ verfielet e§, feinen @eftalten 
mit menig ^triii^ett eine matfantt ^l^^ftognomie pi geben, ^aju 
befi^t er aud^ no4 ptää^ü^tn ^umot, ber jählings in Sd^merjen unb 
2©itter!eiten l^ineinlac^t wie 9legengen)ö(f burd&bred^enbe ©onnenftral^Ien." 

^eutfii^e ^attt: „. . . 3n afl biefen @eftalten, bie fo tilaftifd^ 

Sefci^aut ttttb gefdbilbert Ttnb, mit bem fc^arfen f&M be§ Don tiefftem 
ttlid^en @rnft erfüllten @efeKi(^aftd!riti!er§ unb sudleid^ mit bem ftier» 
tegeneit ^umt beS gemütstiefen ^id^terS, in il^nen aQen (ebt ber 
3n)ieipalt, ber un§ ^oberne mel^r als bie ^enfd^en frül^erer ßpod^en 
imifc^en SBoQen unb können, @(auben unb 3n>etfeln . . . bal^intaumeln 
lä^t. ^ber bie pofttit)e 9latur beS ^erfafierS votx^ auc^ ben äBeg an» 
jujeigen, ber aflein über biefen unfeligen 3n)iefpalt l^inauSjiufül^ren oer* 
mag . . . 9Bie ein muft!a(ifc^eS ^eitmotit) ^iegt fi^ biefe iefreienbe 
^htt . . . burd^ bie feittgegUebette Eont^ofitiott biefed ftim« 
mnna^' ttnb gebanfeutioHett d^ontand aus unferer S^it'' 

6omucbm Olandcrlkaen % 

Did)tungen. Oktav. YIII, 176 Seiten. Bro$d)iert 4 IHark. 
Sd)on gebunden 5 IHark. 

Ctto Hon Seisner in ber pp^eutfii^eit 9ioman$eitttng'^ „, . . 3l^m 
genügt t» niä^tf bie $oefte aU bloBe jlunft )u bel^anbeln, burd^ bie 
grdgten gfeinl^eitett ber ^oxm nnb ^^ptatS^t gan§ befonbere SBivfnngen 
$it erreif&ett; i^m ift bie S)id^ttttig, tuad fle ben ©ri^^tett ge« 
toefett ift: baS Tlitttl, ben eigenen ^Inl^alt mit $i(fe ber @prad^e 
burc^ bie ^^antafie in bie SBelt l^inauS^ufteflen . . ." 



Terlag von 6reiiier A Pfeiffer fa Stattgart. 

Womt^f(^nft für §emüt unb §etfl. 

^eaitnof tftnU ffreiQevv von ^voftQug. 

^ierteljä^rlic^ (3 Äeffe) 9W. 4. — , einjelne Äefte m. 1. 50. 
Der ;3<^^t0an0 beginnt mit (Dltohct. 

^vobt^efU totvbtn dem aur ginßc^t aßgeneßen. 

Sev Sfttinet pflegt aOe ftünfte unb äBijJenfc^Qften, et i[t eine 
Kunbf c^au größten @ttld übet alle (Sebiete bed 3Bif|en§merten unb Seinen, 
gleid^uitig eine i£»e(m[tatte bid^terifc^n unb Iftnltlenfd^en Sd^ffeni». ^i(6t§, 
roa« für ben ©ebilbcten unferer Sage üon Sntereffc unb 93ebeutung [ein 
fönnte, voixb t)on il^m auger ad^t geladen. 

9lcuerc Sufc^riften ani bem £eferfrcife: 

Soeben l^abe ic^ S^ren ßeiter unb 3^r ^Sagebut^" gclefen, — ae- 
noffen mit lanocn, burftigen 3^0^« ^ öaben 6ie S)anl für ^l^ren ßabc* 
trunf 1 SD^leine ftcl^Ie war trocf en üon all* Dem trocfenen, burftigen 3eug, . . . 
t)on aJV ber üappemben f^urd^t, t)on ad' ber ©efinnungsfoftgceit, von 
aJV ber Sebientcnl^aftigfeit , bie l^inter ber großen G^ouliffe ^©taat§- 
opportunii^muS unb SReatpoIiti!" mie ein l^eiger Siroüo ba§ bigd^en 
3beali§mu§, ba« bigd&en [Rec^tSgefül^I au^trodfnen, baS unferer 3«it 
nod& üerbUeben ift. 91od& einmal: ^abcn 6ie S)anf . . . 

33., 4. 1. Ol. 9i. }». m. 

9Kit l^eifeer ?lnbad^t laS id& gieren ?lrti(el . . . 3)ic S)onnertoorte, 

bie Ql^rer gcber entfloffen, l^aben auf mid^ einen unbefc^reiblid^ tiefen 

(Sinbrud gemad^t. Sinnen banfe id^ l^er^innigft . . . 

51., ^.»%., 6. 1. Ol. «. m. aß- 

^xt ©el^nfud^t erwarte ic^ jebc mm Plummer, unb 
id() werbe gerabeju von Unrul^e gequält, wenn biefelbe 
ctwa§ länger ausbleibt, gür mi$, ber \6) al§ ßcl^rer auf ein» 
famer ßanbftelle ftfee, ift ber Stürmer oon unfd^äfebarem SBertc. 
3)ie oorjüglid^en ^luffdfee unb ^bl^anblungen, bie bie ücrfd^iebenften ®e« 
biete berül^ren, baö ^ür unb SCßiber bei befonberg brennenben ^agcn, 
bie fac^lid^e, t)on jeber ©el^öffigfeit freie Äriti! unb nod^ üieleS anberc 
mad^cn mir il^n mit icber Kummer lieber, ^urd^ il^n fpürt man 
aud& in ber 6infam!eit unb ^Ibgefd^loffcnl^eit öe§ ®örf* 



ci&cn§ etwag üom ^uUfd^tag bcr 3«^^- ^cin^mai wirb ba§ 
Seltnen bcS ßcrjcnS Qax ju gro^, baS SSerlangen nod^ „braufeen" luifl 
ftd& foum ftiUen laffen; für fotd&e ©tunbcn tft bcr Stürmer 
bic beftc SJlcbijitn. ©o ctroag Dermögcn bie ioöcS^eitungcn ia 
nidfet ju bieten ... 5bcm 2! ärmer möglidpft oiel ntnt fj^^""^^ 
jugufü]6ren, wirb mein reb(id^e§ S3eftreben fein; in 
meinem |)aufe fiot er bauernb ein ^eim gefunben. 

33., 16. 1. Ol. Wl. $., |)auptle]&rer. 

©ie fönnen ööi^ nid^t miffen, mie oiel fotd^ einS3Iatt 
für un§ einfame Sonbberool^ner wert ift unb roaS mir 
bat>on l^aben . . . 

»., 9. 1. Ol. $* ©räflit u. 18. 

S3raüo ! unb nod^mdS Sraoo ! . . . 3)o§ ift ein männlid^eS SOßort. 
Tl66)tt e§ von 100000 gelefcn unb bel^erjigt rocrbcn . . . 

©., 9. 1. Ol. gf^ ». 

©el^r l^erjlid^en 3)an! für bie feelifd^e @rqui(!unö, nod^ 
ber id^ gef (|mad&tet. (Snblid^ ein SJlonneSmort ! 

©o^en.©., 11. 1. Ol. Mtor %f^. fR- 

. . . S^rer 3^tfci^i^ift, bie id& oon allen beutfd^en SRcouen 
unb Journalen am l^öd&ften fd^ftfee . . . 

C)., 11. 1. Ol. 9iv Sd^riftfteUer. 

3[d^ bin feit 2 Salären ßefer be§ 3:ürmer§ unb l^abc an il^m eine 
tiefe innere Sreube . . . 3d& fd&reibe nur einem inneren 93ebürfni§ 
ju lieb, roeil mir ber Türmer ein teuerroertc§ S3ud&, ein 
tJreunb ift . . . 

ß. b. Ulm, 21. 6. Ol. Dr. ^., ©tabtarjt. 

. . . ^a, baS ift, roa§ unfere 3cit nötig l^at. 
«., Soroa, S^^orb.^lmerüa. SR. ».r et).4ut]&. $aftor. 

.... id^ bin boppelt bcglüdt, in Qil^rem Stürmer neue, bie 
^erfönltd&!cit ftärlenbe SCÖorte ju finben unb ein fo 
fd^öne^, lebenbigeS ©l^riftentum . . . 

O., 26. 11. 1900. fjrau «. 2. 

. . . ©erabe in fold^en fragen jeigt e§ pd^, melc^ gro^e Südfc 
ber Stürmer au§jufüllen l^atte. 

an., 10. 1. Ol. ?Prof. m. (S. 

. . . 3n ber furjen ^^\t, bie id^ im 3lu§lanb bin, l^abe id^ 
immer mit 3freube baS liebe Q3latt empfangen, baS mir ftet§ ein ©tücf 
ed^ten ^eutfd^tumS brad[)te . . . 

33., 19. 6. Ol. ^. $. 

3d& bin fein ©laubiger im fird^lid^en ©inn: bie ?lrt, roie 
mir bie d^riftlid()e ^Religion „beigebracht'' mürbe, mar banac^ angetl^an, 
fie mir JU üerefeln. ^cnnod^ erfreut mic^ be§ SürmerS ©l^riften- 
tum Don öerjen. SDMnen aufrid^tigen 3)anf für baS aUeSI 

©. b. a., 11. 5. Ol. ß. 



/ 



VtrUg von öreiti<r A Pfeiffer in Stuttgarts 

۟rmcr-Jal^ti>ucl^ 

l)erau$geber: X 6. f reiberr von 6rottbuss. 

mit Bud)$d)iiiu(k von 6eor9 Barlösias* ♦ Preis geb. 6 mk. 

Jnbalt de» Jahrgänge» 1902: 
Dovellen und er}äblangen: 

fflfin freund 6noch. Uon Karl 3chwerin — Der Prandtner 

franf und seine Kameraden. Uon Deter Rosegger — Hos dem 

christlichen IJospif. Uon Dietrich von Oert{en. 



eotterdammemn^. Betrad)tungen au$ dem Cunn$tQbd)en. Uon ^eannot 
6mil freiherm von 6rottbiiss — Der freiheitskampf der 
Buren. Uom Buren-Kommandanten Hndries de met — Deutscher 
Jmperialismus. Uon Prof. Dr. Gduard Htydt — Dietfsches Hnti- 
christ. Uon Prof. friedrich I)eman — 3choUe oder fabrik? 
Uon Dr. C. Ballod — eemat and Oeist bei Cieren. Uon Prof. 
Dr. railliam fflarshall — Hmold Bocklin. Uon Prof. Dr. Ololf- 
aan9 von Oettingen — Hos Richard tSüagners 3chule. Uon 
l^ans freiherm von molfogen — Hos dem f amilienkreise der 

Bache. Uon Dr. Karl 3torcli. 

tyrih* 

€rle$ene 0edid)te au$ den neuesten Sammlungen von: Detlev von tilien- 
cron, Oostav f alke, Otto 6mstt Karl ^enckell» Codwig Jaco- 
bowski» fflaorice von 3tem» Otto Jolios Bierbaom, oostav 
3choler, 6mst Ziel, f elix- Dahn, Hnna Ritter, Hnnette von 

Droste-i)olshoff u. a. 

Hm Caeb3tttbl der Zeit* 

Rondschaoen über Politik, (Ui$$en$d)aften und Kfin$te von bervor- 

ragenden Tnitarbeitern auf allen Gebieten. 

Jm Darrenspiegeh 

Das Jahr im 3piegel dts I)omors ond der 3atire. Jfu$erle$ene 
texte und Bilder aus der bumoristiscben Zeitscbriftenlitteratur. 

Rundtbeilagen : 

Bocklin: IJeiliger Uain. (Pbotogravfire.) — TDalerei und Dicbtung. — 

Centaurenkampf. — Selbstporträt mit fiedelndem Cod. teibl: In der 

Kird)e. — Dorfpolitiker. Portrats: Hmold Bocklin — Olilh.teibl 

— Präsident Paol Rriiger — Christian de Ölet.